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Gesammelte Erzählungen

Isabella Braun: Gesammelte Erzählungen - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
author
titleGesammelte Erzählungen
publisherDruck und Verlag der Buchhandlung Ludwig Auer
addressPädagogische Stiftung Cassianeum in Donauwörth
volume2
printrunSechste Auflage
editorH. Wagner
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
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II.

Viele Tage lang war die Mutter krank vom Schmerze und den Nachtwachen, sie wollte nicht einmal ihre Kinder sehen. Als sie dann wieder im schwarzen Traueranzuge auf dem Sofa lag und Fränzchen im gewöhnlichen weißen Wollkleide an der Hand ihrer Schwester hereintrippelte, so unbewußt des Vorgefallenen, wendete sie sich zur Wand, um ihre hervorstürzenden Tränen zu verbergen. Die beiden Mädchen blieben scheu und erschrocken stehen, und als die Mutter immer noch nichts sagte, zupfte Fränzchen am Kleid der Schwester und flüsterte: »Mama schläft, komm', fort, fort!« Dann küßten sie der Mutter schlaff herniederhängende Hand und eilten in den Garten. Die Mutter aber war froh darüber, weil sie jetzt ungestört ihrem Schmerze nachhängen konnte; sie tat es immer mehr und mehr und wurde immer stiller und in sich gekehrter.

Die Kinder aber liefen ab und zu, vom Garten ins Zimmer, hinaus und wieder hinein. Fränzchen erzählte der Mama vom Sonnenschein, von den Hühnern, den Spatzen, von hundert Geschöpfen und Dingen, und bekam als Antwort nur ein Lächeln. Da wandte es sich zu Gabriele und sagte heimlich: »Die Mama hört nichts mehr!« Ein anderes Mal, als sie ihr eine Blume brachten und die Mutter ebenfalls lächelte, aber die Blume nicht einmal ansah, flüsterte es wieder: »Die Mama sieht nichts,« und zog seine Schwester aus dem Gemach.

Ja, draußen war's freilich schöner und heller. Die Oktobersonne verrichtete Wunder der Vergoldung an allen Gegenständen, besonders an den langen Silberfäden, die sich durch die Luft zogen, ohne daß man entdecken konnte, wo sie befestigt waren. Sie umwoben jeden Strauch und Baum, ja sogar die eigene Hand und das Gesicht. Ganz plötzlich erwachte in Fränzchen eine Erinnerung. Welches dreijährige Kind hätte je den Christbaum vergessen, besonders einen solchen, wie Fränzchen ihn gesehen hatte, vom Boden zur Decke strebend, durchzogen von Gold- und Silberfäden, die alle zum Gipfel hinaufreichten, wo der Weihnachtsengel mit den goldenen Flügeln thronte! Nun fragte die Kleine plötzlich: »Gabriele, woher kommen diese Fäden und wer spinnt sie?«

Die Schwester antwortete: »Das sind Marienfäden. Im Himmel droben spinnt die Mutter Gottes sie fürs Hemdchen des Jesuskindes; denn weißt du, bald wird's Weihnacht; dann aber kommt das Christkind wieder vom Himmel herab zu uns.«

Weihnacht, Jesuskind, Himmel, Christbaum! – unerschöpflich für Kinderfragen. Fränzchen wollte alles genau willen, und Gabriele strengte ihre Phantasie aufs äußerste an, um die Fragen zu beantworten. Die Kleine mochte gar nicht mehr fort von diesen Himmelsfäden; die trauernde Mutter sah ihre beiden Kinder immer seltener und versenkte sich immer mehr in ihren Schmerz.

Nach drei Wochen ging's jedoch mit dem »Altweibersommer«, diesen letzten schönen Herbsttagen, zu Ende. Da kam die Mutter zum erstenmal wieder zu Tisch. Er war gedeckt wie ehedem; nur des Schloßherrn Lehnstuhl stand nicht an seinem Platze, sondern in der Nische. – Fränzchen hatte bisher nicht nach dem Vater gefragt; jetzt aber schaute es sich suchend um und rief, indem es nach dem Lehnstuhle deutete: »Wo ist Papa?«

Eine lautlose Pause entstand, Gabriele blickte ängstlich nach der Mama. Endlich sagte diese: »Fränzchen, Papa ist im Himmel droben.« – »Wann kommt er wieder herab?« fragte das Kind mit der Miene sehnender Erwartung. Die Mutter schüttelte das Haupt und antwortete mit einem tiefen Seufzer: »Papa ist für immer fort; vom Himmel kommt keiner wieder.« – Aber Fränzchen wußte das besser. Es erwiderte geheimnisvoll und triumphierend: »Warte nur, er kommt schon wieder! Das Christkind kommt ja auch!« – Dann, wie auf eine plötzliche Eingebung, fügte es bei: »Er ist nur zum Christkind gegangen, um unsere vielen Sachen zu bestellen. Mama, geh du auch in den Himmel und hol' ihn ab!«

Gabriele erschrak, die Mutter dagegen lächelte wehmütig und sagte: »Nein, nein, vom Himmel darf niemand mehr herab als das Christkind und die Engelein. Soll ich auch in den Himmel gehen, wie Papa?«

Bei diesen Worten überkam Fränzchen eine Angst. Es rutschte von seinem Sessel auf den Schoß seiner Mutter, schlang die beiden Arme um deren Hals und rief mit von Tränen halb erstickter Stimme: »Nein, nein – nicht fortgehen, da bleiben! – bitte, Mama, da bleiben!«

Auch Gabriele, die den Sinn dieser Worte viel besser verstanden hatte, war zur Mutter getreten. Vier Kinderarme hielten sie umschlungen; zärtliche Küsse bedeckten die beiden Wangen; die liebenden Herzen pochten aneinander, und die trauernde Witwe empfand wieder den süßen Reiz des Lebens. Ja, sie mußte bei ihren Kindern bleiben, nicht allein mit dem Leibe, auch mit dem Herzen, mit dem Geiste, und sie raffte sich auf, beschwichtigte die Kinder und lenkte ihre Gedanken aufs liebe Christfest, indem sie sagte: »Natürlich muß ich hier bleiben; wer würde sonst die Lichter am großen Baume anzünden?« – Dann gab sie dem Bedienten ein Zeichen, und er schob den Lehnstuhl herbei. Jetzt setzten sie sich alle zu Tische, Gabriele sprach wie gewöhnlich das Gebet, und hierauf jubelte das Fränzchen mit einem Blick auf die Mama im Lehnstuhl: »Jetzt bist du der Papa und die Mama!«

Von diesem Tage an war die Mutter wie umgewandelt; ihr »Haussegen« hatte diese Umwandlung vollbracht. Nur das schwarze Kleid mahnte noch an die vorangegangene Trauerzeit, sie aber plauderte, scherzte, spielte, arbeitete mit ihren beiden Kindern, als ob sie wirklich Papa und Mama in einer Person vorstelle. Fränzchen rief nun triumphierend: »Jetzt hört und sieht Mama wieder!«

Besonders aber tat die Schloßfrau viel Heimliches in einer Stube, auf deren Tür ein Weihnachtsengel angebracht war. In der Kinderstube versah Gabriele das Amt einer Gouvernante, und wenn die Lust am Spiele nachließ, kamen kurze Verslein zum Auswendiglernen an die Reihe. Jetzt gerade hieß es:

Ein Auge ist, das alles sieht,
Was in der ganzen Welt geschieht,

und Gabriele erklärte, es sei das Auge Gottes, das vom Himmel herabschaue.

In einer wundervollen Mond- und Sternennacht blickte die Mutter sinnend hinaus, Fränzchen stand vor ihr auf dem Fenstersims und tat desgleichen. Die Scheibe des Mondes war voll und goldglänzend, einen zauberhaften Lichtschein um sich verbreitend; ganz in seiner Nähe aber schimmerte ein großer Stern.

Da streckte Fränzchen den Finger aus und rief jubelnd: »Ein Auge ist, das alles sieht, was in der ganzen Welt geschieht! Jetzt weiß ich's! Der Mond ist das Auge Gottes, und der Stern ist Papas Auge, denn er ist ja im Himmel beim lieben Gott. Gabriele, komm' her, sieh' nur, Papas Auge und Gottes Auge!«

Die Mutter war tief ergriffen von der Auffassung ihres Kindes; während die beiden jubelten und Gabriele ihr Schwesterlein in diesem Glauben noch bestärkte, faltete die Witwe betend ihre Hände und blickte lange, lange zum Himmel empor, ja sie flüsterte sogar: »Ein Auge ist, das alles sieht, was in der ganzen Welt geschieht.«

Von diesem Tage an war Papas Andenken wieder lebendig geworden in Fränzchens Geist; immer sprach es von ihm, was er getan und gesagt. Jeden Abend wollte es die beiden Augen sehen. Zur Zeit des Neumondes war es sehr beunruhigt, und in einer sternenlosen Nacht fragte es fast traurig: »Ist Papa böse auf Fränzchen?« Denn es hatte allerdings am Tage einiges Mißgeschick mit seinen Spielsachen gehabt und war dabei dem Rufe der Mutter nicht gleich gefolgt. Ja, die beiden Kinder wandelten unter dem Auge Gottes und dem ihres verklärten Vaters; Gabriele fühlte sich durch die beständige Mahnung ebenfalls in jener heiligen Nähe. Sogar die Witwe empfand himmlischen Trost und überirdische Kraft. Obwohl sie es besser wußte als ihre Kinder, obwohl Mond und Sterne für sie nur leuchtende Gestirne blieben, schaute sie doch lieber als je zuvor zum Sternenhimmel empor und verkehrte dabei im Geiste mit ihrem Gatten. Sie wollte aber die Poesie ihres Kindes um so weniger stören, als dieses dadurch Papas Andenken bewahrte und so vertrauensselig ihm ins goldene Himmelsauge blickte und ihm auftrug, dieses und jenes dem lieben Gott oder den lieben Engelein, den anderen kleinen Sternen zu sagen.

Diese liebliche Kinderpoesie tat allen wohl und erhellte die Trauerzeit, daß man kaum etwas von ihr spürte. Sie war der »Haussegen«, und dieser war von Fränzchen ausgegangen.

So kam das Weihnachtsfest heran mit all seiner wundersamen Freude, und es schien wirklich, als ob der himmlische Christmarkt seine Gaben ausgebreitet, als ob ein Auge, das alles sieht, die Herzenswünsche eines jeden im Schlosse erspäht hätte.

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