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Gesammelte Schulhumoresken

Ernst Eckstein: Gesammelte Schulhumoresken - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Schulhumoresken
authorErnst Eckstein
yearca. 1910
publisherVerlag von J. Neumann
addressNeudamm
titleGesammelte Schulhumoresken
pages3-5
created20021031
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1907
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Eindrücke aus dem Karzer.

Noch in Tertia hatte das Wort Karzer für unsere Ohren etwas Dämonisch-Furchtbares. Wir glaubten synonyme Anklänge an »Schafott« oder »Bagno« herauszuhören. Die wenigsten von uns hatten die geheimnisvollen Räume, die der Pedell Quaddler mit seinen riesigen Schlüsseln verwahrte, auch nur zu Gesicht bekommen, denn die Karzerstrafen gehörten in Tertia zu den größten Seltenheiten. Man züchtigte unsere kleinen Vergehen einfach durch sogenanntes Nachsitzen, d. h. man sperrte uns nach Schluß der Unterrichtsstunden in ein Schulzimmer. Diese Methode ward bei leichteren Vergehen auch in Sekunda noch angewendet. Nur Prima besaß das Privilegium der ausschließlichen Karzerverbüßung; daher denn in Sekunda diejenigen Schüler, welche »hinaus« unter die Botmäßigkeit des Pedells wandelten, mitleidig auf die bloßen Nachsitzer herablächelten.

In Sekunda nämlich ging mit den stillen Tertianern eine eigentümliche Wandlung vor. Das System der Doppelklassen übte hier seine antipädagogische Wirkung. Wenn die Oberstudienräte alles aufböten, um die Schüler zu demoralisieren, so konnten sie keine praktischere Einrichtung treffen, als diese zweijährige Dienstzeit. Sexta, Quinta, Quarta und Tertia waren auf einen Kursus von nur einem Jahre berechnet; in Sekunda aber rückten jedesmal zu Ostern die Tertianer als Untersekundaner ein, während die bisherigen Untersekundaner zu Obersekundanern emporstiegen. Der Unterricht fand gemeinsam in demselben Raume statt. In litteris ward durch diese Verschmelzung manches gewonnen: schon der Umstand, daß man auf diese Weise dem Wetteifer der Jüngeren mit den Älteren ein weites Feld eröffnete, darf nicht unterschätzt werden. In moribus aber verhielt sich die Sache umgekehrt. Es gab keine schroffere Kluft, als die zwischen dem respektvollen Tertianer und dem kecken, krawallsüchtigen Schüler Sekundas. Mit Staunen und Neid sah der zum Untersekundaner avancierte Tertianer die edle Ungebundenheit seiner neuen Mitschüler, und schon nach wenigen Tagen regte sich der Nachahmungstrieb. Derselbe Wetteifer, der auf dem Gebiete der Wissenschaft Gutes erzielte, lieferte auf dem des Betragens die unbequemsten Resultate. Man beobachtete, daß die Phrase: »Sie gehn mir einen Tag auf den Karzer!«, die in Tertia von geradezu niederschmetternder Wirkung gewesen wäre, hier fast ohne Einfluß auf das seelische Gleichgewicht der betroffenen Märtyrer blieb. Man konstatierte, daß diese Obersekundaner absolut aufgehört hatten, an die Furchtbarkeit des diabolischen Schrecknisses zu glauben. Und so verschwand denn auch bei uns Jüngeren rasch die letzte Spur jener Karzer-Religiosität, die uns in Tertia so magisch gebannt hatte. Der Mensch, der die physikalischen Gesetze des Gewitters kennen lernt, hört auf, vor dem Jupiter tonans zu bangen; die Vertrautheit, welche der Astronom mit den Problemen der Veränderungen bekundet, tötet die heilige Scheu vor dem Schwinden des Sonnenballs. So verloren auch wir den geheimen Schauder, nachdem wir die Erfahrung gemacht hatten, daß sterbliche Menschen, wie wir, ganz behaglich mit diesem Orkus verkehrten und ohne Herzenskrämpfe den Nachen Charon-Quaddlers bestiegen.

Es war gerade vier Wochen nach Antritt meiner Sekundanerschaft, als ich zum erstenmal für sechs Stunden »unter das Dach« verbannt wurde. Ich hatte, wegen einer kleinen Störung von »vier bis fünf« im Arrest behalten, diese Zeit der Knechtung dazu benutzt, in Gemeinschaft mit zwei Leidensgefährten sämtliche Kleiderhaken des Schulzimmers um ihre Achse zu drehen, ein Prozeß, der mit einer radikalen Zerstörung identisch war. Noch begreife ich nicht, wie unsere Naivität hoffen mochte, die Tat werde unbestraft bleiben. Denn Quaddler, der gewissenhafteste Pedell seines Jahrhunderts, hatte uns sorgfältig eingeriegelt, so daß also die Unmöglichkeit, einen unbekannten Quidam für die Zerstörung des Gymnasialeigentums verantwortlich zu machen, jeder logischen Natur einleuchten mußte. Nur eine Persönlichkeit existierte, der wir unseren Frevel aufbürden konnten: Quaddler selbst, der jedesmal nach Entlassung der Arreststräflinge das Lokal reinigte. Dieser höchst unwahrscheinliche Ausweg mochte unserem Zerstörungstrieb hinreichend bedünken. Kurz und gut, wir hatten die verbrecherische Abdrehung ohne jede Besorgnis vor den möglichen Folgen bewerkstelligt, und mit siegesgewissem Lächeln zogen wir, als die Stunde unserer Haft zu Ende war, an dem öffnenden Quaddler vorüber ins Freie. Der brave Pedell entdeckte natürlich sofort, was seine Schutzbefohlenen gesündigt; und ehe er des folgenden Tages zum drittenmal geläutet hatte, waren wir angezeigt. Mit blödem Zynismus wagten wir, unser Vergehen in Abrede zu stellen. Aber Quaddler stand zu fest in der Hochachtung seiner Gebieter, als daß man sein Zeugnis bezweifelt hätte. So räumten wir denn endlich ein, was nicht länger zu leugnen war, und ernteten als Lohn die beregte sechsstündige Karzerstrafe.

Es war doch ein eigentümliches Gefühl, als man so die enge Treppe hinaufwandelte und zum erstenmal die kahlen, weiß gestrichenen Eingänge der Zellen erblickte!

Quaddler war bei solchen Anlässen stets von ausgezeichneter Höflichkeit.

»Wollen die Herren Sekundaner nur hereinspazieren«, sagte er mit einer chevaleresken Handbewegung; »und dann möchte ich mir gütigst erlauben, daß Sie ja nicht zu viel klingeln, indem von wegen der Störung, weil nämlich die Herren Lehrer, insofern sie den Unterricht erteilen, bei fortwährendem Geklingel nicht fortsetzen können.«

Er hatte seine guten Gründe, der ehrliche Quaddler, warum er die Karzer-Delinquenten stets so höflich apostrophierte. Von jeder Stunde, die wir verbüßen mußten, erhielt er einen Kreuzer süddeutscher Währung, und ich versichere feierlichst, er stand sich nicht übel bei diesem Zuschuß! Mit edler Pflichttreue brachte er jeden Verstoß gegen die Gymnasialgesetze zur Anzeige, und ehe ein Frevler gezüchtigt war, kannte seine moralische Entrüstung keine Grenzen.. Sobald aber der Mund des Lehrers die Strafe diktiert hatte, sobald war das sittliche Bewußtsein im Busen Quaddlers befriedigt, und er kehrte die volle Schönheit seiner Humanität heraus. Ja, er empfand etwas wie Liebe für seine Sträflinge; nur mußte man sich völlig der Hausordnung fügen, denn in diesem Punkte war er Pedant.

Er öffnete also und ließ uns eintreten in die Hallen der stummen Verbannung. Wohl gemerkt: jeden einzelnen in ein besonderes Lokal; denn gerade durch das System der Einzelhaft unterschied sich der Karzer von dem milderen Arrest.

Die Türen fielen krachend ins Schloß, die Schlüssel drehten sich um – fast so geschwind wie jene unglückseligen Kleiderhaken –, Quaddler tappte wuchtigen Trittes nach der Türe der Vorflur, schloß auch diese und eilte die Treppe hinunter.

Da saßen wir denn zum erstenmal auf dem Karzer! Das Krachen des Schlüsselumdrehens war das Totenlied unserer Freiheit gewesen.

Verglichen mit dem Arrest, durfte der Karzer für eine weit entschiedenere Absperrung von der bürgerlichen Gesellschaft gelten. Während jener Stunde, die wir zur Abdrehung der Kleiderhaken benutzt hatten, war, wie manchesmal, eine Erholungspause mit behaglichem Fensterschauen verbracht worden. Hier, wo sich das einzige Fenster hoch an der Decke befand, war diese Zerstreuung um so weniger zu erreichen, als das Fenster durch ein starkes Gitter vor unseren Zudringlichkeiten geschützt war. Auch die sonstige Einrichtung unserer Zelle erschien minder behaglich als die Räume Sekundas. Ein kleines, weiß getünchtes Stübchen, dessen einziges Ameublement in einer Pritsche, einem Tisch und einem Stuhle bestand! Und die Pritsche war hart, und der Stuhl war noch härter! Auf dem Tische nahmen sich die wenigen Bücher, die wir mitgebracht hatten, schrecklich verödet aus, und der kleine, schwarze Ofen in der Ecke schien vor Melancholie verrosten zu müssen . . .

Eine Weile übte dieser erste Eindruck auf unsere Lebensgeister seine abdämpfende Wirkung aus; nach und nach jedoch erwachten wir zum frohen Bewußtsein, daß sechs Stunden keine Ewigkeit sind, und das erste Symptom dieser neu sich regenden Elastizität war ein Ruf an die Adresse des Nachbars.

»Du, Knebel, hier ist's äußerst gemütlich! Wie ist's bei Dir?«

»Famos«, antwortete Knebel.

Jetzt vernahm ich auch die undeutliche Stimme des dritten Dulders, dessen Zelle von der meinen durch die Knebels getrennt war. Es gewährte mir eine besondere Genugtuung, mit diesem fernen Freunde durch das Medium Knebels zu korrespondieren.

»Du, Knebel!«

»Was?«

»Frag' mal den Scholz, was er treibt.«

Alsbald telegraphierte Knebel weiter:

»Du, Scholz, was treibst Du eigentlich?«

Ein dumpfer Klang war die Antwort, und alsbald gab mir Knebel zurück:

»Nichts.«

»Ganz mein Fall«, sagte ich freudig erregt.

Pause.

»Du, Knebel!«

»Was?«

»Ich klingle jetzt!«

»Gut!«

Und nun zog ich die Klingel.

Es dauerte einige Minuten; dann klirrte die Tür der Vorflur, und Quaddler erschien vor den Zellen.

»Wer hat geklingelt?« fragte er unwillig.

»Ich, Herr Quaddler, ich«, rief ich, an die Tür pochend.

»Ich bin ja kaum zehn Minuten drunten«, gab Quaddler zur Antwort. »Was wünschen Sie?«

»Ach, Herr Quaddler, mir ist auf einmal so schlecht geworden. Bitte, lassen Sie mich gleich mal hinaus.«

Quaddler brummte etwas in den Bart und drehte den Schlüssel um.

»Ich sag' Ihnen, Herr Quaddler, ich hab' ein solches Leibweh bekommen! Ich kann den Geruch der Tünche nicht recht vertragen. Sie täten wirklich besser, wenn Sie die Karzerzellen tapezieren ließen.«

»Das wäre gütigst zu kostspielig«, versetzte Quaddler ärgerlich. »Machen Sie jetzt nur mal, daß sie fertig werden und wieder hineinkommen. Ich habe dringende Geschäfte.«

»Ja, Herr Quaddler, das ist alles ganz gut, aber ich kann doch unmöglich . . .«

»Ach, die Herren Sekundaner haben allzeit eine Ausrede . . .«

Ich blickte mich jetzt auf der Vorflur um und sagte dann wohlwollend:

»Die Schränke da gehören wohl Ihnen? Sehr schöne Schränke, wirklich ganz ausgezeichnete Schränke. Es sind wohl Kleiderschränke?«

»Sozusagen teilweise«, erwiderte Quaddler sichtlich geschmeichelt. »Aber machen Sie jetzt nur rasch. Ich habe sehr wenig Zeit . . .«

Ich trat an einen der Schränke heran und befühlte ihn.

»Echtes Eichenholz«, sagte ich mit Kennermiene. »Wirklich, Herr Quaddler, ich beneide Sie. Wo haben Sie die Schränke eigentlich her?«

»Erlauben Sie gütigst, die Pflicht meines Amtes . . . Ich kann mit dem besten Willen nicht zugeben . . . Wollen Sie jetzt . . . oder wollen Sie nicht . . .?«

»Aber ich werde doch einmal Ihre Schränke betrachten dürfen . . .«

»Wenn Sie heute abend Ihre Strafe verbüßt haben, will ich mir gütigst erlauben, Ihnen die Schränke in allen Einzelheiten zu zeigen. Aber jetzt, inwofern Sie wirklich die Absicht haben . . .«

»Es ist hier draußen viel bessere Luft als drinnen«, sagte ich, auf ein anderes Thema ablenkend.

»O, da drinnen ist ganz gute Luft; und wenn die Herren Sekundaner die Haken abreißen, so ist die Luft längst schön genug, und ich muß jetzt in allem Ernste bitten, sich gefälligst beeilen zu wollen. Da schlägt's schon ein Viertel . . .«

»Ein Viertel! Wahrhaftig! Man soll's gar nicht sagen, wie doch die Zeit vergeht! Überhaupt, wenn man bedenkt . . . Wissen Sie noch, Herr Quaddler, wie ich in Quarta saß . . . Ich meine, das wäre erst gestern gewesen!«

»Wie Sie in Quarta saßen, hatten Sie gütigst viel weniger tolle Streiche im Kopfe, und wenn Sie ergebenst meinen, Sie könnten mich hier zum Narren halten, so werde ich dem Herrn Professor mitteilen, daß Sie immer sagen, Sie hätten Leibweh und könnten die Tünche nicht vertragen, und nachher von Quarta sprechen und doch nicht hineingehen.«

Mit diesen Worten trat er an die Tür der Zelle.

»Wollen Sie jetzt, oder wollen Sie nicht?«

»Es ist wirklich merkwürdig, Herr Quaddler,« sagte ich, tief Atem holend, »die kühle Luft hier draußen hat mich auf wunderbare Weise gestärkt. Es ist mir gar nicht mehr übel, und wenn Sie erlauben, verfüge ich mich wieder in meine Zelle.«

»Sie werden ja sehen, was Sie sich anrichten.«

»Aber zum Donnerwetter, wenn sich mein Leibweh doch gebessert hat! Soll ich denn nur, um Ihnen einen Gefallen zu tun . . .«

»Was? Donnerwetter wollen Sie sagen? Ei, zum Donnerwetter, das laß ich mir nicht gefallen. Wofür halten Sie mich? Marsch in die Zelle!«

»Quaddler, Quaddler, werden Sie nicht unangenehm.«

»Ach, ich bin's müde, mich von Ihnen hänseln zu lassen!« Und krach! flog die Tür zu, und brummend schlich der ehrliche Schließer von dannen.

Abermals ein kurzes Zwiegespräch mit dem trefflichen Knebel.

»In zehn Minuten ist die Reihe zu schellen an mir«, rief er jauchzend. »Der Quaddler soll doch wissen, wofür er das schwere Karzergeld einheimst.«

Ich benutzte die Frist bis zur nächsten Quaddler-Episode, um mich im Innern meiner Zelle etwas gründlicher umzusehen.

Wenn ich die Mauern meines Verließes vorhin »weiß getüncht« nannte, so war dies insofern inkorrekt, als die ursprüngliche Reinheit des Kolorits längst einem Zustande schwarz gesprenkelter Unsauberkeit Platz gemacht hatte. Da existierte kaum ein Fleckchen, wo nicht ein Tintenklex, eine Inschrift oder eine groteske Zeichnung prangte, so daß einzelne Partien der Wandfläche den Eindruck einer fast regelmäßigen Marmorierung hervorriefen.

Ich trat näher herzu: Hunderte von Vorgängern hatten hier eine beredte Erinnerung an durchlittene Stunden zurückgelassen . . . Ich bekenne, daß mich dieser augenscheinliche Beweis von dem socios habuisse malorum äußerst behaglich anmutete. Und dabei ersah ich aus den meisten dieser Ergüsse, daß die Schmerzen des Karzers keineswegs den guten Humor schädigten: eine Wahrnehmung, die sofort in meinem eigenen Busen verwandte Regungen weckte.

Da stand z. B. in großen lateinischen Lettern, fast unmittelbar an der Decke:

Weil ich den Schmidt am Haar gezerrt,      
Hat Bosheit mich ins Loch gesperrt.
Meier.

Und gleich daneben von derselben Hand:

O Heinzerling, Du schuldest meine Pein, –
Die Götter mögen gnädig Dir verzeihn!

Ein Ungenannter verstieg sich zu folgendem Stoßseufzer:

Führt denn gar kein Weg,
Führt denn gar kein Steg
Aus der Prima schnödem Tartarus,
Wo der Herr Scholar,
Weil er kneipen war,
Ganze Tage stumm verschmachten muß!

Darunter in schöner Frakturschrift:

Vae victis!

Und hiervon links:

Illi robur et aes triplex circa pectus erat, qui primus
fragilem discipuluim carceri commisit.

Ein gewisser Ittmann, künftiger Philologe von Fach, hatte einen Vers des Tyrtäus in den Kalk eingekratzt und dann die Vertiefungen mit Rotstift bemalt, so daß da fast in der Weise einer pompejanischen Mauerinschrift zu lesen war:

Ωσπερ ονοι μεγαλοις αχδεσι τειρομενοι.

Zu deutsch:

Wie die Esel seufzen wir unter den schrecklichsten Lasten.

Auf der entgegengesetzten Wand las ich die schwungvollen Verse:

Mein Schicksal war ein Zechgelag,
Nun schmacht' ich in des Karzers Kette;
Doch wärst Du hier, geliebte Henriette,
Des Orkus Nacht verklärte sich zum Tag.

Ganz ähnlich hatte sich mein Mitschüler Schwarz vernehmen lassen, der ausnahmsweise bereits in Tertia »unter das Dach« geschafft worden war. Er schrieb:

O Fanny, himmlisches Mädchen, wenn Du, Engelgleiche, mich lieben wolltest, ich ließe mich gern Zeit meines Lebens hier einsperren.

Dein treuer Seelsorger
G. Schwarz.

In kecken Lettern prangte unmittelbar darunter folgender Passus:

Wilhelm Rumpf, weil er dem Klufenbrecher Kirschkerne unter den Stuhl gelegt hat, mit acht Stunden Karzer bestraft. Gott, wie wenig!

Ein Jüngling namens Fresenius ließ sich also vernehmen:

O Karzer, stiller Raum,
Du meiner Sehnsucht Traum,
Du Wiege meiner Leiden,
Um sieben müssen wir scheiden.

E. P. aus L. schrieb das Nachstehende:

Wie, schnöder Quaddler, Du weigerst Dich, zu öffnen, wenn ich klingele? Wahrlich, ich klingele nicht aus Übermut, sondern aus Not . . . Nun, ich spreche mit einer leichten Variation des Horaz:

Aquam memento rebus in arduis servare.

Das waren so die pikantesten und witzigsten Scherze dieser Wandliteratur. Andere Aufzeichnungen entbehren der Pointe, wie z. B. die echt sekundanerhafte Lobrede auf des Pedells liebreizendes Töchterlein:

Anny Quaddler est virgo venustissima, dulcissima, placentissima. Basia ei dare velim quam plurima. Pedes habet elegantissimos, genua rotundissima et cetera.

Natürlich fehlten auch die gröberen Lästerungen, Zynismen und Cochonnerien nicht. Es hat von jeher eine stark verbreitete Sorte von Schülern gegeben, die den Mangel an Esprit und Humor durch einen scharf ausgeprägten Kultus der Zwei- und Eindeutigkeiten zu ersetzen suchen, geistlose Zotenjäger, die in jedem Kleiderhaken einen Phallus erblicken, ohne imstande zu sein, ihre Sottise in ein erträgliches Epigramm zu kleiden. Auch diese Dunkelmänner hatten reichlich zur Beklecksung der Karzerwände beigetragen; aber es fehlte ihren Skripturen auch jene bescheidene Dosis von Salz, die man einem christlich-germanischen Sekundaner zumuten darf.

Ich wurde aus meinen Betrachtungen durch Knebels Geklingel jählings emporgeschreckt. Drei Minuten später ertönten auf dem Korridor wieder die Schritte Quaddlers. Knebel begann ein entsetzliches Ächzen und Stöhnen.

»Ach, Herr Quaddler, ach, um Himmels willen, was ist mir so schlecht! Machen Sie schnell auf! Ich muß mich fürchterlich übergeben! Schnell, schnell! Ach du lieber Gott, ist mir schlecht!«

»Herr Knebel,« begann Quaddler mit einer Stimme, aus der man sein olympisches Stirnrunzeln hervorlas, »ich sage Ihnen, ohne Scherz, wenn Sie mir so kommen, so werden Sie sich ergebenst täuschen.«

Knebel stieß einige ganz entsetzliche Würgtöne ans und bat dann von neuem in kläglichster Melodie um Öffnung der Zelle.

Wütend stieß Quaddler die Tür auf.

»Gott sei Dank! Das war gerade zur rechten Zeit. Ach, Herr Quaddler, was ist mir so schlecht! Lassen Sie mich nur ein Viertelstündchen hinaus.«

»Das geht nicht«, versetzte der Pedell, durch die Naturwahrheit, mit welcher Knebel seine merkwürdige Rolle spielte, stutzig gemacht.

»So holen Sie mir rasch etwas frisches Wasser«, stöhnte der Heuchler, von neuem glucksend und gröhlend. »Ach, wenn das meine Mutter wüßte! Ach Gott, wie ist mir so schlecht!«

»Gut, das Wasser sollen Sie haben. Aber das sag' ich Ihnen, treiben Sie mir nicht die Sache zu weit, und ulken Sie mich nicht alle Augenblicke herauf. Ich bin nicht zu Ihrer Bedienung da, das müssen Sie sich nicht einbilden.«

Mit diesen Worten entfernte er sich. Die Zelle Knebels hatte er offen gelassen; der Verschluß des Korridors genügte ja! Knebel aber hatte nichts Eiligeres zu tun, als mir und unserem Kameraden Scholz das Verließ zu öffnen und so auf der geweihten Domäne Quaddlers eine Dreimännerversammlung höchst revolutionärer Art ins Leben zu rufen. Unsere Verabredungen waren in Kürze getroffen. Scholz versteckte sich hinter einem der Schränke, nachdem wir vorher seine Zelle sorgfältig verschlossen hatten. Ich selbst begab mich in mein Gefängnis zurück und wartete, bis Knebel seine Übelkeits-Angelegenheiten geordnet hatte. Dann, um der Möglichkeit einer Visitation bei Scholz vorzubeugen, klopfte ich und bat mir ebenfalls ein Glas frisches Wasser aus, wobei ich durch allerlei gekünstelte Phrasen die Ungeduld Quaddlers so sehr steigerte, daß er schwur, er werde nicht mehr heraufkommen, und wenn wir die Klingel abrissen.

Weiter wünschten wir nichts.

Nachdem Quaddler verschwunden war, trat Scholz aus seinem Versteck heraus, drehte die Schlüssel unserer beiden Zellen um, und siegesfroh sanken wir uns an die brüderlich klopfenden Herzen. Ein brillanter Skat (Scholz trug immer die Karten bei sich) vereinigte uns für den Rest unserer Strafzeit in fröhlicher Ungezwungenheit. Einmal noch hatten wir, nachdem wir alle nötigen Vorbereitungen getroffen, den Pedell herauf zitiert; unsere dauernde Ruhe hätte seinen Verdacht erregt. Im übrigen blieben wir unbehelligt. Und so endete denn unser erstes Karzererlebnis in jeder Hinsicht befriedigend.

Mein zweiter Aufenthalt in »Quaddlers Dachkammern« steht mir nicht minder klar im Gedächtnisse wie mein Debüt. Späterhin haben die Eindrücke sich verwischt. Die »halben« und die »ganzen« Tage wiederholten sich zu massenhaft, als daß jede einzelne Perle dieses Rosenkranzes in meiner Erinnerung aufgezeichnet sein könnte. Damals aber war meine Seele in Karzerangelegenheiten so jungfräulich, daß selbst das geringste Ereignis eine unauslöschliche Spur zurückließ.

Es war drei Wochen seit jener ersten sechsstündigen Skathaft. Ich hatte diesmal einen vollen Tag zu verbüßen, und zwar in Gemeinschaft mit Wilhelm Rumpf, der Krone und dem Spiegel aller deutschen Gymnasialschüler. Die Ursache unserer Schicksale war nicht die gleiche. Rumpf hatte sich einer tätlichen Mißhandlung des zart organisierten Salonschülers Heinrich von Sternberg erfrecht, ich aber war, so seltsam es klingen mag, ein Opfer meines früh entwickelten Patriotismus geworden.

Zur Zeit meiner Sekundanerschaft florierte nämlich die Tätigkeit des Nationalvereins. Unser damaliger Geschichtslehrer, übrigens einer von den wenigen Pädagogen, die es verstanden, ihren Schülern wirkliches Interesse einzuflößen, benutzte eine Vorlesung über die französische Revolution, um den Nationalverein und seine Bestrebungen mit den terroristischen Klubs von Paris zu vergleichen. Teils aus Frömmig-, teils aus Zeitvertreib – wie die berühmte Dame des deutschen Volkslieder –, will sagen, halb aus Liberalismus, halb aus Freude am Stören und Widersprechen, stand ich auf und erklärte dem »großdeutsch« gesinnten Lehrer feierlich, es sei mir leider unmöglich, seine politischen Anschauungen zu teilen. Der Ordinarius von Sekunda zähle ja persönlich zu den Mitgliedern des Nationalvereins, ohne daß man behaupten könne, derselbe habe Ähnlichkeit mit Robespierre oder Marat. Das war nun freilich eine für den Lehrer sehr unangenehme Gegenrede, denn die Tatsache von der Mitgliedschaft des Ordinarius ließ sich nicht abstreiten. Der Herr Professor mochte überdies der berechtigten Ansicht huldigen, meine Opposition habe etwas von der prinzipiellen Feindseligkeit der »Unversöhnlichen«. Er schritt zur Gewalt und verbannte mich wegen frecher Störung für zwölf Stunden ins Gymnasialgefängnis.

Man hatte diesmal mit diabolischer Tücke den Sonntag für die Verbüßung der Haft festgesetzt, eine Maßregel, die unser Schicksal bedeutend erschwerte.

Schon um drei Viertel auf sieben mußte ich mich den Armen des Schlummers entreißen, der uns Schülern doch gerade den Sonntagsmorgen so lieb und wert vor allen übrigen machte! Nicht ohne eine gewisse Verstimmung wanderte ich durch die stillen Gassen, deren geschlossene Läden mich höhnisch angrinsten, als wollten sie sagen: Ei, schon so frühe? Wir beginnen unser Tagewerk noch lange nicht! Wohin denn mit deinen Büchern und deiner Schulmappe? So viel wir wissen, gibt es doch heute keine Lektionen . . ?

Nun, sprach ich zu mir selbst, ich werde den Tag schon herumbringen; und stolzen Hauptes wanderte ich an den schloßverhangenen Buden vorüber. Goethe hat es gesagt: In der Beschränkung zeigt sich erst der Meister! . . . Ich werde dem Schicksal beweisen, daß die Freiheit selbst in dem Kerker wohnt!

Am Brandplatze begegnete mir der alte Registrator Bieler, ein bekannter Frühaufsteher, der seinen Spaziergang machte. Als ich ihn grüßte, bemerkte ich, daß über seine Lippen ein halb sarkastisches, halb mitleidiges Lächeln glitt. Auch nickte er so ganz eigentümlich still vor sich hin . . . Die verwünschten Bücher! Die niederträchtige Schreibmappe! Ich fühlte, ich war erkannt. Mit dem feierlichen Ernst eines alten Römers gelobte ich mir, in Zukunft meine Bücher stets am Tage zuvor bei Quaddler zu deponieren.

Und nun betrat ich das Gymnasialgebäude.

Wie öde, wie leblos dehnten sich diese Mauern! Hier, wo sonst das lauteste, regste Treiben herrschte, wo das Gelächter chronisch und das Gebrüll permanent war, hier thronte jetzt die dumpfe Majestät einer Grabesstille, die mir kalt auf die Seele fiel! Nichts ist trauriger als der Kontrast zwischen dem belebten und dem unbelebten Raum! Ein Schauspielhaus sieht nach beendigter Vorstellung weit trübseliger, ja in gewissem Sinne erschütternder aus, als die ödeste Heide . . . . Nun, das Gymnasium ist ja auch eine Art Schauspielhaus, nur daß die Komödianten hier gleichzeitig das Publikum abgeben.

Langsam ging's die Wendeltreppe hinauf nach den Regionen des Dachstuhls . . . . Rumpf war noch nicht da. Einsam verhallten unsere Tritte durch den weiten, schläfrigen Raum. Ich sprach keine Silbe. Mit einer Art von wollüstigem Grausen sog ich die Elegie dieser trübseligen Morgenstunde in mein Gemüt ein.

So war ich denn in die Zelle gelangt. Fünf Minuten später kam Wilhelm Rumpf, – ebenfalls sehr stumm und geräuschlos. Die Tür fiel hinter ihm zu: wir waren allein, – durch das gemeinsame Schicksal verbunden und doch getrennt durch die kalkbeworfene, inschriftenübersäte Wand.

Rumpf war der erste, der das feierliche Schweigen zu brechen wagte.

»Prosit!« rief er mit gewohntem Zynismus.

Der warme Klang dieser Stimme gab mir die volle Elastizität des Geistes wieder.

Ich antwortete, und so entspann sich ein brüderliches Gespräch, das endlich mit dem Bemerken abgebrochen wurde, man wolle zunächst etwas arbeiten, da ja der Tag lang und das dolce far niente gerade in diesen Räumen am wenigsten dolce sei.

Ich setzte mich an den Tisch und durchmusterte meine Papiere und Bücher.

Homer! Aufs Geratewohl schlug ich auf und las. Die frische Seeluft, die mir aus den Rhythmen des hellenischen Sängers entgegenwehte, paßte so wenig zu meiner Situation, daß ich nach kurzer Frist das Buch zuklappte und hinauf nach dem spärlichen Stück blauen Himmels sah, das in wolkenloser Klarheit durch die vergitterte Luke herein glänzte. In der Tat, es gab keinen schrofferen Gegensatz, als zwischen jenem ungebundenen Abenteurer Odysseus, der mit den lieben Genossen die weintraubenfarbige Salzflut befuhr, und mir, dem gefesselten Sekundaner, der in den Karzerräumen eines deutschen Provinzgymnasiums für den Nationalverein büßte!

Meine Stimmung war jetzt, infolge der verschiedenen Wandlungen, die sie erlitten hatte, nachgerade bis zu dem Punkte gediehen, wo der deutsche Gymnasiast sich in Versen ergeht. Überhaupt war der Karzer für mich stets ein poetisch fruchtbarer Boden. Hier entstand mehr als ein Gedicht, das später mit geringen Veränderungen im Druck erschien, hier wurde gar mancher Ton angeschlagen, dem man nicht anmerkte, daß er dem Territorium Quaddlers entstammte. Auch die Primanerliebe fand die glücklichsten Momente ihrer lyrischen Gestaltungskraft auf dem prosaischen Karzer! Es klingt wunderbar, aber es ist so . . .

Ich setzte mich also wieder behaglich zurecht, breitete einen Bogen Papier vor mich hin und ergriff die Feder.

Was schrieb ich?

Ein Klagelied um »die sonnigen Tage von einst«!

Es ist eine sonderbare Erscheinung, die unter anderen auch Paul Heyse in der Novelle »Lottka« zum Ausdruck gebracht hat, daß die Jugend, die eigentlich noch kaum von einer Vergangenheit reden kann, mit Vorliebe ihren begrabenen Träumen, ihren zertrümmerten Hoffnungen nachweint. So singt der achtzehnjährige Paul in der tränenreichen Melodie des » long, long ago«:

Ich glaube, in alten Tagen,
Da liebt' ich ein Mägdelein . . . .

Späterhin erscheint uns dergleichen fast unbegreiflich; aber wenn man mitten darin steckt, so kommt man sich mit seiner ganzen wehmuterfüllten Individualität so heilig und ernst vor, daß man jeden Zweifel mit Entrüstung von der Hand weisen würde.

»Die sonnigen Tage von einst« erleichterten mir das Herz, und in bester Laune benutzte ich die Rückseite des Blattes zur Abfassung eines Karzerhymnus, der in dröhnenden Rhythmen die Nichtswürdigkeit dieser Anstalt vom Standpunkte der reinen Moral zu beleuchten suchte.

Mit einemmal ertönten die Kirchenglocken. Eine erneute Erinnerung an den Zustand der Unfreiheit! Sonst hatte uns jeder Sonntag, dafern wir die Stunde nicht ruchlos verschlafen, beim Vormittagsgottesdienst am Hause des Herrn gesehen. Ich sage »am« Hause des Herrn, denn wir standen davor, mit dem sehr weltlichen Zwecke, die schönen Töchter des Landes einwandeln zu sehen. Die Lehrer, insbesondere die Religionslehrer, hatten uns zwar vielfach Vorlesungen im Sinne der berühmten Londoner Anti-young-men-before-the-church-standing-association gehalten und uns schließlich gesagt, wenn wir denn absolut nicht von dieser Unsitte ablassen könnten, so möchten wir doch wenigstens nach stattgehabter Revue auch das Innere des Tempels besuchen; aber diese Mahnungen blieben fruchtlos. Wir überschritten nur selten die Schwelle. Nicht als ob wir schon damals sämtlich überzeugungsfeste Anhänger von Schopenhauer oder David Strauß gewesen, nicht als ob wir jeder Sympathie für die Kirche entbehrt hätten, nein, es war ein anderer Umstand, der uns zurückhielt: der Eifer nämlich, mit dem die Lehrer sich jeden, der beim Gottesdienste erschien, ins Notizbuch vermerkten. Nur eine ganz verschwindende Minorität strenggläubiger oder augendienerischer Alumnen frequentierte die Kirche trotz dieser unglückseligen Methode. Die Quartalzensur brachte dann unter den »Besonderen Bemerkungen« das herrliche Lob: » NB. Besuchte fleißig die Kirche . . . .«

Jetzt tönten die Glocken durch die klare, friedliche Morgenluft. Ich glaube, wenn's mir in diesem Augenblicke freigestanden hätte, ich würde meine Zelle nicht nur mit dem Platz vor der Kirche, sondern auch mit der Emporbühne im Innern vertauscht haben, selbst auf die Gefahr hin, als kirchenfleißig notiert zu werden.

Rumpf schien von ähnlichen Gefühlen durchflutet. Denn mit einemmal rief er mir sonderbar gähnend zu:

»Du, es ist doch verflucht langweilig!«

»Es geht«, antwortete ich mit gut erkünstelter Überlegenheit Es ging aber nur sehr mangelhaft!

Wilhelm Rumpf griff nun zu dem niemals versagenden, ewig vollgültigen Universalmittel des Klingelns. Quaddler erschien. Es entspann sich ein Dialog, nach dessen Beendigung der Pedell wieder verschwand, ohne daß sich unsere Situation im wesentlichen gebessert hätte. Der ehrliche Schuldiener mußte von unserer neulichen Skatpartie Wind bekommen haben, denn er weigerte sich hartnäckig, uns Wasser zu holen, solange Rumpf sich auf dem Vorflur befand. Deprimiert hörten wir seine nägelbeschlagenen Absätze treppabwärts poltern. Für diesmal schien aus unserer Partie Piquet, auf die wir so zuverlässig gerechnet hatten, nichts werden zu sollen.

Da fiel mein Blick auf das Fenster. Die Vergitterung war nicht in die Mauer eingelassen. Sie bestand vielmehr aus einer Art Rost, die man mit Schrauben an das Holzwerk befestigt hatte. Ein köstlicher Gedanke zuckte durch mein Gehirn. Wenn es uns gelang, diese Schrauben zu lösen, so konnten wir die Kommunikation, die auf normalem Wege durch die Türen unmöglich war, über das Dach bewerkstelligen. Die Neigung der schiefergedeckten Fläche war eine sehr mäßige – eine Gefahr also nicht vorhanden. Und überdies, was fragt ein deutscher Sekundaner nach der Gefahr, sobald es gilt, einen lustigen Streich auszuführen . . .!

Ich teilte meine Idee dem schandtatbereiten Freunde mit, der sie alsbald feurig ergriff.

Ans Werk also!

Ich rückte den Tisch gerade unter die Dachluke, stellte den Stuhl in die Mitte der geräumigen Platte und stieg dann langsam hinauf. Der improvisierte Bau war hoch genug, um das Gitterwerk in den Bereich meiner Hände zu bringen. Ich überzeugte mich, daß der eiserne Rost sich an der einen Seite wie ein Deckel in Scharnieren bewegte, während die andere Seite mit vier großen Schrauben an der Rampe des Fensters haftete. Wenn man diese vier Schrauben herauszog, so mußte das Gitter ganz nach Art einer Lukenklappe heruntersinken und die Fensteröffnung frei geben. Die Einrichtung hatte überdies den Vorteil, daß man die Spuren dieser rechtswidrigen Eröffnung wieder austilgen konnte. Eine einzige Schraube, nur zur Not eingedrückt, reichte aus, um das Gitter in der Schwebe zu halten, – ein Umstand, der nicht unterschätzt werden durfte. Der Pedell stattete uns nämlich, so ungern er auf unser Klingeln erschien, mitunter Besuche aus dem Stegreif ab.

Da ich keinen Schraubenzieher besaß, so öffnete ich mein Taschenmesser, das mir in Gymnasialangelegenheiten stets ein unentbehrlicher Diener gewesen. Ich könnte über dies Taschenmesser eine lange Serie höchst stimmungsvoller Geschichten schreiben. Parenthetisch erwähne ich hier nur das Nachstehende: Es existierten innerhalb des Gymnasialgebäudes wenige Subsellien, in die ich nicht eine Anzahl sehr korrekt gemeißelter Inschriften eingraviert hätte. Nun gab es zwar einen Gesetzesparagraphen, der da besagte: »Es ist den Schülern dieser Anstalt aufs strengste verboten, in die Bänke, Tische, Stühle und sonstige Gerätschaften des Inventars Namen einzuschneiden.« Aber niemals hat zwischen der Praxis und der Theorie eine so unausgefüllte Kluft gegähnt, wie hier! Die Subsellien unseres Gymnasiums waren geradezu Musterkarten aller erdenklichen Schriftarten, von dem unbehilflichen Stümpern des Anfängers bis zur technisch vollendeten Leistung des Virtuosen. Da winkten in schöner Antiqua unzählige Josephinen, Mathilden, Henrietten und Wilhelminen; da prangten in prickelnder Perlschrift zierliche Disticha und geistvolle Quatrains; ja selbst Häuser, Bäume und ähnliche Gegenstände waren in ihren Umrissen dargestellt. Hutzler hat späterhin auf einem Tische der Prima einen großen Kanal gebaut, der in mehrfachen Windungen von dem einen Ende zum anderen lief und, wenn man den Tisch durch untergeschobene Bücher in eine schräge Lage versetzte, vollkommen geeignet war, einen Tintenstrom en miniature von der Quelle bis zur Mündung fließen zu lassen. Niemals, solange man denkt, ist ein Schüler wegen Einschnitzungen bestraft worden, obgleich der Pedell mit großem Eifer auf die Missetäter fahndete. Wir schnitten nämlich, um die Möglichkeit, aus dem Inhalt des Eingeschnittenen auf den Täter zu schließen, ein für allemal in der Wurzel zu ersticken, nicht selten die Namen solcher Schüler ein, denen man dergleichen wegen der musterhaften Korrektheit ihres Lebenswandels nicht zutrauen konnte. Ja, Boxer gravierte einmal in majestätischen Lettern: Samuel Heinzerling ! Nachdem wir diesen Präzedenzfall geschaffen, durften wir getrost unsere eigenen Namen verewigen, denn nun war die Entschuldigung gestattet: alius fecit!

Der Leser könnte nun fragen, ob denn ein Schluß von dem Platz auf den Täter nicht viel korrekter gewesen wäre. Jawohl! So leicht faßt man uns nicht! Alle acht Tage wurden infolge der exercitia pro loco die Plätze gewechselt. Wenn jemand also einen besonders auffallenden Einschnitt verbrochen hatte, so machte er die Spuren seiner Tätigkeit für die nächsten acht Tage unkenntlich. Das geschah auf folgende Weise: In erster Linie ward die helle Schnittfläche mit Tinte behandelt, so daß sich der Einschnitt durch nichts von den übrigen, ebenfalls schwarz und alt aussehenden, unterschied. Dann füllte man die Vertiefungen dergestalt mit festgeknetetem Brot aus, daß die Fläche wiederhergestellt war. Hierüber legte man abermals eine Lage von Tinte. Da die ganze Tischfläche schwarz und überdies ziemlich rauh und zerklüftet war, so hätte man jeden Qnadratzoll genau untersuchen müssen, um die betreffende Stelle zu finden. Nach vierzehn Tagen, wenn der Täter längst an einem andern Platze saß, hob er vor dem Beginn der Lehrstunde die jetzt dürr gewordene Brotfüllung heraus, und wie mit einem Zauberschlage stand die ganze Inschrift in ihrer vollen Glorie auf der verwandelten Fläche. Wurde Quaddler jetzt wirklich durch diese Novität befremdet, so war man jeder Verantwortung überhoben; der Schüler aber, der neu auf den verfänglichen Platz versetzt worden war, erklärte auf eine etwaige Interpellation sittlich entrüstet: »Aber ich sitze ja hier erst seit gestern, und um das einzuschneiden, braucht man doch mindestens acht Tage!« Der Lehrer ließ dann die Sache aus Opportunitätsgründen »auf sich beruhen«.

Dieses bedeutsame Messer also, das hornumschiente, wie Homer sagen würde, zog ich aus der Tasche und begann meine Operation. Die Schrauben saßen verzweifelt fest, – aber nach Verlauf einer halben Stunde und mit Aufopferung einer Klinge gelang es mir doch, mein Problem zu bewältigen. Das Gitter senkte sich geräuschlos. Ich faßte rechts und links den Lukenrand und schwang mich empor.

Ein wunderbarer Anblick belohnte mich. Da unten tief lag der große, stille, einsame Platz. Gegenüber das gewaltige Zeughaus, dessen graurötliches Gemäuer fast an die Ruinen des Heidelberger Schlosses gemahnte. Nach rechts die Stadt mit ihren zahllosen Giebeln und Dächern, nach links der herrliche Wiesengrund mit den freundlichen Landhäusern; und fern am Himmelsrande die bewaldeten Höhen, deren letzte Kuppen bläulich hinüber schimmerten.

Da drüben, an dem großen Fabrikgebäude vorüber, erkannte ich auch das Haus des Professors, dem ich meine Gefangenschaft zu verdanken hatte.

Schnöder Tyrann, dachte ich bei mir selbst, wie schwer hast du dich betrogen! Du wähnst mich im öden Dunkel der Zelle, und ich halte hier Musterung über die Herrlichkeiten des Landes! Ha, wie frei und köstlich mir diese Morgenluft die Schläfe umspielt! Stolz blicke ich von meiner Höhe herab auf die Kleinheit und Gemeinheit des Lebens! Was kriecht und krabbelt da unten? Ich glaube, der Registrator Bieler, der von seinem Morgenspaziergange zurückkehrt! Wie kläglich! Wie pygmäenhaft! Jetzt hebt er den Kopf . . . . Ich ducke mich schleunigst . . . . Aber es droht keine Gefahr; der Herr Registrator hat nur drüben nach der großen Uhr des Zollhauses geblickt.

» Salve!« tönt es mir plötzlich ans Ohr. Wahrhaftig, da ist er, Wilhelm Rumpf aus Gamsweiler, mein Leidens- und jetzt mein Freudensgefährte. Wenn wir uns weit überbeugen und die Arme ausstrecken, so können wir uns beinahe die Hände reichen.

»Ist's nicht famos hier oben in der freien, reinen, blauenden Himmelsluft?«

» Bene dixisti«, gibt Wilhelm mit der Würde eines echten Ciceronianers zurück.

Und nun beginnt ein Stündchen der entzückendsten Umschau. Wir preisen uns gegenseitig die Reize der Landschaft; wir glossieren die Personen, die da drunten vorüber schreiten.

Da kommt ein zierliches Dienstmädchen . . . .

Das ist das Lieschen von Wilhelm Rumpfs angeheiratetem Onkel. Wunderbar, wie hier vom Rahmen des Karzerfensters aus alles an Interesse gewinnt! Freilich, der Platz da unten liegt am Ende der Stadt, und die Menschen, die vorüber wandeln, sind zu zählen.

»Ah, ich weiß, was sie will«, sagt Rumpf mit verständnisinnigem Lächeln. »Der Onkel schickt sie zum Registrator Bieler, um für heute abend den Whistkranz abzubestellen. Die Tante ist unwohl. Weißt Du, carissime, die verrät uns nicht.«

Und mit verwegener Donnerstimme ruft er:

»Lieschen! Lieschen!«

Sie dreht sich um. Wilhelm Rumpf aus Gamsweiler möchte sich totlachen.

»Nimm Dich in acht«, warne ich im Ton einer Cassandra. »Der Quaddler hat Ohren wie ein Luchs. Auch muß Fräulein Anny jeden Augenblick aus der Kirche kommen.«

»Ah was! Bis der hier herauf tappt, sind wir längst wieder drunten – Lieschen!«

Dasselbe Spiel wiederholt sich. Endlich beim dritten Male sieht das Mädchen herauf. Wie vom Donner gerührt, bleibt sie stehen.

»Fort, fort!« winkt der Tollkühne, und Lieschen begreift. Noch mehrmals zurückblickend, wandelt sie ihrer Wege.

Da kommen zwei junge Damen, biegen aber gleich wieder rechte ab.

»Das ist Fräulein Elsner und ihr Besuch aus Schleswig«, erläutert Wilhelm Rumpf mit Kennermiene.

»Gott bewahre, es ist die kleine Waldow und ihre Cousine Griesinger . . .«

»Lehr' Du mich die Mädchen kennen. Ich sage Dir, ich täusche mich nicht . . . Aber sieh mal dort . . . Kennst Du den?«

»Weiß Gott! Der Quaddler! Er kommt aus der Kirche! Rasch hinunter . . . Jetzt hat er sein Pflichtbewußtsein gestärkt und wird uns einen Besuch abstatten.«

Im Nu tauchen wir in die Luke. Zwei Minuten später ist das Gitter angeschraubt, der Stuhl vom Tisch gehoben und alles in Ordnung gebracht.

Unsere Ahnung betrügt uns nicht. Es währt nur kurze Zeit, da klirren draußen die Schlüssel, Quaddler schreitet über den Vorflur und begrüßt zunächst meinen Freund.

»Es ist auch recht schön von Ihnen, Herr Rumpf,« sagte er wohlwollend, »daß Sie nicht so viel geklingelt haben. Ich hab's schon von meiner Tochter gehört, es wäre alles recht stille gewesen.«

»Ah so,« erwidert Rumpf, »ich denke, Ihre Fräulein Tochter war in der Kirche . . .«

»Nein, heute mußte sie ergebenst zu Hause bleiben. Heute war mein Tag.«

»So, wer hat denn gepredigt?«

»Der Herr Kirchenrat.«

»Ist's möglich? Das Kirchenrätchen?«

»Herr Rumpf, ich muß Sie bitten, was den Respekt betrifft . . .«

»Tun Sie doch ums Himmels willen nicht so zimperlich! Alle Welt weiß doch . . .«

»Alle Welt weiß, daß Ihnen sozusagen nichts heilig ist, aber ich habe jetzt keine Zeit. Ich will noch mal hinübergehen, und dann muß ich gütigst einen wichtigen Brief schreiben.«

Sprach's, empfahl sich und erschien dann bei mir.

»Sagen Sie mal, Herr Quaddler,« hub ich an, nachdem wir die ersten Phrasen der Begrüßung gewechselt hatten, »wer waren denn eigentlich die zwei jungen Damen, die Ihnen da vorhin am Steueramte begegnet sind?«

Quaddler starrte mich an, als ob er ein Gespenst sähe.

»Wie? Was? Woher wissen Sie denn . . .?«

Jetzt erst erkannte ich, daß ich in meiner Zerstreutheit eine Bêtise verbrochen. Jeder andere Pedell würde den Unfug gemerkt haben; nur Quaddler war mit einiger Effronterie zu beschwichtigen.

»Sehr einfach, Herr Quaddler! Sehen Sie, Herr Quaddler, ich habe hier einen Taschenkamm, an dem ist hinten ein sympathetischer Spiegel. Wenn ich den nun so gegen das Fenster halte und mit dem einen Auge durch die Finger blinzle . . .«

»Zeigen Sie mal her«, sagte Quaddler erstaunt und bemühte sich, durch die Finger zu blinzeln.

»Ja. Sie halten das Ding falsch! So müssen Sie's halten!«

Ich stellte mich in Positur.

»Sehen Sie, ganz deutlich . . . Eben geht der Herr Registrator Bieler vorüber . . . Sehen Sie . . .«

Quaddler beeilte sich, meinem Beispiel zu folgen.

»Sozusagen nicht die Spur sehe ich«, rief er nach einer Weile.

»Sie sind wohl kurzsichtig?«

»Im Gegenteil weitsichtig.«

»Nun wohl, der Spiegel da ist nur für Kurzsichtige berechnet.«

»Das ist aber merkwürdig!«

»Sehr merkwürdig, Herr Quaddler!«

Der Pedell schüttelte den Kopf, als ob er der Sache nicht recht traute. Dann schaute er empor nach dem Gitter. Da war nichts Verdächtiges zu bemerken! Es mußte doch wohl in der Ordnung sein mit dem Spiegel . . .

»Wirklich, sozusagen ein sehr merkwürdiger Spiegel«, wiederholte er nachdenklich. »Nun, ich glaube, es wäre übrigens besser, wenn Sie lieber gütigst etwas arbeiten wollten!«

»Arbeiten? Am Tage des Herrn?«

»Warum nicht? Da Sie ja doch heute sozusagen keinen richtigen Sonntag haben, und die Arbeit übrigens nicht schändet . . .«

»Nun, ich werde mir's überlegen. Gehen Sie nur jetzt getrost an Ihren wichtigen Brief!«

Der Pedell empfahl sich.

Fünf Minuten später saßen wir wieder auf dem Rande der Luke und erfreuten uns der herrlichen Aussicht.

Nachdem wir unsere Gemüter an diesen Wonnen gesättigt, erwachte die Begier nach einer konkreten Zerstreuung.

»Wart', ich komme hinüber«, sagte Rumpf mit einem prüfenden Blick auf das Terrain.

Vorsichtig zog er erst das rechte, dann das linke Bein über den Fensterrand. Dann ergriff er einen jener Haken, an denen die Schieferdecker beim Ausbessern des Daches ihre Leitern festhängen, und gab sich einen kräftigen Schwung. Ich ergriff seine Linke, und das große Werk war vollbracht.

Wir arrangierten nun im Innern der Zelle eine Piquetpartie, die uns etwa eine Stunde hindurch auf das kostbarste amüsierte.

Da mit einemmal, welch ein unverhofftes Geräusch . . . Quaddler mußte dem sympathetischen Spiegel doch nicht so recht geglaubt haben, denn er war ganz leise die Treppe hinauf geschlichen und öffnete jetzt den Korridor mit diabolischer Vorsicht.

Wir rührten uns nicht. Es war für Rumpf augenscheinlich zu spät, um in seine Zelle zurückzukehren.

Quaddler trat an meine Tür und pochte.

»Was treiben Sie jetzt?« sagte er mißtrauisch.

Ich rückte ostensibel mit dem Stuhle, erwiderte das Klopfen und sagte:

»Gerade war ich dabei, das berühmte Carmen des Horaz: Odi profanum vulgus et arceo ins Deutsche zu übersetzen.«

»Das ist recht von Ihnen«, erwiderte Quaddler.

Und nun klopfte er an die Zelle Wilhelm Rumpfs.

»Was machen Sie denn, Herr Rumpf?«

Keine Antwort.

»Herr Rumpf! Ich frage Sie, womit Sie beschäftigt sind?«

Grabesstille.

Jetzt drehte Quaddler den Schlüssel um. Welch ein Anblick bot sich seinen entsetzten Blicken! Das Gitter erbrochen, der Sträfling verschwunden, – hinaus aufs Dach und von da vielleicht vermittelst der traditionellen Leine, von welcher Herr Quaddler erst jüngst in einem spannenden Lieferungsroman gelesen, hinab auf den festen Grund der Erde! Wer weiß, vielleicht hatte Rumpf genau die Absicht, wie jener italienische Grafensohn, unter die kleinasiatischen Seeräuber zu gehen . . .! Und doch . . . Es war nicht zu begreifen . . .!

»Herr Rumpf! Herr Rumpf!« schrie Quaddler verzweifelnd, »wo sind Sie?«

Alles stille.

»Da muß ich doch gleich einmal in seine Wohnung gehen und nachsehen, ob er daheim ist.«

Und mit rasender Eile stürmte er die Treppe hinab.

Sofort stieg Rumpf auf dem Wege über das Dach in seine Zelle zurück. Die Gitter wurden ganz regelrecht mit allen vier Schrauben befestigt, und als ob nichts geschehen sei, vertieften wir uns in unsere Bücher. Die Messer aber verbargen wir der Vorsorge halber in unseren Stiefeln.

So verstrich eine halbe Stunde. Da ertönten Stimmen . . . . Quaddler hatte sich richtig bei den Wirtsleuten, wo Wilhelm Rumpf zur Miete wohnte, erkundigt, und da man hier um den Verschwundenen nicht wußte, so war der biedere Pedell in seiner Verzweiflung zu dem angeheirateten Onkel gerannt, um diesen von dem Vorfall in Kenntnis zu setzen.

»Da, sehen Sie, geehrter Herr Rat,« sagte Qnaddler bebend, indem er den Schlüssel umdrehte, »fort ist er!«

»Ei, guten Tag, lieber Onkel!« rief Wilhelm Rumpf mit rührender Naivität; »das ist aber schön, daß Du mich hier 'mal besuchst.«

Quaddler und der Herr Rat standen wie angewurzelt. Mehrere Minuten lang war keiner von ihnen fähig, ein Wort über die Lippen zu bringen.

»Aber das werde ich dem Herrn Direktor vermelden«, stammelte endlich Quaddler.

»Was denn?« versetzte Rumpf harmlos.

»Daß Sie da oben hinausgeschlüpft sind, und wenn man dann meint, Sie wären fort, dann kommen Sie wieder.«

»Sie sind närrisch«, antwortete Rumpf. »Bin ich vielleicht eine Ratte? Da, sehen Sie her, der Zwischenraum da ist kaum eine Hand breit.«

»Ja, ja, Sie haben das Gitter abgeschraubt, ich hab's wohl gesehen, und dann sind Sie aufs Dach entschlüpft.«

»Herr Quaddler ich verbitte mir das! Womit soll ich das Gitter denn abschrauben?«

»Nun, Sie werden wohl irgend ein Instrument bei sich haben.«

»Lieber Onkel, Du bist Zeuge. Ich belange den Quaddler wegen Verleumdung. Jetzt aber stelle ich die kategorische Forderung. daß ich augenblicklich untersucht werde.«

»Gut, das soll geschehen«, erwiderte Quaddler. »Ich werde das Meißelchen schon finden, mit dem Sie die Sache gemacht haben.«

»Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich keinen Meißel besitze, noch jemals besessen habe. Untersuchen Sie nur meine sämtlichen Taschen. Sie haben wahrscheinlich nach der Kirche die Lotz'sche Bierstube besucht . . .«

Die Visitation blieb natürlich fruchtlos.

»Ja, Herr Quaddler,« sagte Rumpfs Onkel, »ich begreife in der Tat nicht, was Sie eigentlich wollen. Das Gitter da ist doch ganz fest, und mit den Fingern kann man's nicht abschrauben . . .«

Rumpf wandte sich verständnisinnig zu diesem gewichtigen Fürsprecher und murmelte:

»Ich sag's ja, er war bei Lotz. Gestehen Sie's offen Quaddler!«

»Bei Lotz . . ., das steht sozusagen richtig, aber ich habe nur zwei Glas Bier getrunken, und was ich gesehen habe, das hab' ich gesehen, und das laß ich mir nicht ausreden, und wenn Sie gütigst erlauben, werd' ich's dem Herrn Direktor vermelden.«

»Zwei Glas Bier!« schrie Wilhelm Rumpf. »Und ein Mann, der sich solchen Ausschweifungen überläßt, will uns moralische Vorlesungen halten . . ? Wissen Sie was? Besoffen sind Sie gewesen, und da haben Sie in Ihrem Taumel eine Halluzination gehabt. Ich bin hier nicht von der Stelle gewichen und habe gearbeitet, während Sie den heiligen Sonntag durch ein Zechgelage entweihten. Ich werde dem Herrn Direktor schon das Nötige zu vermerken wissen, wenn Sie mich anschwärzen wollen. Soll ich noch dafür aufkommen, wenn Sie sich in aller Frühe einen Rausch antrinken? Pfui, und abermals pfui! Sie wollen Pedell sein? Sie wollen eine Tochter erziehen? Sie sollten sich schämen! Ein Mann von beinahe fünfzig Jahren und solche Extravaganzen . . .! Siehst Du, Onkel, so hat man nun seine Not auf der Welt: wenn der Pedell sich bekneipt, soll der Sekundaner die Suppe ausessen!«

»In vollem Ernste, Herr Quaddler,« begann jetzt der Onkel, »ich fange an zu glauben, daß Sie sich in eigentümlicher Weise getäuscht haben. Darf ich Ihnen einen freundschaftlichen Rat erteilen, so lassen Sie die Sache auf sich beruhen. Der Herr Direktor gibt etwas auf mein Urteil, und ich werde ohne Bedenken die Aussagen meines Neffen bestätigen. Oder haben Sie sich vielleicht gar in der Zelle geirrt? Nicht wahr, daneben sitzt ja noch einer?«

»Nein, nein!« erwiderte Quaddler, »es war hier diese Zelle, und ich will nicht selig werden . . .«

»Sie sind hartnäckig«, sagte der Onkel; »Scherz beiseite, ich werde die nächste Gelegenheit ergreifen, mit dem Herrn Direktor zu sprechen.«

»Da möchte ich Sie doch ganz ergebenst bitten, wenn Sie das tun wollen, die Güte zu haben, es lieber nicht zu tun. Eher will ich noch annehmen, ich hätte mich getäuscht; obgleich ich mich ganz gewiß, das heißt, will sagen, bitte, sprechen Sie nicht mit dem Herrn Direktor!«

»Sobald Sie mich wegen Ihrer verrückten Halluzination anzeigen,« sagte Rumpf pathetisch, »sobald wird mein Onkel das Seinige tun, um Ihre Intrigen zu hintertreiben! Das versteht sich von selbst! Nicht wahr, Onkel?«

Der Onkel nickte.

»Ich sage gar nichts mehr«, erwiderte Quaddler kleinlaut; »was man heutzutage alles erlebt . . . ! Nichts für ungut, Herr Rat. daß ich Sie hierher bemüht habe. Nehmen Sie's denn meinetwegen auf Rechnung meiner Kollation, wie der Herr Rumpf sagt, aber ich versichere Sie, wie gesagt, ich sage gar nichts mehr.«

Und hiermit war die Sache erledigt.

Den Rest des Tages verbrachten wir jeder still in seinen vier Wänden. Wir mochten doch nicht ein zweites Mal auf Quaddlers Halluzinationsfähigkeit spekulieren.

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