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Gesammelte Erzählungen

Isabella Braun: Gesammelte Erzählungen - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
author
titleGesammelte Erzählungen
publisherDruck und Verlag der Buchhandlung Ludwig Auer
addressPädagogische Stiftung Cassianeum in Donauwörth
volume2
printrunSechste Auflage
editorH. Wagner
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
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V.

Doch weshalb, möchte man fragen, erweckte in unseren Herzen Trolls Gebell solch eine sichere, freudige Hoffnung?

Troll, alter Troll, ich kenne dich ja schon lange, schon aus deiner Jugendzeit! Damals war er der gutmütige, muntere Spielgefahrte aller Institutskinder; er begleitete sie auf jedem Spaziergange, und kaum verließ die Schar das Haus, so war er gewiß in der Nähe, als ob er sich auf die Uhr verstände und an der Pforte gewartet hätte. Sogar im Schlafsaale durfte er hie und da übernachten in seiner Eigenschaft als Mäusefänger. Obgleich er oftmals geneckt, gezupft, davongejagt wurde: er vergalt niemals Böses mit Bösem, kaum daß er zu knurren wagte.

Doch unser Troll nahm zu nicht nur an Jahren, sondern auch an Umfang, und allgemach sprangen ihm die lustigen Mädchen zu schnell, er mußte zurückbleiben und sich auf den Garten beschränken. Fast alle seine Jugendgefährten hatten das Institut verlassen, die neu eintretenden Zöglinge dagegen verlachten den dicken Troll, er sank herab zum Kinderspott.

Als dieses unsere Frau Oberin gewahrte, lockte sie das alte, treue Tier zu sich, und er wurde ihr Begleiter auf den langsamen Spaziergängen und ihr beständiger Zimmergenosse. Dazu kam nun auch Irenchen, und der alte Kinderfreund wedelte lustig mit dem Schweiflein, leckte ihr die Hand und ward ihr unzertrennlicher Gefährte.

War unsere sichere Hoffnung auf Trolls Gebell nicht erklärlich? Wie sollte er ohne ganz besondere Ursache so weit vom Hause weg, den Hügel herauf kommen?

Wir sprangen also in vollster Zuversicht dahin und kaum gelangten wir an einen Seitenpfad, als Luka glühend vor Freude uns entgegenrannte und rief: »Habt ihr's gehört? Das ist kein anderer Mensch als Troll!«

Nun konnten wir wieder lachen. Ja, Trolls Gebell war für uns ein »menschliches« Trostwort! Luka blieb nicht vereinzelt. Von allen Seiten kamen die Mädchen, und jedes rief: »Habt ihr's gehört?«

Ich rannte natürlich allen voran. Plötzlich hielt ich inne – alle taten das gleiche. Das laute Schlagen meiner Pulse verminderte den Gehörsinn. Ich horchte. Ein feines Stimmchen – ein Keuchen – zwei andere Stimmen – näher, näher – ganz nah', nur verdeckt durchs Gebüsch – und heraus wackelte zuerst Troll, dann erschien wirklich Irenchen zwischen unserer Präfektin und Marie Huber.

Wir schrieen sie an; was wir schrieen, weiß nur Gott im Himmel; denn es waren Dank- und Freudenrufe, und er hat's gewiß so aufgenommen. Ich stürzte zuerst auf die Kleine zu und drückte sie an mich, dann wurde sie von allen gedrückt, daß Troll zu knurren begann; der weite Weg und das Bergsteigen mochte ohnehin seine Laune verschlechtert haben. Sogleich sprang Karoline auf das fette Tier los, hob es auf den Arm, streichelte seinen Rücken, gab ihm gute Worte, und der alte Hund mochte wie manche Menschen ein Gefühl der Verjüngung empfunden haben, denn er schmiegte sich an das Mädchen und blickte mit seinen braunen Augen fast zärtlich empor.

Wir wanderten dem Sammelplatze zu, Hermine aber rief: »Aber wie ist denn alles so gekommen?«

Die Präfektin antwortete: »Das Kann euch Marie am besten erzählen.«

Von uns dazu gedrängt, berichtete sie nun: »Als ihr euch zum Aufsuchen verteilt hattet und ich nicht wußte, wohin mich wenden, kam mir der Gedanke, kein Mensch könnte dies so gut wie Troll mit seinem Instinkt. Und – und – ich wollte es auch dort im Hause sagen, damit man nicht erschrecke, uns aber Hilfe leiste, wir sind ja zu jung und unerfahren. Ich vertraute mich natürlich unserer Lehrerin an, und dann machten wir uns beide auf den Weg. Troll wackelte zuerst gegen unseren Sammelplatz; aber er schnüffelte umher und war unschlüssig und lief in alle Seitenwege, kehrte wieder um, und wir standen ratlos. Plötzlich aber trollte er auf einem Pfade weiter, und obwohl 's aufwärts ging, lief er rascher. Dann begann er sogar zu bellen und mit dem kurzen Schweif zu wedeln; dennoch sahen wir von Irenchen keine Spur.

Jetzt standen wir auf einem ausgehauenen Plätzchen, wo die Holzhauer sich eine elende Hütte errichtet hatten, die halb zerfallen dalag und von abgebrochenen Tannenästen überdeckt war. Troll umkreiste sie schnüffelnd, dann verschwand er darin. Wir hörten einen Aufschrei – aber es war Irenchens Stimme. Als wir eindrangen, rieb sie sich die verschlafenen Augen, und Troll leckte ihre Händchen. So haben wir sie aufgefunden, und jetzt wißt ihr alles.«

Ich schlich mich an Mariens Seite und schob meinen Arm in den ihren. Mein Herz machte mir Vorwürfe, daß ich auch ihr unrecht getan hatte. Statt jedes Wortes zog ich ihre Hand empor und küßte sie zärtlich. Ihr Blick aber schien zu sagen: »Arme Johanna, was hast du ausgestanden!«

Jetzt strömten die Kinderherzen von dem Verlangen über, ihre Erlebnisse zu erzählen, und unsere Lehrerin erfuhr so ziemlich alles, ganz besonders aber die Zigeunergeschichte. Auf diese Weise gelangten wir endlich zum Sammelplatz, als eben die Turmuhr schlug.

»Dreiviertel vor sieben!« rief die Präfektin und fügte bei: »Schnell eure Sachen eingepackt, alles zusammengesucht, nichts vergessen! Es hängen ja sogar Baum und Strauch voll von Tüchern und Schirmen. Wo aber sind eure Kränze und Gewinde?«

Wir standen sprachlos, beschämt vor ihr und bückten uns nach den halb vollendeten Reifen. Therese hob schüchtern das kleine Kränzchen auf, das war alles vom langen Nachmittag!

Es wurde nichts darüber gesprochen, und wir traten den Heimweg an.

Wie verschieden war er von unserem Auszuge! Zuerst entstand ein Gedräng um die beiden Arme unserer Lehrerin; jedes wollte sich einhängen, jedes bat, auch an die Reihe zu dürfen. Sie hatte mir Irene zugeschoben, wofür ihr meine Blicke dankten.

Seltsam aber gruppierten sich die anderen. Karoline und Anna gingen zu Maxis beiden Seiten in vollster Aussöhnung, und Luka hatte Mariens Hand ergriffen mit entschlossener Bereitwilligkeit, recht ruhig heimzuwandeln.

Die Eßglocke läutete, als wir bei der Pforte anlangten. Ehe die Präfektin uns verließ, untersagte sie vorerst jede Mitteilung an die übrigen Zöglinge und bestellte uns alle auf 8 Uhr zu sich. Dann ging sie mit Irenchen und Troll ins Zimmer der Frau Oberin.

Während des Essens sah ich mit Staunen, wie meine Gefährtinnen sich die Suppe und den Braten schmecken ließen und sogar zur doppelten Portion ihre Teller bittend darreichten. Freilich waren sie um ihr Vesperbrot gekommen; mir aber fehlte der Appetit gänzlich. Nachdem das Gebet gesprochen war, gingen sie bis 8 Uhr in den Garten; ich hatte meinen Entschluß gefaßt und schritt schon jetzt den Gang hinauf zum Zimmer der Präfektin.

Meine Seele fühlte sich so schwer belastet, daß es mich zu einem offenen Bekenntnis drängte. Ich stand in weit größerer Schuld als die anderen; denn ich war es gewesen, die zuallererst gegen die beständige Überwachung rebelliert und die Mitältesten zum Komplott verleitet hatte. Ich war es, die in deren Kreis herrschen wollte; ich war es, die sich vermaß, die Kleineren wohl zu überwachen und Irenchen wie ein anvertrautes Kleinod zu behüten. O, wie beschämt mußte ich auf den Nachmittag zurückblicken! Und zum Schlusse, wer brachte Irenchen zurück? Nicht ich – der alte, dicke, verhöhnte Troll!

Ich erkannte mein Unrecht, und das verhalf mir zu dem Mute, vor meine Lehrerin mit ehrlichem Bekenntnisse zu treten; nur mußte es allein mit ihr geschehen, bevor die anderen kämen, auf daß die Irregeleiteten bereits entlastet erschienen.

Ich stand wieder an der Tür und pochte schüchtern an; es tönte »Herein!« So leise, so traurig, als ob die Rufende mich bereits durch die verschlossene Tür erschaut hätte.

Da stand ich nun, unfähig, ein Wort hervorzubringen. Vor mir, in ihrem »Sorgenstuhle«, saß die Präfektin, in Nachdenken versunken, wie jederzeit, wenn die Sorge um uns sie niederbeugte. Sie schaute empor, aber sie fragte nicht: »Was willst du, Johanna?« Sie kannte mich bis in die Seele hinein und bot mir schweigend die Hand.

Die stumme Sprache ergriff mich gewaltiger, als hundert strenge Worte vermocht hätten. Ich trat hinzu, ich sank neben dem Stuhle nieder auf meine Kniee, ich ergriff die mir entgegengestreckte Hand, ich beugte mein Gesicht darüber und weinte bitterlich.

Eine Weile ließ sie es geschehen und mich ausweinen. Dann sagte sie nur: »Armes Kind, rede dir den Kummer vom Herzen weg! Wie kam alles?«

Nun erzählte ich, weit zurückgreifend und übergehend auf den heutigen Nachmittag. Ich verflocht in mein Bekenntnis Gedanken und Empfindungen; aber ich war redlich bemüht, keine der Mitschülerinnen hinein zu verwickeln, und so zögerte ich bisweilen, und es entstanden einige Lücken. Aber sie unterbrach mich nicht mit Fragen. Das Geplauder auf dem Heimwege und die gründliche Kenntnis unserer verschiedenen Charaktere hatten ihr alles so klar gemacht, als ob sie unsichtbar dabei gewesen wäre.

Als ich zu Ende war, legte sie nur ihre Hand auf mein Haupt und sagte: »Der Anfang aller Besserung ist die Erkenntnis und der Schmerz über unsere Fehler. Gedenke in dieser Stunde an das Wort unseres Heilandes: Geh' hin im Frieden und sündige hinfort nicht mehr!«

Ich ergriff tief bewegt und gerührt aufs neue ihre Hand und küßte sie so zärtlich, als ich je die Hand meiner Mutter geküßt hatte.

Jetzt schlug es dumpf und feierlich vom Kirchturme 8 Uhr, und auf dem Gang erklangen die gedämpften Tritte meiner Schuldgenossen; ich aber erhob mich von den Knieen und trat in den Schatten des Bücherschrankes.

Da standen sie alle mit gesenkten Blicken, und die Präfektin begann: »So also sehen wir uns wieder?! Eine traurige Heimkehr nach fröhlichem Auszug! Ich weiß alles durch euer offenherziges Geplauder und Johannas Bekenntnis. Ihr seid traurig, das sehe ich euch an, aber ich bin es nicht minder! Ihr möchtet lieber weinen – ich auch!«

Es entstand eine Pause, wir drückten unsere Taschentücher vor die Augen und erstickten das Schluchzen. Es ging uns allen tief zu Herzen, daß unsere Lehrerin traurig bis zum Weinen war.

Dann fuhr sie fort: »Ihr wolltet den Beweis einer guten Erziehung liefern, und wie schlecht ist er ausgefallen! Soll mir das nicht bitter wehe tun nach all meiner angewendeten Sorgfalt? Ich schäme mich vor euren Eltern.«

Da brach der Sturm in unseren Herzen los; wir hatten Mühe, unseren Schmerz nur so weit zu mäßigen, daß wir die ferneren Worte verstanden: »Das Sprichwort heißt nicht umsonst: Hochmut kommt vor dem Falle. Ihr Großen waret vom Hochmut verleitet, als ihr behauptetet, keiner Überwachung mehr zu bedürfen, im Gegenteile, die Kleinen überwachen zu können; und ihr Kleinen waret ebenfalls vom Hochmut verleitet, als ihr ihnen den Gehorsam versagtet. Ihr meintet alle, ohne Überwachung fröhlicher zu sein, und nun stellt einmal den Vergleich an: Wie fröhlich und friedlich waren bisher eure überwachten, geleiteten Ausflüge! Wo sind die gewundenen Kränze zum morgigen Feste, der Zweck eures Ausfluges? Ich sehe nichts davon! Nur eines, eines wirft den versöhnenden Glanz auf den traurigen Nachmittag: Eure Barmherzigkeit gegen die Zigeuner

Da wagte Therese zu sagen: »Nun haben wir aber kein Geschenk für die Frau Oberin.«

Bei diesen Worten erhob sich unsere Lehrerin; ihr Gesicht zeigte einen fast glücklichen Ausdruck, indem sie rief: »Ihr habt im Gegenteil ein großes, erfreuendes Geschenk: das Vergelt'sgott der Zigeuner! Dieses bringt morgen dar!«

Wir atmeten wie von einer schweren Last befreit auf. Jenni sagte zweifelnd: »Werden die anderen Zöglinge aber damit zufrieden sein?«

Die Präfektin entgegnete: »Es ist ja nur eine andere Form des Geschenkes, und alle haben teil daran. Ich werde es ihnen schon erklären. Jetzt aber geht zu eurem Abendgebet und betont im Herzen die Worte: Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldnern!«

Wir drängten uns nun um sie; jedes küßte zu wiederholten Malen die gute, sanfte Hand, die uns so mütterlich geleitet hatte. Lukas Augen waren glänzend und groß; sie schlug sie in früherer Furchtlosigkeit auf und sagte: »Bitte, Fräulein, wohin dürfen wir morgen zur Namenstagsfeier spazieren gehen? Und dürfen auch alle Lehrerinnen uns begleiten?«

Die Präfektin schüttelte ob dem raschen Übergange zur Fröhlichkeit, weil wir taten, als ob nichts geschehen sei, lächelnd das Haupt und erwiderte: »Darüber wollen wir noch schlafen.«

Anderen Tages versammelten wir uns alle zur feierlichen Gratulation, und Maximiliane trug ihr Festgedicht seelenvoll und doch demütig einfach vor. Wir waren davon ergriffen und näherten uns dann einzeln etwas schüchtern mit leeren Händen der Frau Oberin, neben der Irenchen stand. Sie wußte bereits das Vorgefallene und sagte in ihrem liebevollen Tone: »Ich danke euch, liebe Kinder, eine größere Freude hättet ihr mir gar nicht bereiten können.«

Plötzlich entstand ein leises Gekicher: der dicke, alte Troll, um den Hals unseren kleinen Blumenkranz, wackelte herein und kroch zu den Füßen der Frau Oberin.

Nachmittags gingen wir mit allen Lehrerinnen spazieren und waren ganz glücklich und fröhlich.

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