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Gesammelte Schriften

Max Liebermann: Gesammelte Schriften - Kapitel 8
Quellenangabe
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authorMax Liebermann
titleGesammelte Schriften
publisherBruno Cassirer
year1922
correctorreuters@abc.de
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Meine Erinnerungen an die Familie Bernstein

aus »Carl und Felicie Bernstein, Erinnerungen ihrer Freunde«, 1908

Im Jahre 1885 oder 1886 wurde ich mit Bernsteins bekannt, und zwar durch Woldemar v. Seidlitz oder Professor Treu – ich entsinne mich nicht mehr durch welchen von diesen beiden – jedenfalls hatten mir beide von ihrem reichen Besitz an französischer Kunst vorgeschwärmt. Sie wohnten meiner damaligen Wohnung gerade gegenüber in den Zelten 23 in der zweiten Etage des Hauses, welches von seinem Erbauer für den Präsidenten des Reichstages als interimistische Wohnung während des Baues des neuen Reichstagsgebäudes in kluger Voraussicht bestimmt war. In allzukluger Voraussicht, denn der Präsident bezog das Haus nie, aber der Unternehmer ging an seiner Spekulation bankrott. Auch war die Bestimmung, die sich so wenig erfüllen sollte, nur kenntlich an einem großen Saale, an dessen Plafond die Wappen sämtlicher deutscher Bundesfürsten angebracht waren: sonst war das Haus der übliche Maurermeister-Renaissance-Prachtbau der 80 er Jahre mit der obligaten überladenen Stuckverzierung, deren Ornamente sich loszulösen und den harmlosen Passanten zu erschlagen drohten. Hatte man aber die zwei übermäßig hohen Treppen glücklich erklommen, so wurde man beim Eintritt in die Bernstein'sche Behausung um so angenehmer überrascht: man fühlte sich nicht nur in ein anderes Haus, sondern in eine andere Stadt versetzt: nach Paris.

Heutzutage ist der Unterschied zwischen einer Pariser und Berliner Wohnungseinrichtung nicht mehr so groß wie damals, denn inzwischen ist Berlin aus der vornehmen mittelgroßen Residenzstadt zur riesengroßen Weltstadt emporgewachsen. Vor einem Menschenalter waren wir aber noch beim Makartbukett, dem Cuivre poli und dem Zinkguß nach der Kißschen Amazone. Gott sei's gedankt! vom Makartbukett sind wir nun zum Blumenstrauß gekommen und nachdem wir sämtliche Stile vom romanischen bis zum Empire kennen lernten, wieder dahin gelangt, wo wir vor dem Kriege stehen geblieben waren: bei der bürgerlichen Einfachheit der vorschinkelschen Epoche. In Frankreich dagegen herrscht trotz aller Kriege und Revolutionen nach wie vor der Stil Louis XVI., aber er ist dort immer lebendig geblieben, weil er sich den jeweiligen Lebensbedürfnissen anzupassen verstanden hat. Daher ist die Pariser Einrichtung viel wohnlicher als die unserige oder wenigstens als die unserige war, die entweder nach dem Atelier oder dem Antiquitätenladen roch.

Bernsteins waren ganz nach Pariser Geschmack eingerichtet, ich glaube sogar, daß das ganze Mobiliar aus Paris stammte mit den Aubussons, den wundervollen Gobelins, den herrlichen holzgeschnitzten und vergoldeten Fauteuils, die mit den schönsten Tapisserien aus der Zeit bezogen waren.

Mich interessierten am meisten die Bilder der Impressionisten, die Bernsteins durch ihren Vetter Charles Ephrussi (den späteren Direktor der Gazette des Beaux-Arts und Freunde der Manet, Degas und Cl. Monet) erworben hatten. Nie vorher war wohl ein impressionistisches Bild nach Berlin gekommen und das Entsetzen, welches die Bernsteinsche Sammlung hier hervorrief, ist verständlicher, wenn man bedenkt, daß die Impressionisten in Paris selbst damals noch längst nicht anerkannt waren. Ich habe schon vor Jahren in meinem Büchelchen über Degas die hübsche Geschichte erzählt, wie Menzel, nachdem er die Bilder lange und eingehend betrachtet hatte – öfter stieg er auf: einen Stuhl, um sie durch das Lorgnon über der Brille näher sehen zu können – Frau Bernstein fragte: »Haben sie wirklich Geld für den Dreck gegeben?« Aber ich habe damals, da Bernsteins noch lebten, dies Geschichtchen ohne Namensnennung erzählt, und auch ohne den Schluß, der für den ehrlichen Charakter Menzels zu bezeichnend ist, als daß ich ihn verschweigen sollte. Als nämlich Menzel bemerkte, wie peinlich sein abfälliges Urteil Bernsteins berührt hatte, entschuldigte er sich bei der Dame des Hauses mit den Worten: »Es tut mir sehr leid, mich so unhöflich über Ihre Sammlung geäußert zu haben, aber es ist meine aufrichtige Überzeugung. Ihre Bilder sind scheußlich.«

Wie sich der Geschmack ändert: in der Sammlung befanden sich die schönsten Stilleben Manets, darunter der weiße Flieder, den Frau Bernstein der Nationalgalerie vermacht hat, die Klatschrosen, ein sehr schöner Degas, vor allem aber wundervolle Cl. Monets, darunter das berühmte Champ de coquelicots, das Frau Bernstein mir hinterlassen hat, weil ich das Bild stets besonders bewundert habe.

Wie die Bilder und die ganze sonstige Einrichtung, so muteten Bernsteins selbst französisch an, was nicht verwunderlich war, da sie früher in Paris gewohnt hatten, wo sie ihre vertrautesten, verwandtschaftlichen Beziehungen hatten. Man glaubte sich in einem Pariser Salon, welcher Eindruck vielleicht noch dadurch erhöht wurde, daß man stets ausländische Gäste bei ihnen traf. Weil Bernsteins kinderlos geblieben, waren sie dadurch wahrscheinlich noch gastfreier geworden und empfingen den Besucher mit jener ausgesuchten Höflichkeit, die darin besteht, daß wir uns mit Hintansetzung unseres eigenen Ideenkreises nur für die Ideen des Anderen zu interessieren scheinen.

Freilich war Carl Bernstein seines Zeichens Jurist, aber das verhinderte ihn nicht (trotz äußerster Kurzsichtigkeit), für ein englisches Schabkunstblatt aus dem 18. Jahrhundert ebenso zu schwärmen wie für die Dentelles eines französischen Bucheinbandes aus derselben Zeit. Die beiden Achenbachs miteinander zu verwechseln – wie es gerade damals dem Herrn von Goßler passiert sein sollte – wäre Carl Bernstein nicht passiert, obgleich er nicht Kultusminister war. Auch hielt er einen schlechtsitzenden Rock nicht für das Kriterium des großen Gelehrten und er verschmähte die Freuden eines guten Diners ebensowenig wie das Vergnügen an einer geistreichen Unterhaltung. Kurz: er war kein Berufsmensch, der nichts kennt als sein Metier. Carl Bernstein interessierte sich für alles und war schon dadurch ein Gesellschaftsmensch. Denn nichts stört die Geselligkeit mehr als Berufssimpelei und ich kenne nichts langweiligeres, als ein Diner von lauter Medizinern oder Malern oder Offizieren: mit dem letzten Bissen, bei Kaffee und Zigarren hört man schon von Fakultätsangelegenheiten oder dem jüngsten Skandal beim so und so vielten Regiment oder irgend einem Atelierklatsch sprechen.

Bei Bernsteins traf sich alles: neben Mommsen und Curtius – die sich allerdings sehr wenig gegenseitig liebten und sich auch nur sehr einseitig schätzten, daß heißt Curtius schätzte Mommsen, ohne daß letzterer für Curtius als Gelehrten etwas übrig zu haben schien – Frau Artôt de Padilla oder ein anderer Bühnenstern, Georg Brandes und Max Klinger, vom Museum Bode und Lippmann, in späteren Jahren Tschudi, aus Dresden Treu und Seidlitz, von Schriftstellern Karl Emil Franzos und tutti quanti, die gerade ein Stück aufgeführt oder einen Roman veröffentlicht hatten, Politiker und Diplomaten aus allen Lagern, dazu die sich in Berlin gerade aufhaltenden Russen.

Alle diese heterogenen Elemente wurden zusammengehalten durch den seltenen Takt des Wirtes und der Wirtin, zu denen sich Carl Bernsteins Schwester Therese gesellte. Letztere, die vor sechs Jahren unvermählt starb, erfüllte die Funktionen einer Zeremoniemeisterin im Bernsteinschen Hause: sie entschied alle Fragen der Etikette, rügte auch wohl einen Verstoß, der etwa von einem der Gäste in bezug auf Toilette begangen worden war. Ohne ein gewisses Zeremoniell kann ja keine Geselligkeit bestehen, selbst die Bohème kann ihrer nicht entbehren. Fräulein Therese achtete ihrer mit peinlicher Genauigkeit und sie kannte den Ehrenkodex in Bezug auf Benehmen, Essen usw. bis in die kleinsten Details. Ihre Jungfer hat sie brillant charakterisiert, als sie ihr riet, sie solle ihre großen Kenntnisse, die sie auf den vielen Reisen gesammelt hatte, verwerten, indem sie einen »besseren Bädeker« schriebe.

Die geselligen Talente, die ich an Carl Bernstein gerühmt habe, besaßen die beiden Damen in noch höherem Maße. Überhaupt finden sich gesellige Talente häufiger bei Frauen als bei uns, zumal bei solchen Frauen, die von häuslichen Sorgen, von der Erziehung der Kinder nicht in Anspruch genommen werden. Es nimmt nicht wunder, daß das kinderlose Ehepaar fast täglich Gäste um sich versammelte, das Wunder bestand vielmehr darin, wie Bernsteins ihren Kreis um sich zu fesseln verstanden. In dem Hause Bernstein herrschte ein ganz eigener genius loci mit ganz eigenem Lokalkolorit: er war der wiederauferstandene Salon der Frau Henriette Herz, der 70 oder 80 Jahre zuvor das ganze geistige Berlin beherrscht hatte.

Freilich kann man mit dem nötigen Gelde einen Salon ausmachen, aber manche Dame glaubt einen Salon zu gründen und hat doch nur, wie Oskar Wilde sagt, eine Restauration eröffnet. Auch kann jeder glänzende Feste geben, der die Mittel dazu besitzt, und er wird genug Gäste finden, um seine Salons zu füllen. Aber trotz ihrer aristokratischen oder berühmten Namen sind sie nur Mitesser, die aus Eitelkeit kommen, um gesehen zu werden oder andere Berühmtheiten zu sehen: zu Bernsteins ging man Bernsteins wegen.

Im Mittelpunkt des Pariser Salons im 18. Jahrhundert steht die schöne Frau, die ihre Anbeter um sich versammelt und deren Gunst nicht selten gerade dadurch erkauft wird, daß man ihre Gesellschaften besucht. Frau Bernstein war eher häßlich als hübsch zu nennen: welch' starker Magnet zog nun ihre Freunde, zumal nach des Gatten Tode, so mächtig zu ihr?

Der Magnet bestand in ihrer Herzensgröße und -gute. Sie war empfänglich für alles Gute und Schöne, was sie als gut erkannt hatte, unterstützte sie, soweit ihre Kräfte reichten. Unzähligen armen Künstlern hat sie geholfen und zwar derart, daß sich die Empfänger der Wohltat nicht zu schämen hatten, ganz zu schweigen von den zahllosen armen Landsleuten und Glaubensgenossen, von denen keiner unbeschenkt von ihrer Türe ging. Sie gab weit über ihre Mittel und die Linke sah nicht, was die Rechte tat.

Fünf Tage vor ihrem Tode sah ich Frau Bernstein zum letzten Male; sie hatte die Kuratoren des Legats, das sie der Sezession vermachen wollte, zu sich geladen und zwar Leistikow – ach! kaum zwei Monate darauf sollte auch er uns entrissen werden – Curt Herrmann, Tuaillon und mich. Sie hatte sich aus dem Bette auf eine Chaiselongue in ihr Wohnzimmer tragen lassen, das Gesicht von den Schmerzen, die sie zu erdulden hatte, entstellt, mühsam sprechend und von der Anstrengung des Sprechens in die Kissen zurücksinkend. Es war gegen 5 Uhr nachmittags und einer der heißesten Tage des so heißen vergangenen Jahres. Die Schatten des Todes hatten sich bereits über sie gelagert; trotzdem hatte sie dafür gesorgt, daß uns Erfrischungen gereicht wurden und während wir nur mit größter Mühe uns der Tränen erwehren konnten, setzte sie uns mit leiser, kaum verständlicher Stimme in Gegenwart des Notars auseinander, wem sie das Legat zugewandt wissen wollte, und nach welchen Grundsätzen wir in Zukunft zu handeln hätten. Und obgleich sie wußte, daß ihre Tage gezählt seien und trotz der fürchterlichsten Schmerzen verlor sie nicht einen Augenblick die Herrschaft über sich: selbst am Totenbette bewahrte sie ihr Taktgefühl.

Sie hatte den wahren Stolz der Edlen, ihre Gefühle nicht zur Schau zu stellen. Ihren Freunden zeigte sie stets ein heiteres Gesicht, wohl wissend, daß jeder seine tiefsten Empfindungen mit sich allein durchkämpfen muß.

Felicie Bernstein betrachtete die Welt von erhöhtem Standpunkte aus, denn sie besaß Humor. Ihr passierte stets Merkwürdiges: natürlich lag das Merkwürdige nicht in dem objektiven Tatbestande, sondern in ihrer subjektiven Auffassung des Erlebnisses. Und im Erzählen ihrer Erlebnisse war sie Meisterin. Unter dem Mantel der Selbstironie geißelte sie die Schwächen und Eitelkeiten ihrer Mitmenschen. Aus ihren Erzählungen machte sie Kunstwerke: sie trug sie pointiert, oft mit einer kleinen Bosheit versehen vor. Wenn sie zum Beispiel erzählte, daß, als Mommsen sich bei ihr, der Hausfrau, entschuldigt hatte, daß er ein Glas Wein umgestoßen, sie ihm erwidert hätte: »aber wozu wären Sie auch sonst deutscher Professor?« Oder wenn sie von dem von ihr hochverehrten Curtius erzählte, wie Thode (der damals wahrscheinlich noch nicht so berühmt war wie heute) ihn besuchte, sich vorstellt, indem er seinen Namen nennt und als der schwerhörige Gelehrte ihn nicht zu verstehen scheint, näher an ihn herantritt und ihm in die Ohren schreit: »Thode«, der alte Herr mit wehmütiger Stimme ausruft: »hat er lange gelitten?« Gern erzählte sie auch ihre »gaffes« – »ins Fettnäpfchen treten« könnte man's übersetzen – wie sie ihrem Tischnachbarn, einem bekannten Schriftsteller, der sich über das Berliner Premieren-Publikum bitter beklagte, mit dem Stettenheimschen Witze geantwortet hätte: »warum werden zu Premieren auch gerade immer die schlechtesten Stücke aufgeführt«, worauf jener entgegnete: »den Witz hat er ja auf mein Stück gemacht«.

Kurze Zeit nach der Revision des Dreyfuß-Prozesses ist Frau Bernstein bei ihren Verwandten in Paris, wo sie Zola zu Tische führt. Natürlich kommt die Unterhaltung auf die »Affäre« und Frau Bernstein beklagt in allen Tonarten den armen Zola, der so lange ohne seine Gattin im Londoner Exil leben mußte. Worauf der Romanzier erwiderte: »die Zeit in London war die glücklichste meines Lebens«. Denn sie wußte nicht, was die Spatzen von den Dächern pfiffen, daß Zola mit seinen beiden Kindern, die allerdings nicht die Kinder seiner Gattin waren und die er abgöttisch liebte, in London sehr vergnügt gelebt hatte.

Übrigens ist die Tatsache, daß man sie von einem Manne wie Zola oder Anatole France zu Tische führen ließ, sehr charakteristisch. »Sage mir, mit wem du ißt und ich werde dir sagen, wer du bist«, dürfte das Sprichwort lauten. Frau Bernstein war mehr als eine gute Europäerin: sie hatte höchste Kultur. Nietzsche sagt im »Ecce homo«, daß ihn als erster ein Jude, Brandes, verstanden hätte. Frau Bernstein hatte diesen Zug ihrer Rasse, daß sie Differenzierungen, feinste Nuancen sowohl des Verstandes wie des Gemütes verstand.

Der aber hätte sich stark in ihr geirrt, der sie für frivol gehalten hätte: unter ihren mondänen Allüren verbarg sich eine fast prüde Schamhaftigkeit, und Schlüpfrigkeiten, selbst unter witziger Maske, erregten ihr fast physischen Ekel. Jedem Kultus oder Dogma fremd, hätte man sie religiös nennen dürfen, wenn man mit Kant unter Religion die Erfüllung menschlicher Pflichten als göttlicher Gebote versteht. Frühzeitig verwaist, frühzeitig verwitwet – ihr Gatte war an den Folgen einer Operation, die die Ärzte für ganz gefahrlos gehalten hatten, plötzlich gestorben – stand Frau Bernstein besonders nach dem Tode auch ihrer Schwägerin ganz allein in der Welt: jede andere Frau hätte sich verbittert von der Welt abgewandt. Sie blieb in der Welt, deren Kümmernisse sie nicht sehen wollte.

Sie wollte nur das Gute und Schöne sehen und diese überlegene Weltanschauung ist um so mehr an ihr zu bewundern, als nicht nur ihr Verstand, sondern gleichermaßen ihr Gemüt daran Teil hatten.

Die Klugheit der Schlange war gepaart mit der Sanftmut der Taube.

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