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Gerhart Hauptmann

Paul Schlenther: Gerhart Hauptmann - Kapitel 9
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typebiography
authorPaul Schlenther
titleGerhart Hauptmann
publisherS. Fischer, Verlag/Berlin
printrunSechste Auflage
year1912
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VIII

Weltweh und Himmelssehnsucht

»Wie eine Windesharfe sei deine Seele, Dichter! Der leiseste Hauch bewege sie. Und ewig müssen die Saiten schwingen im Atem des Weltwehs; denn das Weltweh ist die Wurzel der Himmelssehnsucht. Also steht deiner Lieder Wurzel begründet im Weh der Erde; doch ihren Scheitel krönet Himmelslicht.« Mit diesen schönen, sein ganzes dichterisches Wesen durchleuchtenden Worten wollte Gerhart Hauptmann 1885 »Das bunte Buch« eröffnen. Wo in diesem »Bunten Buch« die »lyrische Form« allmählich von der »epischen Form« abgelöst wird, steht ein langes Gedicht, das » Die Mondbraut« heißt und den Kontrast zwischen Weltweh und Himmelssehnsucht aus der Seele des Dichters in die Seele eines phantasiebegabten Volkskindes überträgt. Ein armes, verwaistes Bettelkind, Bergliese genannt, hat unter den Fäusten und Flüchen ihres grausamen Pflegevaters bitterlich zu leiden. Er jagt sie bei Nacht aus dem Hause hinaus in Sturm und Schnee. Sie irrt über Feld. Ermattet sinkt sie beim Reisigsammeln vor einer hohen, schlanken Fichte nieder, die im Mondschein himmelan strebt. Bergliese schläft vor Müdigkeit ein. Aber sie ist mondsüchtig und »wandelt durch die Nacht«. Sie klettert dem Mond entgegen zum Fichtenwipfel empor, sie will weit ersteigen, tritt in leere Luft, und –

Was dröhnte der Grund, was scholl durch die Nacht?
Mir schien es ein klagender Ton:
Sie liegt an der Föhre, sie hat es vollbracht,
Auf ewig dem Jammer entflohn.

Soweit behandelt das Gedicht einen ganz realen Vorgang, über den alltäglich »Der Bote aus dem Riesengebirge« berichten könnte. Der Dichter aber legt dem realen Vorgang ein seelisches Motiv unter. Dieses seelische Motiv ist die Sehnsucht, die ein vom Weltweh schwer belastetes Menschenkind nach dem Himmel empfindet. Je jammervoller das Dasein, desto höher und schöner die Hoffnung aufs Jenseits. Des Kindes Phantasie hält sich zunächst an das, was aus der Himmelswelt sichtbar entgegenglänzt, an den Mond:

Du Schöner am Himmel, so matt und so bleich,
Hoch, hoch in den Wipfeln, da hast du dein Reich,
Hoch, hoch in den Wipfeln der Föhren.

Mehr und mehr aber verwandelt sich den schwärmenden Sinnen des Mädchens der Mond in den himmlischen Bräutigam, neben dem der tote Vater, der hienieden als Lump galt, die tote Mutter, die hienieden als Dirne galt, auf ihr verlassenes Kind warten. Das lockt und zieht himmelwärts. Darum klettert das Kind die Fichte entlang:

»Ich grüß dich, du Schöner,« so lispelt sie hold,
»Wie bist du so strahlend im Gürtel von Gold,
Ich folge dir gerne, so gerne!«

Der Mond hebt sie liebend in seinen Sichelkahn; ihrem verzückten Auge tut sich alle Herrlichkeit des Himmels auf:

Und Mütterlein steht auf der Schwelle und winkt,
Und Väterlein auch, und der Nachen – er sinkt.
Er sinkt in die duftenden Gärten.

Für Bergliese war die Erfüllung ihrer Himmelssehnsucht nur ein Traumglück. Aber nun liegt sie am Fuße der Fichte, befreit von allem Weltweh.

Mehrere Jahre später ist der Dichter auf dasselbe Motiv noch einmal zurückgekommen. Mit seiner gereiftem Bühnenkenntnis wagt er, den Vorgang auf das Theater zu bringen. Sein »Hannele« ist eine Schicksalsgefährtin der Bergliese. Vom bösen Stiefvater geplagt und geprügelt, vernimmt auch sie den Lockruf der toten Mutter, den Weckruf des himmlischen Bräutigams. Aber jener Ruf erschallt ihr nicht aus den Wipfeln des Waldes; er kommt aus den Tiefen des Wassers, in das die Mutter ihr vorangegangen ist. Und der himmlische Bräutigam erscheint ihr nicht mehr, wie der Bergliese, als unpersönliches ungreifbares Himmelslicht, sondern wie den ersten Christen in menschlich vertrauter Gestalt.

Als Gerhart Hauptmann im Spätsommer 1893 das Drama aus Schreiberhau fertig nach Berlin brachte und den Freunden vorlas, hieß es noch »Hannele Matterns Himmelfahrt«. Später wurde der Titel in »Hannele« verkürzt, weil vorsichtige Hoftheater alles meiden mußten, was überfrommen Gemütern als Entweihung der Heilandsgestalt und der Heilandsgeschicke gelten könnte. Inzwischen ist man halbwegs zum Urtitel zurückgekehrt und gönnt dem »Hannele« wenigstens seine »Himmelfahrt«. Nun drückt sich die Doppelwelt des Stücks, das Diesseits und das Jenseits, schon in der Überschrift aus. »Hannele« war nur das verlassene Bettelkind, das abgerissen und zerprügelt, hungrig und frierend sein fieberndes Elend endlich in den Dorfteich schleppt; war nur die Lumpenprinzessin, wie sie ihre Mitschüler schimpften, nur das störrische Mädel, wie sie die gedankenlose Exaktheit des Amtsvorstehers schilt, der etwas heller als Wehrhahn ist. »Hannele« war nur das hilflose Häuflein Menschenjammers und Weltwehs. Erst durch die »Himmelfahrt« befriedigt sich die Himmelssehnsucht, weitet sich der innere Gesichtskreis: »Millionen Sternchen« blinken nun am Firmament auf; die Stimme Gottes ruft aus den Tiefen des eiskalten Gewässers; freundliche Engel trösten im Traum; der liebe Herr Lehrer verwandelt sich in den lieben Herr Jesus, der die Kindlein zu sich kommen läßt und den Sünderinnen vergibt. Zugleich weckt in der unschuldigen Kindesbrust sein Name das erste Ahnen einer Leidenschaft. Sinnlichkeit und Seligkeit werden eins. Im sterbenden Kind erregt sich das werdende Weib. Die Himmelssehnsucht empfindet bräutlich.

Hannele liegt zuletzt verendet auf dem Strohsack des Armenhauses. Aber in der Todesstunde hat sie ihr Kinderglaube selig gemacht. Aus dem Religionsunterricht des Lehrers, aus den geistlichen Liedern, die sie im Kloster gesungen hatte, aus den Heiligenbildern der Dorfkirche, aus den Volksmärchen, die sie von der Mutter gehört hatte, war der Phantasie des träumerischen Kindes eine überirdische Welt aufgegangen. Sie sieht nun diesen Himmel offen. Ihr Herr und Heiland hält sie bei der Hand. Wie Gottvater einst die Menschheit nach seinem Bilde geschaffen hatte, so schuf sich Hannele ihre Gottheit und ihren Himmel nach den Bildern ihres eigenen Lebens. Alles was hienieden »ihren armen Blick« entzückt hatte, alles was sie entbehrt und erhofft hatte, hilft diese Herrlichkeit wie eine wunderschöne Stadt auferbauen. In ihrem Himmel wird nicht bloß gesungen und geliebkost und gebetet, sondern auch rechtschaffen gegessen und getrunken. Ihr Himmelstischlein deckt sich mit allen den guten, appetitlichen Sachen, die das darbende Kind auf Erden nur vom Hörensagen kannte. Nicht bloß »die Milch der weidenden Rinder«, »das goldene Brot auf den Äckern« wird dargereicht, sondern auch der Pupursaft der Reben. Auch einen gewandten und galanten Dorfschneider gibt es im Himmelreich. Hannele wird nicht nur eine reine Seele sein, sondern auch eine schön geputzte kleine Himmelsbraut, in Seide glänzend. Das fromme Kind ist in seiner natürlichen Unschuld Weltkind geblieben: alle kleinen Lüsternheiten und Eitelkeiten des Weibes nahm es mit in seine heilige Hoffnung. Alles dreht sich allein um sie, niemand kümmert sich um sonstwen.

Die kleine Proletarierin im rauhen Gebirgsdorf empfindet nicht anders als so mancher selbstbewußte Würdenträger in der großen Welt. Wer auf ein »langes, segensreiches Leben« zurückblickt, läßt sich gerne feiern, aber sein höchster Ehrgeiz wird durch siebzigste Geburtstage und fünfzigjährige Jubiläen nicht befriedigt. Das Schicksal hat es in seiner Bosheit so gefügt, daß die höchste Ehre zugleich die letzte Ehre ist, denn dann folgen die Hofequipagen in Gala, und womöglich kommt der Kaiser in die Kirche. Wie mancher gab was drum, wenn er Zeuge seines eigenen Begräbnisses sein könnte. Das eigene Begräbnis – Hannele Mattern erlebt es im Traum.

Sterbend sieht sie sich tot. Sie sieht die zahlreiche Beteiligung von alt und jung. Sie hört die gute Nachrede, von der die Selbstmörderin sogar heilig gesprochen wird. Die kleinen Schulkameraden müssen ihr manches abbitten, und die Himmelskinder tragen ihren Leib dahin, »sanft, daß sein krankes Fleisch der Druck nicht schmerze«. Sie lauscht besonders freudvoll auf, wenn die barmherzige Schwester Martha und der liebe Lehrer Gottwald, so herzerquicklich um sie trauernd, miteinander, als ob kein Drittes hörte, von ihr sprechen. Sie erkennt, daß es nun doch auf Erden eine Gerechtigkeit gibt; während sie selbst so hoch geehret wird, nimmt der Stiefvater, der sie mißhandelte, das schimpflichste Ende; denn der liebe Herr Lehrer hat es ihm endlich einmal tüchtig gesagt; so tüchtig daß sich der trunkene Bösewicht vor Schmach und Reue erhängt.

Auf der Bühne sehen wir das träumende, sterbende Kind in seiner ganzen kläglichen Existenz vor uns liegen. Wir hören ihr leibhaftiges Wehklagen, ihr Geplauder; wir hören, wie das Fieber aus ihr spricht; wir verfolgen, wie ihr kranker Zustand wechselt, wie Bewußtsein und Fieberwahn ineinander übergehen. Jede Schwankung im körperlichen Befinden der Sterbenden macht sich bemerkbar; wird der Zustand fiebriger, so kommen böse Träume; tritt etwas Ruhe ein, so tauchen lieblichere Bilder auf. Um sie her walten hilfreiche Hände. Sie verkehrt wachend mit lebendigen Menschen. Zwischendurch aber tritt ihre schwärmende Seele immer wieder in eine andere Welt. In schroffen, mächtigen Kontrasten erscheint der rohe Stiefvater im Traum, erscheint tröstend der Geist ihrer toten Mutter. Es kommen Engel mit Notenblättern, wie das Kind sie auf dem Altarbild mag gesehen haben. Es erscheint, wie der schwarze Mann, den die Kinder fürchten, der stumme Tod und richtet das Schwert gegen ihr Herz. Diese Traumgestalten sind nicht nur vereinzelt da, sondern sie treten auch untereinander in Aktion. Engel tragen einen Sarg und legen das tote Hannele selbst hinein. Einige dieser Traumgestalten sind uns vorher als lebendige Menschen bekannt geworden. Der Waldarbeiter Seidel, der das Kind aus dem Wasser zog, die halb vertierten, aber zum Teil doch gutmütigen Armenhäusler, die Diakonissin, die vom fiebernden Hannele mit ihrer toten Mutter verwechselt wird, der Lehrer, den sie für den Erlöser hält – sie alle haben wir leibhaftig vorher gesehen und sehen sie dann in Hanneles Träumen wieder. Wir nahmen sie zuerst mit unseren eigenen klaren Sinnen wahr und müssen sie dann mit dem verwirrten Sinn eines anderen Wesens wahrnehmen.

Manchmal geht Hanneles wechselndem Fieberzustand gemäß das Wirkliche jählings in die Einbildung über. Schwester Martha war eben noch eine reale Person, und schon ist sie ein verklärtes Traumbild, verquickt mit Hanneles Mutter. Diese Schwester Martha, die dem Krankenbett am nächsten steht, wirkt wie eine Vermittlerin zwischen den Fieberphantasien der Sterbenden und der lebendigen Außenwelt. Mit welcher Meisterschaft vom Dichter durch sie unmittelbar auf das Visionäre hingedeutet wird, hat zuerst Otto Pniower sehr fein bemerkt (»Dichtungen und Dichter«, Berlin, S. Fischer, S. 355).

So wenig das frommgläubige Hannele mit seiner Himmelssehnsucht eine Rationalistin ist, so wenig wäre dieses kleine Dichtergenie, das vom Himmel her so wunderschöne Verse hört, Anhängerin des sogenannten Naturalismus. Ihr Herzchen schlug höher, wenn die erhobene Stimme des Pfarrherrn den Segen sprach, wenn ein Choral erklang, wenn sie beim Lehrer Gottwald biblische Geschichte hatte, wenn ihr die Mutter ein Märchen erzählte. Schneewittchens gläserner Sarg, Aschenbrödels gläserne Pantoffelchen begleiten sie schützend und schmückend in ihren Himmel. Gemischt mit jenen feierlichen Tönen, ist es dieser naiv getragene Ton der Märchenerzählerin, den sie aus ihren Traumbildern wiederhört. Diesen Ton hat die Schauspielkunst zu finden und zu treffen. Es ist ein Ton der Dämmerung. Man möchte an »die blauen Blitze der Nacht« denken, von denen Hanneles selige Mutter raunt. Im Wiener Burgtheater traf Josef Lewinsky als spukhaftes, buckliges buckelndes Dorfschneiderlein diesen Ton. Und auf der Berliner Hofbühne, der dieses Wunderwerk nur allzu rasch entwunden ward, wurde das Verschwommene schaurig schön getroffen durch die leidtragenden Dorfweiber, die auf stillen Sohlen schattenhaft ineinander huschend und mit tonloser Schärfe flüsternd Hanneles Lager umschwirrten. Ist auf diesen Ton einmal das Ganze gestimmt, so läßt sich aus jedem einzelnen eine volle Gestalt schaffen. Am wichtigsten ist für die Bühnendarstellung neben Hannele selbst ihr vergötterter Lehrer, der Weib und Kinder hat, der von des fremden Kindes stiller Schwärmerei nicht das mindeste ahnt, der bei aller seiner Menschenfreundlichkeit doch nicht opferfähig genug ist, das sterbende Stückchen Elend in der eigenen Wohnung zu bergen, sondern es von dort ins Armenhaus trägt. Nur in ihrem Traum erscheint er als Hauptleidtragender, der Hanneles keusche Neigung zart erwidert, und als Ministrant beim Begräbnis, der den Schulkindern die Seite des Gesangbuchs angibt, worauf der Text des Grabliedes steht. Dann, tritt er, wieder nur im Traum, schon halb verwandelt, als Mahner und Warner ihrem bösen Stiefvater machtvoll entgegen. Zuletzt erweckt er das Hannele von den Toten, wie Jesus Christus des Jairi Töchterlein, und öffnet ihr in Heilandsgestalt mit Mutterchens Himmelsschlüsselblume den herrlichsten Himmel, gütig bedeutend, wundervoll redend. Und nun Hannele selbst! Um diese Gestalt schauspielerisch ganz zu verderben, dazu gehört schon ein vollgemessenes Maß von Talentlosigkeit; um ihr ganzes Innere zu zeigen, dazu bedarf es einer dem Dichter und gerade diesem Dichter kongenialen Naturkraft, die kindhaftes, tiefes, phantasievolles Empfinden mit vollendeter künstlerischer Reife und auch mit Humor vereinigt.

Unter den ersten, die vom Dichter selbst das wundersame Traumstück hörten, befand sich der damalige Chef der königlichen Bühnen in Berlin, Graf Hochberg, des Dichters engster Landsmann. Er stand sofort im Bann dieser heimatlichen Poesie. Es war für ihn kein Zweifel, daß dieser Poesie die Bühne bereitstehen müsse. Und am 14. November 1893, am Abend vor Hauptmanns 31. Geburtstag, ward »Hannele« im königlichen Schauspielhause in Berlin zum erstenmal auf eine Bühne getragen. Erst jetzt mußte Graf Hochberg erkennen, wie verschieden über das Werk geurteilt werden konnte. Wie hat man um dieses Kind gezankt und gezetert! Die Frömmler wollten es den Sozialdemokraten, die Sozialdemokraten den Frömmlern unterschieben. Die einen ärgerte aufwiegelnde Kritik sozialer Zustände, die anderen ärgerte »Mystizismus« und »Kirchlichkeit«. Sogar hygienische Gründe wurden ins Feld gerückt; weil der Gestalt des stummen Todes einige überreizte Frauennerven nicht standhielten, verleugnete man die sonstige Gegnerschaft gegen Theaterzensur und rief schlankweg nach der Polizei. An das Ohr des Monarchen drängten sich Flüsterstimmen, die von Gotteslästerung raunten, weil sich dem kleinen Hannele das Bild des angebeteten Schulmeisters mit dem Bilde des Heilands im Fieberwahn verwebt. Der Hof- und Garnisonprediger Emil Frommel soll eigens ins königliche Schauspielhaus entsandt worden sein, um über den blasphemischen Charakter des Stückes ein vertrauliches Gutachten abzugeben. Aber man war bei der Wahl des Begutachters an den Unrechten gekommen, denn man war an einen Dichter gekommen. Frommel ging tief ergriffen und poetisch gehoben aus der Vorstellung, die er noch einigemal mit steigender Liebe für das arme Hannele besucht haben soll. Vom Angstschrei dieser gequälten Kreatur schien man, wie vorher von den »Webern«, ein tausendfaches Echo in den Scharen der sozial Unzufriedenen zu befürchten, während umgekehrt Nicolais geistige Nachkommenschaft den Dichter einen Frömmler schalt, der uns ins finstere Mittelalter zurückführen wolle. Wenn Hauptmanns Traumstück etwas mit dem »Umsturz« zu tun hat, so ist ein »Umstürzler« nicht der Dichter, sondern höchstens der Maurer Mattern, der sein Stiefkind prügelt, weil es ihm nicht das nötige Kleingeld für Schnaps erbettelt hat. Und wenn jemand im Stück ein wundergläubiger Christ ist, so ist es nicht der Dichter, sondern das arme Hannele selbst.

Wie der fromme alte Weber Hilse in Langenbielau, der auch sein Weltweh nur aus Himmelssehnsucht trug, kommt das kleine Hannele von den pietistischen Gärten Schlesiens her. Die Armenhäusler, die Hanneles Sterbelager umlärmen und umlungern, reden den Dialekt der schlesischen Berge. Aber das Schlesiertum liegt nicht bloß im Armeleutedialekt. Wie tief schlesische Volksart in diese Dichtung versenkt ist, hat vor allen andern der Schlesier Gustav Freytag erkannt, der ein Jahr vor seinem Tod die Traumdichtung des jungen Stammesgenossen besprach. Freytag rühmte die Bühnenkenntnis, mit der Hauptmann hier »etwas geschaffen hat, was nur ein echter Dichter, vielleicht nur einer aus dem Regierungsbezirke des Berggeistes Rübezahl ersinnen konnte.« Während sich ein Teil der Tagespresse über den »naturalistischen« Anfang ebenso erboste, wie über das »symbolistisch-mystische« Ende des Stücks, sah in Übereinstimmung auch mit Spielhagen der alte, die poetischen Mittel des Kontrastes genau kennende Verfasser einer »Technik des Dramas«, daß »erst auf der Grundlage der gemeinen, harten Wirklichkeit des Daseins, des Kampfes mit der Not, der Schwäche und sittlichen Verderbnis die Poesie des idealen Inhalts, welchen frommer Glaube dem Kinde des Volks zuteilt, verständlich und ergreifend wird.«

»Hanneles Himmelfahrt« ist ein Ergebnis des Aufenthalts, den Gerhart Hauptmann seit 1891 wieder in Schlesien genommen hatte. Hier traten dem gereiften Dichter heimatliche Kindeseindrücke mit gesteigerter und gereinigter Kraft wiederum vor die Seele. Wer bei dem lang gestreckten, am Fuß einer hügelan steigenden, bewaldeten Wiese gelegenen Bauernhause, das damals Carl und Gerhart Hauptmann mit ihren schwesterlichen Frauen noch gemeinsam bewohnten, vorüber ins meilenweit hingelagerte Dorf Schreiberhau wandert, kann auf der Landstraße den Armenhäuslern begegnen, dem stottrigen, schlottrigen Vater Pleschke, der fromm gewordenen Zuchthäuslerin Tulpe, der Straßendirne Hete, die noch nicht Betschwester geworden ist, dem Flegel Hanke; auch wohl dem Maurer Mattern, der im Stück nur Schreckgespenst des Traums ist. Am Verkehr mit Volk und Natur hat sich auch hier des Dichters Kunst gestärkt. Auch diese Dichtung wurzelt im Weh der Erde. Doch ihren Scheitel krönt Himmelslicht.

Dieses aus Lust und Schmerz gefügte Werk widmete der Dichter der Frau Marie Hauptmann gebornen Thienemann mit Worten, auf denen Abschiedsstimmung liegt.

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