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Gesammelte Schulhumoresken

Ernst Eckstein: Gesammelte Schulhumoresken - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Schulhumoresken
authorErnst Eckstein
yearca. 1910
publisherVerlag von J. Neumann
addressNeudamm
titleGesammelte Schulhumoresken
pages3-5
created20021031
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1907
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Samuel Heinzerlings Tagebuch.

Die sympathische Teilnahme, die sich mein unvergeßlicher Lehrer Dr. Samuel Heinzerling im deutschen Vaterlande zu erwerben wußte, hat mich veranlaßt, die Papiere meiner Schuljahre aufs neue zu durchblättern und nach Zügen zu forschen, die das erhabene Bild des trefflichen Schulmannes vervollständigen und vertiefen könnten. Werden doch neuerdings Charaktere, die sich nicht annähernd der Popularität Samuel Heinzerlings rühmen können, – most popular nannte ihn erst kürzlich die Londoner » Public Opinion«, – werden doch literarische Größen, um die sich keine Seele mehr kümmert, in ausführlichen Biographien erörtert und bis auf die Eigentümlichkeiten ihrer Fleischerrechnungen und Einladungskarten seziert: weshalb sollte nicht ein Mann von der Bedeutung Samuel Heinzerlings die gleiche Pietät von seinem Geschichtschreiber beanspruchen dürfen?

Es fällt mir da ein Heft in die Hände, auf dessen Titelseite in großen Lettern die Worte prangen: »Geographie. Nachgeschrieben in den Lehrstunden des Herrn Direktor Samuel Heinzerling. Dienstags und Donnerstags von zwei bis drei. Sommersemester.«

Was ich dem Leser im nachstehenden mitzuteilen gedenke, ist seinem wesentlichen Inhalte nach diesem Hefte entlehnt. Nur hin und wieder hat die Erinnerung einige Linien ergänzt.

Es war gegen Ende Mai. Samuel Heinzerling hatte uns eine Schilderung der politischen und sozialen Verhältnisse von Paris geliefert. Der eigentliche Geographie-Unterricht wurde bereits in den unteren Klassen erledigt: in Prima gab man unseren Kenntnissen nur die letzte Retouche. Samuel Heinzerling legte daher einen besonderen Wert auf das Kolorit. Er wünschte, uns das großstädtische Leben und Treiben, die tausendfältig sich kreuzenden Tendenzen einer rastlos jagenden Bevölkerung, die Schwierigkeiten und Wirrnisse eines so ungeheuren Gemeinwesens und ganz besonders den Kontrast zwischen der ruhigen Beschaulichkeit einer deutschen Kleinstadt und dem fiebernden Chaos der modernen Babel »plastäsch vor dä Sääle zo föhren«.

Beim Beginn der Lehrstunde, von der ich berichten will, trat er mit würdevoller Langsamkeit in das Schulzimmer, – noch würdevoller und langsamer als gewöhnlich. Auf dem Katheder angelangt, zog er einen Stoß vergilbter Blätter aus der Tasche, breitete sie sorgfältig vor sich aus und begann dann mit einer gewissen jungfräulichen Verlegenheit:

»Zor Vervollständägong des Bäldes, das äch än der vorägen Stonde vor Ähren Bläcken entrollt habe, wäll äch Ähnen heute einige charakterästäsche Stellen aus meinem Paräser Tagebooch vorlesen, das äch vor nonmehr säbzehn Jahren während eines fönfwöchentlächen Aufenthaltes än der französäschen Hauptstadt verfaßt habe. Däse ansprochslosen Notäzen werden Ähnen besser, als eine theoretäsche Schälderung däs vermöchte, dä Wahrheit meiner neuläch erörterten Behauptong klar machen: daß nämläch ein Monäzäpiom von allzo beträchtlicher Ausdehnong dä Exästenz des Ändävädooms än jeder Hänsicht erschwert. Äch wäderhole Ähnen: Dezentralisation moß dä Parole jedes vernonftgemäß organäsärten Staatswesens sein. Däse sogenannten Weltstädte sänd aus keinem Gesächtsponkt zo rechtfertägen!«

»Aber, Herr Direktor,« begann Wilhelm Rumpf, als Samuel innehielt, »das alte Rom zur Zeit des Augustus war doch auch eine Weltstadt.«

»Sätzen Sä säch«, erwiderte Heinzerling mißmutig. »Das alte Rom war der Mättelponkt der damals bekannten Erde, hatte also logäscherweise das Anrecht auf eine gewässe räumläche Ausdehnong. Heutzotage aber steht der Omfang däser Großstädte mät dem ährer Staaten än gar keinem Verhältnäs. Öbrägens, äch halte mer aus, daß Sä mäch jetzt nächt bei jeder Sälbe unterbrechen; zomal es säch fögen könnte, daß meine Aufzeichnongen hän ond wäder einen etwas persönlichen Charakter annähmen. Dä Sobjektävätät äst aus solchen Reisenotäzen mät dem besten Wällen nächt ämmer hänaus zo schaffen. Sollte also etwas Derartäges mät onterlaufen, so erwarte äch von Ährem Anstandsgeföhl, daß Sä mäch nächt mät onnötägen Fragen behellägen. Äch bränge Ähnen dorch dä Mätteilong däser Aufzeichnongen ohnehän ein gewässes Opfer: aber der Pädagoge äst mächtäger än mer als der Privatmann. Rompf, wenn Sä lachen wollen, so gehn Sä mer vor dä Töre! Verstehen Sä mäch? Ond non ställ! Äch begänne!«

Seit Wochen hatte in der Prima keine so feierliche Ruhe geherrscht, wie nach dieser Erklärung unseres allverehrten Direktors. Was konnte uns wünschenswerter erscheinen, als die Ankündigung subjektiver Streiflichter auf das Privatleben einer uns so teuren und hochinteressanten Persönlichkeit?

»Meine Notäzen«, hub Samuel mit der ganzen Fülle seines wohlklingenden Organes an, »bestehen aus losen Zätteln, dä dem Datom nach aneinander gereiht sänd. Äch habe das Wächtigste här zosammengestellt ond begänne non ohne weitere Einleitong mät der Lektöre. Äch bemerke nor noch, daß äch mäch Damals aus rein wässenschaftlächen Grönden zo jener ämmerhän beschwärlächen Reise entschlossen hatte.

Nochmals, äch begänne:

›Paräs, am drätten Mai. Bereits seit värzehn Tagen befände äch mäch än der Hauptstadt der Gallier. Äch habe mäch schon so zämläch än den öffentlächen Bäbläotheken orientärt ond freue mäch von Herzen ober dä Fölle des vorhandenen Materäals. Nor eine einzäge Handschräft, deren Exästenz Waldhober mär doch so zoverlässig behauptete, habe äch bäs jetzt noch nächt auftreiben können. – Gedold!‹«

»Herr Direktor,« warf hier Möricke ein, »wer ist denn der Waldhuber?«

»Ohne Zweifel ein Pariser Bibliothekar«, fügte Schwarz hinzu.

»Onsänn! Waldhober! Wer wärd Waldhober sein! Der beröhmte Archäologe, gegenwärtäg än Göttängen! Sä scheinen mer auch öber den Stand der modernen Wässenschaft sehr schlecht onterrächtet.«

»Wer kann all die Professoren so auswendig kennen«, versetzte Möricke.

»Sei'n Sä mer ställ! Sä können überhaupt nächt väl auswendig. Äch fahre än der Lektöre fort:

›Paräs, am värten Mai. Gestern abend beim Diner – dorchaus nächt onsere deutsche Hauptmahlzeit, sondern välmehr der römäschen coena entsprechend – machte mäch Doktor Mouchard vom Collège de France aufmerksam, wä sehr es meinen Zwecken entsprechen wörde, wenn äch mäch dem Großherzoglich badäschen Gesandten, Herrn von Prättwätz, vorstellen wollte. Doktor Mouchard schälderte mer besagten Herrn von Prättwätz als einen Mann von wahrhaft klassäscher Bäldong, der änsbesondere ein hohes Interesse för das Stodiom der Altertömer bekonde. Er könne meine Ontersochongen öber dä grächäschen Haartrachten wesentläch fördern, zomal er eine reichhaltäge Prävatbäbläothek ond verschädene wertvolle Manoskräpte besitze; daronter ein alexandränäsches Palämpsest von höchster Bedeutong. Doktor Mouchard fögte hänzo, Herr von Prättwätz sei ein dorchaus menschenfreundlächer, ädler Charakter, frei von Dönkel ond Öbermot, – kein Sklave der Hybris, dä äns Verderben föhrt. So habe äch denn än der Tat den Entschloß gefaßt, morgen fröh elf Ohr den trefflächen Staatsmann än seiner Wohnung, rue de Berlin Nommer neun, aufzosochen ond ähm meine wässenschaftlächen Absächten des näheren vorzotragen.

Am fönften Mai, abends. Heute fröh um neun Ohr sochte äch meinen schwarzen Frack hervor, börstete ähn sorgfältäg ab, setzte meinen Zäländer auf, kaufte mer ein Paar Handschohe von gelblächer Farbe ond nahm eines der vor meinem Hotel stehenden Zweigespanne, dä, beiläufäg bemerkt, äm onbedeckten Zostande eine gewässe Ähnlächkeit mät den Wagen des Homer aufweisen.

Äch habe non von jeher än den Oblägenheiten des alltäglächen Lebens einen gewässen Hang zom Onglöck bekondet. Meine Gattän ward mer bezeugen, daß äch, Eier essend, stets dä verdorbenen aus der Schössel hervorlange, von dem Verwechseln des Sandfasses mät dem Täntenfasse ganz zo geschweigen. Auch dä zahlreichen Verwondongen, dä äch mer dorch Gabeln, Scheren, Törpfosten ond ähnläche Änstromente zozähe, kann äch nor als das Resoltat einer latenten Neigong zom Mäßgeschäcke betrachten. Wenn mer non dergleichen schon daheim än dem trauten Kreise meiner Famälie passärt, om wäväl mehr bän äch den Dämonen des Zofalls ausgesetzt än einer Weltstadt, dä alle Sänne des Menschen än Ansproch nämmt ond ähn fast der Fähägkeit einer rohägen Öberlegong beraubt?

Äch war kaum an das Vehäkolom eingestägen, als äch, von dem Wonsche besäält, mäch betreffs des augenbläcklächen Zeitstandes zo onterrächten, nach meiner Ohr greifen wollte ond däselbe trotz aller Anstrengong nächt zo fänden vermochte. Äch berohägte mäch anfängläch bei dem Gedanken, sä sei ohne Zweifel äm Hotel auf dem Kamäne lägen gebläben. Als äch jedoch beim Aussteigen den Kotscher bezahlen wollte ond zo däsem Endzwecke nach dem kleinen Geld sochte, das äch gewöhnläch än der rechten Westentasche verwahre, da bemerkte äch zo meiner Verwonderong, daß äch öberhaupt keine Weste anhatte.

Verte! räf äch dem Kotscher zo. In meinem Hotel angelangt, fand äch dä Weste wohlbehalten am Schlössel des Kleiderschrankes, wo äch sä sorgfältäg aufgehängt hatte. För heute war es zo spät, da der badäsche Gesandte om zwölf Ohr zo fröhstöcken pflegt. Äch warf mäch daher wäder än meine Alltags- oder Stodärkleider ond gäng vergnögläch zor Bäbläothek. Morgen äst ja auch noch ein Tag. Öbrägens war dä heutäge Ausbeute auf der Bäbläothek so ergäbäg, daß äch dä kleine Enttäuschong gern än den Kauf nehme.‹«

»Herr Direktor!« rief Möricke, als Heinzerling einen neuen Zettel hervorsuchte.

»Non?«

»Hätten Sie denn nicht einfach Ihren Frack zuknöpfen kennen? Dann hätte man ja gar nicht gesehen, daß Sie die Weste nicht anhatten.«

»Goot! Sehr goot! Däse Bemerkong zeigt, daß Sä meine Mätteilongen einer denkenden Betrachtong onterzähen! Knebel! Schreiben Sä mal äns Tagebooch: ›Möricke wegen Aufmerksamkeit belobt.‹ . . . Haben Sä's, Knebel . . .? ›Wegen Aufmerksamkeit belobt.‹ . . . Was non dä Sache selber betrifft, so moß äch Ähnen bemerken, daß dä Verwärklächong Ährer an säch ja recht glöcklächen Idee aus dem zwängenden Gronde unmöglich war, weil der Frack noch aus der Zeit meines Staatsexamens herröhrte. Äch konnte denselben mät dem besten Wällen nächt zoknöpfen, denn als Kandädat war äch wesentläch schlanker. Doch wär wollen ons dorch däsen Zwäschenfall än onserer Lektöre nächt stören lassen. Äch fahre da fort, wo äch aufgehört habe.

›Am sechsten Mai. Mät dem französäschen Idiom gäng es mär gestern abend recht schlecht. Der Kellner wollte mäch absolut nächt verstehen; ond da er weder än der lateinischen noch än der grächäschen Sprache dä erforderlächen Kenntnisse besaß, so bläb mer nächts öbrig, als meine Wönsche zo Papär zo brängen. Er las meine Sätze denn auch mät Leichtägkeit ab. Wahrlich, nämals hätte äch äm Traume gedacht, daß dä gewöhnläche französäsche Konversationssprache einem Manne von klassäscher Bäldong so schwer fallen könnte. Dä nasale Aussprache gewässer Sälben hat för mein Organ etwas Wäderstrebendes‹ . . . Hotzler, was lachen Sä?«

Der Schüler erhob sich.

»Ich . . . ich wollte nur . . . .«

»Was wollten Sä?«

»Ich kann nicht begreifen, daß gerade Ihnen die nasale Aussprache Schwierigkeiten bereitet.«

»Wäso? Was wollen Sä damät sagen? Hören Sä mal, Hotzler, äch glaube, Sä brängen här nächt den gehörägen Ernst mät, wie er zor Sache erforderläch äst. Knebel, schreiben Sä mal äns Tagebooch: ›Hotzler wegen kändäschen, läppäschen Benehmens getadelt.‹ Zor Strafe lese äch Ähnen jetzt däse lehrreichen Bemerkongen öber dä französäsche Aussprache nächt weiter vor! Das haben Sä säch non selber zozoschreiben! Rompf, lassen Sä das Gewackel ond röcken Sä weiter nach rechts. Sä hocken dem Gäldemeister ja auf dem Leib wä eine Klette. Ond non kein Wort mehr!

›Paräs, am säbenten Mai. Gestern om halb elf Ohr gräff äch abermals zo Frack ond Zäländer, vergewässerte mäch zweimal, ob dä Weste an Ort ond Stelle sei, ond bestäg dann das Zweigespann Nommer 1313. Dä ominöse Zahl berührte mäch eigentömläch. Ein alter Römer wörde an gleicher Lage omgekehrt sein. Äch aber habe mäch stets von den Anwandlongen eines dorch nächts zo motävärenden Aberglaubens ferne gehalten. Äch erwähne den Omstand nor, weil der Eindrock, den er an mer hervorräf, för meine Stämmong charakterästäsch äst. Ebenso befremdete mäch än der Richelieu-Straße dä altklassäsche Änschrift eines Weinkellers: » Cave Richelieu«, eine Warnong, dä – fast an das beröhmte » Cave canem!« anklängend – einen alten Römer ebenfalls zor Vorsächt ermahnt hätte . . .‹«

Samuel Heinzerling hielt einen Augenblick inne.

»Herr Direktor,« rief Wilhelm Rumpf, die Pause benutzend, »darf ich mir in Beziehung auf diesen letzten Passus eine Frage erlauben?«

»Goot, fragen Sä!«

»So viel ich mich erinnere, heißt französisch la cave: der Keller, so daß also jene Inschrift ziemlich zwanglos mit »Richelieukeller« übersetzt werden könnte, eine Konjektur, die um so größere Wahrscheinlichkeit hat, als besagte Inschrift wirklich auf einem Keller zu lesen stand.«

»Goot! Sehr goot!« versetzte Samuel Heinzerling, die rundglasige Brille zurecht rückend. »Ähre Hypothese verrät eine röhmläche Schlagfertägkeit. Äch wäll sogar zogeben, daß Sä onter Omständen möglächerweise tatsächlich recht haben: mer jedoch, als dem klassäschen Phälologen ond Altertomsforscher, lag das Lateinäsche ongleich näher . . .

Äch fahre än der Lektöre fort:

›Trotz däser Omina woßte äch goten Motes zo bleiben. Mein Kotscher peitschte drauflos, als hätte er noch heute wä Helios dä Ronde om den Erdball zo machen. Nämals bän äch von Pferden auf so schnelle Weise befördert worden. Meine schon fröher ausgesprochene Häpothese einer Verwandtschaft des grächäschen ιππος mät dem althochdeutschen hupfan (Phälologäsche Jahrböcher IV S. 306) scheint mer jetzt evädenter als je. Leider sollte äch däse wässenschaftläche Erkenntnis mät einem persönlächen Onfall bezahlen: denn als wär so am besten Sausen dahän rollten, ereignete säch plötzlich eine Erschötterong. Äch schrä auf ond gewahrte das Zweigespann än einer Lage, dä mer das Schicksal des onglöcklächen Bellerophon äns Gedächtnäs zoröckräf. Noch lehnte freiläch das geschädägte Fohrwerk an einem großen, zweirädrägen Gemösekarren; aber äch war onglöcklächerweise wäder das Rad däses Lastwagens angedröckt worden, was eine starke Besodelong mät Teer ond anderen klebrägen Stoffen zur Folge hatte. Än däsem Zostande konnte äch natörläch meinen Besoch beim Großherzogläch badäschen Gesandten nächt ausföhren. So bezahlte äch denn den Kotscher ond gäng än etwas deprämärter Stämmong nach Hause.

Das sänd dä Folgen der Zentraläsation, sagte äch, als äch nach einer Stonde wäder auf meinem Sofa saß ond ein Gläschen Borgonder schlörfte.

Meinen Frack ond meine Weste habe äch dem Hausknecht zom Reinägen gegeben. So werde äch denn vor öbermorgen den badäschen Gesandten nächt sprechen können; doch äch habe ja Zeit. Ohnehän moß äch heute onter allen Omständen Luitgardens Bräf beantworten. Sä könnte sonst glauben, äch wäre veronglöckt.‹«

»Wessen Brief?« fragte hier Wilhelm Rumpf.

»Non, das äst onwesentläch.«

»Luitgard, das ist wohl die Frau Direktorin?« fragte Möricke.

»Lassen Sä Ähre unnötigen Fragen! Äch habe keine Lost, Ähnen här meine Famälienverhältnisse auseinander zo setzen. Hören Sä weiter:

Also . . . . ›sä könnte sonst glauben, äch wäre veronglöckt. Ond än der Tat, stand äch nächt heute bereits mät einem Fooße in Charons Nachen? Non, äch habe mer geschworen: kein Zweigespann mehr! Äch lese da eben än meinem Reisehandbooch, das ein sonst onbekannter Schräftsteller, namens Karl Bädeker, verfaßt hat, dä Omnäbosse seien bei weitem bälläger ond bequemer. Dä sogenannte Impériale – das Verdeck – scheint mer än der Tat ein äußerst gönstäger Platz, da man von dort einen freien Ombläck genäßt. Öbermorgen also mät erneuten Kräften ans Werk!

Meine Stodien liegen heute so zämläch brach. Dä Erschötterong än der Droschke hat mäch so verwärrt, daß äch keinen vernönftägen Gedanken zo fassen ämstande bän. Äch benotze daher, wä bereits oben bemerkt, däsen Änterämszostand zo einem Bräfe an meine Gattän.

Noch eines wäll äch erwähnen. Es äst mer vorhän aufgefallen, daß der Hausknecht eine korze Tonpfeife rauchte. Es scheint däs ein täf eingeworzelter französäscher Nationalgebrauch, während än Deutschland dä lange Pfeife vorherrscht. Obgleich nächt moderner Koltorhästoräker von Fach, pflege äch doch dä Länder ond ähre Sätten aufmerksam zo beobachten. Den Välgewandten nennt mäch Luitgarde oft scherzweise – ond an gewässem Sänne hat sä onstreitäg recht. Besser freiläch wörde sä sagen: der Välseitäge.

Doktor Mouchard war vor einer Stonde bei mer ond fragte mäch, wä mer der badäsche Gesandte gefallen habe. Äch erzählte ähm das erlättene Mäßgeschäck: der Mensch lachte mer laut äns Gesächt. Däse Franzosen sänd eine herzlose, egoästäsche Nation.

Mein Kollege Träuble, der Ordänarios von Quarta, wörde säch än gleichem Falle ganz anders benommen haben.

Am neunten Mai. Gestern om halb elf verläß äch mein Hotel, om den Omnäbos der Länie Clichy-Odéon abzupassen, der, wä der Hausknecht versächert, dächt an der rue de Berlin vorbei fährt. Der Omnäbos kam, ond da äch an der Gymnastäk zwar kein Koryphäe, aber ämmerhän ein ganz leidlächer Dälettant bän, so gelang es mär ohne Schwärägkeiten, dä treppenartäge Leiter, oder besser, dä leiterartäge Treppe, zor sogenannten Impériale hänan zo klämmen. Dä Höhe, än der äch mäch non befand, hatte zwar am ersten Augenblick etwas Beonrohigendes; bald ändes öberzeugte äch mäch von der Solädätät des Eisengeländers, – ond dä völläge Sorglosägkeit der öbrägen Passagäre trog dazo bei, mein Onbehagen völläg zo tälgen. So genoß äch denn än onbeschränktem Maße dä großartäge Aussächt auf das Treiben der Weltstadt. Än Betrachtongen der mannächfachsten Art versonken, hatte äch anfängläch nächt bemerkt, daß der Omnäbos, sobald ein Herr absteigen wollte, nächt anhält. Däse Röcksächt gält bloß för das zarte Geschlecht. Jetzt aber ward äch auf däsen Omstand aufmerksam, da mein Nachbar, ein Jöngläng aus dem Handwerkerstande, den Platz an meiner Seite verläß ond ohne dä gerängste Bangägkeit an dem rasch dahänrollenden Omnäbos hänonter kletterte. Zwei Sekonden später stand er wohlbehalten auf dem Trottoir ond gäng än das nächste Haus, als wäre nächts vorgefallen . . .

Mer ward mät jedem Augenblick schwöler zomote. Das Hänanklämmen, zomal wenn der Omnäbos stand, läß säch ohne Möhe bewerkstelligen; aber hänonter, ond noch dazo röckwärts? Nonquam retrorsom! Das war von jeher mein Wahlsproch, – ond non sollte äch onter so wäderwärtägen Verhältnässen dem Grondsatze meiner Jogend ontreu werden? Ändes, was war zo machen? Dä Straße, än da war jetzt einfohren, war dä rue de Clichy . . . Äch sprach also: fortes fortona jovat ond gäng färmo constantäque anämo ans Werk. Zo Anfang schänen dä Götter mer gönstäg. Dä Treppe ward än korzer Zeit glöcklich zoröckgelegt, ond wohlbehalten langte äch auf der breiten Onterstäge an, von der äch nor herabsprängen moßte, om sägreich geborgen zo sein.

Mein Kollege Salzmann, der Physiker, hat mer oft auseinander gesetzt, daß onsere klassäsche Bäldung eine einseitäge, ädealästäsche sei ond zor Ergänzong einer realästäschen Hälfte – der Natorwässenschaften – bedörfe. Äch habe Salzmann oft einen Materialästen genannt ond ähn aus Plato ond der »Krätäk der reinen Vernonft« zo wäderlegen gesocht. Jetzt ändes erkenne äch, daß er nächt völlig äm Onrecht war. Hätte äch än meiner einseitägen, ädealästäschen Rächtong nächt öbersehen, daß ein Körper, der säch än Bewegong befändet, vermöge des Gesetzes der Trägheit än däser Bewegong verharrt, auch wenn dä causa movens zo wärken aufhört, – äch erännere mäch däses Lehrsatzes aus meiner Gymnasialzeit, – so wäre äch nächt beim Absprängen von der Omnäbosstäge langwegs än den Kot gefallen.

Mein Alexander moß onter allen Omständen gröndlächen Onterrächt än den Realien erhalten. Es äst dä Pflächt der Eltern, ähre Känder vor den Öbeln, dä sä selber aus Onkenntnäs erdoldet haben, vorsächtäg zo bewahren.

Äch habe mer beim Storz von der Omnäbosstäge dä rechte Kännlade verletzt ond sätze daher mät verbondenem Antlätz än meinem Hotel. Mein Zostand verbätet mer jedes öffentläche Erscheinen. Da äch also heute nächt zum Diner komme, wärd Doktor Mouchard mäch ohne Zweifel morgen zor Rede stellen, ob äch välleicht beim badäschen Gesandten diniert habe. Äch wörde unbedängt Ja sagen, wenn äch nor äm Besätze einer zoverlässägen Personalbeschreibong wäre! Das sänd wäder dä Folgen der Zentraläsation! Wenn däses Volk nächt so rennte ond jagte, sondern säch Zeit nähme, dä Fahrgäste absteigen zo lassen, so hätte äch heute zoverlässig meinen Plan zor Ausföhrong gebracht!

Eines steht ändes fest: keine Macht der Welt brängt mäch wäder auf eine Impériale. –

Es klopft, – sollte es Mouchard sein?‹«

Boxer und Möricke waren bei den letzten Worten hastig nach der Tür gestürzt.

»Was fällt Ähnen ein?« rief Samuel Heinzerling im Tone des höchstens Erstaunens.

»Ich wollte mal nachsehen«, erwiderte Boxer; »Sie sagten doch eben: ›es klopft‹.«

»Onsänn! Äch habe vorgelesen – ganz deutlich ond onverkennbar: ›Es klopft – sollte es Mouchard sein?‹«

»Ach so,« erwiderte Boxer, »das Letzte habe ich nicht gehört.«

»Ich auch nicht, Herr Direktor«, fügte Möricke ehrerbietig hinzu.

»Sä hören öberhaupt nächts, Möricke; setzen Sä säch!«

Und von neuem hub die wohlklingende Stimme des trefflichen Schulmannes zu lesen an:

»›Den zehnten Mai. Es war nächt Doktor Mouchard, sondern der Hausknecht. Der wackere Mensch kam, om meine beschmutzten Kleider zo holen. Äch werde ähm bei meiner Abreise ein töchtäges Tränkgeld geben mössen, denn er hat än der Tat väl Arbeit mät meinem schwarzen Kostöm.

Gestern abend hatte äch eine brällante Idee. Sä bestand darän, das nächste Mal einen Platz äm Innern des Fohrwerks zo nehmen ond dä Gelegenheit abzopassen, sobald eine Dame den Kondokteur anhalten heißt. Äch kann wohl sagen, daß däse Lösong mer als ein Träomph menschlicher Berechnong erschien. Meine Befrädägong erreichte den Höhegrad, als auch dä Schmerzen än meiner Kännlade fast gänzlich nachläßen ond eine Kreuzbandsendong aus Grönängen eintraf, eine Beilage des Grönänger Wochenboten, woran Luitgarde dä folgende Stelle mät Rotstäft angesträchen hatte.

Vermäschtes. Onser trefflächer Archäologe, dä Zärde onserer Vaterstadt, der Gymnasialdärektor Samuel Heinzerläng, befändet säch seit einigen Wochen än der französäschen Hauptstadt, wo seine Ontersochongen öber dä Haartrachten des Altertoms einen gedeihlächen Fortgang nehmen. Aus sächerer Quelle können wär hänzofögen, daß Herr Baron von Prättwätz, der Großherzogläch badäsche Gesandte, onseren Heinzerläng mät seinem ganzen Einflosse onterstötzt ond ähm sogar seine reichhaltige Prävatbäbläothek zor Verfögong gestellt hat.

Träuble, Träuble! räf äch aus, als äch däse schmeichelhafte Anerkennong meiner bescheidenen Bestrebongen nächt ohne Erröten gelesen hatte. Wer sonst auch sollte öber däse Details, dä äch nor Luitgarden geschräben hatte, so genau onterrächtet sein, wenn nächt er, der langjährige Freund meines Hauses? Dä Nachrächt von dem götägen Entgegenkommen des Großherzogläch badäschen Gesandten war freiläch ein wenig verfröht, ändes: Rom äst nächt an einem Tage erbaut worden, ond korz ond goot, dä Notäz des Grönänger Wochenboten versetzte mäch än dä rosägste Stämmong . . .

Am zwölften Mai. Gestern warf äch mäch zom värten Male än Gala, om endläch meinem prädestänärten Gönner den längst zogedachten Besoch abzostatten. Der Omnäbos kam, ond äch, flänk wä der Wänd, hänein ond Platz genommen.

Es war doch ein ganz anderes Geföhl här onten äm Schoße der behaglächen Sächerheit, als da oben auf der schwankenden Höhe der Impériale. Horaz sagt mät Recht, der Blätz schlage am läbsten än hohe Törme ond öbermötäge Fächten ein, während er das ställe, bescheidene Kraut am Boden verschone . . .

Äch hatte am Omnibos ein sehr schön gekleidetes weibläches Wesen zor Nachbarän. Dä Dame trog einen halb dorchsächtägen schwarzen Schleier, der etwa bäs än dä Gegend des Mundes reichte. Vermotläch äst dä Sätte däser halben Maskärong dorch dä Phönizier aus dem Orient nach Marsilia, dem heutägen Marseille, gebracht ond von da aus nach dem Norden verpflanzt worden.

Während der Fahrt war äch bestrebt, meine topographäschen Kenntnässe zo erweitern. Der Omnäbos schän ändes heute eine andere Roote einzoschlagen. Dä Gegend war mer wenägstens vollständäg neu.

Non, om so besser, sagte äch zo mer selbst. Äch bereichere so nor meine Anschauongen.

Da Physiognomä der Straßen, dorch dä wär kamen, worde von Minote zo Minote seltsamer. Äch gewahrte zahlreiche Blusenmänner, zom Teil mät Äxten bewaffnet. Aus Wein- ond Branntweinschenken tönte mer verworrenes Geschrei entgegen. Deutlich glaubte äch dä Klänge der Marseillaise zo hören. Äch gestehe, daß äch däse Symptome höchst bedenkläch fand. Onrohig rotschte äch auf meinem Sätze hän ond her. Dazo kam der verdächtäge Omstand, daß der Omnäbos leerer ond leerer ward. Rätselhafte Erscheinong! Hatte välleicht der Kondokteur äm Komplott mät dem Kotscher dä Absächt, mäch än eine menschenleere Gegend zo fahren ond mäch dort zo berauben? Paräs stand än däser Hänsächt von jeher än öblem Rofe. Än Grönängen freiläch wäll äch mäch om Mätternacht getrost vor das Tor wagen, – aber Paräs äst nächt Grönängen. Mein Herz begann lebhafter zo schlagen; – ond als jetzt auch der letzte Passagär ausstäg, da rächtete äch än der Tat ein ställes Stoßgebet zom Hämmel ond befahl Luitgarden, Alexander, Ismenen, Winfrieden ond Vitriaria der Försorge des Allmächtägen. Was konnte dä nächste Mänote brängen? Womät hatte äch das verdänt? Äch dorchmosterte mät einem raschen Bläck mein vergangenes Leben ond fand leider, daß äch välfach gefehlt hatte. Eine ernstläche Reue öberkam mäch, ond zerknärscht gelobte äch mer Besserong, wenn äch nor däsmal noch aus den Armen des Verrates errettet wörde . . . Da hält der Omnäbos an . . . Fänster bläckend trat der Kondokteur auf mäch zo ond räf: » Descendez s'il vous plaît!«

Tödläch erschrocken leistete äch seinem Befehl Folge. Wenäge Sekonden später ändes hatte säch alles befrädägend aufgeklärt. Dä ganze Lösong der rätselhaften Erscheinongen lag än dem Omstande, daß äch än den Omnäbos einer falschen Länie eingestägen war, ond mäch non an der Endstation einer Vorstadt befand, dä von der Wohnong des badäschen Gesandten reichläch anderthalb Stonden entfernt lag. Was bläb mer öbrig, als mät demselben Wagen wäder nach Haus zo fahren ond Gott zo danken, daß mer wenägstens nächts Schlämmeres begegnet war. Morgen werde äch besser aufpassen: endläch moß man doch eine gewässe Paräser Routäne erlangen.

Am dreizehnten Mai. Gestern stand äch wäder gegen halb elf Ohr an der Omnäbosstation. Aller gooten Dänge sänd drei, mormelte äch vor mäch hän. Äch bän gewohnt, öfters etwas vor mäch hänzomormeln, ein Gebrauch des Monologs, den äch mer aus den Komödien des Plautus angeeignet habe. Äch halte ähn för ein vortreffliches Mättel, säch mät dem eigenen Äch gehöräg äns Klare zo setzen. Vär, fönf Omnäbosse kamen voröber; sä waren sämtlich bäs auf den letzten Platz öberföllt. Da kam mer plötzläch der Gedanke, mäch aller Fohrwerke zo entschlagen ond einfach zo Fooße zo gehen. Eine herrläche Idee! räf äch aus. Än der Tat, wenn äch zo Fooße gänge, so war äch gegen alle bäsher erlättenen Onbälden ein för allemal geschötzt. Onbegreifläch, daß mer däse Wahrheit nächt fröher einleuchtete! Wäväl Zeit, wäväl Geld, wäväl goote Laune hätte äch sparen können!

Röstäg eilte äch förbaß, seelenvergnögt, daß äch endläch das rachtäge Auskonftsmättel gefonden hatte.

Leider worde äch erst zo spät gewahr, daß dä Zeit för eine Omnäbosfahrt zwar reichläch zogemessen, aber för den Fooßgänger doch etwas zo knapp gegräffen war. Als äch än dä rue de Berlin einbog, schlog es halb eins, ond da äch woßte, daß der Baron om zwölf Ohr dejenärt, so besah äch mer das Haus einstweilen von außen.

Morgen werde äch zeitäger aufbrechen, mormelte äch, als äch den Röckweg antrat.

Heute fröh erhäält äch von Alexandern einen recht netten lateinäschen Bräf, an dem äch nor einäge Germanäsmen zo rögen hatte. Äch habe ähn schleunägst korrägärt ond, nach Beifögong zweier Dankeszeilen än grächäscher Sprache, zoröckgesandt.

Das Wetter hat säch zom Argen gewendet: υει μεν ο Ζευς, wä der hellenäsche Lyräker sängt, ond auf den Straßen waltet des Kotes erdröckende Fölle. Beim Anbläck des grauen Gewölks habe äch eine Elegä än altklassäscher Form zo Papär gebracht, dä äch här beiföge . . .‹«

Samuel Heinzerling unterbrach sich und rückte die Brille zurecht.

»Ach, Herr Direktor«, rief die Prima wie aus einem Munde, als der Verfasser der Lateinischen Grammatik für den Schulgebrauch Miene machte, die Elegie zu überschlagen. »Ach, lesen Sie uns doch vor! Lassen Sie doch ja nichts aus, Herr Direktor! Gerade die Verse interessieren uns! Bitte, die Elegie!«

»Non goot, Sä sollen sä hören«, versetzte Samuel, augenscheinlich geschmeichelt. »Das Gedächt betätelt säch: ›Regenwetter‹ . . .

›Zörnend ronzelt dä Stärne der blätzomspälte Kronäon,
    Ach, ond mät Regen begäßt rängs er das ganze Paräs.
Deshalb bleib' äch zo Haus. Zo Haus zo bleiben äst ratsam,
    Wenn der erbätterte Zeus grollend das Wetter getröbt.
Morgen aber, wenn hold dä rosenfängräge Eos
    Hebet am Hämmel das Haupt, heb' äch den hortägen Fooß,
Gehe zom gastlächen Haus des göttläch erhabenen Prättwätz,
    Der mer als wackerer Mann sächer sein Xenion beut.‹«

»Bravo!« rief Wilhelm Rumpf, als Samuel Heinzerling geendet hatte.

»Enthalten Sä säch jeder Krätäk«, sagte der Schulmann ein wenig ungnädig.

»Aber, Herr Direktor, ich werde doch meinen Empfindungen noch Ausdruck verleihen dürfen . . .«

»Verschäben Sä den Ausdrock Ährer Empfändongen bäs zom Schlosse der Lehrstonde!«

»Wirklich, ganz ausgezeichnet!« sagte jetzt Hutzler halblaut zu seinem Nachbar.

»Hotzler, Sä gehn mer hänaus! Äch bän Ähre Dommheiten möde. Wä können Sä säch ein Orteil erlauben, Sä, der Sä nächt einmal ämstande sänd, einen Daktylos von einem Trochäos zo onterscheiden.«

»O, Herr Direktor . . .«

»Knebel, schreiben Sä mal äns Tagebooch: ›Hotzler, zom zweiten Male wegen läppäschen Benehmens getadelt.‹ Hotzler, äch wäderhole Ähnen, Sä gehn mer hänaus!«

Hutzler verließ das Lehrzimmer. Der Direktor fuhr fort:

»›Am säbzehnten Mai. Äch bän so erbättert, daß äch nor archäologäsche Jamben zo Papär brängen möchte! Däffäcele äst satäram non scräbere!

Am Värzehnten däses Monats machte äch mäch schon gegen neun Ohr auf . . . Nächt ohne eine gewässe Ängstlächkeit betrat äch dä Straße: ein fönfmaläges Mäßlängen äst wenäg geeignet, onser Vertrauen zo stärken.

Äch schrätt dorch dä Straße Vivienne nach dem Börsenplatze ond bog dann än dä Richelieustraße ein, wo äch mäch sehr vorsächtäg weiter bewegte. Schon hatte äch etwa dä Hälfte der Straße zoröckgelegt, als äch plötzläch einen Menschen bemerkte, der mät einer langen, speerartägen Stange drohende Gesten ausföhrte ond dabei so onzweideutäg seine Bläcke auf mäch heftete, daß äch kein Ödäpos zo sein brauchte, om zo erraten, wem däse Feindselägkeit gelten sollte.

Hatte der Mensch wärkläch Absächten auf mein Eigentom ond mein Leben? Offenbar gehörte er dem Arbeiterstande an, – ond was man von den Paräser Arbeitern zo halten hat, das weiß heutzotage ein jeder. Das Schäcksal der onglöcklächen Könägin Maräe Antoinette stand mät einem Male än sichtbarer Klarheit vor meiner Sääle . . .

Ond doch, wä war es denkbar, daß ein Mensch am hellen Tage auf dä geachtete Persönlächkeit eines deutschen Gymnasialdärektors frevelhafterweise ein Attentat wagen dorfte? Wämmelte es nächt rängs von Menschen? Freiläch bemerkte äch, daß jedermann dem Borschen mit der speerartägen Stange ängstläch auswäch. Er moßte also gefährläch sein . . . Ändessen, was konnte er mer anhaben? Auf offener Straße, fast onter den Augen zweier Poläzästen ond einer bewaffneten Schäldwache? Än dä Mätte der Straße auszobägen, schän mer gefährläch, der zahlreichen Fohrwerke halber: also köhn drauf los! Mot, Samoel! räf äch mer zo. Sollte der Mensch da än der Tat einen Frevel beabsächtägen, so werden dä Männer des Gesetzes alsbald dä Pläne eines wahnwätzägen Barräkadenmannes zo vereiteln wässen. Äch schrätt mannhaft vorwärts. Der Mensch mät dem Speer schwenkte ond gestäkolärte ämmer verdächtäger. Dabei stäß er seltsame Töne aus, dä wä ein fremdländäsches Krägsgebröll klangen. Sollte äch omkehren?

Äch räf mer eben ein neues Mot, Samoel! zo, als plötzläch von oben eine Flössägkeit öber mäch herklatschte, dä meinen Frack alsbald mät einer weißen, kalkartägen Kroste öberzog. Allmähläch gäng mär ein Lächt auf, ond auch Doktor Mouchard hat es mer nachträgläch bestätigt. Das Haus, vor dem der Mann mät der Stange auf- ond abläf, worde jost fräsch getöncht. Äch hatte den ehrsamen Arbeiter schmähläch verkannt!

George, der Hausknecht, äst seit ehevorgestern mät der Reinägong meines Frackes beschäftägt, hat jedoch bäs zor Stonde nor onbefrädägende Resoltate erzält. Dä Beinkleider hatten nor wenäg gelätten, was leicht zo erklären äst, da der verhängnäsvolle Goß von oben auf mäch hereinbrauste.

Äm ganzen darf äch mer Glöck wönschen, daß äch auf däse Weise eine lehrreiche Erfahrong gemacht habe. Äch weiß jetzt, was es bedeutet, än Paräs auf dem Trottoir zo wandeln. Wenn non anstatt däser flössägen Masse ein Balken, ein Stein oder sonst etwas Wochtäges herabgestörzt wäre, wä däs bei dem fortwährenden Ausbessern ond Ombauen, das här zo herrschen scheint, dorchaus am Bereiche der Möglächkeit lägt? Ond Luitgarde, Alexander, Winfriede, Ismene ond Vitriaria? Entsetzläch! Nein, es war nor ein Wänk der götägen Götter, ond äch söndäge gröbläch, wenn äch öber däsen kleinen Zwäschenfall morre. George, der Hausknecht, äst ja geschäckt; auch hat er än der letzten Zeit väl Öbong bekommen.

Meinen Besoch beim Großherzogläch badäschen Gesandten habe äch nonmehr auf Donnerstag den neunzehnten Mai festgesetzt. Äch freue mäch onendläch, eine Bekanntschaft zo machen, von der mer Mouchard so väl Gootes geweissagt hat.

Mouchard hat säch däsmal edler benommen als das letzte Mal. Äch schätze än ähm einen töchtägen Vertreter der Wässenschaft ond einen läbreichen Freund . . .

Am zwanzägsten Mai. Non bän äch's denn doch möde, mäch äwäg mät däsen Paräsern heromzoschlagen. Daß mär so etwas passären moßte! Es äst wahr, mein schwarzer Frack säht nächt mehr zom elegantesten aus, ond mein Zäländer äst seit lange des ersten Glanzes beraubt: wä es aber mögläch war, mäch ongeachtet däser kleinen Inkorrektheiten meiner Toilette för den belgäschen Klavärlehrer Haentjens zo halten, der wegen verschädener Betrögereien steckbräfläch verfolgt ward, das äst ond bleibt mer ein Rätsel! Non, äch habe den Ärrtom der Paräser Poläzästen teuer bezahlen mössen. Volle zwölf Stonden verbrachte äch auf der Wache, bäs äch ämstande war, meine Ädentätät zo erhärten. Doktor Mouchard hat mär än däser Bezähong sehr anerkennenswerte Dänste geleistet. Onerhört! sage äch. Einen deutschen Gymnasialdärektor mät einem belgäschen Klavärlehrer zo verwechseln, ond noch dazo mät einem Betröger! Äch rofe dä Götter zo Zeugen an, ob äch jemals dem Eigentom meiner Mätmenschen auch nor än Gedanken zo nahe getreten bän! Man sollte denken, däse honestas mößte säch auch än meinen Gesächtszögen hänlängläch ausprägen. Onerhört! sage äch. Bäs elf Ohr abends hab' äch auf der sogenannten Violine verbracht, teilweise onter schweren Verbrechern, äch, Samoel Heinzerläng, Därektor des städtäschen Gymnasioms zo Grönängen. Wer mer das vor acht Tagen geweissagt hätte! Aber äch werde Genogtoong fordern, – koste es, was es wolle! Das sänd dä Fröchte jener räsägen Konglomerate, dä man Weltstädte nennt! Än Grönängen wäre dergleichen onmögläch gewesen. Notabene, könftäghän werde äch stets meinen Paß bei mer tragen.

Den Besoch bei dem Großherzogläch badäschen Gesandten habe äch natörläch auf öbermorgen vertagt . . .

Am einondzwanzägsten Mai. Endläch bän äch ans Ziel gelangt, wenägstens topographäsch geredet. Äch erreichte wohlbehalten das Hotel än der rue de Berlin ond zog, äm Geföhl eines onendlächen Wohlbehagens, dä gesandtschaftläche Klängel. Leider moßte äch von dem Däner dä Meldong entgegennehmen, der Baron von Prättwätz sei am Tage zovor auf sechs Wochen nach Baden-Baden verreist.

Äch war nächt wenäg verstämmt. So väle Aufregongen, so väle Verloste an Zeit ond Geld, so väle Verdräßlächkeiten, – ond non alles omsonst! Äch legte mer das Gelöbde ab, nä wäder än einer fremden Großstadt Besoche zo machen. Dergleichen föhrt zo nächts Gootem. Äch bän einmal das Opfer der Zentraläsation geworden ond habe keine Lost, däse onglöckseläge Rolle weiter zo spälen. Der wässenschaftläche Ernst eines deutschen Gelehrten äst onvereinbar mät dem frävolen ond oberflächlächen Treiben solcher modernen Riesenstädte. Sänd wär dorch dä Omstände verorteilt, ons zeitweilig ännerhalb däser gefährlächen Weichbilde aufzohalten, so gezämt ons dä onbedängte Reserve!‹«

Samuel Heinzerling faltete seine Zettel zusammen.

»So,« sagte er, indem er das Päckchen in die Brusttasche schob, »Sä werden aus dem Mitgeteilten zor Genöge ersehen haben, was äch beweisen wollte: daß dä Zerteilong än väle abgesonderte Staaten ein Segen för dä deutsche Nation äst. Äch wönsche non, daß Sä mer för das nächste Mal däse Frage an einem korzen Aufsatze theoretäsch ond praktisch erörtern. – Der Hotzler kann jetzt wäder hereinkommen.«

In diesem Augenblicke erscholl die Klingel. Würdevollen Schrittes und im Bewußtsein, die Keime einer segensreichen Weltanschauung gelegt zu haben, verließ der Verfasser der Lateinischen Grammatik für den Schulgebrauch, mit besonderer Berücksichtigung der oberen Klassen, das Lehrzimmer.

»Ich habe mir alles stenographiert«, rief Heppenheimer, die Mappe schwenkend.

» Et ego«, versetzte ich freudestrahlend. »Morgen muß uns der Rumpf die Geschichte vorlesen.«

Die schändlichen Stenographen! Ohne die teuflische Kunst Babelsbergers wäre dem wackeren Schulmann der Schmerz erspart worden, den infandus dolor seiner Pariser Leiden in diesen Blättern so buchstäblich renoviert zu sehen. Er hatte kein Glück mit seinen Besuchen, der treffliche Heinzerling, weder mit dem Besuch im Karzer, noch mit dem Besuch beim Großherzoglich badischen Gesandten in der rue de Berlin.

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