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Germelshausen

Friedrich Gerstäcker: Germelshausen - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
seriesThe Lake German Classics
booktitleImmensee, von Storm; Germelshausen, von Gerstäcker; Der Lindenbaum, von Seidel
titleGermelshausen
editorEdward Manley
publisherScott, Foresman and Co.
addressChicago
year1909
authorFriedrich Gerstäcker
sendermarthab@magpage.com
modified19990726
modifiergerd.bouillon@t-online.de
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Friedrich Gerstäcker

Germelshausen

Im Herbst des Jahres 184– wanderte ein junger, lebensfrischer Bursch, den Tornister auf dem Rücken, den Stab in der Hand, langsam und behaglich den breiten Fahrweg entlang, der von Marisfeld hinauf nach Wichtelhausen führt.

Es war kein Handwerksbursch, der Arbeit suchend von Ort zu Ort ging; das sah man ihm auf den ersten Blick an, hätte ihn nicht schon die kleine, sauber gefertigte Ledermappe verraten, die er auf den Tornister geschnallt trug. Den Künstler konnte er überhaupt nicht verleugnen. Der keck auf einer Seite sitzende, schwarze, breiträndige Hut, das lange, blonde, gelockte Haar, der weiche, noch ganz junge, aber ganz Bart – alles sprach dafür, selbst der etwas abgetragene schwarze Sammetrock, der ihm jedoch bei dem warmen Morgen ein wenig zu heiß werden mochte. Er hatte ihn aufgeknöpft, und das weiße Hemd darunter – denn er trug keine Weste – wurde um den Hals von einem schwarzseidenen Tuche nur locker zusammengehalten.

Als er ein Viertelstündchen von Marisfeld sein mochte, läutete es dort zur Kirche, und er blieb stehen, stützte sich auf seinen Stecken und lauschte aufmerksam den vollen Glockentönen, die gar wundersam zu ihm herüberschallten.

Das Läuten war lange vorüber, und noch immer stand er dort und blickte träumerisch hinaus auf die Bergeshänge. Sein Geist war daheim bei den Seinen, in dem kleinen, freundlichen Dorfe am Taunusgebirge, bei seiner Mutter, bei seinen Schwestern, und es schien fast, als ob sich eine Träne in sein Auge drängen wollte. Sein leichtes, fröhliches Herz aber ließ die trüben und schwermütigen Gedanken nicht aufkommen. Nur den Hut nahm er ab und grüßte mit einem herzlichen Lächeln der Richtung zu, in der er die Heimat wußte, und dann fester seinen derben Stock fassend, schritt er munter die Straße entlang, der begonnenen Bahn folgend.

Die Sonne brannte indessen ziemlich warm auf den breiten, eintönigen Fahrweg nieder, auf dem der Staub in dicker Kruste lag, und unser Wanderer hatte sich schon eine Zeitlang nach rechts und links umgeschaut, ob er nirgend einen bequemeren Fußpfad entdecken könne. Rechts zweigte allerdings einmal ein Weg ab, der ihm aber keine Besserung versprach und auch zu weit aus seiner Richtung führte; er behielt also den alten noch eine Zeitlang bei, bis er endlich an ein klares Bergwasser kam, an dem er die Trümmer einer alten, steinernen Brücke erkennen konnte. Drüben hin lief ein Rasenweg, der in den Grund hineinführte; doch mit keinem bestimmten Ziel vor sich, da er ja nur dem schönen Werratale zu zog, seine Studienmappe zu bereichern, sprang er auf einzelnen, großen Steinen trockenen Fußes über den Bach zur kurz gemähten Wiese drüben und schritt hier, auf dem elastischen Rasen und im Schatten dichter Erlenbüsche, rasch und sehr zufrieden mit seinem Tausche vorwärts.

»Jetzt hab' ich den Vorteil,« lachte er dabei vor sich hin, »daß ich gar nicht weiß, wohin ich komme. Hier steht kein langweiliger Wegweiser, der einem immer schon Stunden vorher sagt, wie der nächste Ort heißt, und dann jedesmal mit der Entfernung unrecht hat. Wie die Leute hier nur ihre Stunden messen, möchte ich wissen! Merkwürdig still ist's aber hier im Grunde, – freilich, am Sonntage haben die Bauern draußen nichts zu tun, und wenn sie die ganze Woche hinter ihrem Pfluge oder neben dem Wagen herlaufen müssen, halten sie am Sonntag nicht viel vom Spazierengehen, schlafen Morgens erst in der Kirche tüchtig aus und strecken die Beinen dann nach dem Mittagsessen unter den Wirtstisch. – Wirtstisch – hm – ein Glas Bier wäre jetzt bei der Hitze gar nicht so übel – aber bis ich das bekommen kann löscht auch die klare Flut hier den Durst.« – Und damit warf er Tornister und Hut ab, stieg zum Wasser nieder und trank nach Herzenslust.

Dadurch etwas abgekühlt, fiel sein Blick auf ein alten, wunderlich verwachsenen Weidenbaum, den er rasch und mit geübter Hand skizzierte, und jetzt vollständig erfrischt und ausgeruht, nahm er seinen Tornister wieder auf und setzte seinen Weg, unbekümmert wohin er ihn führte, fort.

Eine Stunde mochte er noch so gewandert sein, hier ein Felsstück, dort ein eigentümliches Erlengebüsch, da wieder einen knorrigen Eichenast in seine Mappe sammelnd; die Sonne war dabei höher und höher gestiegen, und er nahm sich eben vor, nun rüstig auszuschreiten, um wenigstens im nächsten Dorfe das Mittagsessen nicht zu versäumen, als er vor sich im Grunde, dicht am Bache und an einem alten Steine, auf dem früher vielleicht einmal ein Heiligenbild gestanden, eine Bäuerin sitzen sah, die den Weg, den er kam, herabschaute.

Von Erlen gedeckt, hatte er sie früher sehen können, als sie ihn; dem Ufer des Baches aber folgend, trat er kaum über das Gebüsch hinaus, das ihn bis dahin ihren Blicken entzogen hatte, als sie aufsprang und mit einem Freudenschrei auf ihn zuflog.

Arnold, wie der junge Maler hieß, blieb überrascht stehen und sah bald, daß es ein bildhübsches, kaum siebzehnjähriges Mädchen war, das in einen ganz eigentümliche, aber äußerst nette Bauerntracht gekleidet, die Arme gegen ihn ausgestreckt, auf ihn zuflog. Arnold wußte freilich, daß sie ihn jedenfalls für einen andern hielt und dieses freudige Begegnen nicht ihm galt – das Mädchen erkannte ihn auch kaum, als sie erschrocken stehen blieb, erst blaß und dann über und über rot wurde und endlich schüchtern und verlegen sagte:

»Nehmt's nicht ungütig, fremder Herr – ich – ich glaubte –«

»Daß es dein Schatz wäre, mein liebes Kind, nicht wahr?« lachte der junge Bursch, »und jetzt bist du verdrießlich, daß dir ein anderes, fremdes und gleichgültiges Menschenbild in den Weg läuft? Sei nicht böse, daß ich's nicht bin.«

»Ach wie könnt Ihr nur so reden,« flüsterte die Magd ängstlich – »wie dürft' ich böse sein – aber wenn Ihr wüstet, wie sehr ich mich darauf gefreut hatte!«

»Dann verdient er's aber auch nicht, daß du noch länger auf ihn wartest,« sagte Arnold, dem jetzt erst die wahrhaft wunderbare Anmut des schlichten Bauernkindes auffiel. »Wär' ich an seiner Stelle, du hättest nicht eine einzige Minute vergebens meiner harren sollen.«

»Wie Ihr nur so wunderlich redet,« sagte das Mädchen verschämt, »wenn er hätt' kommen können, wär er gewiß schon da. Vielleicht ist er wohl krank oder – oder gar – tot,« setzte sie langsam und recht aus vollem Herzen aufseufzend hinzu.

»Und hat er so lange nichts von sich hören lassen?«

»Gar sehr, sehr lange nicht.«

»Dann ist er wohl weit von hier daheim?«

»Weit? gewiß – schon eine recht lange Strecke von da,« sagte das Mädchen, »in Bischofsroda.«

»Bischofsroda?« rief Arnold, »da hab' ich jetzt vier Wochen gehaust und kenne jedes Kind im ganzen Dorfe. Wie heißt er?«

»Heinrich – Heinrich Vollgut,« sagte das Mädchen verschämt – »des Schulzen Sohn in Bischofsroda.«

»Hm,« meinte Arnold, »bei dem Schulzen bin ich ein- und ausgegangen, der aber heißt Bäuerling, soviel ich weiß, und den Namen Vollgut hab' ich im ganzen Dorfe nicht gehört.«

»Ihr werdet nicht alle Leut' dort kennen,« meinte das Mädchen, und durch den traurigen Zug, der über dem lieben Antlitze lag, stahl sich doch ein leises, verschmitztes Lächeln, das ihr gar so gut und noch viel besser wie die vorige Schwermut stand.

»Aber von Bischofsroda,« meinte der junge Maler, »kann man über die Berge recht gut in zwei Stunden, höchstens in dreien, herüberkommen.«

»Und doch ist er nicht da,« sagte die Maid, wieder mit einem schweren Seufzer, »und doch hat er mir's so fest versprochen.«

»Dann kommt er auch gewiß,« versicherte Arnold treuherzig; »denn wenn man dir einmal etwas versprochen hat, mußte man ja ein Herz von Stein haben, wenn man nicht Wort hielte – und das hat dein Heinrich gewiß nicht.«

»Nein,« sagte die Maid treuherzig, – »aber jetzt wart' ich doch nicht länger auf ihn, denn zu Mittag muß ich daheim sein, sonst schilt der Vater.«

»Und wo bist du daheim?«

»Dort gleich im Grunde drin – hört Ihr die Glocke? – eben wird der Gottesdienst ausgeläutet.«

Arnold horchte auf, und gar nicht weit entfernt konnte er das langsame Anschlagen einer Glocke hören; aber nicht voll und tief tönte es zu ihm herüber, sondern scharf und disharmonisch, und als er nach der Gegend dort hinschaute, war es fast, als ob ein dichter Höhenrauch über jenem Teile des Tales läge.

»Eure Glocke hat einen Sprung,« lachte er, »die klingt bös.«

»Ja, ich weiß wohl,« erwiderte gleichmütig das Mädchen, »hübsch klingt sie nicht, und wir hätten sie schon umgießen lassen, aber es fehlt immer an Geld und an Zeit dazu, denn hier herum sind keine Glockengießer. Doch was tut's; wir kennen sie einmal und wissen, was es bedeutet, wenn es anschlägt – da verrichtet's auch die gesprungene.«

»Und wie heißt dein Dorf?«

»Germelshausen.«

»Und kann ich von dort nach Wichtelhausen kommen?«

»Recht leicht – den Fußweg hinüber ist's kaum ein halbes Stündchen – vielleicht nicht einmal so weit, wenn Ihr gut ausschreitet.«

»Dann geh' ich mit durch dein Dorf, Schatz, und wenn ihr ein gutes Wirtshaus im Dorfe habt, ess' ich dort auch zu Mittag.«

»Das Wirtshaus ist nur so gut,« sagte das Mädchen seufzend, indem sie einen Blick zurückwarf, ob der Erwartete denn noch nicht käme.

»Und kann ein Wirtshaus je zu gut sein?«

»Für den Bauer ja,« sagte das Mädchen ernst, indem es jetzt an seiner Seite langsam im Grunde hinschritt, »der hat auch des Abends nach der Arbeit noch manches im Hause zu tun, was er versäumt, wenn er bis spät in die Nacht im Wirtshause sitzt.«

»Aber ich versäume heut' nichts mehr.«

»Ja mit den Stadtherrn ist es etwas anderes – die arbeiten doch nichts und versäumen deshalb auch nicht viel; muß doch der Bauer das Brot für sie verdienen.«

»Nun eigentlich doch nicht,« lachte Arnold; – »bauen wohl, aber verdienen müssen wir es selber, und manchmal sauer genug, denn was der Bauer tut, läßt er sich auch gut bezahlen.«

»Aber Ihr arbeitet doch nichts?«

»Und warum nicht?«

»Eure Hände sehen nicht danach aus.«

»Dann will ich dir gleich einmal beweisen, wie und was ich arbeiten kann,« lachte Arnold. »Setz' dich einmal da auf den flachen Stein unter den alten Fliederbusch –«

»Aber was soll ich dort?«

»Setz' dich nur hin,« rief der junge Maler, der rasch seinen Tornister abwarf und Mappe und Bleistift vornahm.

»Aber ich muß heim!«

»In fünf Minuten bin ich fertig – ich möchte auch gern eine Erinnerung an dich mitnehmen in die Welt, gegen die selbst dein Heinrich nichts wird einzuwenden haben.«

»Eine Erinnerung an mich? – wie Ihr gespaßig seid!«

»Ich will dein Bild mitnehmen.«

»Ihr seid ein Maler?«

»Ja.«

»Das wär schon gut – dann könntet Ihr in Germelshausen gleich die Bilder in der Kirche wieder einmal frisch anmalen, die sehen so gar bös und mitgenommen aus.«

»Wie heißt du?« frug jetzt Arnold, der indessen schon seine Mappe geöffnet hatte und die lieblichen Züge des Mädchens rasch skizzierte.

»Gertrud.«

»Und was ist dein Vater?«

»Der Schulze im Dorfe. – Wenn Ihr ein Maler seid, dürft Ihr auch nicht ins Wirtshaus gehn; da nehm' ich Euch gleich mit zu Haus, und nach dem Essen könnt Ihr alles mit dem Vater besprechen.«

»Über die Kirchenbilder?« lachte Arnold.

»Ja gewiß,« sagte ernsthaft das Mädchen, »und Ihr müßt dann bei uns bleiben, recht lange Zeit bis – wieder unser Tag kommt und die Bilder fertig sind.«

»Nun, davon sprechen wir nachher, Gertrud,« sagte der junge Maler, fleißig dabei seinen Bleistift handhabend, – »aber wird dein Heinrich nicht bös werden, wenn ich auch manchmal – oder recht oft bei euch bin, und – recht viel mit dir plaudere?«

»Der Heinrich?« sagte das Mädchen, »der kommt jetzt nicht mehr.«

»Heut wohl nicht, aber dann vielleicht morgen?«

»Nein,« sagte Gertrud vollkommmen ruhig, »da er bis elf Uhr nicht da war, bleibt er aus, bis einmal wieder unser Tag ist.«

»Euer Tag? was meist du damit?«

Das Mädchen sah ihn groß und ernst an, aber sie antwortete nicht auf seine Frage, und während ihr Blick nach den hoch über ihnen hinziehenden Wolken schweifte, hastete er mit einem eigenen Ausdrucke von Schmerz und Wehmut an ihnen.

Gertrud war in diesem Augenblick wirklich engelschön, und Arnold vergaß in dem Interesse, das er an der Vollendung des Porträts nahm, alles andere. Es blieb ihm auch nicht mehr viel Zeit. Das junge Mädchen stand plötzlich auf, und ein Tuch über den Kopf werfend, sich vor den Sonnenstrahlen zu schützen, sagte sie:

»Ich muß fort – der Tag ist so kurz, und sie erwarten mich daheim.«

Arnold hatte aber sein kleines Bild auch fertig, und mit ein paar kecken Strichen den Faltenwurf der Kleidung angebend, sagte er, ihr das Bild entgegenhaltend:

»Hab' ich dich getroffen?«

»Da bin ich!« rief Gertrud rasch und fast erschreckt.

»Nun wer denn sonst?« lachte Arnold.

»Und das Bild wollt Ihr behalten und mit Euch nehmen?« frug das Mädchen schüchtern, fast ängstlich.

»Gewiß will ich,« rief der junge Mann, »und wenn ich dann weit, weit von hier bin, noch oft und fleißig an dich denken.«

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