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Gesammelte kleinere Erzählungen - Vierter Teil

Hermann Kurz: Gesammelte kleinere Erzählungen - Vierter Teil - Kapitel 2
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typenovelette
authorHermann Kurz
titleGesammelte kleinere Erzählungen ? Vierter Teil
publisherMax Hesse's Verlag
correctorreuters@abc.de
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Das Wirtshaus gegenüber.

»Und wie sich auch der Most absurd gebärdet,
Er gibt zuletzt doch noch'n Wein!«

»Sehen Sie nur, Jungfer,« rief das Mädchen der jungen Emilie zu: »Sehen Sie, da ist er schon wieder und sitzt hinter seinem Glase Wein! Ach, es ist doch jammerschade, daß so ein bildhübscher junger Mensch ein solcher Taugenichts ist.«

»Laß mich zufrieden, Gundel,« sagte Emilie, »was geht mich der Trunkenbold an! Ich glaube gar, du meinst am Ende, ich bekümmere mich etwas um ihn. Was trinkt er denn?« – Mit diesen Worten stand sie vom Nähtischchen auf, legte ihre Arbeit beiseite und trat hinter ihr Mädchen ans Fenster, »Wein trinkt er,« sagte diese, »und keinen schlechten, wie mir vorkommt; ja, der ist ein Kenner, ich wette, der trinkt keinen Fünfunddreißiger; sehen Sie nur einmal, wie er in sein Glas blickt! Vielleicht meint er, es liege ein köstlicher Schatz in seinem Grunde: haha, der ist ein Seitenstück zu Schillers Taucher!«

»Du bist ja recht gelehrt,« bemerkte Fräulein Emilie.

»Ja, unsereins hat auch was gelesen,« versetzte Gundel, »aber warum trinkt er denn nicht? Ich glaube, er hat ein wenig herübergesehen, ist es Ihnen nicht auch so vorgekommen?«

»Nein.«

»Sehen Sie nur, wie er auf einmal so rot wird! Wahrscheinlich schämt er sich vor uns, daß wir ihn über seinem schlechten Lebenswandel ertappt haben.«

»Der schämt sich nicht, sonst ginge er nicht so viel ins Wirtshaus. Was wird's weiter sein? Der Wein ist ihm in den Kopf gestiegen und macht ihm das Gesicht so rot.«

»Ja, ja,« sagte Gundel, »der ist gründlich, zuerst kostet er den Wein mit der Nase, und trinkt ihn erst, wenn er schon einen halben Dusel hat; der ist einer von den Schmeckern. Wissen Sie, der Weinhändler Zäpflein, der gewöhnlich nach Tische zu uns kommt, sagte neulich, so müsse man den Vierunddreißiger trinken, wenn man ihn mit Verstand trinken wolle. Und Herr Zäpflein versteht's: man darf nur sein weingrünes Gesicht ansehen.«

»Komm, Gundel,« rief Emilie und zog die Magd vom Fenster weg, »komm und laß uns wieder an die Arbeit gehen. Der Mensch da drüben ist nicht wert, daß man einen Blick an ihn verschwendet; und wenn dich die Leute beständig am Fenster sehen, so glauben sie zuletzt, du habest etwas auf dem Herzen.«

»Gegen den Schreiber? Ach gehen Sie, wer wird das glauben?«

Emilie hatte sich eben wieder an ihr Tischchen gesetzt; sie stand auf und entgegnete heftig: »Ich hab' es dir schon oft gesagt, er ist kein Schreiber, er ist ein Student, so gut wie jeder andere.«

»Er ist aber eben doch Schreiber beim Oberamtsgericht.«

»Jawohl, aber er studiert daneben und hört Kollegia bei den Professoren –«

»Und lebt so schlimm wie die anderen Studenten,« fügte Gundel hinzu. »Ja, das muß man ihm lassen, in diesem Punkte gibt er ihnen nichts nach. Ach, der Vierunddreißiger wird noch manches Muttersöhnchen ins Verderben führen.«

»Den wollt' ich ihm noch verzeihen,« sagte Emilie, »er findet nun eben einmal Geschmack daran: aber wenn er nur nicht schon vormittags ins Wirtshaus ginge. Jetzt ist's erst halb elf Uhr: das kann kein guter Mensch tun, das ist unverzeihlich, das ist geradezu liederlich.«

»Jetzt wird drüben wieder gesungen,« fiel Gundel ein, »aha, jetzt ist wieder die ganze saubere Gesellschaft beieinander.« Sie trat ans Fenster und fuhr fort: »Da sitzen sie bereits hinter den vollen Flaschen, wie kann man nur die Gabe Gottes so mißbrauchen? Ihr Rädelsführer ist auch dabei, der hantiert immer am ärgsten; ich glaube, er hat sie alle verführt, daß sie nach seiner Pfeife tanzen müssen. Wie heißt er doch nur? Ich kann den wunderlichen Namen mein Tage nicht behalten, Jungfer Emilie, wie heißt der Student, der die längsten Haare und die längsten Beine auf der ganzen Universität hat?«

»Schweig still von dem,« sagte Emilie verdrießlich, »ich will nichts von ihm hören, es ist ein bösartiger Mensch, der allein klug zu sein glaubt und jedermann für die Zielscheibe seines Witzes hält. Er meint wunder wie gebildet er sei, und hat doch keinen Funken guter Lebensart.« »Nicht wahr? das ist derselbe, der von Ihnen gesagt hat –«

»Sei still von dem häßlichen Menschen. Was brauchst du zu wissen, was er von mir gesagt hat.«

»Sie sind heute nicht in der besten Laune.«

»So warte, bis ich in besserer bin.«

»Hu, das ist ein wildes Lied, und sie singen, daß es einem durch Mark und Bein geht. Ich möchte nur auch die Worte davon verstehen.«

»Pfui, Gundel, schäme dich, daß du an solche Sachen denkst! Was wird's weiter sein als ein unartiges Lied, wie sie nur zu viele haben. – Ich möchte nur wissen, wie sie den in ihre Gesellschaft gelockt haben.«

»Wen?«

»Nun, den andern.«

»Welchen andern?«

»Ach, du verstehst mich wohl; was hast du denn wieder?«

»Ja so, den Schreiber.«

»Ich sage dir aber,« fuhr Emilie auf, »er ist kein Schreiber.«

»Ach, ich bitte um Verzeihung. – Vorhin aber saß er nicht bei den anderen.«

»Sieh doch einmal, ob er noch da ist; es wäre gottvergessen von ihm.«

»Freilich ist er noch da,« rief Gundel boshaft, indem sie wieder aus dem Fenster sah, »bei den anderen sitzt er nicht, aber er befindet sich in einer noch viel besseren Gesellschaft und unterhält sich aufs angenehmste; sehen Sie nur.«

Emilie trat neugierig ans Fenster, fuhr aber sogleich mit dem höchsten Unwillen wieder zurück und rief: »Wie? Mit der Kellnerin amüsiert er sich!« »Ja,« sagte Gundel lachend, »und er muß ihr eben was Hübsches gesagt haben, denn sie beugt sich ganz vertraulich zu ihm herab; kommen Sie doch! Das Ding sieht aus wie zum Malen.« – »Ich mag nicht,« erwiderte Emilie mit erzwungener Fassung, »ich würde mich schämen so etwas mit anzusehen, und du, geh du auch vom Fenster weg und genier ihn nicht, Gundel,« fing sie auf einmal gebieterisch an, »ich muß diesen Kragen heute noch fertig bringen; geh sogleich zu dem Musiklehrer und sag ihm, ich brauche ihn heute nicht, oder vielmehr sag, ich lasse mich gehorsamst empfehlen und ihn bitten, sich heute nicht zu mir zu bemühen. Geh!« – Gundel gehorchte und verlieh das Zimmer mit schadenfrohem Lächeln. Als sie das Mädchen auf dem Weg nach dem entlegenen Hause wußte, warf Emilie ihre Arbeit weg, die mühsam verhaltenen Tränen brachen ihr in Strömen aus den Augen, sie legte ihr Haupt auf das Tischchen und rief einmal übers andere: »O der unwürdige Mensch!« – Um die Ursache ihres Kummers näher kennen zu lernen, müssen wir die Weinende verlassen und mit den Fröhlichen fröhlich sein.

Paul, der studierende Schreiber, der bei seinem schönen Gegenüber in so schlechtem Rufe stand, saß an einem der vielen kleinen Wirtstischchen in dem geräumigen Zimmer und schaute träumend in das mäßige Weinglas, das er sich hatte reichen lassen. Er war nicht wie andere Studenten locker und lustig gekleidet, sondern trug einen anständigen bürgerlichen Überrock, sein Hals barg sich in einer strengen Krawatte und auf seinem blühenden Gesichte ruhte jenes schätzbare Etwas, welches man auf Universitäten mit dem Namen Solidität zu bezeichnen pflegt. Was bewog denn nun aber den löblichen Jüngling, seit geraumer Zeit fast jeden Vormittag dieses Wirtshaus zu besuchen, und zwar in der Stunde von zehn bis elf Uhr, wo Herr Dr. Krummfalter, der gelehrteste Professor auf der ganzen Akademie, über die Novellen las, aber nicht über die des Boccaccio oder Cervantes, sondern über die Novellen des Corpus juris! Nun, daß er zu dieser Stunde kam, ist sehr erklärlich, denn er mußte die Zeit, die er nicht auf die Kollegien verwendete, bei seinem Patron, dem Oberamtsrichter, in unablässiger Tätigkeit zubringen, und konnte seinen Geschmack für das Wirtshausgehen auf keine andere Weise befriedigen, als indem er Unterschleif mit seinen Kollegien trieb; daß diese just in die Vormittagsstunden fielen, mußte freilich dazu beitragen, seinem lasterhaften Hang eine noch viel grellere Farbe zu geben. Aber warum geht er überhaupt ins Wirtshaus? Ist er, wie Gundel vermutet hat, einer jener inkorrigibeln Weinschmecker, die vom frühen Morgen bis an den späten Abend im Zuge bleiben und mit ihren halben Schöppchen nach Art der Sekundenzeiger in kleinen Dimensionen, aber mit reißender Schnelligkeit vorrücken? Zwar bemerken wir bei ihm zuvörderst das Hauptkennzeichen dieser Gattung: er hat ein halbes Schöppchen vor sich stehen, aber dies überführt ihn noch nicht, der ganze übrige Charakter eines Weinschmeckers geht ihm ab. Er ist jung und entbehrt somit zwei wesentlicher Eigenschaften, der Erfahrung und der Langsamkeit im Genüsse; was weiß die Jugend jenes köstliche Naß zu schätzen und »mit Verstand« zu schlürfen? Sie stürzt es mit heroischen Zügen hinunter, daß es ihr gleich wieder in lichten Flammen zum Kopf herausschlägt: ein Schmecker wird sich nie berauschen, höchstens, wenn der Tag sich neigt, hat er einen Haarbeutel, und während es in einer solchen Epoche bei der Jugend »rauschet und brauset«, so wird dagegen der Schmecker immer stiller und sinniger, eine kabbalistische Weisheit bemächtigt sich seiner, er sieht der Schönheit der Welt bis in die verborgensten Nerven und Adern, eine Tiefe der Erkenntnis geht ihm auf, die er vor dem unheiligen Laien mit priesterlichem Stolze zu verbergen bemüht ist, die nur ein Eingeweihter aus seinem feinen Lächeln lesen kann. Diese fromme Behaglichkeit, womit der Schmecker seinen Schöpfer preist, ist nicht in dem Gesicht unseres Helden zu finden, aber ein noch bedeutenderer Mangel beweist uns, wie oberflächlich die Beobachtung war, welche die beiden Mädchen angestellt haben: die Blüte seines Gesichts ist die unbefangene, verdienstlose Blüte der Jugend und Gesundheit; wie kann man sie verwechseln mit jener glühenden Farbenpracht eines Schmeckerantlitzes, wo der Wein aus dem üppigen Boden, den er vermöge seiner schaffenden Kraft im Innern angesetzt hat, eine zweite und schönere Nebenblüte emportreibt, eine vollständigere, welche die ganze unterirdische Verwandtschaft des Weinstocks, den königlichen Stamm der Metalle und Edelsteine vielgestaltig in sich aufgenommen hat! Was ist die tatenlose Schönheit eines jugendlichen Gesichtes gegen diesen Reichtum einer durchgearbeiteten Bildung, woraus alle Geheimnisse eines begeisterten Naturkultus blendend und tiefsinnig hervorfunkeln? Nur ein unwissendes Mädchen kann einem jungen Menschen den Rang eines Weinschmeckers erteilen. Ich kenne den Weinschmecker, denn ich habe ihn studiert, und zwar an einem seltenen Exemplar. Es war ein Wirt, bei dem ich in heiterer Gesellschaft manche gute Stunde zugebracht habe. Übrigens wich er von dem hier gegebenen Bild in etwas ab, nämlich sein Kultus war nicht reiner und ausschließlicher Naturkultus, sondern spielte auf das Gebiet des sittlichen Geistes hinüber. Ich habe nie gesehen, daß er sich ganz nur um des Genusses willen in den Genuß vertiefte, sondern seine Libationen waren vielmehr immer das Akkompagnement zu dem Text der Tagesgeschichte. Wenn einer aus der Gesellschaft einen lustigen Einfall vorbrachte oder wenn es überhaupt lebhaft herging, wenn eine schlagende Anekdote erzählt wurde, so pflegte er immer das Siegel darauf zu drücken, indem er seiner Kellnerin rief: »Rickchen, jetzt bring mir ein halbes Schöppchen!« Aber er war zu ehrenhaft, um sich dies bloß von Fremden verdienen zu lassen, er legte selbst Hand an und erzählte eine Anekdote, eine einzige, aber einen Löwen, nur mit dem Unterschiede, daß eine Löwin jährlich einmal ein Junges bringt, er aber den seinen wöchentlich zwei bis dreimal warf: er versteckte nämlich seine gewaltigste Leidenschaft, die Todesfurcht, dahinter und erzählte mit vielem Humor von einem Sterbenden, der seinen Arzt im letzten Augenblicke gefragt habe, ob er das Sterben wohl auch ohne Gefahr durchmachen werde. Wenn diese Erzählung die gewöhnliche Wirkung getan hatte, so pflegte er befriedigt um sich zu blicken und zu rufen: »Rickchen, jetzt bring mir ein halbes Schöppchen!« Ohne eine sittliche Einleitung geschah dies nie: wenn die Gesellschaft nicht im Zuge war, wenn nichts vorfiel, nicht einmal etwas, woran er seine Anekdote hätte anknüpfen können, wenn, wie man zu sagen pflegt, ein Engel durchs Zimmer ging, so hielt er sich an diesem stillen Ereignis fest und rief: »Nun, es ist ja eins! Rickchen, jetzt bring mir einmal ein halbes Schöppchen!« Aber nur die Einleitung ging von diesem historischen Boden aus: sobald er sein »halbes Schöppchen« vor sich hatte, nahm er einen feinen Blick an, verlor sich in das unergründlich mystische Naturleben, das ich oben geschildert habe, und ließ uns junges Volk unbekümmert schalten bis er wieder einer neuen Einleitung bedurfte.

Also, um auf unseren Helden zurückzukommen, ein Weinschmecker ist er nicht. Er ist aber auch kein Säufer, denn er hat bis, jetzt nur ein einziges Mal, und wie es schien mit Widerstreben, aus seinem Glase genippt. Was ist er denn? Nenne mir, Muse, den Mann, den vormittags ins Wirtshaus Verschlagnen! Sollte er ein geheimer Emissär einer Weinverbesserungsgesellschaft sein? Sehr zweifelhaft! Zwar wär' es möglich, daß ihm der Wein nicht mundete und er eben auf einen schlimmen Bericht an seine Kommittenten sänne, aber der Wein ist gut, wie ich gewiß weiß, und was wird eine Weinverbesserungsgesellschaft einen solchen Kieckindiewelt als Agenten ausschicken? Die hat ihre Schmecker zur Hand und benützt sie, wie man Affen benützt, um die Kastanien aus dem Feuer zu langen, – Also keine von all diesen Vermutungen ist stichhaltig gewesen: der rätselhafte Jüngling sitzt noch immer da, schaut sinnend in das Glas, das nicht leerer werden will, und gibt keine Antwort auf unser akademisches Dic cur hic Ich würde der schönen Leserin, aus Furcht, er möchte bei ihr wie bei Emilien in Mißkredit kommen, das ganze Geheimnis seines Hierseins im voraus anvertrauen, aber ich sehe, sie hat es aus einem einzigen schüchternen Seitenblick von ihm bereits erraten, während der geneigte Leser immer noch im unklaren ist, den Helden von allen Seiten vergebens umgeht und sich in einem Labyrinthe von Vermutungen verirrt.

Aber das leise Geflüster der Mutmaßungen verstummt vor dem Geräusche, das sich jetzt erhebt.

Die Türe flog krachend auf und herein brauste eine wilde Studentenschar, die gierig, wie eine Herde Geier über ein Aas herfällt, sich der alsbald herbeigebrachten Weinflaschen bemächtigte. »O Katzenjammer!« rief einer und sogleich wurde auf den Vorschlag eines anderen dieser Schattenseite des Studentenlebens ein Pereat gebracht. »Wie steht's?« fragte einer den andern, und nun ertönten die bittersten Klagen darüber, daß Freud und Leid im menschlichen Dasein so verschwistert seien. »Als ich diesen Morgen erwachte,« sagte einer, »hatte ich ein Gefühl, als ob ich ein pelziger Rettich wäre.« »Und ich,« sagte ein anderer, »war wie ein eingeschlafener Fuß, und bedurfte meiner ganzen moralischen Kraft, um endlich aus dem Bett und in die Kleider zu kommen.« Ein dritter erzählte: »Mir hat es diese Nacht geträumt, ich sei in der Hölle; zwei Teufel mit unendlichen Schwänzen führten mich vor den Rhadamant, der mich grimmig ansah. »Abscheulicher Säufer«, sprach er, »geh hin und empfange die Strafe, welche diesem Laster bestimmt ist!« Hierauf schleppten mich meine zwei schwarzen Schergen fort, ich schrie und sträubte mich, denn ich glaubte, man werde mich ins Feuer werfen; aber wie war mir, als sie mich in ein ungeheueres Wirtszimmer brachten! Lange Tische und Bänke standen unübersehbar umher: die Teufel banden mich an eine Bank fest und stellten einen großen Humpen vor mich hin. »Soll das meine Strafe sein?« rief ich lachend, »wartet, ich will euch gleich beweisen wie zerknirscht ich bin!« Ich hob den Humpen mit Mühe und tat einen guten Zug: das Ding sah aus wie Wein, hatte aber gar keinen Geschmack. Auf einmal, da ich kaum den Humpen abgesetzt hatte, fühlte ich einen heftigen Durst und mußte wieder trinken, aber je mehr ich trank, desto durstiger wurde ich, so daß ich den Humpen aus Verzweiflung mit einem Zuge leeren wollte, obgleich er fast ein halbes Imi zu enthalten schien. Doch meine Anstrengung war vergeblich: ich mochte trinken so viel ich wollte, das Getränke nahm gar nicht ab, der Humpen blieb so voll wie zuvor. Dagegen wurde mein Durst immer größer, es war mir heiß und schwül, daß ich zu vergehen meinte. Einer der beiden Teufel fächelte mir aus Mitleid mit seinem Schweif einige Kühlung zu, aber auf einen Wink des anderen unterließ er es wieder; endlich gingen sie fort und ließen mich allein. Nun merkte ich erst wie unheimlich mein Aufenthalt war: das lange Zimmer, die dunkelgrünen Wände, die leeren Tische! Es ist nirgends unangenehmer, als in einem leeren Wirtszimmer, und ich war so ganz allein. Ich wäre froh gewesen, wenn die beiden Teufel wiedergekommen wären, ich sehnte mich mit einer wahren Freundschaft nach ihnen und dachte in meiner Herablassung: der Teufel ist auch ein Mensch – so zu sagen. Zum Zeitvertreib fing ich an alle Trinklieder zu singen die mir einfielen, aber ich war heiser und die Zunge versagte mir den Dienst. Es war ein abscheulicher Zustand, der eine ganze Ewigkeit dauerte. Ich danke Gott, daß ich zuletzt erwachte und meinen unsinnigen Durst mit einer Flasche Bier löschen konnte, die ich gestern abend aus Instinkt mit heimgenommen und unters Bett gestellt hatte.«

Während alle lachten, trat noch einer ins Zimmer, den wir an der Länge seiner Haare und Beine sogleich für das grand mauvais sujet erkennen, von dem die beiden Mädchen vorhin sprachen.

»Guten Morgen, Ruwald!« riefen alle zusammen, »guten Morgen! Wie steht's mit dir, du Erznebelkappe?«

Der Angeredete zuckte die Achseln und seufzte: »O Freunde! ›der Menschheit ganzer Jammer faßt mich an.‹«

»Ho,« riefen die andern, »da seh einer den Philosophen! Wir haben's doch nur jeder mit sich selbst zu tun, aber er fühlt sich gleich berufen, die Schmerzen der ganzen Welt zu tragen.«

»Und mit Recht!« erwiderte Ruwald, »hat mich doch gleich beim Aufwachen meine eigene Infirmität an die eurige erinnert, und um unser aller Elend zu mildern und erträglicher zu machen, hab' ich sogleich ein Lied verfaßt.«

Nicht für mich allein,
Nicht für dich allein,
Nein, für uns alle.

»Also ein Katzenjammerlied?« »Ja, es trägt das Motto von dem großen Dichter:

›Perser nennen's Bidamag buden,
Deutsche sagen Katzenjammer.‹

»Ein Katzenjammerlied!« riefen alle, »holla, ein Katzenjammerlied! Silentium, ad loca! Gib's preis, Ruwald, gib's preis!«

»Wenn ihr schon im voraus einen solchen Lärmen macht, so könntet ihr den Autor beinah verschüchtern, denn bedenkt:

»Ein Jammernder hat es geschrieben,
Und Jammervolle singen's auch.«

»Singen?« riefen die andern, »also kann man's gleich singen? Nach welcher Melodie?«

»Nun, nach der bekannten, in welcher wir alle unsere selbstgedichteten Lieder abzusingen pflegen: – ›Katone, Katone bezwingt der Liebe Macht.‹«

»Nun, so fang an.«

»Halt, zuvor muß ich eine Stärkung zu mir nehmen!« – Er trank dem nächsten besten sein Glas aus, schob sich die Locken aus dem Gesicht, und wandte sich noch einmal herum. »Aber gebt Achtung, daß ihr auch mit Anstand in den Chorus einfallt! Ein Gedicht mag so gering sein, als es will, in Gegenwart des Poeten muß es honett behandelt werden.«

»Sei ohne Sorgen, Ruwald, fang an!«

Er strich sich die Locken noch einmal aus dem Gesicht, räusperte sich und sang:

Ein Haar von der Katze,
Die dich gebissen hat,
Eine Kralle von der Tatze,
Die dich gerissen hat,
Das nimm am frühen Morgen,
Zu stillen deine Sorgen,
Sei es nun Bier oder Schnaps oder Wein,
Nimm es zum Morgensegen ein.

Bomieren, Bomieren,
Ist revolutionär!
Man tut sich mit blamieren
Und hat davon keine Ehr!
Statt revolutionieren
Ist nun das Reformieren
Sache des Zeitgeists, des Geschmacks, der Politik:
Bleibe nicht hinter dem Zeitgeist zurück!

Ein mildes Reformieren
Acht' für die beste Kur,
Und still' mit sauren Nieren
Die seufzende Kreatur:
Ein wohlgesalzner Harung
Ist auch kein' üble Nahrung,
Milcher und Roger sei gleich ästimiert,
Wenn er den Magen nur restauriert!

Dann gehst du wieder mutig
Zu Leib dem falschen Trank,
Der dich geliefert blutig
Nächt auf die Marterbank.
Ein Haar von jener Katze,
Eine Kralle von jener Tatze,
Sei es nun Bier oder Schnaps oder Wein,
Nimm es zum Morgensegen ein!

Kaum hatte der Chor ausgesungen, so erhob sich ein allgemeines Klatschen und ein Bravo! Da capo! Rufen. Dies war übrigens keineswegs ein Beweis von speziellem Beifall, sondern ein altherkömmlicher Brauch in dieser Gesellschaft, den Ruwald eingeführt hatte: »Ein Poet,« pflegte er zu sagen, »muß Aufmunterung haben!« Und demzufolge wurde jedes Gedicht in diesem Kreise applaudiert; es war, sozusagen, der offizielle Empfang, der ihm zuteil werden mußte, und hinderte nicht im mindesten die Äußerungen von Mißlieben oder Spott, welche sich gleich darauf geltend machen wollten.

Der Beifall war noch nicht ganz verraucht, als ein schmächtiger Jüngling mit einem kleinen blonden Schnurrbart, den die anderen seiner von blauen Schnupftüchern stets gefärbten Nase wegen Cäruleus nannten, sich erhob und sagte: »Dieses jammervolle Gedicht hebt die materiellen Interessen mit vieler Sachkenntnis hervor und verdient nach dieser Seite sehr belobt zu werden, ja, man möchte den Verfasser aufmuntern, sämtliche Küchenrezepte in kulante Verse zu bringen, wofür, namentlich wenn er hie und da noch ein Sentiment einfließen ließe, die Frauenzimmer ihm gewiß sehr dankbar sein würden. Auch unsern Dank verdient er, um so mehr, als er dieses Lied in einem Zustand anzufertigen sich bemüht hat, in dem der Mensch gewöhnlich nur zu Elegien und Klageliedern, worin Käuzchen krächzen und melancholische Heimchen zirpsen, aufgelegt ist. Eben deshalb kann aber auch nicht der strengste Maßstab an seine Produktion angelegt werden und die Kritik verstummt – aus pathologischen Rücksichten«

Ruwald wurde ausgelacht und lachte mit. »Also an einem ideellen Teile hat es bei mir gefehlt,« sagte er, »und ich gestehe, der Katzenjammer ist eine so interessante Erscheinung, daß er von allen Seiten beleuchtet zu werden verdient. Wir wollen demnach das Fehlende nachholen und ich verbinde hiemit einen Antrag, den ich schon längst zu stellen im Sinne hatte. Von jeher hab' ich die alten Griechen vorzüglich in einem Punkte bewundert und auch beneidet, nämlich wegen der schönen Reden, die bei ihren geselligen Zusammenkünften gehalten wurden. In jener genialen Zeit, in die uns Platos Symposion zurückführt, war es die Pflicht jedes Gastes und zugleich seine Ehre, durch einen zusammenhängenden Vortrag auf heitere Weise die Tischgenossen zum Denken anzuregen; bei solchen Anlässen hat Sokrates seine Lehrweisheit entwickelt, der geistreiche Aristophanes unter leichten Scherzen tiefsinnige Philosopheme verborgen. Damals war jeder Gast ein Redner, durch die Einladung zu einem solchen Mahle war er als aufgenommen in die Aristokratie des Geistes, des Geschmacks, der Bildung erklärt. Später, und wenn unbedeutendere Sprechtalente miteinander schmausten, mußte wenigstens einer zugegen sein, der der Gesellschaft zugleich einen geistigen Genuß gewährte; man lud einen solchen ausdrücklich zu diesem Zweck an die Tafel und wenn sich gar zwei zusammenfanden, die durch Kontrovers-Reden dem Denkstoff vielfache Formen und verschiedene Wendungen zu geben wußten, so war das Hauptbedürfnis einer gebildeten Tischgenossenschaft befriedigt. Auch die Römer, wenn ich nicht irre (denn ihr habt mich nie einen Gelehrten zu schelten Ursache gehabt), ahmten diese Sitte nach. Wer keinen Cicero, keinen Horaz einladen konnte, zog einen Rhetor zu Tische, der um einer guten Mahlzeit willen Lunge und Logik gern in Atem setzte; denn es muß in Rom mehr arme Magister gegeben haben als in Leipzig. In den mittelalterlichen Refektorien wurden zu jeder Mahlzeit Gebete oder Legenden oder Psalmen vorgelesen, an den weltlichen Höfen war der Gesang, der zwar dem Altertum auch nicht ganz fehlte, aber in seiner eigentümlichen und eigentlichen Entwicklung ein Kind des germanischen Geistes ist, die Würze der leiblichen Genüsse. Daß er aber zuweilen über seine lyrische Natur hinaus nach jener antiken Form der Tafelreden zurückstrebte, davon gibt uns der Sängerkrieg auf der Wartburg einen interessanten Beweis. Bei dem Übergang des Mittelalters in die neuere Zeit emanzipierte sich die Rede von der Tafel und wurde zur Disputation, welche, obgleich sie sich von jener leiblichen Seite nicht ganz befreien konnte, obgleich die Kämpfer nach geschlossener Arena zu den besetzten Tischen und gefüllten Pokalen eilten, doch durch diese Trennung von ihrem wahren Wesen degeneriert und eben darum so trocken geworden ist. Wir haben hier, meine Freunde, eine jener Epochen in der Geschichte, wo man zuversichtlich von einem Rückschritt reden darf. Wie das rhetorische Element, so wäre auch das konvivialische bei dieser Katastrophe zu kurz gekommen, wenn es sich nicht einen reichhaltigen Ersatz geschaffen hätte in dem nationalen Institute der Hofnarren. In der Geschichte dieses Ordens stoßen wir auf eine Periode, welche eine bedeutende Ähnlichkeit mit den antiken Tafelunterhaltungen darbietet. Bekanntlich oder unbekanntlich –«

Hier applaudierte die Gesellschaft.

»– waren die Hofnarren gelehrte und zum Teil sehr achtungswerte Männer und wurden dazu benutzt, durch wissenschaftliche Vorträge, namentlich mit ihren großen historischen Kenntnissen den speisenden Hof zu unterrichten. Manchmal wurden auch zwei oder mehrere zusammengeladen, um sich in ihren Ansichten zu unterstützen oder zu berichtigen, und hier setzte das Institut seine wissenschaftliche Würde freilich oft nur gar zu sehr auf das Spiel, denn der Becher der Gelehrsamkeit hat mehr als jeder andere seine Hefe und seinen Schaum; jene, ist der Neid, dieser die Eitelkeit. So geschah es, daß diese Gespräche der Hofgelehrten oder Hofnarren meist, je nach den verschiedenen Tiergattungen, welche sich in den Charakteren der Menschen aufhalten, in englische Hahnenkämpfe oder spanische Stiergefechte ausarteten. Sie wurden ganz zu einer rohen Belustigung der Höfe, denen es nach der damaligen Weise nicht um die Ansicht, sondern um den Spaß zu tun war, und freilich bot auch die Ansicht, die Ausgeburt einer geistlosen Wissenschaftlichkeit so wenig Erquickliches dar, daß wir es den Großen nicht verargen können, daß sie mehr Befriedigung darin fanden, solch grundgelehrtes Kunstvieh gegeneinander zu hetzen und vor Lust zu jubeln, wenn die Bosheit der Kämpfer, welche trotz des Bewußtseins, daß sie nur zum Gespötte da seien, dennoch keinen Fußbreit weichen wollten und recht eigentlich vom Satan in den Kampf geritten wurden, auf eine unglaubliche Höhe stieg und der Streit natürlich nur noch zugunsten desjenigen entschieden werden konnte, der seinen Gegner am dicksten mit Kot zu bedienen imstande war. Aber auch dieser ganz ausgearteten Form der konvivialischen Rhetorik lag doch immer noch ihr Ursprung, das geistige Bedürfnis, wenn auch noch so sehr entstellt, zugrunde, und eine bessere Zeit würde sie aufs tüchtigste reformiert haben, wenn sie sie noch vorgefunden hätte. Denn jetzt brach plötzlich die Periode der Prüderie und Perückenhaftigkeit herein, die Hanswurste mußten von Thron und Bühne fliehen, die Hofnarren verwandelten sich in Hofräte, und Gottsched, in seiner allegorischen Bedeutung dem ewigen Juden und dem alten Nicolai, dem Prinzip der deutschen Kritik, vergleichbar, bemächtigte sich des Jahrhunderts. Werfen wir einen Schleier über jene Zeit! Ihr Bann ist längst gebrochen, der hochherzige Kämpe von Weimar hat das gefangene Dornröschen befreit, und nur hie und da schnurrt noch eine erfolglose Spindel auf dem Boden des deutschen Papiers umher. Diese literarische Revolution hat alle Kreise des Lebens durchdrungen; auch der Gegenstand, von dem hier die Rede ist, das Gebiet der Tafelunterhaltung, gewann dadurch einen neuen Schwung. Die Konversation bei Tische ist freier und belebter geworden, das Zusprechen und Nötigen hat aufgehört, es ist, wenn ich mich so ausdrücken darf, eine liberale Freßfreiheit eingetreten, und die Gäste, welche nicht mehr vor der Ehre des Opfertodes beben dürfen, haben nun einen größeren Spielraum für den Geist und seine Bedürfnisse. Aber die Kunst, diese zu befriedigen, ist noch nicht ganz zu ihrer Reife gediehen. Witze und Anekdoten, die ich das kleine Backwerk der Konversation nennen möchte, sind, wenn sie ihrem Begriff entsprechen, zu leicht und zu schaumig, um sättigen zu können; daher bleibt nach geendeter Mahlzeit immer ein unbefriedigtes Etwas zurück: man darf nur die Gäste betrachten, wenn sie von der Tafel aufstehen, sie sind verlegen, halb verdrießlich, sie wissen nicht, wo es ihnen fehlt, nicht, was sie einander sagen sollen, in ihren Augen schwimmt eine gewisse schmerzliche Sehnsucht, und dies ist nichts anderes als der Hunger nach einer soliden geistigen Kost. Unsre Nachbarn über dem Kanal, die in so manchen Beziehungen vor den übrigen europäischen Völkern voraus sind, haben auch hierin sehr viel getan: bei ihnen vergeht kein Mahl, wo nicht von den bedeutendsten Gästen – und zwar, was als ein Fortschritt gegen das Altertum rühmlichst hervorzuheben ist, mit dem Pokal in der Hand – Reden gehalten werden; aber in diesen Reden ist nur von der Politik die Rede, und wenn unser jovialer Freund Röthling, der nun leider, unserm Kreis entrissen, in der Einsamkeit und im Schatten seines Vikariats sich grämt, wenn dieser zu sagen pflegte:

›Sprecht mir von allen Schrecken des Gewissens,
Von einigen aber sprecht mir nicht!‹

so hat er gewiß unter diesen rätselhaften ›einigen‹ auch die Politik verstanden. So wollen wir denn nun, meine Freunde, diese subjektive Einseitigkeit zur geistigen Allgemeinheit erheben, von den Engländern das Beispiel, von der antiken Welt die Form nehmen und in Zukunft jede unserer geselligen Zusammenkünfte mit solennen Reden würzen. Wie ich sehe, so hab' ich selbst bereits dieses Beispiel gegeben und einen, wie ich aus meinem Durste schließen kann, ziemlich langen Vortrag gehalten, dem ihr den begreiflich von den Gedichten auch auf die Reden überzutragenden Beifall nicht versagen werdet.

Die Gesellschaft erhob ein heftiges Beifallsgeschrei, worauf Ruwald fortfuhr:

»Um also auf den unterbrochenen Gegenstand zurückzukommen, so ist meiner langen Rede kurzer Sinn – ›so viel Arbeit um ein Leichentuch!‹ würde Röthling hier sagen – daß die von mir übergangenen Seiten des Katzenjammers in einer förmlichen Rede herausgehoben werden und, in der Sprache des ehrwürdigen Dr. Baderer zu reden, ›sich herausstellen sollen‹. Gewiß geschieht es einstimmig im Sinne der edlen Versammlung, wenn ich das Amt, diese und überhaupt jede in Zukunft zu beliebende und schicklich zu findende Rede zu halten, unserem trefflichen Freunde Cäruleus übertrage. Er hat von uns allen unbestreitbar das beneidenswerteste Mundstück –«

Cäruleus verneigte sich feierlich gegen ihn.

»– und wenn irgend einer von uns verdient, dereinst als Geist einen neuen Beweis für die Unsterblichkeit zu liefern, so ist er es: seine Ansichten werden ihn im Grabe nicht schlafen lassen und er wird sich mehr wie einmal gedrungen fühlen, zu uns zu kommen und sie in ihrer ganzen Stärke und Gewichtigkeit uns mitzuteilen. Es versteht sich von selbst, daß jeder von uns, wenn der Geist über ihn kommt, berechtigt ist, sich vernehmen zu lassen, aber zum offiziellen und bei jedem Anlaß gerüsteten Redner ernenne ich hiemit, wenn niemand etwas dagegen zu erinnern hat, unsern verehrten Cäruleus.« »Fiat!« rief die Gesellschaft, »Piccolomini soll unser Sprecher sein!« »Ich nehme,« begann Cäruleus –

»Du nimmst mir's nicht übel,« unterbrach ihn Ruwald, »wenn ich dich noch zu einem augenblicklichen Stillschweigen nötige. Ich habe nämlich mit dieser Ernennung noch eine andere zu verbinden. Freunde! wir müssen die vielen schätzbaren Eigenschaften unseres neuen Redners noch besser ausbeuten. Er hat besonders eine, die, gehörig entwickelt, uns recht fördersam und zugleich erheiternd werden kann, nämlich das Talent Hypothesen aufzustellen: es existiert in Geschichte und Leben nichts so Wunderbares und Abenteuerliches, dessen er sich nicht sogleich durch eine ebenso naupengeheuerliche Erklärung zu bemächtigen imstande wäre. Ich erinnere mich soeben: als ich gestern mit ihm spazieren ging, um vor dem Schmause, den wir dem abgeschiedenen Freunde Rubens gaben, noch etwas frische Luft zu schöpfen, kamen wir – der Himmel weiß wie – auf das Stillstehen der Sonne bei Gideon und dann auf den Irrtum der Alten Welt hinsichtlich der Sonne und Erde zu sprechen. ›Es ist doch seltsam‹ – sagte Cäruleus – ›daß die Gelehrten des klassischen Altertums, diese gründlichen, tiefsinnigen Geister, in einer Sache sich geirrt haben sollten, über die jetzt jeder Schulknabe im klaren ist; und sie besaßen doch eine Menge Entdeckungen und Geschicklichkeiten, die wir mit all unserem Scharfsinn und unserer vorgerückten Technik uns nicht mehr zu erwerben imstande sind. Sollten sie nicht mit jener Ansicht dennoch recht gehabt haben? Wäre es nicht möglich, daß in der antiken Welt die Erde stand und die Sonne sie umkreiste? Die ungeheure Revolution, durch welche dieses Verhältnis umgekehrt wurde, wäre dann in den Anfang unsrer Zeitrechnung zu setzen. Hier entstand eine ganz neue Welt, die mit der alten beinahe gar keine Verwandtschaft mehr hat, und da ein verjährter Glaube der Menschen den sittlichen Revolutionen auch physische zugesellt, so ist es sehr plausibel, daß zu jener Zeit, wo der Sonnengeist über den Erdgeist Meister wurde, auch der Sieg der Sonne über die Erde stattfand, daß die Sonne plötzlich sich ins Zentrum stellte und die Erde ihren Trabantenlauf begann. Hieraus wird noch ein anderer rätselhafter Zug in der Geschichte erklärlich: wie die Erde zu schweben und zu kreisen anfing, wurden die Menschen natürlich schwindlig und purzelten übereinander, von diesem Schwindelwesen blieb ein Rest in ihnen zurück, auch als sie von der eisten Purzelhaftigkeit geheilt waren; das Rollen des Bodens zog sie fort, der Geist der Bewegung fuhr ihnen in die Beine, eine Wanderlust kam über sie, wie sie in der antiken Welt nicht stattgefunden hatte, und das ist die Völkerwanderung. Hieraus würde zugleich hervorgehen, daß Pythagoras und seine Schüler, welche wegen ihres dem Kopernikanischen ziemlich anähnelnden Planetensystems jetzt gepriesen werden, au contraire im Irrtum waren.‹ – Nun frage ich billig, ob man einen Mann nicht ehren und preisen soll, der eine Ansicht von so nachdrücklicher Wichtigkeit für den Naturforscher wie für den Theologen aufstellt? Aber hier, glaube ich, steckt der Knoten: ich fürchte, die Wissenschaft wird um diese bedeutende Hypothese zu kurz kommen, wenn nicht einer von uns sich entschließt, Patenstelle bei derselben zu vertreten –«

»Ich verbitte mir's,« rief Cäruleus.

»– denn unser Freund, wie ich ihn kenne, wird der Orthodoxie nicht in die Hände arbeiten wollen, und diese bekäme einen mächtigen Vorschub, wenn wenigstens die Möglichkeit jenes alttestamentlichen Wunders dargetan würde. Er ist in diesem Punkt ein wenig geschossen, lassen wir jedoch dies auf sich beruhen: ich schließe hiemit und erteile ihm den Titel ›Gottlieb David Cäruleus, Doktor der wunderbaren Ansichten, Gesellschaftsredner und Privatdozent der Hypothesen.‹ – Sei ruhig, Cäruleus, sträube dich nicht, du Feind aller Staatsbürgerlichkeit! Es ist ein brotloses Amt, zu dem ich dich ernenne. Schnaube drum nicht so erbost mit deiner bläulichen Nase!«

»Blitz, Sir John! Ich wollte, meine Nase säße Euch im Bauche!« rief Cäruleus ärgerlich in Bardolphs Ton.

»Hu,« entgegnete Ruwald bedächtig, »da müßt' ich vor Blähungen umkommen. Schweifen wir jetzt aber nicht weiter ab: bequeme dich endlich an deine Rede zu gehen, guter Cäruleus.«

»Wohlan,« sagte dieser, »ich bin euch für alle die edlen auf meinen Ehrenscheitel gehäuften Qualitäten sehr verbunden und will mich dabei herausziehen so gut ich kann. Zuerst hoffe ich meine hypothetische Würde so ziemlich behaupten zu können, werde übrigens jeden interessanten Beitrag von der Gesellschaft mit Dank annehmen, auch auf Verlangen honorieren; was sodann das mir übertragene rhetorische Amt betrifft, so will ich mich auch dagegen nicht sträuben, bitte mir aber das Recht aus nach jeder Rede einen Antrag stellen zu dürfen, den die Gesellschaft unbedingt anzunehmen hat.«

»Daraus wird nichts,« fuhr einer dazwischen, der einen kolossalen Bart trug und wegen seiner vorderasiatischen Physiognomie von den andern der Ostjäcke genannt wurde. »Da kann nichts geschnupft werden, sonst mutet er uns am Ende zu, seinen unsichtbaren Schnurrbart anzuerkennen.«

»O, du Ost-West-Nord- und Schubjack!« entgegnete Cäruleus, »du herzloser Verleumder! Kannst du mir beweisen, daß ich meinen Bart je zu einem public character habe machen wollen? Hab' ich ihn nicht immer als meinen Privatschnauzbart gehalten? Hab' ich je der Welt zugemutet, Notiz davon zu nehmen?«

»Sei ruhig, du Guter!« versetzte Ostjack, »es wäre auch nicht geschehen. Ich versichere, dich, Hegel hätte keine Beweise für sein Dasein geschrieben.«

»So brauchst du auch keine für sein Nichtdasein zu schreiben. Ich versichere dich, ich möchte nicht mit dir tauschen: deine affektierte Bärtigkeit verleitet dich, einen übertriebenen Maßstab anzulegen. Das ist der Humor davon.«

»Genug des Streits, ihr Fürsten!« rief Ruwald, »kommt doch endlich zur Sache! Ich glaube beinahe, Cäruleus, du fürchtest dich vor deiner Jungfernrede.«

»Es könnte fast so etwas sein: gebt mir ein Glas Sekt! das meinige ist leer; es ist mir so wunderlich ums Herz. – Ja so! meine Petition ist noch nicht bewilligt: ich verlange also nach jeder Rede einen Antrag stellen zu dürfen, versteht sich, einen, der bloß auf die Feststellung, Vermehrung und Ausbreitung unseres geselligen Lebens abzwecken darf.«

»Zugestanden im Namen aller,« sagte Ruwald, »aber geh jetzt dran, Cäruleus.«

»Nun, so will ich sie denn halten! jacta est alea! Ich kann nicht länger retardieren. Aber nicht wahr, so lang als Ruwalds Rede braucht sie nicht zu sein? – Nun, so bereitet euch und hört stillschweigend und mit Anstand zu: ich werde also vorgeschriebenermaßen reden über den Nutzen des menschlichen Katzenjammers.«

»Der Mensch –«

»– Ein Erbauungsbuch für denkende Christen von Grävell,« fiel Ostjäck ein. »Ruhig, ungebildetes Publikum! – Der Mensch –«

»– als Mensch betrachtet, ist Mensch und bleibt Mensch,« sagte ein anderer dazwischen.

»Stillgeschwiegen, Spelz!« rief Ruwald, »stille, hört den edlen Antonius!«

»Also, zum Teufel! Der Mensch –«

Hier entstand ein anhaltendes mächtiges Gelächter, in das Cäruleus wohl oder übel mit einstimmen mußte. Es ging in die verschiedensten Tonarten über und lautete zuletzt wie ein Donnerwetter auf der Orgel: so oft es dem Erlöschen nahe war, flackerte es nur um so heller wieder auf, bis es zuletzt an den Folgen allgemeiner Entkräftung verschied. Es gibt nichts Imposanteres in der Welt, als ein recht ernstliches Studentengelächter; man kann hier auf wahrhafte Talente stoßen, die dem Zuhörer Bewunderung abnötigen. Ich selbst hatte einen akademischen Freund, den ich nie ohne Neid und Groll lachen hören konnte: er nahm es in diesem Stück mit einer ganzen Gesellschaft auf und drückte jedes Gelächter, das neben ihm aufkommen wollte, durch die Wut des seinigen zu Boden; er wäre imstande gewesen, eine Abteilung Polizeisoldaten in die Flucht zu lachen. Ich habe mich in seiner Gegenwart immer bemüht, von ernsthaften und langweiligen Dingen zu sprechen, weil mir, der ich nur ein geringer Lacher bin, sein Gelächter den Stachel der Mißgunst tief in die Seele drückte.

»Ich muß also meiner Rede eine andere Fassung geben,« sagte Cäruleus, »da jener Anfang nun einmal den Stempel der Heiterkeit trägt:

»Es gibt im Menschenleben –«

»Augenblicke,« fiel Ruwald ein, ohne sich halten zu können.

»Oder vielmehr,« sagte Ostjäck, »wie ich gestern abend jemanden sagen hörte: ›es gibt im Augenblicke Menschenleben!‹«

»Wißt ihr was?« donnerte Cäruleus: »Haltet ihr die Rede oder verschreibt euch meinetwegen einen Bauchredner! Ich will nichts mehr davon!«

»›Ihr verfluchten Kerls, sprach Seine Majestät!‹ Ruhig jetzt, alles geschwiegen!« befahl Ruwald, »gib dich zufrieden, guter lieber Cäruleus, sag dein Sprüchel und teil's uns mit. Tantaene animis caerulibus irae

»Nun, so sei's denn,« sagte dieser lachend, »es ist nur, damit ihr seht, was ich für ein gutmütiger Schöps bin. Also zum dritten und letzten Mal:

»Die menschliche Natur ist ein Teil der allgemeinen und erlebt in sich dieselben Epochen und Prozesse, welche in dem großen Weltorganismus vorgehen. Wie nun dieser Momente hat, wo er in eine völlige Desorganisation und Erschlaffung gesunken ist – ich ziele auf die schwüle Sommerzeit – und sich nur durch eine gewaltsame Revolution, das heißt, durch die purifizirende Kraftäußerung eines tüchtigen Donnerwetters zu helfen vermag, so kommen auch für die menschliche Natur Epochen, wo sie von dem Staub und der Hitze dieses Erdenlebens so sehr übermannt und darniedergedrückt ist, daß sie, um wieder zu ihrer alten Spannkraft zu gelangen, notwendig eines kleinen Krawalls bedarf. Derselbe Fall tritt oft im Völkerleben ein. Der Segen eines langen Friedens verkehrt sich in den bittersten Fluch, die materielle Tätigkeit ist über die spirituelle Meister geworden, niemand ist mehr einer Begeisterung fähig, ja alles Große und wahrhaft Edle erscheint als Torheit, man hat kaum das Herz, davon zu reden, der Philister ist Herr der Welt, und etwas Unphilisterhaftes kann man nur durch Einschwärzung an den Mann bringen, indem man ihm einen philisterhaften Anstrich gibt, es also anschwärzt, wie man vor Zeiten der Sicherheit halber Goldplatten, die man versenden wollte, mit Ruß überstrich. In einer solchen betrübten Zeit, die dann aber auch gewöhnlich die letzte ist, empfindet der Freund der Menschheit, daß nun eine chirurgische Kur durch Schneiden und Brennen notwendig geworden ist, daß ein tüchtiger Skandal losbrechen, alles drunter und drüber gehen muß, damit der Mensch in seiner friedlichen Ruchlosigkeit die Götter wieder fürchten lerne und erkenne, die Welt sei nicht um seinetwillen da, und der Himmel habe ihm den lebendigen Geist gegeben, nicht aber allein den Dampf. Gerade die Unmenschlichkeit des Krieges dient dazu, den Menschen wieder menschlich zu machen: wieviel edle Kräfte hat Napoleon in uns geweckt, von denen sich das heilige Römische Reich unter seiner Schlafmütze nicht das leiseste träumen ließ!

»Ich fahre fort:

»Ein solcher Krawall ist auch der Rausch. Ferner könnte ich ihn mit dem Ausbruch eines feuerspeienden Berges vergleichen; dieses Bild ist in der Tat noch viel passender: es hat sich nach und nach eine Masse von Verdrießlichkeiten aufgehäuft, welche durch eine plötzliche Explosion schleunig beiseite geschafft werden; Ursache und Wirkung sind auf beiden Seiten gleich, ja die Wirkung wird sogar bei beiden mit demselben Worte ausgedrückt. Und noch mehr: selbst den Namen, meine Freunde, können wir uns von den Vulkanen aneignen, um unser ganzes vulkanisches Wesen aufs passendste zu bezeichnen. Wie heißt es in dem Trinklied?

›Aus Feuer ward der Geist geschaffen,
Drum schenkt mir süßes Feuer ein!‹

»Verfolgen wir diesen Gedanken. Es versteht sich von selbst, daß es mit dem Einschenken sein Bewenden nicht hat, das Feuer wird getrunken, geht ins Blut über, oder vielmehr das Blut wird zu Feuer, und dieser Verwandlungsprozeß setzt sich solange fort, bis kein Tropfen wässeriges Blut mehr da ist, sondern lauter Feuer, in welchem Zustande man somit den Menschen feuervoll nennen könnte; die Volkssprache gebraucht dafür das gleichbedeutende, aber noch poetischere Wort ›sternvoll‹. Nun aber hat das Feuer seine Pflicht getan und den ganzen innern Menschen gefegt und gescheuert; nachdem es alle unedeln und unreinen Substanzen in ihm aufgezehrt hat, würde es auch die edlen Teile, ja das Mark des Lebens selbst angreifen, wenn diesen nicht die Kraft des Noli me taugere zugeteilt wäre: beim ersten Anlauf, den das Feuer gegen sie nimmt, empören sie sich, die Feuerteile werden aus dem ganzen Körper auf einen Punkt zusammengetrieben und von da unter lautem Jubel in einer heftigen Entladung ausgestoßen, in welchem Kampfe der Sternvolle, wenn er auch lieber neutral bleiben möchte, unwillkürlich Partei nehmen muß. Es wird keiner unter uns sein, meine Freunde, der nicht schon in einem solchen Kriege seine Rolle hat spielen müssen; es ist die leichteste Rolle von der Welt, sie spielt sich ohne unser Zutun von selbst. Ich glaube nunmehr durch diese Deduktion bewiesen zu haben, daß wir, wenn das Feuer in uns alle Stadien seines Prozesses durchlaufen hat und in die Katastrophe der Eruption eintritt, uns mit demselben Rechte wie der Vesuv und Ätna, diese beiden uralten Rülpse, feuerspeiende Naturen nennen können. – In dieser Weise den Gegenstand zu fassen, nämlich als Blutreinigung, habe ich eine bedeutende Autorität für mich, den Dr. Drudenfuß, ordentlichen Professor der Medizin und außerordentlichen Lehrer der Mystik, der neben seinen dunklen Ansichten über Natur und Geschichte auch manchmal sehr lichte praktische Ideen hat: dieser würdige Mann, der sich gewiß mehr als jeder andere der Mäßigkeit befleißt, empfiehlt in seinen Vorlesungen über daß menschliche Ahnungsvermögen den Zuhörern bei einem seiner vielen gelegentlichen Exkurse, alle acht Wochen einen Rausch zu trinken, indem dieser das geeignetste, ja oft das einzige Mittel sei, durch seine Folgen allerlei fremdartigen Stoff, der nach und nach schädlich werden könnte, auf einmal aus dem Organismus auszuscheiden. Aber acht Wochen, bedenkt, das ist eine ungeheure Zeit! In acht Wochen kann ein Königreich gewonnen und wieder verloren werden, in acht Wochen kann Beelzebub mit sieben noch viel schlimmeren Geistern in uns Platz nehmen, so daß ein simpler Rausch nicht mehr imstande wäre, ihn zu verjagen, daß man am Ende gar zu dem heillosen norddeutschen Schnaps die Zuflucht nehmen und den Teufel durch der Teufel Obersten austreiben müßte. Für so vulkanische Wesen wie wir, die wir in einem ewigen Selbstverbrennungsprozesse leben, sind acht Wochen ein viel zu langer Termin; denn eben jenem innern Feuer, das so mächtig an uns zehrt, müssen wir das äußere, das ›süße Feuer‹, wie es der Dichter nennt, auf den Hals schicken, damit sie sich beide im Kampfe gegeneinander aufreiben. Es ist sehr zu bedauern, daß Jakob Böhme nicht auf diesen Gedankengang gekommen ist: er würde das innere Feuer, als das herbe, bittere, dem süßen entgegengesetzt, mit diesem Verhältnis das des Meerwassers und des süßen Wassers in Verbindung gebracht und aus diesen Prämissen die tiefsinnigsten Folgerungen gezogen haben; ich will mich aber von den Irrgängen der Mystik für diesmal ferne halten und von dem physischen Nutzen des menschlichen Katzenjammers auf den sittlichen, somit auf den zweiten Teil meiner Rede übergehen.

»Hier kann ich mich etwas kürzer fassen, weil dieser Teil noch viel einleuchtender ist als der erste. Ich will wieder von der Vergleichung ausgehen, mit welcher ich meinen Vortrag begonnen habe. Geht einmal hinaus, meine Freunde, und betrachtet die Natur nach einem Gewitter! Welch erquickende Kühle! Welch frischer Duft! Welch neues Leben! Die ganze Kreatur hat sich aus einem dumpfen Schmerz, aus einer ohnmächtigen Verzweiflung erholt, mutig pulsieren die Adern des großen Weltkörpers, tausend Keime ringen sich aus dem Nichts hervor und erwachen zu Licht und Leben, Und was gleicht der seligen Zeit, wenn die Völker den ersten, reinen Hauch des schwer erkauften Friedens genießen,

›wenn endlich der Soldat
Ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit,
Zum frohen Zug die Fahnen sich entfalten,
Und heimwärts schlägt der sanfte Friedensmarsch.‹

»Doch – kehren wir zu unsrem Thema zurück. Ebenso befindet
sich die menschliche Natur nach ihren Donnerwettern und Revolutionen.
Sobald der erste Schmerz eines so gewaltsamen Sturmes vorüber
ist, tritt eine süße Ermattung ein.

›Ein sanfter Friede kommt auf mich,
Weiß nicht, wie mir geschehn,‹

es ist mir, als ob meine Haut von Samt wäre, ich komme mir selbst ganz liebenswürdig vor. Und doch, in dieser Ermattung welche Kraft! Man fühlt sich so ausgefegt, so rein, man hat eine Empfindung, als könnte man jetzt wieder von vorn anfangen. In diesem Zustande werden künftige Taten geboren, in diesem Zustande hat der Mensch seine besten Gedanken, Ich kenne einen Poeten, der im Katzenjammer die schönsten Gedichte macht, und alle sind Liebeslieder. Dies führt mich auf den Hauptpunkt: das ist die bedeutendste Folge jener sanften Abspannung, daß die Liebe im Herzen erwacht, nicht nur die einzelne, sondern die Liebe zur ganzen Menschheit, diese schöne Humanität, ohne welche das Geschlecht nicht bestehen könnte, das Mitleid mit all der Not und Gebrechlichkeit der Sterblichen, die Versöhnlichkeit, der Entschluß, an all diesem Jammer brüderlich mitzutragen. Der Gedanke der Toleranz kann nur in diesem Zustande gefaßt worden sein:

›Emollit mores nec sinit esse feros‹.

»Dies ist das milde gedämpfte Licht, durch welches die Natur nach einem Gewitter verklärt wird.

»Möchte doch die Menschheit, möchten vor allem wir, meine Freunde, von dem hier Erkannten und Vorgetragenen die gehörige Nutzanwendung machen! Möchte doch kein Rezensent zu seiner Mordwaffe greifen, ohne sich in diesen Zustand der Humanität versetzt zu haben! Totschlagen tut weh: möchte er wenigstens mit Sanftmut totschlagen, so daß der getroffene Dichter oder allgemeine Autor lächelnd sagen könnte: ›Pätus, es schmerzt nicht!‹ Möchten doch die Minister und landtäglichen Kommissarien keine Hauptfrage zur Debatte kommen lassen, ohne die gesamten Stände, namentlich aber die Opposition, durch ein tags zuvor gehaltenes Gelage in eine gelinde Stimmung versetzt zu haben, möchten sie eine ernstliche Blutreinigung vornehmen, so daß man nicht nachher sagen könnte: es hat heute bei der Debatte über die Preßfreiheit oder über die Ablösungsgesetze böses Blut gegeben. Möchten endlich, um auch für die liebe Schuljugend einen Wunsch auszusprechen, möchten doch alle Lehrer unseres Vaterlandes nur am Montag eine Generalbestrafung vornehmen!«

Ein stürmischer Beifall belohnte den Redner. Ruwald erhob sein Glas und rief: »O du Cäsius Cäruleus! Hoch und abermals hoch! und zum drittenmal hoch!«

»Leichtsinnige Gesellen!« dachte Paul und sah tiefer in sein Glas. »Hättet ihr gestern mehr Enthaltsamkeit gehabt, so wär't ihr jetzt dieses Übermutes nicht benötigt. Übrigens gefällt mir's doch, daß sie gute Miene zum bösen Spiele machen und ihr Elend so hübsch als möglich herausputzen.«

Nun erhob sich Cäruleus und sprach: »Da ich meine Pflicht erfüllt habe, so will ich jetzt auch mein Recht ansprechen und den Vorschlag tun, dessen Annahme ihr mir im voraus versprochen habt. Ich verlange die Einführung vollkommener Freizüngigkeit in der Gesellschaft und entledige mich hiedurch des mir geschenkten Monopols. Überdies trage ich darauf an, daß jeder Redner nach geendigtem Vortrag seinen Nachfolger zu ernennen und diesem seinen Gegenstand vorzuschreiben habe.«

»Nu Schlangenkopf,« rief Ruwald, »ich habe deiner Bereitwilligkeit doch gleich von Anfang an nicht getraut. Nun, wir sind durch unser Wort gebunden, so ernenne denn deinen Nachfolger.«

»Das soll gleich geschehen, übrigens postuliere ich, daß ein emeritierter Redner das Recht habe, einen passenden Moment abzuwarten und dann erst den Gegenstand einer neuen Rede nebst dem Redner zu designieren. Für jetzt aber glaube ich, daß die Materie noch nicht erschöpft, sondern vielmehr noch ihre polemische Seite hervorzuheben ist; daher will ich jetzt eine Apologie des Katzenjammers, und zwar von unserem kriegerischen Mitglied?, dem Ostjäcken, vernehmen. Tendimus Ostiacum!«

»O weh,« seufzte dieser, »hol' der Henker eure Freizüngigkeit! Ihr wißt ja, daß ich keine leichte Zunge habe.«

»So mach dir die Rede desto leichter,« sagte Cäruleus.

»Was hilft alles nichts,« riefen die andern, »stille mit dem Ächzen und Krächzen! Ostjäck, tu deine Pflicht!«

»In Gottes Namen! Aber wenn ich stecken bleibe, so kommt mir zu Hilfe und klatscht solange, bis ich mich wieder gesammelt habe:

»Man hält den Katzenjammer gewöhnlich für unmoralisch. Nämlich – nämlich – also für unmoralisch – –«

Ein anhaltender Applaus erfolgte, während dessen der Redner sich ringsherum verneigte. Dann strich er sich durch den Bart, winkte mit den Händen Stillschweigen und nahm einen neuen Anlauf:

»Ich habe neulich in einer Novelle, die manche geistreiche Einfälle enthält, gelesen: ›Wer in Gegenwart seiner Geliebten Käse essen kann, ist ein Verworfener.‹ Ich wende dies auf das vorliegende Thema an und sage: wer sich in Gegenwart seiner Geliebten betrinkt, ist ein Schweinigel. – Da machen es die Engländer viel klüger: wenn das Essen vorbei ist, so gehen die Frauen, die Männer sitzen zusammen, und dann geht's erst an. Wenn einem was Menschliches passiert, so sehen's die Frauen nicht, höchstens lesen sie's den andern Tag in der Zeitung. Aber bei uns müssen sie ex officio dabei sein, sie müssen das dumme Lallen ihrer betrunkenen Männer mit anhören,, Händel schlichten und am Ende gar die wackelnden Philister nach Hause schleppen. Pfui Teufel! das paßt nicht zusammen, die Frauen werden den ›Zopf‹ an einem Manne nie begreifen können, so wenig als wir die Gebräuche der Chinesen. Das sind zwei ganz geschiedene Welten. – Und dann ist's gleich um die Achtung geschehen. – Ich sage, einen Rest von altgermanischer Mannhaftigkeit müssen wir beibehalten, aber auf die Art, wie's die Engländer machen. Die Weiber sollen ihren Putz- und Kleiderrat aparte halten und wir unsere Trinkgelage. – Ich weiß nicht, inwiefern meine Rede zu ihrem Thema patzt, aber einen sozialen Zweck hat sie doch.

Dixi.«

»Brav gemeint und wohl gesprochen!« sagte Cäruleus, »nun will ich die ganze Verhandlung mit einem poetischen Gedicht, wie unsere deutschen Vorfahren zu sagen pflegten, beschließen und krönen.« – Er ließ, obgleich es heller Tag war, zwei Lichter vor sich stellen, zog ein Papier aus der Tasche und las, wie folgt:

»Ein gelehrter Theologe,
Der die Exegese trieb
Und wie Jakob an dem Troge
Weiß' und bunte Stäbe hieb, –
Diesem ist der Fund geglücket,
Daß der Baum, von dem das Paar
Unsrer Eltern einst gepflücket,
Ein verfluchter Giftbaum war.

Und so haben die's gestiftet,
Wie der große Mann bewies,
Daß die Menschheit ist vergiftet
Seit dem Fall im Paradies:
Daß der eine tobt und kochet,
Dem das Gift den Sinn verkehrt,
Daß der andre schleicht und fochet,
Dem es an dem Marke zehrt.

Doch an grünen Bergen gnädig
Schuf der Herr ein Gegengift:
›Braucht es herzhaft, werdet ledig
Von dem Fluch, der euch betrifft:
Wer es abweist, hat gefrevelt,
Stürzt hinunter unerlöst,
Wo geheizt und wohl geschwefelt
Flamme sich an Flamme stößt.‹ –

Freunde, laßt euch nicht verdrießen,
Von der kräft'gen Arzenei
Oft und kräftig zu genießen,
Daß sie euch zum Heile sei.
Bricht sie auch einmal die Kammer,
Nun, dann ist die Stätte rein,
Glaubt mir, und im Katzenjammer
Zieht der neue Adam ein!«

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