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George Gordon Noël Byron: George Byron - Kapitel 15
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Dreizehnter Gesang.

1.

Ich werd' jetzt ernst! Seit dem die Welt das Lachen
So ernst nimmt, scheint mir's hohe Zeit zu sein.
Will Tugend Witze über's Laster machen,
So heißt's Verbrechen fast und schwere Pein.
Aus Ernst entstehn auch diel erhabne Sachen,
Man schläft dabei nur manchmal etwas ein,
So hebe, mein Gesang, dich hehr und trist
Dem Tempel gleich, der nur noch Säule ist.

 

2.

Die Lady Admundville – Frau Adeline
(Ein Name ist's aus der Normannenzeit;
Im Stammbaum stolzer Gothenpaladine
Ist ihm wol manches schöne Blatt geweiht)
War vornehm, reich durch Vaters Silbermine
Und schön selbst in dem großen Schönheitsstreit,
Der England eigen, das als erstes Land
Für Leib und Seel' bei uns ist anerkannt.

 

3.

Ich widerspreche nicht und lasse Allen
Hierin den eigenen Geschmack und Sinn;
Ob schwarz, ob blau ein Auge ausgefallen,
Bringt wahrlich weder Schaden noch Gewinn.
Um eine Farbe soll das Blut nicht wallen,
Der mildeste soll Richter sein hierin.
Stets sollte schön die schönre Hälfte sein,
Kein junger Mann ein Weib nicht finden sein.

 

4.

Nach dieser heitern, tölpischen Periode,
Wenn ruhiger des Herzens Strömung geht,
Und nicht so heiß mehr stürmet unsre Ode,
Kommt die Kritik mit Recht auf das Tapet,
Die Leidenschaft wird hölzerne Pagode,
Wir wallen, wo der Weisheit Lüftchen weht;
Gesicht und Beine mahnen uns daran,
Daß neuer Kraft gehört des Lebens Bahn.

 

5.

Wol möchten Manche diese Zeit verschieben
Und halten zäh' an ihrem Platze fest.
Doch das ist Wahn! vorbei ist's mit dem Lieben,
Wenn den Aequator unser Schiff verläßt.
Dann ist Madera, Claret uns geblieben,
Um anzufeuchten unsres Lebens Rest,
Und Volksversammlung und das Parlament
Und Schulden auch, sie bleiben bis ans End'.

 

6.

Auch Religion und Kriegs- und Friedensfälle
Und Steuern bleiben und auch die Nation,
Der Kampf um des Piloten hohe Stelle,
Die Geld- und Bodenspeculation,
Des Hassens Lust – noch eine bess're Quelle
Als einst die Liebe, diese Illusion.
Mit Haß bringt man die längsten Jahre zu,
Man liebt mit Hast und haßt in aller Ruh'.

 

7.

Johnson, der große Moralist, bekannte,
Er lieb' die Hasser, wenn sie ehrlich nur, Ich liebe einen rechten Hasser, Herr. – Siehe Boswell's Johnson.
Die einz'ge Wahrheit, die uns offen nannte
– Seit hundert Jahren – eine Creatur;
Vielleicht er scherzte blos, er war's im Stande.
Ich selber schau' hinaus in die Natur,
Und schaue auf die Hütte, den Palast,
Wie der Mephisto unsres Goethe fast.

 

8.

Doch nicht excentrisch ist mein Lieben, Hassen.
Einst war's nicht so! Und spott' ich manches Mal,
So thu' ich's nur, weil ich's nicht gut kann lassen,
Und hie und da paßt's auch zum Vers total.
Ich hälfe gerne allen Menschenklassen
Und lieber hemmt' als straft' ich den Skandal,
Bewies uns nicht Cervantes sonnenklar,
Daß stets vergeblich dies Bemühen war.

 

9.

Das trübste Buch ist doch sein Don Quixote,
Weil es zum Lächeln zwingt. Der Held hat Recht,
Verfolgt das Rechte eifrigst bis zum Tode,
Bekämpft fanatisch, was ihm dünket schlecht,
Die Tugend macht ihn närrisch mit Methode,
Wie traurig doch sein tägliches Gefecht!
Noch trauriger ist die Moral davon,
Für jeden Denker ein erhabner Hohn!

 

10.

Das Böse strafen und das Unrecht gleichen,
Den Schlechten schlagen, Damen Beistand weihn,
Obgleich allein dem großen Strom nicht weichen,
Den armen Mann von fremdem Joch befrei'n –
O edle Absicht, Mähr aus Feenreichen
Und üpp'ge Quelle holder Phantasei'n!
Ein Scherz, ein Räthsel diese Ruhmesnoth,
Und Socrates der Weisheit Don Quixot'!

 

11.

Cervantes lächelte hinweg die Ritter,
Und lähmte so des Landes rechten Arm;
Seit jenem Tag brach Spanien's Ruhm in Splitter.
So lang Romantik hielt die Herzen warm,
Wich alle Welt vor jenem Heldenflitter;
Und darum that Cervantes so viel Harm.
Zu theuer war mit Spaniens Verfall
Sein Ruhm erkauft als Dichter-Feldmarschall.

 

12.

Da bin ich wieder in bekannten Stoffen,
Vergessen Lady Ad'lin' Admundeville,
Die schlimmste Frau, die Don Juan je getroffen;
Sie war zwar keine tückische Sibyll',
Doch Lieb' und Schicksal hielt die Netze offen
(Schicksal heißt's stets, wenn man nicht anders will)
Und fing das Paar; wen fangen sie denn nicht?
(Ein Räthsel ist's, das manchen Kopf zerbricht.)

 

13.

Ich melde Alles, wie ich's selbst vernommen
Und wage mich an keine Lösung hin,
Ich bin zu blöd'. – Um auf das Paar zu kommen:
Frau Adelin' war Bienenkönigin,
Der Schönheit Gipfel hatte sie erklommen,
Ihr Reiz verwirrte aller Männer Sinn,
Die Frau'n verstummten, was ein Wunder ist,
Auch gab's ein zweites nicht seit jener Frist.

 

14.

Keusch war sie, daß Verleumdung dran erstickte,
Mit Einem, den sie sehr geliebt, vermählt,
Den man im Rathe der Nation erblickte,
Kühl, englisch ganz und gegen viel gestählt,
Doch dessen Puls auch manchmal feurig tickte,
Stolz auf sich selbst und sie, und nie geschmählt
Von böser Welt, schien Jedes sicher ganz,
Er in dem Stolz, sie in der Tugend Glanz.

 

15.

Nun kam's, daß diplomatisches Verkehren,
Das in den Aemtern seinen Ursprung fand,
In ihm und Don Juan ein Gefühl sollt' nähren,
Das sie bald fester an einander band.
Er wollte zwar des Umgangs sich erwehren,
Doch Don Juan's Geist und Jugend überwand,
Sein stolzes Wesen wurde mürb' am End',
Sie wurden Freunde, was die Welt so nennt.

 

16.

So sehr nun Stolz und kühles Ansichhalten
Ihm Vorsicht gab, so fein er immer war,
So gut er las in eines Herzens Falten,
Ließ Henry doch, war er sich einmal klar,
Ob Freund, ob Feind, nur seinen Willen walten,
Er dachte nicht an Wirren und Gefahr,
Er liebte oder haßte rücksichtslos,
Weil es sein Wille einmal so beschloß.

 

17.

Oft war sein Lieben richtig und sein Hassen
Und so noch mehr bestärkt sein Vorurtheil,
Drum wollt' er niemals eine Meinung lassen,
In der er einmal sicher glaubt' sein Heil.
Er ließ sich nie von Fieberglut erfassen,
Sein Herz war nie gemeiner Neigung feil,
Er weinte niemals, wo er lachen sollt',
War nie heut' gram und morgen wieder hold.

 

18.

»Der Sterbliche kann nicht dem Glück befehlen,
Doch nimmst du zu, Sempron, verdien' es nicht« –
Und glaube mir, es wird dir drum nicht fehlen,
Sei klug, wart' ab und handle wo es Pflicht;
Gib ruhig nach, will starker Druck dich quälen,
Und stumpfe dein Gewissen, wenn es sticht,
Dann wie ein Boxer, wie ein Pferd von Blut,
Ertragt es viel, ohn' daß es weh' ihm thut.

 

19.

Lord Henry auch mocht' gern sich oben sehen,
Wie alle Menschen, ob sie groß ob klein,
Der niederste wird mindere erspähen,
Er glaubt es doch und nützet aus den Schein.
'S gibt wenig Dinge, die so schwer uns gehen,
Als unsern Hochmuth tragen, wenn allein,
Der Mensch vertheilt so gerne was ihn preßt,
Indem er fährt und Andre ziehen läßt.

 

20.

An Abkunft, Rang und Gütern gleich bemessen,
Hatt' er auch sonst vor Don Juan nichts voraus,
Er hatte nur schon länger Brod gegessen
Und wie ihm schien, ein freier Vaterhaus,
Weil keine Schrauben Zung' und Feder pressen,
In andern Ländern ein verbotner Schmaus!
Auch war Lord Henry groß als Redemann
Und hielt das Haus bis Mitternacht im Bann.

 

21.

Das war ein Vorzug! und noch mehr: er dachte
– Auch eine Schwäche, doch entschuldigbar –
Daß Niemand mehr Geheimnisse erbrachte
Vom Hof als er, da er Minister war.
Er lehrte gern, was man erst ihm vormachte
Und glänzte stark, wenn's Lärm gab und Gefahr.
Er hatte Alles, was nur ziert den Mann,
Stets Patriot, Beamter dann und wann.

 

22.

Er mochte wol des Spaniers Gebahren
Und ehrte ihn ob seiner Fügsamkeit,
Weil er mit Anmuth wußte zu willfahren,
Zu widersprechen mit Bescheidenheit.
Kein Unglück konnt' in Schwächen er gewahren,
Die oft erzeugt des Bodens Ueppigkeit,
Wenn's Unkraut nur die Ernte nicht erstickt,
Weil man dann schwer die gift'gen Pflanzen knickt.

 

23.

Dann schwatzten sie von ihren span'schen Reisen,
Von Stambul und von manchem andern Ort,
Wo stets man that, was dort man ward geheißen,
Oft auch mit fremden Grazien that 'nen Tort;
Dann sprachen sie vom Pferd, beliebt in jenen Kreisen.
Lord Henry ritt wie jeder ächte Lord,
Und Don Juan gar als Andaluse dann
Ritt wie den Russen reitet sein Tyrann.

 

24.

So wuchs die Freundschaft in den Assembleen
Und bei Diners, ob amtlich oder nicht,
Denn Don Juan wußt' mit Jedem gut zu stehen,
Gleich einem Maurer, der die Losung spricht.
Auch sein Talent war nicht zu übersehen,
Und sein Benehmen hatte was besticht;
Und gern ist gastlich man, da wo der Rang
Mit der Erziehung geht den gleichen Gang.

 

25.

In Blank-Blank Square – ich nenne keine Straßen –
Zu klatschhaft ist die Welt und stets geneigt,
Des Dichters Korn mit Unkraut zu durchgrasen,
Woraus sich dann gar manch Geschichtchen zweigt,
Das Niemand ahnte außer ein Paar Basen,
Von Liebelein, die besser man verschweigt.
Dies ist der Grund, warum ich hier erklär',
Lord Henry's Wohnung lag in Blank-Blank Square.

 

26.

Auch gibt es, solche Straßen nicht zu nennen
Und Squares, noch einen weitern frommen Grund,
Den nämlich, daß wir keinen Winter kennen,
Wo nicht ein Haus durch einen losen Mund
Erschüttert wird, daß Herz und Wangen brennen,
Und irgend ein Skandal wird offen kund.
Und hierin hätt' ich sicher mich verrannt,
Da mir die keuschen Squares nicht recht bekannt.

 

27.

Wol hätt' ich können Picadilly wählen,
Wo man von Sünden dieser Art nichts weiß,
Doch hab' ich gute Gründe aufzuzählen,
Warum ich diesem Stadttheil nicht mach' heiß.
Ich will somit Platz, Straße, Square verhehlen,
Bis ich was finde, was verlohnt den Schweiß,
Ein Paradies, wo Unschuld oben an,
Sowie – doch ich verlor den Lond'ner Plan.

 

28.

In Blank-Blank Square, in Henry's edlem Hause,
War Don Juan also ein beliebter Gast,
Wie mancher Ritter mit gesteifter Krause,
Wie Mancher, der statt Adel Geist gefaßt,
Und Mancher, der nur tüchtig Geld im Flause,
Ja selbst wer nur die Mode recht erpaßt.
Oft zieht man wirklich allen Andern vor,
Den, der gekleidet als modernster Thor!

 

29.

Und wie das Heil entspringt der Unzahl Räthe,
Wie schon der weise Salomo gesagt,
Vielleicht auch Einer, der schon früher krähte,
Und wie auch wirklich täglich vor uns tagt
In Sitzungen, wo in der Redefehde
Collegial'sche Weisheit glänzt und ragt,
Die auch allein, so viel wir wissen, Schuld,
An Englands Reichthum, Glück und hohem Cult';

 

30.

Und wie den Männern aus der Räthe Menge
Das Heil entsteht, so sichert eine Frau
Die Tugend sich durch des Besuchs Gedränge;
Die Wahl ist schwer, wird je sie etwas flau,
Die Zahl der Werber macht gerad' sie strenge;
Bei vielen Klippen steuert man genau,
Und so das Weib trotz aller Eitelkeit
Wird von den Narren durch ihr Heer befreit.

 

31.

Doch Adelinen fehlte diese Wehre,
Die wenig Werth der ächten Tugend läßt,
Noch der Erziehung gutgemeinter Lehre;
Durch eigene Gesinnung blieb sie fest.
Sie schenkte keinem Manne zu viel Ehre,
Und floh die Kokett'rie stets wie die Pest,
Auch die Vewund'rung bracht' ihr nicht Gefahr,
Weil sie derselben gar so sicher war.

 

32.

Mit Artigkeit begegnete sie Allen
Und Einige beachtete sie mehr,
In einer Art, daß wol ihr Blut durft' wallen,
Doch schmeichelte sie keinem Mann so sehr,
Daß er auf schlimme Meinung konnte fallen.
Natürlich trat und herzlich sie daher
Zu dem, der tüchtig war und tüchtig schien;
War er berühmt, so tröstete sie ihn.

 

33.

Ist doch der Ruhm bis auf gar seltne Fälle
Nur eine schale, trostbedürft'ge Last;
Die großen Männer, selbst an höchster Stelle,
Sind Puppen nur, mit denen Mancher spaßt,
Sie tanzen nach des Lobes Narrenschelle,
Und wenn die Besten ihr in's Auge faßt,
So ist ihr Haupt mit seinem Strahlenband
Doch eine Wolke nur mit goldnem Rand.

 

34.

Gewiß besaß auch unsre Adeline
Den ruhigen und feinen edeln Ton,
Der nie mit Worten oder durch die Miene
Bei irgend Etwas äußert Sensation,
Wie schön nichts finden wird der Mandarine;
Zum wenigstens darf zeugen nichts davon,
Daß irgend was versetzt' ihn in Ekstas',
Vielleicht aus China erbten wir auch das.

 

35.

Vielleicht auch von Horaz! Der Dichter sagte:
Nil admirari sei des Glückes Kunst.
So viele Künstler diese Kunst auch plagte,
So kam doch keiner recht bei ihr in Gunst.
Doch wol dem Mann, der nie Chimären jagte,
Gleichgiltigkeit ist besser oft als Brunst,
Und die Begeist'rung im Gesellschaftskleid
Gilt als moralische Betrunkenheit.

 

36.

Doch Adeline war nicht lau nach Mode,
Denn wie (auch ein Gemeinplatz!) unterm Schnee
Am meisten Lava im Vulkane lohte,
So – soll ich weiter machen? Nein, ich geh'!
Ich hetz' nicht gern ein altes Lied zu Tode,
So ruhe der Vulkan bis zum Lever!
Der arme Kerl! er ward' so oft gezwickt,
Daß jetzt sein dicker Rauch uns fast erstickt.

 

37.

Ich will im Nu ein ander Gleichniß haben!
Was sagt zu der Champagner-Flasche ihr?
Die fest gefroren, um als Eis zu laben,
Nur wenig übrig läßt vom Elixir,
Doch mitten, über alles Lob erhaben,
Bleibt kaum ein Glas voll Flüssiges der Gier,
Doch dies ist stärker als die stärkste Kraft
Von einer Traube aufgelöstem Saft.

 

38.

Das heißt, den Geist, versammeln und verklären!
Und so kann auch bei kältestem Gesicht
Ein süßer Nektar tief im Busen gähren.
Und solche gibt's. Doch meine Muse spricht
Von der allein, die sie zu diesen Lehren
Geführt, die sie hier stellt in helles Licht;
Denn jene Kühlen sind von höchstem Preis,
Sobald einmal gebrochen ist das Eis.

 

39.

Sie sind wie eine Durchfahrt im Nordwesten
Zum heißen Indien, wo die Seele wohnt
Und da die Schiffer, die durch's Eis sich preßten,
Noch nicht erspäht, wo denn der Nordpol thront,
(Vielleicht daß Parry's Mühe führt zum Besten)
So bleibt die Fahrt von Klippen nicht verschont,
Denn ist der Pol nicht offen, sondern zu,
(Was auch sein kann) ist hin das Schiff im Nu.

 

40.

Anfänger sollten stets damit beginnen,
Daß sie nur kreuzen auf dem Meere »Weib«,
Die Alten aber sich bei Zeit besinnen
Und nach dem Hafen steuern, eh' den Leib
Die graue Flagge traurig winkt von hinnen
Und wir nur Fuimus zum Zeitvertreib
Noch conjugiren und des Lebens Licht
Nur schwach noch zwischen Erben glimmt und Gicht.

 

41.

Jedoch der Himmel will belustigt werden.
Oft ist das hart, doch thut's im Grunde nichts.
Im Ganzen darf man sagen, daß auf Erden
Recht lieblich Alles sei (Ergebung spricht's).
Auch jene Lehr' der persischen Gelehrten
Vom Gott des Schattens und von dem des Lichts,
Läßt so viel Zweifel, wie jed' andrer Satz,
Der breit sich machte auf des Glaubens Platz. –

 

42.

Der Winter Englands, der im Juli endet
Und im August beginnt, war nun vorbei.
Jetzt wird dem Postillon Tribut gespendet,
Jetzt fliegen Räder, wo die Straße frei.
Warum dem Postgaul Mitleid zugewendet?
Das braucht der Mensch für eigne Schinderei
Und die des Sohns, wenn der bei wenig Witz
Viel Schulden machte in der Musen Sitz.

 

43.

Im Juli endet unser Lond'ner Winter,
Auch manchmal später; hierin irr' ich nicht.
Bin ich in andern Dingen etwas minder
Genau und fest, hier ist es meine Pflicht,
Die Muse zu bezeichnen als Erfinder
Der Wetterkunst, am Parlamentsgesicht.
Wenn auch der Radicale darauf schmäht,
Nach Sitzungen stets unsre Zeituhr geht.

 

44.

Sinkt der Merkur hier bis auf Null hernieder,
Dann welch ein Sturm von Wagen und Gepäck!
Vom Carlton-Hause rollen Räder wieder
Und glücklich wer mit Pferden kommt vom Fleck.
Staub wirbelt auf, das glänzende Gefieder
Von Rotten Row senkt sich zum Schlaf. Voll Schreck
Steht mit der Rechnung unser Kaufmann da,
Der Postknecht bläst, eh' er es sich versah.

 

45.

Er und die Rechnung – »ach Arkadier beide!« Arcades ambo.
Verbleiben einer späteren Session;
Des Geldes baar, was bleibt ihm in dem Leide?
Die Hoffnung nur, und höchstens wie ein Hohn
Ein Wechsel noch, – ein Schwert, doch in der Scheide, –
Auf lange Sicht, bis noch ein Compagnon
Mit starkem Abzug sich zu ihm gesellt,
Der so der Ueberford'rung Wage hält.

 

46.

Doch das heißt nichts. Fort fliegt Mylord im Wagen
Und nicket neben der Mylady ein,
Fort! frische Pferde! und die Wirthe jagen.
Man wechselt nun so schnell das Viergebein,
Wie nach der Hochzeit Herz und Liebesklagen.
Der Postknecht jauchzt, das Trinkgeld ist nicht klein;
Doch eh' das Rad, gewässert, weiter dreht,
Der Hausknecht um 'ne Kleinigkeit noch fleht.

 

47.

Er hat's! – Der Kammerdiener steigt nach hinten,
Der große Herr der Lorde und der Herrn,
Mylady's Jungfer darf sich zu ihm finden
Herausgeputzt, daß vor ihr Mond und Stern'
Cosi viaggino i ricchi – schwinden.
(Verzeiht das Fremdwort! ich auch möchte gern,
Daß ich gereist bin, zeigen; denn man reist,
Damit man lernt, was schön citiren heißt.)

 

48.

Der Lond'ner Winter und des Sommers Wonne
War fast vorbei. Es ist doch gar zu schad',
Daß, wenn Natur sich freut im Glanz der Sonne,
Man in der Stadt noch nimmt sein Schweißesbad,
Bis Nachtigall verstummt wie eine Nonne,
Daß man Debatten hören muß, die fad,
Und erst so spät ans Land zu denken wagt,
Denn im September erst beginnt die Jagd!

 

49.

Ich bin zu End'. Die Welt war nun auf Reisen,
Die vierzighundert Götter dieser Erd',
Sie wollten nun, was sie »allein sein« heißen,
Das heißt mit dreißig Dienern, und beehrt
Mit noch mehr Gästen, die splendid zu speisen
Man täglich mit so viel Couverts beschwert.
Ja Englands Gastfreundschaft sei nicht geschmäht,
Die Quantität wächst hier zur Qualität!

 

50.

Lord Henry auch und Lady Adeline
Begaben sich, wie die Genossenschaft,
Nach ihres Schlosses traulichem Kamine.
Es war ein Gothensitz uralter Kraft,
Denn ihr Geschlecht ging bis in die Pipine,
An Helden reich und Schönen zauberhaft.
Die Eichen waren wie der Stammbaum alt,
Und jeder Baum als Heldendenkmal galt.

 

51.

In jeder Zeitung stand die wicht'ge Kunde,
Daß sie verreist. Dies ist moderner Ruhm!
Nur Schade, daß er fließet aus dem Munde
Von Redacteur's und andrem Schreiberthum
Und noch verwehet in derselben Stunde.
Die Morning Post zuerst trug es herum:
»Heut' abgereist nach ihrem Landsitz hin,
Lord Admundeville und Lady Adelin'.

 

52.

»Der hohe Wirth will, wie wir heut' erfahren,
In diesem Herbste eine schöne Zahl
Von auserlesnen Freunden um sich schaaren,
Worunter auch den Herzog Derenthal,
– Die Jagd soll besser dort sein als seit Jahren –
Und andre Herrn von Rang in seltner Wahl,
Wobei ein fremder Herr von Distinction
Von der geheimen russischen Mission.«

 

53.

So ward – wer darf der Morning Post mißtrauen?
(Die Sätze, wie die neununddreißig, schreibt, Die 39 Artikel der anglikanischen Hofkirche, welche man bei verschiedenen Gelegenheiten beschworen mußte.
Die die beschwören, die drauf Häuser bauen)
Der span'sche Russe denen einverleibt,
Die, wie uns Pope sagt, »unternehmend kauen.«
Dies ist so wahr, als es auch seltsam bleibt.
Im letzten Kriege sprach man wirklich mehr
Von den Diners, als von dem ganzen Heer.

 

54.

Zum Beispiel: »Donnerstags war hier ein Essen,
Anwesend war Lord A und B und C.«
Als wären lauter Helden dagesessen!
Und auf dem gleichen Blatt mit dem Diner
Hieß es: »Heut' kommt, fast hätten wir's vergessen,
Das Klopfer-Regiment, deß Renommée
Bekannt, und das so viel in letzter Schlacht
Verlor; die Lücken sind nun voll gemacht.«

 

55.

Nach Norman Abbey ward das Paar getragen,
Einst einem Kloster, jetzo Herrenhaus,
Von einem Stil, den, wie die Künstler sagen,
In solcher Gothik, reich und hehr und kraus,
In England man nur selten noch sieht ragen.
Es streckte sich am Fuß der Höhen aus,
Weil einst der Abt gern seine Frömmigkeit
Vor Wind und Wetter bracht' in Sicherheit.

 

56.

Es war erbaut in einem heitern Thale,
Von Wald gekrönt, wo der Druiden Baum
Wie Caractacus mit erhobnem Stahle,
Als er sein Heer gesammelt, stand am Saum;
Und unter seiner Zweige Prachtportale
Erschien das Waldthier in dem freien, Raum.
Da flog der Hirsch, so bald der Tag erwacht,
Zum Bach hinab und löscht' den Durst der Nacht.

 

57.

Ein lichter See lag vor dem Edelsitze,
Durchsichtig, tief und immer frisch genährt
Von einem Fluß, der seiner Strömung Blitze
In's stille Wasser täglich ausgeleert.
In Busch und Schilfe, in des Baumes Ritze,
Saß Vogelbrut, die sich hier still vermehrt.
Der Wald hing abwärts bis zu Seees Rand,
Sein grün Gesicht war nach dem Fluß gewandt.

 

58.

Der mündete in einer Prachtcascade,
Die niederschoß zu wildem weißen Schaum
Und dann allmählich in gering'rem Grade
Fortkräuselte in eines Bächleins Raum,
Und weiter floß das Wasser seine Pfade,
Bald helle schimmernd, bald durch Busch und Baum
Versteckt sich windend, jetzo weiß, jetzt blau,
Je nach dem Abglanz von des Himmels Au'.

 

59.

Vom Gothenbau stand noch ein Rest zur Seite
Aus jener Zeit, da man katholisch war,
Ein großer Bogen, der in seiner Weite
Einst manchen Flügel barg und Hochaltar.
Sie sind dahin, in längst verklungnem Streite!
Der Bogen aber rührt noch immer dar,
In seinem Anschaun trauert jede Brust
Um manches Edeln, Würdigen Verlust.

 

60.

In einer Nische, wo der Thurm gestanden,
Da thronten einst zwölf Heilige in Stein,
Sie fielen nicht, als jene Mönche schwanden,
Nein! als der Krieg, der Karl'n gestürzt, trat ein,
Wo sie als Festung jedes Schloß verwandten,
Wie uns erzählet manch gebrochner Schrein,
Und mancher Ritter, der für Fürsten focht,
Die weder herrschen – noch entfliehn vermocht.

 

61.

Von höh'rer Nische unter einer Krone,
Schaut noch die Mutter Gottes still herab,
Sie lächelt nieder mit dem kleinen Sohne.
Als Alles um sie niedersank ins Grab,
Blieb sie zurück auf ihrem hohen Throne,
Von wo dem Platze sie die Weihe gab.
'S mag Schwäche sein, doch jede heil'ge Spur
Erweckt den Gott in unserer Natur.

 

62.

Ein mächtig Fenster, doch von leerem Rahmen,
Des buntgefärbten Glases ganz beraubt,
Durch das dereinst die hohen Glorien kamen,
Die von der Sonne Gold herabgestaubt,
Gähnt jetzt zerrüttet und des Windes: »Amen!«
Braust lauter bald, bald leiser uns um's Haupt.
Die Eule singt, wo still die Sänger ruhn,
Mit ihren Chören in den eichnen Truhn.

 

63.

Doch wenn des Vollmonds Strahlen sie bekrönen,
Und sanfte Lüfte von dem Himmel wehn,
Dann klagt es hier in überird'schen Tönen,
Wie zarte, musikalische Idee'n,
Die hoch und tiefer durch den Bogen stöhnen.
Sie scheinen aus dem Echo zu entstehn,
Das von dem Wasserfalle kommt und geht
Und Harmonieen durch den Chorgang weht.

 

64.

Vielleicht daß dies der Bauart schon entflossen,
Daß dem Verfall erst eine Form entsprang,
Die (wie vom heißen Sonnenstrahl begossen,
Einst Memnons Säule harfengleich erklang)
Den grauen Trümmern einen Ton erschlossen,
Der uns mit seinem süßen Zauber zwang.
Ich weiß es nicht. Doch wahr ist dieses Spiel,
Ich hab's gehört – nur ach! vielleicht zu viel.

 

65.

Ein goth'scher Brunnen stand in Hofes Mitte,
Mit seltnem Schnörkelwerke ausgeschmückt;
Verlarvte Köpfe von curiosem Schnitte
Und Heilige und Alles, was verrückt.
Das Wasser floß nach jener alten Sitte
Aus Marmormäulern nieder und zerstückt'
In tausend Bläschen in der Schale Kreis,
Wie Menschenruhm und Menschen Müh' und Schweiß.

 

66.

Das Haus war groß, ehrwürdig anzuschauen,
Mehr Kloster noch als sonst im Land herum,
Der Kreuzgang war noch ganz und fein behauen,
Die Zellen auch, das Refectorium;
Und die Kapelle schien aus höhern Auen,
Ein herrlich, kostbar altes Heiligthum.
Der Rest ward umgebaut, zerstört, versetzt,
Und mahnt an Lorde mehr als Mönche jetzt.

 

67.

Erhab'ne Hallen, lange Galerieen
Und große Zimmer, regellos gereiht,
Entlockten Kennern keine Sympathieen;
Doch war auch unfein manche Einzelnheit,
So mußte doch das Ganze mächtig ziehen,
Wo nur das Herz gegeben den Entscheid.
Wir staunen oftmals einen Riesen an
Und fragen nicht, ob Alles richtig dran.

 

68.

Erst eiserne, dann schmelzbare Barone,
Dann seidne Grafen mit dem Hosenband,
Und Lady Mary's mit der Lockenkrone,
Wie frisch erblühend, schauten von der Wand,
Auch manche reife, stattliche Matrone
In seidner Robe und schmuckem Perlenband,
Von Peter Lely's Schönen manch' ein Paar,
Woran der Stoff, wol zu bewundern war.

 

69.

Da waren Richter auch im Hermeline,
Mit Stirnen, wo der Angeklagte las,
Die Lordschaft denke, daß er wol verdiene,
Von dem Gericht der Strafe ganzes Maß;
Bischöfe dann ohn' alle Rednermiene
Und Staatsanwälte streng wie Satanas,
An denen mehr von Sternenkammer sprach,
Als Habeas corpus (meiner Ansicht nach).

 

70.

Gen'rale, theils geharnischt wie vor Zeiten,
Da Blei noch nicht des Kampfes harter Kern,
Theils mit Perrücken aus Lord Marlb'rough's Streiten,
Gewaltiger als jetzt ein Dutzend Herrn,
Auch Stutzer mit lackirtem Stock zum Reiten
Und Jäger hoch zu Roß mit Hut und Stern,
Und hie und da ein strenger Patriot,
Der statt ein Amt, erreicht nur schwere Noth.

 

71.

Doch da und dort, um unser Aug zu laben,
Wenn es ermüdet von dem Ahnenglanz,
War auch eine Dolce, Tizian zu haben
Und von Albano ein fideler Tanz,
Ein Salvatore, Salvator Rosa. wild und schwarz wie Raben,
Ein Meer von Vernet, Licht und Leben ganz,
Ein Märtyrer, wo Spagnoletto's Wuth
Den Pinsel tauchte in der Heil'gen Blut.

 

72.

Hier dehnten sich Claude Lorrain's holde Auen,
Dort hob sich Rembrandt's wunderbares Licht,
Dort ließ der düstre Caravaggio schauen,
Wie sich ein Klausner seine Semmel bricht,
Hier aber Tenier's lust'ge Bursch' und Frauen
In einer Scene, die zum Herzen spricht.
Wie macht sein voller Becher mir auf Ehr',
Ein deutsches Durstgefühl – He Rheinwein her!

 

73.

O Leser, wenn du lesen kannst – und wisse,
Das Buchstabiren ist noch nicht genug
Zum Leser sein; es gibt Erfordernisse,
Die du und ich erringen nicht im Flug –
Zuerst beginne mit dem ersten Bisse,
(Wie hart!) Dann lese weiter Zug um Zug,
Und drittens fang' nicht hinten an; wenn je,
So ende mit dem Anfang der Idee.

 

74.

Doch, Leser, du hast schon Geduld bewiesen,
Als ich verwegen in die Kreuz und Quer
Den Grund gelegt, und so den Zaum ließ schießen,
Daß mich Apoll' hält für 'nen Auctionär.
Doch daß von je die Dichter überfließen,
Ergibt sich aus der Schiffslist' des Homer;
Zwar ein moderner muß bescheiden sein,
Ich schweig' also von Silberzeug und Schrein.

 

75.

Es kam der Herbst mit seiner süßen Milde
Und mit ihm die Gesellschaft, die's versprach.
Das Korn ist weg, das weite Gut voll Wilde,
Es jagt der Hund, der Jäger rennt ihm nach;
Im rothen Fracke geht's durch die Gefilde,
Man schießt so viel, daß fast der Ranzen brach.
O nußbraun Rebhuhn, glänzender Fasan!
O Wilderer! dich, Schuft, geht es nicht an.

 

76.

Zwar zeugt der Herbst hier nicht die goldnen Reben,
Die längs der Pfade ihren Bacchuskranz
Von rothen Trauben in Guirlanden weben,
Wie in den Ländern mit des Südens Glanz.
Dafür ist uns der feinste Wein gegeben,
Der lichte Claret und Madeira ganz.
Drum, wenn man klagt, daß es hier grau und blaß,
So denkt, der beste Weinberg ist das Faß!

 

77.

Und ward uns nicht die sanfte heitre Neige,
Die einen Herbsttag in dem Süden malt,
– Wie wenn sich jetzt ein zweiter Frühling zeige,
Kein düstrer Winter farbenlos und kalt –
So ist das Haus doch stets auf grünem Zweige,
Sein Kohlenfeuer schafft uns Wärme bald;
Auch außen ist's noch lange nicht so todt,
Was fort an Grün, ersetzt uns Gelb und Roth.

 

78.

Statt jener weichlichen Villeggiaturen,
Wo Hörner mehr, als lust'ger Hunde Schaar,
Hat es die Jagd, die köstlichste der Kuren,
Die einen Heil'gen lockte vom Altar.
Selbst Nimrod ließ der Dura weite Fluren In Assyrien.
Und suchte hier im Jagdrock die Gefahr;
Und hat's nicht Bären, hat's doch Vieh genug,
Das man hier jagen könnt' mit Recht und Fug.

 

79.

Die edeln Gäste der Abtei bestanden –
Der Vortritt sei dem zarteren Geschlecht –
Aus einer Herzogin von den pikanten,
Sie hieß Fitz Fulke und rauchte sich nicht schlecht,
Aus einer Crabby, die sie Gräfin nannten,
Den Ladies Scilley, Busey, schlecht und recht,
Frau Rabbi ferner und Frau Sleep, die zwar
Wie Lamm aussah, jedoch ein Schaf nur war;

 

80.

Nebst ein'gen andern Dämchen – doch von Range,
Der Hefe und dem Rahm der feinen Welt,
Wie Wasser, das aus dunklem Wolkenhange
In einen Teich gereinigt niederfällt,
Und Noten, die die Bank uns macht zu Klange.
Das Wie? thut nichts! ihr jetz'ger Rang erhellt
Das dunkle Vorher; die Gesellschaft pflegt
Auch Toleranz wie Frömmigkeit sie hegt.

 

81.

Das heißt, bis zu 'nem Punkte, der von allen
Der schwierigste in der Punktirung ist;
Der Schein ist das Charnier in jenen Hallen,
An dem man sich bequem nach Oben hißt.
Nie wird der Ruf: Fort, Hexe! dort erschallen,
Weil nie Medea ohne Jason ist,
Und weil, wie schon Horaz sagt und Pulci,
Omne tulit punctum quae miscuit utile dulci.

 

82.

Ich kann ihr Recht hier nicht genau gestalten,
Es schmeckt etwas nach einer Lotterie;
Oft sah ich eine Keusche schlecht gehalten
Durch alle Ränke einer Coterie;
Und eine Quasi-Dame kühnlich schalten
Und sich behaupten in der Welt, gleich wie
Die Siria, Der Stern der Metzen. die durch die Sphären blitzt –
Kaum durch ein Lächeln obenhin geritzt.

 

83.

Ich habe mehr gesehn als ich mag sagen.
Doch schauen wir nach unsrer Herbstpartie;
Sie mochte dreiunddreißig wol betragen,
Braminen nur, Erzaristokratie!
Ich kann mich nicht mit allen Namen plagen,
Wie Reim und Zufall wollen, nenn' ich sie
»Spritzweise,« wie man sagt. Darunter war
Auch manches ausgeflogne Irenpaar.

 

84.

Da war Paroll, der Raufbold von Gewerke,
Der seine Schlachten im Senate ficht,
Und eingeladen zeiget seine Stärke,
In Wortfraß mehr als in der Kriegsgeschicht',
Der Dichter Zwingreim, dessen Dichterwerke
Sechs Wochen alt und noch von schwachem Licht;
Lord Pyrrho dann, der große freie Geist,'
Und Eimerfaß, der gar auf's Trinken' reist.

 

85.

Dann Herzog Puff, der Herzog stets gewesen,
Ja Herzog jeder Zoll; zwölf Pairs sodann,
Wie Karls des Großen, und so auserlesen
An Blick und Geist, daß Niemand wagen kann,
Sie zu mißkennen als gemeine Wesen;
Die Fräuleins Grünfeld, ein hübsch Sechsgespann,
Voll von Gefühl und Sang, mit Sympathie
Nicht für das Kloster, nein, für die Pairie.

 

86.

Dann kamen vier sehr ehrenwerthe Gäste,
Wo Ehr' mehr vor als hinterm Namen war,
Der Chevalier von dem Pfiff, von leichtem Weste
Hierher geweht aus Frankreichs Ritterschaar;
Sein Haupttalent bestand in Wort und Geste.
Es fand der Club ihn allzu pfiffig zwar,
Weil seiner magischen Gewalt, wie's schien,
Der Würfel selbst nicht konnte sich entziehn.

 

87.

Da war Dick Zweifler, der sein Studium machte
Aus Mittagessen und Philosophie;
Dann Winkel, der in Mathematik dachte,
Und Becherschnapp, das große Renngenie,
Der Pastor Hängekopf, der im Verdachte,
Er hass' die Sünder, doch die Sünde nie,
Und Lord Augustus Fitz Plantagenet,
Zu Allem gut, am besten zu 'ner Wett'.

 

88.

Da war Jack Jargon, dieser Garderiese,
Und Gen'ral Feuernas berühmt im Feld,
Ein Tactiker und stark mit Schwert und Spieße,
Er fraß mehr Yankee's auf, als er gefällt;
Dann Folterwitz, der Großherr der Verliese,
Der lose Richter, der von Witzen schwellt
Und wenn er über Einen Urtheil spricht,
Zum Troste noch ein Späßchen drein verflicht.

 

89.

Ein Schachspiel ist die feine Welt; es zieren
Sie König, Bischof, Ritter, Bauer, Thurm,
Die Puppen müssen selbst den Draht regieren,
Selbst unser Punch ist so ein armer Wurm,
Doch meine Muse will sie nicht geniren,
Noch auf sie richten einen scharfen Sturm.
Sie flattert nur! Wenn Stechen ihr behagt',
Dann gab's wol Laster, die sie schwer geplagt.

 

90.

Doch ich vergaß – und darf ihn nicht vergessen
Den letzten Redner unserer Session,
Der eine Rede glatt und wohl bemessen,
Noch von sich gab als jungfräulichen Ton.
Noch säuselte sein Echo durch die Pressen,
Denn großen Eindruck machte der Sermon.
Es war, wie man sie täglich macht und – stiehlt,
»Die beste Erstlingsred', die je man hielt.«

 

91.

Stolz auf die »Hört!« und seines Votums Stärke
Und die verlorne Rednerjungferschaft,
Auf die Gelahrtheit (aus manch fremdem Werke)
Stieg er daher in Ciceron'scher Kraft,
Mit 'nem Gedächtniß, stark durch viele Merke,
Mit Witz genug zu einer Zote Saft,
Mit großer Frechheit, kleinerem Verstand,
Kam er als Stolz des Landes auf das Land.

 

92.

Auch kamen hier zwei Witzlinge geflogen,
Rauhhaar aus Irland, Glatthaar von dem Tweed,
Zwei Advocaten und nicht schlecht erzogen;
Doch Glatthaar's Witz war fein von Klang und Glied,
Rauhhaar's fuhr hin auf wilden freien Wogen,
Gleich einem Roß auf seinem Weid'gebiet,
Nur stolpert' er oft über einen Stein,
Doch Glatthaar's Arbeit durfte Cato's sein.

 

93.

Glatthaar glich dem Klavier, wenn frisch besaitet,
Rauhhaar war einer Aeolsharfe gleich,
Wenn Himmels Stürmen durch die Saiten gleitet
Und musicirt, wie aus dem Zauberreich;
Die Worte Glatthaar's waren wohl bereitet,
Die Phrasen Rauhhaar's nur oft allzu reich.
Der war geborner, der erzogner Witz,
Hier war im Herzen, dort im Kopf der Sitz.

 

94.

Erscheint dies auch als ziemlich bunte Masse
Für einen Kreis von Freunden auf dem Land,
So ist doch wol ein Muster jeder Classe
Mehr als ein schläfrig Duo amüsant.
Die schönen Tage jener Narrenrasse
Aus Congrève, Molière halten nicht mehr Stand,
Und die Gesellschaft ist so gleich und glatt,
Daß Rock und Wesen Einen Schneider hat.

 

95.

Das Lächerliche bleibt im Hintergrunde,
'S ist lächerlich und auch nicht minder dumm,
Der Stand ist nicht mehr standsgemäß zur Stunde,
Die Narrheit selbst gibt keine Früchte drum,
So groß auch immer unsre Narrenrunde,
Sie ist steril, und selbst geschüttelt, stumm;
Ja, die Gesellschaft scheint ein zahmer Chor,
Wo Esel Baß und Esel's Sohn Tenor.

 

96.

Jedoch vom Schnitter werd' ich Aehrenleser
Und such' der Wahrheit karge Aehren mir;
Doch sammelst Meinungen, du lieber Leser,
So bin ich Ruth, den Boas laß ich dir.
Gern sagt' ich mehr, doch heil'ge Ohrenbläser
Verbieten mir's. Ich war noch Knabe schier,
Da rief Frau Adams: unsre Heil'ge Schrift
Sei außerhalb der Kirche eitel Gift. Frau Adams sagte Herrn Adams, es sei Gotteslästerung, außerhalb der Kirche von der Heiligen Schrift zu sprechen. – Dieses Dogma wurde ihrem Manne zugeschoben, dem besten Christen, der in irgend einem Buche vorkommt. – Siehe Joseph Andrews von Fielding.

 

97.

Doch stoppeln wir in dieser Zeit der Spreue,
Erstoppeln wir auch selten gutes Korn.
Da fällt mir ein ein tapfrer Plauderleue,
Kit Cat, der große Unterhaltungssporn,
Der jeden Tag ein Blatt, mit seltner Treue
Zusammen schmiert als abendlichen Born.
»O hört ihn!« – »Armer Geist! Hamlet. Wie manche Pein
Erwartet den, der Witz studirte ein.

 

98.

Erst muß er das Gespräch durch Schlangenpfade
Hinlocken, wo sein Witzwort fallen soll,
Dann muß er stets verharren in Parade
Und darf den Hörern schenken keinen Zoll,
Ja eine Elle nehmen ohne Gnade,
Und drittens niemals fallen aus der Roll',
Wenn ihn ein Schwätzer auf die Probe stellt,
Und keck entgegnen, wie es eben fällt.

 

99.

Lord Henry war der Wirth und seine Dame,
Die Gäste waren, die wir angeführt;
Ihr Tisch schwamm so in leckerhaftem Rahme,
Daß Geister kämen, hätten sie's erspürt.
Doch sprech' ich nichts von all dem Bratenkrame,
Obwol das alle Menschen sehr berührt,
Und unser Glück – seit Eva Aepfel aß –
Wir Hungerleider! sehr besteht in Fraß.

 

100.

Beweis das Land, wo Milch und Honig flossen,
Das man den Juden vor die Nase hielt!
Hierzu ist nun die Lieb' zum Geld gestoßen,
Die einz'ge Lust, die wirklich was erzielt.
Die Jugend flieht und nimmt uns unsre Rosen,
Auch die Geliebten haben ausgespielt.
Doch ach! das Gold, wie theuer ist's uns doch!
Wer's nicht mehr brauchen kann, mißbraucht es doch.

 

101.

Früh' hoben sich die Herrn, um was zu jagen,
Die Jungen, weil sie liebten Jagdeslust,
(Nach Spiel und Obst, zuerst nach ihr wir fragen);
Die Aelteren, weil sie sich wol bewußt,
Wie schwer die Langeweile zu ertragen,
Dies englisch Pflänzchen tief in unsrer Brust,
Für das der Name kam aus Frankreichs Flur.
Was thut das Wort, bleibt uns die Sache nur!

 

102.

Im Büchersaale bummelten die Alten
Und blätterten, beschauten Plan und Bild,
Indessen Andre in dem Garten wallten,
Im Treibhaus und im offenen Gefild;
Auch Klepper ritten, die für träge galten,
Und Blätter lasen, die gar sanft und mild.
Dann haftete ihr Auge an der Uhr:
Ob denn von Sechs noch immer keine Spur.

 

103.

Doch Keiner war genirt, bis zu der Stunde,
Wo alle Welt zu Tisch die Glocke rief.
Bis dahin konnten sie in Freundesrunde
Und einsam sehen, wie die Zeit verlief,
Die Wenige genießen doch im Grunde.
So lang er immer wollte, Jeder schlief;
Dann konnt' er sich in Muße kleiden an
Und Frühstück nehmen ganz nach seinem Plan.

 

104.

Die Damen thaten morgens nach Belieben:
Die schminkte sich, die blieb doch lieber blaß,
Die ritten fort, zu Haus die Andern blieben,
Man las, man sang, man schwatzte dies und das
Vom letzten Ball, wo man sich umgetrieben,
Von Modeputz, von Hüten, Schleifen, Gas;
In einen Brief stopft man der Bogen zehn
Und macht zu neuem Schuldner Den und Den.

 

105.

Denn Ein'ge hatten Liebste, Freunde alle,
Nichts gibt's auf Erden, wie 'nen Frauenbrief,
Im Himmel kaum! Er schließt in keinem Falle.
Ich liebe solch ein Frauenlogogryph,
Nie nennen sie ihr Ziel, trotz allem Schwalle;
Und wie Ulyß den armen Dolon rief,
So locken sie voll List. Nehmt euch in Acht!
Wenn ihr euch arglos an die Antwort macht.

 

106.

Da gab es Billards, Karten – Würfel keine.
– Nur in dem Clubhaus spielt' der Ehemann.
Man fuhr in Booten oder warf die Leine,
Bis harter Frost die Wasser that in Bann,
Und auch das Laster, das man übt alleine:
Das Angeln, das kein Walton heil'gen kann. Ich hätte ihn wenigstens Menschlichkeit gelehrt. Dieser sentimentale Wilde, welchen zu citiren (unter den Novellisten) Mode ist, um ihre Sympathie für unschuldige Liebhabereien und alte Lieder zu zeigen, lehrt im Anhang zu seiner Angelkunst, der grausamsten, nüchternsten und abgeschmacktesten aller Liebhabereien, wie man Frösche verfolgt und ihnen die Beine bricht. Diese Herren mögen von der Schönheit der Natur schwatzen, aber der Angler denkt nur an seine Fische; er hat keine Zeit, um vom Wasser aufzublicken, und ein einziger Biß ist ihm mehr werth, als das ganze Schauspiel rings umher. Ueberdies beißen manche Fische an Regentagen am besten. Der Fang des Walfisches, des Hai's und des Tunfisches hat noch etwas Edles, Ritterliches, selbst der Netzfischfang ist menschlicher und wenigstens nützlich. Aber das Angeln! Ein Angler kann kein guter Mensch sein.

»Einer der besten Menschen, die ich kannte, ein so zartfühlendes, edles, treffliches Wesen, als ich je eines kannte, war ein Angler. Er angelte allerdings mit gemalten Fliegen und wäre unfähig gewesen, solche Ausschreitungen zu begehen, wie Walton«.

Ein Freund von mir hat in meinem Manuscript diesen Zusatz gemacht. Audi
alteram partem.
Er möge meine Bemerkung in der Wage halten.
O hätte doch der Narr in seinem Schlund
'Nen Haken mit Forellen von sechs Pfund.

 

107.

Am Abend kam das Mahl und um die Wette
Weinflasche, Unterhaltung, Einzelnsang
Von Götterstimmen, die geschenkt ich hätte,
Wenn ich dran denke, wird mir angst und bang.
Vier Fräulein Grünfeld sängen gern Quartette,
Doch die zwei jüngsten liebten Harfenklang,
Weil neben der Musik noch – o der Scham! .
Hand, Nacken, Arm zur vollen Geltung kam.

 

108.

Manchmal wird auch getanzt (doch nicht an Tagen,
Wo man gejagt, die Herrn sind dann zu müd),
Da sieht man die Sylphiden lieblich jagen
Und liebliches Geplauder grünt und blüht,
Man macht die Cour, man rühmt – doch ohne Wagen –
Die Reize, die vorhanden und verglüht.
Die Jäger leben nochmals durch ihr Glück
Und ziehn sich nüchtern dann um zehn zurück.

 

109.

Die Herrn der Politik in einer Ecke,
Besprachen und regierten klug, die Welt,
Die Witz'gen harrten immer im Verstecke,
Bis sich für ihre Pfiffe bot ein Feld.
Nicht Viele leben solchem biss'gen Zwecke,
Oft wird ein Witzwort lange kalt gestellt,
Bis loszuschießen naht der Augenblick
Und dann noch bricht 'ne Dummheit ihm's Genick.

 

110.

Doch Alles was nur frei und hoch geboren,
Ist hier vereint in größter Artigkeit,
Zwar glatt und kalt wie att'schen Marmor's Poren,
Nichts von Squire Western aus der alten Zeit,
Die Sophie's nicht in Pathos mehr verloren,
Doch schön wie einst, ja schöner ohne Streit,
Die Lumpen fehlen von Tom Jones' Modell
Und unsre Herrn sind steif wie eine Ell'.

 

111.

Man trennte sich sehr frühe – das will sagen
Vor Mitternacht – in London ist's Mittag!
Doch auf dem Lande sucht man mit Behagen
Sein Bett schon auf zur Geisterstunde Schlag.
Nun schlummert sanft, ihr Blumen, auf dem Schragen,
Die Rose nun auf's neu' erblühen mag!
Am schönsten malt die Wangen früher Schlaf,
Dann sinket auch der Schminke Preis recht brav.

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