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Gesammelte Erzählungen

Isabella Braun: Gesammelte Erzählungen - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
author
titleGesammelte Erzählungen
publisherDruck und Verlag der Buchhandlung Ludwig Auer
addressPädagogische Stiftung Cassianeum in Donauwörth
volume2
printrunSechste Auflage
editorH. Wagner
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
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IV.

Eine gehobene, fröhliche, friedliche Stimmung lag auf aller Mienen. Ich zog meine Uhr aus dem Gürtel und rief erstaunt: »Denkt euch, schon 5 Uhr! Nur noch eine Stunde!«

Allgemeine Überraschung! Jedes lief ungeheißen auf seinen Platz, alle Hände waren beschäftigt. Ich forschte nach Maxi, welche verstohlen das weggeschleuderte Kränzchen suchte und hierauf es mit den Fingern zurechtzupfte; dabei sah sie ganz traurig aus.

Dieser leise Mißton in der hergestellten Harmonie und Freude tat mir leid. Ich begann etwas zagend: »Aber wir haben ja noch gar nicht bestimmt, wer von uns morgen das Festgedicht vortragen soll. Ich wüßte schon, wer?« und meine Augen deuteten auf Maxi. »Was meint jedoch ihr?«

Anna sprang bei diesen Worten empor, eilte auf sie zu, erfaßte ihren widerstrebenden Arm, zog sie vorwärts und rief: »Diese da, und keine andere!«

Ein paar schwere Tropfen rollten langsam über Maxis blühende Wangen. Anna mochte sie mißverstehen und flüsterte bittend: »Bist du mir immer noch böse? O bitte, verzeih' mir, sonst kann ich mein Lebtag nicht mehr lachen und necken.« Da folgten immer mehr Tränen aus Maxis Augen, und sie schluchzte fast.

» Dir böse? O nein, mir und meiner Heftigkeit und Empfindlichkeit bin ich ganz allein böse.« Dann hob sie, gegen uns gewendet, die Hände auf und bat: »Verzeiht mir alle!«

Da brach die Rührung aus den ohnedem erweichten Herzen. Wir eilten auf sie zu, wir reichten und drückten ihr die Hände, und manche Hand suchte eine andere, und mancher Druck bat leise: »Verzeih' mir!« Hierauf rief ich fröhlich, indem ich mir die Augen wischte: «Jetzt aber ist's für heute genug mit aller Traurigkeit! Die Hauptsache ist auch in Ordnung, und die Reihe kommt nunmehr an dich, Irenchen; du mußt dein Sprüchlein lernen. Komm' schnell her zu mir!«

Doch kein Irenchen antwortete. Alle Köpfe wandten sich suchend nach dem Kinde. Ich rief wiederholt: »Wo bist du, Irenchen?« – Keine Antwort. – »Irene! Irene!« tönte es von allen Lippen ins Gebüsch hinein. – Alles blieb still. Jetzt liefen einige fort. Man vernahm ihren Ruf in der Ferne – endlich kehrten sie allein zurück.

Ich aber stand da, unfähig zu sprechen, mich zu regen, in namenloser Angst und Bangigkeit, wie gelähmt an Geist und Körper. Da trat Marie in den Kreis und fragte: »wer hat die Kleine zuletzt gesehen?«

Einige Augenblicke lang blieb alles stille. Keines hatte auf das andere geachtet während der vorhergegangenen Ereignisse. Endlich sagte Konstanze: »Sie ist neben mir gestanden, als Wilma den Vers hersagte.«

Ein Stich fuhr mir durchs Herz; das war lange her.

Doch Luka rief: »O, sie war noch da, als die Zigeuner ankamen!« und Jenni bestätigte: »Sie hat sich vor dem unartigen Buben gefürchtet und sich hinter mich versteckt.«

»Die Zigeuner!« Dieses Schreckenswort jagte das Blut gegen mein Herz, und ich gedachte aller Geschichten von Kinderraub, die ich jemals gelesen hatte. Halb in Verzweiflung sank ich unter den Baum und stöhnte: »Ja, die Zigeuner!«

Da sprach Marie heute zum erstenmal mit verweisender Stimme: »Aber, Johanna, wie kannst du so etwas denken! Leute, die eben von uns Wohltaten empfangen haben, sollten es mit einem Verbrechen vergelten?«

Ich senkte beschämt und sogar etwas getröstet die Augen. Dann rief Marie mit ruhiger Entschiedenheit: »Kommt alle her, wir wollen verabreden, was zu tun ist!«

Alle folgten ihrem Rufe, und sie sagte: »Wir wollen Irenchen suchen, ihr Kleinen aber lauft nicht weiter fort als in Hörweite und kommt immer wieder daher, damit man nicht, wenn man die eine gefunden hat, die andere suchen muß.« Hierauf bezeichnete sie jedem die Richtung. Alle liefen spornstreichs fort, Marie neigte sich noch mit einem Kusse zu mir und ging dann auch in den Wald.

Da saß ich nun allein in namenloser Herzensangst. Meine Phantasie glich der losgelassenen Meute, die dem flüchtigen Wilde nachjagt: sie verfolgte das vermißte Kind von Gefahr zu Gefahr. Bald sah ich einen spitzen Dorn ihren Fuß verwunden und sie hilflos in das Gestrüpp sinken; bald erblickte ich sie am Rande des Abgrundes; bald fand ich sie in den rohen Händen eines Vagabunden; und so ersann ich Geschichte um Geschichte und fühlte mich geistig und leiblich gemartert. Darein mischten sich bittere Vorwürfe, daß ich dies anvertraute Gut so leichtsinnig außer acht gelassen hatte, während die Zigeuner mein Interesse beschäftigten. Es klang mir der Vers ins Ohr: »Tue stets die nächste Pflicht!« Und beschämt senkte sich mein Haupt zur Brust.

Nein, diese Untätigkeit vermochte ich nicht länger zu ertragen! Wie gut hatten es dagegen die anderen, die Irene suchten, sie durften wenigstens handeln! Ich wollte ihnen nacheilen; aber sie konnte inzwischen zurückkehren und wieder fortlaufen, um uns zu suchen. Nein, ich mußte auf meinem schweren Posten bleiben, so allein, ohne Trost! Sehnsüchtig forschte ich nach Marie, und mein Herz machte ihr Vorwürfe, daß sie mich in dieser bangen Leidensstunde verlassen habe.

Da sprang Wilma herbei. Ich gewahrte in ihrer erhobenen Hand das blaue Band meines Medaillons. Neuer Schrecken erfaßte mich! Mir war's, als vernähme ich die biblischen Worte: »Sieh' einmal, ob es nicht der Rock deines Sohnes sei!«

Ich sprang ihr entgegen und rief: »Wo hast du es gefunden?« Wilma vermochte kaum einzelne Worte aus ihrer keuchenden Brust zu pressen. Ich hörte nur: »An einer Haselnußstaude!« – »Aber wo? Wo?« drängte ich und zitterte vor Ungeduld, während Wilma nach Atem rang und dann erklärte: »Wo die zwei Pfade sich teilen nach oben – nach unten.«

»Wo der Balken über dem Abgrund liegt!?« schrie ich entsetzt, und Wilma beschwichtigte: »Aber der Haselstrauch steht ja oberhalb des Scheideweges.«

Ich sank zur Erde, vergrub mein Angesicht in das Gras und weinte bitterlich. Wilma gab sich alle Mühe, mich zu beruhigen, und duldete, daß ich sie von mir hinwegschob.

Ein Geräusch dagegen ließ mich emporfahren: Luka und Stanzi kamen gelaufen, und diese rief so frohlockend, als ob sie Irenchen bereits an der Hand führte: »Ein Bauernjunge hat sie gesehen auf dem Weg zum Klosterhof.« Doch Luka widersprach ihr mit ungewohntem Ernste: »Er hat aber gesagt, es sei ein Knabe aus der Stadt mit weißen Beinkleidern und kurzen Haaren.«

Stanzi, die sonst so Bedächtige, rief dagegen: »Kein Knabe aus der Stadt hat am Werktage weiße Hosen an. Es war Irenchen, und weil ihre Haare kurz geschoren sind, hielt er sie für einen Buben.«

»Dann muß man ihr nachgehen!« rief ich und wollte forteilen, als Jenni kam und berichtete, ein Bauernweib habe ein kleines Mädchen auf dem Weg zum Institute gesehen und die Beschreibung passe auf Irene.

Karoline hörte bei ihrer Rückkehr diese Vermutung und zeigte sich augenblicklich bereit, diesen Weg zu gehen. Ich hielt sie ängstlich am Kleide, denn eine neue Furcht gesellte sich zur alten. »Die Frau Oberin! Wenn sie es hört, stirbt sie vor Schrecken! Das ganze Institut gerät in Aufregung! O, laßt uns zuvor alles versuchen!«

Nun kam Anna und rief: »Keine Spur, es ist, als ob sie in die Erde gesunken wäre!« Wie das gute Mädchen aber meine Kümmernis gewahrte, sprach sie tröstend: »So beruhige dich doch! Sie wird gewiß in Sicherheit sein! Bedenke nur: Was soll ihr am hellen Tage geschehen? Wir leben ja nicht auf einem Erdteile, wo es Löwen, Tiger und Schlangen gibt.«

Ich schrie auf: »Aber Kupfernattern! Oh! sie ist tot! Ja, gewiß hat eine Kupfernatter sie gebissen!«

Nein, es gab keinen Trost für mich. Auch das bestgemeinte Wort vermehrte nur meine Angst. Dies erkannten alle und gingen lieber fort, um mir durch die Tat beizustehen.

Wieder war ich allein, und wieder steigerte sich von Minute zu Minute die Angst, bis sie zum Schmerze wurde und ich alles verloren gab. Ich brach förmlich unter ihm zusammen. Da fühlte ich mich sanft von zwei weichen Armen umschlungen; ich blickte auf und sah Hermine an meiner Seite. Mit zärtlichem Tone bat sie: »Komm', leg' deinen heißen Kopf an meine Brust, ruh' dich aus! Denk': Wo die Not am größten, ist die Hilfe am nächsten!«

Und sie zog mich an sich wie eine Mutter ihr krankes Kind. Da lag ich nun und fühlte ihr Herz pochen, so schwesterlich, so mitleidsvoll. Sie trocknete mit ihrem Tuche mein tränenfeuchtes Gesicht, sie küßte mich auf die Stirne. Ihr linker Arm wankte nicht unter der Last, und immer wieder flüsterte sie: »Vertraue nur, hoffe nur!«

Wieder ein Geräusch! Ich fuhr empor; es war nur ein herabfallender dürrer Zweig, vielleicht von einem Eichhörnchen losgebissen, doch meine Nerven und mein Gehörsinn waren überreizt. Ich schlich ins Gebüsch. Dort bewegte sich etwas, und ich winkte Hermine. Lauschend standen wir Arm in Arm. Jetzt vernahmen wir deutlich: »Liebes Jesuskind, such' das Irenchen und bring' es der Johanna! Liebe Schutzengelein, behütet es und geleitet es zurück!«

Wir erkannten die Stimme und traten näher. Dort, mitten im Gebüsch versteckt, kniete die kleine Konstanze und betete. O, wie mich das ergriff! Ich hatte bis zu diesem Augenblicke nicht beten können mit meinem unruhigen Herzen. Nun sank ich neben ihr auf die Kniee und stöhnte: »Mein Heiland, hilf! Strecke deine Hand aus, ich sinke unter im Schmerz und in der Angst!«

Hermine zog mich sanft empor und flüsterte: »Ist dir's jetzt leichter?« Und ich fühlte mich wirklich so ermutigt, daß ich ihr ein Ja zulächelte. Dann ergriff ich Stanzis Händchen, und wir gingen zum Sammelplatz zurück.

Vereint saßen wir eine Weile dort. Keines sprach eine Silbe. Gleich Meeresstille war es über uns gekommen. Ob es lange gedauert hat, weiß ich nicht; denn in meinem Herzen begannen die Wellen sich bereits wieder zu regen.

Da – was war dies? Wir sprangen gleichzeitig empor. Fernes, seltsames Hundegebell, kurz und rauh tönend, fast erstickt im Fetthalse, drang an unser Ohr. Wir kannten es, wir hatten oft genug darüber gelacht. Es klang nicht wie Geheul, es klang beinahe lustig.

Und wie der Pfeil vom Bogen schossen wir nach dieser Richtung. »Troll, dicker, alter Troll! Wo du bist, da ist gewiß Irenchen!« So riefen und dachten wir. »Bell' noch einmal, alter Troll!« Und er bellte von neuem, kaum hörbar; wir aber hörten es und rannten dahin.

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