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Genrebilder aus einer kleinen Stadt

Ottilie Wildermuth: Genrebilder aus einer kleinen Stadt - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleWerke, I. Band (Bilder und Geschichten aus Schwaben, 1. Band)
authorOttilie Wildermuth
year1862
publisherVerlag von Adolph Krabbe
addressStuttgart
titleGenrebilder aus einer kleinen Stadt
pages7-10
created20030513
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1852
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Bilder aus einer bürgerlichen Familiengalerie.

I.
Der Schmuck der Urahne.

So schön ist mir in meinem Leben nichts wieder vorgekommen, wie mir als Kind die sogenannte Gaststube meiner Großmutter erschien. Dieses Prunkzimmer, noch etwas feierlicher als heutzutage ein Salon, war nicht zur Beherbergung von Gästen bestimmt, sondern wurde nur geöffnet, um die höchsten Familienfeste darin zu begehen; darum lag noch ein ganz besonders festlicher Hauch auf seiner Herrlichkeit. Es war nicht eben im Rococostyle möblirt, die Einrichtung war aus Stylen verschiedener Zeitalter zusammengesetzt. Da war eine künstlich eingelegte Kommode, die noch aus dem siebzehnten Jahrhundert stammte, reich beladen mit bemalten Tassen aus neuerer Zeit, die rührende Inschriften trugen, als: »zum Andenken aus treuem Herzen,« »aus Liebe und Dankbarkeit« u. s. w. Da waren allerlei Stickereien von der Hand dankbarer Nichten und junger Enkeltöchter, ein Fußschemel mit einem höchst mißlungenen Stück, das zwischen Lamm und Hund in der Mitte stand, ein riesiger Ofenschirm, worauf ein winziger Pfau gestückt war, prächtige Spiegel in altertümlichen Goldrahmen, moderne Stühle mit gestickten Blumenbouquets, und noch mehr solcher Prachtstücke.

Das Schönste aber, dessen Beschauung mir und meinem Bäschen selbst noch in reifern Jahren die meiste Freude machte, waren die zahlreichen Familienbilder, mit denen die Wände geschmückt waren, von der Zopfperiode und noch weiter zurück bis auf die neueste Zeit: alte Herrn mit Haarbeuteln und Buckeln, denen aus jedem Zug der behagliche Wohlstand eines Bürgers der guten alten Zeit blickte, jüngere Herren à la Werther in blauen Fräcken und gelben Westen. Viel vollständiger noch war die Frauengalerie, nur schien, wenn die Bilder getreu waren, Schönheit leider nicht zu den erblichen Vorrechten unseres Stammes zu gehören. Das reizendste Bild war immer das der Großmutter selbst, ein zierliches Lockenköpfchen, mit einem schalkhaften Strohhütchen bedeckt.

Die Großmutter pflegte auch unsere laute Bewunderung ihrer ehemaligen Schönheit äußerst wohlgefällig aufzunehmen, und wurde nicht böse über unsere ungläubige Verwunderung darüber, daß sie jemals so schlank gewesen. Sie war noch in hohem Alter eine schöne, stattliche Frau, aber von enormem Umfang.

Neben dem ihrigen hing das Bild der Urgroßmutter, schon in höherem Alter gemalt, aus deren Zügen der ungebeugt kräftige Geist sprach, der sie zur Heldin der Familie machte, von der ich euch später noch erzählen will.

Nach oder vielmehr vor zwei andern Ahnfrauen, von denen wenig zu sagen war, kam das Bild einer stattlichen Frau Pfarrerin, so ziemlich in der Jugendblüthe gemalt, mit überaus schlanker, spitz zugeschnürter Taille, sehr rothen Wangen, lächelnder Miene und einer ansehnlichen Habichtsnase; ihr Eheherr in geistlichem Ornat, der aussah wie ein Osterlamm, schaute mit ziemlich einfältigem Gesicht nach seiner Ehehälfte hinüber.

»Aber, Großmutter, wer ist denn die alte häßliche Frau im schwarzen Kleid, die über dem Ofen hängt?« fragten wir eines Tages, nachdem wir die vorstehenden Bilder besichtigt. »Wenn die auch zur Familie gehört, so ist das Geschlecht, wie es scheint, erst später in die Schöne gewachsen. Schade für den schönen Schmuck, den sie trägt! Und was sie für einen romantischen Namen hat!« Neben dem Bild stand mit sehr deutlichen Buchstaben geschrieben: »Fraw Anna Barbara Rumpelin, geborene Krummbeinin.«

»Häßlich?« rief die Großmutter; »o ihr einfältigen Dinger, da sieht man den Unverstand der Jugend! Sie war ja schon eine Frau bei Jahren, als sie gemalt wurde.« – »Aber, Großmutter, du bist ja auch alt, und bist doch viel schöner.« – »Ei was,« fuhr sie etwas besänftigt fort, »es kann nicht alle Welt schön sein, und mein Mann seliger hat mich auch nicht wegen der Schöne genommen. Wenn ihr nur Beide zusammen halb so viel Verstand hättet als eure Urahne, die Frau Rumpelin, geborene Krummbeinin! Seht ihr denn nicht, daß das ein grundgescheidtes Gesicht ist? Wenn ihr wüßtet, was diese Frau alles erlebt und durchgemacht hat, ihr wäret nicht so vorschnell. Und was ihren Namen betrifft, der euch nicht gefällt, so war das ein rechtschaffener und ehrbarer Name, und noch dazu ein recht angesehener. Wißt ihr, daß ihr Mann Vogt war, was dazumal noch vornehmer gewesen ist, als heutzutage ein Oberamtmann? Ich zweifle, ob es Eine von Euch so weit bringt. Doch wartet, ich will euch etwas zeigen von der Frau Ahne, die euch so häßlich vorkommt.«

Die Großmutter ging und kam bald zurück mit einem uralten Holzkästchen von absonderlicher Form, das die Jahrszahl 1658 trug. Auf dem Deckel war der König David abgebildet, der die Bathseba belauscht, aber mit dem allerhöchsten Anstand. Die Bathseba war sehr sittsam in die Tracht des sechzehnten Jahrhunderts gekleidet, welche auch die zahlreiche Dienerschaft trug, die auf dem Bild zu sehen war, und tauchte bloß die Spitzen ihrer Füßchen in's Wasser; auch der König David, mit der Krone und der obligaten Harfe versehen, trug unter dem Königsmantel ein geschlitztes Wamms und Pluderhosen. Daneben war die Inschrift angebracht:

David sust ein heilig Mann,
Bösen Lust nit zehmen kann,
Drumb begeht er ohne Scheu
Ehbruch, Mord, Verrätherei.

Dieses Kistchen öffnete die Großmutter und zog aus einem seiner verborgenen Schiebfächer ein Schmuckstück, dasselbe, das auf dem Porträt der Frau Rumpelin abgebildet war. Es war ein sogenannter Anhänger, ein Vögelein darstellend, in überaus schöner, kunstreicher Arbeit, in weißer Emaille, mit feinen Goldadern durchzogen und mit kleinen Rubinen geschmückt. Dieses zierliche Kleinod hing an einem feinen, schweren Goldkettlein, dessen außerordentlich fest ineinandergefügte Glieder mit der äußersten Gewalt auseinandergezerrt schienen.

»Davon gäbe es nun wohl eine Geschichte,« sagte die Großmutter, nachdem wir das Kleinod gehörig angestaunt hatten, »und wenn ihr mich nicht ärgern wollt mit euern naseweisen Bemerkungen, so dürft ihr die Schrift lesen, welche der Herr Pfarrer Schneck, ihr Tochtermann, nach Angabe der Frau Rumpelin, über die Geschichte des Schmucks aufgeschrieben hat.« – »Ei, warum hat sie die Frau Rumpelin nicht selbst aufgeschrieben?« – »Weil sie, wie dazumal die meisten Frauen, nur nothdürftig schreiben konnte.« – »Aber, Großmutter, in den Rittergeschichten haben es alle die Fräulein in einem Kloster gelernt.« – »Eure Urahne ist kein Romanfräulein und in keinem Kloster gewesen, sie war gut evangelischen Glaubens.« – »Aber die Geschichte, Großmutter – nicht wahr, es ist gewiß eine Liebesgeschichte?«

»Was Liebesgeschichte! Meint ihr, die Mädchen seien dazumal schon gewesen wie jetzt, wo sie im vierzehnten Jahr schon groß in Verlegenheit sind, was sie mit ihrem vollen unverstandenen – ja unverständigen – Herzen anfangen sollen? wo sie an ihrem sechzehnten Geburtstag schon gebrochene Herzen haben und deklamiren: fahret wohl, ihr goldgewebten Träume! und dereinst im vierundzwanzigsten noch recht froh sind, wenn sich ein Angestellter um sie bewirbt? Sie versichern dann sich selbst, der sei eigentlich ihre erste und einzige Liebe, und sie haben sich vorher nur in der Person geirrt. Nein, Kinder, die Geschichte von dem Schmuck unserer Urahne ist aus einer ernsthaften, betrübten Zeit, wo man nicht an solche Narrentheidungen dachte, wo man Noth hatte, sein Leben durchzubringen, und keine Zeit zu Liebesgeschichten.«

Endlich verstand sich die Großmutter dazu, uns das Dokument mitzutheilen, dessen Inhalt ich hier so treu als möglich wiedergebe.

Es war im Jahr 1658, als sich Herr Balthasar Rumpel, Vogt zu S., mit der ehrbaren Jungfrau Anna Maria, Tochter des Herrn Pfarrers Krummbein zu W., ehelich verlobte. Das Land war nach dem schrecklichen Krieg von Hunger, Seuchen und bitterlicher Armuth übel verheert, und vielfältig durch Marodeurs heimgesucht, die in Stadt und Land ungestört ihr Wesen trieben. Obgleich Pfarrer Krummbein selbst schwer gelitten hatte durch solch böse Zeiten. so thaten doch er und seine Tochter, was in ihren Kräften stand, den Bedürftigen aus ihrer Gemeinde mit Trost und Hülfe beizuspringen. Bei solcher Gelegenheit sah der Herr Vogt Rumpel, der von Amts wegen die zumeist heimgesuchten Oerter besuchte, die Jungfer Anna, und da er bald erkannte, wie tugendsam und verständig sie sei, so freite er in aller Form um sie bei ihrem Vater.

Herr Pastor Krummbein, der sich solcher Ehre nicht versehen hatte, willigte gar freudig ein, da er sein liebes Kind in so bedrängten Zeiten gern in der Obhut eines angesehenen Mannes wußte. Nicht also Frau Kunigunde Rumpelin, die Mutter des Vogts, eine stolze hoffährtige Frau, aus adeligem Geschlecht geboren, die längst bei sich beschlossen hatte, daß ihr Sohn wieder ein adelig Fräulein heimführen solle. Sie war sehr aufgebracht, daß derselbe eine arme Pfarrerstochter ehelichen wollte, und verweigerte beharrlich ihre Einwilligung zu dieser Heirath. So sehr dieß den Herrn Rumpel betrübte, der sein Leben lang ein gehorsamer Sohn gewesen, so wollte er doch nicht von seiner Liebsten ablassen, und hoffte ihr Verstand und ihre Tugenden werden noch das Herz der Mutter gewinnen. Solche Hoffnung erfüllte sich aber nicht, denn am 14. November des Jahrs 1658 starb Frau Rumpelin, ohne vorher ihren Sohn durch ihre mütterliche Einwilligung erfreut zu haben. Auf das Andringen seiner Braut schloß Herr Rumpel sein Ehebündniß mit ihr erst im Frühjahr des Jahres 1659, nachdem er seine Mutter gehörig betrauert hatte.

Als nun Jungfrau Anna am Morgen ihres Hochzeittages ihre Feierkleider zurichtete, überbrachte ihr der Bräutigam ein gar zierlich und köstlich gearbeitetes Kleinod, ein weißes Vögelein mit goldenem Gefieder von zierlicher Schmelzarbeit, das an einem schweren Goldkettlein hing, welches dicht am Halse schloß. Das Kettlein war so künstlich und fest geschmiedet, daß es durch keine Kraft und Geschicklichkeit der Welt eröffnet werden konnte, außer mit einer besonders dazu gearbeiteten Zitternadel, die dem Schmuck beigefügt war. Dieses Kleinod übergab er ihr mit den Worten: »Liebwertheste Jungfer Braut, lasset dies köstliche Kleinod, so ein Ahnherr meiner Mutter aus Welschland gebracht zum Geschmuck seiner Braut, und das derweile jedwede Braut unseres Hauses getragen, ein Symbolum sein der Liebe, die unsere Herzen also fest umschlingt, daß sie alleinig gelöst werden kann durch ein Werkzeug derselbigen Hand, die sie zusammen gefügt – durch den Tod, den uns dereinst der Herr sendet.«

Jungfrau Anna nahm ihres Liebsten Geschenk mit freundlichem Dank, aber dennoch machte ihr der Anblick des Geschmeides das Herz schwer, und sie entschloß sich nur ihm zu Liebe, es anzulegen. – Herr Rumpel hatte Juliane, die ehemalige Leibmagd seiner verstorbenen Mutter, gedingt. Als nun diese der Braut behülflich war bei ihrem Anzug, und eben das feine Kettlein festschloß um den Hals, sagte sie mit einem Seufzer: »Gebe Gott, daß dieses Geschmeide mehr Segen bringe, als die gestrenge Frau selige hinein gewünscht.« Wie die erschrockene Braut sie um den Grund solcher Rede befragte, vertraute ihr die Magd, daß die verstorbene Frau noch in ihrer letzten Stunde versucht habe, den Sohn von seinem Vorhaben abzubringen. Sie habe ihm aus ihrem Schmuck das Kettlein gereicht und ihn mit glatten Worten gebeten, dasselbe derjenigen Jungfrau zu übergeben, welche sie als Tochter erwählen wolle. Der Sohn aber habe ihr mit fester Stimme erwiedert: »Frau Mutter, ich werde das Geschmeide um den Hals der tugendsamen Jungfrau legen, die ich mir erwählet, und die Eurer Liebe und Eures Segens würdig ist.« Als ihn die Mutter so standhaft gesehen, habe sie ihn in großem Zorn entlassen, und nachdem er sich entfernt, mit zorniger Stimme gerufen: »So er das kostbare Geschmeid der Pfarrersdirn anhenket, so soll es ihr auch zum Fluch werden. Möge sie erwürget und erstickt werden mit dem Kettlein!« Und auf solch gottlose Reden sei sie unversöhnt verschieden.

Diese Mittheilung bekümmerte die Braut schwer; sie wollte ihren Herrn nicht betrüben durch Verschmähung seiner Gabe, und doch hatte sie ein entsetzliches Grauen befallen vor dem verwünschten Geschmeide, so daß sie nicht wagte, es anzulegen. Da hörte sie das einzige Glöcklein, das der Kirche aus dem Kriege geblieben war, wie es sie an den Altar rief, wo ihr Vater harrte, um ihr Ehebündniß einzusegnen. Und sie gedachte des allmächtigen Gottes, dessen Gnade höher stände, denn aller Menschen Zorn; sie befahl ihm ihren Leib und ihre Seele, und hieß die Magd das Kettlein schließen in Gottes Namen.

In Betracht der schweren Zeiten, unter denen ihr Ehestand begann, getröstete sie der Vater mit den Worten des Psalm: »Der Herr ist deine Zuversicht, der Höchste ist deine Zuflucht. Es wird dir kein Uebles begegnen, und keine Plage wird zu deiner Hütte sich nahen. Denn er hat seinen Engeln befohlen über dir, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen.« – In der bräutlichen Kammer aber vertraute Anna ihrem Herrn die grausige Geschichte, die ihr Juliane berichtet, und sie bat ihn inständig, er wolle mit ihr beten, daß durch Gottes Gnade der Fluch der harten Mutter von ihnen gewendet werde.

Sie erhoben ihre Herzen in brünstigem Gebet zu dem allmächtigen und allbarmherzigen Gott, der dereinst den Fluch gewendet von dem unschuldigen Weibe des Tobias, der den Fluch in Bileams Munde in Segen verwandelt hatte, daß er auch von ihrem Ehebund, der begonnen hatte in seiner Furcht und Liebe, den Unsegen abwenden wolle, den die Mutter in verblendetem Herzen über sie verhängt, daß er sich ihnen so gnädig erweisen wolle, daß ihnen dereinst vergönnt sei, der Mutter, die sie verflucht, den Segen in die Ewigkeit zu bringen. – Als sie nun so recht von Herzen gebetet hatten, da sahen sie einen ganz besonders hellen und klaren Stern, der gerade in ihre Kammer herein schien. Da ward es ihnen leicht und getrost um's Herz, und sie sahen fröhlichen Muthes ihrem Ehestand entgegen.

Es waren wohl zwölf Jahre nach dem vergangen und ihr einzig Töchterlein Barbara stand schon im eilften Jahre, als Herr Rumpel und seine Frau von der Kindtaufe bei einem befreundeten Schöppen zurückkehrten. Da erscholl urplötzlich das Geschrei: »die Rothmäntel, die Rothmäntel!« Herr Rumpel war kaum fortgeeilt, um Mannschaft aufzubieten gegen dieses wilde und grausame Kriegsvolk, von dem nur noch versprengte Horden im Land herum sengten und plünderten, als ein Haufe derselben in's Haus einfiel, die zwei Knechte niederstieß und anfing, zu plündern. Frau Anna nahm ihr Töchterlein auf den Arm, konnte aber nicht entkommen, sie ward mit den Mägden in eine Kammer gestoßen, bis das übrige Haus geplündert wäre.

Da saß sie nun mit ihrem Kind und den heulenden Mägden in tiefer Nacht und in großen Aengsten. Es wäre nicht schwer gewesen, in den Hof hinabzusteigen, aber da stand einer der Rothmäntel, um Wache zu halten. Plötzlich rief Barbara, die ihre Arme um der Mutter Hals geschlungen hatte: »Mutter, deine Kette! thu' deine Kette herunter! man nimmt sie dir sonst.« Nun gewahrte Frau Anna, daß sie noch in den Feierkleidern war und das Kettlein mit dem Kleinod am Halse trug, die Nadel aber, die es allein öffnen konnte, lag fern in ihrem Schmuckkästchen. Da gedachte sie mit Grausen und Entsetzen des Fluches ihrer Schwiegermutter, der sich nun erfüllen mußte; denn bei der Art und Weise dieser räuberischen Horden war nicht anders zu denken, als daß sie ihr den Schmuck vom Halse reißen und sie, da sie das Kettlein nicht öffnen konnten, elend erwürgen würden.

Während draußen der wüste Lärm tobte und sie nicht wußte, wo ihr Gemahl sei, während sie jeden Augenblick erwartete, die Rothmäntel werden in ihr Gemach eindringen, versuchten sie und die Mägde auf alle Weise, das Kettlein zu öffnen, aber es ging nicht. In dieser höchsten Todesangst hob sie ihre Augen gen Himmel, und ihr däuchte, sie sehe denselben Stern, der vor zwölf Jahren in ihre Hochzeitkammer geschienen. Da faßte sie wieder Muth, und unter Anrufung des göttlichen Beistandes riß sie an dem Kettlein mit aller Macht. Und siehe, die eisenfesten Fugen desselben gaben nach, und wunderbarerweise zog sich die Kette dergestalt, daß sie diese über den Kopf streifen konnte. So war sie von der größten Angst erlöst, und begann zu hoffen. Da sie die andern Gesellen ferne im Hause herumtoben hörte und den Hof leer sah bis auf ihren Hüter, versuchte sie, diesen mit dem Kleinod, dem die Mägde noch ihre Halsschnüre beifügten, zu bestechen, daß er sie ziehen lasse. Der Kerl, ohnehin grimmig, daß er an der Beute verkürzt werden sollte, ließ sich durch den Schmuck bewegen, die Frau mit Kind und Mägden durch das Fenster in den Hof entrinnen zu lassen. Freilich half ihm diese Beute nichts, denn er wurde noch in selbiger Nacht in einem Streit darüber von einem Gesellen erschlagen.

Frau Anna verbarg sich mit dem Kind in einem Keller, wo sie in beständiger Todesangst verharrten. Da, als der Morgen tagte, hörten sie auf einmal freudiges Geschrei und vernahmen Herrn Rumpels Stimme, der nach ihnen rief. Sie eilten aus ihrem Versteck in seine Arme. Es war ihm gelungen, ordentliche Militärmannschaft aufzutreiben, bei deren Anblick das Gesindel mit den eilig zusammengerafften Bündeln jählings die Flucht ergriff. Als nun einer der Rothmäntel mit seinem Pack an dem Kinde Barbara vorbeilief, sah sie der Mutter Kettlein daraus hervorhängen. Das kecke Kind riß darnach und erhaschte mit Einem Ruck die Kette mitsammt dem nun so wunderbaren Kleinod.

Groß war der Schaden, den die freche Streifbande der ganzen Stadt, und besonders dem Herrn Rumpel an Haus und Eigenthum zugefügt hatte. Durch den Fleiß und die Sparsamkeit seiner Frau und einen fast wunderbaren Segen wurde ihm aber Alles wieder reichlich ersetzt, und er und Frau Anna erfreuten sich in Frieden eines hohen Alters.

Das Kleinod, das sie in so große Gefahr gebracht hatte und hernach doch das Mittel zu ihrer Rettung geworden war, hat Frau Anna nie mehr getragen, nur auf ihrem Bilde ließ sie es zum Andenken noch schildern, und hat es sorgfältig aufbewahrt. Vor ihrem Tode übergab sie es ihrer Tochter mit dem feierlichen Beding, daß es für alle Zeiten als Eigenthum der ältesten Tochter in der Familie verbleiben und heilig verwahrt werden solle. Und wie die Mutter ihres Mannes einen Fluch gelegt hatte auf das Geschmeide, also legte sie nun den Segen darauf: so lange das Kleinod im Besitz der Familie ist, soll häuslicher Friede und Segen nicht von ihr weichen.

So lautete die Geschichte vom Schmuck der Urahne. Sie ist freilich nicht sehr romantisch, aber wahr. Die Großmutter entließ uns ziemlich ernst gestimmt; beim Abschied aber wandte ich noch einmal den Kopf: »Aber, Großmutter, es ist doch eine Liebesgeschichte dabei; wenn der Herr Rumpel nicht in die Jungfer Krummbeinin verliebt gewesen wäre, so hätte es keinen Schmuck und keinen Fluch und keinen Segen gegeben.« – »Ihr naseweises Volk, ihr könnt warten, bis ich euch wieder einmal eine Geschichte erzähle!«

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