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Gelöste Rätsel

Matthias Blank: Gelöste Rätsel - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorTheo von Blankensee
titleGelöste Rätsel
publisherCarl Henschel Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160626
projectid41fbc3de
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VI.
Blamiert.

Seufzend saß Braun über seine Akten und Schreibereien gebeugt. Wohl schon mehr als ein dutzendmal hatte er alle Aussagen und Notizen durchgelesen, aber dies half alles nichts. Der Mörder war eben nicht zu finden.

Was aber war schuld? Vielleicht er selbst. Er hatte sich gleich von Anbeginn in den falschen Verdacht hineingebohrt, mit seiner bekannten Starrköpfigkeit hatte er Behauptungen aufgestellt, war diesen nachgegangen und hätte, wenn er nicht die nötige Ruhe besessen hätte, bald noch einen Ehrenmann auf einen geradezu lächerlichen Zufall hin des Mordes beschuldigt. Denn daß Pedro Serrao ein Ehrenmann sei, das stand für ihn fest.

Dieser mußte unschuldig sein. Er erinnerte sich noch genau, in welch' gutmütigem, freudigem Tone dieser rief: »Fritz, komm' nur herein!« Er hatte seinen Freund Monnard erwartet. Und diesen Ehrenmann Serrao hatte er verdächtigt!

Braun schlug sich vor die Stirne.

Unangenehm war nur, daß er auf diese Weise jegliche Spur verlor und es so immer unwahrscheinlicher wurde, den Mörder zu entdecken. Auch hätte er in keinem so zuversichtlichen Tone mit dem Kommissar reden sollen. Jedenfalls hatte er sein ganzes Renommee durch diesen Streich verscherzt.

Seit der Mordtat hatte er schon wiederholt selbst in den gefährlichsten Lokalen, die in der Umgebung der Mordstelle lagen, Untersuchungen und Razzias vorgenommen. Aber das Resultat war und blieb immer dasselbe.

Es wurde dem so tüchtigen Arbeiter die Tätigkeit verleidet. Er hatte seit diesem Fehler jeden Scherz verlernt. Nur sein rastloser Fleiß und sein Ehrgeiz stachelten ihn immer und immer wieder auf.

So saß er nun wieder vor den Akten und grübelte nach. Es erschien ihm als der einzig erklärliche Grund, den Kopf zu beseitigen, das Bestreben, auf diese Weise die Gerechtigkeit irre zu führen.

Lange saß er so, vor sich hinbrütend. Ein Pochen an der Türe ermahnte ihn, wieder zur Wirklichkeit zurückzukehren, und er rief: »Herein!«

Kommissar Seidel trat in das Zimmer.

»Ah! Schon wieder bei dem Fall Monnard! Das ist eine verteufelte Geschichte. Was?« begann dieser sofort.

»Allerdings!« stimmte ihm Braun bei und fuhr fort: »Es ist alles wie abgeschnitten. Ich kann den Faden nicht finden!«

»Ruhig, alter Freund! Einmal kann sich der gewandteste Kriminalist vergaloppieren!«

»Ein schlechter Trost!« meinte Braun dazu.

»Wer weiß, ob Sie nicht doch noch den richtigen Anschluß finden?«

»Eigentlich müßte es sein!«

»Der Mörder muß aber auch ein verdammt geriebener Bursche sein. Nicht das Geringste blieb zurück, das von ihm hergerührt hätte.«

»Es ist nichts dabei zu machen!«

»Allerdings nicht!«

Braun stand von seinem Platze auf und ging unruhig und nervös im Bureau umher.

»Sie erlauben doch, Herr Kollege, wenn ich die Akten etwas durchsehe?« fragte der Kommissar, setzte sich an den Platz Brauns und blätterte in den Aktenstücken herum.

Braun sagte nichts dazu. Seine Zimmerpromenaden wurden immer rascher und heftiger. Von seinen festen Tritten hallte der Boden. Plötzlich blieb er vor den aufgespeicherten Mordwaffen stehen und sagte, auf diese hinzeigend:

»Ich wollte, die Waffe, mit der der Mord ausgeführt wurde, läge schon unter diesem Gerümpel.«

»Glaub's!« brummte der Kommissar vor sich hin, der sich bereits in den Akteninhalt vertieft hatte.

Braun ging nun wieder auf und ab – wobei er die Hände auf den Rücken gelegt hatte. Bei diesen weitausschreitenden Tritten brummte er dann immer irgend ein Wort, das sich eben aus der logischen Reihenfolge seiner Gedanken verirrt hatte, vor sich hin.

Vor dem offenen Fenster machte er wieder Halt. Er sah in den Gefängnishof hinunter und rief dann dem Kommissar zu:

»Sehen Sie, dort unten geht eben der schwarze Roter, der den Doppelmord in der Karlstraße verübte. Wer hatte bei diesem Fall jemals daran gedacht, daß man den Mörder entdecken würde. Schließlich konnte ich ihn dennoch finden.«

Der Kommissar sah von den Akten auf, blickte auf Braun, und sagte:

»Halten Sie es nicht schließlich doch für möglich, daß dieser Pedro da den Monnard ermordet hat?«

»Nein!«

»Hm! Ich ließe den Kerl doch nicht aus den Augen. Eine Kontrolle würde ihm auch nicht schaden. Wer weiß, was in seinen Koffern alles zum Vorschein kommen würde.«

»Der kann es unmöglich sein! Haben Sie das Telegramm und die Aussage des Lotter gelesen?«

Der Kommissar nickte nur.

Momentan herrschte eine atemlose Stille im Zimmer.

Braun trommelte mit den Fingern auf der Fensterscheibe und sah dem Kommissar zu. Als dieser das letzte Aktenblatt gelesen hatte, stand er auf, schüttelte den Kopf und meinte:

»Aber sehr verdächtig ist dieser Herr Serrao.«

»Warum?«

»Haben Sie seine Papiere geprüft?«

»Ich hatte doch keinen Grund!«

Nachdenklich sah der Kommissar vor sich hin.

Braun begann hierauf: »Auf mich machte er den denkbar günstigsten Eindruck. Ich habe das erste Zusammentreffen mit ihm im Hotel gerade deshalb in meinem Bericht so ausführlich geschildert, damit auch nicht der geringste Zweifel darüber herrschen kann!«

»Ich habe es gelesen! Aber vielleicht haben Sie sich von ihm überraschen lassen, statt er sich von Ihnen!«

»Lächerlich!«

»Die 50 000 Mark hat er wohl schon erhoben?«

»Ich weiß es nicht!«

»Telephonieren Sie 'mal! Sie wissen doch den Namen der Gesellschaft?«

»Aber wozu?«

»Ob es ihm mit dem Geldeinkassieren wirklich so gleichgültig war, als er vorgab.«

Braun trat an das im Zimmer stehende Telephon, nahm die eine Hörmuschel zur Hand, während der Kommissar die zweite an sein Ohr drückte.

Rrrr! schellte die Telephonglocke.

»Bitte 1749 Arcadia.«

»1749.«

Nun war nichts zu hören, als ein Summen und Surren wie aus weiter Ferne. Dann klang deutlich vernehmbar eine Stimme:

»Hier Arcadia. Wer dort?«

»Polizeidirektion!«

»Bitte?«

»Bei Ihnen war ein gewisser Fritz Monnard auf 50 000 Mark versichert. Dieser wurde vom 16. auf 17. ermordet. Wurde die Versicherungssumme bei Ihnen schon erhoben?«

»Jawohl! 50 000 Mark!«

»Danke! Schluß!«

»Schluß!«

Rrrr! Wieder klingelte und rasselte die Glocke.

Der Kommissar trat vom Telephon weg, ebenso Braun.

»Also das Geld hat er schon erhoben!«

»Warum sollte er es denn nicht tun?« wandte Braun ein. »Deshalb aber braucht er doch noch lange nicht der Mörder zu sein!«

»Deshalb allerdings noch nicht! Aber hatte er denn ein Recht, die 50 000 Mark zu erheben?«

»Das sind wohl zivilrechtliche Fragen!«

»Zugegeben! Aber sie werfen ein schlechtes Licht auf ihn.«

Braun wurde bereits ungeduldig und stieß nun hastig hervor:

»Ich sehe, Sie wollen ihn mit Gewalt zum Täter machen! Das Telegramm sagt doch deutlich genug, daß er am 16. morgens dort ankam und mit seinem Diener am 18. früh wieder abreiste.«

»Gut! Wenn er aber am 16. mittags nach München fuhr, dann war er gegen 10 Uhr bereits hier; er hatte also Zeit genug, mit Monnard zusammenzutreffen und den Mord zu verüben. Fuhr er nun am Morgen des 17. mit dem ersten Zug gegen 4 Uhr wieder ab, so war er zwischen 1 und 2 Uhr wieder in Frankfurt, konnte sogar noch in seinem Hotel dinieren und dadurch ein Alibi beibringen!«

»Sie kennen ihn nicht, diesen Serrao! Würden Sie mit diesem Manne sprechen, dann würden Sie sehr bald überzeugt sein, daß dies ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle ist!«

Braun hatte sehr erregt gesprochen.

»Aber ich finde keine andere Möglichkeit,« warf der Kommissar dazwischen.

»Ich auch nicht! Aber so viel Menschenkenntnis glaube ich denn doch zu besitzen, daß ich sagen kann, dieser kann eines Mordes für fähig erachtet werden, dieser aber nicht.«

»In der Praxis lernt man dies wohl, aber erare humanum est.«

»Hier kann ich mich nicht irren!« ereiferte sich Braun. »Dieser Brasilianer ist ein Mann, der nicht nur zu jeder schlechten Handlung, sondern auch jedes schlechten Gedankens unfähig ist. Das hat Ihnen Braun gesagt, der Braun, dem noch kein Verbrecher entkommen ist.«

In diesem Augenblick wurde ihr Gespräch durch ein heftiges Klopfen an der Türe unterbrochen.

»Herein!«

In das Bureau trat ein fremder Herr, der sich auf Befragen als Max Forstmann, Direktor des Hotels »Hamburger Hof« vorstellte.

»Sie wünschen?« fragte Braun.

»Habe ich die Ehre mit Herrn ...«

»Braun!« unterbrach ihn dieser, der bereits ungeduldig wurde, weil der Angekommene nicht sofort sein Anliegen vorbrachte.

»Bei uns im Hotel war bisher ein gewisser Herr Serrao aus Brasilien.«

»Nun, was soll es mit diesem?«

»Er ist durchgebrannt mit einer Zechschuld von 420 Mark.«

»Was? Serrao durchgebrannt! Ja, ist das denn möglich!?« Braun sank in seinen Stuhl zurück. Er war derart überrascht, daß er nichts mehr sprechen konnte.

Um so gesprächiger aber wurde nun Herr Forstmann.

»Dieser Serrao da mietete sich ein und sagte, er wollte längere Zeit, vielleicht mehrere Monate hier bleiben, man solle ihm alle vierzehn Tage die Rechnung schicken. Am nächsten Tag dann traf das Gepäck des Herrn ein, zwei große, schwere Koffer. Ich kreditierte ihm. Da er mir aber zu luxuriös lebte, schickte ich ihm nach acht Tagen schon die Rechnung, die 420 Mark betrug. Das war gestern früh. Gegen Mittag kam dieser Herr Serrao noch zurück, dann entfernte er sich mit seinem Diener. Letzterer trug ein kleines Paket unter dem Arm. Seit der Zeit kehrten sie nicht mehr zurück. Der Kellner machte mir kurz vorher die Mitteilung. Ich betrat nun die Zimmer der beiden. Die Koffer standen noch an Ort und Stelle. Als ich wie zufällig einen davon in die Höhe hob, merkte ich, daß er sehr leicht war. Dasselbe war beim zweiten der Fall. Ich ließ sie öffnen und sie enthielten beide nichts als alte Wäsche und Kleider, die sie einmal bei einem Gelage auf ihren Zimmern vollständig besudelt hatten.«

Hier endete Herr Forstmann, der die ganze Geschichte hastig hervorgesprudelt hatte.

»Was sagen Sie jetzt?« wandte sich der Kommissar an Braun.

»Ich bin sprachlos!« war die Antwort.

»Es ist mir unerklärlich,« begann jetzt der geschädigte Direktor wiederum, »daß diese Koffer beim Hertransport ein enormes Gewicht hatten, so daß zwei Mann nötig waren, um einen Koffer die Treppe hinaufzutragen. Jetzt dagegen sind sie so leicht und leer.«

»Sie werden wohl vorher schon Sachen fortgetragen haben.«

»Unmöglich!« rief verzweifelnd der Direktor aus. »Als der Kellner am Morgen die Rechnung in das Zimmer legte, versuchte er nochmals die Koffer zu heben. Er vermochte dies aber nicht. Nun verloren meine Leute keinen der beiden am Vormittag des gestrigen Tages aus den Augen. Der Diener verließ das Hotel überhaupt nicht. Dieser Herr Serrao entfernte sich, trug aber nichts bei sich. Erst als die beiden etwas nach Mittag das Restaurant verließen, hatte der Diener ein kleines Päckchen bei sich.«

»Begreifen Sie das?« fragte der Kommissar.

»Mir steht der Verstand still! Mir ist, als hätte ich auch meinen Kopf verloren!« jammerte Braun.

Der Kommissar lachte hierauf und sagte: »Jetzt habe ich gar keinen Zweifel mehr!«

»Zum Lachen aber ist das gerade nicht!« rief Braun. Dann wandte er sich zu dem Direktor und sagte:

»Sie können gehen! Ich werde die Anzeige erstatten und dafür sorgen, daß beide steckbrieflich verfolgt werden.«

Der Direktor entfernte sich hierauf.

»Nun?« fragte der Kommissar, als sie wieder allein waren.

»Nun?« ahmte ihm Braun nach.

»Glauben Sie jetzt, daß dieser Serrao sehr wohl auch den Mord verübt haben kann?«

»Allerdings! Man brauchte nur noch den Kopf.«

»Wie finden Sie die Manipulation mit den Koffern?«

»Es muß dies ein Gaunerkniff sein, den ich selbst noch nicht kenne.«

»Ich auch nicht!« gestand der Kommissar zu und setzte dann hinzu: »Wie aber soll man diesen Serrao jetzt des Mordes überführen?«

»Das ist wohl unmöglich. Er hat sein Alibi bewiesen, und der einzige Zeuge beschwört, daß dieser Pedro nicht der Bursche ist, der bei Monnard war.«

»Also gar nichts zu beweisen! Ich bin überzeugt, daß dieser und kein anderer der Mörder ist.«

»Mir scheint es wohl auch so!« gab Braun zu.

»Na, auf Grund dieses Hotelschwindels allein kann er ja schon steckbrieflich verfolgt werden!«

»Was ich sofort und unverzüglich anordnen werde!« fügte Braun hinzu und begann sofort mit der Ausfertigung eines Steckbriefformulars. Während er damit beschäftigt war, sagte er zu dem Kommissar gewandt:

»So viel aber steht fest, daß ich mich in diesem Falle unsterblich blamiert habe!«

Lachend meinte hierauf der Kommissar:

»Nun, die Scharte kann immer noch ausgewetzt werden.«

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