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Gesammelte Gedichte. Zweiter Theil

Hans Christian Andersen: Gesammelte Gedichte. Zweiter Theil - Kapitel 14
Quellenangabe
authorHans Christian Andersen
titleGesammelte Gedichte. Zweiter Theil
publisherVerlag von Carl B. Lorck
year1847
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180805
projectid509c91c9
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Geist und Form.

Mein hohes Lied, im Kampf der Zeit erschall'!
Mein Notenblatt sei jetzt das Weltenall!
Des Urgebirgs Granit, der Wald, das Meer
Sind schwarze Striche d'rauf die Kreuz und Quer';
Und jeder Strom, ein jeder Felsenhang
Ist eine Note zu dem stolzen Sang.
Das Mammuthsthier, die Blum', im Stein gefunden,
Singt uns von einem Leben, das entschwunden,
Vom Kampf der Zeit mit engen Lebensschranken,
Vom Streite zwischen Formen und Gedanken.

Wer stieg empor zum blauen Himmelsplan,
Und zeichnete den Sternen ihre Bahn?
Wer, als auf Flammenfittigen der Geist,
Der Gott im Anschau'n seiner Werke preist.
Copernicus ließ unsre Erd' sich drehen,
Laut jubelten die Sphären in den Höhen;
Die alten Formen sind wie Spreu zerstoben,
Und von der Tiefe drang der Geist nach oben.

Die Erde bebt, wie Glas der Fels zersplittert;
Die Fluth durchbricht den Damm, der sie umgittert,
Verheerend Stadt und Flur in wilder Wuth;
Doch neue Inseln steigen aus der Fluth.
Das inn're Leben läßt sich nicht bezwingen;
Sieh', aus der Erde Schooß die Wälder dringen;
Des Fixsterns Licht, ob tausend Jahr' verstreichen
Bei seinem Flug', wird doch die Erd' erreichen.
Es kann der Raum den Strahl der Kraft nicht dämpfen,
Noch der Titane mit dem Himmel kämpfen.
Verheere Städte tigergleich; bestreu'
Mit Salz die Stätte, daß nicht Gras gedeih':
Sie werden doch im Geist dem Schutt' entsteigen!
Stets wird Erinn'rung mit des Friedens Zweigen
Beschützen, was die Macht der Zeit besiegt.
Der Geist wird bleiben, wenn die Form erliegt!
Stolz bist Du, Meer, im wilden Wogendrang,
Allein auch Dich des Menschen Geist bezwang;
Du Bild der Kraft, uns dient Dein breiter Rücken,
Gleich St. Christopher; – auf der Schiffe Brücken
Beschreiten wir ihn kühn von Land zu Land,
Denn jede Form ist für den Geist nur Tand!
Vom Berg' stürzt die Lawine sich herab,
Das blüh'nde Städtchen wird ein ödes Grab;
Doch neues Leben keimt, – am klaren Bach
Erhebt die Hütte wiederum ihr Dach.
Die Berge Lapplands kränzt nur Sumpf und Moor,
Doch rothe Beeren dringen d'raus hervor.
Und urbar wird im Lauf der Zeit die Wüste,
Bevölkert jede unwirthbare Küste;
In Urwalds Sumpf erblühen grüne Auen,
Und Städte wird der Mensch im Thal erbauen.
Wo Karawanen schmachteten im Sand,
Ein Kanaan der späte Enkel fand.
Stets, wenn der Geist den Mosis-Stab geschwungen,
Ist Lebensquell dem Fels der Form entsprungen!

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