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Genfer Novellen

Rudolf Töpffer: Genfer Novellen - Kapitel 11
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typenovelette
authorRudolf Töpffer
titleGenfer Novellen
publisherPhilipp Reclam jun.
translatorH. Graef
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Der Große Sankt Bernhard

Wir saßen im Hospiz des Großen Sankt Bernhard, mit den Füßen gegen das Feuer, in Gesellschaft des Priors. Nach mancherlei durch unsere Fragen angeregten Erzählungen bemerkte dieser: »Übrigens, meine Herren, unser Berg, der Sankt Bernhard, ist eigentlich mehr berühmt, als er genau gekannt wird ...«

»Und ich werde Ihnen auch sagen warum, mein Vater,« unterbrach ihn ein dicker Herr, der zur Rechten des Herdes saß und bisher an der Unterhaltung noch nicht teilgenommen hatte. »Er wird schlecht gekannt, weil er zu oft beschrieben worden ist. Es geht Ihrem berühmten Berge wie so vielen Tagesschriftstellern, die auch berühmt sind, und die wir, das Publikum, nur aus Feuilletons, aus Biographien, aus Kupferstichen kennen. Die Feuilletons scherzen, die Biographien lügen, die Abbildungen schmeicheln: das ganze ist falsch wie eine Grabschrift.«

Der Herr schwieg. Aber ich, der ich auch zum Publikum gehöre und als Publikum meine Gedanken und Überzeugungen habe, fühlte mich durch seine schroffe Äußerung verletzt. »Erlauben Sie,« sagte ich, »die Grabschriften...«

Er ließ mich nicht aussprechen; »Die Grabschriften! Sollten Sie etwa zufällig die Verteidigung der Grabschriften übernehmen wollen? Dann verfügen Sie sich freundlichst... (ich zitterte, und mein Auge, dessen bin ich gewiß, funkelte) nur für eine Stunde auf den Kirchhof Père-Lachaise. Sie können nicht leugnen, Herr, daß dort einige Teufel unter der Erde ruhen. Nun! Die Grabschriften melden uns nur von Engeln.«

»Möglich,« antwortete ich. »Aber man kann begreifen, daß die Hinterbliebenen im Übermaß ihres Schmerzes ...«

Er unterbrach mich wieder: »Sie sind noch jung, Herr, sehr jung. Sie werden später einsehen, daß es nie der Schmerz ist, sondern stets die Sucht, zu prunken, die Eitelkeit oder die Freude, die diese Lügen niederschreiben und bezahlen.«

Dagegen lehnte ich mich auf: »Die Eitelkeit, sei's drum; aber die Freude, Herr, die Freude auf dem Kirchhof, auf einem Grabe?!«

»Ja, die Freude, Herr, oder die Fröhlichkeit, wenn Sie dieses Wort lieber mögen, die übermächtige Fröhlichkeit, die einen packt, wenn man eine tüchtige Erbschaft gemacht hat... In einer ganz natürlichen Regung, die aber nichts mit dem Schmerz zu tun hat, will man sich nun für das Gute, das einem widerfahren ist, erkenntlich zeigen, und so kommt die Grabschrift zustande. Das ist die bequemste und billigste Art und Weise, und darum diejenige, die seit altersher im Schwange ist. Sei ernsthaft mein Bildhauer, sei ernsthaft, ernsthaft von Grund aus, ernsthaft immer und allewege; sprich von Tugenden, sprich noch mehr davon, entrichte den Tribut für..., ja wofür denn gefälligst, meine Herren, wenn nicht für unsere innige Dankbarkeit gegen den Erblasser, für unsere tiefinnere Zufriedenheit, unsere Fröhlichkeit, die um so wärmer in unserem Herzen schlägt, als es ihr zurzeit noch nicht gestattet ist, sich laut zu äußern?!«

»Es mag einzelne Ungeheuer geben, die so beschaffen sind,« versetzte ich entrüstet, »aber...«

»Nehmen Sie dieses Wort zurück, junger Mann, und verwahren Sie es sich für häßlichere Dinge. Was lediglich als ein Elend bezeichnet werden kann, als ein Elend, das der Menschheit nun einmal anklebt, würde nur ungerechterweise ungeheuerlich genannt werden können. Ich spreche Ihnen ja von ganz gewöhnlichen Vorkommnissen, ich spreche von einem Egoismus, der mehr häßlich, als verderbt, von einer Heuchelei, die zu den harmlosen und anständigen unter den Heucheleien gehört. Ich spreche von dem, was Ungeheuer, wie zum Beispiel Sie und ich, ebensogut hätten tun können. Alles was ich sagen will, ist das, daß derartige Ungeheuer, wenn sie aufrichtig betrübt sind, weder Mausoleen zu errichten, noch Grabschriften zu verfassen brauchen. Der wahre Schmerz empfängt seine Nahrung aus sich selbst; er ist schüchtern, furchtsam, er hat seine Scham: bis zu den Trauerkleidern, die die Sitte ihm aufdrängt, und die ihm lästig sind, weil sie die Blicke auf ihn lenken. Der wahre Schmerz beweint den ganzen Menschen, mit seinen Fehlern, die er entschuldigt, mit seinen Tugenden, die er liebt, und denen er im stillen seine Verehrung, seine Seufzer, seine Tränen darbringt. Der wahre, der aufrichtige Schmerz, Herr, stellt sich nicht zur Schau, er läßt sich kaum einmal überraschen. Und wenn ich ein undankbarer Sohn wäre und möchte doch an die Echtheit meines Kummers glauben machen, so würde ich mich vor allen Dingen hüten, einen Marmor auf das Grab meiner Mutter setzen zu lassen...!«

Der Herr, der so sprach, mißfiel mir. Der Prior mißfiel mir auch, da er erklärte, sich einer Meinung anzuschließen, deren Ausdruck mir traurig und streng, deren Sinn mir falsch und widersinnig vorkam. Um aber nicht zu widersprechen und vielmehr von dem Thema abzulenken, erwiderte ich: »Für die Grabschriften mag das gelten, mein Herr! Aber wir sprachen eben über Nachrichten, Lebensbeschreibungen und Bildnisse von Schriftstellern...!«

»Daran glaube ich ebenso wie an die Grabschriften, will sagen, daß ich gar nicht daran glaube. Hören Sie zu! Die Teufel von Père-Lachaise waren möglicherweise im Grunde gute Teufel; sicherlich besaßen sie gewisse Eigenschaften, und die Grabschrift lügt vielleicht ebensosehr hinsichtlich der Tugenden, von denen sie schweigt, wie betreffs der, welche sie ihnen zuerkennt... Ebenso steht es mit den Bildern unserer Berühmtheiten. Sie sind nicht ohne Ähnlichkeit, aber das Schöne daran ist falsch und das Wahre ist unvollständig. Es ist nicht die Gestalt des Menschen, die man uns gibt, sondern das Antlitz des Unsterblichen; es ist nicht mehr wie einst, der armselige Kopf Fénélons, ganz vergraben in seiner Perücke: heute bringt man eine prächtige Maske, bemalt, frisiert, hergerichtet für Publikum und Nachwelt. Früher überließ man dem Publikum die Sorge, in dem ärmlichen Kopf die Seele zu finden, die sich in den Schriften enthüllt hatte: heute ist es die Aufgabe desselben Publikums, in den Schriften die Eingebung, die Ursprünglichkeit, die intimen Reize, das Menschliche wiederzufinden, die alle in dem Antlitz eingemeißelt sind. Grabschrift, Herr! Auf allen diesen lithographierten, in Kupfer gestochenen oder gemalten Masken lese ich in großen Buchstaben: Dies ist der größte Dichter! Das ist der größte Lyriker! Dieser war blaß vor Nachdenken, jener ausgemergelt vor Tiefe, der da aufgeschwemmt vor Genie! Grabschrift, Herr, alles ist Grabschrift...! Aber, um auf Ihren Großen Sankt Bernhard zurückzukommen...«

In diesem Augenblick hörte man einen Lärm im unteren Stockwerk des Hospizes von der Schwelle her, und das Bellen der Hunde übertönte die Stimme unseres dicken Herrn. »Es sind neue Ankömmlinge,« sagte der Prior, und er verließ uns, um sie zu empfangen. Der dicke Herr und ich blieben allein zurück; ein jeder von uns stellte Vermutungen darüber an, was dort unten vorging, und wir dachten nicht mehr an die Grabschriften. Nach Verlauf von einigen Minuten trat ein Herr in den Saal ein.

Der Herr war Tourist, etwa dreißig Jahre alt, außerordentlich gut angezogen, sehr mitteilsam. »Ich grüße Sie, meine Herren.« Er nahm einen Stuhl; wir rückten zusammen, um ihm Platz zu machen. »Entschuldigen Sie, aber das Feuer tut wohl, wenn man eben aus einer Lawine kommt.«

»Eine Lawine!« sagte der dicke Herr.

»In dieser Jahreszeit?« fügte ich hinzu.

»Und was für eine, ich garantiere Ihnen dafür; mindestens eine viertel Wegstunde lang.«

Die Lawine dieses Herrn war mir unverständlich. Wir befanden uns nämlich in den letzten Tagen des Juli, in einer Jahreszeit also, wo die nächsten Berggipfel völlig schneefrei waren, und mithin der nicht vorhandene Schnee auch nicht gut als Lawine herabstürzen konnte. Gleichwohl mochte ich nicht widersprechen und beschränkte mich darauf, den Herrn zu bitten, uns sein Abenteuer zu erzählen.

»Gern,« sagte er. »Wir verließen die Kantine um sechs Uhr. (Die Kantine ist das letzte bewohnte Haus auf der Walliser Seite, zu dem man gelangt, ehe man das Hospiz erreicht.) Fünfzehn Schritt vor mir wanderte eine kleine Gesellschaft. Es sind die Leute, die eben hier angekommen sind. Zwei Herren und ein junges Mädchen; hübsch, meiner Treu, aber brustleidend. Der eine der beiden Männer ist ihr Vater, der andere ihr Bräutigam, ein großer, ruhiger Jakob, beflissen und lebhaft wie eine Statue. Die Schweizer sind nun einmal so. Als wir auf die Lawine gekommen waren...«

Hier versuchte ich ihn zu unterbrechen: »Erlauben Sie, Herr, gewöhnlich ist es die Lawine, die auf uns zukommt.«

»Warten Sie nur! Als ich also auf die Lawine gekommen war, sehe ich, daß das Maultier des Fräuleins bis zum Bauch darin einsinkt, und daß auch wenig Aussicht besteht, sie herauszuholen, da der Führer mit dem Tier nicht im geringsten umzugehen versteht. Nun nähere ich mich, schiebe den Bengel beiseite, ergreife den Zügel und bringe das Maultier wirklich zum Gehen, Sie hätten es nur sehen müssen...! Aber auf einmal erschrickt das Fräulein, der Vater wird böse, der Bräutigam schreit, darüber wird das Tier störrisch, und auch der Führer mischt sich ein und will mich daran hindern, es mit Schlägen zu bearbeiten. ›Donnerwetter‹ sag' ich, ›so nehmt Euer Maultier wieder‹, und werfe ihm den Zügel zu. Der Dummkopf fängt ihn aber nicht auf; nun verabfolge ich ihm eine Kopfnuß, das Tier schlägt hin, und das Fräulein wälzt sich in der Tiefe der Lawine...«

»Aber erlauben Sie,« unterbrach ich ihn wiederum, »das Gewöhnliche ist doch, daß die Lawine sich auf das Fräulein wälzt.«

»Warten Sie doch. Also nun fangen meine beiden Hasenfüße an, aus vollem Halse zu schreien, der Führer tobt, das Fräulein ruft um Hilfe. Ich wünsche sie alle zum Teufel, wie ich aber weder den Vater noch die Hunde mehr erblicke, stürze ich mich in die Lawine, dringe auch glücklich zu dem Fräulein durch und bringe sie mit Hilfe des Führers heil und gesund auf die Fahrstraße zurück. Das ist meine Geschichte,« schloß unser Tourist. Dann begann er zu husten: »Ja, ja, bei solch einer Lawine holt man sich eine Erkältung. Gute Nacht, meine Herren, ich will mich hinlegen und etwas Warmes trinken.«

Damit entfernte er sich, ohne uns Zeit zu lassen, seine seltsam irrigen Vorstellungen über eine Lawine zu berichtigen.

Eine Lawine ist bekanntlich ein Knäuel von Schnee, der sich hoch in den Bergen loslöst; im Herunterrollen wächst er durch den Schnee, den er mit sich reißt, an und wird so in wenigen Augenblicken zu einer furchtbaren Masse, die in ihrem reißenden Sturz alles, was sich ihr in den Weg stellt, zerbricht, umreißt, vernichtet. Zufällige Umstände können eine Lawine an jeder Stelle entstehen lassen, wo Schnee auf steilen Abhängen liegt; gewöhnlich sind es aber die gleichen engen Felspassagen, durch die sie, dank dem Zusammentreffen günstiger und gleichförmiger Umstände, in jedem Jahre wieder ihren Weg nehmen. Wenn man im Hochsommer die Alpen bereist, kann man diese Passagen sehr gut erkennen: es sind weite, vollständig baum- und felslose Abhänge, an deren Fuß sich die Trümmer von Jahrhunderten angehäuft haben, die allmählich, je mehr sie durch ihre Anhäufung für sich selbst einen Schutzwall bilden, von Pflanzenwuchs bedeckt werden. In den Hochtälern, wo die Hitze nur kurze Zeit währt, haben die Schneemassen, die sich während des Winters am Fuß dieser Passagen ansammeln, gar nicht die Zeit zu schmelzen und bleiben dauernd liegen; da mag es denn wohl vorkommen, daß die Landesbewohner solche Überreste einer wirklichen Lawine mißbräuchlich auch mit Lawine bezeichnen. Daher kam auch die Verwechslung unseres Touristen; er besuchte diese Täler zum erstenmal, hatte den Kopf vollgepfropft mit Bemerkungen aus seinem Reisehandbuch und war nun fest davon überzeugt, daß er in ruhmvoller Weise mit dieser schrecklichen Plage der Hochalpen zu tun gehabt hatte.

Wenn er uns die Zeit dazu gelassen hätte, würde ich versucht haben, ihn über seinen Irrtum aufzuklären, obgleich es eine unbequeme und undankbare Aufgabe ist, jemanden aufzuklären, wenn er steif und fest an eine Sache glaubt, die seiner Eigenliebe schmeichelt. Als mein Vetter Ernst ein Duell hatte, hatten wir, ehrenwerte Zeugen und gute Verwandte, nur mit Pulver geladen: der Gegner zielte, Ernst schoß in die Luft, darauf gingen wir alle frühstücken, und der Ehre war Genüge geschehen. Wenn aber mein Vetter Ernst die Geschichte erzählt, behauptet er, daß die Kugel sein Ohr streifte und macht uns das Pfeifen des Geschosses vor; dann zittert meine Tante Sara, die ganze Gesellschaft zittert, und wir, – wir, ehrenwerte Zeugen und gute Verwandte, wir sind gezwungen, mit der Gesellschaft und mit meiner Tante mitzuzittern. Würden wir wohl zittern, wenn es nicht eine so undenkbare und unbequeme Sache wäre, unsern Vetter aufzuklären?

Der Tourist hatte uns kaum verlassen, als zwei Herren in den Saal eintraten, die mir der Vater und der Bräutigam zu sein schienen. Die Herren nahmen an dem Tische Platz und hatten offenbar die Absicht, recht wohl zu speisen. Ihr Appetit verletzte mich und ihre Sorglosigkeit mißfiel mir. Der ältere Herr erschien mir viel zu ruhig für einen Vater, dessen Tochter, die ohnehin brustleidend ist, eben eine halbe Stunde im Schnee zugebracht hatte; und bei dem Bräutigam verletzte mich jeder Bissen, den er genehmigte, wie ein Schimpf, den er der unglücklichen und leidenden Schönheit seiner Braut zufügte. Ja, ich erinnere mich, daß ich nach dem Vorgang des Touristen aus diesem Anblick sehr ungünstige Schlüsse über die Gemütseigenschaften der Schweizer zog.

Während ich noch mit meinen Schlußfolgerungen beschäftigt war, trat ein Dienstbote in den Saal, der auf einem Tablett eine Portion Tee trug, und gleich danach erschien auch das Fräulein selbst. Sie mußte es sein, denn der Vater stand auf, küßte sie auf die Stirn und zeigte sich sehr erfreut, sie so schnell wieder hergestellt zu sehen, während der Tölpel von Bräutigam, statt außer sich vor Entzücken zu sein, oder sich in schön empfundenen Ausdrücken von lebhaftem Glück und zärtlicher Freude zu ergehen, zu essen fortfuhr und im ruhigsten und nüchternsten Ton sagte: »Luise, setz dich und trink deinen Tee, solange er warm ist.« Das war gewiß nicht das leidenschaftliche »du«, das ein Saint Preux an seine Julie richtete; diese ruhige Vertraulichkeit machte mir deshalb auch geradezu den Eindruck einer Entweihung.

Das junge Mädchen war in der Tat sehr hübsch, und die Gefahr, die sie eben durchgemacht hatte, erhöhte in meinen Augen noch die liebliche Anmut ihres Antlitzes. Nur konnte ich an ihr gar nicht die schamhafte Verlegenheit einer Braut bemerken, die sich von zwei fremden Herrn beobachtet fühlt, und noch weniger den Ausdruck rührender Melancholie, den man bei einem zarten und gebrechlichen Geschöpf zu finden erwartet. Was mich aber vollständig außer Fassung brachte, war, daß ich auf ihrem Antlitz anstatt Niedergeschlagenheit und Traurigkeit den durch unsere Anwesenheit nur unvollkommen zurückgehaltenen Wunsch entdeckte, in ein tolles Lachen auszubrechen. Dieser Wunsch teilte sich zuerst dem Bräutigam, dann auch dem Vater mit; dieser konnte schließlich nicht mehr an sich halten und wendete sich zu uns: »Entschuldigen Sie, meine Herren, dieses Lachen muß Ihnen sehr wenig am Platze erscheinen, aber es packt uns unwiderstehlich. Nochmals, entschuldigen Sie uns.«

Und nun brachen alle drei, von jedem Zwang befreit, in ein helles Lachen aus, während wir sie ernsthaft und erstaunt ansahen.

Ich hielt es für angezeigt, mich zu entfernen, und schickte mich schon dazu an, wobei ich nur bedauerte, mein Mitgefühl an Leute verschwendet zu haben, die so von Grund aus zufrieden waren; da wendete sich der Vater zu mir: »Ich möchte Ihnen gern den Grund unserer Fröhlichkeit, die Ihnen ja seltsam erscheinen muß, erklären: es handelt sich um einen Herrn...«

»Den Herrn, der soeben noch hier war?«

»Ganz richtig; der gefälligste Mensch von der Welt, aber auch der gefährlichste, den ich kenne. Wir hatten ihn früher noch nie gesehen; plötzlich setzte er sich da unten, im Schnee, in den Kopf, daß wir unmittelbar von einer Lawine bedroht würden. Aus reiner Aufopferung also und mit unerschütterlichem Ernst schob er unsern Führer beiseite, prügelte unser Maultier und warf meine Tochter in den Hohlweg.«

Wieder unterbrach Lachen seine Erzählung. Und in der Tat, wie heftig auch der Schreck gewesen war, jetzt, nach ausgestandener Gefahr, zeigte sich den drei Reisenden alles von der komischen Seite und stachelte ihre Heiterkeit, deren Zeuge und deren Mitschuldiger ich bald war, nur noch mehr an. Den Gipfel erreichte die Fröhlichkeit, als sie durch mich erfuhren, daß der Tourist das junge Mädchen für brustleidend, und ihren Bruder für ihren Bräutigam hielt, dem er prosaische Kühle und Gefühllosigkeit vorwarf.

Der dicke Herr, der noch immer am Feuer saß, hatte uns zugehört, ohne an der Unterhaltung oder an unserem Lachen teilzunehmen. Nun stand er auf, um in sein Zimmer zu gehen: »– Ein Dummkopf,« sagte er, »und einer meiner Landsleute, da können Sie sicher sein. Nur einer meiner Landsleute kann in so glücklicher Weise Torheit und Ernst, Einbildung und Unwissenheit miteinander vereinigen; nur einer meiner Landsleute wird, ehe er an sich selbst zweifelt, lieber ein frisches, junges Mädchen, das er für brustkrank hält, in das werfen, was er für eine Lawine hält... Guten Abend, meine Herren...!«

Damit nahm der dicke Herr ein Licht und entfernte sich. Bald danach taten wir alle dasselbe.

Die im Hospiz des Großen Sankt Bernhard für die Fremden bestimmten Zimmer sind voneinander nur durch eine dünne hölzerne Scheidewand getrennt. Als ich mein Licht ausgelöscht hatte, bemerkte ich eine Helligkeit, die durch die Spalten der Scheidewand auf mein Bett fiel. In einem derartigen Falle wird man kaum umhin können, seiner zwar indiskreten, aber begreiflichen Neugierde nachzugeben, und sein Auge an diejenige Spalte zu legen, die einem am breitesten vorkommt. Das tat ich denn natürlich auch, und zwar unter den sinnigsten Vorsichtsmaßregeln, damit mein Vorhaben durch kein Geräusch verraten würde. Da sah ich nun zu meiner großen Überraschung, aber doch auch mit einer gewissen Enttäuschung, wie unser Tourist aufrecht in seinem Bett dasaß; Oberkörper und Kopf waren eingehüllt; die Feder in der Hand, schien er ganz in eine schriftliche Ausarbeitung versenkt zu sein. Neben seinem Bett stand eine dampfende Teemaschine und eine Flasche mit Kirschbranntwein. Von Zeit zu Zeit hörte er auf zu schreiben, um das Geschriebene nochmals durchzulesen und zu verbessern, und dann malten sich alle Schattierungen der Befriedigung vom einfachen Lächeln der Zufriedenheit bis zur aufrichtigen Bewunderung auf seinem Antlitz. Einmal konnte er dem Wunsche nicht widerstehen, den schmeichelnden Klang seiner Perioden selbst zu vernehmen; doch aus dem Stück, das er sich vorlas, konnte ich nur so viel heraushören, daß es von Molosserhunden, von Veilchen und von einem jungen Mädchen, namens Emma handelte. Ich schloß daraus, daß unser Tourist ein Schriftsteller war, vielleicht gar ein Reisender aus der Schule von Alexander Dumas, der in diesem Augenblick beschäftigt war, seine Eindrücke, sowie die Erinnerungen und entscheidenden Ereignisse des Tages zu Papier zu bringen. Daraufhin überließ ich ihn seiner Arbeit und schlief ein.

Beim Frühstück am andern Morgen erfuhr ich, daß der Tourist seit einer Stunde fort war; der dicke Herr machte sich auf den Weg, um nach Martigny zurückzukehren. So gesellte ich mich für den Abstieg nach Aosta zu den drei Personen, die ich am Abend vorher auf so fröhliche Weise kennen gelernt hatte. Diese drei Reisenden, von denen der Tourist den einen auf den ersten Blick als phlegmatischen Schweizer erkannt hatte, ließen mir alsbald keinen Zweifel darüber, daß sie aus Chambéry waren. Sie wollten nach Jorea, um dort die Hochzeit des jungen Mädchens zu feiern, das ihr Vater, ein Gastwirt in Chambéry, schon seit Jahren dem Sohne eines Piemontesen, der Gastwirt in Jorea war, versprochen hatte. Bei dieser Gelegenheit gedachte der Biedermann sich gleichzeitig mit Wein und Reis zu versehen, und dann nach Erledigung aller seiner Geschäfte über den Kleinen Sankt Bernhard nach Savoyen zurückzukehren. Alles das erzählte er mir unterwegs in der heiteren und einnehmenden Art und Weise, die gerade den Savoyarden eigen ist. Da ich an seinen Erzählungen Interesse zu nehmen schien, so lud er mich zur Hochzeit seiner Tochter ein, und diese bat mich mit liebenswürdiger Treuherzigkeit, ihr doch diese Ehre zu erweisen. Ich lehnte die Einladung nicht gerade ab, aber ich war auch noch nicht entschlossen, sie anzunehmen. Ich mußte mir nämlich zunächst über die Vorgänge in meinem Innern klar werden.

Schon am Abende vorher hatte das junge Mädchen durch ihre ganze Art und Weise mich lebhaft interessiert; heute fühlte ich schon, daß ich im Begriff war, mich in sie zu verlieben. Das mag ein wenig überstürzt erscheinen. Aber einmal fühlt sich unser Herz auf Reisen abenteuerlicher und freier aufgelegt und fängt rascher Feuer als gewöhnlich; außerdem aber wird es stets dem Zauber unerwarteter Reize und einer Anmut, die ihm bisher vielleicht fremd geblieben ist, unterliegen. Das junge Mädchen war bei den Nonnen in Sacré Cœur erzogen worden und hatte das Kloster erst vor wenigen Wochen verlassen; sie war daher noch in allen Dingen ein Neuling und völlig weltunerfahren. Aber gerade ihre Naivität verlieh ihr einen eigenen Zauber, es schwebte um sie wie ein zarter, unberührter Blütenduft von fröhlicher Erwartung. Anmutig saß sie auf ihrem Maultier, das nach dem diesen Tieren eigenen Instinkt am äußeren Rande der Straße ging; so schwebte sie über dem Abgrund und fuhr doch unbekümmert fort, ihre Scherze zu treiben, was bei ihr kein Zeichen von Mut, sondern nur von sorglosem Vertrauen war. Und als dann unsere Unterhaltung sich vom Reis und von den Weinpreisen anderen Gegenständen zuwandte, die mehr nach ihrem Geschmack waren, da nahm sie daran teil, wobei sie bald von der ausgelassensten Munterkeit war, bald ernsthaft und voller Verständnis zuhörte. Zu zwei oder drei Malen war auch die Rede von ihrem Verlobten; sie hatte ihn erst einmal gesehen und sprach von ihm ohne Verlegenheit, aber auch ohne tiefere Empfindung; sie schien in der Heirat nur ein köstliches, ewig währendes Fest zu erblicken. Welch liebenswürdiges Kind! Während meine Augen an ihr hingen, stellte ich mir ihr zukünftiges Schicksal, ihr ach so nahes Erwachen aus der Verzauberung vor. Und da ich voraussah, wie viele Enttäuschungen sie gerade am Herde ihres häuslichen Glücks erwarteten, so wäre ich gern derjenige gewesen, der ihr durch zärtliche Beständigkeit, durch die Fürsorge eines verständnisvollen, liebenden Herzens das alles hätte ersparen dürfen. Da ich aber dieser Mann nicht sein durfte, so zog ich es vor, nicht erst ein Gefühl großzuziehen, das bei seiner Hoffnungslosigkeit nur zu bald peinvoll werden mußte. Aus diesen Gründen war ich innerlich noch nicht entschlossen, ob ich der Hochzeit des Piemontesen beiwohnen sollte.

Nach vier Stunden kamen wir in Aosta an. Es war gerade Markttag. Im Schatten der Ruinen des Amphitheaters und um die alten römischen Tore breiteten die Bauern, die von den Bergen hergekommen waren, ihre Erzeugnisse aus. Hier erhoben sich Haufen von Käsen, dort brüllten Kälber; etwas weiterhin blökten furchtsame Schafe um kleine Buden oder säugten ihre Lämmer unter dem Schutz der Wagen. Unsere beiden Herren waren kaum angekommen, als sie auch schon von den Kaufleuten umringt wurden, mit denen sie zu tun hatten; es war ihnen lieb, mich schon wie einen alten Bekannten behandeln, und mir die Sorge um das junge Mädchen anvertrauen zu können. Der Gasthof, in dem wir abgestiegen waren, war geräuschvoll und voller Leute. Ich schlug ihr deshalb vor, zu dem Turm »des Aussätzigen« zu pilgern. Sie willigte mit freudigem Eifer ein, und erst als wir schon unterwegs waren, fragte sie, wer »der Aussätzige« sei. Ich verhieß ihr, daß sie es bald erfahren sollte, trat in einen Bücherladen ein und erstand dort das berühmte Werk des Herrn von Maistre. Nun wandten wir uns zu dem ländlichen Gehege, in dem sich der alte Turm erhebt, den er unsterblich gemacht hat. Als wir ihn genügend besehen hatten, suchten wir auf einer nahen Wiese einen schattigen Platz, wo wir uns niederlassen, und das Buch lesen konnten. Wir fanden einige dichtbelaubte Eichen, nicht weit von ein paar Gräbern, diejenigen vielleicht, bei denen »der Aussätzige« gesehen hatte, »wie die junge Frau ihr Haupt an die Brust ihres Gatten schmiegte« und fühlte, wie sein Herz sich zusammenschnürte und beinahe brach in seiner hoffnungslosen Verzweiflung.

Meine junge Begleiterin war, wie gesagt, bei den Nonnen in Sacré Cœur erzogen worden und hatte bisher fast nur Andachtsbücher gelesen. Zum erstenmal hörte sie eine Erzählung, die zugleich ernst und fesselnd war, deren bewegte, beredte Sprache das Herz bald sanft durchdringt, bald zusammenpreßt, und es vor Mitleid lauter schlagen läßt. Zuerst war sie ruhig und fast zerstreut; sie betrachtete bald den Turm, bald die Berge, bald das Tal, bis sie mehr und mehr von dem Interesse an der Erzählung eingenommen wurde; nun erst malte sich auf ihrem Antlitz die Überraschung und die Verzauberung, die innere Bewegung einer jungfräulichen Seele, die sich der Poesie erschließt. Ihr Antlitz glänzte vor Freude. Aber bei den Stellen, wo von den bitteren Leiden »des Aussätzigen« die Rede ist, füllten sich ihre Augen mit Tränen; und als der Augenblick kam, wo der Unglückliche von seiner Schwester getrennt werden soll, da verriet sich ihr Mitgefühl durch lautes Schluchzen, und sie bat mich, nicht weiter zu lesen. Ich schloß darauf das Buch, reichte es ihr, damit sie es später zu Ende lesen könne, und bat sie, den kleinen Band zur Erinnerung an mich zu behalten. Sie versprach es mir bereitwilligst, aber sie errötete dabei. Und in der Tat, wir waren zusammen empfindsam gewesen, hatten uns gemeinsam rühren lassen, waren uns unmerklich innerlich näher getreten, und so war aus dem harmlosen Wohlgefallen von gestern in dem jungen Mädchen ein neues Gefühl entsprossen, das sie mit schamhafter Verwirrung erfüllte.

Wir kehrten in den Gasthof zurück. Die beiden Herren steckten noch ganz in ihren Geschäften; sie beeilten sich jetzt, sie zu beenden, um abreisen zu können. Daß mit dem Fräulein eine so große Veränderung vorgegangen war, merkten sie kaum. Was mich betrifft, so war ich mir klar darüber, daß ich eine Unklugheit begangen hatte. Es war kein Liebesdienst gewesen, daß ich ihr gerade in dem Augenblick, wo sie die heiligsten, aber auch prosaischsten Verpflichtungen eingehen sollte, das Verständnis für die Poesie eröffnete, und das erfüllte mich mit aufrichtigem Kummer. Das Unheil, das ich angerichtet, konnte ich nicht mehr ungeschehen machen; aber ich konnte es noch vergrößern, wenn ich meinen Weg in der Gesellschaft des jungen Mädchens fortsetzte, wozu mich mein dringender, in seiner Lebhaftigkeit schon beinahe sträflicher Wunsch verleiten wollte. So widerstand ich denn mit Aufbietung aller Willenskraft der herzlichen Aufforderung des Vaters wie des Bruders und den schüchternen, aber inständigen Bitten meiner Gefährtin, dankte ihnen herzlich für ihre Freundlichkeiten und trennte mich von ihnen. Gleich darauf reisten sie ab. Ich blieb noch in Aosta; inmitten der herbeigeströmten Volksmenge fühlte ich mich völlig vereinsamt, und an derselben Stelle, wo wir am Morgen unter den Eichen gesessen hatten, versenkte ich mich in die Melancholie, die mein Herz erfüllte. Auch am nächsten und an den folgenden Tagen war ich noch die Beute widerstreitender Empfindungen und hatte wenig Sinn für die Gegenden oder Städte, durch die ich kam. In Jorea, das ich am frühen Morgen passierte, mußte ich mir von neuem Gewalt antun, um mich dort nicht wenigstens einige Stunden aufzuhalten. Die Straßen waren noch leer, die Luft kalt, die Dora kaum vom ersten bleichen Morgenschimmer erhellt; gleichwohl schien es mir so, als ob keine Gegend Italiens so reizvoll wäre wie diese. Im Vorbeigehen erblickte ich mehrere Gasthöfe; vor jedem blieb ich stehen, vor jedem überlegte ich, ob er die Behausung des jungen Mädchens sein könnte: wahrscheinlich schlief sie jetzt noch; vielleicht aber träumte sie wachend von dem, was einige Tage vorher ihr Inneres bewegt hatte, und dachte an den jungen Mann, der wenn auch nicht der Gegenstand, so doch die Veranlassung ihrer ersten seelischen Erschütterungen gewesen war. Da ich mich bei dem häufigen Stillestehen versäumte, kam mein Kutscher, der mich am anderen Ausgang des Städtchens erwarten sollte, zurück, um mich zu holen. Ich folgte ihm; der Wagen rollte fort; und als ich das Geräusch der Räder auf dem Straßenpflaster nicht mehr vernahm, durchzog mich eine unaussprechliche Traurigkeit. Immerhin, im Lauf der Wochen ließ diese Stimmung allmählich nach, und das Gefühl, das ich im Herzen bewahrte, nahm die Gestalt einer lieblichen Erinnerung an. Ich besuchte Genua, Florenz, Rom und Neapel; als ich an die Rückkehr denken mußte, wählte ich als Alpenübergang den Simplon: ebensosehr darum, weil es mich in meiner zurückgewonnenen Unbefangenheit nicht mehr danach verlangte, wieder durch Jorea zu kommen, als auch weil ich mich fürchtete, dabei möglicherweise meine Erinnerung zu verunglimpfen, die ich mir zu meiner Freude so hold, so rein und so frisch erhalten hatte. –

Als ich vergangenen Herbst nach Genf zurückkehrte, machte ich nach meiner Gewohnheit meiner Tante Sara einen Besuch. Ich habe sie schon weiter oben gelegentlich des Zweikampfes meines Vetters erwähnt. Meine Tante Sara wohnt auf dem Lande: das heißt, sie besitzt vor den Toren der Stadt ein Gärtchen, das durch Mauern von den Nachbargärtchen getrennt ist. Das Gärtchen weist als Annehmlichkeit eine Schaukel auf. Eine Pumpe, die nur in der trockenen Jahreszeit versiegt, sorgt für die Bewässerung. In der Nordostecke hat mein Vetter Ernst einen chinesischen Pavillon aufgeführt und ganz in Grün bemalt; von ihm aus schweift das Auge auf das Steuerhaus und die Stadtbefestigungen.

Meine Tante Sara ist eine ausgezeichnete, jetzt hochbetagte Dame; sie hat in ihrem Leben nur das eine Unglück durchgemacht, vor vierzig Jahren, nach drei Monaten eines ungetrübten Glücks, wie sie selbst treuherzig sagt, ihren Gatten zu verlieren. Sechs Monate nach diesem Ereignis genas sie eines nachgeborenen Sohnes, auf den sich seitdem alle ihre zärtlichen Gefühle vereinigten: dieser Sohn ist mein Vetter Ernst, den sie so erzogen hat, wie eine zärtliche Mutter, die in ihrer Jugend Gouvernante war, einen einzigen, und was noch mehr sagen will, einen nachgeborenen Sohn erzieht. Von frühester Jugend an: Ordnungsvorschriften, Gewöhnung an Anstand, Unterweisung in guter Körperhaltung; später, um das Herz zu bilden: Sittenregeln, Merkverse, Erzählungen mit moralischer Nutzanwendung, in denen das Laster bestraft, die Tugend belohnt wird; späterhin, um den Geist zu bilden: Vorschriften über höfliches Benehmen und sittsame Unterhaltung. Dazu seit den ersten Jünglingsjahren Handschuhe, Spazierstöckchen, Frack, auswärts gerichtete Füße, entsprechende Manieren; noch später: ... nichts. Mit fünfzehn Jahren war mein Vetter Ernst ein fertiger Mensch, in jeder Beziehung vollkommen, ein Musterknabe, die Freude seiner Mutter, aber auch die Freude einiger zu Lachen und Spott aufgelegten Altersgenossen, deren Ton meine Tante abscheulich fand. Heutigestags ist mein Vetter Ernst immer noch der einzige, nachgeborene Sohn, ein gesetzter, schmucker Junggeselle; er zieht Nelken auf, begießt Tulpen, geht jeden Tag zur Stadt, um bei einem Bekannten die von diesem bereits gelesene Zeitung abzuholen, und in der Leihbibliothek den ersten Band des Romans, den meine Tante liest, gegen den zweiten umzutauschen. Sind die Straßen naß, trägt er Überschuhe, sind sie staubig, zieht er Gamaschen an; regnet es, oder ist der Barometerstand drohend, steigt er in den Omnibus. Ohne den Omnibus würde er nie sein Duell gehabt haben.

Es ist seltsam! Ich bin Soldat von Beruf, von ziemlich lebhaftem Naturell und sehr kitzlich im Ehrenpunkt; gleichwohl habe ich noch niemals ein Duell gehabt. Mein Vetter Ernst bringt sein Leben unter guten alten Damen zu. Er besucht weder Gesellschaften noch öffentliche Veranstaltungen; er ist sanftmütig, er ist ein einziges Kind, er ist nachgeboren ... und doch hat es das Schicksal gewollt, daß er seinen Ehrenhandel haben sollte. Das hat seinen Grund darin, daß für meinen Vetter Ernst seine Gewohnheiten dasselbe bedeuten, wie für andere Leute ihre Leidenschaften: daß ihm das Anrecht, um acht Uhr morgens unterwegs zu sein, wenn er den Achtuhromnibus benutzt, so viel bedeutet, wie anderen faulen Köpfen die Befugnis, nach Belieben die Marseillaise anzustimmen oder einer Gräfin den Zigarrenrauch ins Gesicht zu blasen. Also eines Tages trifft es sich, daß, als mein Vetter in dem Achtuhromnibus Platz nimmt, der Schaffner auf die Bitten eines jungen Fremden einwilligt, die Abfahrt um einige Minuten zu verzögern, um einer Dame, die dieser Fremde erwartet, Zeit zu lassen, heranzukommen. Das betrübt meinen Vetter bereits, weil er voraussieht, daß dieser Aufenthalt eine völlige Verwirrung in seine Tageseinteilung bringen wird. Es schlägt ein Viertel; nun ärgert sich mein Vetter; er überlegt, daß diese Dame der Ausgangspunkt einer ununterbrochenen Reihe von Unregelmäßigkeiten sein wird; daß eine die andere nach sich ziehen, daß die Stunde seines Mittagsessens, seines Kaffees, seiner Mittagsruhe verschoben werden wird ... Fünf Minuten nach ein Viertel kann er sich nicht mehr halten, er brummt vor sich hin: »Zum Teufel mit dem Fräulein.« Sofort gibt ihm der junge Fremde die Adresse und bittet um seine, und alles wird auf den nächsten Morgen um acht Uhr verabredet; »um acht Uhr pünktlich,« fügt der Fremde noch hinzu. An diesem Tage ließ mein Vetter zum erstenmal auf sich warten. Er wollte sich entschuldigen, aber das wurde nicht angenommen. Darauf haben wir, ehrenwerte Zeugen und gute Verwandte, alles übrige erledigt, und der Ehre wurde Genüge getan.

Ich komme nun auf den Besuch zurück, den ich meiner Tante Sara vergangenen Herbst machte. Als ich das Gärtchen betrat, fand ich sie in dem chinesischen Pavillon sitzend, wie sie einigen braven Damen aus der Nachbarschaft vorlas. Der Gegenstand mußte recht herzbewegend sein, denn die ganze Gesellschaft war gerührt, mein Vetter Ernst jedoch ausgenommen, der, immer noch einzig und nachgeboren, eine Zigarre rauchend, nachlässig auf einer einfachen Bank im Schatten einer grauen Akazie saß. Nachdem ich alle begrüßt und meine Tante umarmt hatte, bat ich die Damen, sich durch mich in ihrer Lektüre nicht stören zu lassen, und setzte mich auch auf die einfache Bank im Schatten der grauen Akazie und steckte mir ebenfalls eine Zigarre an. Meine Tante las genau so wie eine zärtliche Mutter, die in ihrer Jugend Gouvernante war; mit lehrhaftem Ausdruck, nach vernünftig ausgedachten Grundsätzen, und unter strenger Befolgung aller Regeln der Aussprache, so daß es ein Hochgenuß war, ihr zuzuhören. Nachdem sie ihre Brille wieder zurechtgerückt hatte, fuhr sie fort: »... Dieses junge Mädchen war eine der bleichen Frauengestalten, die wie mit einem dämmerigen Schleier die bläuliche Gloriole geheimer Traurigkeit umgibt. Vom Schicksal verdammt, sich dem Zwange eines Vaters fügen zu müssen, der unfähig war, das geheimnisvolle Streben einer Seele zu verstehen, die nur danach trachtete, die Abgründe ihres Innern zu verbergen und die Vervollkommnung ihres Daseins zu vollenden, verzehrte sie sich in geheimem Schmerz und unterdrücktem Schluchzen. So hatte diese Pflanze, die geschaffen war, auf den schimmernden Abhängen der Apenninen zu erblühen, ihre Wurzeln an den kalten Hängen der Schweiz schlagen müssen, und im Begriff, ihre strahlende Blumenkrone zu erschließen, hatte der eisige Höhenwind sie genötigt, sich in die schlichte Hülle ihres bleichen Kelches zurückzuziehen.«

»Vetter, wer ist denn diese Pflanze?« fragte ich den nachgeborenen Junggesellen, der an meiner Seite rauchte.

»Das ist..., das ist eine köstliche Frauengestalt.«

(Mein Vetter war darauf erzogen, die gewählten Ausdrücke seiner Mutter zu wiederholen.)

»Und was ist das für ein Buch?«

»Reiseeindrücke.«

»Nicht sehr heiter, nicht wahr?«

»Nein.«

»Traurig?«

»Ja, sehr.«

Und damit begann mein Vetter, den meine Fragen weit mehr in seiner Ruhe störten, als das unterdrückte Schluchzen der weißen Frauengestalt, weiter zu rauchen mit einem Ausdruck, der mir sagen sollte, daß, wenn er auch nicht beabsichtigte, zuzuhören, er nichtsdestoweniger von mir verlangte, ihn in Ruhe zu lassen.

»... Und während sie vergeblich unter den irdischen Wesen, von denen sie umgeben war, denjenigen suchte, der den verlassenen Palast ihres Herzens öffnen und mit seiner Liebe bevölkern sollte, hatte ihr Vater« (»Vetter, wer ist dieser Vater?« – »Es ist der ihrige.–«) »hatte ihr Vater, eine gewöhnliche Natur, einer von den Männern, deren Leben ganz in Handelsgeschäften aufgeht,« (»Also wohl ein Handeltreibender, ja?« – »Ja doch!«) »hatte ihr Vater, statt ihrem Zärtlichkeitsbedürfnis einen jener edlen Verbannten vorzuschlagen, die das vulkanische Italien in der Zeit seiner Ausbrüche über die Alpen geschleudert,« (»Ciani? Mazzini?« – »Ich weiß nicht.«) »eine der reichen, leicht entzündlichen Naturen, wie sie heute noch Neapel oder die Stadt der Gondeln hervorbringt,« (»Venedig, was?« – »Still!«) »hatte ihr Vater sein Auge auf einen jungen Schweizer geworfen, einen plumpgebauten, pausbäckig frischen, blondhaarigen Menschen, die traurige Verkörperung einer matten Seele ohne jedes Feuer. So mußte die bleiche Blume, die ständig von eisigen Winden zerzaust wurde, statt bei den anderen Blumen, ihren Gefährtinnen, eine reiche Stütze zu finden, ihre Stirn an der unbehauenen Fläche der beiden Granitblöcke zerstoßen, die sie töteten, obwohl sie sie schirmen wollten.«

Bei dieser Stelle konnte meine Tante, die in ihrer Jugend Gouvernante gewesen war, sich nicht enthalten, zu bemerken, wie entzückend dieses Buch geschrieben wäre. Sie fand in dem Stil unendlich viele Schattierungen, die dem tausendfachen Wohlklang einer empfindsamen Seele entsprächen; besonderen Wert legte sie auf die Wendung mit dem unerwarteten Vergleich, der so viel Licht auf das Schicksal der bleichen Heldin werfe. Die alten Damen teilten ihre Meinung vollkommen und bezeigten die größte Verachtung für die beiden Granitblöcke; die eine von ihnen versenkte sich mit so ausgesprochener Begeisterung in die Schmerzen des unverstandenen Weibes, daß ich bei mir die Vermutung aufstellte, sie möge wohl gleichfalls viel unter der stumpfen Gleichgültigkeit und Verständnislosigkeit des andern Geschlechts gelitten haben.

»Ist diese Dame verheiratet?« fragte ich ganz leise meinen Vetter.

»Nein.«

Ich selbst ahnte noch nicht im entferntesten, daß diese bleichsüchtige Pflanze meine frische Begleiterin von Aosta, und der eine Granitblock der Gastwirt aus Chambery waren; aber ich nahm lebhaften Anteil an der Vorlesung, die meinen guten Vetter nicht im geringsten aus seiner Ruhe brachte, dagegen die Empfindsamkeit der Damen von Grund aus aufrührte und sie zu Bemerkungen verleitete, die nicht minder köstlich waren als der Stil, durch den sie veranlaßt wurden.

»Als ich sie traf,« fuhr meine Tante in ihrer Vorlesung fort, »wanderten sie den Gefilden Italiens zu, in der törichten Hoffnung, daß der sanfte Hauch eines balsamischen Klimas den Verheerungen in diesem, dem Tode geweihten Körper Einhalt gebieten würde. Ich aber, dessen Seele die ihre verstand, ich sah diese Jungfrau, wie sie durch eine Allee von Zypressen ihrem bereits ausgehobenen Grabe zuschritt, und das Gewicht eines ungeheuren Schmerzes lastete auf meiner niedergedrückten Seele. Neben ihr, im hellen Tageslicht, führte ihr blonder Bräutigam die plumpe Masse seiner Gliedmaßen spazieren; keine innere Flamme verklärte sein fades Antlitz oder verlieh seinen alltäglichen Bewegungen ein pulsierendes Leben. Undurchdringliche Herzensstumpfheit bekleidete diesen Mann wie eine bleierne Rüstung und nicht einmal das Herannahen einer furchtbaren Lawine (hier horchte ich mit beiden Ohren hin) vermochte ihm den selbstsüchtigen Schreck der alltäglichsten Furcht einzujagen.

Inzwischen nahte die Nacht; es schien, als wollten die schwarzen Zacken der Gipfel die Abendwolken durchbohren, als wollten die Schluchten des Sankt Bernhard gleich riesigen Mäulern die letzten Strahlen der untergehenden Sonne verschlingen. Die Lawine war da, gähnend, unergründlich, bleich wie ein Leichentuch, gierig wie ein Grab. Plötzlich stürzt eine weiße Erscheinung nach vorn, dreht sich um sich selbst und verschwindet in den Abgrund. Es ist Emma! (Emma! rief ich bei mir selbst.) Schneller als der Blitz werfe ich mich ihr nach, ich rolle, ich springe, ich tauche vom Leeren ins Leere, ich suche dem Tode zuvorzukommen, der sich zu meiner Verfolgung aufgemacht hat, endlich gehe ich als Sieger aus dem furchtbaren Streite hervor, ich erreiche die bleiche, eisige Jungfrau ... Sie hatte in dem Schlund ein Ende ihrer Qualen finden wollen. Nun gab ich, der Fremde, ich der Unbekannte, ihr zu erkennen, daß ich ihren Gedanken erraten hatte. Endlich fühlte sie sich verstanden, zum erstenmal vielleicht; ihre Augenlider öffneten sich um einen Strahl des Entzückens durchzulassen, und ein sonniges, unaussprechliches Lächeln spielte um die Veilchen (!!!) ihrer Lippen. Gleichzeitig kamen die Molosserhunde (!!!) des Hospizes auf uns zu, beladen mit herzstärkenden Sachen, durch ihr Bellen Hilfe und Befreiung verkündend. Vom Rande der Landstraße warf man uns ein Tau zu, die Brüder kamen uns entgegen; den Männern des Himmels übergab ich das Opfer der Welt, und nachdem ich es ihnen übergeben, entfernte ich mich mit verzweifelten Schritten.«

Ich brach in lautes Lachen aus... Die Damen erhoben sich entrüstet; mein Vetter sah seine Mutter an, meine Tante sah mich an; ich erblickte alle Welt in Tränen, und da ich meine Heiterkeit, die gerade dieser Anblick auf ihren Gipfel brachte, nicht länger unterdrücken konnte, so entschloß ich mich der Gesellschaft meinen Gruß zu entbieten und mich zu verabschieden, nicht ohne mich wegen des großen Ärgernisses, das ich ihnen gegeben, zu entschuldigen.

Während ich in mein Hotel zurückkehrte, erinnerte ich mich des dicken Herrn, welcher sagte: Grabschrift! Alles ist Grabschrift!

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