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Gelimer

Felix Dahn: Gelimer - Kapitel 5
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleGelimer
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Viertes Kapitel.

In dem Säulengange, der aus dem Inneren des Hauses zu dem offenen Thürbogen der Halle führte, ward nun sichtbar eine hohe Gestalt, die langsam näher kam.

Der Mann, ohne Helm, ohne Brünne und Schwertgurt, trug ein anliegendes, dunkelgraues Gewand, sonder Farbenzier, sonder allen Schmuck. Er blieb in dem zögernden Vorschreiten manchmal stehen, wie in grübelndes Sinnen versunken, die beiden Hände auf dem Rücken gekreuzt; das Haupt hing, wie von schweren Gedanken belastet, leise vornüber – die hohe Stirn war tief gefurcht; in das lichte Braun von Haar und Bart hatte sich reichlich Grau gemischt in seltsamem Widerspruch zu der sonst noch jugendlichen Erscheinung. Die Augen waren fest auf den Boden geheftet, ihre Farbe, ihr Ausdruck war so noch unerkennbar; unter dem Säulenbogen des Eingangs blieb er wieder stehen; er seufzte.

»Heil dir, Gelimer, siegreicher Held!« rief ihm die junge Frau freudig entgegen. »Nimm, was ich für dich bereit gelegt, seit euere Heimkehr für heute verkündet ward.« Sie griff nach einem reichen Kranze frisch gepflückter Lorbeern, der vor ihr auf dem Tische lag, und hob ihn ungestüm empor. Eine Handbewegung, leise, aber sehr ausdrucksvoll, wies sie zurück. »Nicht Kränze gehören auf das Haupt des Sünders,« sprach der Eintretende mit gedämpfter Stimme: – »Asche, Asche!«

Traurig, gekränkt, legte Hilde den Kranz nieder. »Sünder?« rief ihr Gatte unwillig. »Nun ja: wir sind es alle – vor den Heiligen. Aber du wahrlich am wenigsten. Sollen wir uns deshalb nie mehr freuen?« – »Freue sich, wer sich freuen kann.«

»O Bruder, du kannst es auch! Wenn der Heldengeist über dich kommt, wenn dich der fröhliche Reiterkampf umwirbelt, – mit Jauchzen – ich hab' es wohl gehört und mein Herz frohlockte über deine Freude! – mit lautem Jubel sprengtest du, uns allen voran, in der maurischen Lanzenreiter dichtesten Knäuel. Und hellauf schriest du vor Lust, da du dem gestürzten Bannerträger die Fahne rissest aus der Hand: – du hattest ihn niedergeritten nur durch deines Rosses Anprall!« »Hei ja, das war schön!« rief Gelimer, plötzlich das Haupt emporschnellend. Und nun schossen aus dunkeln langen Wimpern hervor zwei mächtige gelbbraune Augen leuchtende Blitze. »Nicht wahr, der Falb' ist prächtig? Er rennt alles über den Haufen. Er trägt den Sieg!« »Ja, wenn er Gelimer trägt!« scholl da von seitwärts eine helle Stimme: und ein Knabe, – noch war er kein Jüngling zu nennen: noch sproßte kaum der erste Flaum auf den mädchenhaft zarten, rosig angehauchten Wangen, – ein Knabe, Gibamund wie Gelimer sehr ähnlich, in weißem Seidengewand und lichtblauem flatternden Mantel, hüpfte über die Schwelle und eilte auf Gelimer zu mit ausgebreiteten Armen. »O Bruder, wie ich dich lieb habe! Und wie ich dich beneide! Aber auf die nächste Maurenjagd mußt du, – du mußt! – mich mitnehmen! Sonst geh ich gegen deinen Willen mit!« Und er umschloß mit beiden Armen des hochragenden Bruders Brust.

»Ammata, mein Liebling, mein Herzenskleinod!« rief dieser weich und warm und streichelte zärtlich des Knaben langes, goldblondes Gelock. – »Ich habe dir ein milchweiß Rößlein mitgebracht – ein windschnelles – aus der Beute. Gleich hab' ich dein gedacht, da es mir vorgeführt ward. Und du, holde Schwägerin, vergieb mir. – Ich war unfreundlich, als ich eintrat. Ich war voll düsterer Sorgen. Denn ich kam...« »Vom König,« rief eine tiefe dröhnende Stimme von dem Säulengange her und in vollen klirrenden Waffen stürmte herein ein Mann, den die große Ähnlichkeit sofort als den vierten Bruder verriet. Sehr langgestreckte, edle Züge, eine scharf, aber feingebogene Nase, eine freie Stirn und, unter hochgeschwungenen Brauen fast allzutief geborgen, gelbbraune, feurig funkelnde Augen waren ihnen allen eigen, diesen königlichen, dem Sonnengotte Freir entstammten Asdingen.

Nur Gelimers Blick war – regelmäßig – gedämpft, wie umflort, verträumt, wie ins Ungewisse verloren; aber flackerte dieser Blick dann plötzlich auf im Feuer der Begeisterung oder des Zornes, dann erschreckte seine gewaltige Glut; und das schmale Oval des Antlitzes, das bei allen von Fülle weit entfernt war, schien bei Gelimer fast allzuhager geraten.

Der eben Eingetretene war etwas kleiner als dieser, aber viel breiter an Brust und Gliedern; auf dem starken Nacken ruhte ein hoch aufrecht getragenes Haupt, von kurzem, braunem Kraushaar dicht umgeben; die Wangen waren von Gesundheit, von Lebensfreude, jetzt von heftigem Zorn gerötet: obwohl nur ein Jahr jünger als Gelimer, erschien er doch noch als ein feuriger Jüngling gegenüber dem weit über seine Jahre hinaus Gealterten. In hellem Unmut warf er die schwere Sturmhaube, von der die krummen Hörner des afrikanischen Büffelstiers herabdräuten, auf den Tisch, daß der Wein aus den Bechern spritzte. »Von Hilderich,« wiederholte er, »dem Undankbarsten der Menschen! Was war des Helden Lohn für den neuen Sieg? Mißtrauen! Furcht, Eifersucht zu wecken in Byzanz. Der Feigling! Schöne Schwägerin, du hast mehr Heldentum in deiner kleinen Zehe, als dieser König der Vandalen im Herzen und in der Schwerthand. Gieb mir einen Becher Grassiker, den Zorn hinunterzuspülen.« Hilde sprang hurtig auf, schenkte ein und bot ihm den greifengehenkelten Becher: »Trink, tapferer Zazo! Heil dir und allen Helden und ... –« »In die Hölle mit Hilderich,« schrie der Grimmige und stürzte den tiefen Becher hinab auf einen Zug.

»Still, Bruder! Welcher Frevel!« mahnte Gelimer, dessen Stirn sich umwölkte. »Nun, meinetwegen in den Himmel mit ihm! Dahin taugt er viel besser als auf Meerkönig Geiserichs Thron.« »Du sagst ihm da ein hohes Lob,« erwiderte Gelimer. »Nicht meine Absicht! – Als ich daneben stand, wie er dir Bescheid gab, so mißgnädig, ich hätte ihm ... –! Allein das Schelten auf ihn thut's nicht mehr. Es muß gehandelt werden! – Aus guten Gründen blieb ich diesmal zu Hause: ward mir schwer genug, dich allein siegen zu lassen! Aber ich hab' ihn im geheimen scharf überwacht, diesen Fuchs im Purpur, und ich bin hinter seine Schliche gekommen. Schick' dieses verliebte Ehepaar fort – ich glaube, sie haben sich viel allein zu sagen: sind ja erst ein Jahr beisammen! – auch Ammata, das Kind: und höre meinen Bericht, meinen Verdacht, meine Anklage: nicht nur gegen den König, – auch gegen andere.«

Gibamund schlang zärtlich den Arm um sein schlankes Gemahl: der Knabe sprang den Gatten voraus aus der Halle.

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