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Gesammelte Erzählungen

Isabella Braun: Gesammelte Erzählungen - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
author
titleGesammelte Erzählungen
publisherDruck und Verlag der Buchhandlung Ludwig Auer
addressPädagogische Stiftung Cassianeum in Donauwörth
volume2
printrunSechste Auflage
editorH. Wagner
correctorhille@abc.de
senderwww.gaga.net
created20100315
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Das arme Studentlein.

I.

»Guten Morgen, Veit, wie geht's dem Baptist? Ich krieg ihn ja gar nicht mehr zu sehen seit der Vakanz!«

Also sprach der leutselige Pfarrer zu seinem Taglöhner, der im Garten arbeitete. Dieser zog ehrerbietig die schwarze Zipfelkappe ab, stieß die Schaufel in die Erde und seufzte schier, als er antwortete: »Dank für die Nachfrag', Hochwürden; aber mit dem Buben ist es ein wahres Kreuz!«

Der Pfarrer stutzte anfangs verwundert, dann aber entgegnete er fast lächelnd: »Nun, nun, wird so arg nicht sein! War ja immer ein fleißiger Bub', der Baptist, und brav auch dazu.«

Veit kratzte sich hinter den Ohren und sagte: »Will gerad' nicht sagen, daß der Baptist was Unrechtes tut; aber ein Kreuz ist's und bleibt's! Da sind ihm beim vielen Lernen die Bücher in den Kopf gefahren und – glaub' ich – der Hochmut auch noch dazu, studieren will er; ein Herr will er werden, wie Ihr, Hochwürden; vor den Büchern will er hocken, statt zu arbeiten, zu hauen und zu graben, und er ist groß' und stark, ich könnt ihn notwendig genug brauchen. Aber er stellt sich dabei so dumm an, daß es ein Graus ist.«

Veit schwieg, und der Pfarrer zog nachdenklich mit seinem Spazierstocke allerlei Querstriche durch den Sand. Endlich sah er empor und sagte rasch: »Nun, Veit, so laßt ihm halt seinen Willen und macht einen Studenten aus ihm!«

Veit fuhr ganz erstaunt und erschrocken zusammen, denn diese Antwort hatte er am allerwenigsten erwartet. Er entgegnete zögernd: »Ja, um Gottes willen, Hochwürden, woher soll ich denn das Geld nehmen? Ihr wißt ja selbst, daß ich mit meinen zwei Händen kaum so viel verdiene, als wir brauchen, und ich hab' drauf gerechnet, daß mir der Bub' bald hilft. Statt dem soll ich ihn gar in die Stadt schicken und für ihn bezahlen, Bücher kaufen und weiß Gott, was alles noch? Zudem sagt das Sprichwort: Schuster, bleib' bei deinem Leisten! Es gibt vornehme Leute genug, die ihre Kinder studieren lassen müssen, und ich hab' mir sagen lassen, daß die im Leben nimmer vorwärts kommen; wie würd' es erst mit meinem Buben gehen!«

Das war eine lange Rede für den armen Veit gewesen; er atmete tief auf und wischte sich die Stirne mit der Zipfelkappe. Der Pfarrer lächelte aber immer noch und entgegnete: »Nun, Veit, wir wollen sehen, was da zu machen ist. Schickt den Baptist morgen früh zu mir!« Drauf brach er die Unterredung schnell ab, grüßte den Taglöhner und schritt gedankenvoll weiter.

Am anderen Morgen stand Baptist mit klopfendem Herzen in des Pfarrers Studierzimmer, denn der Vater hatte ihm gesagt: »Geh' nur hin; der Herr wird dir den Kopf zurechtrücken.« Aber Veit hatte sich in des Pfarrers Absicht völlig getäuscht, und das merkte auch der Knabe sogleich, als er den alten Herrn behäbig in seinem gepolsterten Lehnstuhle sitzen sah, das runde Käpplein etwas schief auf die Seite geschoben, worunter ihm das allerfreundlichste Gesicht entgegenlächelte. Der Pfarrer wollte nämlich klar sehen, ob Baptist wirklich einen ernstlichen Trieb und gute Fähigkeiten zum Studieren besitze. Er teilte nicht die Ansicht vieler Leute, daß die einen studieren müßten, weil der Vater ein Amt, Geld und Ansehen habe, und die anderen davon ausgeschlossen seien des Standes und der Armut wegen; denn er wußte, daß die Talente im Himmel ohne Ansehen des Ranges verteilt werden und daß ein reiches Herrlein oft schlecht, hingegen ein armes Bauernbüblein gut dabei wegkomme, und so auch umgekehrt. Er selbst war so ein blutarmer Bub' gewesen und hatte noch nicht vergessen, wie es ihm nicht Rast noch Ruh' gelassen, bis er endlich doch ein Student geworden war.

Baptist stand also mit klopfendem Herzen vor dem Pfarrer. Aber seine Augen leuchteten frohmütig, als nun das Verhör begann, der alte Herr ihm die Mühseligkeiten des Studierens schilderte und die Not und Plage, die eines so armen Bürschleins warteten. Nichts vermochte ihn zu entmutigen, und der Pfarrer teilte bald die Zuversicht und Freudigkeit des elfjährigen Knaben. Es wurde beschlossen, daß der Versuch gemacht werden und Baptist alle Tage ins Studierzimmer kommen solle; der Pfarrer selber wollte sein Lehrmeister werden.

Mit lautem Jubel kehrte Baptist nach Hause zurück und rief dem Vater schon von weitem entgegen: »Ich darf studieren, der Pfarrer hat's gesagt und er will mich selber unterweisen!«

Da schüttelte Veit bedenklich den Kopf, kratzte sich heute noch öfter als gewöhnlich hinter den Ohren, aber er sagte nichts; unzeitige Worte waren seine Sache nicht; er sparte sie so gut wie das Geld.

Inzwischen suchte der Pfarrer seine alte Grammatik hervor, wischte den langjährigen Staub davon ab und lächelte oft still vor sich hin. Denn es fielen ihm tausend Geschichten aus seiner Studienzeit ein, und die lustigen schwammen oben auf; denn er war ein grundfröhlicher Herr. Dann aber versenkte er sich selbst wieder in die fast vergessenen Anfangsgründe des Latein, und oft war ihm wunderlich genug dabei zumute wie in alten Tagen.

Des anderen Morgens begann der Unterricht. Der Pfarrer war ein gründlicher Lehrer, und Baptist riß Aug und Mund auf vor lauter Achtsamkeit. Es ging vortrefflich, und als die Unterrichtsstunde vorüber war, freuten sich alle beide schon auf die nächste Lehrstunde, und jener liebevolle und feste Bund, welcher Lehrer und Schüler vereinigt, war bereits zwischen ihnen geschlossen. Mit dankbarer Freude küßte Baptist des Pfarrers Hand, und dieser legte sie dann wie im Segen auf des Knaben Haupt.

Am selben Nachmittag suchte der Pfarrer den Taglöhner wieder im Garten auf und redete ihn folgendermaßen an: »Nun, Veit, ich denk', es wird halt doch sein müssen, daß wir den Baptist zum studieren schicken.«

Veit sah zur Erde und entgegnete: »Euer Wort in Ehren, Hochwürden, aber das seh' ich nicht ein.«

»Hört mir aufmerksam zu, Veit,« fuhr der Pfarrer in seiner unterbrochenen Rede fort, und der Taglöhner horchte: »Jeder Mensch bringt, wenn er auf die Welt kommt, seinen Beruf mit; wird man älter, dann merkt man's. Bei einigen geht's Hand in Hand mit dem Vater weiter, bei anderen bleibt's zurück oder lauft's voran. Glücklich ist nur derjenige, der auch den rechten Beruf wirklich ergriffen hat, und die Eltern haben die Schuldigkeit, ihre Kinder dabei zu leiten oder sie doch nicht zu verhindern, wie ich nun fest glaube, hat der Baptist einen ganz ausgemachten Beruf zum Studieren, nicht weil er gescheit ist, denn auch unter dem Bauern- und Bürgerstande braucht man gescheite Leute, sondern weil er in den Büchern lebt und schwebt. Nun sagt Ihr ja selbst, daß er sich bei Euren Arbeiten ungeschickt anstelle; gewiß aber gibt er einen guten Studenten ab: also – was bleibt Euch übrig? Ihr müßt den Buben studieren lassen!«

Diese Auseinandersetzung schien dem Taglöhner allerdings einzuleuchten, aber die andere Frage, wie das einzurichten sei, das war die harte Nuß zum Knacken. Auch dafür wußte der Pfarrer Rat; er sagte: »wir wollen den Buben auf die Probe stellen. Hält er bei seiner Vorbereitung tapfer aus in Fleiß und Talent, dann will ich fürs übrige Sorge tragen. Kümmert Euch weiter nicht darüber, Veit, und werft Eure Sorge auf den Herrn da oben, der wird's recht machen.«

Veit war nun zufrieden und ging auf des Pfarrers Absicht getrost ein. Aber so leicht wie den Stadtkindern, die Zeit und Ruhe in Hülle und Fülle haben, wurde es dem armen Baptist doch nicht gemacht. Wenn er seine Aufgabe lernen oder schreiben sollte, wußte ihm mittendrin die Mutter ein notwendiges Geschäft, der Vater rief ihn zu sich, die Geschwister ließen ihm keine Ruhe; bald fehlte es am Papier, bald an Tinte und Federn. Er mußte sich die Zeit fürs Lernen vom Schlafe abstehlen. Bei der frühesten Morgenstunde sprang er schon aus seinem Bette; sein liebes Buch hatte neben ihm geruht, und er trug es nun mit sich in jedes Versteck, das er finden konnte, wenn am Sonntage seine Kameraden in großer Gesellschaft zum Anger zogen und dort jubelten, daß die Luft davon widerhallte, sah er ihnen ohne allen Mißmut nach und blieb zu Hause bei seinem Buche. Alle diese Schwierigkeiten und Hemmnisse machten ihm das Lernen nur noch lieber, und er gewöhnte sich frühzeitig an Ernst und Ausdauer. Immer kam er völlig vorbereitet in die Unterrichtsstunde, und als nun der Herbst heranzog, der Storch sein Nest verließ und die Zugvögel eine andere Heimat suchten, da mußte auch unser Baptist das Vaterhaus verlassen. Die Mutter hatte ihn so gut als möglich ausgestattet und der Dorfschneider im Auftrage des Pfarrers ein Röcklein nach dessen eigenem Rockmuster angefertigt.

Da stand nun der kleine Student trotz aller Hoffnung doch recht traurig. Die Geschwister weinten; die Mutter fuhr sich zum öfteren mit dem Schurzzipfel über die Augen; der Vater trug stillschweigend die kleine Kiste aufs Wägelein, um nicht beim Abschied zu sein, und rief fast rauh: »Macht nicht so lang, 's ist Zeit!« Der Pfarrer spendete noch gute Ermahnungen; Nachbarn und Kameraden riefen: »Adieu!« und nun rollte das Wägelein fort, daß es bald den Nachschauenden aus dem Gesichte verschwunden war.

Der Pfarrer hatte für seinen Schüler die beste Vorsorge getroffen. Er selbst bestritt den Mietzins des kleinen Stübchens, und seine Freunde und Bekannten hatten ihm das Versprechen gegeben, durch Kosttage und Monatgelder das arme Studentlein unterstützen zu wollen. Er trug viele Empfehlungsbriefe in seiner Tasche und auch ein kleines Beutelein mit Geld, das ihm die alte Haushälterin, des Pfarrers Schwester, eigens genäht, gefüllt und zugesteckt hatte. Und nun, Glück auf, junger Bergknappe, im Schachte der Wissenschaft!

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