Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hugo von Hofmannsthal >

Gerechtigkeit

Hugo von Hofmannsthal: Gerechtigkeit - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleErzählungen
authorHugo von Hofmannsthal
year1988
publisherS. Fischer Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-10-331503-1
titleGerechtigkeit
pages22-25
created20001110
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Hugo von Hofmannsthal

Gerechtigkeit

Ich saß mitten im Garten. Vor mir lief der Kiesweg zwischen zwei blaßgrünen Wiesen aufwärts, bis wo der Hügel abbrach und sich der dunkelgrün gestrichene Lattenzaun scharf in den hellen Frühlingshimmel hineinzeichnete. Wo der Weg aufhörte, hatte der Zaun eine kleine Tür. in der dünnen durchsichtigen Luft schwebten Bienen zwischen den rosenroten über und über blühenden Pfirsichbäumen hin und her. Da knarrte oben das Lattentürchen und zuerst sprang ein Hund in den Garten, ein großes hochbeiniges zierliches Windspiel. Hinter dem Hund trat, das Türchen hinter sich zudrückend, ein Engel ein, ein junger blonder schlanker Engel, einer von den schlanken Pagen Gottes. Er trug Schnabelschuhe, an der Seite hing ihm ein langer Stoßdegen und im Gürtel ein Dolch. Brust und Schultern deckte ein feiner stahlblauer Panzer, auf dem spielte die Sonne, und weise Blüten fielen auf sein dichtes langes goldblondes Haar. So ging er den Kiesweg herunter, die feine schmächtige Gestalt im enganschließenden smaragdgrünen Wams, die Ärmel von der Schulter bis zum Ellbogen gepufft, von da an eng bis über die Knöchel der hübschen Hände. Er ging langsam, zierlich, die linke Hand spielte mit dem Griff des Dolches; der Hund sprang neben des Herren Weg im Grase her, von Zeit zu Zeit mit Liebe zu ihm aufschauend. Jetzt war er kaum mehr so weit, wie ein fünfjähriges Kind den Ball wirft.

»Wird er mich ansprechen, wenn er herkommt?«

In der Wiese spielte das kleine Kind des Gärtners mit abgefallenen Blüten. Es wackelte jetzt auf den Engel zu und schaute ihm auf die Füße. »Schöne Schuh hast du, sehr schöne!« sagte es. »Ja«, sagte der Engel, »freilich, die sind vom Mantel der Mutter Gottes.«

Jetzt sah ich: die Schuhe waren aus Goldstoff und irgendwelche rote Blumen oder Früchte eingewebt. »Der heilige Apostel Petrus lief einmal der Mutter Gottes nach«, sagte der Engel zu dem Kind, »weil er ihr etwas zu sagen hatte und sie hörte ihn nicht rufen und blieb nicht stehen. Und da lief er ihr nach und trat ihr in seiner Hast ein Stück vom nachschleppenden Mantel ab. Da wurde der Mantel weggelegt und für uns auf Schuh verschnitten.« »Sehr schön sind die Schuh!« sagte das Kind noch einmal. Dann ging der Engel weiter, den Kiesweg weiter, der ihn an meiner Bank vorbeiführen mußte. Eine unsägliche Gehobenheit kam über mich bei dem Gedanken, daß er auch zu mir reden würde. Denn auf den einfachen Worten, die über seine Lippen sprangen, lag ein Glanz, als dächte er dabei an ganz etwas anderes, dächte verschwiegen und mit unterdrücktem Jubel an paradiesische Glückseligkeiten. Da stand er vor mir. Ich nahm grüßend den Hut ab und erhob mich. Als ich aufsah, erschrak ich über den Ausdruck seines Gesichts. Es war von wundervoller Feinheit und Schönheit der Züge, aber die dunkelblauen Augen blickten finster, fast drohend, und das goldene Haar hatte nichts Lebendiges, sondern gab ein unheimliches metallisches Blinken. Neben ihm stand der Hund, ein Vorderbein zierlich gehoben, und schaute mich auch mit aufmerksamen Augen an.

»Bist du ein Gerechter?« fragte der Engel streng. Der Ton war hochmütig, fast verächtlich. Ich versuchte zu lächeln: »Ich bin nicht schlimm. Ich habe viele Menschen gern. Es gibt so viele hübsche Dinge.« »Bist du gerecht?« fragte der Engel wieder. Es war, als hätte er meine Rede vollkommen überhört; in seinen Worten war ein Schatten von der herrischen Ungeduld, wie wenn man einem Diener einen Befehl wiederholt, weil er nicht gleich verstanden hat. Mit der rechten Hand zog er den Dolch ein klein wenig aus der Scheide. Ich wurde ängstlich; ich versuchte ihn zu begreifen, aber es gelang mir nicht; mein Denken erlosch, unfähig den lebendigen Sinn des Wortes zu erfassen; vor meinem inneren Auge stand eine leere Wand; qualvoll vergeblich suchte ich mich zu besinnen. »Ich habe so wenig vom Leben ergriffen«, brachte ich endlich hervor, »aber manchmal durchweht mich eine starke Liebe und da ist mir nichts fremd. Und sicherlich bin ich dann gerecht: denn mir ist dann, als könnte ich alles begreifen, wie die Erde rauschende Bäume herauftreibt und wie die Sterne im Raum hängen und kreisen, von allem das tiefste Wesen, und alle Regungen der Menschen . . .«

Ich stockte unter seinem verächtlichen Blick, ein solches vernichtendes Bewußtsein meiner Unzulänglichkeit überkam mich, daß ich fühlte, wie ich vor Scham errötete. Der Blick sagte deutlich: »Was für ein widerwärtiger hohler Schwätzer!« Nicht eine Spur von Entgegenkommen oder Mitleid lag darin.

Ein hochmütiges Lächeln verzog seine schmalen Lippen. Er wandte sich zum Gehen. »Gerechtigkeit ist alles«, sagte er; »Gerechtigkeit ist das Erste, Gerechtigkeit ist das Letzte. Wer das nicht begreift, wird sterben.« Damit kehrte er mir den Rücken und ging mit elastischen Schritten den Weg nach abwärts; wurde unsichtbar hinter der Geißblattlaube, tauchte dann wieder auf und stieg endlich die Steintreppe hinunter; ruckweise verschwindend, erst die schlanken Beine bis zum Knie, dann die Hüften, endlich die dunkelgepanzerten Schultern, das goldene Haar und das smaragdgrüne Barett. Hinter ihm lief der Hund, zeichnete sich am obersten Stiegenabsatz in zierlich-scharfen Konturen ab und sprang dann mit einem Satz ins Unsichtbare.








TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.