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Gelimer

Felix Dahn: Gelimer - Kapitel 46
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleGelimer
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Einundzwanzigstes Kapitel.

An Cethegus Prokopius.

»Es ist zu Ende!

Dank sei Gott! Oder wem sonst der Dank dafür gebührt. Drei Monate, arger Langeweile voll, lagen wir vor dem Berg des Trotzes. Es ist März: die Nächte sind noch kühl, aber die Sonne brennt um Mittag schon wieder heiß herab. Ein Fluchtversuch scheiterte durch Verrat: Verus, Gelimers Kanzler und nächster Freund, hat das Verdienst dieser Schandthat. Wir suchten, des Priesters Weisung folgend, nach den am Südabhang verborgenen Soloërn, welche die Fliehenden geleiten sollten bis ans Meer, fanden aber nur noch die Spuren zahlreicher, nach der See hineilender Hufe. Wir sperrten den Ausgang. Da bot der König freiwillig, ohne weiteres, seine Ergebung an. Fara war hoch erfreut: er würde jede Bedingung gewährt haben, die ihm verstattete, den König gefangen vor Belisar zu stellen, der noch ungeduldiger als wir den Abschluß herbeisehnte. An dem Eingang der Schlucht, den wir nie hatten durchdringen können, empfing ich den kleinen Zug Vandalen, – es sind etwa noch zwanzig. Auch die Mauren kamen mit herab: auf Gelimers Bitten entließ sie Fara sofort wieder in Freiheit. Diese Vandalen – welche Gestalten des Elends, des Hungers, der Entbehrung, des Siechtums, des Jammers! Ich begreife nicht, daß sie noch aushalten, noch Widerstand leisten konnten: vermochten sie doch kaum, die Waffen zu tragen: gern ließen sie sich dieselben von uns abnehmen.

Als ich aber Gelimer sah und sprach, da, – so gebrochen er nun ist, – da verstand ich, daß dieses Mannes Geist und Wille andere zwingen, beherrschen, aufrechthalten konnten, solang er es wollte. Ich habe seinesgleichen nie gesehen: ein Mönch, ein Schwärmer und doch ein königlicher Held.

Ich bat Fara, ihn in mein Zelt aufnehmen zu dürfen. Während wir die andern kaum abhalten können von maßlos gierigem Genuß lang entbehrten Fleisches und anderer Speise, setzt er freiwillig das solang ihm aufgezwungene Fasten fort; mit Mühe brachte ihn Fara dazu, Wein zu nehmen; der Heruler fürchtet wohl, sein Gefangener stirbt ihm auf dem Wege, bevor er ihn Belisar einliefern kann. Lange weigerte er sich: als ich andeutete, er wolle sich wohl den Tod auf solche Weise geben? da trank er gleich und aß vom Brote.

Lang und eingehend, die halbe Nacht lang, sprach er mit mir, voll sanfter Ergebung, über sein Geschick; es ist rührend, ergreifend, ihn alles demütig auf Gottes Fügung zurückführen zu hören. Doch kann ich seinen Gedanken nicht immer folgen. So meinte ich, nach so langer Ausdauer habe ihn zu plötzlichem Nachgeben doch wohl die Vereitelung der Flucht gebracht? Da lächelte er trüb und sprach: ›O nein. Wäre die Flucht aus anderm Grund gescheitert, – ich hätte ausgehalten bis zum Tode. Aber Verus, Verus!‹ Er schwieg: dann fügte er bei: ›Du wirst das nicht verstehen. Ich aber weiß jetzt, daß mich Gott verlassen hat, wenn er jemals mit mir war. – Ich weiß nun: auch das war Sünde, war hohle Eitelkeit, daß ich mein Volk so heiß geliebt, daß ich, aus Stolz auf der Asdingen Blut, auf unsern alten Waffenruhm, nicht nachgeben, nicht mich beugen wollte. Nur Gott sollen wir lieben, und nur dem Himmel leben!‹

Da kam Fara, ziemlich unwirsch, in das Zelt: ›Du hast nicht Wort gehalten, König!‹ grollte er. ›Alle Waffen und Feldzeichen auszuliefern hast du gelobt: – aber das wichtigste Beutestück – Belisar band mir es auf die Seele, – er sah, wie es aus der Schlacht gerettet ward und ich selbst erblickte es vor kurzem noch, bei unserm Sturm, in eines Weibes Hand, – die große Fahne König Geiserichs: sie fehlt! Unsere Leute, ich selbst, von Vandalen geführt, suchten oben alles danach ab: wir fanden nur in der Asche einer verbrannten Hütte – neben Gebein – diese goldnen Nägel: die Vandalen sagen, sie sind vom Schaft der Fahne. Hast du sie verbrannt?' ›O nein, Herr, ich hätte dir und Belisar den Tand gegönnt. Das that ein Weib: – Hilde. Sie hat sich selbst gemordet. Gott, ich flehe dich an für sie: vergieb ihr!‹ – Und das ist nicht Heuchelei. Ich versteh' ihn kaum. Doch zwingen auch mir diese wundersamen Ereignisse Gedanken auf, denen ich sonst gern ausweiche. Wer einmal Philosophie gekostet hat, – ich laufe vor ihr davon, aber ich trage sie im Kopfe mit! – der wird sie nicht wieder los: die Frage nach dem Warum?

Nun sind ja von jeher in den Geschicken der Menschen Glücksfälle eingetroffen, die alles Erwarten übersteigen. Allein ob jemals ein Unternehmen von solchem Glücke getragen ward wie das unsrige, das ist doch zweifelhaft. Belisarius selber staunt. Fünftausend Reiter – denn unser Fußvolk kam fast nicht zum Schlagen – fremde Ankömmlinge, die, nachdem sie ans Land gesetzt waren, keinen Hafen hatten, keine Burg, keinen Fleck Erde besaßen in ganz Afrika als die Scholle, darauf sie standen, nicht wußten, wo sie ihr Haupt hinlegen sollten, – fünftausend Reiter haben, in zwei kurzen Gefechten, gegen zehnfache Übermacht, das Reich des fürchterlichen Geiserich zerstört und dessen Enkel gefangen, dessen Königsburg und Königsschatz erbeutet! Es ist unfaßlich. Hätt' ich's nicht staunend selber mit erlebt, ich würd's nicht glauben! Lebt am Ende doch ein Gott in den Wolken, der wunderthätig die Geschicke lenkt?

Viel that Belisars Feldherrnschaft und unser tapferes, kampfgeschultes Heer. – Einiges, aber nicht gerade viel, that, wie jetzt erhellt, des Verus lang voraus angezettelte und bis ans Ende durchgeführte Verräterei: er hat ohne unser Wissen all diese Zeit mit dem Kaiser und zumal mit der Kaiserin Briefe gewechselt. Das meiste that die Entartung des Volkes, ausgenommen das Königshaus, das drei Männer im Kampfe verlor. Sehr, sehr viel verdarb dieses Königs unerklärliche, widerspruchvolle Art. Allein all das hätte nicht so raschen Erfolg bewirkt, ohne das beispiellose Glück, das uns von Anbeginn begleitet hat.

Und dieses Glück, ist es blind? Ist es Gottes Werk, der die Vandalen strafen wollte für ihrer Ahnen und für eigene Schuld? Mag sein! Und nicht ohne Ehrfurcht beug' ich mich solchem Walten. Aber – und hier zupft mich leise wieder der spöttische Zweifel, der mich nie ganz verläßt – dann muß man sagen, daß der liebe Gott nicht wählerisch ist in seinen Werkzeugen. Denn schwerlich überragen an Tugend diesen Gelimer und seine Brüder Theodora, Justinian, selbst Belisar: und vielleicht nicht einmal dein Freund, o Cethegus, der dies geschrieben hat.«

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