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Gelimer

Felix Dahn: Gelimer - Kapitel 48
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleGelimer
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Dreiundzwanzigstes Kapitel.

An Cethegus Prokopius.

»Auf dem ganzen Wege nach Karthago ging er zu Fuß: er lehnte Roß und Kamel ab. Er schwieg oder er betete laut in lateinischer, nicht mehr in vandalischer Sprache. Fara bot ihm angemessene Kleider anstatt dieses zerschlissenen, halb zerfetzten Purpurmantels, den er auf bloßem Leibe trägt. Der Gefangene dankte und bat um einen Bußgürtel mit spitzen Stacheln auf der Innenseite, wie ihn die Einsiedler tragen in der Wüste. Wir wußten kein solch unsinnig Gerät aufzutreiben, auch mißbilligte wohl Fara den Wunsch; da fertigte sich der »Tyrann« selbst einen solchen aus einem weggeworfenen Pferdezügel, den er fand, und aus den harten Stacheldornen der Wüstenakazien. Dicht vor dem Thore seiner Königsstadt brach er zusammen: sein Antlitz sank auf den Sand der Straße. Verus blieb hinter ihm stehen, zögernd: er hob den Fuß! Ich glaube, er wollte ihn auf des Königs Nacken setzen: aber Fara, der den gleichen Argwohn fassen mochte, riß den Priester unsanft nach vorn und hob den Gefallenen mit gutem Zuspruch auf. Gleich hinter dem numidischen Thor, auf geräumigem Platz, in der Vorstadt Aklas, hatte Belisarius den größten Teil der Truppen aufgestellt, drei Seiten des Vierecks füllend; die vierte, gegen das Thor hin, blieb offen. Dem Thor gerade gegenüber, auf erhöhtem Sitz, thronte der Feldherr, in vollem Waffenschmuck; über seinem Haupte ragten die kaiserlichen Feldzeichen, zu seinen Füßen lagen die Scharlachfähnlein und Scharlachbanner der Vandalen, die wir erbeutet zu vielen Dutzenden: jede Tausendschaft führte solche; nur das große Königsbanner fehlt: – es ward nie aufgefunden. – Um Belisarius her standen die Anführer seiner siegreichen Scharen, auch viele Bischöfe und Geistliche, dann die Senatoren, vornehme Bürger Karthagos und der übrigen Städte, zum Teil erst in diesen Monaten wieder aus Verbannung oder Flucht zurückgekehrt; auch Pudentius von Tripolis und sein Sohn standen frohlockend darunter. Zur Linken Belisars lag, auf Purpurdecken vor seinen Füßen hingebreitet, in kunstvoll geordneter Unordnung gehäuft und ausgeschüttet, der Königshort der Vandalen: viele goldene Stühle, der Wagen der vandalischen Königin, eine unabsehbare Menge von Schmuck jeder Art, – wie funkelten die Edelsteine unter der strahlenden afrikanischen Sonne! – das ganze silberne Tafelgerät des Königs, viele zehntausende von Pfunden wiegend, und alle andre Ausstattung der Königsburg: dazu Waffen, Waffen ohne Zahl aus den Rüsthäusern Geiserichs: – auch alte römische Feldzeichen, die nach einer Gefangenschaft von vielen Jahrzehnten nun wieder befreit waren: Waffen genug, den Erdball damit zu erobern, in den Händen tapfrer Männer: römische Helme mit stolz geschweiftem Kamm, germanische Eber- und Büffelhauben, maurische Schilde, mit Pantherfellen überzogen, maurische Hauptbinden mit wallenden Straußenfedern, Panzer aus Krokodilhaut, – wer zählt die bunte Fülle auf! Zur Rechten Belisars aber standen, die Hände auf den Rücken gebunden, die vornehmsten der Gefangenen, Männer und auch viele Frauen der Vandalen: schöne, üppige Gestalten. – Das ganze Bild jedoch ward, wie von einem ehernen Rahmen, eingefaßt von den Geschwadern unserer Reiter und den dichten Haufen unseres Fußvolks: – wie wieherten die Rosse, wie wogten die Helmbüsche, wie klirrte das Erz und warf weithin blendend seinen Schimmer! Ein herrlich Schauspiel, das jedes Mannes Herz mit Entzücken füllen mußte, der es nicht als Besiegter mit ansah. Hinter unsern Kriegern drängte sich neugierig das Volk von Karthago heran, durch manchen Stoß mit dem Speerschaft belehrt, daß es gar nichts zu sagen und zu bedeuten habe bei der Befreiung seiner selbst und Afrikas, die hier gefeiert ward. Das Ganze war wie das Vorspiel des Triumphes im Hippodrome zu Byzanz, den der Kaiser dem Feldherrn bereits zugesagt hat.

Innerhalb des gewölbten Thores hielt unser kleiner Zug, der verabredeten Zeichen harrend. Ein Tubastoß: Fara und ich, gefolgt von einigen Unterfeldherrn und dreißig Herulern, ritten auf den Platz ein bis vor Belisars Stuhl. Der gebot uns, abzusteigen, stand auf, umarmte und küßte Fara und hing ihm eine große, goldne Scheibe um den Hals, den Siegespreis für Einbringung eines gekrönten Königs. Mir aber drückte er die Hand und bat mich, ihn auch auf allen künftigen Zügen zu begleiten. Das ist mir höchster Lohn: denn ich lieb' ihn nun einmal, den Mann mit dem Mut eines Löwen und dem Herzen eines Knaben!

Wir stellten uns auf einen Wink rechts und links von seinem Thron. Zwei Tubastöße: in reichstem Ornat katholischen Priestertums – ich bemerkte, auch die schmale, arianische Tonsur war in die breitere, katholische verwandelt – trat Verus aus dem Thor auf den Platz: hoch aufgerichtet, stolz das Haupt in den Nacken geworfen. Man sah es ihm an, er dachte: »Ohne mich wäret ihr nicht hier, ihr hochfahrenden Soldaten!« – Aber das ist erstens durchaus nicht wahr: wir hätten wahrlich auch ohne ihn gesiegt, wenn auch schwerer, langsamer. Und sofern es etwa doch richtig, – gerade sofern verdroß es meinen Freund Belisar. Der zog die Brauen zusammen und maß den Heranschreitenden mit einem Blick der Verachtung, den dieser nicht ertrug: er schlug die finstern Wimpern nieder, als er sich – hochmütig genug – verneigte.

›Ich habe dir einen Brief des Kaisers zu verlesen, Priester,‹ sprach Belisar, ließ sich eine purpurfarbene Papyrusrolle reichen, küßte sie und las: Imperator Cäsar Flavius Justinianus, der fromme, glückliche, ruhmvolle Sieger und Triumphator, allezeit Augustus, Besieger der Alamannen, Franken, Germanen, Anten, Alanen, Perser, jetzt auch der Vandalen, der Mauren und Afrikas, an Verus den Archidiakon.

Du hast es vorgezogen, anstatt mit mir, mit der Kaiserin, meiner geheiligten Gemahlin, geheimen Briefwechsel zu führen über den durch unsere Waffen mit Gottes Hilfe herbeizuführenden Sturz der Tyrannen. Sie versprach dir, falls wir siegten, den von dir gewünschten Lohn bei mir zu erbitten. Theodora bittet nicht vergebens bei Justinian. Nachdem du nachgewiesen, daß du nur zum Scheine den Ketzerglauben angenommen, daß du im Herzen und auch deinem katholischen Beichtvater gegenüber, der dir für jenen äußeren Schein der Sünde Dispens zu gewähren ermächtigt war, stets den rechten Glauben bekannt, giltst du, insgeheim mit den katholischen Weihen versehen, als rechtgläubiger Priester. Und so befehle ich denn Belisarius, dich angesichts dieses Briefes allsogleich als katholischen Bischof von Karthago auszurufen. – Hört, ihr Karthager und ihr Römer all': ich verkünde in des Kaisers Namen Verus als katholischen Bischof von Karthago! – dir die Bischofsmitra aufzusetzen und den Bischofstab zu reichen. – Knie nieder, Bischof.«

Verus zögerte. Es schien, er wollte lieber stehend die goldgestickte Mitra empfangen: aber Belisar hielt die ihm dargereichte so niedrig, so hart an seinen eigenen Knieen, daß dem Priester wohl nichts übrig blieb, als sich zu fügen, sollte die begehrte Zier und sein Kopf zusammentreffen. Sowie er sein Haupt bedeckt fühlte, sofort schnellte er wieder empor. Belisar gab ihm nun den gebogenen reichvergoldeten Hirtenstab in die Hand. Da wollte der Bischof, hoch sich aufrichtend, an des Thrones rechte Seite treten. Aber Belisar rief: ›Halt, o Heiligster! Des Kaisers Brief ist noch nicht zu Ende.‹ – Und er las fort:

›So ward dir denn der gewünschte Lohn. – Aber Theodora bittet, wie du soeben erfahren, nicht vergebens bei Justinian; so erfülle ich denn auch ihre zweite Bitte. Allzugefährlich, meint sie, ist ein so kühner und so verschlagener Mann auf dem bischöflichen Stuhle von Karthago: du könntest deinem neuen Herrn dienen wie deinem alten. Deshalb bat sie mich, daß Belisarius dich, angesichts dieses Wortes, sofort ergreifen läßt‹: – auf einen Wink Belisars legte Fara, blitzschnell und sichtlich sehr erfreut, dem Erbleichenden die gepanzerte Rechte schwer auf die Schulter. – ›Denn du bist auf Lebenszeit verbannt nach Martyropolis am Tigris, an der Persergrenze, soweit wie möglich von Karthago, wo an deiner Statt, als dein Vicarius, der Kaiserin Beichtvater, den sie aus Byzanz versetzt wünscht, des bischöflichen Amtes walten wird – mit Einwilligung des heiligen Vaters zu Rom. Dort, zu Martyropolis, sind Strafbergwerke. Du wirst sechs Stunden im Tage der Sträflinge Seelsorge pflegen. Damit du aber dies besser vermagst, indem du deren Seelenstimmung völlig kennst, wirst du die andern sechs Stunden ihre Arbeit teilen. – Fort mit ihm!‹

Verus wollte antworten: aber schon schmetterte wieder laut die Tuba und bevor sie zum dritten Male rief, war der Priester von sechs Thrakern von dem Festplatz bereits weit hinweggeführt und verschwunden in der Hafenstraße.

›Jetzt ruft Gelimer, den König der Wandalen,« sprach der Feldherr laut‹

Und Gelimer trat aus dem Thor auf den Platz, die Hände mit einer goldenen Kette gefesselt; man hatte ihm eine der vielen im Königshorte gefundenen goldenen Zackenkronen auf das lange, wirre Haar gedrückt und über seinen zerfetzten, alten Purpur und den Bußgürtel einen prachtvollen, neuen Mantel aus jenem königlichen Stoff geworfen; willenlos, regungslos, schweigend hatte er alles mit sich geschehen lassen; nur gegen die Krone hatte er sich zunächst gesträubt: dann sprach er sanft: ›Wohl denn: – meine Dornenkrone!‹ Ebenso willenlos, schweigend, regungslos, wie eine wandelnde Leiche, kam er nun mit langsamen, langsamen Schritten den wohl dreihundert Fuß breiten Platz auf Belisar zugegangen. Während bei der Nennung seines Namens ein lautes Flüstern, vermischt mit einzelnen Rufen, durch die Reihen geflogen war, – jetzt, da sie ihn sahen, verstummten sie alle, die vielen Tausende: der Hohn, der Triumph, die Neugier, die Rachsucht, das Mitleid, sie alle fanden keinen Ausdruck mehr: sie verstummten vor der Majestät dieses Anblickes, der Majestät des höchsten Elendes.

Ganz allein ging der gefangene König über den Platz. Kein anderer der Gefangenen, auch kein Wächter, kein Krieger begleitete ihn. Er hielt die Augen, von den langen Wimpern überschattet, auf den Boden geheftet: tief eingesunken lagen sie in ihren Höhlen, tief eingefallen waren die bleichen Wangen; die mageren Finger der Rechten waren fest um ein kleines Holzkreuz geklammert. Blut sickerte – man sah es, wo sich der Mantel beim Schreiten verschob – von seinem Gürtel an seinen nackten Beinen in zögernden Tropfen nieder auf den weißen Sand des Festplatzes.

Alles schwieg: – Totenstille herrschte in dem weiten Raum: die Leute hielten den Atem an, bis der Unselige vor Belisarius stand.

Tief erschüttert fand auch dieser keine Worte.

Er streckte gütig dem vor ihm Stehenden die Rechte entgegen. Der schlug jetzt die großen Augen auf, sah Belisar im Glanz von Gold und Waffen vor sich, blickte rasch nach allen drei Seiten des Platzes, sah rings die Pracht und den stolzen Pomp kriegerischer Herrlichkeit, hoch flatternd die Fahnen der Sieger, auf dem Boden die Feldzeichen der Vandalen und ihren glitzernden Königshort: da hob er plötzlich – wir alle erschraken, da dieser Leichnam in so wilde Bewegung ausbrach – die beiden Hände mit der langen Goldfessel hoch über das Haupt und schlug sie zusammen, daß es laut schallte; das Kreuz entfiel ihm: er stieß ein gellendes, gellendes Lachen aus. ›Eitelkeit! Alles ist eitel!‹ schrie er dann und warf sich auf das Antlitz nieder in den Sand, gerade vor des Belisarius Füße! ›Ist das Krankheit?‹ flüsterte dieser mir leise zu.

›O nein,‹ erwiderte ich ebenso. ›Verzweiflung ist es. Oder Frömmigkeit. Er hält das Leben nicht des Lebens wert: alles Menschliche, alles Irdische, auch Volk und Staat, für sündig, für eitel, für nichtig. Ist nun dies das letzte Wort des Christentums?‹

›Nein, das ist Wahnsinn,‹ rief Belisarius der Held. ›Auf, meine Tapfern! Laßt nochmal die Tuba schmettern, die Römertuba, die die Welt durchdröhnt! In den Hafen! An Bord! Und zum Triumphzug – nach Byzanz!‹«

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