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Gelimer

Felix Dahn: Gelimer - Kapitel 43
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typefiction
authorFelix Dahn
titleGelimer
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Achtzehntes Kapitel.

Neue Nachricht! Vielleicht neuer Krieg und Sieg vor der Thüre!

Sollte ich wirklich, o Cethegus, dich bald in deinem Italien aufsuchen dürfen und Rom befreien helfen durch Hunnen und Heruler? Eure Tyrannen, die Ostgoten, haben uns die Brücke geschlagen in dies Land: ihr Sicilien ward diese Brücke. Der Dank Justinians ist raschflügelig. Schon hat Belisar auf des Kaisers Befehl – er erhielt ihn versiegelt gleich bei der Abfahrt aus Byzanz mit der Weisung, den Papyrus erst nach Vernichtung des Vandalenreichs zu öffnen – von dem Hofe zu Ravenna die Abtretung eines großen Teiles jener Insel verlangt: von Lilybäum, dem wichtigen Vorgebirg und Kastell, und von allem, was jemals auf Sicilien zu dem Vandalenreich gehört. Denn das Vandalenreich sei jetzt an Byzanz zurückgefallen: – also auch alles, was jemals zu diesem Reich gehört! Man ist nicht umsonst der Kaiser der Pandekten.

Etwas brutal find' ich es freilich, so rasch den Übertölpelten ihre grenzenlose Dummheit vor die Augen zu stellen. Es ist ja allerdings aller Staatskunst Krone, den ersten mit Hilfe des zweiten und dann zum Dank den zweiten niederzuschlagen. Aber so offen trieb man's doch schon lange nicht mehr. Belisar muß sofort mit Krieg drohen, und zwar nicht nur mit Krieg um Lilybäum oder Sicilien, sondern mit dem Krieg um ganz Italien, um Ravenna und Rom! Der Brief an die Regentin Amalaswintha schließt – sofort nach der Schlacht von Trikameron habe ich ihn für Belisar in dessen Zelt gemäß dem geheimen Schreiben des Kaisers aufsetzen müssen: – »Weigert ihr euch, so sollt ihr wissen, daß ihr nicht die Gefahr des Kriegs, – daß ihr den Krieg selbst schon habt, den Krieg, in welchem wir nicht Lilybäum nur, sondern alles euch nehmen werden, was ihr wider Recht besitzt. Das ist aber: alles überhaupt!« – Heute traf nun die Nachricht ein: in Ravenna sei ein Umschwung eingetreten. Sehr böse Menschen, die schon die Vandalen hatten unterstützen wollen wider uns, Justinian nicht lieben (und aber auch leider nicht fürchten!), barbarische Namen: – du wirst sie besser kennen, o Cethegus, als ich: Hildebrand, Vitigis, Teja: – haben dort das Ruder an sich gerissen und unsere Forderung rundweg abgeschlagen. Mir ist, es klingt wie Tubaschmettern in den Lüften. –

Aber vorerst müssen wir diesen vandalischen König ohne Reich da oben gebeugt haben. Es dauert unserer Ungeduld und der Belisars allzulang. Alle Bedingungen der Ergebung hat er bisher ausgeschlagen; auch die unsinnigst günstigen, die ihm gestellt wurden, weil Belisar hier rasch zu Ende kommen will: wie mir scheint, um geschwind in Byzanz einen Triumphzug zu halten, wie er seit Jahrhunderten nicht mehr vorgekommen ist, und dann in Italien fortzufahren, wie er hier angefangen.

Und da bei diesem höchst verwundersamen König, der bald weiches Wachs, bald härtester Granit scheint, das Zureden mit Worten nicht verfangen will, wollen wir ihm morgen einmal mit Wurfspeeren zureden.

Fara hofft, der Hunger hat die Vandalen und Mauren da oben so mürbe gemacht, daß sie heftigem Angriff nicht standhalten werden. Die Wahrheit ist: Fara, ein Germane, – und zwar ein ganz vortrefflicher! – vertragt alles, ausgenommen – auf die Dauer – den Durst und die Thatenlosigkeit. Und wir haben nur noch wenig Wein. Und schlechten. Und haben nichts zu thun, als abwechselnd zu schlafen und vor dem Mauseloch, genannt Pappua, Schildwache zu stehen. Er hat es satt. Er will es erzwingen. Erst fechten wie kein Vernünftiger: das ist ihre Art. – Ich aber betrachte den engen Aufstieg in jene gelben Felsen und habe meine Zweifel am Erfolg. Ich meine: – thut nicht Herr Cyprian und Frau Tyche ein übriges an uns, so holen wir uns morgen nicht Gelimer und die Vandalen, sondern Hiebe.

 

Wir haben sie schon!

Nämlich die Hiebe. Und ganz gehörige! Die Vandalen und die Mauren da oben wettspielten darüber, wer übeler mit uns umspringen könne, und wir bezahlten den Einsatz. Fara machte als Führer und als Kämpfer seine Sachen so gut als man Unausführbares nur irgend machen kann. Er teilte uns in drei Glieder: zuerst die Armenier, dann die Thraker, zuletzt die Heruler. Die Hunnen, deren Gäule viel können, aber doch nicht klettern wie die Ziegen, blieben unten vor unserem Lager. Je zweihundert Mann stark stürmten wir in langem Zug je zwei, vorn je ein Mann, den einzigen gangbaren Steig hinan. Ich mach' es kurz: die Mauren wälzten Felsen, die Vandalen warfen Speere auf uns. Zwanzig Armenier fielen, ohne von den Feinden auch nur einen Helmkamm gesehen zu haben; die andern kehrten um. Die Thraker stiegen todverachtend hinan. Sie kamen wohl hundert Schritt höher: da hatten sie fünfunddreißig verloren, keinen Feind erblickt und kehrten um. »Feigheit,« schalt Fara. »Es ist unmöglich,« erwiderte Arzen, der schwerverwundete Führer der Armenier: ein Vandalenspeer mit der Asdingen Hausmarke, dem fliegenden Pfeil, hatte ihm den Schenkel durchbohrt. »Ich glaub's nicht,« rief Fara, »folgt mir, meine Heruler.« Sie folgten ihm. Auch ich: aber ziemlich als der letzten einer. Denn ich halte mich als Rechtsrat Belisars zu sonderlicher Heldenschaft nicht verpflichtet. Nur wenn er selber ficht, bild' ich mir manchmal thöricht ein, an seiner Seite sei mein Platz.

Ich habe noch keinen solchen Sturm gesehen. Felstrümmer und Lanzen, von unsichtbarer Hand geschleudert, zerschmetterten und spießten die Leute. Aber die lebend übrig bleibenden kletterten, sprangen, krochen höher und höher. Die Krone des Berges, – welche die beiden ersten Versuche entfernt nicht erreicht – war erklommen. Die Stellungen der unter den Felsen des Mittelberges versteckten Mauren waren überhöht und gar mancher dieser braunen, magern Gestalten zahlte die treue Gastfreundschaft gegen die Flüchtlinge mit dem Leben: ich sah Fara allein drei derselben niederstrecken. Oben ordnete er seine atemlose Schar und eben wollte er den Befehl geben, sich auf das schmale Felsenthor zu stürzen, das an dem Scheitel des Berges gähnt: da brachen aus diesem Felsenthor die Vandalen hervor, der König voran – die Zackenkrone auf dem Helm verriet ihn: – ich sah ihn ganz nah – nie werd' ich dies Angesicht vergessen: – einem verzückten Mönche sah er ähnlich und doch auch jenem Helden Zazo, den ich vor Belisar fallen sah. Hinter ihm ein Jüngling, ihm sehr ähnlich; das rote Banner trug, glaub' ich, gar ein Weib. – Aber ich irre wohl; denn der ganze Anprall traf uns mit Blitzesschnelle und Blitzesgewalt. Durchbrochen war das erste Glied der Heruler als wär' es nie gestanden. »Wo ist der König?« rief Fara und sprang vorwärts. »Hier,« scholl die Antwort. Im nächsten Augenblick fingen fünf Heruler seiner Gefolgschaft ihren schwer getroffenen Führer auf. Das sah ich noch. Dann fiel ich nach rückwärts. Der junge Vandale hinter dem König hatte mir den Wurfspeer sausend auf den festen Panzer geworfen. Ich strauchelte, fiel und rutschte pfeilgeschwind den sandigen, glatten Geröllhang hinunter: ungleich rascher und leichter, als ich herauf gelangt war. Als ich mich wieder erhob, trugen die treuen Gefolgen Fara auf zwei Schilden an mir vorbei. Der Führer der Armenier lehnte an seinem Speer: »Glaubst du's jetzt, Fara?« fragte er. »Ja,« erwiderte dieser und griff nach seinem blutenden Kopf. »Jetzt glaub' ich's. Mein schöner Helm,« lachte er. »Aber besser der Helm allein gespalten als der Schädel dazu.« Unten angelangt, verging ihm das Lachen: von zweihundert seiner Heruler lagen hundertzwanzig auf den Felsen des Berges. Ich denke: das war der erste und der letzte Sturm auf Berg Pappua.

 

Faras Wunde heilt. – Aber er klagt sehr über Kopfschmerzen!

 

Da oben auf dem verwunschenen Berge müssen sie elend hungern. Häufig kommen jetzt Überläufer herunter, aber ausschließend Mauren. Noch kein Vandale ist in dem ganzen Feldzug freiwillig zu uns übergetreten: trotz meiner schönen Aufforderung zu Verrat und Abfall! Von den vielgepriesenen germanischen Tugenden scheint fast nur die Treue diesen Entarteten verblieben zu sein.

Fara befahl, niemand mehr anzunehmen: »Je mehr Mäuler und Magen um Gelimer, je knapper seine Bissen,« meinte er. Nun aber, da sie als Waffengenossen nicht mehr angenommen werden, verkaufen sich die Mauren als Sklaven für ein Stück Brot. Auch diesen trauervollen Handelsbetrieb verbot Fara. Er sagte den Seinen: »Laßt sie oben hungern, desto früher erhaltet ihr sie alle als kriegsgefangene Knechte.« Übrigens macht es den Vandalen – nicht vierzig sollen es mehr sein – alle Ehre, daß sie noch aushalten, wo Mauren erliegen. Das ist der stärkste Gegensatz, den man sich denken kann. Denn alles, was wir von der Üppigkeit und Verweichlichung der Vandalen zu Byzanz vernommen hatten, ward überboten durch das, was wir in ihren Palästen, Villen und Häusern vorfanden, was uns die Karthager erzählten. Täglich zwei, drei Bäder, auf den Tafeln die Leckereien aller Länder und Meere, alles Geschirr von Gold, lauter medische, ›serische‹ Gewänder, Schauspiele, Cirkusspiele, Jagd – aber mit möglichst geringer Anstrengung! – Tänzer, Mimen, Musiker, Lustwandel in wohlgepflegten Hainen von edelsten Fruchtbäumen, täglich Schmausereien, täglich Zechgelage und Genüsse zügelloser Lust jeder Art. Wie die Vandalen das üppigste, führen die Mauren das kärgste Leben unter allen Völkern: Winter und Sommer halbnackt im grauen, kurzen Gewand, in den gleichen niederen Filzhütten oder Lederzelten, in denen man kaum atmen kann: weder der Schnee der Hochberge noch die Gluthitze der Wüste ficht sie an: sie schlafen auf der bloßen Erde, nur die reichsten breiten eine Kamelhaut unter; sie kennen weder Brot noch Wein noch andere edlere Speise: wie die Tiere kauen sie ungemahlen, ungeröstet sogar, Gerste, Spelt und Einkorn.

Und nun halten Vandalen ungebrochen aus im Hunger, wo Mauren erliegen!

Es ist unbegreiflich! Söhne desselben Volkes, dem wir in zwei kurzen Reitergefechten Afrika genommen. Auf unsere staunende Frage, wie das zugehe, antworten alle Überläufer stets nur das eine Wort: ›der heilige König‹. Er zwingt sie mit den Augen, mit seiner Stimme Klang, mit Zauber. Aber Fara meint, recht lange kann kein Zauber vorhalten wider Hunger und Durst. Und da, wie diese harten, zu Knochen abgemagerten Mauren aussagen, des Königs und der Seinigen Leiden mit Worten gar nicht auszudrücken sind, da dachte Fara, – wirklich aus gutem Herzen – diesem Elend ein Ende zu machen. Er diktierte mir folgenden Brief: »Vergieb, o König der Vandalen, fällt dieses Schreiben ziemlich einfältig aus. Mein Kopf taugte von jeher besser dazu, Schwerthiebe auszuhalten, als Briefe auszudenken. Und seit du und mein Kopf neulich zusammentrafen, wird mir das Denken noch merklich schwerer als sonst. Ich schreibe – oder vielmehr: ich lasse schreiben – schlicht, nach Barbarenart. – Lieber Gelimer, weshalb stürzest du dich und all die Deinen in den tiefsten Abgrund des Elends? Nur um dem Kaiser nicht dienen zu müssen? Denn dieses Wort – die ›Freiheit‹ – ist wohl dein Wahn. Siehst du denn nicht, daß du um dieser Freiheit willen, elenden Mauren zu Dank und Dienst verpflichtet wirst, von diesen Wilden abhängst? Ist es nicht besser, zu Byzanz dem großen Kaiser dienen, als auf Pappua über ein Häuflein von Verhungernden zu herrschen? Ist es schimpflich, demselben Herrn zu dienen, dem Belisarius dient? Wirf doch diese Thorheit ab, trefflicher Gelimer! Sieh, ich selbst bin Germane, bin von herulischem Edelgeschlecht, meine Ahnen trugen den Königsstab bei unserem Volk in der alten Heimat am Gestade des rauschenden Meeres, gegenüber den Inseln der Dänen: – und doch dien' ich dem Imperator und ich rühme mich dessen. Mein Schwert und meiner Heruler rasche Kühnheit hat des großen Belisar größte Siegesschlacht entschieden: ein Feldherr bin ich und ein Held geblieben, auch in des Kaisers Dienst. Das Gleiche wartet dein. Belisar sichert dir mit seinem Treuwort Leben, Freiheit, Landgüter in Kleinasien, die Würde des Patriciats und eine Heerführerstelle dicht unter Belisar. Teurer Gelimer, edler König: ich mein' es gut mit dir. Trotz ist schön, aber Thorheit ist – thöricht! Mach ein Ende!«

 

Der Bote ist zurück. Er sah den König selbst. Er sagt, zu Tode sei er vor dem Anblick erschrocken. Wie ein Gespenst sehe er aus oder wie der König der Schatten: unheimliche Augen glühen aus einem geisterhaften Antlitz. Doch habe der Unbeugsame – als er des gutmütigen Stammgenossen treuherzig gemeinten Zuspruch las – geweint! Er weint wie ein Knabe oder ein Weib, derselbe, der den nie bezwungenen Fara niederschlägt und übermenschliche Entbehrungen erträgt. Hier des Vandalen Antwort:

»Ich danke dir für deinen Rat. Ich kann ihn nicht befolgen. Du hast dein Volk aufgegeben: – du treibst dahin auf dem Meere der Welt, ein Strohhalm. Ich war, ich bin der König der Vandalen. Dem ungerechten Feinde meines Volks will ich nicht dienen. Gott, so glaub' ich, befiehlt mir und dem Reste der Vandalen, auch jetzt noch auszuharren, er kann mich retten, wenn er will. Ich kann nicht mehr schreiben. Der Jammer, der mich rings umgiebt, benimmt mir die Gedanken. Schicke mir, guter Fara, ein Brot: ein zarter Knabe, eines gefallenen Edeln Sohn liegt schwer krank, im Hungerfieber. Er bittet, er fleht, er schreit nach Brot: – so herzzerreißend! Wir alle haben, auch ich selbst, schon lange, schon lange nicht mehr Brot gekostet.

Und einen Schwamm, in Wasser getaucht: meine Augen, von Wachen und Weinen entzündet, brennen sehr. –

Und eine Harfe. Ich hab' ein Lied auf unser Los gedichtet: das möcht' ich gern zur Harfe singen.«

Fara erfüllte die drei Bitten: – die Harfe war nur in der nächsten Stadt aufzutreiben; aber noch enger als zuvor umschließt er den ›Berg des Elends‹, wie ihn unsere Leute nennen.«

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