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Gesammelte Schulhumoresken

Ernst Eckstein: Gesammelte Schulhumoresken - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGesammelte Schulhumoresken
authorErnst Eckstein
yearca. 1910
publisherVerlag von J. Neumann
addressNeudamm
titleGesammelte Schulhumoresken
pages3-5
created20021031
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1907
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Allerlei Unarten.

So oft der Sterbliche in den Schatz seiner Gymnasialerinnerungen zurückgreifen mag, stets wird er finden, daß die Reichhaltigkeit und Fülle dieser Reminiszenzen unerschöpflich ist. Stets wird er ein neues Bild, eine neue Situation entdecken, an die er vielleicht seit Jahren nicht mehr zurückgedacht hat. Und wenn er das alles unter dem entsprechenden Gesichtswinkel zu betrachten weiß, so stellt sich ihm hier eine Welt im kleinen, eine vorgreifende Gestaltung all seiner späteren Erlebnisse dar, die sich zu dem Treiben der großen und wirklichen Welt etwa verhalten mag, wie das Puppenspiel der kleinen Mädchen zu den Freuden des Mutterglücks.

Es ist dies schon mit Rücksicht auf den beträchtlichen Zeitraum, den der heranreifende Mensch in den Mauern des Gymnasiums zu verbringen hat, mehr als erklärlich. Da die Länge der Zeit nicht füglich allein nach der Summe von Erdumdrehungen, die zwischen zwei bestimmten Terminen stattfinden, berechnet werden darf, sondern vielmehr nach der Summe von Eindrücken, die das Gemüt und der Intellekt empfangen, so darf man kühnlich behaupten: wir verbringen die Hälfte unseres Lebens unter der Botmäßigkeit der Gymnasialtyrannen. Schopenhauer hat in seiner Abhandlung über den Unterschied der Lebensalter sehr treffend nachgewiesen, daß der Mensch etwa mit dem zwanzigsten Jahre die subjektive Hälfte seiner Existenz hinter sich hat. Die Jahre der Kindheit sind ungleich inhaltsreicher und daher subjektiv ungleich länger als die des Mannes- und Greisenalters. Dem jugendlichen Geist ist fast jede Erscheinung der Außenwelt neu, – und daher in einem gewissen Sinne epochemachend. Der Greis hat sich dagegen längst eine intellektuelle Blasiertheit angeeignet: es bedarf somit schon außerordentlicher Ereignisse, um ihn ernstlich zu influieren. Die Tage fliehen ihm dahin wie im Sturme; das Kommen und Gehen der Jahreszeiten, das dem Kinde als eine Umgestaltung des ganzen Daseins erscheint, macht ihm den Eindruck regelmäßiger Vibrationen; und die Wunschlosigkeit seiner Seele entkleidet die Dinge jenes Kolorits, das sie dem Kinde so wichtig und interessant macht. Kurz, die acht oder neun Jahre, die wir auf den Subsellien unserer Schulen versitzen, wiegen reichlich die vierzig oder fünfzig auf, die das Schicksal uns nachher noch vorbehalten hat, und die Erlebnisse der Gymnasialzeit bilden somit den größten Teil unserer Persönlichkeit. Es kommt noch hinzu, daß die Erinnerung jene frühesten Eindrücke weit lebhafter und frischer reproduziert als alles, was das Leben später hinzufügt. Selbst gedächtnisschwache Greise, die nach einer Viertelstunde vergessen haben, was unter ihren Augen vorgegangen ist, bewahren in der Regel die Bilder ihrer Kindheit in den lebhaftesten Farben, – zu einer Zeit also, wo das Gehirn längst aufgehört hat, neue Begebnisse mit einiger Zuverlässigkeit aufzuspeichern.

Den eigentlichen Reiz der Gymnasialerinnerungen kann nur derjenige begreifen, der selbst ein Gymnasium besucht hat, – daher ihr Zauber denn in der Regel von Frauen nur in sehr fragmentarischer Weise gewürdigt und nicht selten absolut mißverstanden wird. Ich erinnere mich, daß eine meiner zahlreichen, im übrigen höchst achtbaren und liebenswerten Großtanten bei dem Bericht einiger Gymnasialstreiche, die ich zum besten gab, in ein so bedenkliches Stadium sittlicher Entrüstung geriet, daß ich an mir selbst irre ward und mich fragte, ob ich denn in der Tat jenes ruchlose Geschöpf sei, das die treffliche Matrone im Sinn hatte, wenn sie von einem unverzeihlichen Mangel an Pietät und Gesittung redete. Aber bald fand ich Trost in dem Gedanken, daß es dem Blinden nicht vergönnt ist, über die Farben zu urteilen, und mein schwankendes Selbstgefühl gewann das Gleichgewicht wieder. In der Tat, aus der Ferne läßt sich die Situation des Gymnasiasten durchaus nicht begreifen. Er steht dem »Herrn Professor« oder dem »Herrn Doktor« in jeder Beziehung anders gegenüber, als z. B. der Privatschüler dem Privatlehrer oder der Hausschüler dem Hauslehrer. Es wird keinem vernünftigen Menschen beifallen, in den Flegeleien, die eine der letztgenannten Spezies in Szene setzen könnte, etwas Witziges oder Amüsantes zu erblicken. Zum wahren Wesen einer humoristischen Schülerungezogenheit gehört als erste Bedingung der Hintergrund eines öffentlichen Schulsaales und die gleichzeitige ideale Beteiligung von dreißig bis fünfzig gleichgesinnten Seelen. Nur hier ist ein eigentlicher »Streich«, eine originelle Täuschung des Lehrers, eine graziös-perfide Störung möglich, denn die beträchtliche Ausdehnung des Terrains und die große Anzahl der Mitschüler eröffnet die Wahrscheinlichkeit, daß der Urheber dieser Unarten geheim bleibe oder doch erst nach langen, erheiternden Zwischenfällen entdeckt werde. Der ungezogene Privatschüler gleicht dem brutalen Raubmörder, der den arglosen Wanderer überfällt und mit Kugel oder Stahl zu Boden streckt, ein Akt, dem jegliche Pointe fehlt, weil eben nichts dazu gehört, als eine freche Stirn und eine Geringschätzung der Guillotine. Der verschlagene Brigantenhäuptling dagegen, der sein Opfer mit hundert Netzen umgarnt und ihm unter Beibehaltung aller äußeren Formen der Höflichkeit die Freiheit raubt, um erst nach erhaltenem Lösegeld das Sequester wieder aufzuheben, der geniale Spitzbube des Märchens, der seinem Oheim das Bettuch unter dem Leibe wegstahl und den Pfarrer samt dem Küster aus dem Predigerhaus entwandte, um das würdige Paar, in einen Sack eingeschnürt, neben die Schinken des Rauchfangs zu hängen: ein solcher Virtuos des Verbrechens, ein solcher Paganini der Gaunerei hat Anspruch auf unsere ästhetischen Sympathien. Und wie dieser humoristische Frevler zum Raubmörder, so verhält sich der ungezogene Gymnasialschüler zu den obenerwähnten Kategorien und zu allen übrigen Nicht-Gymnasiasten.

Im Grunde sind die Missetaten der Sekundaner und Primaner so harmlos! Ich kenne eine Reihe höchst achtbarer und wissenschaftlich durchbildete Lehrer, die gar nicht mehr existieren könnten, wenn ihre Schüler nicht ab und zu die gewitterschwüle Lust des Schulsaales durch eine erfrischende Ungezogenheit reinigten. Die »goldenen Rücksichtslosigkeiten« Theodor Storms bewähren sich auch hier: Nichts ist langweiliger, als ein Saal voll wohlgesinnter, braver Schüler, die ein braver, wohlgesinnter Lehrer in den Elementen des Wissens unterrichtet; und kein Lehrer wird von jener gemütstieferen Sorte von Schülern, die wir mit dem Gesamtnamen der Ungezogenheitsfähigen bezeichnen wollen, minder geliebt und geachtet als der stirnumrunzelte Schultyrann, der jede Bewegung nach rechts oder links wie ein Verbrechen ahndet und in Krämpfe verfällt, wenn Müller bei seinem Nachbar Stipelius sotto voce anfragt, wieviel Uhr es sei. Proh pudor! Ist denn die Schule ein Zuchthaus? Verblendeter Autokrat! Wenn Du wüßtest, welche Flüche Dir im stillen nachgesandt werden, sobald Du mit Deinen langen Beinen durch die Tür geschritten bist! Wenn Du die Nasen sähest, die Stipelius Dir dreht, sobald Du den Kopf wendest, und wenn Du die Verse gelesen hättest, die Holzmeier neulich auf Deine liebende Gattin dichtete! Alles, was Dich und Deine Familie angeht, ist ein Gegenstand des ausgelassensten Spottes für Deine sämtlichen zweiundfünfzig gepeinigten Schüler, und die noms de guerre mit denen Dich ihre geheime Rachsucht belegt, sind Legion.

Wie anders ergeht es dem liberalen Denker, der sich daran erinnert, daß auch er vor so und so viel Dezennien auf diesen Bänken saß und ab und zu unter dem Tische Sechsundsechzig spielte! Ich hatte mich während der letzten vier Jahre meiner gymnasialischen Laufbahn eines so seltenen Mannes zu erfreuen, und ich wüßte nicht, daß derselbe auch nur ein einziges Mal in eine komische Situation geraten wäre. Solange ein Schüler nicht ernstlich störte oder kein allzu eklatantes Ärgernis gab, so lange ignorierte dieser Weltweise selbst die schwersten Verstöße gegen die Gymnasialordnung: war die Grenze, die seine Nachsicht gezogen hatte, überschritten, so verhängte er mit einer freundlichen Gelassenheit die zermalmendsten Strafen und fuhr dann ohne weiteres im Unterricht fort. Es lag beinahe etwas Wohlwollendes in seiner Stimme, wenn er plötzlich vom Buche aufsah und, über die Brille hinweglugend, irgend einem verblüfften Rebellen zurief: »Boxer, Sie haben drei Tage Karzer!« Keine Spur von Erbitterung malte sich dabei auf seinen philosophischen Zügen. Wer die Sprache nicht verstanden und bloß nach dem Klang der Worte geurteilt hätte, der wäre befugt gewesen, eine Phrase zu vermuten, wie »Bitte, schließen Sie doch das Fenster«, oder »Ich glaube, es zieht da hinten«.

Boxer, dem diese unerwartete Anrede öfters begegnete, versuchte niemals zu replizieren, denn er wußte, daß Sträuben und Schweifwedeln hier gleich vergeblich waren. Schweigend starrte er vor sich hin und faßte, von bitterer Reue ergriffen, den lobenswerten Entschluß, in Zukunft seine Karten etwas tiefer zu halten.

Dieser erfahrene Stoiker – ich meine den Professor – war überhaupt in vielen Beziehungen ein Original. Der nachgehende Vorfall erscheint in diesem Sinne charakteristisch:

Ein gewisser Credner wurde zum Übersetzen aufgefordert und lieferte eine höchst ungenügende Leistung.

»Warum sind Sie nicht präpariert?« fragte der Professor, über die Brille schielend.

»Weil ich faul gewesen bin, Herr Professor«, entgegnete Credner mit einer gewissen Frische.

»Heppenheimer,« sagte der Herr Professor, »schreiben Sie mal ins Tagebuch: ›Credner wegen Aufrichtigkeit belobt.‹«

Nach diesem Credner kam die Reihe an meinen lorbeergekrönten Freund Wilhelm Rumpf. Er fiel durch wie sein Vorgänger.

»Auch Sie scheinen nichts gearbeitet zu haben«, sprach der Professor wohlwollend. »Warum bereiten Sie sich nicht gründlicher vor?«

»Weil ich faul gewesen bin, Herr Professor«, entgegnete Wilhelm Rumpf, die Blicke zu Boden senkend.

»Heppenheimer, schreiben Sie einmal ein: ›Rumpf wegen Plagiats mit zwei Tagen Karzer bestraft.‹«

Und Rumpf mußte auf den Karzer, da half ihm kein Gott. Die Prima aber fand den Ausspruch ihres Weltweisen so trefflich und wohlbegründet, daß sie in einen nicht zu beschreibenden Jubel ausbrach.

Ganz den Gegensatz zu diesem platonischen Urbild eines Gymnasiallehrers bildete ein unglücklicher Choleriker, der uns in Sekunda den Virgil erklärte. Seine Haltung wechselte zwischen vulkanischen Wutausbrüchen und ohnmächtiger Schwäche. Während seiner Lehrstunden herrschte ein Lärm, wie er seitdem nur noch im deutschen Reichstag erhört worden ist. Wir lachten, schrien, sangen, husteten, scharrten mit den Füßen und klatschten mit den Händen, daß man sein eigenes Wort nicht verstand; und wenn Doktor Hähnle sich endlich zu der sittlichen Tat eines Entschlusses aufraffte und Ruhe gebot, so erscholl ein Hohngebrüll, daß die Fenster klirrten. Vom Standpunkte der reinen Moral hat ein solcher Unfug allerdings etwas Beklemmendes; aber die Schuld liegt einzig auf der Seite des Lehrers. Wenn fünfzig ungezogene Jungen die Gelegenheit haben, straflos zu tumultuieren, so werden sie unter allen Umständen diese Gelegenheit ausnutzen, – mit derselben mathematischen Notwendigkeit, mit der die Biene ihre Wachszellen formt und der Dichter seine poetischen Schöpfungen webt. Wo der Strom die Dämme einreißt, da verdienen nicht die Wogen unseren Groll, sondern die nachlässigen Deichverwalter, denen es oblag, den Anprall in den gehörigen Schranken zu halten. Waren es doch dieselben Sekundaner, die später in Prima von dem eben geschilderten Weltweisen wie spielend gebändigt wurden.

Die Attentate, die wir auf die Person dieses nie genug zu beweinenden Doktor Hähnle ausübten, waren nach Form und Inhalt zahllos wie der Sand am Meere. Scherz, Ironie und tiefere Bedeutung mischten sich hier in grotesker Buntscheckigkeit mit List und Rache. Von den zärtlichsten Neckereien bis zu den gröblichsten Unbilden baute unsere ruchlose Phantasie Staffel um Staffel, und wenn Doktor Hähnle nicht schließlich unter unseren sakrilegischen Krallen seinen Geist auskrähte, so geschah dies nur deshalb, weil er noch rechtzeitig pensioniert wurde.

Wenn die ersten Kirschen reiften, so erstanden wir eines jener zierlichen Sträußchen, wie die Marktweiber sie, aus blankgeschabte Hölzer gesteckt, zum Verkauf bieten. Diese köstliche Gabe der jungen Natur wurde Herrn Doktor Hähnle beim Beginn der Lehrstunden als Zeichen der allgemeinen Liebe und Verehrung überreicht.

Obgleich sich das Ereignis, das ich schildern will, bereits seit einem Dezennium alljährlich wiederholte, so verfehlte der also gefeierte Lehrer doch niemals, in den verbindlichsten Worten seinen Dank auszusprechen und das Sträußchen auf dem Tisch neben der Tür in Depositum zu geben.

Nun begann die Komödie.

»Herr Doktor, darf ich einmal hinausgehen?«

»Gehen Sie.«

Der Schüler ging und zog im Vorbeigehen mit geschicktem Griffe von einer der zierlich zusammengebundenen Kirschen dergestalt das Fleisch ab, daß der Kern am Stiel sitzen blieb. Die Beute ostensibel zum Munde führend, verschwand er im Korridor.

»Herr Doktor, darf ich einmal hinausgehen?«

»Gehen Sie!«

Abermalige Abstreifung des Kirschenfleisches und Zurücklassung des entblößten Kernes.

Das Sträußchen enthielt ungefähr zwölf bis fünfzehn Kirschen. Zwölf bis fünfzehn Schüler baten demgemäß um die Erlaubnis, »hinausgehen« zu dürfen.

Unter mannigfachen Störungen und Impertinenzen verstrich die Stunde. Doktor Hähnle gewahrte sofort, welches Los man ihm bereitet hatte, und machte Anstalten, ohne weiteres an den Resten des Festgeschenkes vorüber zu wandeln. Aber das ging nicht so.

»Herr Doktor, Ihr Sträußchen!« rief eine Stimme ans dem Hintergrunde.

»Vergessen Sie doch Ihr Sträußchen nicht!« klang das Echo.

»Ja, wo ist denn dem Herrn Doktor sein Sträußchen?«

Ein vierter ergriff das Sträußchen mit den zwölf bis fünfzehn Stielen, an denen die Kerne elegisch herabbaumelten, und trat vor, um es dem verwirrten Lehrer mit Grazie zu präsentieren.

Und nun erscholl ein Jubelgeheul durch die heiligen Hallen der Sekunda, das an die stolze Hyperbel gemahnte, mit welcher Homer das Wehgebrüll des verwundeten Ares zu versinnlichen sucht. Doktor Hähnle aber wies die schnöden Überbleibsel des Sträußchens mit Verachtung zurück und eilte, von einem wahren Gelächter der Hölle verfolgt, ins Freie.

Ein andermal brachten wir eine Auswahl musikalischer Instrumente mit, etwa eine Mundharmonika, ein Blechtrompetchen und eine Maultrommel. An solchen Tagen herrschte in den Räumen der Sekunda eine ungewohnte Stille. Gewitterschwül lagerte es über den Bänken, und Doktor Hähnle konstatierte zu seiner eigenen bänglichen Überraschung, daß er fünf Minuten lang ohne Unterbrechung dozieren konnte. Da mit einemmal erhob sich in den fernsten Winkeln des Saales ein sanft anschwellender Triller, der unter der atemlosen Stille der Versammlung in ein Motiv aus Flotows Martha überging und plötzlich mit einem grellen Mißton abbrach.

Donnernder, rasender Applaus.

Doktor Hähnle stand wie versteinert.

Abermals herrschte ein brütendes Schweigen, und jetzt ertönte in melodischer Abdämpfung das unheimliche Schnurren der Maultrommel, die dasselbe Motiv aus der Flotowschen Oper, nur etwas neckischer nuanciert, wiederholte.

Applaus wie vorhin. Doktor Hähnle wurde dunkelrot im Gesicht. Mit der geballten Faust schlug er aufs Lehrpult.

»Still einmal«, rief er mit bebender Stimme. »Der miserable Mensch, der das getan hat, soll sich noch einmal hören lassen; ich will ihm dann zeigen, was einer so beispiellosen Roheit gebührt!«

Und wiederum schwieg die ganze Klasse wie ein Mann.

Eine halbe Minute ungefähr ließ das gewünschte Dakapo auf sich warten; dann begann wieder jene erste Sirenenstimme mit dem verführerisch lieblichen Triller, und das Motiv aus Martha folgte in tadelloser Reinheit.

»So!« schrie Doktor Hähnle unter dem überschwenglichen Jauchzen der Schülerschaft. – »Jetzt soll der miserable Mensch seine Frechheit noch einmal wagen!«

Die Versammlung begrüßte diese seltsame Wendung des Hähnleschen Zornes mit gebührender Aufmerksamkeit. Hähnle trat nunmehr vom Katheder herab, um von der Seite her in die Reihen der Schüler zu blicken. Indes schon Uhland singt:

Nicht an wen'ge stolze Namen
Ist die Liederkunst gebannt.

Die Artisten auf den hinteren Bänken, die Hähnle jetzt als zunächst verdächtig ins Auge faßte, ließen ihre Instrumente nach vorn wandern, und mit einemmal erscholl das schöne Volkslied

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten . . .

aus der entgegengesetzten Richtung.

Jetzt schritt Hähnle zur Untersuchung. Er begann beim Primus.

»Wo haben Sie's gehört?«

»Da hinten am Ofen.«

»Wo haben Sie's gehört?«

»Da vorn am Fenster.«

»Wo haben Sie's gehört?«

»Mir kam's vor, als sei's draußen.«

»Wo haben Sie's gehört?«

»Ich? Ich habe gar nichts gehört.«

»Wo haben Sie's gehört?«

»Dort am Katheder.«

Diese kühne Bemerkung wurde durch Beifall auf allen Bänken belohnt.

Nachdem Doktor Hähnle so eine halbe Stunde lang herumgefragt und die widersprechendsten Auskünfte vernommen hatte, ging er ans Werk, die einzelnen Schüler zu visitieren.

»Treten Sie mal hier heraus«, sprach er zum Primus.

Er befühlte dem lächelnden Schüler nun sämtliche Taschen, wobei dieser nicht verfehlte, Au! zu schreien oder allerlei unnennbare Töne auszustoßen, die er mit der Bemerkung entschuldigte: Ach, Herr Doktor, ich bin so kitzlich!

Die Visitation blieb natürlich erfolglos, denn die Maultrommel war längst bei den noch nicht visitierten Schülern in sicheren Gewahrsam gebracht.

So untersuchte Doktor Hähnle nun den zweiten, dritten, vierten, fünften und sechsten seiner mißratenen Sekundaner, ohne das mindeste zu entdecken.

Mit einemmal faßte er einen verwegenen Entschluß. Er griff sich plötzlich einen Schüler aus den mittleren Bänken heraus und befahl ihm, schnell einmal herzukommen. Zufällig hatte der Instinkt des gequälten Lehrers diesmal das Rechte getroffen; aber es half ihm nur wenig. Der Schüler, weit entfernt, der Aufforderung Hähnles so ohne weiteres Folge zu leisten, stellte sich vielmehr schwerhörig, gab die musikalischen Instrumente mit aller Vorsicht an den Vordermann ab und fragte dann mit rührender Naivität:

»Meinen Sie mich, Herr Doktor?«

»Ja, Sie!« rief der fiebernde Hähnle. »Machen Sie nur keine Umstände! Kommen Sie augenblicklich heraus!«

»Ach so«, sagte der Schüler; »ich dachte, Sie meinten den Heinemann. Ja, wenn Sie denn wirklich der Ansicht sind, ich könnte mir diese Störung erlaubt haben, so bin ich ja mit Vergnügen bereit, herauszukommen; aber Sie dürfen mir nicht in die rechte Seite kommen, Herr Doktor, da bin ich gestern geschröpft worden.«

Doktor Hähnle ließ sich zwar in der Regel sehr viel gefallen, wie der geneigte Leser aus der vorstehenden Schilderung bereits entnommen haben dürfte; aber zuweilen nahm er an Bemerkungen Anstoß, bei denen dies keiner vermutet hätte.

So irritierte ihn jetzt die Versicherung Kleemüllers, daß er in der rechten Seite geschröpft sei.

»Denken Sie vielleicht, Sie können hier Ihre Possen treiben?« rief er mit Donnerstimme. »Ich gebe Ihnen drei Stunden Karzer!«

»Weshalb?« fragte Kleemüller ruhig.

»Weshalb? Ich will Sie lehren, mir mit solchen Dummheiten zu kommen!«

Kleemüller nahm eine sehr ernste Haltung an.

»Herr Doktor,« begann er, jedes Wort nachdrücklich betonend, »wenn ich sage, ich bin in der rechten Seite geschröpft, so bin ich geschröpft, und ich weiß nicht, was Sie an dieser Tatsache auszusetzen haben.«

»Sie gehen mir jetzt sechs Stunden auf den Karzer, und überdem werde ich den Herrn Direktor von dem Vorgefallenen in Kenntnis setzen.«

»So,« entgegnete Kleemüller, »also bei Ihnen darf man nicht einmal in der rechten Seite geschröpft sein? Nun, da bin ich doch neugierig, ob der Herr Direktor Ihre Auffassung teilt!«

»Kein Wort mehr!« rief Doktor Hähnle. »Entweder Sie bringen mir ein ärztliches Zeugnis, daß Sie wirklich geschröpft sind, oder Sie gehen auf den Karzer!«

»Gut«, sagte Kleemüller. »Ich werde Ihnen ein ärztliches Zeugnis bringen. Muß ich es auch polizeilich beglaubigen lassen?«

»Kommen Sie jetzt nur mal heraus! Sie haben vorhin gepfiffen!«

»Ich? Aber Herr Doktor, wenn man in der rechten Seite geschröpft ist, vergeht einem das Pfeifen von selbst! Ich möchte mal sehen, wenn Sie in der rechten Seite geschröpft wären . . .«

Nach diesen und ähnlichen Albernheiten begann nun bei Kleemüller die Untersuchung nach demselben Schema, das Hähnle vorher bei den Schülern der ersten Bank angewandt hatte, und mit demselben Erfolg. Da mit einemmal erscholl die Klingel des Pedells. Hähnle ergriff seinen Hut und war froh, die Untersuchung und die Lehrstunde hinter sich zu haben.

Am folgenden Tage brachte Kleemüller sein Schröpfzeugnis, und so war auch dieser Punkt zur Zufriedenheit beider Teile erledigt.

Eine besonders hervorragende Rolle in unserem Verkehr mit Doktor Hähnle spielten die Unglücksfälle.

Ich erkläre mich deutlicher.

Kleemüller, der überhaupt in körperlichen Leiden exzellierte, hatte sich den Fuß verstaucht und kam, auf einen Knüppel gestützt, der während eines nicht allzu strengen Winters ausgereicht haben würde, eine bescheidene Familie mit Brennmaterial zu versorgen, in das Zimmer gewankt. Im Begriff, sich auf seinen Platz zu begeben, fiel er langwegs zu Boden, die eigens zu diesem Zweck in reicher Auswahl mitgebrachten Bücher nach allen Richtungen hin verstreuend und mit dem Knüppel so auf die Dielen donnernd, daß der Staub in gigantischen Wolken aufwirbelte. Gleichzeitig mit diesen Staubwolken stieg Kleemüllers Klagegeschrei zum Himmel. Der leidende Philoktet des Sophokles kann nicht entsetzlicher geheult und gewinselt haben wie der gefallene Kleemüller. Die Töne aller Urwaldsbestien vermischten sich in dieser phonetischen Kraftleistung, und die entzückte Sekunda brüllte den Chor.

Doktor Hähnle wartete stirnrunzelnd, bis Kleemüller sich wieder erhoben hatte. Die Brust des unglücklichen Philologen arbeitete in wilder Bewegung. Plötzlich streckte er den rechten Arm aus, richtete die Spitze des Zeigefingers auf denjenigen seiner Schüler, der mit der Führung des Klassendiariums beauftragt war, und sprach die vernichtenden Worte:

»Heppenheimer, schreiben Sie mal ins Tagebuch: ›Kleemüller erschien mit einem Stocke bewaffnet im Lehrzimmer und ließ denselben mit aller Wucht auf die Dielen aufpoltern!‹ So, das haben Sie sich nun selbst zuzuschreiben! Denken Sie, ich bin gesonnen, mir Ihre fortgesetzten Impertinenzen so ohne weiteres gefallen zu lassen? Nun machen Sie, daß Sie auf Ihren Platz kommen!«

»Aber Herr Doktor,« wimmerte Kleemüller, »man wird doch noch per Zufall einmal hinfallen können!«

»Man wird gar nichts!« entgegnete Hähnle zermalmend, und Kleemüller setzte sich langsam auf seinen Platz.

Der beklagenswerte Lehrer trug sich von diesem Moment an wochenlang mit dem Bewußtsein, ein Exempel statuiert zu haben.

Ein »Unglücksfall« von höchst folgenschwerer Bedeutung war das unerwartete Erscheinen einer Wespe.

Kleemüller, der sehr nervös war, und einige gleichgesinnte Kollegen gebärdeten sich dann jedesmal wie Pensionsdämchen beim Anblick einer Ratte, und die übrigen, von christlichem Mitgefühl übermannt, improvisierten eine Jagd der ausgelassensten Art. Man warf Rosts deutsch-griechisches Wörterbuch nach dem Eindringling, ohne sich darum zu kümmern, daß der dickleibige Quartband ganz in der Nähe des Katheders niederfiel . . . Man operierte mit Kappen und Taschentüchern und griff in der Hitze des Gefechts sogar nach dem Hut des Lehrers, ohne die Einsprache des geängstigten Eigentümers zu beachten. Solche Jagden nahmen in der Regel eine volle Viertelstunde in Anspruch. Wenn sie zu Ende waren, machte Hähnle seiner Erbitterung dadurch Luft, daß er sich, wie bei dem »Unglücksfall« mit dem Knüppel, an Heppenheimer wandte und im Diarium die Tatsache konstatieren ließ: eine Wespe sei während der Lehrstunde durch das Schulzimmer geflogen und von verschiedenen Schülern unter Herbeiführung mehrfacher Störungen verfolgt worden.

Hiermit hatte er seinem pädagogischen Gewissen in jeder Beziehung Genüge getan. Dieses Tagebuch spielte überhaupt in dem Leben Doktor Hähnles eine denkwürdige Rolle. Er befahl all seine Wege und was sein Herz kränkte der treuen Vaterpflege dieses Institutes, ohne daß es uns jemals klar geworden wäre, was seine Eintragungen füglich bezweckten.

Eines Tages warf einer meiner Freunde in demselben Moment, da Doktor Hähnle die Blicke in sein Notizbuch heftete, um eine kritische Note einzuschreiben, mit geschickter Fingerelastik eine Knallerbse in die Luft, die in der Nähe des Katheders niederfiel und den unglücklichen Schulmann nicht wenig erschreckte.

Sofort wußte er, wo er seine Seele zu erleichtern hatte.

»Heppenheimer,« schrie er, noch bleich vor Schreck und Aufregung, »schreiben Sie mal ins Tagebuch: ›Eine Knallerbse fiel in der Nähe des Katheders nieder und zerplatzte.‹«

In der folgenden Stunde ereignete sich die überraschende Explosion aufs neue. Doktor Hähnle verschmähte nicht, der Wiederholung seines Schreckens durch folgende Tagebuchnotiz Ausdruck zu verleihen:

»Abermals fiel eine Knallerbse in der Nähe des Katheders nieder und zerplatzte.«

Dieses »Abermals« entlockte der jugendlichen Versammlung, die ein sehr lebhaftes Gefühl für unfreiwillige Komik befaß, ein wieherndes Gelächter, das Herrn Doktor Hähnle bei einiger Fähigkeit des Urteils hätte belehren müssen, wie wenig diese amtlichen Bestätigungen seiner eigenen Schande geeignet waren, den erstorbenen Respekt im Busen der Schuljugend neu zu beleben.

Was war die Folge dieses »Abermals«?

Wir wären keine Vollblut-Sekundaner gewesen, wenn wir nicht den Versuch gemacht hätten, ob Doktor Hähnle nicht auch zum drittenmal auf den Leim gehen würde. Leider schlug dieser Versuch infolge des Umstandes fehl, daß die Freude an dem Zerspringen der kleinen Orsinibomben bereits zu beträchtliche Dimensionen angenommen hatte. Ehe noch Doktor Hähnle seinem Heppenheimer zurufen konnte: »Zum drittenmal . . .«, – hatte sich bereits das vierte, fünfte und sechste Mal an den verschiedensten Punkten des Schulzimmers ereignet, und während der verzweifelte Pädagoge nach den hinteren Bänken rannte, um die verborgenen Angreifer zu entdecken, sandten ihm die Schüler der vorderen Bänke einen ganzen Hagel dieser Wurfgeschosse in den Rücken, so daß er nach einigen krampfhaften Wendungen die Arme schlaff am Körper herabsinken ließ, als wollte er sagen: Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen! Nie wieder habe ich eine so klägliche Szene erlebt, wie dieses innerliche Zusammenbrechen des knallerbsenüberwältigten Virgil-Interpreten. In diesem Moment ergriff uns etwas wie Mitleid. Wir erkannten, daß Doktor Hähnle eigentlich für die normale Ungezogenheit eines Sekundaners zu schmächtig war: dieser Mann gehörte nach Sexta.

Der beweinenswerte Lehrer schien selbst etwas von der Wahrheit dieser Erwägung zu fühlen: das Bewußtsein, es müsse etwas geschehen, riß ihn mit einemmal aus seiner Erstarrung empor. Er warf sich in Positur, hob die Faust und schrie mit geller Stimme:

»Ihr miserablen Buben! Ich habe mich nie vor Männern gefürchtet, meint Ihr, ich fürchtete mich vor Euch?«

Ungeheure Heiterkeit war die Antwort aus diese verunglückte Apostrophe.

Mit einemmal nahm Hähnle die Haltung eines Mannes an, der mit sich und seinen Entschlüssen im reinen ist. Er wandelte majestätischen Schrittes nach dem Tisch, wo sein Hut lag, stülpte die Kopfbedeckung mit einer energischen Handbewegung über das Haupt und faltete dann die Arme vor der Brust.

»So,« sagte er, »nun mag Euch Stunde halten, wer will! Ich gehe jetzt zum Herrn Direktor.«

Die ganze Klasse wälzte sich fast vor Vergnügen. Doktor Hähnle aber warf uns noch einen Blick der grenzenlosesten Verachtung zu und eilte dann hinaus, die Tür heftig ins Schloß werfend.

Sofort herrschte in den Räumen der Sekunda eine ganz erträgliche Ruhe. Einer von uns stand auf und eilte dem Verschwundenen nach.

Doktor Hähnle hatte seinen furchtbaren Entschluß in der Tat verwirklicht; er war zum Direktor gegangen, hatte gemeldet, daß die Sekunda in offener Rebellion begriffen sei, und die Zusage einer exemplarischen Ahndung erhalten.

Das Verhängnis sollte nicht lange auf sich warten lassen. Die nächsten acht Tage waren fast ausschließlich einer umfassenden Untersuchung gewidmet, an der sich das ganze Lehrerkollegium beteiligte. Im Anfang blieben die Bemühungen unserer Inquisitoren absolut fruchtlos. Die Sekundaner bezeugten einstimmig, daß im ganzen nur zwei Knallerbsen zur Explosion gelangt seien, und daß der Täter in einem gewissen Heinsius gesucht werden müsse, der zwei Tage nach dem bedeutsamen Ereignis das Gymnasium für immer verlassen hatte, um nach Amerika überzusiedeln. Schon gewann es den Anschein, als würde unsere Effronterie, verbunden mit der Leichtgläubigkeit unserer Lehrer, diesmal den Sieg davontragen: aber siehe da, es fand sich ein braver, gesitteter Schüler, der den Verräter spielte. Ich und fünf andere der hervorragendsten Frevler wurden von diesem verkappten Mouchard bei der Direktion angezeigt – ein Zwischenfall, der dem Gange der Untersuchung eine wesentlich neue Richtung gab.

Der Reihe nach in das Zimmer des Direktors beschieden, verharrten wir zunächst bei unserer Aussage, daß Heinsius die Knallerbsen geschleudert habe; ungünstige Konstellationen zwangen uns indes nach kurzer Frist ein »reumütiges« Geständnis ab.

Samuel Heinzerling nahm alles mit hochwichtiger Amtsmiene zu Protokoll. Über die Art und Weise, wie wir beim Schleudern der Knallerbsen zu Werke gegangen seien, hatte ich mit dem ernsten Gymnasialfürsten eine anderthalbstündige Unterredung. Er wollte absolut nicht glauben, daß es möglich sei, diese Schleuderung lediglich mit den Fingern zu bewerkstelligen, und fügte seinen hierauf bezüglichen Zweifeln jedesmal die Bemerkung hinzu, daß fortgesetztes Leugnen »onsere Lage nor verschlämmern könne«. Erst als ich mich erbot, den Herrn Direktor durch den Augenschein zu belehren, wie vollkommen es möglich sei, durch eine kräftige Bewegung des Handgelenkes die erforderliche Wurfgeschwindigkeit zu erreichen, gab sich der Skeptiker mit der Bemerkung: »Non, wär wollen das dahingestellt sein lassen«, zufrieden.

Das Endresultat dieses unvergeßlichen Abenteuers war für sämtliche Teilnehmer in hohem Grade verhängnisvoll. Zwei von uns wurden relegiert, wir übrigen erhielten Karzerstrafen bis zu zehn Tagen, und Doktor Hähnle ward von dem Unterricht in Sekunda »auf sein Ansuchen« entbunden. Ein Vierteljahr später las man in dem großherzoglichen Regierungsblatt, daß Doktor Ephraim Hähnle in Anerkennung seiner langjährigen Dienste pensioniert worden sei.

Wer erkennt nicht den tieferen Sinn, der in dieser knabenhaften Rebellion gegen einen unfähigen Pädagogen liegt? Ein ohnmächtiger Lehrer ist gerade dem mutwilligsten und ausgelassensten Schüler a priori ein Greuel, denn die Schwäche scheint seine Unarten in einer Weise herauszufordern, die seinen Stolz beleidigt. Es ist kein Verdienst, da Exzesse zu begehen, wo die Straflosigkeit so gut wie gewiß erscheint; auch soll der Exzeß nicht die Regel sein, weil er sonst viel von seinem eigentlichen Reiz einbüßt. Doktor Hähnle ward gestürzt wie eine unfähige Regierung und jede Regierung, der die Revolution über den Kopf wächst, erleidet genau das, was ihr gebührt.

In Prima benahmen wir uns schon aus eigenem Antrieb gesetzter, ganz abgesehen davon, daß sich unter den Lehrern der Prima kein Hähnle befand. Die originellste Figur war hier ohne Zweifel der Direktor Samuel Heinzerling, ein jovialer, den Regungen des Humors nicht unzugänglicher Mann, der sich einer allgemeinen Beliebtheit erfreute. Wir nannten ihn Pater und sagten ihm am Schlusse unserer lateinischen Aufsätze alle erdenklichen Schmeicheleien, die der » rector gymnasii illustrissimus, justissimus, dilectissimus, wie er in solchen Hymnen gewöhnlich qualifiziert wurde, ganz beifällig aufnahm und mit einem » Valde placet« am Rande der Arbeit belohnte.

Nur eine schwache Seite hatte dieser vortreffliche Pädagoge: er litt nämlich an dem Vorurteil, ein gerechter und vollkommener Primaner müsse des Morgens präzis mit dem Glockenschlage auf seinem Platze sein. Nun ist es eine erfahrungsgemäße Tatsache, daß die Freuden des Morgenschlummers um so entschiedener gewürdigt werden, je mehr sich der Mensch innerlich und äußerlich entwickelt; und ich insbesondere war bereits in Unterprima ein unversöhnlicher Gegner des altklassischen Wahlspruches: Aurora musis amica.

Noch jetzt empfinde ich, wenn ich mich vorübergehend in meiner Vaterstadt aufhalte und des Morgens um drei Viertel auf sieben den Schall des kleinen bimmelnden Glöckchens vernehme, das die Munizipalität eigens für die Bedürfnisse der Schulen auf dem Stadtkirchturme angebracht hat, ein dunkles, beklemmendes Unbehagen, das mir im Anfang durchaus rätselhaft erscheint, bis ich mir darüber klar werde, daß es die Erinnerung an meine Primanerzeit ist, die mir diese Gefühle im Busen zeitigt.

Es war doch eine peinliche Situation . . .! Man lag, von den köstlichen Armen eines jugendkräftigen Schlafes umfangen, sorg- und ahnungslos auf der Matratze und träumte von Hulda, der schwarzäugigen Schauspielerin, die des Tags zuvor im Linkerschen Saale so unvergleichlich die Anna-Liese gespielt hatte, oder von Pauline, der blonden Tochter des Stadtpredigers: da mit einemmal erscholl die klappernde Monotonie dieses verwünschten metallenen Weckers, und die duftigen Phantasiebilder zerflossen in Rauch vor dem unbarmherzigen Tageslichte der Wirklichkeit. Im Traume vielleicht ein König, ein Gott, sah man sich jetzt wieder zum Sklaven der Stunde herabgewürdigt; der Zwang des Müssens trat in qualvoller Zudringlichkeit an uns heran und legte uns die eisernen Hände aufs Herz, so daß es tief gedemütigt in sich zusammenschauerte.

Es begann nun jener stets von neuem auszufechtende Kampf zwischen der Neigung und der Pflicht. Man dehnte und streckte sich, als wolle man die Freuden der zwei, drei Stunden, die man unter anderen Umständen noch verträumt und verdämmert hätte, gleichsam im Extrakt genießen. Man legte sich »noch für zehn Minuten« auf die andere Seite, um schon nach Ablauf von dreißig Sekunden emporzufahren und nach der Zeit zu sehen. Man beneidete seinen älteren Bruder, der Student war und jeden Morgen bis elf Uhr in den Federn blieb. Man fluchte der irrationellen Einrichtung des Stundenplans, der die Klufenbrecherschen Auseinandersetzungen über Mathematik recht gut auf eine passendere Zeit hätte verlegen können, und schwur sich, sobald man das Gymnasium hinter sich habe, das Versäumte mit aller Macht nachzuholen.

Unterdessen verstrich eine Viertelstunde, und von neuem hob der entsetzliche Klöppel auf dem Stadtkirchturme zu wimmern an. Jetzt sprang man mit gleichen Füßen aus dem Bett und kleidete sich mit einer Geschwindigkeit an, die uns seitdem zum Mythus geworden ist. Nach Verlauf von fünf Minuten war man im Freien: den Kaffee hatte man wie ein hastiges Stehseidel hinunter gestürzt, und die Semmel pflegte man sich ohnehin zum behaglichen Verbrauch während der Lehrstunden aufzusparen.

So schnell man jedoch hier zu operieren wußte, die verlorene Viertelstunde konnte nicht wieder eingebracht werden, und so kam man denn regelmäßig um zehn, ja selbst fünfzehn und zwanzig Minuten zu spät.

Unser Direktor fand dieses Zuspätkommen empörend. Er hatte, um dem immer bedrohlicher um sich greifenden Mißbrauche energisch zu steuern, die Anordnung getroffen, daß jeder, der ohne genügende Entschuldigung den Beginn der Lehrstunden versäume, mit dem Vermerk »zu spät gekommen« notiert würde, und daß jeder, der innerhalb einer Woche zweimal notiert worden sei, einen Tag lang in den Räumen des Karzers über die Pflichten des Primaners nachzudenken habe.

Da ich auch ohne diesen Extrazuschuß oft genug meiner Freiheit beraubt wurde, so strengte ich alle Kräfte an, um der peinvollen Eventualität einer doppelten Notierung vorzubeugen, und zu diesem Zweck bedurfte ich einer Reihe genügender Entschuldigungen, deren Beitreibung meinen ganzem Scharfsinn in Anspruch nahm.

Zum Glück war der Direktor keine skeptische Natur. Er ließ selbst das Unwahrscheinliche, wenn es mit einer gewissen Keckheit vorgetragen wurde, unbeanstandet passieren. Ich hatte mir im Laufe der Semester eine solche Virtuosität der Erfindung angeeignet, daß ich am Schluß meiner Gymnasiallaufbahn nahe daran war, ein »Leichtfaßliches Entschuldigungshandbuch für Gymnasiasten und Realschüler« zusammenzustellen, das ohne Zweifel ein ebenso dankbares als zahlreiches Publikum gefunden hätte. Ich will an dieser Stelle einige der wirksamsten Entschuldigungen planlos aneinander reihen, um so dem dulce doch wenigstens einen Gran von utile beizumischen. Vielleicht sieht sich ein deutscher Verleger bei der Lektüre dieser Zeilen veranlaßt, mich zur Ausarbeitung des damals projektierten Werkes nachträglich aufzufordern. Gefällige Anträge erbitte ich direkt unter meiner Adresse.

Einer der wichtigsten Faktoren im Gebiete der Gymnasialentschuldigungen ist der Onkel. Ein Gymnasiast kann sich gar nicht genug Onkels halten. Ein Onkel ist in jeder Beziehung verwendbar, namentlich aber für das Zuspätkommen:

»Ich mußte meinen Onkel an den Bahnhof begleiten.«

»Mein Onkel hatte einen Schlaganfall.«

»Mein Onkel feiert heute seinen fünfundsechzigsten Geburtstag.«

»Mein Onkel aus Havelberg ist angekommen.«

NB. Ist der Onkel aus Havelberg einigermaßen mit dem Gymnasialdirektor bekannt, so fügt man hinzu:

»Er läßt auch schönstens grüßen, und wenn sein Aufenthalt nicht gar zu kurz wäre, würde er sich die Ehre geben.«

Bei Samuel Heinzerling waren diese Onkel-Entschuldigungen stets von augenblicklicher Wirkung.

»Non, es äst goot«, sagte er befriedigt lächelnd. Nur wenn ich in der Zerstreutheit die frohe Botschaft von der Ankunft meines Onkels aus Havelberg an zwei aufeinander folgenden Tagen zum besten gab, wagte er die überraschte Bemerkung:

»Schon wäder? Ähr Onkel scheint aber auch recht väl zo reisen!«

Ich erkannte sofort meinen Irrtum, sagte jedoch so unbefangen als möglich:

»O ja, Gott sei Dank, er ist noch recht rüstig.«

Es versteht sich von selbst, daß unter Umständen auch Tanten in gleicher Richtung verbraucht werden können. Hier empfiehlt es sich, von Zeit zu Zeit eine Kindtaufe zu erfinden oder aber, falls man die Anwendung unvermählter Tanten vorzieht, hysterische Krämpfe in Ansatz zu bringen.

Wenn ich die verwandtschaftlichen Beziehungen hinlänglich in Kontribution gesetzt hatte, griff ich in das Kapitel gewisser häuslicher Vorkommnisse und beantwortete die Frage des Direktors: »Warum kommen Sie zu spät?« mit der schlagenden Bemerkung:

»Mein Waschwasser war gefroren.«

Oder:

»Unsere Köchin hat sich verschlafen.«

Oder:

»Meine Uhr ging falsch.«

Alle diese Entgegnungen fand der Direktor vollkommen »genügend« – ich hätte denn die Unvorsichtigkeit begehen müssen, die Mär von dem gefrorenen Waschwasser in den Hundstagen vorzubringen.

In Oberprima, wo ich die ersten Spuren eines sprossenden Bartes zu verzeichnen hatte, behauptete ich sogar einmal, mein Barbier habe sich verspätet.

»So?« fragte der Direktor. »Non, äch dächte, in Ährem Alter brauchte man säch noch nächt rasären zo lassen! Wä äch so alt war, dachte äch nämals an dergleichen Allotria. Öbrigens, Sä haben ja noch Ähren ganzen Anflug von Bart äm Gesächt stehen. Wo haben Sä säch denn rasären lassen?«

»Herr Direktor, das ist es ja gerade. Ich habe mich eben nicht rasieren lassen, und deswegen steht der Bart noch. Heute war mein Rasiertag. Jedesmal den fünfzehnten lasse ich mich rasieren.«

»Non, es mag goot sein! Sagen Sä Ährem Barbär, er soll in Zokonft zeitiger kommen: wär können här nächt auf ähn warten.«

Und hiermit nahm ich freudestrahlend meinen Platz ein.

Als weitere Entschuldigungen führe ich nur noch kurz die nachstehenden an:

»Ich fiel, zerriß mir meine Beinkleider und mußte wieder umkehren.« – »Ich ward beim Vorübergehen an einem Hause der Kreuzstraße mit einer eigentümlichen Flüssigkeit begossen &c.« – »Ich bekam eine Ohnmacht.« – »Auf dem Sandwege war die Passage durch drei ineinander gefahrene Wagen versperrt. Ich mußte daher den Umweg über die neue Kurstraße und den Kommandantenplatz nehmen.« – »Ich wurde irrtümlich verhaftet.« – »Ich habe mir den Fuß verstaucht.« – »Es war Glatteis.«

Bei dieser letzten Phrase wird sich der Lehrer naturgemäß wundern, daß er von einer so unverkennbaren Naturerscheinung nichts gemerkt habe.

»So?« wird er fragen. »War Glatteis?«

Die Mitschüler ermangeln nicht, diese Frage unbedingt zu bejahen.

»Das heißt,« fügt nun der zu spät gekommene Schüler hinzu, »nur an einzelnen Stellen. Sie sind vielleicht über den Hohlweg und am Rathaus vorübergegangen; dort ist die Temperatur in der Regel um einige Grad höher als in den feuchteren Gegenden an der Seltersgasse und dem Waldtore.«

Während der Monate Oktober, November, Dezember, Januar, Februar, März und April wird der Lehrer kaum Anstand nehmen, diese klimatologische Bemerkung als letztes Wort gelten zu lassen.

Unser trefflicher, unvergeßlicher Direktor hatte es sich selbst zuzuschreiben, wenn seine Schüler auf diese Weise Fortschritte im Gebiete der Unwahrheit machten. Warum haftete er mit so eigensinniger Starrköpfigkeit an dem Prinzip des einzuhaltenden Glockenschlages? Gern hätten wir uns auf das Kompromiß des akademischen Viertels eingelassen; aber da sich die Gymnasialregierung absolut weigerte, uns auch nur auf dem achten Teile des Weges entgegenzukommen, so sahen wir uns genötigt, unsere Zuflucht zu dem Mittel eines intellektuellen Schleichhandels zu nehmen, der höheren Ortes ohne Zweifel in seinem wahren Wesen erkannt, dennoch aus Opportunitätsgründen respektiert wurde.

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