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Georg Letham

: Georg Letham - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleGeorg Letham
publisherSuhrkamp Taschenbuch Verlag
seriessuhrkamp taschenbuch
volume648
editor
year1980
firstpub1931
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101226
projectid2b98a25a
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Es bleibt uns unvollkommenen Menschen nicht erspart, entweder als Angeklagte, oder als Zeugen dem noch viel unvollkommeneren Weltprozeß beizuwohnen. Grausamkeit und Sinnlosigkeit sind das Ergebnis unserer Erfahrungen, und diese Beobachtungen wiederholen sich während der kärglichen Zeit unseres Daseins zum Überdruß. Dieser Grundwissenschaft gegenüber stellt sich keiner blind. Ewige Not des Einzelnen, vergeblich durch rücksichtslosen Kampf aller gegen alle bekämpft, – Schmerz, Leid der Seele, Qual des Körpers in unvorstellbarem Ausmaß, und dabei idiotische Kraft – und Materialvergeudung der Natur in dieser wohlgeordnetsten aller Welten –, wer soll daraus klug werden?

Klug werden, wissend werden – man versucht es vom ersten bis zum letzten Tage – versucht es und erreicht es nie. Was soll ein denkender und willenskräftiger Mann also dann anstreben außer dem augenblicklichen Genuß? Und was kann denn dieser Genuß anderes sein als ein Rausch, den man, will man ihn wiederholen, ein jedesmal mit viel größeren Mengen des Rauschmittels herbeizwingen muß? Muß man aber jedesmal von neuem immer brutalere Anstrengungen machen, um sich das Dasein auch nur erträglich zu gestalten, dann wird jener Augenblick sehr bald gekommen sein, in welchem man sich gegen das Gesetz der Sozialität und menschlicher Solidarität vergeht, da man in die Rechte der anderen rücksichtslos eingreift, und nichts ist natürlicher, als daß sich diese anderen dagegen wehren und den Rechtsverbrecher unschädlich zu machen versuchen.

Die tiefe und wahrhaft schauerliche, katastrophale Unordnung und Sinnlosigkeit der Natur und der Umwelt, das, was wir in der naturwissenschaftlichen Welt das Pathologische, in der sittlichen Welt das Verbrecherische nennen, sie bleiben bestehen, sie rühren sich im Laufe der Zeiten und Begebenheiten nicht fort aus ihrer Existenz, und die Miene der Natur, die Struktur der Gesellschaft, sie behalten auch nach den furchtbarsten Katastrophen den Ausdruck des tierischen, stupiden Ernstes nach wie vor. Niemand außer dem bemitleidenswerten, weil denkenden Menschen aber ist gezwungen, dies alles wissend und begreifend mitansehen zu müssen. Füge dich in die Gesamtheit ein! Aber wie? Staaten sind stupid wie Einzelne. Setze deine Kräfte ein! Hilf! Versuche zu ändern! Ändern? Aber wo?! Könnte man doch nur helfen! Aber in neunhundertneunundneunzig Fällen von tausend versagt die Kraft des Einzelnen. Könnte man wenigstens an eine übersinnliche Ordnung der Welt glauben, an einen großen Gedanken sich anklammern, heiße er nun Jesus Christ oder Vaterland oder – Wissenschaft!

Schönheit, Frieden, Harmonie – alles das ist auch nur ein Rausch. Etwas Halt gewinnt der Einzelne nur durch Reichtum und Wissen.

Zum Helfen zu schwach und zum Glauben von Kindesbeinen an unfähig gemacht, allen antisozialen Trieben meines Innern (der Erbsünde?) ausgeliefert, von den Mitmenschen niemals durchschaut und daher im tiefsten Grunde stets allein; von inneren Widersprüchen hin- und hergeschüttelt wie ein Malariakranker zwischen Untertemperatur und Übertemperatur, zwischen Gluthitze und Fieberfrösteln – Ansätze zu wissenschaftlicher Forschung im Kopfe, aber keine Hoffnung in der mit jedem Jahr nur älter, aber nicht reifer werdenden Seele, – ein Menschenleben auf dem Gewissen, aber kein eigentliches Gewissen in seinen, in sich selbst unauflöslichen, widerspruchsvollen Charakterzügen – das ist mein Ich? Nein nur ein Teil meines Ich.

Ja, ein solches Dasein nicht nur zum Teile, sondern in seiner Gänze zu beschreiben, das könnte vielleicht eine Aufgabe des modernen Romans sein.

Ist es nicht schon viel, daß ich mein Leben nicht nur durchgemacht habe, sondern es auch noch darzustellen versuche? Dieser Versuch braucht Kraft und Klarheit, mehr an Kraft und Klarheit vielleicht, als ich mir selbst zutrauen sollte. So entsteht, das fühle ich schon heute, schwerlich ein geschlossenes, alle Menschenherzen bewegendes Bekenntnis, ein alle Menschengehirne erleuchtendes Kunstwerk. Denn: ich muß vor allem fürchten, daß man mich nicht versteht und daß schon deshalb meinem Bemühen der Erfolg versagt bleiben muß.

Könnte ich nur alles Erlebte verständlich machen! Nur um diesen einen Punkt geht es. Aber versuchen will ich es. Mag es ein Experiment sein. Mein letztes vielleicht.

Einfach ist es nicht. Ich bin die handelnde und leidende Hauptperson in einem. Ein Wissenschaftler – ein Rechtsbrecher. Ein Arzt – ein Mörder. Beides vereint sich schwer. Irrtümer müssen notwendigerweise dazwischenliegen. Irrtümer aber wahrheitsgetreu nachzuzeichnen, wird dies mir gelingen? Oder soll ich mich einfach damit begnügen, wiederzugeben, was meiner Ansicht nach vor sich ging? Auch die Regeln der Kunst sind mir fremd. In dem Alter, da ich dies schreibe, mit mehr als vierzig Jahren, werde ich diesen ästhetischen Gesetzen bei aller meiner merkwürdigen Liebe für das Schöne und für das in sich Vollendete, für das Vollkommene, kaum noch auf den Grund kommen. Meine Hand, nicht ungeschickt und ziemlich sicher bei Experimenten, versagt den Dienst zu solchen Künsten.

Ohne großen Glauben, ohne Optimismus mache ich mich ans Werk. Aber ohne Optimismus, gibt es da Realismus, gibt es ein Werk? Dennoch will ich es versuchen. Ich will mir selbst einen Spiegel vorhalten. Mit ruhiger Hand. Mit wissenschaftlich prüfendem Blick. Ohne Erbarmen gegen mich, so wie ich es nicht hatte gegen andere. Was ist der Mensch, daß sich der Mensch seiner erbarme?

Mehr ist nicht möglich. Vielleicht gestaltet ein anderer aus den Protokollen dieser »Experimente an lebenden Seelen« einen lebensechten Roman.

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