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Genfer Novellen

Rudolf Töpffer: Genfer Novellen - Kapitel 5
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typenovelette
authorRudolf Töpffer
titleGenfer Novellen
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorH. Graef
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5.

Sobald ich mich auf der Straße befand, taten die Ruhe des Abends, die Stunde, die Dunkelheit, das Stillschweigen das ihrige dazu, meinen Empfindungen all den Reiz und die Lebhaftigkeit des vorhergegangenen Abends wiederzugeben. Ich nahm meinen Weg durch die gleichen Straßen, um dieselben Eindrücke wieder durchzukosten, und ich befand mich bald in der Gegend der Wohnung, nach der ich hinstrebte. Aber in dem Maße, wie ich mich ihr näherte, verlangsamte eine mir sonst fremde Erregung meine Schritte, und als ich in den Hausflur eingetreten war, blieb ich stehen, ungewiß, ob ich hinaufgehen oder vorläufig auf mein Vorhaben verzichten sollte.

Was mich vielleicht zum Verzicht hätte veranlassen sollen, trieb mich an, meinen Plan zu verfolgen. Als ich in den Hof gelangt war, bemerkte ich im dritten Stockwerk kein Licht; daraus hätte ich schließen müssen, daß ich niemand zu Hause antreffen würde; aber gerade diese Aussicht nahm mir etwas von meiner Verlegenheit und ermutigte mich, weiter zu gehen. Auch trieb mich die Neugierde, denn diese Dunkelheit war gegen meine Erwartung. Es war erst acht Uhr, und ich konnte nicht annehmen, daß die Personen, die ich besuchen wollte, schon zur Ruhe gegangen waren. Ich betrat also die Treppe und zwar mit einem Herzklopfen, das jedesmal stärker wurde, wenn ich im Dunkeln an einen Gegenstand stieß oder beim Stillstehen das Schweigen um mich herum empfand. Endlich kam ich an der Schwelle an; aber ich wagte nicht eher ganz leise an die Tür zu klopfen, als bis ich mich nach langem Warten und Prüfen überzeugt hatte, daß voraussichtlich niemand da sein würde, der mir antworten könnte. Kaum hatte ich aber geklopft, so verließ mich diese Überzeugung plötzlich wieder; ich hielt meinen Atem an und war bereit zu fliehen, sobald ich das geringste Geräusch hörte; aber nichts ließ sich vernehmen. Nun klopfte ich etwas weniger sanft, dann stärker, und nachdem ich so die Gewißheit erlangt, daß die Wohnung in diesem Augenblick unbewohnt war, wagte ich es, zu klingeln ... Alsbald öffnete sich in dem unteren Stockwerk eine Tür, und ein Licht erleuchtete mit mattem Schein die Stelle, auf der ich stand.

Die Person dort unten rührte sich nicht und sprach nicht; auch der Lichtschein blieb der gleiche. Was sollte ich tun? In die oberen Stockwerke fliehen? Das hieß, Beschämung und Verdacht auf mich ziehen. Stehen bleiben? Schon raubte mir ein kalter Schweiß die Möglichkeit dazu, und jede Sekunde, die in dieser Lage verrann, schien mir ein Jahrhundert der Angst. Kühn hinunterzugehen, dazu hatte ich auch nicht den Mut. Ich entschloß mich, noch einmal zu klingeln. »Er ist es,« rief eine Stimme, und alsbald erschien vor mir die Nachbarin, die mich am Abende vorher beschimpft hatte.

Das Antlitz dieser Frau atmete Wut. »Unwürdiger,« sagte sie, »Sie wagen es noch wiederzukommen? ... Welche Unverschämtheit ...! Sie wollen wohl Ihren Mantel ...? Der ist beim Herrn Pfarrer dieses Stadtviertels. Gehn Sie, ihn sich dort holen. Er weiß alles, der wird Ihnen was erzählen ...«

Ich hörte mir diese heftigen und abgerissenen Worte mit mehr Erstaunen als Zorn an. »Liebe Frau,« sagte ich, »ich weiß nicht, wer Sie sind. Was ich aber verstehe, ist die Unklugheit, mit der Sie ein anständiges Kind bloßstellen, indem Sie mich selbst verleumden.«

»Ungeheuer,« unterbrach sie mich, »habe ich dich etwa nicht gesehen? Hab' ich nicht ihre Tränen gesehen? Hab' ich etwa nicht deinen Mantel aufgehoben, der bei dem Bett liegen geblieben war ...?!«

»Ich verstehe Sie nicht,« unterbrach ich sie; »überdies komme ich nicht hierher, um Sie anzuhören oder meinen Mantel zu holen. Wenn Sie mir sagen können, zu welcher Stunde ich das junge Mädchen und ihre Frau Mutter hier antreffen werde, so ist das alles, was ich von Ihnen verlange.«

»Hier werden Sie sie nicht mehr sehen, und da wo sie sind, da lassen Sie sich nur nicht einfallen, sie zu suchen ... Gehen Sie, Unseliger, verlassen Sie dieses Haus, und daß man hier nie mehr etwas von Ihnen hören möge, das ist das einzige, was ich beauftragt bin, Ihnen zu sagen.«

Bei diesen Worten stieg sie vor mir die Treppe herab und blieb an ihrer Tür einige Augenblicke stehen, um sich zu vergewissern, daß auch ich gehen würde. Durch eine Öffnung, die nach dem Hof ging, bemerkte ich in diesem Augenblick mehrere Köpfe an den Fenstern, die aufmerksam lauschten, was sich weiter ereignen würde. Da meine Überraschung und besonders mein Schweigen mir in den Augen all dieser Leute beinahe ein Ansehen von Beschämung und Schuldbewußtsein gaben, so sagte ich zu der Megäre, die die Urheberin dieses Auftritts war: »Um der Personen willen, die uns zuhören, liegt mir daran, meinen Namen nicht zu verschweigen; ich heiße Eduard von Vaux. Es ist möglich, daß die junge Dame und ihre Mutter mich von einer besseren Seite kennen lernen, und ich werde das Meinige dazu tun, denn ich achte sie zu sehr, um ihre Mißachtung ertragen zu können: was Sie betrifft, so rechnen Sie für alle Fälle auf die meinige; denn ohne jeden Grund, lediglich getrieben durch Ihre eigenen niedrigen Empfindungen, haben Sie diesem jungen Mädchen ein vielleicht nicht mehr gut zu machendes Unrecht zugefügt.«

Nach diesen Worten stieg ich hinab. Eine tiefe Stille gestattete mir, das Flüstern der Nachbarn zu hören, die dieser Vorgang an ihre Fenster gelockt hatte. Bald befand ich mich wieder auf der Straße.

Ich war sehr enttäuscht, indessen weniger über den ungerechten Ausfall dieses Weibes, als, weil ich das junge Mädchen nicht wiedergesehen hatte, und weil ich überdies ihren Zufluchtsort nicht kannte. Da ich nicht wußte, bei wem ich mich danach erkundigen konnte, die vorgerückte Stunde mir auch jede Hoffnung nahm, noch an diesem Tage irgendwelche Schritte tun zu können, so entschloß ich mich, sehr zu meinem Bedauern, nach Hause zurückzukehren.

Nichtsdestoweniger hatte dieser Zwischenfall, weit entfernt, meine Empfindungen abzukühlen, nur dazu gedient, ihnen noch eine kräftigere, innigere Färbung zu geben. Die unvorhergesehene Flucht der beiden Damen traf mich wie etwas Geheimnisvolles und Romanhaftes. Sie betrübte mich zwar, aber bei meiner Geistesveranlagung mißfiel sie mir durchaus nicht. Beschäftigte mich die Unruhe der Mutter, so war ich nur um so ungeduldiger, sie zu beruhigen; und war die Tochter einen Augenblick von dem Hauch der Verleumdung gestreift worden, so erschien sie mir nur um so rührender. Da sich mir die Gelegenheit bot, so fühlte ich mich verpflichtet, sie auch weiterhin zu beschützen, und diese Rolle, die meinem Betragen ihnen gegenüber einen Schein von Edelmut lieh, schmeichelte meiner Eigenliebe und verstärkte noch die Neigung, die mich zu ihr hinzog.

Als ich nach Hause kam, erfuhr ich von Jakob, daß seit einigen Augenblicken eine Persönlichkeit im Salon auf mich warte. Ich trat eilig ein und bemerkte, daß ein unbekannter Herr, den ich nach seiner Kleidung alsbald für den Pfarrer hielt, vor dem Kamin saß. Er hielt meinen Mantel in seiner Hand und erhob sich, um mich zu begrüßen.

»Mein Herr, Sie wissen nicht, was mich herführt,« begann er ziemlich erregt, »und ich selbst bin in Verlegenheit, es Ihnen zu sagen.«

»Sind Sie,« unterbrach ich ihn, »sind Sie der Bewahrer meines Mantels?«

»Ja, mein Herr.«

»In diesem Falle weiß ich, mein Herr, was Sie herführt, und ich bin bereit, Sie anzuhören.«

Wir setzten uns.

»Mein Herr,« begann er von neuem, »ich muß Ihnen sagen, daß ich Sie durchaus nicht kenne, und daß, wenn sich nicht am Aufhänger des Mantels Ihr Name befunden, ich kein Mittel besessen hätte, Sie hier zu behelligen. Im übrigen beruht meine Berechtigung, mich hier bei Ihnen einzufinden, lediglich auf den Pflichten, die ich gegen meine Pfarrkinder auszuüben habe, und ich werde diese Berechtigung Ihnen gegenüber nur so lange geltend machen, als Sie selbst sie anerkennen wollen.«

»Ich erkenne sie an,« sagte ich.

»So will ich ganz freimütig mit Ihnen sprechen,« fuhr er fort. »Ich komme hierher, voreingenommen gegen Sie durch den äußeren Anschein, durch die Redensarten einer Nachbarin, und mehr noch durch den Schmerz einer hochachtbaren Mutter, die zum ersten Male sehen muß, wie das Aufsehen und die Verleumdung den fleckenlosen Kranz berühren, der der schönste Schmuck und der einzige Reichtum ihres Kindes war. Aber ich weiß sehr wohl, daß das Aufsehen und die Verleumdung nicht haltmachen vor den reinsten Absichten und den anständigsten Handlungen, und ich bin auch jetzt noch gern bereit, an die Lauterkeit der ihrigen zu glauben. Es lag mir nur daran, mein Herr, in einer Angelegenheit, die das Glück zweier Menschen berührt, welche ihre Vereinsamung meinem Schutze ganz besonders empfiehlt, zu Ihnen zu kommen, mit Ihnen zu sprechen und, wenn möglich, zu hören, welchen Gefahren sie ausgesetzt waren oder noch sind, damit ich besser in der Lage bin, sie nach den Gesetzen der Vernunft und der ewigen Wahrheit zu leiten. Ich will Ihnen noch gestehen, daß, wie schuldig oder wie unklug Sie auch nur gewesen sein mögen, ich nicht gezweifelt habe, daß die Ermahnung eines uneigennützigen Greises Sie davon abhalten würde, Unrecht zu tun, oder Ihnen doch wenigstens Gefühle der Achtung und des Mitleids für meine beiden Pfarrkinder einflößen würde.«

»Mein Herr,« erwiderte ich alsbald, »ich tadle weder Ihre Beweggründe noch Ihre Absichten; aber es will mir scheinen, als ob ein anderes Zeugnis dem meinigen vorzuziehen war, das ist das des jungen Mädchens. Wenn dieses Kind mich beschuldigt, daß ich es ihr gegenüber an Rücksicht habe fehlen lassen, wenn ihre Worte anders lauten, als daß ich ihr meine Dienste in aller Ehrerbietung geleistet habe, wenn sie auch nur andeuten könnte, daß ihre Reinheit durch mich im geringsten verletzt worden sei ... wäre es dann noch nötig, daß Sie zu mir kämen?! Würden Sie nicht dem Zeugnis dieses bescheidenen Kindes viel mehr glauben als dem eines Mannes, den schon der äußere Anschein anklagt? Wenn ich daher auch Ihre Absichten achte, mein Herr, so weiß ich mir doch weder Ihren Schritt, noch das Aufsehen, das er hervorruft, zu erklären. Noch einmal, ich berufe mich auf das junge Mädchen: wenn sie mich verdammt, so will ich durch ihren Spruch ihre Verachtung und auch die eurige auf mich nehmen.«

»Ihre Worte,« versetzte der Pfarrer, »atmen Freimut und Anstand, und überdies ist Ihnen das Zeugnis, das Sie anrufen, durchaus nicht ungünstig. Nur ist es unvollständig; es ist das der Unerfahrenheit und der Einfalt, die man durch unbesonnene Fragen zu verletzen fürchtet. Das junge Mädchen versteht gar nicht, was man von ihr will; was sie hört, setzt sie in Verwirrung; sie kann nur Tränen vergießen und versichern, daß Sie sich in der ehrenwertesten Weise um sie bemüht haben. Ich für meinen Teil möchte mich vor allem auf das Feingefühl ihrer Unschuld verlassen. Aber Sie geben mir vielleicht zu, daß es möglich wäre, Sie hätten auch ohne daß es ihr zum Bewußtsein gekommen wäre, die Gesetze strenger Ehrbarkeit verletzt. Wenn nun ein Augenzeuge Sie beschuldigt und das Herz der Mutter in Schrecken versetzt, die durch den Anschein ohnehin ungünstig beeinflußt wird, so dürfen Sie es weder seltsam noch unbegründet finden, wenn ich meine Zuflucht zu Ihrer Aufrichtigkeit nehme. Wahrlich, der Schritt ist sehr peinlich für mich, ich versichere es Ihnen: die Biederkeit, das Zartgefühl, die Absichten jemandes verdächtigen, die feierlichen Erklärungen eines Ehrenmannes in Zweifel ziehen, das ist, wenn nicht die grausamste, so doch sicher die peinlichste Aufgabe, die unser Amt uns zumuten kann.«

»Das ist wahr, mein Herr,« versetzte ich trocken. »Immerhin, da Sie zwischen meinem Zeugnis und dem jenes Weibes schwanken, so will ich weder mich selbst beleidigen, noch schweigen. Hören Sie also, was sich zugetragen hat. Aber ich sage Ihnen im voraus, daß ich nach meiner Erzählung von Ihrer Seite weder Zweifel noch Ungewißheit mehr ertrage.«

Darauf berichtete ich ihm die Ereignisse des vorhergegangenen Abends so, wie sie dir, lieber Leser, bekannt sind. Ich verbarg ihm weder meinen Eifer noch meine Zärtlichkeit; denn, wenn diese Dinge für eine verderbte Seele vielleicht verdächtige Anzeichen sind, so steht es doch anders mit edlen Charakteren, für die sie der sicherste Bürge der Reinheit des Herzens und der Handlungen sind. Er hörte mir mit Interesse zu. Mehr als einmal glaubte ich in seinen Zügen einen Ausdruck der Teilnahme und der Zustimmung wahrzunehmen; ich sah, daß sein Auge mich freisprach, daß seine Hand im Begriff war, die meinige zu ergreifen ... Als er daher nach Beendigung meiner Erzählung unbeweglich und stumm blieb, empfand ich einen lebhaften Unwillen und war schon im Begriff, in verletzende Worte auszubrechen, als er von neuem begann: »Erzürnen Sie sich nicht. Ich habe Ihre Erzählung vernommen. Zwischen Ihnen und jener Frau schwanke ich nicht. Verzeihen Sie mir gleichwohl, wenn ich meiner eigenen Überzeugung Gewalt antue und Ihnen die Worte der Achtung und Genugtuung, die ich Ihnen zu schulden wünsche, noch verweigere. Aber ein stärkeres, achtungswerteres Zeugnis, eine Persönlichkeit, die ein Interesse daran hat, Sie zu rechtfertigen, und die auch soeben versucht hat, Sie bei mir zu entschuldigen, hat gerade dadurch mehr dazu beigetragen, diese Überzeugung in mir zu erschüttern, als es irgendein Ankläger vermocht haben würde.«

Ich vernahm diese Worte erwartungsvoll und verblüfft, mein Herz war auf das heftigste von Zorn, Verachtung und Stolz bewegt.

»Ich will nichts verbergen,« fuhr er fort; »Fräulein S ..., die Cousine von Frau von Luze, ist meine Verwandte; vor wenigen Tagen erst wurde ich von ihrer Familie zu Rate gezogen und gab meine Zustimmung zu ihrer Verbindung mit einem Manne, den nach meiner Meinung seine Sitten und sein Charakter noch mehr empfahlen als seine Stellung und sein Vermögen ... zu ihrer Verbindung mit Ihnen, mein Herr. Ihr Pate war es, den Sie mit den einleitenden Schritten beauftragt hatten. Ihr Pate ist es auch, der, erschreckt durch die möglichen Folgen der Gerüchte, die Sie soeben widerlegt haben, von denen er wußte, daß sie zu gleicher Zeit mit diesem verräterischen Mantel zu meiner Kenntnis gelangt waren, soeben zu mir geeilt ist, um sich mir gegenüber zu Ihrem Verteidiger aufzuwerfen. Er besaß Ihr Geständnis, er rief meine Nachsicht an, er bat mich, ein Ärgernis zu unterdrücken, das Ihnen schaden könnte, er flehte mich an, meinen Einfluß aufzuwenden, Sie von einem schimpflichen Verhältnis abzubringen ... Nun versetzen Sie sich an meine Stelle; urteilen Sie selbst, wie schwer es ist, die Wahrheit zu erforschen, selbst für den, der sie auf das eifrigste sucht, und grollen Sie nicht mehr, wenn Sie nicht von Anbeginn an die volle Genugtuung erhalten, die Ihre Unschuld als ein klares und heiliges Recht verlangen darf.«

Tausend widerstreitende und heftige Empfindungen stürmten auf mich ein. Ich zürnte meinem Paten, dessen nur zu wenig lautere Seele meine ehrlichen Worte so ausgelegt hatte, als suchte ich in schmählicher Weise meine Liederlichkeit zu verbergen. Ich war voll Achtung und Verehrung für den Mann, der mit mir sprach; es drängte mich gleichzeitig, ihm zu antworten; gleichwohl blieb ich noch einige Augenblicke in Stillschweigen versunken sitzen, beherrscht von einer Erregung, die sich erst allmählich legte, während ich aus meinem Gedankengange alle Antworten ausschaltete, die nicht völlig entscheidend erscheinen konnten, oder nicht den Anforderungen meines Stolzes und meiner Unschuld, die beide verletzt waren, genügten. Endlich glaubte ich das richtige gefunden zu haben. »Mein Herr,« begann ich mit so viel Ruhe, als meine unterdrückte Bewegung mir gestattete, »Sie beleidigen mich keineswegs. Wenn ein Verwandter mich nach Belieben beschimpft, wie sollte ich von Ihnen eine rühmliche Meinung erwarten, die er selbst nicht besitzt? Aber ich bin imstande, Ihren Verdacht zu zerstören, Ihre Bedenken zu beschwichtigen... ja, mein Herr, ich liebe das junge Mädchen ... aber, was Sie nicht wissen, was mein Pate sich wohl gehütet hat, Ihnen mitzuteilen: um ihretwillen habe ich ihn verstimmt, um ihretwillen habe ich sein Joch abgeschüttelt, habe ich auf seine Erbschaft verzichtet und auf etwas noch Schmeichelhafteres, mein Herr, auf die Hand Ihrer Verwandten, auf die Verbindung mit Ihrer Familie... Als ich so handelte, hatte ich meine Absichten noch nicht auf Ihre junge Schutzbefohlene gerichtet; aber heute, wo sie bloßgestellt ist, wo die vergifteten Äußerungen der einen, die diensteifrigen Reden der andern sie zu beschimpfen vermocht haben, da bitte ich um ihre Hand, ja, ich wünsche sie, ich verlange sie! und ich darf hinzufügen, schon bevor Sie kamen, war dies der einzige Wunsch meines Herzens. Werde ich in Ihnen eine Stütze für diesen Wunsch finden?« fuhr ich in weniger leidenschaftlichem Ton fort; »wollen Sie sich zum Träger meiner Bitte machen? Ich wage es zu hoffen, mein Herr, wenn Sie, überzeugt von meiner Redlichkeit, mir endlich Gerechtigkeit widerfahren lassen ...« Nunmehr reichte er mir, nicht ohne eine gewisse Rührung, die Hand. »Seit langem schon,« sagte er, »lasse ich Ihnen Gerechtigkeit widerfahren, mein junger Freund; meine Achtung gehört Ihnen ganz und gar, voller Aufrichtigkeit, und mein Herz ist bewegt über Ihre tugendhafte Wallung, die Sie vielleicht etwas zu weit fortreißt... Ich habe kein Amt, für meine Verwandte einzutreten; weit eher möchte ich in meinem Namen als in dem ihrigen reden, so sehr entsprechen Sie der rühmlichen Meinung, die ich mir schon früher über Ihren Charakter gebildet hatte. Sie sind im Begriff, in einem Augenblick über das Schicksal Ihres Lebens zu entscheiden ... Sie weisen tausend Vorteile zurück ... Sie verschmähen eine liebenswürdige Dame, die Ihrer durchaus würdig ist ... Sie entfremden sich einen Verwandten ... Sie verlieren ein Vermögen, das er für Sie bestimmte ... und was werden Sie als Ersatz finden? Die Tugend, ohne Zweifel, die Anmut des Körpers und des Geistes, aber ein unscheinbares, armes Geschöpf, ein Kind, verlassen von der Welt, in der Sie leben, und deren Vorurteile es Ihnen nicht gestatten werden, sie dort einzuführen ... Aber, im übrigen,« fuhr er fort, »das wolle Gott nicht, daß ich denen schaden möchte, die mir anvertraut sind, daß ich sie um ein Glück bringe, welches die Vorsehung vielleicht für sie aufgespart hat als Entgelt für ihr Mißgeschick und für ihre Tugenden. Sehen Sie selbst zu, mein guter Freund. Ich habe Sie nur aufklären, nicht wankend machen wollen in Ihrer ehrenhaften Absicht. Ich ging nicht darauf aus, Ihre Wallung zu unterdrücken, sondern ihr die Überlegung zur Seite zu stellen; nur im Verein mit ihr werden Sie zu einer weisen Entschließung gelangen. Und wenn Sie bei Ihren großmütigen Plänen beharren, so fürchten Sie nicht, daß ich es andern überlassen könnte, diese Botschaft zu überbringen, der feste Hort derselben zu sein. Ihnen von nun an eine liebevolle Hochachtung zu widmen, und die brünstigsten Gebete für eine unter so rührenden Zeichen begonnene Vereinigung emporzusenden.«

Bei diesen Worten warf ich mich an seinen Hals und, nachdem ich ihn umarmt hatte, öffnete ich ihm vollständig mein Herz. Er konnte erkennen, daß meine Überlegungen schon angestellt waren, bevor ich ihn gesprochen hatte, und daß mein Entschluß, wenn er auch plötzlich entstanden war, darum doch nicht minder auf schicklichen Erwägungen und auf dem Wunsch beruhte, in der Liebe und Pflichterfüllung ein Glück zu finden, das mir meine bisherige allzu günstige und angenehme Stellung versagt hätte. Er verwarf alle seine Bedenken und nahm an meinen Plänen mit der ganzen Hingebung eines warmen und edlen Herzens teil; und wie es wohl geschieht, wenn eine echte Teilnahme alle Unterschiede des Alters, der Stellung oder des Ranges verschwinden läßt, so flößte mir dieser verehrungswürdige Mann, mit dem ich zum erstenmal in meinem Leben sprach, die Ehrerbietung eines Vaters, das Vertrauen eines alten Freundes ein. Nunmehr begann ich ihn auch über die beiden Damen zu befragen, die mit meinem Dasein bereits so fest verknüpft waren, und die ich noch nicht einmal dem Namen nach kannte.

Wie er mir erzählte, hieß das junge Mädchen Adele Sénars, und ich gestehe es, der Name entzückte mich. Ich bin sehr geneigt, in den Eigennamen einen gewöhnlichen oder seinen Klang zu finden, und infolge einer Grille meines Geistes, von der ich auch heute noch nicht frei bin, würde ich einen Namen, der mir nicht mißfiel, unendlich freudiger begrüßt haben, als wirkliche Vorteile an Rang oder Vermögen. Aber den liebenswürdigen Namen »Adele« umfing außer dem Zauber, den ich sofort mit ihm verknüpfte, ein weiterer, den die Jahre nicht haben zerstören können; denn, seit er mir im innersten Herzen eingegraben steht, verbinden sich mit ihm die letzten Eindrücke meiner Jugend und alles, was ich seitdem an wahrem Glück habe kosten dürfen.

Aber auch alles andere, was ich durch den Pastor erfuhr, verletzte keines der Vorurteile, die mir nun einmal eigen sind, sondern erhöhte nur noch meinen Rausch und meine Zufriedenheit. Der Vater des jungen Mädchens war Schweizer, wie ich selbst. Er war jung in den Dienst der englischen Marine getreten, hatte es dort zu einem nicht gerade hohen, aber ehrenvollen Range gebracht, und während seines Aufenthalts in England die Mutter meiner Adele geheiratet. Erklärte mir dies, warum ich auf dem Tisch das Gedicht über die Jahreszeiten hatte liegen sehen, so schien es mir auch dem jungen Mädchen den Reiz zu verleihen, den fremde Frauen für uns zu haben pflegen, und ich gefiel mir darin, dem englischen Ursprung ihre blendende Hautfarbe, den melancholischen Blick der großen blauen Augen und den Ausdruck rührender Unschuld in dem Antlitz zuzuschreiben. Seit einigen Jahren war ihre Mutter mit ihr nach der Schweiz gekommen, um ihr hier mit geringeren Kosten eine Erziehung geben zu können, die sie als ihre zukünftige Hilfsquelle ansah. Nach dem vor zwei Jahren erfolgten Tode des Vaters waren die beiden Damen auf die geringe Pension angewiesen, die das englische Gesetz der Witwe eines im Dienst gestorbenen Offiziers zubilligt, und bewohnten seitdem die Räume, in denen mich der Zufall sie hatte antreffen lassen. Daher stammten auch die feinen Möbel, die ich bemerkt hatte, und die anderen Anzeichen einer einst behaglicheren Lebenslage.

Alle diese Dinge entzückten mich. »Aber, glauben Sie,« sagte ich, »daß die Damen trotz ihrer Voreingenommenheit gegen mich meine Bitte freundlich aufnehmen werden...? Glauben Sie, daß es mir gelingen wird, von dem jungen Mädchen geliebt zu werden, für welches die Vorteile des Vermögens, die ich ihr zu bieten vermag, zweifellos nichts bedeuten, und dessen Herz, schüchtern und furchtsam in seiner Schamhaftigkeit, es kaum wagen wird, sich den Empfindungen der Liebe hinzugeben? ... Ich fühle es, daß ich keine andere Hilfe und Hoffnung habe als Sie, den würdigen Beschützer; Sie allein vermögen durch die Achtung, die Sie einflößen, die Voreingenommenheit der beiden Damen gegen mich zu zerstören und ihnen meine Wünsche genehm erscheinen zu lassen, denen sie sonst mißtrauen würden.«

»Alles dies,« erwiderte er, »werde ich mir von Herzen angelegen sein lassen. Fürchten Sie übrigens weniger ihre Voreingenommenheit und mehr ihren Stolz. Bei dem Geschrei der jähzornigen Nachbarin war es meine eifrigste Sorge, meine beiden Freundinnen deren Einfluß zu entziehen und sie gleichzeitig vor jeder Berührung mit Ihnen zu sichern, falls ich wirklich nach der Zusammenkunft mit Ihnen die Beschuldigungen dieser Frau hätte begründet erachten müssen. Ihr Vorurteil gegen Sie konnte nicht mehr zunehmen und mein Zeugnis, von dem sie alles erwarten, wird genügen, um sie vollständig zu beruhigen. Aber sie besitzen das Selbstbewußtsein der Armut und Ehrbarkeit: Ihr Vermögen, Ihr Rang, die den ihren so sehr überlegen sind, könnten ihren Stolz aufscheuchen und die Pläne der Mutter, die ich selbst ermutigte, sind stets dahin gegangen, das Glück der Tochter in einer unscheinbaren Stellung zu suchen, der einzigen, zu der ihre Lage ihnen die Aussicht eröffnete, und zu der ihnen der Zugang durch eine zu sehr ausgebildete Erziehung möglicherweise versperrt werden konnte. Denn Sie sollten es nicht glauben,« fügte er hinzu, während mein Herz seine Worte verschlang, »wieviel Verstand, Geschmack, welche wahre Zierde des Geistes die Bewohner dieses so schlichten Zufluchtsortes verschönt, den Sie gesehen haben. Das junge Mädchen, so furchtsam und unerfahren sie im übrigen ist, besitzt und pflegt eine Fülle von Kenntnissen. Sie hat sich der Musik, dem Zeichnen gewidmet und für beides besitzt sie ein natürliches Geschick und eine, ich weiß nicht wie ich es anders sagen soll, mit Empfindung erfüllte Anmut. Die Mutter vereinigt mit ähnlichen Eigenschaften das, was Erfahrung, Reisen und ein wohl angewendetes Leben hinzufügen können; vor allem aber besitzt sie eine sanfte Lieblichkeit, die ihrer feinen Empfindung entspringt, die sich in den Prüfungen wie in den Freuden des menschlichen Herzens erprobt hat. So finde ich stets ein neues Vergnügen daran, beide zu besuchen. Es ist der liebenswürdigste Fleck in meinem Sprengel. Ich verweile dort oft, und ich verabschiede mich nie, ohne im Innern zu bewundern, welche Fülle von Anmut und Annehmlichkeit die Ehrbarkeit, die Arbeit, die Geistesbildung um diesen kleinen Herd, der so nahe der Dürftigkeit und Armut erbaut ist, haben vereinigen können.«

Unsere Unterhaltung dauerte noch recht lange. Ich zögerte sie durch tausend Fragen hinaus, da ich nicht müde werden konnte, den Erzählungen meines würdigen Freundes zuzuhören über alles, was er von den beiden Personen wußte, die mir ein so lebhaftes Interesse einflößten. Wir kamen überein, daß er am nächsten Morgen früh zu ihnen gehen sollte. Je nach der Stimmung, in der er sie fände, sollte er ihnen die ersten Eröffnungen machen und vielleicht, um meine Ungeduld zu stillen, mir noch am Vormittag eine Antwort überbringen. Danach erhob er sich, um sich zurückzuziehen; aber ich mußte ihn noch bis zu seiner Wohnung begleiten, wo ich mich von ihm verabschiedete, das Herz voll Liebe, Freude und Hoffnung.

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