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Gelimer

Felix Dahn: Gelimer - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleGelimer
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Zwanzigstes Kapitel.

Verus erbot sich, um die Feinde ganz sicher zu machen für die kommende Nacht, Fara eine Unterredung mit Gelimer für den Mittag des folgenden Tages an dem Nordabhang des Berges vorzuschlagen, wobei die letzten Vorschläge Belisars nochmal erörtert werden sollten. Nach einigen Gewissensbedenken willigte der König in diese Kriegslist. Verus berichtete, er habe in seiner Zwiesprache mit Fara diesen durch seine Mitteilung sehr erfreut: Fara werde Gelimer erwarten. Trotzdem spähten die Eingeschlossenen während des ganzen Tages scharf hinab in die vorgeschobenen Wachen der Belagerer und in deren Lager, – der hohe Berg gewährte vollen Einblick – ob irgend eine Bewegung nach der Richtung des Abstiegs andeute, daß der Fluchtplan oder doch der Versteck der Soloër am Fuße des Gebirges entdeckt sei. Nichts dergleichen war zu bemerken: in der gewohnten Weise verstrich bei den Byzantinern da unten der Tag. Die Wachen wurden nicht verstärkt; auch nach Einbruch der Dunkelheit wurden die Wachtfeuer nicht vermehrt oder verändert. Auch die Belagerten zündeten, sobald es finster geworden, auf der Nordseite wie gewöhnlich an den bisher dazu gewählten Stellen die Feuer an.

Kurz vor Mitternacht setzte sich der kleine Zug in Bewegung. Voran schritten die wegkundigen Mauren mit Seilen versehen und mit eisernen Klammern. Bei jedem Schritt mußten die Flüchtlinge vorsichtig voraustasten mit den Schaftenden der Speere, prüfend, ob die bröckelnden glatten Rollkiesel des Berggesteins sichern Tritt gewährten. Darauf folgten Gibamund und Hilde; letztere hatte das große Banner Geiserichs eng zusammengefaltet und an den Speerschaft geschnürt, der ihr den Bergstock ersetzte; dann kam Gelimer, hinter ihm Verus und das kleine Häuflein der noch übrigen Vandalen. So ging es wohl eine halbe Stunde auf der Höhe des Berges hin, bis die Südseite erreicht war, von welcher sich der schmale Steig absenkte. Jeder Schritt war lebensgefährlich: Fackeln anzuzünden durfte man nicht wagen.

Als der Abstieg begonnen, wandte sich Gelimer um. »O Verus,« flüsterte er, »der Tod kann uns allen sehr nahe sein. Sprich noch ein Gebet ... – wo ist Verus?« – »Er eilte zurück, schon vor geraumer Zeit,« antwortete Markomer. »Er holt eine Reliquie, die er vergessen. Er befahl uns, voranzugehen: bei der nächsten Biegung des Weges wird er uns einholen, bevor wir die Schlucht hinabsteigen.«

Der König zögerte: er begann leise das Vaterunser zu beten. »Vorwärts,« flüsterte Sersaon, der führende Maure. »Keine Zeit ist mehr zu verlieren! Nur noch rasch um den nächsten Vorsprung – – Ha, weh! Fackeln, Verrat! Zurück nach ... –«

Er konnte nicht mehr vollenden: ein Pfeil fuhr durch seine Kehle. Fackeln glänzten blendend vor den Augen der Flüchtlinge, sowie diese sich um die vorspringende Felswand gedreht hatten. Waffen blitzten ihnen entgegen: und vor die Reihe der Heruler trat ein Mann, hoch eine Fackel hebend und damit leuchtend: »Dort, der zweite, ist der König,« rief er. »Fangt ihn lebend!« – Und noch einen Schritt trat er vor.

»Verus!« schrie Gelimer und stürzte hinterrücks zusammen. Zwei Vandalen fingen ihn auf und trugen ihn nach oben.

»Hinauf! Stürmt!« befahl unten Fara. Aber das war unmöglich! Diesen Pfad zu stürmen, bei dem man aufwärts nur klimmen konnte, wenn man sich mit beiden Händen an der senkrechten Felswand forttastete. Fara begriff es sofort selbst, da er im Schein der Fackeln den Aufstieg erkannte und Gibamund mit gezücktem Speer oben stehen sah auf der letzten breiteren Steinplatte, die noch Einem Mann sichern Stand gewährte. »Schade!« rief er. »Nun aber, das Schlupfloch ist euch fortab gesperrt. Ergebt euch!« – »Niemals!« rief Gibamund und warf den Speer: der Mann neben Fara stürzte. »Schießt! Rasch! Alle zumal!« befahl dieser zornig. Hinter den Herulern hielten, zu Fuß, zwanzig hunnische Pfeilschützen: – ihre Sehnen schnellten: lautlos sank Gibamund nach rückwärts. Mit einem gellenden Schrei fing ihn Hilde auf. Aber schon stand Markomer an des Gesunkenen Stelle und hob dräuend die Lanze.

»Laßt ab,« gebot Fara. »Haltet nur den Ausgang stark besetzt. Morgen oder übermorgen, sagte ja der Priester aus, müssen sie sich doch ergeben.«


Gelimer war aufgefahren aus seiner Ohnmacht, da er Hildes Schrei vernommen: »Nun ist auch Gibamund gefallen,« sagte er dann ganz ruhig. – »Es ist aus.« Mühsam schritt er, auf seinen Speer gestützt, zurück; ein paar Vandalen folgten ihm. So verschwand er im Dunkel der Nacht.

Hilde saß lange schweigend, des toten Gatten Haupt im Schos, den Fahnenspeer über die Schulter gelehnt, sie fand keine Thränen: sie tastete in dem tiefen Dunkel über das geliebte Antlitz. – Bald hörte sie einen Vandalen, der von dem König zurückkam, zu Markomer sagen: »Das war das Letzte. Morgen wird – ich soll es den Feinden melden – der König sich ergeben.«

Da sprang sie auf: dann bat sie ein paar der Männer, ihr zu helfen, – sie ließ das teure Haupt nicht aus den Händen – den Toten zurückzutragen auf die Kuppe des Berges. Dort in einem kleinen Wäldchen von Pinien, vor der Stadt, war eine Holzhütte aufgeschlagen, die früher die Vorräte jeder Art geborgen hatte: jetzt war sie halb leer; nur das Holz für die Feuerung lag noch hoch aufgehäuft. In dieser Hütte verbrachte sie die Nacht und den dunkeln Morgen allein mit dem Toten. Als es hell geworden, suchte sie den König. Sie fand ihn in der Basilika an der Stelle, die ehemals – die Reste von ein paar Stufen deuteten es an – den Altar getragen. Hier hatte Gelimer ein Holzkreuz, plump aus gequerten Ästen gezimmert, in eine Ritze zwischen zwei Quadern gebohrt; er lag davor auf dem Antlitz, das Kreuz mit beiden Armen umklammernd.

»Schwager Gelimer,« sagte sie kurz und herb, »ist es wahr? Du willst dich ergeben?« Er antwortete nicht.

Sie rüttelte ihn an der Schulter: »Gefangen willst du dich geben, König der Vandalen?« rief sie lauter. »Sie werden dich als ein Schaustück führen durch die Straßen von Byzanz! Willst du dein Volk – dein totes Volk – noch schänden?« – »Eitelkeit,« antwortete er tonlos. »Eitelkeit redet aus dir! Es ist Sünde, es ist eitel, es ist Hoffart, was du denkst.« – »Warum jetzt auf einmal? Monatelang hast du ausgeharrt. Warum?« – »Verus!« stöhnte der Mann tief auf. »Gott hat mich verlassen, mein Schutzgeist hat mich verraten. Ich bin verdammt auf Erden und im Jenseits. Ich kann's nicht anders enden.« – »Doch. Hier, Gelimer, hier ist dein scharf geschliffen Schwert.« Und sie bückte sich und riß es aus der Scheide, die samt dem Wehrgehänge unterhalb der Stufen lag. »›Die Toten sind frei‹: es ist ein gutes Wort.« Er aber schüttelte das Haupt: »Eitelkeit. Hoffart des Herzens. Heidnische Sünde. Ich bin ein Christ: ich töte mich nicht selbst. Ich trage mein Kreuz, – wie Christus es getragen – bis ich zusammenbreche.«

Sie warf ihm klirrend das Schwert vor die Füße. Ohne ein Wort des Abschieds wandte sie sich von ihm. – »Wohin? Was willst du thun?« – »Meinst du, ich liebte minder treu und tief und heiß als jenes zarte Griechenkind? – Ich komme, mein Held und mein Gemahl.«

Und sie schritt hinüber in ein nun als Stall verwendetes Gebäude: die ehemalige Curia von Medenus, in welchem vor kurzem viele Rosse gestampft; nur Styx, der Rappe stand jetzt noch darin; sie nahm ihn an der Mähne, lammfromm folgte das kluge, treue Tier. Sie ging mit dem Roß nach der Holzhütte. Einen Augenblick stutzte es da, bevor es über die Schwelle folgte in das enge Gelaß, das ein brennender Kienspan in eiserner Öse an der Thüre schwach erhellte. »Komm nur herein,« redete sie mit dem Roß, es sanft nach sich ziehend. »Es ist auch dir besser. Du bist doch schon lange sterbenselend. Deine Schöne, deine Kraft ist hin. Und nachdem du jenem Ritte tapferer Liebe gedient in der Schlacht, soll dich der Feind nicht erbeuten und quälen in unwürdigem Fronwerk. Und wie heißt es in dem alten Liede?

»Und sie häuften dem Helden,
Geschüttet die Scheite:
Es teilten den Tod des Tapfern
Sein rasches Roß,
Und, willig, sein Weib,
Weh, seine Witwe!
Nicht wollte sie weiter
Die Last des Lebens
Öd und einsam
Tragen, die Treue.«

Und sie führte das Roß neben den hohen Holzstoß, auf welchen sie die schöne Leiche gelegt. Sie zog Gibamunds Schwert aus der Scheide und, mit der Hand den Schlag des Herzens suchend, traf sie mit kräftigem Stoß des Tieres Herz. Das fiel und war tot. Sie warf das blutüberströmte Schwert weg.

»O mein Geliebter,« rief sie. »O du mein Gemahl, mein Leben! O warum hab' ich dir doch nie ganz gesagt, wie ich dich liebte? Ach, weil ich's nicht gewußt habe – bis jetzt! Hör' es, o hör' es, Gibamund! Ich habe dich sehr geliebt. – Dank, Freund Teja! – O du mein alles: ich folge dir.« Und nun zog sie den scharfen, den schwarzen Dolch aus dem Gürtelgehäng. Mit einem Schnitt trennte sie das Tuch, das lang wallende, der Fahne von dem Speerschaft und breitete es wie eine Totendecke über die Leiche: es war so breit, daß es noch den ganzen Raum neben dem Toten bedeckte. Jetzt entflammte sie mit dem lodernden Kienspan das unterste Holz, beugte sich über den Toten und küßte nochmal heiß die bleichen Lippen. Dann holte sie aus mit der dunkeln Waffe, die hell aufblitzte im Flammenschein, und traf mit sicherem Stoß das mutige, das edelstolze Herz. –

Und sie sank auf ihr Antlitz über den geliebten Mann. Und die Flamme ergriff zuerst leise knisternd und flüsternd, die rote Fahne, welche die beiden Gatten hüllend bedeckte.

Der Frühwind blies kräftig in die halboffene Thür, durch die Luken des Gebälks –: hoch schlug alsbald die helle Lohe durch das Dach.

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