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Gesammelte Erzählungen

Isabella Braun: Gesammelte Erzählungen - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
author
titleGesammelte Erzählungen
publisherDruck und Verlag der Buchhandlung Ludwig Auer
addressPädagogische Stiftung Cassianeum in Donauwörth
series
volume2
printrunSechste Auflage
editorH. Wagner
year
isbn
firstpub
translator
illustrator
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
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III.

Als ich beim Sammelplatze anlangte, traten eben auch Hermine und Maximiliane von der entgegengesetzten Seite herzu, und mein forschender Blick gewahrte einen Mädchenknäuel, aus dem ein wahres Bienengesumme drang; von Irenchen jedoch konnte ich nichts entdecken und rief mit gepreßter Stimme ihren Namen.

»Da bin ich!« tönte es mir aus der Gruppe glockenhell entgegen, und die Kleine kam mit erhobenem Arm auf mich zu, indem sie mit kindlichem Jubel rief: »Schau' mal, Johanna, was ich gefunden hab'!«

Ich mußte lächeln über diese Freude. Es war ein bleierner Ring, mit bunten Glassteinen besetzt. Wahrscheinlich hatte ihn ein Dorfkind auf dem Gang zur Schule durch dies Wäldchen verloren. Aber ich wußte aus der eben erst gemachten Erfahrung, daß Kinder verschiedenen Alters auch verschiedene Interessen und Freuden haben, und daß, wenn man zum Vergnügen versammelt sei, man auch jedem sein Vergnügen lassen müsse. Ich behielt also meine Gedanken für mich und zeigte gleichfalls Bewunderung und Verwunderung, indem ich den Ring in die Hand nahm und ihn genau betrachtete. In der Mitte befand sich ein Kreuz aus roten Steinchen, eines, das die linke Seite des Querbalkens bildete, war ausgebrochen. Ich äußerte meine Vermutung, daß es ein Kreuz vorstelle, aber Wilma rief: »Nein, nein, es ist ein Hammer! Anna Bayer kennt ihn! Sag's ihnen, Anna!«

Diese nickte mir mit ihrem Schelmenblicke zu und erklärte mit angenommenem Ernste: »Ja freilich, das ist ein Hammer, das Abzeichen der Gnomen oder Bergmännlein. Halt' ihn nur recht in Ehren, Irenchen, denn es ist ein Talisman!«

Jetzt riefen die Kleinen: «Was ist denn ein Talisman?«

Anna, die nicht sehr geläufig im Definieren war, stotterte ein wenig und sagte dann: »Nun, das soll euch Maxi erklären. Sie ist nicht umsonst die Erste in der Definitionsklasse. Ihr gebührt diese Ehre.«

Maximiliane Forster wurde rot; sie dachte wohl daran, wie man sie noch eben wegen ihres ungenauen Zitates geneckt hatte. Sie zögerte. Da legte Marie Huber sanft ihre Hand auf deren Schulter und bat: »Ja, ja, sage du es: Was versteht man eigentlich unter dem Worte Talisman?«

Diese herzliche Aufforderung wirkte vortrefflich, und mit der Deutlichkeit eines Konversationslexikons erklärte sie: » Talisman ist ein arabisches Wort und bedeutet soviel wie Abzeichen, unter dem Einflüsse gewisser Sterne oder Konstellationen aus Metall oder Stein gegossen, weswegen sie auch Konstellationsringe heißen. Dadurch haben sie die Kraft erlangt, ihre Besitzer vor Unglück zu bewahren.«

Nachdem Maxi geendet hatte, drückten die Blicke der Großen Bewunderung wegen dieser klaren Definition aus, während die Kleinen den gefundenen Talisman, wie sie den Ring nannten, mit Scheu und Ehrfurcht betrachteten.

Anna rief aufs neue mit verstelltem Ernste: »Schnell ein Band her, damit ihn Irenchen am Halse trage!« Sogleich suchte jedes nach einem solchen. Ich aber hatte bereits mein Medaillon von einem blauen Samtbändchen losgeknüpft, fügte den bleiernen Ring hinein und hing ihn der Kleinen um den Hals.

Hermine nickte mir zu und sagte: »Nun, Johanna, bist du auf einmal all deiner Angst und Sorge los und ledig. Es kann deinem Benjamin nichts mehr zustoßen.«

Eine Stunde zuvor hätte mich dieser harmlose Scherz verdrossen und gereizt; jetzt aber streifte er mich nur wie ein Lüftchen, das mit den Haaren spielt und sie ein wenig zaust; der Scherz hatte seinen Freipaß erhalten.

Nach dieser Episode fuhren die beiden Arbeitsbienen umher, und während sie die halb vollendeten Kränze schwangen, begaben wir uns alle ohne Befehl auf die früher eingenommenen Plätze. Die Kleinen waren schon etwas müde; Blumen zur Genüge waren vorhanden, und so lagerten sie sich rings um die Großen, Sträuße darreichend oder auch an einer Brezel knuppernd, ohne daß ein Verweis sie störte.

Ich fühlte mich zum ersten Male an diesem Nachmittage befriedigt. Irenchen saß ja auch zu meinen Füßen und blickte alle Augenblicke mit Stolz auf seinen Ring.

Die Kleinen erzählten mit unendlicher Wichtigkeit, daß Irenchen den Ring zwischen einer Gruppe von Farnkräutern entdeckt, Stanzi ihn aufgehoben und wieder fallen gelassen und Wilma ihn schließlich erobert habe; doch keines tastete Irenchens Besitz an, weil sie der Liebling aller war.

Da der Ring Veranlassung gewesen war, die ganze Schar zu vereinen, beutete Marie diesen Umstand aus, um sie auch beisammenzuhalten, und wandte sich zu Anna mit der Frage: »Wie verhält sich's denn eigentlich mit deinen Gnomen, Wichtelmännchen oder mit deinem Meister Rübezahl? Erzähl' einmal!«

Diese entgegnete: »Untersberger Männlein, wenn ich bitten darf. Die andere Sorte von guten Geistern ist mir unbekannt, aber jene kenne ich, weil ich ein echtes Reichenhaller Kind bin. Von Meister Rübezahl weiß ich vollends gar nichts, desto mehr von Kaiser Karl dem Großen.«

Stanzi lachte und rief: »Von dem wissen wir auch genug. Es ist unsere Aufgabe für übermorgen.«

Doch Anna Bayer fiel ihr ins Wort und entgegnete: »So ist's nicht gemeint.« Und dann verkündete sie mit feierlicher Stimme und ausdrucksvollem Vortrag: »Ich meine Karl den Großen, der als Geist nach tausend Jahren noch umgeht.«

Bei dem Worte »Geist« rückten die Kleinen schon etwas gruselnd zusammen, aber die Begierde, von ihm zu hören, war nur gewachsen, und Wilma flehte dringend darum. Anna sprang auf einen Baumstumpf, die Hände ruhten, die Augen blickten auf sie, denn sie war berühmt durch ihr spaßiges Mienenspiel, und in solcher Weise wurde auch die Erzählung gewürzt. Sie begann: »In dem kolossalen Marmorpalaste, der Untersberg genannt, befindet sich seit mehr als tausend Jahren die Hofburg Seiner Kaiserlichen Majestät Carolus Magnus. Der uralte Herr schläft meistens an einem steinernen, runden Tisch sitzend, und sein weißer Bart ist so lang, daß er ihn zur Bequemlichkeit dreimal um die Tischplatte gewunden hat. Des Kaisers Hofgesinde und Dienstpersonal besteht aus unzähligen Zwerglein; weil sie aber beim schlafenden Gebieter wenig zu tun haben, machen sie sich in der weiten Umgegend ein Pläsier, bald mit einer Wohltat, bald mit einem Schabernack. In des Kaisers Namen belohnen sie die Guten und bestrafen die Bösen. – Nun, grabbelt's keiner im Gewissen?«

Wilma rief: »Bis zu uns herüber werden sie wohl nicht kommen!«

Doch Anna sah sie geheimnisvoll an und bemerkte: »O, frag' nur die Leute droben im Klosterhof; die wissen dir genug Geschichten von ihnen zu erzählen. Es sind eigentlich gute und lustige und gerechte Kerlchen. Bald flicken sie der Bäuerin die zerbrochenen Töpfe, bald wetzen sie dem Bauern die Sense, bald versalzen sie der Köchin die Suppe, bald strafen sie die schlimmen Buben, damit es der Lehrer nicht zu tun braucht.«

In diesem Augenblicke ertönte durch die Waldesstille ein sonderbarer, fremd klingender Ruf und Jenni fragte: »Was war das? Habt ihr's gehört?« Karoline nahm eine erschrockene Miene an, um ja keine Gelegenheit zur Neckerei vorübergehen zu lassen, und rief: »Alle guten Geister, lobet Gott den Herrn!«

Doch Marie sandte ihr einen verweisenden Blick zu und erklärte: »Es wird jemand auf dem neuen Weg dort oben vorübergegangen sein; erzähle weiter, Anna!«

Ich rief: »Ja, erzähle! Aber ihr anderen regt die Finger zur Arbeit, sonst kommen die Zwerglein wirklich.«

Anna fuhr weiter: »Es sind eigentlich nette Bürschlein mit langem, silberweißem Barte. Sie stecken in einer grauen Kapuze, die Nebelkappe heißt, denn sobald sie diese über den Kopf ziehen, verschwinden sie vor den Blicken der Menschen wie im Nebel. Es könnte zum Beispiel ganz dicht einer an deiner Seite stehen, Stanzerl, und du wüßtest nichts davon.«

Die Kleine sprang bei diesen Worten mit lautem Schreckensruf empor; aber Anna beruhigte sie: »Sei doch nicht albern! Dir täten sie ja nichts zuleid, sondern brächten vielleicht ein neues Sonnenschirmchen von einer Hofdame Kaiser Karl des Großen. Wenn ich aber die Luka wäre und sogar während des Tischgebetes Unsinn triebe und die anderen zum Lachen verleitete, ja dann!«

Die lustige, rosige Luka sah nun doch erschrocken darein, und es zuckte etwas sonderbar um ihren Mund. Hermine gewahrte es und sagte heiter: »Heute sind wir aber samt und sonders Musterkinder, sonst befänden wir uns nicht ohne jegliche Überwachung hier im Walde. Wir haben nichts zu fürchten und wissen nun genug von den wohlehrwürdigen Zwergen. Ich schlage vor, wir gehen zur Tagesordnung über, nämlich zur Deklamationsprobe, um endlich zu bestimmen, wer morgen das Festgedicht vorzutragen hat. Hierauf muß Irene den Engelsspruch lernen.«

Maximiliane sprang empor, denn sie war die Dichterin und hierbei also am meisten beteiligt. Dann trat sie vor mich hin und sagte: »Und du empfängst als Oberin die Glückwünsche. Dein schwarzes Kleid paßt eben gut zum Ordensgewande. Schnell her mit reinen Taschentüchern!«

Der Vorschlag wurde mit Entzücken aufgenommen. Da stand ich umringt von allen. Die eine umwickelte mir Stirn und Wangen mit blütenweißen Tüchern, die andere legte eines als Pelerine um meine Brust und befestigte es mit Stecknadeln auf beiden Schultern. Mit zwei kleinen Taschentüchern wurden meine Ärmel umwunden, und zuletzt noch mußte meine eigene schwarze Schürze als Schleier dienen.

Ich kam mir selbst wie umgewandelt vor, und die Herrschaftsgelüste, die in meiner Brust eine kurze Weile geschlummert hatten, erwachten bedeutend. Auch die anderen fanden sich in ihre Rollen und küßten mir ehrfurchtsvoll die Hände, was ich ohne Weigerung geschehen ließ.

Da stand ich nun in ruhiger Würde und erwartete den poetischen Glückwunsch. Maximiliane hatte ihr Gedicht hervorgezogen und rief ihrer Freundin Hermine. Diese trat vor mich hin und deklamierte in ihrer vielleicht etwas zu gefühlvollen Ausdrucksweise:

Zur Mutter kommen ihre Kinder
Bei jedem Feste lustbewegt.
Dein edles, liebes Herz nicht minder
Uns mütterlich entgegenschlägt.
Drum kommen auch die Kinder alle
Voll Lieb' und voller Lust zu dir;
Sie feiern heut' im Liederschalle
Dich mit der Kränze reicher Zier.

Karoline, die währenddem ihrer Freundin Anna heimlich etwas zugeflüstert hatte, unterbrach jetzt den Vortrag, drängte sich durch die Gruppe und rief: »Laßt mich an die Reihe, ich kann's noch gefühlvoller!« Dann begann sie mit affektierter Nachahmung:

Die Mutterlieb' ist angeboren
Und in des Menschen Herz gesenkt.
Auch dich hat Gottes Huld erkoren
Und diesem teuren Haus geschenkt,
Weil zarte Liebe dich durchquillet,
Ein unversiegter, reiner Quell,
Der jeden Durst der Seele stillet,
Und immer, immer ist zur Stell'.

Ich bemerkte, daß während des Vortrages das Blatt Papier in Maxis Händen zitterte; ich sah Hermine in hohem Grade beleidigt ins Gebüsch treten, ich hörte das Gelächter der übrigen; aber ich schwieg in meiner angenommenen Würde. Da sprang Wilma herbei und rief: »Ich kann's auch, ich sag' die dritte Strophe! Hört einmal!« Und im Leierton plauderte sie:

O blick' umher im ganzen Kreise,
Und was ich sage, wird dir klar:
Die zärtlich off'ne Kinderweise
Stellt sich in jedem Auge dar.
Nicht eines weicht in Scheu und Bangen
Vor deiner Mutterhand zurück;
Die Freude glänzt auf allen Wangen,
Und in den Mienen schwebt das Glück.

Ich gab mir die größte Mühe, meinen Ernst zu bewahren, während die anderen kicherten. Wilmas Beispiel wirkte verführerisch. »Jetzt komm' ich an die Reihe!« – »Nein, ich!« – »Ich kann's noch besser!« riefen gleichzeitig Jenni, Luka und sogar die gesetzte Therese, indem sie sich vordrängten. Das war doch zu viel. Ich wollte eben abwehren, als Maximiliane wutentbrannt alle zur Seite stieß und mit glühendem Kopfe vortrat, indem sie rief: »Das duld' ich nicht! Mein Gedicht ist nicht zum Spotte da! Ich lass' es nicht auf diese Weise mißhandeln!«

Und ohne jede fernere Unterbrechung zu beachten, sprach sie die folgenden Strophen schön und gefühlvoll, wirklich musterhaft:

Wo Liebe waltet, kann nicht fehlen
Der Segenswunsch an diesem Tag,
Und deiner Kinder warme Seelen
Sind gleich dem blütenreichen Hag,
Wo süßer Duft zum Himmel steiget
An jedem Morgen als Gebet
Und Gott sich freundlich niederneiget,
Ein Engel durch die Reihen geht.

O möcht' ein Engel zu dir schweben
Ans Lager hin bei nächt'ger Ruh',
Dir einen sanften Schlummer weben,
Dir flüstern süße Träume zu!
O möcht' er deine Kräfte stärken
Aufs neu' bei jeder Morgenstund',
O möcht' er dir bei allen Werken
Auch seine Hilfe geben kund!

Von deines eig'nen Raumes Schwelle
Durchzieh' er dann das ganze Haus;
Er trete leis' in jede Zelle
Und teile Himmelsgaben aus!
Doch auch vor unser'n Seelen halte
Er schützend eine heil'ge Wacht,
Daß sich dein treues Werk entfalte
Und sei zu gutem Schluß gebracht!

Das ist der Kinder frommer Segen,
Dir dargebracht im Festgedicht;
Doch manche Wünsche noch sich regen,
Sie finden nur die Worte nicht.
Gott mög' in uns're Seelen schauen
Und lesen in des Herzens Schrein!
Ihm wollen wir sie anvertrauen
Mit Zuversicht auf ihn allein!

Ich hatte schon vor dem Schlusse gegenseitige Zeichen bemerkt. Jetzt schlug Anna klatschend die Hände zusammen; die anderen taten ein gleiches und zwar auf so lebhafte Weise, als ob sie aus ihren Händen Feuer klopfen wollten. Die gute, leicht besänftigte Maximiliane nahm es, wie sich auf ihrem freundlichen Gesichte zeigte, als ehrlich gemeinte Anerkennung. Doch nur zu bald sollte sie enttäuscht werden. Wilma ergriff das für Irenchen fertig geflochtene Kränzchen, legte es auf einen dürren Zweig, trat vor sie hin und sagte: »Da dich niemand krönt, so setz' dir selber den Dichterkranz aufs Haupt!«

Wie von einer Natter gestochen, fuhren Maxis Hände zurück; ebenso schnell aber ergriff sie den Kranz, schleuderte ihn von sich und rief in höchster Entrüstung unter einem Strom von Tränen: »Hohn und Spott! Ist das mein Lohn für alle Mühe, die ich mir für euch gegeben, weil keine einen erträglichen Vers zusammenbrachte?«

Jetzt trat Anna hervor und rief: »Nicht so hochmütig, wenn ich bitten darf! Du zitierst immer Verse, die auf andere zielen, jetzt will ich ein Zitat auf dich losschießen. Als ich neulich zur Präfektin wollte und du bei ihr warst, drang deutlich an mein Ohr: Allesamt seid untereinander untertan und haltet fest an der Demut! Denn Gott widersteht den Hoffärtigen; nur den Demütigen gibt er seine Gnade. Hat das etwa auf dich gepaßt? He?«

Ein Gemurmel ging durch die Gruppe, das bald zum lauten Geschrei wurde. In Maxis Gesicht aber malte sich Beschämung und Entrüstung. sie brach in krampfhaftes Schluchzen aus und entfloh in den Wald.

Auch mein Zorn war höchlich entflammt, und ich rief: »Anna, das ist abscheulich! Das geht über jeden erlaubten Scherz, das ist Verrat! Augenblicklich eile ihr nach und hol' sie zurück!«

Aber Anna sah mich trotzig an. Aufgeregt durch das Bewußtsein, über die Schnur gehauen zu haben, sowie über die tadelnden Stimmen, schrie Anna: »Ich lasse mich von dir nicht hofmeistern! Die Verkleidung macht dich nicht zu unserer Oberin, daß du 's nur weißt! Mein Sacktuch her!«

»Das meine auch!« ertönte es mehrstimmig aus der Gruppe, und sogleich riß ich alles mit Ungestüm von mir, es zur Erde schleudernd. Zornig wollte ich nun gleichfalls enteilen, als ein sonderbarer, fremd tönender Laut durch den Wald drang. Ich blieb wie festgebannt stehen, jedes verstummte, jedes lauschte, alle rückten sich näher. Wieder! War es ein Mensch? War es ein Tier?

Ein durchdringender, wilder Schrei - ein lautes Schluchzen – ein Gewimmer – dicht vor unseren Ohren. Stanzi war neben mir auf die Kniee gesunken. Wir starrten furchtsam ins Gebüsch, es teilte sich, und wir sahen eine arme, herumwandernde Zigeunerfamilie vor uns.

Ein Blick auf die Gruppe zeigte es: die Mutter mit dunklem Haar und brauner Gesichtsfarbe, in bunte Fetzen gehüllt, ein Kind im Arme; der siebenjährige, nur mit schmutzigem Hemd bekleidete Knabe, wild und scheu im Ausdrucke des Gesichtes. Ja, es waren Zigeuner, und jetzt ertönte von neuem der sonderbare, tierische Laut von der Straße herab. Dort stand ihr Eselskarren, und dort am Baum lehnte der Mann, seine Pfeife rauchend.

Aber der Anblick vor uns war geradezu Erbarmen erregend. Der Knabe schrie und weinte; vor Hunger? vor Schmerz? Seine hohlen Wangen sprachen von dem ersten, sein blutender Fuß von dem zweiten. Als die Zigeunerin sich unter dem Baume niederließ, wußten wir nichts mehr von Furcht. In sanfter, zärtlicher Weise beschwichtigte sie bald das Gewimmer des Kindes, bald das unbändige Geschrei des Knaben, und trotz der fremden Laute verstanden wir diese, allen bekannte »Muttersprache«.

Luka hatte auch den wilden Aufschrei des Knaben verstanden, ihre Brezel vom eigenen Munde zurückgezogen und reichte sie ihm einladend hin. Doch die wilde Scheu schrie noch stärker als der Hunger. Er schlug nach ihr, stieß mit dem Fuße wie ein Füllen und verkroch sich unartig hinter dem Baum.

Jenni bot nun der Mutter ihren Kuchen; diese nahm ihn mit feuchtem Dankesblicke, wandte sich zu ihrem Buben, und seine weißen Zähne wühlten gleich darauf in dem Leckerbissen.

Nun war das Zeichen gegeben. Alle Hände packten die Körbe aus und rüsteten vor dem Zigeunerlager das Mahl. Jeder eigene Hunger schien völlig gestillt beim Anblick des fremden. Jenni kehrte mit einem wassergefüllten Becher aus dem Walde zurück; Therese kniete neben dem Knaben, der nach Stillung seines Hungers zahm wurde und ihr willig den blutenden Fuß überließ. Wilma reichte ihr Taschentuch hin; nun wurde er gewaschen und eingebunden. Doch als Hermine diese Waschung auch über das Gesicht ausdehnen wollte, empfing sie einen Schlag und fuhr lachend zurück.

Alle Zwietracht war vergessen; nur Mitleid, Friede, Heiterkeit glänzte in den Mienen.

Jetzt trat Karoline zu mir und sagte flüsternd: »Johanna, was meinst du?«

Gab es der Geist mir ein? Ich verstand, was sie meinte, und griff nach dem Geld in der Tasche.

Karoline sprach weiter: »Ich verzichte auf meinen Teil beim Namenstagsgeschenk; aber es ist so wenig. Dürfte ich wohl?«

»Ich verantworte es bei meiner Klasse; ich tu' 's!« war meine Antwort.

Maxi stand neben uns. Sie legte ihren Arm vertraulich in jenen Karolinens; sogleich kam Anna herbei und umschlang die kurz zuvor Gekränkte. Und nun kamen alle; es wurde großer Rat gehalten, und Marie gab den Ausschlag, indem sie bemerkte: »Es ist nur eine andere Form des Geschenkes an die Oberin. Wir schenken das Geld in ihrem Namen den Armen.«

Nun rief Wilma: »Johanna soll es einsammeln und der Zigeunerin überreichen; sie vertritt ja heut' die Stelle der Frau Oberin.«

Dieses Wort übergoß mich mit der Röte tiefer Beschämung, denn mein Gewissen mahnte mich, daß ich im Laufe des Nachmittags nur zu häufig die »Oberin« gespielt hatte und zwar in allem Ernste von meiner Seite. Ich schob es Marie zu, doch diese entgegnete, daß der erste Gedanke von Karoline komme. Aber auch sie errötete und sagte leise: »Ich verdiene solche Freude nicht. Maxi, du mußt's überreichen; du bist so gut und freundlich.«

Wir schoben nun diese voran, und sie neigte sich zu der Zigeunerin mit dem beredten Blicke ihrer Augen und gab ihr den Schatz.

Ja, es war ein Schatz für die Arme! Verwirrt blickte sie darauf und dann fragend zu uns empor. Wir nickten ihr bejahend zu; sie fiel auf die Kniee, kroch uns nach, küßte unsere Kleider und Hände und strömte über in Dankesworten ihrer fremden Sprache.

Es war uns allen wundersam glücklich zumute. Der ganze Wald schien uns verklärt, und wir hätten gern mit Jauchzen eingestimmt in den Sang der Vögel.

Das Glück trieb die Frau von hinnen zu ihrem Manne, und der Knabe hinkte auf seinem gesunden Beine einher. Oftmals wendeten sie sich dankend nach uns zurück, bis sie im Gebüsche verschwanden und erst wieder oben auf dem Wege zum Vorschein kamen. Wir beobachteten ihre Unterredung mit dem Manne. Der aber zog seinen Hut vom schwarzen Haare und neigte das Haupt gegen uns. Dann hörten wir das Gerassel der Wagenräder, und wir waren wieder allein.

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