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Gesammelte Schulhumoresken

Ernst Eckstein: Gesammelte Schulhumoresken - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Schulhumoresken
authorErnst Eckstein
yearca. 1910
publisherVerlag von J. Neumann
addressNeudamm
titleGesammelte Schulhumoresken
pages3-5
created20021031
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1907
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Die Lyrik auf dem Gymnasium.

Ich war vierzehn Jahre alt und erst vor kurzem Sekundaner geworden, als mich plötzlich, wie ein Flammenstrahl aus heiterm Himmel, der Drang nach poetischer Selbstbespiegelung ergriff. Ich erinnere mich noch des Tags und der Stunde . . . Der Herbstwind strich klagend durch die halbentblätterten Zweige der großen Platanen. Ein feiner Regen stäubte wider die Scheiben, so recht öde und trostlos, als ob die kranke Natur sich matt und erschöpft in den Schlaf weine. Drunten im Hofe sah es möglichst unwirtlich aus. Die versumpften Wege mit ihren großen, gelblichen Pfützen, das bräunliche Laub, das der Wind von Zeit zu Zeit aufwirbelte, das nasse Holzwerk des Spaliers und die triefende Hütte des Jagdhundes, der sein Sommerquartier längst verlassen, um im Hause gegen die Unbilden der Witterung Schutz zu suchen – dies alles machte einen unsagbar traurigen Eindruck. Drüben von der Landstraße her, wo die drei vereinsamten Pappeln wie lange Gespenster in den Dunst hineinragten, tönte das heisere Krächzen der Dohlen: sonst war alles wie ausgestorben . . .

Am Fenster stehend sah ich dem Hereinsinken der Dämmerung zu. Ein schmaler, blaßgelber Streifen am Horizont bezeichnete mir den Untergang des Tagesgestirns, das seit mehr als einer Woche nicht zum Vorschein gekommen war. Eh' ich's ahnte, war ringsum bleigraue Nacht geworden. Tief atmend trat ich ins Zimmer zurück. Im Ofen brannte ein lustiges Feuer. Auf meinem Arbeitstische glänzte die Lampe, die man in der Zwischenzeit unbemerkt hereingebracht hatte, und auf dem Teppich vor dem Sofa lag mit allen Symptomen der Befriedigung und des Wohlbehagens der treue vierfüßige Begleiter meiner sommerlichen Ausflüge. Ein wunderbares Gefühl von Traulichkeit überkam mich. So schnell als möglich ließ ich den Vorhang herab. Dann setzte ich mich an den Tisch und schrieb mein erstes Gedicht. Seltsamerweise besang ich in diesen kühn gegliederten Versen den Zauber einer mondhellen Sommernacht. Ich pries das »unendliche Gewimmel der Sterne« und die Ulmen, die »sanft versilbert« ihre Häupter ins Blaue erheben! Und doch war das Ganze keineswegs etwas Angekünsteltes und Gemachtes, sondern ein wirklicher Herzenserguß, ein Erlebnis, das mit zwingender Macht nach Gestaltung rang. Ich brauche kaum hinzuzufügen, daß drei oder vier Strophen mit »wenn« begannen, daß eine wahrhaft großartige Summe von schmückenden Beiwörtern verbraucht wurde, und daß ich solche Verse, wo mir der Reim nicht augenblicklich zur Hand war, einfach ungereimt ließ. Dergleichen findet sich in jedem Erstlingsgedichte und wird erst später als Frevel empfunden. Damals glaubte ich etwas wahrhaft Schönes und Imposantes geschaffen zu haben, denn die Fülle meiner subjektiven Stimmung war mir identisch mit dem Geleisteten. Wie viele, sonst sehr achtbare Leute, die nicht vierzehn Jahre alt sind und nicht in Sekunda sitzen, verfallen in einen ähnlichen Irrtum! Was man dem Sekundaner verzeiht, das macht den Erwachsenen einfach lächerlich. Aller Dilettantismus beruht auf dieser Verwechslung. Der Dilettant trägt ganz wie der Dichter eine Welt voll Poesie in der Seele: aber während der schöpferische Poet seine Empfindungen dergestalt in dem Medium der Sprache zu verkörpern weiß, daß der Hörer und Leser das Gesamtbild nachschafft, gelingt dem Dilettanten nur ein trauriges Stammeln. Fehlt ihm nun der kritische Blick für die Kluft, die sein Empfundenes von seinem Gestalteten trennt – und dies ist die Regel –, so ist der Dichterling fertig. Der Sekundaner, der sich auf dieser Stufe befindet, hat die Möglichkeit einer Entwicklung für sich: denn selbst das größte Talent beginnt stümpernd. Der fertige Mensch aber erfährt mit Recht die strengste Beurteilung, denn in der Sphäre der Kunst gibt es keine christliche Milde, wie in der Sphäre der Ethik.

Das war also mein erstes Gedicht, – wenigstens das erste, dessen Genesis mir klar vor der Seele steht. Nun folgten rasch aufeinander die entsetzlichsten Balladen im altdänischen Stile, die furchtbarsten Sonette und die traurigsten Elegien. Ich kaufte mir ein schönes Album mit Goldschnitt, in das ich meine »Schöpfungen«, chronologisch geordnet, eintrug. Bald aber wurde mir dieses Kopieren zu umständlich. Ich dichtete gleich frisch drauf los in den Prachtband hinein, wobei es denn wesentlich darauf ankam, keiner Korrektur zu benötigen. Vom Anlegen der Feile war ich überhaupt damals kein Freund. Ich hatte so viel Stoff zu verarbeiten, daß ich immer wieder nach Neuem drängte. Es ist unglaublich, was ich alles in den Bereich meiner rhythmischen Betrachtungen zog. Sonnenaufgänge, die ich niemals gesehen hatte; die Leiden eines Negerknaben, der am Strande des Quorra von den Weißen geraubt wird; der nächtliche Reiter, der seinen Bruder erstochen und nun am zerbröckelnden Turme Wacht halten muß; die Freude über den bevorstehenden Semesterschluß; Glaube, Liebe und Hoffnung; der Gymnasialkarzer; die Vergänglichkeit alles Irdischen, und die Freuden einer nächtlichen Kahnfahrt: – dies alles war mir gleichmäßig untertan. Ich schrieb eine Ode »An unsern Hund« und einen Hymnus auf das griechische Übersetzungsbuch von Mehlhorn. Ich philosophierte über die Unsterblichkeit der Seele und über den niederträchtigen Nationalcharakter der Punier.

Das währte so ein halbes Jahr. Dann kam ein neues Motiv hinzu: das »Ewig-Weibliche«. Die schwarzen Locken und flammenden Augen brausten jetzt nur so durch meine Verse, und an Purpurwangen und Rosenlippen war kein fühlbarer Mangel.

Bis dahin hatte ich meine poetischen Regungen durch unverbrüchliches Schweigen gedeckt. Namentlich in der Schule, wo der Begriff des Verses jenseits aller Erfahrung zu liegen schien, war mir niemals eine verräterische Silbe über die Lippen geglitten. Ich hatte die dunkle Empfindung, als treibe ich etwas Verbotenes. Sobald ich das Wort »Gedicht« aussprechen hörte, erinnerte ich mich eines Vorfalles aus meiner Quintanerzeit. Der Lehrer gab uns damals zwei verschiedene Aufsatzthemata. Zuerst las er uns eine Gellertsche Fabel vor, die wir in Prosa nacherzählen sollten, – und dann eine Anekdote in Prosa. Ich fragte nun in aller Harmlosigkeit: »Die sollen wir wohl in Verse bringen?« Eine geringschätzige Zurechtweisung war die Antwort, und einige meiner hochweisen Herren Mitschüler lachten aus vollem Halse. Von diesem Moment an hatte ich das Gefühl, als sei alles Rhythmische unziemlich, und so war ich denn äußerst zurückhaltend. Nur einem einzigen Freunde teilte ich ab und zu etwas mit. Und da dieselbe Elisabeth, deren Rosenwangen ich poetisch verherrlichte, auch ihm als Ideal alles weiblichen Liebreizes erschien, so beschlossen wir gemeinsam, einige dieser Lieder sauber abzuschreiben und dem Gegenstande unserer Neigung auf dem Wege der Stadtpost zu übermitteln.

Als wir den Brief eben gesiegelt hatten, trat mein Vater ins Zimmer. Wir gaben uns alle erdenkliche Mühe, recht gleichgültig dreinzuschauen, – aber vergebens. Nach einigem Hin- und Herfragen sahen wir uns schmählich entlarvt. So kam denn nicht nur unsere phantastische Verliebtheit zutage, – nein, auch das Geheimniß, daß ich dichtete, wurde ans Licht gezogen. Tiefe Beschämung. Nach langem Widerstreben lieferte ich mein Album aus. Es war mir zumute, wie einem Mädchen, das beim Baden von Männern überrascht wird.

Indes die Sache lief noch verhältnismäßig befriedigend ab. Ich wurde dringlich ermahnt, über diesen rhythmischen Versuchen meine Schularbeiten nicht zu vernachlässigen: im übrigen möge ich nur fortfahren. Dergleichen sei jedenfalls besser, als das sonst so fleißig geübte Einwerfen von Fenstern oder Niederreißen der Zaunpfähle.

Während meines ganzen Aufenthaltes in Sekunda beobachtete ich die strengste Reserve. Das Terrain war hier für poetische Anwandlungen äußerst ungünstig. Kaum, daß ich ab und zu die Keckheit hatte, einen deutschen Aufsatz mit der Wendung zu schließen: »Denn, wie der Dichter sagt . . .« und dann eine Strophe eigener Schöpfung einzuschmuggeln, in der Voraussetzung, der Lehrer werde den Kunstgriff nicht merken. Noch kürzlich ist mir einer dieser Aufsätze in die Hände gefallen. Der Lehrer hätte, um sich täuschen zu lassen, geradezu ein Dummkopf sein müssen, denn die Verse waren echt knabenhaft; aber großmütig ließ er die Vermessenheit hingehen, ohne mich durch die Frage: »Wer ist denn eigentlich der Dichter, dem Sie diese Strophe entlehnen?« in Verlegenheit zu setzen.

Erst in Prima hatten wir offizielle Gelegenheit, unsere lyrischen Talente vor der Korona der Mitschüler zu betätigen. Unser Horaz-Interpret, ein feingebildeter Mann, der sich namentlich in literarischen Dingen durch ein reges Interesse auszeichnete, forderte uns jedesmal, wenn eine Ode genügend erklärt und verstanden war, zur freiwilligen Leistung einer metrischen Übertragung auf. Natürlich gab nur eine kleine Minorität diesem Ansinnen Folge; aber mit welchem Stolzgefühl schwellte es die Brust, wenn man über diese wenigen Mitbewerber den Sieg davon trug!

Der poetisch beanlagte Primaner steht zumeist unter dem Einflusse Platens, dessen Formkorrektheit ihm naturgemäß imponiert. Erst später entwickelt sich die Vorliebe für Heine und Goethe. Während meines ersten Semesters in Prima waren es besonders die kunstvoll-fremdartigen Ghaselen, die mich zur Nacheiferung entflammten. Keine Dichtungsform schien mir so geeignet, die heterogensten Dinge ohne weitere Kompositionsschwierigkeiten zusammenzuleimen, als dieses orientalische Reimgeplänkel. Ohne zu ahnen, daß wir ganz im Sinne Heinrich Heines (dessen Reisebilder uns damals noch unbekannt waren) die Ghaselform nach ihrer bedenklichen Seite hin persiflierten, wählten wir die sonderbarsten Ausklänge. Sie waren das Primitive, Ursprüngliche: die Gedanken und Verse wurden erst nachträglich wie Arabesken herumgeschlungen. So dichteten wir Ghaselen aus Braun-Dur, die also begannen:

Im Glase schäumt das quellenfrische Bier braun:
Natur, Du färbst den Pelz so manchem Tier braun.
Braun blickt das Auge meiner süßen Amrei,
Und um ihr Haupt schmiegt sich der Zöpfe Zier braun u. s. w.

Oder wir wählten als Refrain eine ganze Phrase, wie: »Doch der Schickung Groll verbeut's«, und intonierten nun folgendes Carmen:

Gerne schritt' ich durch die Wiesen, doch der Schickung Groll verbeut's,
Und besonders mit Elisen, doch der Schickung Groll verbeut's.
Alles, was die Erde spendet, was der Himmel uns geschenkt,
Alles möcht' ich froh genießen, doch der Schickung Groll verbeut's.

Und nun folgte in schwungvoller Darlegung, was das glutbeschwingte Herz alles möchte . . . Es sähe gern . . . die Bächlein fließen . . . die Blumen sprießen . . . den Jäger die Rehlein schießen usw. Aber überall tritt ihm das Fatum entgegen; überall dröhnt es mit Donnerstimme: »Doch der Schickung Groll verbeut's!«.

Solche Herzensergüsse waren vollständig ernst gemeint: aber, wie gesagt, Heinrich Heine hätte sie getrost in seinen »Reisebildern« verwerten können.

Nach und nach mochte die Form der Ghaselen uns selbst ein wenig kurios vorkommen. Wir benutzten sie jetzt zu komischen Extravaganzen, zu Klageliedern über unsere Primanerleiden, zu Hymnen auf die Eigentümlichkeiten der Professoren. Eines dieser Gedichte besitze ich noch: ich schrieb es während der Sophokles-Repetition, als Samuel Heinzerling eine etwas gar zu theoretische Auseinandersetzung über das Glykoneische Versmaß lieferte. Das Poem lautete:

Unsere Lehrer.

Der Klufenbrecher schmunzelt mathematisch,
Doch jede Störung ist ihm antipathisch.
Der Perner haßt verdumpfte Atmosphären,
Und wenn er zürnt, so tobt er autokratisch.
Anzeigend trat der Hähnle zum Direktor:
Die Wurfgeschosse knallten so emphatisch.
Der Heinzerling ist morgens allzu pünktlich,
Den Spätgekomm'nen rüffelt er ekstatisch.
Gymnasium! Gerne riefe ich »Lebe wohl!« Dir,
Warmfühlend, wie der Jude spricht den Kadisch.
Soll ewig hier die Knechtschaft mich verzehren?
Zu einem Block erstarr' ich noch erratisch!
Sei hessisch oder preußisch unsre Fahne,
Sei unser Wappen bayrisch oder badisch:
Die Freiheit ist das Ziel des Demokraten, –
Und Prima fühlt entschieden demokratisch!

Gleichzeitig mit diesen und ähnlichen Scherzen, unter denen die Hyperbeln auf die Füße des Herrn Doktor Hellwig und die Epigramme auf die zahlreichen Kinder des Herrn Doktor Brömmel eine hervorragende Rolle spielten, ward auch das sentimentale Genre redlicher Begeisterung kultiviert. Es entstanden glühende Liebeslieder, die mit ängstlicher Scheu im Pulte verwahrt blieben, denn jeder fremde Blick wäre ja eine schnöde Entweihung gewesen . . . Und dann entschloß man sich gleichwohl, wenigstens eines der »herrlichen Lieder« hinauszusenden in die kalte, lieblose Welt . . .

Niemand hat diesen epochemachenden Schritt im Leben eines lyrisch produzierenden Primaners so reizend geschildert, wie Paul Heyse in seiner »Lottka«.

Der Erzähler hat ein wehmuttrunkenes Lied gedichtet; sein Freund, ein achtzehnjähriger Musiker, setzt die »seufzenden Strophen in Musik, mit einer Klavierbegleitung, die das nahe Hereinbrechen des Weltgerichts über dem Haupte des wankelmütigen Mädchens« andeuten sollte.

»Damals«, so heißt es wörtlich, »erschien die »Dresdener Abendzeitung« unter der Redaktion eines, wie ich glaube, seitdem verschollenen Herrn Robert Schmieder, der Gedichte der Aufnahme würdigte, über die mein kritisches Selbstbewußtsein nur die Achseln zucken konnte. An ihn schickten wir unsern Liebling, natürlich anonym, in der festen Überzeugung, schon in der nächsten Nummer Text und Komposition erscheinen zu sehen, mit der Bitte an die unbekannten Einsender, die Abendzeitung auch fernerhin mit so willkommenen Früchten ihres Talentes zu erfreuen. In süßer Beklommenheit, trotz unseres Inkognitos, betraten wir die Konditoreien, in denen Journale gehalten wurden, und forschten errötend nach unserm Erstling. Woche auf Woche verging, ohne daß sich unsere Erwartung erfüllte. Ich selbst hatte endlich, zumal nachdem wir noch einmal geschrieben und die Zurücksendung in ziemlich vornehmem Tone verlangt hatten, ohne einer Antwort gewürdigt zu werden, alle Hoffnung aufgegeben und war über diesen ersten Mißerfolg so beschämt und gekränkt, daß ich zunächst in einem längeren Gedichte der undankbaren Mitwelt den Handschuh hinwarf und auf die gerechtere Fachwelt pränumerierte, dann aber jede Andeutung des fehlgeschlagenen Unternehmens vermied und von Bastel (der ehrliche Name meines Freundes war Sebastian) verlangte, er solle auch die Melodie nicht mehr summen, die mir sogleich die ganze leidige Geschichte wieder ins Gedächtnis rief.«

Wer hätte nicht, in gleicher Lage, diese wechselvollen Stimmungen ausgekostet? Hier nimmt das Schicksal zum erstenmal den Lyriker in die Schule, und gar mancher kommt über diese verunglückte Probe niemals hinaus. Ist der Betroffene in der Tat ohne dichterische Begabung, so darf er eine möglichst baldige Zerstörung seiner Illusionen als ein Glück betrachten. Aber gleichviel, es schmerzt. Sah man nicht bereits im Geiste einen prachtvoll gebundenen Oktavband, der in jedem Jahr eine Neuauflage erlebte und neben Geibel und Rückert in den Büchersammlungen aller Frauen und Mädchen heimisch wurde? Und nun dieses herbe Mißgeschick! Was wir für ein literarisches Ereignis hielten, ist an der kalten Seele des Redakteurs spurlos vorübergegangen! Er hat sich vielleicht an dem Weh unseres blutenden Herzens die Pfeife angezündet!

Wie glorreich aber berührt im andern Falle die krönende Hand des Erfolges! Wenn wirklich nach so und so viel Wochen das Gedicht, A. O. oder B. O. unterzeichnet, im Feuilleton des Anzeigers erscheint, – wie steigt dem glückseligen Primaner die Glut ins Angesicht, und mit welch' unsäglichen Gefühlen des Stolzes nimmt er überall, wo es möglich ist, das Blatt zur Hand, um die prächtigen Strophen zwanzig-, dreißig- und vierzigmal wieder zu lesen! Er kann gar nicht begreifen, daß da drüben der Herr, der beim Biere sitzt, zuerst den Leitartikel, die Börsen-Kurse und das Vermischte liest; er meint, jedes Auge müßte sich von dem Gedichte magisch gebannt fühlen, und von Mund zu Munde müßte die Frage lodern: »Wer ist der Verfasser dieses herrlichen Liedes? Das ist ja etwas ganz Eminentes! Das müssen wir herausbringen!« In jedem Zirkel, den unser anonymer Autor betritt, erwartet er, daß man ihn mit den Worten überfalle: »Haben Sie's denn auch schon gelesen? ›Die Klage der Sehnsucht!‹ Wunderbar! Wunderbar! Meine beiden Schwestern haben sich's in ihr Album geschrieben. Meine Tante kann's bereits auswendig, und mein Schwager, der Kapellmeister, wird das Prachtstück in Musik setzen!«

Nichts von alledem ereignet sich. Die Herren in der Bierstube, die so eifrig die Börsenkurse und die Leitartikel studieren, würdigen das phänomenale Gedicht keines Blickes, und in den Familienkreisen und Teegesellschaften geht die Unterhaltung ihren einförmigen Gang. Auch hier beginnt die Laufbahn des Poeten mit Enttäuschung.

Dergleichen läßt sich zur Not noch ertragen. Man richtet sich empor an dem Beispiele so vieler großer Männer, die auch erst nach langen Kämpfen Anerkennung gefunden haben. Man setzt seine ganze Hoffnung auf das nächste Gedicht, das bereits an die Redaktion unterwegs ist usw.

Weit mehr Stoizismus gehört jedoch zum Überstehen der folgenden Szene:

Der Primaner ist in das belebteste Bierhaus geschlichen, weil ihm bekannt ist, daß dort zwei Exemplare der durch ihn mit unsterblichem Ruhme gekrönten Zeitung gehalten werden.

Ahnungsvoll und von süßem Grauen durchbebt, schlürft er sein schäumendes Glas.

Da sitzt der Stadtrichter, ein alter, redseliger Herr . . . . Unter dem Plaudern wirft er auch einen Blick auf das anonyme Gedicht.

»Der druckt aber doch auch allen möglichen Schund«, sagt er mit wegwerfender Gebärde.

Und nun beginnt eine boshafte Besprechung, die von den Umsitzenden aus vollem Halse belacht wird.

Der unglückliche Primaner bedarf seiner ganzen moralischen Kraft, um sich nicht zu verraten. Von diesem Augenblicke an wirft er auf den Stadtrichter, der sonst ein ganz ehrlicher Mann ist, einen unversöhnlichen Haß. Die »wohlfeilen Späße« des alten Herrn sind ein »trauriges Zeichen der Zeit«. »Dieser armselige Böotier, der die Schönheit nicht sehen und würdigen kann, weil ihm der Aktenstaub die Augen umwirbelt! Und die Laffen, die seinen abgeschmackten Bemerkungen Beifall gejauchzt haben!« Ihre Persönlichkeit prägt sich für alle Zeiten unserm Gedächtnis ein . . . Nach Jahren noch, wenn wir ihnen begegnen, denken wir in einer Anwandlung von Bitterkeit und Geringschätzung: »Aha, das ist ja auch einer von jenen Vandalen, die sich an meinem Kleinod vergingen!«

Erst später, wenn man die literarischen Kinderschuhe ausgetreten und einen freieren Blick erlangt hat, erst als Mann erkennt man, daß jenes Gedicht in der Tat sehr mangelhaft war. Und wenn auch der Stadtrichter keine Ursache hatte, sich über diese Mangelhaftigkeit zu mokieren (er würde dasselbe Gedicht, wenn er es in den Werken eines Klassikers gefunden hätte, pflichtschuldigst bewundert haben), so dürfen wir ihm doch aus hundert Gründen seine Unart verzeihen . . . Und in der Tat, wir verzeihen ihm, zumal wir in Erfahrung gebracht haben, daß der Stadtrichter zu den eifrigsten Lesern unserer Essays und Novellen gehört.

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