Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dahn >

Gelimer

Felix Dahn: Gelimer - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleGelimer
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070701
projectid6611a0f2
Schließen

Navigation:

Neunzehntes Kapitel.

Trübe, nebelig und grau stieg ein feuchtkalter Morgen im Frühmärz über dem Gebirg' empor. Die Sonne vermochte nicht, das dichte Gewölk zu durchdringen.

Die alte Stadt Medenus auf jenem Berge war längst verlassen von ihren karthagisch-römischen Erbauern und Bewohnern. Verödet und zerfallen lagen die meisten ihrer aus dem Gestein des Gebirges aufgeführten Häuser. Nomadische Mauren benutzten im Winter die wenigen noch von Dächern geschützten Gebäude als Zufluchtsstätten. Den stattlichsten Raum gewährte die ehemalige Basilika. Hier hatten der König und die Seinen Unterkunft gefunden. In der Mitte war auf dem Steinboden aus Reisig und aus Stroh ein dürftig Feuer angezündet. Aber es qualmte mehr als es wärmte. Denn das Holz war naß geworden. Und es drang der feuchte Nebel überall durch die Risse in den Wänden, durch die Lücken des Daches, wo er den langsam emporziehenden, gelbgrauen Rauch wieder herabdrückte, daß der, längs dem kahlen Gemäuer hinziehend und schleichend, seitwärts und durch den Eingang, dessen Thorflügel fehlten, andere Auswege suchte. In dem halbrunden Hintergrund der Apsis waren Decken und Felle auf den Marmorestrich gespreitet. Hier saß Gibamund und hämmerte an seinem übel zerhackten Schild, während Hilde die rote Fahne über den Schos gelegt hatte und sie zusammenflickte.

»Viele, viele Pfeile haben dich durchlöchert, altes, sturmvertrautes Banner. Und hier, dieser weitklaffende Riß – das war wohl ein Schwerthieb! – Aber du sollst doch noch zusammenhalten, bis ans Ende.« »Das Ende!« sprach Gibamund ungeduldig, mit einem letzten Hammerschlag die Nagelung des Schildrandes abschließend. »Ich wollte, es wäre da! Ich mag, ich kann das Elend – dein Elend – nicht länger mit ansehen. Lange dring' ich schon in den König: ›mach' ein Ende! Laß uns, alle Vandalen, – die Mauren mögen sich gefangen ergeben – miteinander in die Feinde brechen und –‹ Er ließ mich nie ausreden. ›Das wäre Selbstmord,‹ schalt er, ›und Sünde. Was Gott uns auferlegt hat zur Strafe, das haben wir geduldig zu ertragen. Wenn Gott will, kann er uns auch von hier noch retten, auf den Flügeln seiner Engel uns davontragen.‹ Es geht aber doch zu Ende: – ganz von selbst! Die Zahl der Gräber dort am Bergeshang wächst täglich.« – »Ja, immer länger, immer dichter wird die Reihe: bald unserer Vandalen hochgewölbter Hügel mit dem Kreuz darauf! ...« – »Bald der treuen Mauren Steinverschüttung mit dem Ring von schwarzen Kieseln. Gestern Abend haben wir auch den zarten Gundorich begraben: der stolzen Gundinge letzten Sproß, seines tapfern Vaters Gundobad Augentrost.« – »So hat er ausgelitten, der arme Knabe? Nur in Purpurseide sah man einst in Karthago das Kind, im Muschelwagen, von Straußen gezogen.« – »Vorgestern hatte ihm der König an seine elende Streu das duftende Brot gebracht, das er vom Feind erbeten. Gierig schlang der Knabe es hinein, daß man ihm wehren mußte! Einen Augenblick wandten wir ihm den Rücken, – ich schöpfte, den König begleitend, Wasser für den Kranken: – klagendes und zorniges Geschrei rief uns zurück: ein maurischer Junge, – er hatte wohl den Duft des Brotes gerochen, – war zum Fenster hereingesprungen: mit Gewalt riß er dem Kranken den Bissen aus den Zähnen! Es hat den König tief, tief getroffen. ›Auch dieses Kind, das schuldlose? Furchtbarer Gott!‹ so rief er immer wieder. Ich schloß dem Kleinen heute die gebrochenen Augen.«

»Es kann nicht lange mehr währen; die Leute haben längst das letzte Pferd geschlachtet, ausgenommen Styx.« »Styx soll nicht geschlachtet werden,« rief Hilde. »Er hat dich aus dem sicheren Tod getragen, er hat dich gerettet.« – »Du hast mich gerettet, du mit deinem Walkürenritt,« rief Gibamund und, glücklich in aller Not des Jammers, drückte er sein schönes Weib an die Brust und küßte zärtlich das hellgoldne Haar, die Augen und die edle Stirn. »Horch, was ist das?« – »Das ist das Lied, das er gedichtet hat und zu der Harfe singt, die Fara ihm gesendet. Wohl dir, o Tejas Saitenspiel, daß du nicht solchen Sang begleiten mußt,« zürnte sie, heftig aufspringend und die Locken in den Nacken werfend. Sie stellte die Fahne zur Seite. – »Lieber hätte ich meine Harfe zerschlagen am nächsten Fels, als sie zu solchem Lied geliehen.«

»Aber es wirkt wie Zaubergesang auf die Vandalen und die Mauren.« – »Sie verstehen es ja gar nicht – es ist ja Latein! Den Stabreim hat er ja als heidnisch, als Runenzauber verworfen! Von seinem letzten Schlachtlied darf man ihm nicht sprechen.« – »Freilich verstehen sie's kaum. Aber wann sie den König erblicken, wie er, fast verzückt, wie im Traume wandelnd, die heißen Augen halb geschlossen, das jammer-bleiche Antlitz vom wirren Haar umwogt, den zerfetzten Königsmantel um die Schulter geschlagen, die Harfe im Arm, einsam dahinschreitet über Felsen und Schnee dieses Berges, – wann sie die tiefklagende Stimme, die traurige Weise des Liedes vernehmen, – dann rührt es sie wie Zauber an, ob sie den Sinn nur wenig fassen. – Horch, da tönt es wieder.« Und näher und näher kam, zum Teil vom Winde davongetragen, in abgerissenen Worten und zuweilen vom Klang der Saiten begleitet, der Gesang:

»Weh um dich – ich klage, klage!
Weh um dich, Vandalenvolk,
Bald verschollen ist dein Name,
Der wie Sturm durchdrang die Welt.

Herrlich bist du aufgestiegen
Aus dem Meer, ein Meteor:
Ruhmlos, glanzlos gehst du unter,
Deine Spur erlischt in Nacht.

Alles Erdreichs Schätze häufte
Zu Karthago Geiserich: –
Hungernd bettelt bei dem Feinde
Heut um Brot sein Enkelsohn.

Stärke mich von deinen Helden,
Gottes Zorn liegt schwer auf dir:
Ruhm und Ehre laß den Goten,
Laß den Franken: – sie sind Tand!

»Ich will's nicht hören, nicht ertragen,« rief Hilde. »Er soll nicht schmähen, was allein das Leben des Lebens wert macht.«

Und näher, vernehmlicher klangen die traurigen, langsam quellenden Töne:

Tand und Sünde, weh, ist alles.
Des du pflagst, Vandalenvolk.
Darum hat dich Gott geschlagen
Und dein Haupt in Schmach gebeugt.

Beuge, beuge dich zum Staube,
Geiserichs geknickter Stamm,
Und die Rute küsse dankbar: –
Gott der Herr ist's, der dich schlägt.«

Das Lied schwieg. Die halb zerfallenen Stufen der Basilika empor stieg, wankenden Schrittes, der königliche Sänger; die Harfe schleppte der linke Arm schlaff herabhängend nach; nun stand er an den verwitterten, grauen Säulen des Eingangs; er legte den rechten Arm an den kalten Stein und drückte auf den Arm das müde Haupt. – –

Da eilte ein junger Maure die Stufen hinauf: in wenigen Sprüngen war er oben. Gibamund und Hilde standen auf und gingen ihm erstaunt entgegen.

»So flink, Sersaon,« sprach Gibamund, »habe ich dich schon lang nicht mehr die Glieder rühren sehen.« »Dein Auge leuchtet,« rief Hilde. »Du bringst eine gute Nachricht.« Da hob der König das Haupt langsam von der Säule auf und sah mit traurigem, leisem Kopfschütteln auf den Mauren.

»Ja, weiße Königin,« erwiderte dieser. »Beste Nachricht: Rettung!« »Unmöglich,« sprach Gelimer tonlos.

»Gewiß, Gebieter. – Hier, Verus, wird es bestätigen.«

Langsamen Schrittes, aber ungebrochen an Kraft, kam der Priester den Berggipfel herauf. Er schien eher stolzer, stärker als in den Tagen des Glückes: hochaufgerichtet trug er das Haupt; er hielt einen Pfeil und einen Streifen Papyrus in der Hand.

»Heute Nacht,« fuhr der junge Maure fort, »hatte ich die Wache auf unserm alleräußersten Posten gen Süden. Beim frühesten Tagesdämmer hörte ich den Lockruf des Straußen: – ich hielt es für Täuschung: denn nie steigt der Vogel in solche Höhe. Und jetzt ist nicht die Zeit der Paarung: – aber dieser Ruf ist unser Bundeszeichen mit den Südstämmen, gegen die Küste hin, den Soloërn. Ich lauschte nun, ich spähte scharf –: richtig: dort kauerte, an die gelbbraune Felswand geschmiegt, unbeweglich, von dem Stein kaum zu unterscheiden, ein Soloër. Ich erwiderte leise den Ruf: da flog, in hohem Bogenschuß geschnellt, ein Pfeil dicht neben mir zur Erde, ein Pfeil ohne Spitze, statt der Spitze in die Höhlung des Rohres gezwängt dieses Blatt. Ich zog es hervor – ich kann nicht lesen – aber ich brachte es den nächsten Vandalen – von denen lasen es zwei – und frohlockten. Verus kam von ungefähr dazu, er wollte den Zettel zerreißen, wollte verbieten, dir davon zu reden: aber der Hunger, die Hoffnung auf Rettung sind stärker als sein Wort ... –«

Verus fiel ihm in die Rede: »ich hielt es für Verrat, für eine Falle; es ist zu unwahrscheinlich.«

Gibamund entriß ihm den Zettel und las: »der Abstieg im Süden, wo der Strauß rief, ist unbewacht: man hält ihn für unbetretbar; klettert einzeln in der nächsten Mitternacht dort hinab: wir harren in der Nähe mit frischen Pferden. Theudis, der Westgotenkönig, hat uns Gold geschickt, euch zu retten und ein kleines Schiff: es liegt nah an der Küste. Eilt.«

»Es giebt noch Treue! Es giebt noch Freunde in der Not!« jubelte Hilde und warf sich in Freudenthränen an des Gatten Brust.

Der König richtete sich auf: sein Auge verlor den trüben, hoffnungslosen Ausdruck: »Seht ihr nun, wie frevelhaft es gewesen wäre, den Tod zu suchen? Das ist der Finger, den uns Gottes Erbarmen hinreckt: laßt ihn uns ergreifen.«

 << Kapitel 43  Kapitel 45 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.