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Gelimer

Felix Dahn: Gelimer - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleGelimer
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Sechzehntes Kapitel

An Cethegus Prokopius.

»Schon manche Schlacht, manches Gefecht Belisars hab' ich mit angesehen, – meist aus sehr sicherer Ferne: – ein so seltsames Treffen sah ich noch nie. In diesem Kampf, der des Vandalenreichs Geschick entscheidet, haben wir im ganzen nur neunundvierzig Mann verloren: aber lauter erlesene Leute und darunter acht Anführer! Fara, Althias, Johannes, alle drei sind verwundet. Jedoch wir haben nicht viele – etwa hundert – Verwundete, da die Vandalen nur mit dem Schwerte fochten: das ergiebt fast so viele Tote als Getroffene. – Die meisten von unseren Toten und Verwundeten kommen auf Rechnung der drei Asdingen, zweier Edelinge in Eberhelmen und eines offenbar wahnsinnigen Mönches. Von den Vandalen deckten achthundert Tote das Gefilde: weitaus die meisten von diesen fielen auf der Flucht: gefangen haben wir, heil und verwundet, gegen zehntausend Männer, Weiber und Kinder ungerechnet! Auf unseren beiden Flügeln verloren wir nicht Einen Mann; ausgenommen einen Hunnen, den Belisar leider hängen lassen mußte, weil er sich Taschen, Schuhe, Haare und Ohren gefüllt hatte mit Perlen und Edelsteinen, die er in dem Lager der Vandalen, in den Frauenzelten zumal, emsig aufgelesen und die sich doch unsere Kaiserin redlich verdient hat.

Unsere Verfolgung wurde nur durch unsere Habgier aufgehalten. Die gefallenen und gefangenen Vandalen trugen sehr viel Silber- und Goldschmuck an sich, an ihren Waffen und Pferden: jeden plünderten unsere Helden, bevor sie an ihm vorbeigingen. Unsere Reiter, die zuerst an das Lager der Feinde gelangten, wagten, trotz aller Raubgier, nicht gleich einzudringen: sie hielten es für unmöglich, daß solche Übermacht nicht das eigene Lager, nicht Weib und Kind verteidigte.

Der König soll im Lager wie betäubt einen Augenblick innegehalten haben: als aber Belisar mit unserer ganzen Streitkraft vor den Zelten erschien, soll er mit dem Rufe »der Rächer!« die Flucht nach Numidien fortgesetzt haben, von sehr wenigen Verwandten, Dienern und treugebliebenen Mauren begleitet. Jetzt stob auch auseinander in wirrer Flucht, was von vandalischen Kriegern das Lager erreicht hatte: ihre schreienden Kinder, ihre weinenden Weiber, ihre reiche Habe, alles gaben sie preis, ohne Schwertschlag. Und das sind – oder das waren! – Germanen! Kein Wunder, wenn Justinian jetzt alsbald Italien und Spanien von den Goten zu befreien versuchen wird.

Die Unsrigen jagten den Fliehenden nach: den ganzen Rest des Tages, die ganze mondhelle Nacht hindurch, schlachteten die Männer ohne Widerstand, griffen zu Tausenden Weiber und Kinder, sie zu verknechten. Noch nie sah ich soviel Schönheit beisammen. Aber auch noch nie soviel Gold- und Silbergeld auf Einem Haufen wie in den Zelten des Königs und der edlen Vandalen. Es ist unglaublich! –

Belisarius jedoch ward nach seinem Siege von der schwersten Angst gequält. Denn das ganze Heer vergaß in diesem von den schönsten Weibern, von Schätzen jeder Art, von Wein und Vorräten strotzenden Lager aller Vorsicht, jeder Mannszucht: berauscht von unerhörtem, nie geahntem Glück lebten sie nur dieser Lust des Augenblicks: jede Schranke brach, jeder Zügel riß: sie konnten sich nicht ersättigen! Der Dämon von Afrika, der Genuß, erfaßte sie. Im Lager und in dessen Umgebung, der Spur der Flüchtigen folgend, strichen sie, einzeln oder paarweise umher, wohin sie die Sucht nach Beute, nach Lust lockte. Kein Gedanke mehr an die Feinde, keine Scheu vor dem Feldherrn mehr! Die noch nüchtern waren, suchten, vollbeladen mit Beute, Gefangene vor sich hertreibend, nach Karthago zu entwischen. Belisarius sagt: hätten die Vandalen eine Stunde, nachdem wir ihr Lager betreten, uns nochmal angegriffen: – nicht Ein Mann von uns allen wäre entkommen! Vollständig war ihm das siegreiche Heer, waren ihm selbst seine Leibwächter aus Hand und Band entglitten! –

Bei Tagesgrauen rief er mit schmetternden Drommeten alle – d. h. alle Nüchternen – zusammen: seine Leibwächter kamen nun gar eilig und tief beschämt. Er hielt Führern und Mannschaften statt einer Lob- und Dankrede eine Strafpredigt, wie ich noch keine aus seinem Mund gehört. Wir sind eben um Sold geworbene Kriegsknechte, Abenteurer, Raufbolde, wild und tapfer wie gierige Raubtiere: zum blutigen Jagen trefflich abgerichtet, wie Jagdleoparden, aber nicht auch dazu, das erjagte Wild dem Jäger zu belassen oder gar zu bringen und wieder in den Käfig einzuspringen: wir müssen erst unsern Teil des Blutes und des Fraßes vorweg haben. – Es ist nicht gar schön! – Aber doch viel freudiger als Philosophie und Theologie, Rhetorik, Grammatik und Dialektik zusammen. Der Vandalenkrieg aber ist, denk' ich, zu Ende. Morgen fangen wir auch den flüchtigen König noch.


Ich sag' es ja immer! Von den kleinsten Zufällen hängen die größten Entscheidungen ab. Oder, wie ich es ausdrücke, wenn ich sehr poetisch gestimmt bin: die Göttin Tyche liebt es, mit den Geschicken der Menschen und der Völker zu spielen wie die Knaben, welche Münzen in die Luft werfen und Gewinn und Verlust nach ›Bild‹ oder ›Spruch‹ entscheiden.

Du, o Cethegus, hast diese meine Philosophie der Weltgeschichte ein Altweiber-Geträtsch gescholten. Aber – urteile selbst: ein Vogelschrei – eine blinde Jagdlust – ein Fehlschuß treffen zusammen: und die Folge ist: der Vandalenkönig entgleitet unseren schon ihn fassenden Fingern, der Feldzug, der beendet schien, dauert fort und dein Freund muß Wochen verleben in einem höchst langweiligen Einschließungslager vor einem höchst überflüssigen maurischen Felsennest.

Belisar hatte die Verfolgung des fliehenden Königs seinem Landsmann, dem Thraker Althias, übertragen. »Dich wähle ich,« sprach er, »weil ich dir vor allen vertraue, wo es unermüdliche, rasche Thatkraft gilt. Holst du den Vandalen ein, bevor er Zuflucht findet, ist der Krieg morgen zu Ende: läßt du ihn dir entgehen, machst du uns noch lange schwere Mühe. Wähle dir deine Mannschaften selbst: aber raste Tag und Nacht keinen Atemzug, bis du den Tyrannen tot oder lebend greifst.«

Althias errötete wie ein geschmeicheltes Mädchen, kor sich, außer seinen Thrakern, einige Leibwächter, ein Paar Hundert Heruler unter Fara und auch mich bat er, ihm zu folgen, wohl weniger meines friedfertigen Schwertes als meines Rates wegen. Gern sagte ich zu.

Und nun begann hinter den Vandalen her eine fliegende Jagd, wie ich sie nie für möglich gehalten. Fünf Tage und fünf Nächte setzten wir, fast ohne Unterbrechung, den Fliehenden nach: ihre Spuren im Sande der Wüste waren nicht zu verfehlen. Wir holten mehr und mehr ihren Vorsprung ein, so daß wir in der fünften Nacht sicher waren, am folgenden Tag sie zu erreichen und zum Stehen zu bringen, bevor sie das rettende Gebirge – Pappua heißt es – gewonnen.

Allein die launische Göttin wollte nun einmal nicht, daß Gelimer in des Althias Hände falle.

Uliari, ein alamannischer Leibwächter Belisars, ist ein tapferer Mann und gar stark, aber unbesonnen und, wie alle Germanen, trunksüchtig und, wie auch fast alle, ein leidenschaftlicher Jäger; wiederholt war er bestraft worden, weil er auf dem Marsche selbst jedem aufstoßenden Tiere sofort nachsetzte. Am Morgen des sechsten Tages, da wir nach kurzer Rast bei Sonnenaufgang wieder zu Pferde stiegen, sah Uliari auf dem mannshohen, stachligen Gebüsch, das allein aus dem Salzboden der Wüste steigt, einen großen Geier sitzen; den Bogen fassen, einen Pfeil aus dem Köcher reißen, zielen, losdrücken war eins bei ihm. Die Sehne schnellte, der Vogel flog davon: – ein Aufschrei vorn: – unter dem Helmdach in den Hinterkopf geschossen fiel Althias, der schon allen wieder voraussprengte, vom Gaul: Uliari, sonst ein Meisterschütze, hatte noch seinen Nachttrunk nicht ausgeschlafen. Er gab – entsetzt über seine That – dem Pferd die Sporen und floh zurück in den nächsten Ort, in der Kapelle daselbst Asyl zu suchen.

Wir aber waren alle um den sterbenden Althias beschäftigt, obwohl er uns durch Zeichen befahl, ihn hier in der Wüste seinem Geschick zu überlassen und die Verfolgung fortzusetzen. Wir brachten es nicht über das Herz. Ja, da ich und Fara, nachdem der Freund in unseren Armen gestorben, weiter ziehen wollten, verlangten seine Thraker drohend, die Leiche müsse vorher bestattet werden: sonst sei die Seele verdammt, hier am Orte zu klagen bis zum jüngsten Tag. Wir gruben also ein Grab und bestatteten den Toten in allen Ehren. Diese paar Stunden entschieden Gelimers Entkommen: wir holten die verlorene Zeit nicht mehr ein. Die Flüchtlinge erreichten ihr Ziel: das Gebirge Pappua an der Grenze Numidiens mit sehr steilen, unzugänglichen Gipfeln, überall von schroffem Felsgezack umstarrt. Die hier wohnenden Mauren sind Gelimer zu Treue und Dankbarkeit verpflichtet. Eine alte Stadt, Medenus, jetzt nur ein Flecken von wenigen Hütten, auf dem Nordkamme des Gebirges, nahm ihn und sein Gefolge auf. Erstürmung dieser schmalen Antilopenpfade ist unmöglich: ein Mann kann den Aufstieg mit dem Schilde sperren. Die Aufforderung, die Flüchtlinge auszuliefern gegen reichen Lohn, wiesen die Mauren mit Verachtung ab. Also heißt es: Geduld! Lager schlagen am Fuß des Berges, alle Ausgänge sperren und die Leutchen aushungern.

Das kann lange währen!

Und es ist Winter: die Spitzen der Berge deckt manchmal morgens leichter Schnee, den freilich bald die Sonne wegtilgt, dringt sie durch das Gewölk. Aber sie dringt nicht immer durch. Nebel und Regen dagegen dringen unablässig durch die Kamelhäute unsrer Zelte.«

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