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Gelöste Rätsel

Matthias Blank: Gelöste Rätsel - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorTheo von Blankensee
titleGelöste Rätsel
publisherCarl Henschel Verlag
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160626
projectid41fbc3de
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XI.
Ein neuer Streich.

In das Juweliergeschäft von Westmann und Fischer, eines der größten und vornehmsten Münchens, trat an einem regnerischen Augustnachmittag ein feingekleideter, eleganter Herr. Er trug einen modernen Sommerüberzieher, einen Anzug von feinstem englischen Stoff und Zylinder. Seine blauen Augen, das blonde Haar und das keimende Schnurrbärtchen verliehen dem Ende der Zwanziger stehenden Fremden einen gewinnenden, vertrauenswürdigen Eindruck.

Als er von den Angestellten des Geschäfts nach seinen Wünschen gefragt wurde, gab er seine schmale, zierliche Visitenkarte ab und bat, ob er vielleicht nicht den Besitzer selbst, wenigstens aber dessen Vertreter sprechen könne.

»Sofort!« lautete der Bescheid.

Der Angestellte entfernte sich und gab an den in einem Nebenzimmer arbeitenden Besitzer Westmann die Karte ab. Dieser las:

»Eugen Gochulowsky,
Haushofmeister des Fürsten Wradiczill.«

Dann erhob er sich und begab sich zu dem im Laden wartenden Fremden, dem er sich als Herr Westmann vorstellte.

»Sehr erfreut!« antwortete der angebliche Gochulowsky, der niemand anders war als Hans.

»Womit kann ich Ihnen dienen?« fragte Herr Westmann.

»Ich habe Sie selbst rufen lassen, weil ich für den Fürsten verschiedene Aufträge zu besorgen habe. Ich wünschte dabei Ihre Anwesenheit, da Sie mich auf verschiedenes aufmerksam machen können, was meinem Laienauge entgehen würde «

»Sehr verbunden! Was wünscht Seine Durchlaucht?«

»Der Fürst ist inkognito hier,« erwiderte Gochulowsky. »Wahren Sie dieses, so lange er sich in der Stadt befindet!«

»Sie können sich darauf bestimmt verlassen!« sicherte dieser zu.

»Der Fürst wünscht vor allem für sich persönlich einen Ring. Es muß dies selbstverständlich ein Prachtwerk sein. Dann braucht er noch Ohrringe und ein Kollier.«

»Gut!«

Der Besitzer wies einen der Angestellten an, eine entsprechende Auswahl vorzulegen. Dieser brachte nun auch eine Anzahl von Ringen, die sich sämtlich durch Kostbarkeit und künstlerische Arbeit auszeichneten. Herr Westmann machte Gochulowsky auf die Feinheiten und Verschiedenheiten der Ringe aufmerksam. Nach längerem Suchen schwankte Gochulowsky in der Wahl von fünf Ringen. Er konnte sich für keinen entscheiden.

Westmann meinte hierauf: »Wir können diese fünf Ringe zunächst beiseite legen und die Wahl in den Ohrringen und Kolliers treffen!«

Nachdem auch von diesen eine Auswahl vorgelegt worden war, wählte Gochulowsky gleichfalls von jeder Art fünf Stück, von welchen er die beste Arbeit aussuchen wollte.

Nach langem Überlegen legte Gochulowsky je einen Ring, ein Paar Ohrringe und ein Kollier als die ausgewählten bei Seite und fragte nach den Preisen.

»Kollier 10 000 Mk., Ohrringe 2000, Ring 4000, macht zusammen 16 000 Mk.«

»Gut!«

Gochulowsky nahm sein Portefeuille und legte sechzehn Stück 1000 Mk.-Banknoten auf die Platte, des Ladentisches. Als hierauf einer der Angestellten die übrigen Schmuckgegenstände wieder wegschaffen wollte, besann sich Gochulowsky abermals und sagte zu dem Besitzer, während er die Banknoten wieder zu sich steckte: »Herr Westmann, belästige ich Sie nicht zu sehr, wenn ich Sie bitte, mit dieser kleinen Auswahl selbst zum Fürsten zu fahren! Ich bin nicht ganz sicher. Vielleicht könnte ich den Wunsch des Fürsten nicht getroffen haben.«

»Aber mit der größten Bereitwilligkeit!« sagte Westmann zu.

»Mein Wagen wartet auf der Straße.«

Westmann begab sich wieder in sein Privatbureau zurück, vertauschte seinen Geschäftsrock mit einem eleganten Rock, ließ hierauf die Auswahl von je fünf Stück einpacken und entfernte sich dann mit Gochulowsky. Vor der Türe des Geschäftes wartete ein Zweispänner. Diesen bestiegen sie. Dem Kutscher rief Gochulowsky zu: »Maximiliansplatz 184.«

Rasch rollte der Wagen von dannen.

Während der Fahrt erzählte Gochulowsky verschiedenes über die Verhältnisse des Fürsten, seine Besitzungen und den Zweck seines Aufenthalts in München. Dabei verlangte er von Westmann selbstverständlich strengste Diskretion.

Vor dem Hause Maximiliansplatz 184 hielt die Droschke.

»Der Fürst hat den ersten Stock gemietet!« sagte Gochulowsky zu Westmann und bezahlte den Wagen.

Sie stiegen die Treppe in den ersten Stock hinauf. Gochulowsky öffnete die Türe und ließ Westmann eintreten. Sie führte in einen luxuriös ausgestatteten Empfangssalon. Kaum hatte jedoch Westmann diesen betreten, da erhielt er plötzlich einen furchtbaren Schlag auf den Kopf, so daß er das Bewußtsein verlor und zu Boden sank.

Pedro, alias Fürst Wradiczill, hatte neben dem Türeingang gestanden und mit einem Gummischlauch dem Juwelier den Schlag auf den Kopf versetzt.

»Gut getroffen, was?« fügte er hinzu.

»Famos!« bestätigte Hans.

»So nimm ihm gleich die Schmucksachen ab und fahre sofort damit in ein Versatzhaus. Man kann derlei Sachen nicht früh genug loswerden. Was haben sie ungefähr für einen Wert?«

»Etwa 50-60 000 Mk.!« gab der Gefragte zurück.

»Das ist ja prachtvoll!« jubelte Pedro. »Wenn man im Leihhaus nur keine Schwierigkeiten macht, wenn eine so große Anzahl versetzt wird!«

»Lächerlich! Nimm dem Kerl 'mal seine Brieftasche ab und gib mir eine Visitenkarte.«

»Verstehe!«

Pedro zog dem ohnmächtig am Boden Liegenden die Brieftasche heraus, durchsuchte sie und reichte dann eine Visitenkarte seinem Freunde hin.

»Übrigens profitieren wir an diesem Täschchen auch. Hier steckt ein Check über 5000 Mk.«

»Gib ihn! Ich löse ihn dann auch gleich ein.«

»Hier!«

»Das Portemonnaie leerst Du ihm natürlich?«

»Aber selbstverständlich. So etwas brauchst Du mir doch nicht erst zu sagen. Aber mach', daß Du fortkommst und besorge die Angelegenheiten möglichst rasch. Ich warte hier.«

»Und der?« Hans zeigte dabei auf Westmann.

»Den überlasse getrost mir!«

Hans verließ hierauf das Zimmer.

Pedro machte sich mit der größten Gemütsruhe an die Ausplünderung seines Opfers. Er durchsuchte alle Taschen und legte alles, was er herausbeförderte, auf das im Salon stehende Tischchen. Als er den Inhalt des Portemonnaies durchsuchte, machte er ein enttäuschtes Gesicht und brummte vor sich hin: »Schäbiger Kerl!«

Kaum hatte er diese gründliche Durchsuchung besorgt, so zündete er sich eine Zigarette an. Mit dem Glimmstengel im Munde zerrte er den immer noch Bewußtlosen auf eine Ottomane und legte ihn dort nieder. Ein weißes Taschentuch, das er aus seiner Tasche zog, drehte er hierauf zu einem Knebel zusammen, und zwängte diesen in den Mund seines Opfers. Dann holte er einige schon bereit gelegte Stricke herbei und schnürte Hände und Füße des Juweliers fest zusammen, damit sich der Unglückliche beim Erwachen, unmöglich rühren oder Geräusch machen könnte. Jetzt erst horchte Pedro an der Brust des Überfallenen, ob überhaupt noch Leben in ihm sei. Als er aber deutlich das Klopfen des Herzens hörte, nickte er befriedigt.

Als er mit allen Vorsichtsmaßregeln fertig war und sich wiederholt von der Festigkeit und Dauerhaftigkeit der Fesseln überzeugt hatte, setzte er sich an das Tischchen und unterwarf die vorgefundenen Sachen einer eingehenden Prüfung. Während er noch damit beschäftigt war, regte sich der Gefesselte. Pedro sah sich nach ihm um, ließ sich aber weiter nicht stören. Erst als sich Westmann immer mehr aufzubäumen und der Fesseln zu entledigen versuchte, trat Pedro auf ihn zu und sagte:

»Mein Herr! Bemühen Sie sich nicht weiter, es wäre ja doch ohne Erfolg! Ich bin meiner Arbeit nur zu sicher!«

Hierauf verhielt sich Westmann wieder ruhig.

Pedro aber trat an das Fenster und sah auf die Straße hinunter. Bald aber regte sich Westmann von neuem. Jetzt setzte sich Pedro neben ihn auf die Ottomane, zog ein scharfes längliches Stilet aus der Tasche, zeigte dieses dem Überfallenen und setzte dabei hinzu:

»Was das hier bedeuten soll, werde ich Ihnen wohl kaum begreiflich zu machen brauchen. Wenn Sie sich noch einmal bewegen, dann werde ich davon einen für Sie schlimmen Gebrauch machen.« Er sah deutlich, daß Westmann vor Schrecken erblaßte und fügte deshalb hinzu: »Sie haben nichts zu fürchten. Ich töte nicht, wenn es nicht unbedingt notwendig ist. Wenn Sie vernünftig sind, können Sie sich Erleichterung verschaffen. Ich nehme Ihnen den Knebel ab. Wir können uns dann gemütlich unterhalten, sonst ist das Warten so schrecklich langweilig. Doch empfehle ich Ihnen dabei im eigensten Interesse, möglichst ruhig zu sein. Sollten Sie nur zu schreien versuchen, dann werde ich gezwungen sein, Sie etwas mit diesem Messer zu kitzeln.«

Westmann schüttelte den Kopf.

»Gut!«

Pedro nahm ihm hierauf den Knebel aus dem Munde.

Westmann atmete einigemal erleichtert auf, sagte aber nichts.

Pedro brach zuerst das Schweigen: »Sie waren diesmal sehr unvorsichtig! Ich rate Ihnen, das nächste Mal sich die Leute genauer anzusehen!«

»Sie wollen mich töten?« sagte leise Westmann.

»Fällt mir nicht ein!« war die Antwort.

»Aber ausgeraubt bin ich worden!«

»Ausgeraubt! Welch unpassendes Wort! Wir waren nur bestrebt, unsere materielle Lage auf eine wenig schickliche Art zu verbessern.«

»Wo ist der andere?« fragte der Juwelier.

»Der versetzt die Gegenstände und löst den Check ein, der sich in Ihrem Portefeuille vorfand!«

Westmann verstummte. Nach einer kurzen Pause fragte er jedoch wieder: »Was wird dann mit mir geschehen?«

»Sie werden hier liegen bleiben, bis meine Wirtin Sie hier findet. Diese wird Sie dann aus Ihrer mißlichen Lage befreien.«

»Sie werden mich gewiß nicht töten «

»Ich habe doch keinen Vorteil davon.«

Jetzt trat wieder eine längere Pause ein, während Westmann nach den Gegenständen sah, die auf dem Tischchen lagen.

»Diese Kleinigkeiten lassen wir Ihnen schon zurück, wenn wir uns entfernen,« sagte Pedro. »Sie sollen sich nicht beklagen, daß wir Sie schlecht behandelt hätten.«

Im selben Augenblicke trat Hans in das Zimmer.

»Nun?« fragte ihn Pedro sofort.

»Alles besorgt!« war die Antwort, dann wobei er auf den Gefesselten wies: »Der ist ja nicht geknebelt!«

»Wozu?« erwiderte Pedro. »Ich kann doch das freundliche Entgegenkommen dieses Herrn nicht mit Undank lohnen. Wir haben uns ganz gut unterhalten. Nicht wahr?« wandte er sich dann fragend an den Juwelier.

Dieser aber gab keine Antwort.

»Die Droschke wartet noch unten, wir können gleich zum Bahnhof fahren,« begann Hans wieder.

»Gut! Wieviel hast Du denn erhalten?«

»Für die Schmucksachen 20 000 Mk.«

»Hm! Was tun wir denn mit den Pfandscheinen?«

»Die können wir natürlich nicht verwerten.«

»Dann lassen wir sie für Herrn Westmann zurück. Er kann die Sachen damit wieder auslösen.«

»Aber jetzt komm'!«

»Nur Geduld!« antwortete Pedro. Er nahm den bei Seite gelegten Knebel wieder und sagte zu Westmann: »Mein lieber Freund, seien Sie so gütig und öffnen Sie den Mund!«

Der Juwelier tat, wie ihm geheißen. Er sah ein, daß jeder Widerstand erfolglos gewesen wäre.

»So!« sagte Pedro, während er ihm den Knebel wieder in den Mund steckte. »Gedulden Sie sich noch kurze Zeit und Sie werden bald erlöst sein «

»Nun aber fort,« drängte Hans.

»Komm' schon! Und nun Herr Westmann, noch eins! Sie werden wohl Anzeige erstatten, wenn Sie wieder glücklich auf freiem Fuß sind. Ich finde das auch sehr begreiflich. Ich gebe Ihnen den Rat, tun Sie dies bei dem Detektiv Braun, das ist ein geriebener Bursche! Sagen Sie dann auch zu ihm, wir ließen ihn vielmals grüßen. Nennen Sie nur meinen Namen Pedro Serrao. Sie werden ihm damit eine besondere Freude bereiten.«

»So mach' doch!« mahnte ihn Hans wiederum.

»Wozu denn so übereilen,« war Pedros Antwort. »Wir kommen noch früh genug zum Zuge. Empfehle mich, Herr Westmann. Vielleicht haben wir ein andermal wieder das Vergnügen.«

Die beiden verließen das Zimmer, in welchem der Juwelier allein zurückblieb.

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