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George Gordon Noël Byron: George Byron - Kapitel 18
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Sechzehnter Gesang.

1.

Die Perser lehrten drei gar feine Dinge:
Den Bogen spannen, reiten, wahrhaft sein. Xenophon, Cyrop.
Schon Cyrus lehrte, was ich hier besinge,
Und unsre Jugend läuft ihm hinten drein.
Zwei Stränge hat ihr Bogen, nicht geringe:
Sie reiten Pferde über Stock und Stein,
Den langen Bogen spannen sie famos –
Im Wahrheitsprechen sind sie nicht so groß.

 

2.

Der Grund von dem Effect, vielmehr »Defecte« –
Denn der defecte Effect hat 'nen Grund, Hamlet, II. Act, 2. Scene.
Steckt allzu tief, als daß ich ihn entdeckte;
Doch thu' ich hier zu meinem Lobe kund,
Daß von den Musen, die ich je verschmeckte,
Ob nun beträchtlich oder klein ihr Pfund,
Die meinige war unbestritten die,
Die offenherzig stets in Poesie.

 

3.

Und da sie Alles anfaßt, ohn' zu weichen
Vor einem Ding, ist dieses Epos voll
Der seltensten Idee'n aus allen Reichen,
Die man vergebens sonst wo suchen soll.
Zwar pflegt' ich Bitt'res in mein Süß zu streichen,
Doch so gering, daß es nur leichter Zoll,
In Anbetracht, daß ich hier sing' gewiß
De rebus cunctis et quibusdam aliis.

 

4.

Doch keine Wahrheit, die ich jemals sagte,
Ist's mehr als die, die ich nun sagen will:
Ich sagte, daß ich mich an Geister wagte –
Gewiß! Ich schicke Niemand in' April.
Habt ihr gesehn, was an den Grenzen tagte,
Wo einst die Erdenkinder ruhen still? –
Ich schlage kühn die Zweifler jetzt auf's Haupt,
Wie Colon die, die nicht an ihn geglaubt.

 

5.

Man will durch große Männer imponiren,
Durch Monmouth's, Geoffry's und Turpins' Entscheid,
Weil, wenn es gilt ein Wunder zu fixiren,
Ein Jeder dieser von Geschichte schreit;
Doch hier darf Augustin allein regieren,
Denn er heißt glauben an Unmöglichkeit,
Weil's nun einmal so sei. Mit diesem Wort
Jagt er die Nager, Schmierer, Witzler fort.

 

6.

Drum, Sterbliche, laßt alles weitre Schwanken!
Glaubt, denn ihr müßt, was unwahrscheinlich ist;
Und ist's unmöglich, sollt ihr! Fort mit Zanken!
Am besten ist, man glaubt als guter Christ,
Ich meine nicht die heiligen Gedanken,
Die uns verkündet der Evangelist
Und die nur Wurzel fassen um so mehr,
Wie jede Wahrheit, der man macht Beschwer.

 

7.

Ich will hier nur, was Johnson sagte, sagen:
Daß in dem Laufe von sechstausend Jahr
Die Völker all sich mit dem Wahn getragen:
Zuweilen steige Einer aus der Bahr';
Und was den Weisen muß am meisten plagen,
Wie auch Vernunft empört dagegen war:
Es spricht für diesen Glauben immer noch
Ein Stärkeres in uns. Wer läugnet's doch? –

 

8.

– Diner und Abendkreis war überstanden,
Souper und Frau'n bewundert nach Gebühr,
Die Zecher kamen nach und nach abhanden,
Tanz und Gesang verstummten für und für,
Die letzten dünnen Röckchen, sie verschwanden
Wie zarte Wölkchen in der Himmelsthür',
Nichts Helles leuchtete jetzt mehr im Saal,
Als ein Paar Kerzen und des Mondes Strahl.

 

9.

Von heitrem Tag die letzte Abendstunde
Ist sie nicht wie das letzte Moëtglas?
Das keinen Schaum mehr bietet unsrem Munde!
Wie ein System, an dem ein Zweifel fraß,
Wie eine Sodaflasch', die auf dem Hunde,
Wo Kohlensäure schon zum Satanas,
Wie eine Welle, die der Sturm verließ,
In die kein Lüftchen mehr von oben blies.

 

10.

Auch wie ein Opiat, das schlechte Ruhe,
Oft keine bringt, wie – nichts das mir bekannt!
So ist es auch mit unsres Herzens Truhe:
Sie, mag wol ähneln manchem werthen Pfand,
Doch gleicht sie Nichts. – So weiß man, was man thue.
Jetzt nicht mehr ob das purpurne Gewand
Durch Schellfisch ward gefärbt, durch Cochenill'. Man streitet sich noch, ob der Tyrische Purpur aus einem Schellfisch, aus der Cochenille oder aus der Scharlachbeere gewonnen wurde; auch darüber, ob seine Farbe Purpur oder Scharlach war.
Tyrann und Purpur fahr', wohin er will!

 

11.

Doch fast wie's Anziehn für Concert und Bälle,
Ist's Ausziehn hart; und unser Schlafrock mag
Wie Neffus' sitzen, und nicht ambrahelle,
Nein! schwarze Träume fördern oft zu Tag.
»Der Tag ist hin!« rief Titus, »wie die Welle.«
Ich wünschte wol, daß Jeder offen sag',
Wie viele Tag' und Nächte er gewann.
(Ich hatte ein'ge, die ich rühmen kann.)

 

12.

Als Don Juan sich zur Ruhe heimbegeben,
Fühlt er sich ruhelos, verwirrt, gequält;
Aurora's Auge schien ein Glanz zu heben,
Den Adeline weislich ihm verhehlt.
Wenn er gewußt, woher sein eignes Beben,
Hätt' durch Philosophie er sich gestählt.
Sie hilft für viel, doch fehlt uns ihre Spur,
Wenn sie uns Noth; drum seufzte Don Juan nur.

 

13.

Er seufzte nur! Der Vollmond ist die Stelle,
Vor der man alle Seufzer niederlegt.
Zum Glücke schien der Keusche g'rad so helle,
Als er zu thun in diesem Klima pflegt,
Und Don Juans Herz hob just die rechte Welle,
Um ihn: »O du!« zu grüßen höchst erregt
Dies »Duthum« des verliebten »Ichthums« heißt,
Was zu erklären, man nicht braucht viel Geist.

 

14.

Doch Liebender, Poet und Astronome,
Hirt, Bauer, Jäger – wer empor nur schaut,
Versinkt mit Lust in diesem Lichtphantome
Und holt daher Gedanken, groß und traut;
(Auch 'ne Erkältung in dem luft'gen Strome)
Man deckt ihm auf, was unser Innres braut;
Es lenkt die Flut, den Geist und selbst das Herz,
So sagt das Lied, vielleicht jedoch aus Scherz.

 

15.

Don Juan, gedankenvoll, war mehr zu träumen,
Als einzuschlafen jetzo aufgelegt;
In des Gemaches hochgeschweiften Räumen
Brach sich das Rauschen, das den See bewegt';
Die Mitternacht schien sich empor zu bäumen
An jener Weide, die sein Fenster regt';
Da stand er nun und sah zum Wasserfall,
Der blitzt und dunkelt von des Mondes Ball.

 

16.

Auf seinem Tisch – auf seiner Toilette –
'S ist nicht gewiß, wo es von beiden war
(Wenn es sich handelt um Beweis und Wette,
Muß man genau, subtil sein auf ein Haar),
Stand eine Lampe, trüb wie in der Mette,
Er stand an einem gothischen Pilar;
Steinornamente und gemaltes Glas
Erhoben noch der Halle Ebenmaß.

 

17.

Die Nacht war kühl, doch prächtig mondeshelle;
Er öffnete die Zimmerthür' und trat
In einen Gang, der düster sah und grelle,
Viel alte Bilder waren sein Zierath:
Der tapfre Ritter und die Demoiselle,
Der hohen Abkunft ächtes Resultat.
Doch Todtenbilder in so mattem Licht,
Sie zeigen stets ein geisterhaft Gesicht.

 

18.

Die wilden Recken und die Heil'gen alle,
Sie schaun wie lebend in dem Mond herab;
Und höret ihr auf eurer Tritte Schalle,
So klingt's wie Stimmen aus dem tiefen Grab;
Die Schatten steigen von der Wand der Halle,
Woselbst ein Rahmen fesselnd sie umgab,
Als fragten sie, warum ihr hier noch wacht,
Wo Todte nur lebendig in der Nacht.

 

19.

Das bleiche Lächeln längst begrabner Schönen,
Der Reiz von Eh'dem glänzt im Sternenlicht,
Die steifen Locken auf der Leinwand höhnen,
Die Augen leuchten wie im Traumgesicht,
Wie Glimmer, die die Höhle selbst verschönen,
Aus diesen Blicken starrt ein letzt Gericht. –
Ein Bild ist's Einst: eh' man es rahmet ein,
Hat, der ihm saß, schon aufgehört zu sein.

 

20.

Don Juan gedachte alter Herrlichkeiten
Und der Geliebten – 's kommt auf Eins heraus –
Er hörte nur die eignen Schritte gleiten
Und seine Seufzer durch das alte Haus.
Da plötzlich schien ganz nahe ihm zu schreiten
Ein höher Wesen – oder eine Maus,
Die oft durch ihr Geknister uns erregt,
Wenn nagend die Tapeten sie bewegt.

 

21.

'S war keine Maus, was von dem Mond beschienen!
Ein Mönch vielmehr mit Kutt' und Rosenkranz,
Er schwand im Schatten hin mit Geistermienen,
Mit Schritten schwer, doch unerlauschbar ganz,
Leis' wehten die Gewänder wie Gardinen,
Den Parzen glich der finstere Popanz,
Doch als vorbei er kam an Don Juan,
Sah er ihn groß mit hellen Augen an.

 

22.

Don Juan stand starr! Wol hatt' er sagen hören,
Daß es oft spuke in dem langen Gang,
Doch dachte er, und ließ sich drum nicht stören,
Es sei ein Märchen, wie es oft im Schwang
An solchem Ort, um Narren zu bethören,
Die gerne sich mit Geistern machen bang,
Die doch so selten, wie die wahre Kunst –
Sah er das wirklich oder war's ein Dunst?

 

23.

Ein – zwei Mal – drei Mal schwebte hin und wieder
Dies ird'sche überird'sche Ding vorbei,
Don Juan fuhr's eiskalt durch die starren Glieder,
Nicht Sprache noch Bewegung war mehr frei,
Wie eine Bildsäul' stand er vor der Hyder,
Sein Haar erhub sich steif wie ein Geweih,
Er wollte fragen, was der Pater woll',
Doch nicht ein Laut von seiner Lippe quoll.

 

24.

Zum dritten Mal nach einer längern Pause
Kam nun der Schatten und verschwand – wohin?
Der Gang war lang, er konnte drum im Hause
Auf ganz natürliche Manier entfliehn.
Viel Thüren gab's, durch die ganz ohn' Gesause
Die größten Körper konnten weiter ziehn;
Doch Don Juan war's durchaus nicht offenbar,
Durch welche wol der Geist verdunstet war.

 

25.

Er stand, wie lange wußt' er nicht, es däuchte
Ein Menschenalter ihm, erwartungsvoll
Das Aug' dahin gespannt, wo der Verscheuchte
Zuerst erschien, bis wieder Kraft ihm quoll.
Gern glaubte er, daß er im Traume keuchte,
Doch er erwachte nicht, es war zu toll!
Nur zu sehr war er wach, und endlich kehrt
Er in sein Schlafgemach, ganz aufgezehrt.

 

26.

Dort war noch Alles wie er's ließ: es brannte
Die Kerze, und nicht blau wie sonst sie sind,
Wenn sie ein Geist begrüßet als Bekannte.
Er rieb die Augen sich, er war nicht blind;
Er griff zur Morningpost, der Plapper-Tante!
Sie las sich leicht und flüchtig wie der Wind.
Erst las er, wie den König man griff an,
Ein Loblied auf 'ne neue Wichse dann.

 

27.

Das roch nach dieser Welt! Doch seine Hände
Erbebten noch, bis er die Thüre schloß;
Dann las er über dieses Reiches Stände
Und ging zu Bette, etwas kräftelos.
Hier lag er still und starrte auf die Wände
Und sank zuletzt der Phantasie in' Schooß,
Und war die auch kein Opiat, so griff
Allmählich ihn der Schlummer an – er schlief.

 

28.

Früh' wacht' er auf und sann – man kann sich's denken –
Tief über die Erscheinung nach der Nacht,
Ob er sie nicht in Dunkel sollt' versenken,
Damit man nicht am Ende ihn verlacht'.
Das Sinnen mocht' ihm ein'ge Ruhe schenken;
Nun klopfte ihm sein Kammerdiener sacht',
Um ihm zu sagen mit Genauigkeit,
Es sei zum Anziehn nun die höchste Zeit.

 

29.

Er zog sich an. Er war wie junge Leute,
Sich Müh' damit zu geben sonst gewöhnt,
Doch wenig Zeit verwandt' er darauf heute,
Dem Spiegel ward noch weniger gefröhnt,
Die Locken fielen ringsum wie zerstreute,
Die Kleider hingen, die ihn sonst verschönt,
Des Halstuch's gord'scher Knoten ward sogar
Heut' schief gebunden um ein ganzes Haar.

 

30.

Als er hierauf in den Salon gekommen.
Setzt' er in tiefem Sinnen sich zum Thee,
Den er vielleicht nicht einmal wahrgenommen,
Wenn er nicht, glühend heiß, gethan so weh',
Daß er zum Löffel griff zu bess'rem Frommen:
So daß ein Jeder kam auf die Idee,
Und Adelin' zuerst, hier sei Etwas
Geschehn, nur wußte sie durchaus nicht was.

 

31.

Sie schaute hin, gewahrte seine Blässe,
Ward selbst nun blaß und senkte rasch den Blick,
Sie murmelte, als ob sie etwas presse.
Lord Henry fand das Butterbrod nicht dick,
Mit ihrem Schleier spielte die Duchesse,
Sah scharf nach unsrem Don Juan hin und schwieg,
Aurora aber schaute staunend, stumm
Nach dieser unerklärten Scene um.

 

32.

Als Adelin' die allgemeine Kühle
Und die Verwund'rung ihrer Freunde sah,
Frug Don Juan sie, ob er sich unwohl fühle?
Er fuhr zusammen, sagte: »Nein – doch – ja!«
Der Hausarzt unterbrach nunmehr die Schwüle,
Ein tücht'ger Arzt, der heute gleichfalls da,
Und bot sich an, zu fühlen Puls und Blut,
Doch Don Juan rief: »Es sei ihm nun ganz gut.«

 

33.

»Ganz gut – ja – nein« – das waren Widersprüche.
Doch Beides lag in des Gesichtes Zug,
So sehr's auch schmeckte nach der Hexenküche.
Durch eine Pein, die er in Wahrheit trug,
Kam heut' sein Geist ein wenig in die Brüche,
Doch da er aus des Arztes Hilfe schlug
Und nicht recht wollte, was ihm war, gestehn,
So mocht's ihm auch nicht gar so übel gehn.

 

34.

Lord Henry, der verzehrt die Chocolade,
Sowie die Semmel, die ihm nicht behagt,
Bemerkte, Don Juan blicke nicht gerade
Und frei wie sonst, als ob ihn etwas plagt';
Dann schenkte er der Herzogin die Gnade,
Die, um das Wohlsein des Gemahls befragt,
Zur Antwort gab: Der gnäd'ge Herzog sei
Just heimgesucht von gicht'scher Stichelei.

 

35.

Dann wandte Henry sich zu Don Juan wieder
Und richtete an ihn ein warmes Wort:
»Sie sehen aus, als ob die Ruh' der Lider
Der schwarze Mönch mit sich genommen fort.«
Der Mönch? rief Don Juan, und des Schreckens Hyder
Warf ihn von Neuem beinah' über Bord.
Er that sein Best's, um sorgenlos zu sein,
Doch nur noch blässer ward der Wange Schein.

 

36.

»Sie hörten nie vom Geiste dieser Mauern,
Vom schwarzen Mönche?« – Nein, wahrhaftig nicht! –
»Die Sage – nun, sie lügt oft zum Bedauern,
Erzählt von einem seltsamen Gesicht;
Doch scheint der Geist sich selber nun zu schauern,
Vielleicht den Alten schien ein besser Licht,
Kurzum, man hatte in der letzten Zeit
Ihn nicht mehr oft zu sehn Gelegenheit.«

 

37.

»Zuletzt da« – Bitte, sagte Adeline,
(Die Don Juan's Farbe plötzlich wechseln sah
Und schloß aus seiner höchst betroffnen Miene,
Daß er der Sage furchtbar stehe nah')
Das ist das alte Lied von der Cousine,
Zum Scherzen ist wol noch was Bess'res da;
Zu oft schon hörten hier wir dies Gedicht,
Durch Wiederholung wird es schöner nicht.

 

38.

»Scherz?« sprach Mylord, nun du wirst doch noch wissen,
Daß wir, es war in unsrem Honigmond« –
Still! still! das können unsre Gäste missen,
Doch mit dem Liedchen sei'n sie nicht verschont! –
Anmuthig und vom Feuer hingerissen,
Griff sie zur Harfe, die sie sanft betont,
Dann spielte sie die Arie wunderbar:
»Ein Mönch einstmals vom grauen Orden war.«

 

39.

»Sing auch die Worte, die du selbst gespendet,
Denn Adeline ist halb Dichterin,«
Sprach lächelnd er zu jenen hingewendet:
Natürlich konnten sie nun nicht umhin,
Wie von so viel Talenten ganz geblendet,
Den Wunsch zu äußern, der natürlich schien,
Drei Künste hier vereint vor sich zu schaun:
Spiel, Lied, Gesang! Die Krone war's der Frau'n!!

 

40.

Nach ein'gem Zaudern, das nur mehr noch spannte,
Denn dieser Reiz scheint nun einmal entstammt
Der Heuchelei, die klug ihn darein bannte,
Pflog Adeline, von dem Lied entflammt,
Indeß ihr Blick heiß in den Boden brannte,
Mit süßer Stimme ihr Sirenenamt,
Und sang höchst einfach – was nicht wen'ger werth.
Weil man damit so selten wird beehrt.

 

(1.).

Nimm vor dem Schwarzmönch dich in Acht
Auf dem Normannenstein,
Er murrt die Mess' um Mitternacht,
Gebet gleich hintendrein;
Als Admundville, der Hügellord.
Die Kirche nahm vom Fleck,
Und austrieb alle Brüder dort,
Ging Einer nicht hinweg.

 

(2.).

Es kehrt' der Lord mit Königsrecht
Die Kirche in ein Lehn,
Mit Schwert und Feuer spaßt' er schlecht,
Als sie nicht wollten gehn.
Doch dieser Mönch blieb unverjagt,
Er schien kein Ding von Thon,
Man sieht ihn nächtlich wenn er klagt,
Doch Tags flieht er davon.

 

(3.).

Und ob er's gut meint oder schlecht,
Hat Niemand 'raus gebracht,
Doch bei der Admundville Geschlecht
Verweilt er Tag und Nacht.
Man sagt, er schweb' um's Hochzeitbett,
So oft die Brautnacht scheint,
Er kommt auch an ihr Todtenbett,
Doch ohne daß er weint.

 

(4.).

Gibt's einen Erben, klagt er laut,
Doch trifft Etwas das Haus,
Dann fährt wie eine Windesbraut
Er durch die Hall' voll Graus.
Sein Leib ist klar, nicht sein Gesicht,
Das hüllt Kaputze ein,
Doch durch die Falten glänzt das Licht
Des Aug's mit Geisterschein.

 

(5.).

Nimm vor dem Schwarzmönch dich in Acht,
Er herrscht noch immerdar,
Er ist der Erb' der Kirchenpracht,
Wer immer Lehnsherr war.
Ja, Admundville ist Herr bei Tag,
Der Mönch ist Herr bei Nacht,
Kein Wein den Knecht bestimmen mag,
Daß er sein Recht veracht'.

 

(6.).

Sag' nichts zu ihm, siehst du ihn fliehn,
Dann bleibt er stumm und grau;
Er schwebt im Leichentuch dahin,
Wie über's Gras der Thau.
Dem schwarzen Mönch nun guten Tag,
Verzeih' ihm Gott die Fehl',
Und was er immer beten mag,
Fleht ihr für seine Seel'!

 

41.

Der Lady Stimme und der Saiten Beben
Sie starben hin, und Stille ward's im Kreis,
Wie immerdar, wenn Töne nun entschweben,
Die uns gerührt, durchdrungen tief und heiß. –
Dann wollte Jeder seinen Beifall geben,
Man rühmte rings bald laut bald höflich leis
Die Stimme, das Gefühl, das feine Spiel,
Daß fast die Holde in Verwirrung fiel.

 

42.

Die schöne Adeline that zwar gerne,
Als pflege sie ihr wirkliches Talent
Nur nebenbei, und weil es just moderne,
Um todtzuschlagen einen Gähnmoment,
Doch hie und da ließ leuchten sie die Sterne,
Und that sie gleich als ganz indifferent,
So war sie doch von Ehrgeiz fast verzehrt,
Wenn sie erkannte, daß der Müh' es werth.

 

43.

Dies war – Verzeihung sei von uns erbeten,
Daß wir pedantisch fühlen auf den Zahn –
Auf Plato's Stolz mit größ'rem Stolz getreten,
Wie einst der große Cyniker gethan,
Als er gehofft, den Weisen mitzukneten,
Damit er würd' ein kalekut'scher Hahn,
Ob eines Teppich's! Ich glaube, es war ein Teppich, auf den Diogenes mit den Worten trat: So trete ich auf dem Stolze Plato's! worauf dieser erwiderte: Mit noch größerem Stolz. Da aber Teppiche dazu da sind, daß man auf sie tritt, so mag ich mich täuschen und es war vielleicht ein Kleid, ein Tafeltuch oder Vorhang, oder sonst ein kostbares, uncynisches Möbel. Doch die att'sche Bien'
Half sich geschickt durch eigne Medicin.

 

44.

So war es Adelinen manchmal eigen
– Die, wenn sie wollte, leicht erklomm den Thron,
Den Dilettanten nur mit Müh' ersteigen –
Herabzusetzen ihre Profession,
Denn dazu wird's durch allzu häufig Zeigen;
Und daß es so, weiß jeder Menschensohn,
Der einmal ward von Fräulein X. beglückt,
Als einen Kreis (die Mutter!!) sie entzückt.

 

45.

Ach diese Abende von Du- und Trio's,
Die Be- und die Verwunderung der Welt,
Die Mamma mia's und die Amor mio's,
Die Tanti palpiti, in die man fällt,
Die Lasciami, die bebenden Addio's,
In brit'schem Munde schauderhaft entstellt,
Das Tu mi chamas gar aus Portugal,
Wenn's italien'sche Trillern einmal all'!! Ich erinnere mich, daß die Bürgermeisterin eines Landstädtchens, der eine ähnliche Entfaltung ausländischer Kunst etwas zu stark war, den Beifall eines intelligenten Auditoriums in ziemlich unziemlicher Weise unterbrach. Unter intelligent meine ich nur die musikalische Seite, denn die Worte waren, abgesehen davon, daß sie einer unverständlichen Sprache angehörten (es war nämlich einige Jahre vor dem Frieden und ehe noch alle Welt reiste, ich selbst war noch auf dem Collegium) wurden durch die Vortragenden ganz entstellt. Diese Bürgermeisterin also brach in die Worte aus: Der Henker hole eure Italiener, ich lobe mir eine einfache Ballade! Rossini wird noch die meisten Leute zu einer ähnlichen Ansicht bringen. Wer hätte gedacht, daß er der Nachfolger Mozart's werden würde! Uebrigens bin ich selbst ein aufrichtiger Bewunderer der italienischen Musik im Allgemeinen und der Rossinis im Besonderen. Allein wir möchten wie der Kunstkenner im Vicar of Wakefield sagen: Das Bild würde besser sein, wenn sich der Maler mehr Mühe gegeben hätte.

 

46.

Die Lieblingssänge Babel's, jene Lieder
Des grünen Erin, grauen Hochschottland,
Die denen selbst die Heimat bringet wieder,
Die ferne schweifen an des Weltmeer's Strand,
Und die dem Bergsohn reißen durch die Glieder,
Daß er sich nahe wähnt dem Heimatland,
Das er doch nicht mehr sieht, nur ahnend schaut –
Sie waren Adelinen wohl vertraut.

 

47.

Vom Blaustrumpf trug sie eine leichte Narbe
Und machte Verse, die sie niederschrieb,
Auch Epigramme, manche dicke Garbe
Auf ihre Freunde, die sie wacker hieb;
Doch war sie fern von jener Azurfarbe,
Die unsrer Damen neu'ste Tinte blieb,
Pope war ihr noch als Dichter lieb und groß,
Und was noch mehr: sie gab das offen los.

 

48.

Aurora,– da wir den Geschmack citiren,
Der heutzutag' das Thermometer ist,
Nachdem die Charaktere sich rangiren –
War, irr' ich nicht, weit eher Shakespearist.
In jenen überirdischen Revieren
Lebt' ihre Seele schon seit langer Frist;
Sie war im Stand, Gedanken zu umfahn,
Tief, grenzenlos wie nur des Aethers Plan.

 

49.

Nicht so, die gnäd'ge – gnadenlose Holde,
Die reife Hebe, von Fitz Fulke genannt,
Ihr Geist lag nur in des Gesichtes Golde,
Dies war so reizend, wie man nur ein's fand,
Obschon man einen Zug drin schauen wollte,
Der allen Tücken sehr schien zugewandt;
Doch gibt's ja wen'ge, die nicht wo verschraubt,
Damit man sich nicht ganz im Himmel glaubt.

 

50.

Ich hörte nicht, daß sie poetisch dachte,
Obwol man sie den Bath Guide lesen sah,
Und »Hayley's Sieg« auch ihre Glut entfachte;
Sie fühlte ganz sich dessen Denken nah,
Der dort prophetisch schon in Reime brachte,
Was ihr, seitdem sie sich vermählt, geschah.
Doch die Sonette, die man ihr geweiht,
Erschienen ihr die besten weit und breit.

 

51.

Schwer war zu sagen, was wol Adelinen
Veranlaßt hatte zu dem Geistersang,
Der mit dem Spuk, der Don Juan erschienen,
Merkwürdig klappte im Zusammenhang.
Sie wollte ihn vielleicht mit Spott bedienen
Für einen Schreck, der ihn so tief durchdrang,
Vielleicht auch ihn bestärken noch darin,
Verschweigen muß ich's bis auf späterhin.

 

52.

Jedoch ihr Lied auf alle Fälle machte,
Daß Don Juan sich nun sehr zusammennahm,
Ein Opfer, das er der Gesellschaft brachte,
Wo er sich zählte zum beliebten Rahm
Und wo man strenge ob der Mode wachte,
Heiß' sie nun Mitleid oder Spott und Scham,
Und wo man tragen muß des Heuchlers Kleid,
Will man mißfallen nicht der Obrigkeit.

 

53.

Drum sammelte jetzt Don Juan seine, Geister,
Wies weitere Erklärung von der Hand,
Und ward durch Witze der Geschichte Meister;
Die Herzogin in solchen: Spiel gewandt,
Erlaubte sich Bemerkungen noch dreister;
Doch wünschte sie, man machte sie bekannt
Mit jenes Mönchs geheimnißvoller That,
Wenn Hochzeit oder Tod dem Haus genaht.

 

54.

Doch konnte man nichts Neues drüber sagen,
Die Sache schloß bei Einigen mit Scherz,
Indessen Andre, wo es eingeschlagen,
Die Tradition schwer drückte auf das Herz.
Es ward noch Vieles hin und her getragen,
Doch ob gepackt auch vor- und hinterwärts,
Blieb Don Juan doch – er galt für eingeweiht,
Obschon er schwieg – in diesem Punkt gescheidt.

 

55.

Der Mittag war bis ein Uhr nun vergangen
Und die Gesellschaft schickt' zu gehn sich an.
Der blieb jetzt da, und der wo anders hangen,
Der schien sehr früh und der sehr spät daran;
Mylords Windhunde sollten heute prangen
In einem Rennen auf famosem Plan,
Mit einem Raçepferd aus bewährtem Haus
Und dies zu sehn, ging Mancher jetzt hinaus.

 

50.

Da war ein Händler mit 'nem Tiziane,
Der garantirt war als ein Or'ginal,
Vor dem selbst Prinzen streckten ihre Fahne,
Weil sie erschreckt des Preises hohe Zahl,
Der König selbst entsagte solchem Plane,
Er achtete die Summe für zu schmal,
Die man aus seines Volkes Sack für ihn
So gütig ist alljährlich einzuziehn.

 

57.

Doch da Lord Henry stets den Kenner machte,
Den Freund der Künstler, wenn der Künste nicht,
Der Eigenthümer ihm dies Kunstwerk brachte
Aus reinem classischen Gefühl der Pflicht,
Das mehr an's Schenken als Verkaufen dachte,
War er nur selbst kein so bedürft'ger Wicht,
Doch hohe Ehr' war ihm die Gönnerschaft
Und Henry's Urtheil, das stets meisterhaft.

 

58.

Da war auch ein moderner Baukunst-Gothe,
Das heißt ein Lond'ner Backsteincomödiant;
Die graue Mauer, die den Einsturz drohte,
Sollt' er von Neuem bringen in Verband.
Der lief durch die Abtei, als ob sie lohte,
Und brachte endlich einen Plan zu Stand,
Um Altes einzureißen und im Stil
Neu aufzubauen, wie es ihm gefiel.

 

59.

Die Kosten wären ganz gering – man schätzte
Sie auf zweitausend (jenes alte Lied,
Das Manches Beutel später stark verletzte).
Ein herrlich Bauwerk, – reizend und solid,
Bezahlte glänzend, was daran man setzte,
Wobei sich noch des Lords Geschmack verrieth,
Der gothisch Werk mit englisch Geld bezahlt, Ausu Romano aere Veneto heißt die Inschrift auf den Seemauern zwischen Venedig und dem adriatischen Meere. Die Mauern waren ein Werk der Venetianer, die Inschrift ist kaiserlich und geschah durch Napoleon I. Es ist Zeit, ihm diesen Beinamen zu geben, es wird bald einen zweiten geben: spes altera mundi, wenn er nämlich am Leben bleibt. Möge er ihn nicht wie sein Vater verscherzen. Jedenfalls wird er einem Dummkopf vorzuziehen sein. Er hat ein ruhmvolles Feld vor sich, wenn er es recht zu benützen versteht.
Daß sonnig es durch alle Zeiten strahlt.

 

60.

Zwei Advocaten nagten au 'nem Pfande,
Das Henry gern für Reukauf weggebracht;
Auch ein Prozeß lag vor um Lehensbande
Und wegen Zehnten, dieser Niedertracht,
Die Religion zerfrißt mit bösem Brande
Und die selbst Squire's zu Kirchenfeinden macht.
Da war ein Preisochs, Preisschwein und ein Pflug,
Kurz, interessante Landwirthschaft genug.

 

61.

Zwei Wilderer, gefangen in der Klappe
Und zuchthausfertig waren auch noch da,
Ein Bauernmädchen mit geschlossner Kappe
Und rothem Mantel (dieser, geht mir nah',
Seit – seit – ich selbst als jugendlicher Knappe
Den Sportelholer deshalb vor mir sah)
Der rothe Mantel, wenn man kaum ihn hebt,
Zeigt, daß dahinter doppelt Leben lebt.

 

62.

Ein Räthsel ist ein Knäuel in der Flasche,
Man weiß nicht, wie er 'rein kam, wie heraus.
Ich überlass' die Lösung dieser Masche
Den Herrn, die gerne Teufel treiben aus,
Und sage nur, doch nicht als Plaudertasche.
Für eines Kirchenrathes Ohren-Schmaus:
Henry war Richter und sein Bettelvogt
Hatt' diesen zarten Wilddieb eingestockt.

 

63.

Die Friedensrichter müssen alles Unheil richten
Und nicht das Wildpret nur, auch die Moral
Beschützen vor den unverschämten Wichten,
Die ohne Jagdrecht treiben hier Scandal;
Die Händel sind am schwersten stets zu schlichten,
Gleich nach dem Zehnten und der Pachte Qual.
Dem besten Landgerichte fällt es schwer,
Die Reh' zu hüten und der Mädchen Ehr'.

 

64.

Die Sünderin mit ihren bleichen Wangen
Sah wie geschminkt, weil von Natur sie roth,
Indeß in Weiß die höhern Klassen prangen,
Zum wenigsten im frühen Morgenroth.
Sie schämte, sich, daß sie sich so vergangen,
Die Arme war geboren in dem Koth,
Drum ward sie blaß, als sie entehrt sich sah,
Denn das Erröthen ist für Höh're da.

 

65.

In ihrem Aug', das schwarz doch schalkhaft bebte.
Schwamm eine große Thräne immer neu,
Die sie bisweilen wegzuwischen strebte,
Denn nicht zur Schau trug Klage sie und Reu,
Wie manche Andre, die von Thränen lebte;
Auch fühlte sie vor der Verachtung Scheu',
Drum stand sie zitternd, wie's der Schuld gebührt,
Bis zum Verhör sie würde vorgeführt.

 

66.

Natürlich stand dies Alles nicht beisammen
Und weit entfernt vom duftenden Salon:
Die Advocaten schürten unten ihre Flammen,
Im Hof stand Preisschwein, Pflug und Wildcujon,
Der Bilderhändler und der Gothe schwammen,
Wie ein Gen'ral im Schooß der Division,
Ein Jeder im Bereiche seiner Kunst
Und im Entzücken über ihren Dunst.

 

67.

Das arme Mädchen weilte in der Halle,
Wo der Gefallnen Vogt und Kaimakan
Ein mächtig Doppelbierglas bracht' zu Falle
(Das Weißbier haßte dieser Biedermann).
Sie harrte, bis es der Justiz gefalle,
Sie vorzufordern, daß sie zeige an,
Was keine Jungfrau nennet so geschwind,
Weil's gar so hart – den Vater zu dem Kind!

 

68.

Man sieht, Lord Henry hatte viel zu schaffen;
Dazu noch kam die Hunds- und Pferdewelt,
Auch gab es viel zu richten und zu raffen,
Bis eine zweite Tafel war bestellt;
Denn Rang und Stand gebeut den Lords und Pfaffen,
Die Eigner sind von vielem Wald und Feld,
Manchmal zu geben einen großen Schmaus,
War's auch nicht ganz, was heißt ein offnes Haus.

 

69.

Doch wöchentlich, auch alle vierzehn Tage,
Könnt' ungeladen Squire und Edelmann
Bei Tisch erscheinen ohne lange Frage
Und breit sich setzen hinter Krug und Pfann',
Bei gutem Wein vergessen manche Plage
Und seine Unterhaltung knüpfen an,
Wobei die letzte und die nächste Wahl
Gewöhnlich bot das Redecapital.

 

70.

Lord Henry war ein Wahlenungeheuer
Und wühlte wie ein Maulwurf da und dort,
Die Grafschaftswahlen kamen ihn oft theuer,
Weil in der Nachbarschaft ein Schottenlord
Befehligte ein Häuflein Wahlgetreuer
Und dessen Sohn als mächt'ger Freund und Hort
Im Haus für's »andere Int'resse« saß,
Das heißt für's eigne, nur nach andrem Maß.

 

71.

In seiner Grafschaft also artig, weise
War Allen Alles er und schenkte gern
Dem Höflichkeit, dem vortheilhafte Preise,
Versprechen Allen, die drum nah und fern
Sich angehäuft in ungeheurer Weise,
Er rechnete ja nie, wie große Herrn.
Doch wenn sein Wort er hielt bald und bald brach,
Gab er hierin ja keinem Andern nach.

 

72.

Ein Freund der Freiheit und der freien Sassen,
Nicht minder aber der Regierung Mann,
Vermeinte er die Mitte gut zu fassen,
Wo Amt sich und Gesinnung einen kann.
Und hatte sich von Oben zwingen lassen
(Er sah sich selbst als nicht geeignet an)
Zu Sinecuren, die verdammt sein Mund,
Ging nur damit nicht das Gesetz zu Grund!

 

73.

Er müsse »frei gestehn« (woher die Phrase?
Sie ist nicht englisch, parlamentisch nur),
Der Geist der Neu'rung nehme jetzo Maße,
Die überschreiten jede Schrank' und Schnur,
Er woll' kein Lob auf der Parteien Straße,
Für's Ganze aber trag' er jede Schur,
Und seiner stelle war' er gerne quitt,
Die Last sei größer da als der Profit.

 

74.

Der Himmel und auch seine Freunde wüßten,
Sein einz'ger Ehrgeiz sei ein häuslich Glück,
Doch könn' er nicht, wenn alle Feinde rüsten,
Von seinem König ziehen sich zurück,
Da Demagogen mit dem Plan sich brüsten,
Bald durchzuhaun (o schändlich Bubenstück!)
Den gord'schen Knoten, den Georg'schen gar,
Der König, Lords, Gemeinen bindend war.

 

75.

Er wolle lieber mit verworfen werden
Und bis zum Aeußersten verkämpfen sich,
Bis förmlich sie den Abschied ihm gewährten.
Den Vortheil hab' er niemals auf den Strich,
Doch käm' der Tag, wo sich die Aemter leerten,
Es wäre für das Land ein tiefer Stich.
Was würde draus? Der Jammer wär' nicht klein,
Er rühme sich, ein Britte noch zu sein.

 

76.

So unabhängig, ja noch mehr als jene,
Die man für's Amt nicht zahlen müss', sei er;
Wie der Soldat bei einer Kampfesscene
Durch die gelernten Künste leiste mehr,
Als wer nicht regelrecht uns weist die Zähne,
Nicht handwerksmäßig schüttelt seinen Speer –
Und wie ein Knecht dem Bettler seinen Bolz,
So zeigt der Staatsmann gern dem Pöbel Stolz.

 

77.

Das Alles bis auf diese letzte Stanze
Sprach Henry, und ich lasse es dabei,
Wir haben ja bei jedem Wählertanze
Gehört, gelesen gleiche Schwätzerei,
Davon, wie frei vom Kopfe bis zum Schwanze
Der officielle Candidatus sei. –
Genug! die Glocke zum Diner ertönt,
Schon wird das Tischgebet ringsum gestöhnt.

 

78.

Ich hätt's gesungen, doch ich kam zu späte.
'S war ein Banket, wie einst sich Albion
Berühmt, als sei des Fressers Fleischpastete
Für alle Welt die herrlichste Vision.
'S war eine große öffentliche Fête
Mit heißen Gästen, kalter Mundportion,
Viel Essen, Zwang und wenig Lust beim Schmaus
Und Jedermann aus seiner Sphär' heraus.

 

79.

Die Junker waren familär-gezwungen,
Die Lord's und Lady's ließen sich herab,
Die Diener von Verlegenheit durchdrungen,
Ob sie die Schüsseln richtig stellten ab,
Nicht zuviel thäten in Bethätigungen
Und Niemand kränkten, wenn man's weiter gab;
Denn jeder Mangel einer Artigkeit
Bracht' Herrn und Knechten später Herzeleid.

 

80.

Da waren ein'ge alte kühne Jäger
Mit Hunden, die sich niemals noch geirrt,
Und ein Paar mörderische Flintenträger,
Die von der Frühe, bis es Abend wird!
Das Rebhuhn suchen, wie den Dieb der Kläger,
Auch mancher wohlbeleibte Kirchenhirt,
Der Zehnten nimmt, zusammen Pärchen bringt,
Und wen'ger Psalmen als Balladen singt.

 

81.

Auch gab es ein Paar Schälke noch vom Lande
Und ein'ge Edeln, die der Stadt entflohn,
Um hier auf Gras zu gehn, statt dort auf Sande,
Um neun statt elfe aufzustehen schon.
An, solchem Tag passirte mir die Schande,
Daß zu mir saß der Kirche heil'ger Sohn,
Der große Pfarrer Peter Pith, der fast
Mich taub geschrie'n mit seiner Witze Last.

 

82.

Ich kannte ihn in seinen Lond'ner Tagen
Als gern gesehnen Gast bei jedem Mahl,
Da fiel kein Witz, der nicht auch eingeschlagen,
Bis ihn das Glück, vielleicht auch gute Wahl
(Wie wunderbar wird oft der Mensch getragen,
Des Himmels Gabe wird uns' oft zur Qual!)
Nach Lincoln rief, daß er den Teufel bann',
Auf eine Pfründe, wo man ruhen kann.

 

83.

Sein Witz war Predigt, seine Predigt Witze.
Nun gingen unter sie in jenem Moor;
Für die Philister taugten nicht die Blitze;
Jetzt lauscht' ihm nicht mehr ein empfänglich Ohr
Und seine Schnurren brachen ihre Spitze,
Der arme Mann war ärmer als zuvor.
Es kostet' ihn oft eine lange Schlacht,
Bis er die Menge zum Gelächter bracht'.

 

84.

Das, Lied sagt, einen Unterschied gewahre
Man zwischen Bettlerin und Königin
(Wir sahen freilich im vergangnen Jahre,
Daß Letztre schlechter dran in jedem Sinn),
Auch zwischen einem Bischof und Vikare
Und zwischen Silber und gemeinem Zinn,
Wie zwischen englisch Fleisch und sparter Sauce,
Bei beiden aber wurden Helden groß.

 

85.

Von allen Widersprüchen dieser Erde
Ist keiner größer, als der Unterschied,
Der zwischen Land und Stadt von jeher gährte.
Die letztere ist dessen Lieblingslied,
Der wenig stets aus seinem Innern zehrte
Und der nur denkt und handelt, wenn er sieht,
Daß irgend Etwas er dabei gewinnt,
Worin die Menschen ohne Schranken sind.

 

86.

Doch vorwärts nun! die Liebe muß erschlaffen
Bei vielen Gästen, längerem Banket,
Für sie ist nur ein kleines Mahl geschaffen,
Denn Bacchus ist und Ceres das Duett,
Das, wie wir lernen schon als junge Laffen,
Venus geliebt, das für ihr Lotterbett
Champagner einst und Trüffeln auch erfand,
Denn Fasten bringt sie ja aus Rand und Band.

 

87.

In schaler Weise lief dahin dies Essen,
Don Juan nahm seinen Platz gedankenlos,
Er war verwirrt und hatte sich vergessen,
Wie angenagelt saß er, Hand im Schooß,
Die Messer, Gabeln klirrten wie besessen,
Er hörte nichts, so sehr der Lärm auch groß,
Bis Einer seufzend (zwei Mal überhört)
Um Fisch ihn bittend, ihn im Brüten stört.

 

88.

Beim dritten Bitten des Herrn Eßkam'raden
Fuhr er zusammen, und da er nun sah,
Wie grinsend sich verzogen ihre Laden,
Erröthet' er, wie's Manchem schon geschah,
Der an ein lächelndes Kameel gerathen;
Rasch schlug dem Fisch er eine Wunde da
Und eh' ihn noch der Nachbar hemmen konnt',
Lag schon ein halber Turbot vor der Front.

 

89.

Das war ein Mißgriff wahrlich nicht zu spaßen,
Denn jener Bitter war ein Amateur
Und Andern ward ein Drittel kaum gelassen,
So daß auch sie gewechselt die Couleur,
Man konnte den Lord Henry gar nicht fassen,
Daß er geladen solchen Malfaiteur;
Auch wußt' er nicht, daß's Korn gefallen sei –
Dies kostete dem Wirth der Stimmen drei.

 

90.

Sie ahnten nicht, daß er 'nen Geist gesehen,
Sonst schenkten sie ihr Mitgefühl dem Mann,
Denn solch ein Ding konnt' nicht zusammen gehen
Mit einem Kreis, der stets auf Stoffe sann,
Und den die Stoffe heut' so mächtig blähen,
Daß man in Ernst die Frage stellen kann,
Ob's möglich sei, daß solch ein Leib beseelt,
Daß eine Seele solchen Leib sich wählt?

 

91.

Doch was ihn mehr genirte als das Starren
Und Lächeln dieser ganzen Junkerschaft,
Der er erschien als hätt' er einen Sparren,
Da es doch hieß, er sei höchst flatterhaft
Und habe alle Frauen gleich zu Narren,
So daß die ganze Gegend ihn begafft
(Denn die Histörchen auf Lord Henry's Gut
Erregten bei den kleinen Herrn das Blut.) –

 

92.

Das war, daß ihn Aurora's Blicke fanden
Und auch ein Lächeln um den kleinen Mund,
Dies aber wurde nicht von ihm verstanden.
Ein seltnes Lächeln gibt ja immer kund,
Daß hier ein mächtiges Motiv vorhanden;
Aurora's lag nichts Kränkendes zu Grund
Für Lieb' und Hoffnung, noch auch sonst ein Kniff,
Den Frauen-Lächeln sonst in sich begriff.

 

93.

Es war ein Lächeln, das nur still beschaute,
Und etwas Staunen, Mitleid in sich trug;
Doch sah sie wol wie Don Juan daran taute,
Denn er ward roth – dies war gewiß nicht klug,
Er sah ja dran, daß sie ein wenig thaute,
Daß schon ein Außenwerk Chamade schlug.
Das mußt' ihm klar sein, wenn die letzte Nacht
Nicht seinen Geist ganz aus dem Text gebracht.

 

94.

Was aber schlimm – sie ward nicht roth dagegen
Und nicht verlegen, vielmehr umgekehrt!
Sie schien die Züge wie gewohnt zu legen,
Nicht finster, nein, nur ruhig, unversehrt.
Zwar war sie blaß, doch kaum vom Sorgenhegen,
Nie war ihr Teint von starkem Roth verklärt,
Nur manchmal röthlich, immer aber licht
Wie tiefe Seen, in die die Sonne sticht.

 

95.

Des Hauses Ehre trieb heut' Adelinen,
Sie mußte achtsam, höflich, reizend sein,
Die Fisch- und Vögelesser stets bedienen
Und immer tragen art'ger Würde Schein,
Wie Solche, die da sprengen alle Minen
(Zumal wenn's geht ins sechste Jahr hinein),
Um Männer, Söhne und verwandtes Blut
Hindurch zu bringen durch der Neuwahl Flut.

 

96.

Obwol dies nun sehr räthlich ist im Ganzen
Und Allgemeinen, fühlte Don Juan doch –
Sah Adelinen er vorüber schwanzen
In einer Rolle, die ihr kaum ein Joch,
Und sah er ihre Seitenblicke tanzen,
Die leicht verriethen, daß es in ihr koch'
Von Spott und Ekel – daß an ihr gar viel
Nicht wirklich war und in's Gemachte fiel.

 

97.

So trefflich spielte sie die vielen Rollen,
Mit jenem Leben, jener Biegsamkeit,
Worin kein Herz die Leute finden wollen.
Sie irren, denn 's ist nur Beweglichkeit, Im Französischen mobilité. Ich bin nicht sicher, ob mobility englisch ist, jedenfalls drückt es eine Eigenschaft aus, die eher einem anderen Klima angehört, obschon man sie bisweilen auch in England in einem hohen Grade entwickelt sieht. Sie kann als eine außerordentliche Empfänglichkeit für unmittelbare Eindrücke definirt werden, ohne daß hiebei das Vergangene losgelassen wird, und ist, obschon manchmal scheinbar, nützlich für den Besitzer, doch eine sehr peinliche, unglückselige Eigenschaft.
Die wir für Temp'rament, nicht Kunst verzollen,
Obgleich sie's scheint in ihrem leichten Kleid;
Und der ist doch der Offenste gewiß,
Der durch das Nächste sich bestimmen ließ.

 

98.

Dies gibt die Dichter, Künstler, Histrionen,
Manchmal die Helden, doch die Weisen, nie,
Die Diplomaten, Tänzer aller Zonen,
Kurz die Talente, selten das Genie,
Die Redner wol, doch nicht die Geldpersonen;
So groß auch jetzt der Finanziers Manie,
Nicht mehr so streng wie Cocker drein zu schaun
Und aus den Ziffern Bilder aufzubaun.

 

99.

Sie sind der Arithmetik große Dichter,
Die zwar nicht machen fünf aus zweimal zwei,
Wie gerne möchten jene Bösewichter;
Doch die beweisen, daß sie höchstens drei,
Sobald was geben soll das Diebsgelichter.
Des Tilgungsfonds bekannte Lorelei,
Der flüssigen Nichtflüssigkeit Siren'
Schlingt was ihr naht, die Schuld nur läßt sie stehn.

 

100.

Indeß die Lady rings vertheilte Gnaden,
Schien's höchst behaglich der Fitz Fulke zu sein;
Sie war zu sein zu offenen Tiraden,
Jedoch ihr Auge griff aus allen Reihn
Die lächerlichen Worte auf und Thaten,
Den Honig der modernen Plauderei'n,
Ihn zu verwerthen zu Malice und Lust,
Dies süße Werk hob heute ihre Brust.

 

101.

Nun schloß der Tag wie alle müssen schließen,
Der Abend schwand und der Kaffee erschien,
Zum Aufbruch bald die holden Damen bliesen
Und knixten ab wie Landmatronen ziehn,
Und Complimente würdig der Kirgisen
Entwickelte der biedre Paladin;
Befriedigt war vom Wirth man und Festin,
Am meisten doch von Lady Adelin'.

 

102.

Der pries die Schönheit, der die Huld der Dame,
Die Anmuth und die ächte Artigkeit,
Die deutlich strahle wie der Wahrheit Same
Aus allen Zügen ihrer Herrlichkeit;
Ja ihr gehöre solch ein Stand und Name,
Sie traf darum auch keines Menschen Neid,
Und dann ihr Anzug, wie er die Gestalt
So einfach schön, so vortheilhaft umwallt!

 

103.

Ein solches Lob gebührte Adelinen,
Denn jetzt hielt sie sich schadlos und mit Recht
Für all die Phrasen und ihr schön Bedienen;
Sie legte los und zeichnete nicht schlecht
Der Gäste Köpfe und famose Mienen,
Vom Herrn herunter bis zum letzten Knecht.
Die Schreckensfrau'n, die Schreckensmänner all,
Die Toiletten und der Locken Fall.

 

104.

Zwar that sie's nicht direct, die Andern brachen
In Epigrammen rechts und linkwärts los,
Sie aber reizte jene, daß sie sprachen;
Wie Addison oft Lob erheuchelt blos,
So that auch sie's, damit die Andern stachen,
Und gab zum Klatsch nur ihren sanften Stoß.
Wie schön den Freund zu schützen, der nicht da,
O käme nie mir solch ein Schutzfreund nah'!

 

105.

An diesem Sturm von Witzen auf die Gäste
Nahm keinen Antheil nur ein stilles Paar:
Aurora, stets die reinste, feinste, beste
Und Don Juan, der sonst hinter Keinem war,
Wenn's Scherze galt auf solche Junkerfeste.
Heut' saß er stumm und jedes Geistes baar,
Vergebens hörte er der Andern Hohn,
Heut' blieb der Arme ganz und gar davon.

 

106.

Wol meinte er, Aurora's Blick besage,
Sie billige, daß er so still und stumm,
Sie glaubte wol, daß er es nicht ertrage,
Die, die nicht da, zu zausen so herum,
Und dies genügte ihrer Seelenlage.
Doch Don Juan war trotz Allem nicht so dumm,
Viel sah er nicht in seinem düstern Muth,
Doch was er sah, sah er auch recht und gut.

 

107.

Das Gute brachte doch der Geist zu Stande,
Daß er ihn stumm wie einen Geist gemacht,
Und dadurch ihm von dorther Achtung sandte,
Wo es am meisten Freude ihm gebracht;
Auf's Neu' in ihm nun manch Gefühl entbrannte,
Das schon verloren oder abgeflacht,
Gefühle, die so göttlich, ideal,
Daß eben drum sie sicher auch real: –

 

108.

Die Lieb' zu Höh'rem und zu bessern Tage,
Die hehre Hoffnung, die Unwissenheit,
Von dem was Welt und weltliches Gejage,
Wo uns ein Blick mehr Freude hält bereit,
Als aller Ruhm, so hoch er immer rage,
In dem sich sonnet unsre Männlichkeit
Und der doch nie uns das Entzücken gibt,
Als aus dem Herzen aufsteigt, das uns liebt.

 

109.

Wer seufzt nicht ewig um Cytherens Stunden,
Der je ein Herz gehabt, Gedächtniß hat!
Ihr Stern und der Dianen's ist entschwunden
Und Strahl um Strahl und Jahr um Jahr wird matt.
Anacreon allein hat noch umwunden
Der Liebe Pfeil mit ew'gem Myrthenblatt;
Doch ob gespielt du manchen Possen mir,
Ich rufe doch: »Heil, Mutter Venus, dir!«

 

110.

Voll von Gefühlen, die wie Riesenwogen
Sich mächtig thürmen zwischen Welt und Welt,
Hatt' Don Juan sich nun auch zurückgezogen,
Als Mitternacht behauptete das Feld;
Doch ward der Ruhe wieder nicht gepflogen,
Nicht Mohn, die Weide' nickte auf sein Zelt,
Er gab sich süßen Nachtgedanken hin,
Der Welt ein Spott, dem Jüngling Lust und Sinn.

 

111.

Die Nacht war wieder hell, er hatte wieder
Kein Kleid, als nur sein leichtes Nachtkleid an,
Die Jacke und das übrige Gefieder
War bis auf's Aeußerste fast abgethan;
Bis jener Spuk von Neuem steige nieder,
Harrt' er nun hier, durchwühlt von Angst und Wahn
(Die der nicht kennt, der nichts von Geistern weiß)
Auf des Gespenstes neue Geisterreis'.

 

112.

Er lauschte nicht umsonst – still! – welche Fratze!
Ich schaue – ja – doch nein! 's ist nichts – und doch!!
Ihr Himmelsmächte! das – das ist – die Katze!
Nie ging ein Teufel so verstohlen noch,
Wie ein gespenstig Tiktak und Gekratze,
Wie eines Mädchens schüchtern Herzgepoch',
Wenn sie zum ersten Stelldichein sich naht
Und ängstlich bebt, wenn laut ihr Füßchen trat.

 

113.

Schon wieder? – Was ist das? Der Wind? Mit Nichten,
Der schwarze Mönch ist's, wie er gestern kam!
Sein Tritt so gleich, wie Füße in Gedichten,
Ja mehr noch (weil die Reime häufig lahm),
So naht er wieder durch des Dunkels Schichten,
Als tiefer Schlaf den Geist gefangen nahm
Und Nacht und Stern um unsre Welt sich spann,
Als Demantgürtel! – Don Juan's Blut gerann!

 

114.

Ein Ton wie nasse Finger auf dem Glase, Siehe die Erzählung von dem Geiste des Oheims des Prinzen Karl von Sachsen, den Schröpfer beschwor: »Karl, Karl! was willst du mit mir?«
Die Zähne knirschen drob, ein leis' Getropf',
Wie Guß bei mitternächtigem Geblase
Aus einem überird'schen Wassertopf,
Traf Don Juan's Ohr – ihm war's als ob er rase.
Ernst ist es schon, packt uns ein Geist beim Schopf!
Wer noch so sehr glaubt an Unsterblichkeit,
Hält sich von Geistern dennoch möglichst weit.

 

115.

Sein Aug' stand offen – ja auch seine Lippen,
Denn das Entsetzen macht nicht stumm allein,
Es reißt das Ausfallsthor auf der Xantippen,
Als träte gleich die längste Rede ein.
Doch näher, näher kam das Geister-Tippen,
Dem ird'schen Ohre eine Todtespein.
Weit offen stand ihm Auge nun und Mund,
Bis auch die Thüre Plötzlich offen stund.

 

116.

Jach fuhr sie auf mit einem Teufelskrachen,
Wie die der Höll': »Laßt jede Hoffnung ziehn,
Die ihr hinein kommt!« – tönte aus dem Rachen,
Wie's Dante einst am Höllenthor erschien.
Doch was sind Worte vor so grausen Sachen?
Ein Schatten wirft die größten Helden hin,
Denn was ist Stoff vor einem Geist der That?
Warum erbebt er, wenn ihm dieser naht?

 

117.

Die Thüre flog nicht schnell, nein, wie die Krähe
Des Meers in langsam wohlbedachter Flucht,
Dann ging sie wieder rückwärts, sacht und zähe
Und blieb halb offen, eine Schattenschlucht.
Die Kerzen Don Juan's brannten trotz der Nähe
Des' Geistes hell und gleichsam unversucht,
Und in dem Thürgang, schwärzer als die Nacht,
Stand nun der Mönch in seiner Geistertracht.

 

118.

Don Juan erbebte wie beim ersten Male,
Doch hatte er im Grund das Beben satt,
Erst glaubt' er sich getäuscht vom Mondesstrahle,
Dann schämt' er sich, daß er so schwach und matt,
Sein Geist erhob sich aus dem Hospitale,
Er bebte nicht mehr wie ein Espenblatt,
Er sagte sich, daß Leib und Seel' zu zwei,
Drum bloßer Seele wol gewachsen sei.

 

119.

Aus seiner Angst ward Zorn, sein Zorn zum Recken,
Rasch stand er auf, schritt vor, der Schatten wich,
Doch Don Juan nun die Wahrheit aufzudecken,
Ging nach – nicht kalt mehr, glühend, außer sich!
Er wollte das Geheimniß gründlich schmecken,
Auf die Gefahr hin, daß er selbst erblich.
Der Geist zog ab, ihm drohend mit der Hand,
Bis an die Mauer, wo er stille stand.

 

120.

Don Juan griff hin – ihr ew'gen Himmelsmächte!
Er faßte nichts als nur die kalte Wand,
Wo auf des Schnitzwerks zierlichem Geflechte
Des Mondes Strahl ein Feld zum Spielen fand.
Er schauderte, wie schaudert der Gerechte,
Wenn vor dem Jenseits still steht der Verstand.
Wie seltsam! eines einz'gen Kobold's Schein
Schreckt mehr, als Heere von Geblüt und Bein. Die Seele Richards schreckten Schatten mehr
Heut' Nacht, als von zehntausend Mann der Stoff
Vermocht – Rich. III.

 

121.

Der Schatten blieb – die blauen Augen starrten
Für einen Tobten recht lebendig drein,
Und einen Vorzug sie noch nicht verscharrten:
Gar süßen Athem's schien der Geist zu sein;
Ein Löckchen ließ ein schönes Haar erwarten,
Ein rother Mund mit hellen Perlenreihn
Sah wie der Mond durch's Epheudach hervor,
Der eben kam aus grauem Wolkenthor.

 

122.

Don Juan erstaunte, aber eifrig streckte
Er auch den andern Arm, der – wunderbar!
Nun einen harten, heißen Busen deckte,
Und drunter bot ein pochend Herz sich dar.
Er sah jetzt ein, daß es ihn vorhin neckte,
Daß er zu übereilt gewesen war,
Indem er in der Hitze nur die Wand,
Statt jenes Wesens, das er suchte, fand.

 

123.

Der Geist, wenn's Geist war, trug so frische Backen,
Als unter heil'ger Kappe je geruht;
Ein Grübchenkinn, von Elfenbein ein Nacken.
Erschienen nun und reichlich Fleisch und Blut;
Es fiel der Rock, des Geistes dunkles Laken,
Und zeigte Don Juan – wie ward ihm zu Muth!
In vollem, rundem, üppigem Gefolg'
Den Geist der lust'gen Herzogin Fitz Fulke.

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