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Gelimer

Felix Dahn: Gelimer - Kapitel 35
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typefiction
authorFelix Dahn
titleGelimer
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Zehntes Kapitel

»Belisar läßt Tag und Nacht an den Mauern arbeiten. Außer dem gesamten Heer und der Bemannung der Flotte hat er die Bürger zu diesem Werk herangezogen. Diese murren: sie meinen, wir seien ja gekommen sie zu befreien und nun zwängen wir sie zu so harter Fronarbeit, wie sie ihnen Gelimer niemals auferlegt.

Die Stadtumwallung in ihrer gewaltigen Ausdehnung zeigt so viele Lücken und Blößen, daß wir hierin den Grund suchen, aus welchem der König nach verlorner Schlacht sich nicht in seine Hauptstadt zurückzog. Verus, der auch in weltlichen Dingen viel bei dem ›Tyrannen‹ gilt – so müssen wir, auf Befehl Justinians, den Vorkämpfer der Freiheit seines Volkes nennen – soll, wie Gefangene aussagen, von Anfang an geraten haben, sich in Karthago einzuschließen und hier von uns belagern zu lassen. Ist dem so, dann versteht der Priester – wie billig – mehr von Laternen als vom Krieg. In der ersten Nacht wären wir, meint der Feldherr, durch irgend ein Loch hereingeschlüpft. Zumal viele Tausende von Karthagern bereit standen, uns solche Löcher zu zeigen. Und wir hätten die ganze vandalische Herrlichkeit wie in der Mausefalle auf einen Schlag abgefangen, während wir jetzt die Feinde in der Wüste aufsuchen müssen. Der König habe denn auch jenen Rat gleich abgewiesen.


Die Göttin Tyche ist das einzige Frauenzimmer, an das ich manchmal wirklich zu glauben Lust verspüre. Und etwa noch an Ate, die Bethörung. Ate und Tyche, euch, ihr gewaltigen Geschwister, nicht Sankt Cyprian, müßten wir Danklaternen anzünden. Die Glücksgöttin wird nicht müde, Ball zu spielen mit dem Geschicke der Vandalen! Aber sie könnte es nicht, hätte ihr Ate nicht diesen Ball in die Hände gelegt.

Gestern läuft von Norden her ein kleines Bootensegel in den Hafen. Es zeigt die blutrote vandalische Flagge. Abgefangen von unsern hinter der hohen Hafenmauer unsichtbar lauernden Wachschiffen, erschrecken die Barbaren an Bord bis zum Tod: sie hatten von der Einnahme ihrer Hauptstadt keine Ahnung gehabt! Sie kommen geradenwegs – aus Sardinien! Dorthin ihre Flotte und ihres Heeres Kern zu entsenden, während wir schon bei Sicilien lagen, – das hat Ate den Feinden eingeblasen. Bei dem Führer ward ein Brief gefunden folgenden Inhalts: »Heil dir und Sieg, o König der Vandalen! Wo sind nun deine finstern Ahnungen! Sieg künd' ich dir! Wir landeten bei Karalis, der Hauptstadt von Sardinien. Wir nahmen Hafen und Stadt und Kapitol. Goda, der Verräter, fiel durch meinen Speer, seine Scharen sind geschlagen oder gefangen: dein ist wieder das ganze Eiland. Feire ein Siegesfest. Es ist die Vorbedeutung eines größeren Tages, da du die kecken Feinde zermalmen wirst, welche, wie wir hier soeben hören, wirklich gegen unsere Küsten heransegeln. Nicht Einer soll zurückkehren aus unserem Afrika! Das schreibt dir Zazo, dein treuer Feldherr und Bruder.«

Das war gestern. Und heute bringt einer unserer Kreuzer in den Hafen ein vandalisch Eilschiff ein, das er auf dem Wege nach Sardinien abgefangen. Es trug einen Boten Gelimers mit folgendem Brief: »Nicht Goda hat uns nach Sardinien gelockt, sondern in Godas Gestalt ein Dämon der Hölle, den Gott gewähren läßt, uns zu verderben! Du bist nicht ausgezogen, damit wir Sardinien, sondern damit unsere Feinde Afrika gewinnen. Das war des Himmels Wille, da er deine Fahrt verhängte. Kaum warst du fort, da landete Belisar. Klein ist sein Heer, aber von unserem Volk ist wie das Heldentum, so auch das Glück gewichen. Das Volk hat keinen Stern und sein König keine Einsicht: auch gute Pläne verdirbt das Ungestüm des einen oder das weiche Herz des andern. Gefallen ist Ammata, unser aller Liebling, gefallen Thrasarich der Treue, verwundet Gibamund, geschlagen unser Heer bei Decimum. Unsere Schiffswerften, unsere Häfen, unsere Waffenhallen, unsere Rosse, Karthago selbst sind in des Feindes Hand. Die Vandalen aber, die ich noch beisammen halte, sind von dem ersten Schlage wie betäubt: sie sind nicht aufzurütteln, obwohl alles auf dem Spiele steht. Verflogen ist fast bei allen die kurzatmige Aufraffung zur Thatkraft. Schmachvoll ist es zu sagen: mehr Kriegstüchtigkeit als in unserm verschüchterten Heer steckt zur Zeit in den zwölftausend maurischen Söldnern, die ich mit schwerem Gold geworben und als Rückhalt in einem festen Lager bei Bulla versammelt habe. Versagten auch diese mir, – bald wär's zu Ende. Uns blieb nur die Hoffnung auf dich und auf der Deinen Wiederkehr. Laß fahren Sardinien und des Empörers Bestrafung; hierher fliege mit der ganzen Flotte. Lande aber ja nicht bei Karthago, sondern weit westlich davon, etwa an der Grenzscheide zwischen Mauretanien und Numidien. Laß uns das drohende Verderben gemeinsam abwenden oder gemeinsam tragen. Gelimer.«

Die Briefe der Brüder kreuzen sich! Und beide Briefe fallen in unsere Hände! Und nun erwartet der König vergeblich seine Flotte im Westen! Jetzt, Göttin Tyche, blase die Backen auf, hauche in die Segel der Vandalenflotte und führe sie alle wohlbehalten mit dem siegreichen Heer, der letzten Hoffnung Gelimers, hierher in den Hafen von Karthago – in die Gefangenschaft!


Die Göttin Tyche ist eben auch ein – Frauenzimmer, wie andere. Auf einmal dreht sie uns – ein bischen wenigstens – den Rücken und liebäugelt mit jenen Blondköpfen. Ich hätte gute Lust, mich wieder mehr dem heiligen Laternenanzünder zuzuwenden.

Der Tyrann macht Fortschritte. Wodurch? Durch seine Herzensgüte, sagen die Leute, und seine Freundlichkeit. Er gewinnt die Landbevölkerung, – nicht die Mauren, nein: die römische, die katholische: – hör' es und hilf, Sankt Cyprian! – Er zieht sie von uns ab, auf seine Seite. Er hält strenge Mannszucht: – und unsere Hunnen rauben, plündern und stehlen nur dann nicht, wann sie in Reih und Glied vor Belisar stehen. Oder wann sie schlafen: aber dann träumen sie wenigstens vom Plündern. So flüchten die von uns befreiten Bauern vor ihren Befreiern in hellen Haufen in das Lager des Barbarenkönigs. Sie ziehen die Vandalen den Hunnen vor. Sie rotten sich zusammen, fallen über unsere vereinzelt plündernden Helden, freilich meist Troßknechte, her, schneiden ihnen die heidnischen, ja sogar die rechtgläubigen Köpfe ab und wechseln sich von dem Tyrannen dafür je ein ketzerisch Goldstück ein. Das wäre nun noch nicht so schlimm. Aber die Bauern dienen dem Vandalen als Auskundschafter: sie verraten ihm alles, was er wissen will, vorausgesetzt, daß sie es selber wissen. Gewiß ist jene Herzensgüte Heuchelei. Aber sie hilft; vielleicht besser, wie wenn sie echt wäre.


Nun thut sie mir doch beinahe leid, die Sphinx. Sie war gar so wunderschön! Schade nur, daß sie kein Tier geworden, sondern ein Menschenweib. Fara fand aus, daß sie auch Althias dem Thraker und Aigan dem Hunnen die Rätsel ihres Wesens zu raten aufgegeben. Anfangs wollten sich die drei Helden um das Wunder auf Tod und Leben streiten. Aber diesmal war der Hunne weiser als der Germane und der Thraker. Auf seinen Vorschlag teilten sie sich brüderlich zu gleichen Teilen in das Weib, schnallten es auf ein Brett und teilten es mit zwei Beilhieben in drei Teile. Fara erhielt den Kopf: wie billig, er hatte das meiste Recht auf sie. Denn sie hatte ihn, als sie seinen Argwohn merkte, besänftigen wollen durch eine Frucht, die sie ihm frisch vom Baume brach. Sie versah es aber darin: Fara der Heruler und Heide ißt viel lieber Pferdefleisch als Pfirsiche. Er gab die Frucht ihrem Affen: der biß hinein, schüttelte sich und war tot. Das verdroß den Germanen. Und er ruhte nun nicht, bis er alle Rätsel der vielseitigen Sphinx, auch die ihrer naturnotwendigen Treulosigkeit, herausgebracht hatte. Dann teilten sie, wie gesagt, den schönen Leib in drei Teile. Ich riet, die Leiche recht tief zu vergraben: sonst schlagen nachts heiß rote Flammen aus ihrem Grabe.


Eine kleine Schlappe.

Belisar klagte: er wisse zu wenig vom Feind. Er schickt einen seiner besten Leibwächter, Diogenes, hinaus nach Südwesten, Nachrichten einzuziehen. In einem Dorf übernachten sie. Die Bauern schwören: auf zwei Tagemärsche weit und breit kein Vandale. Unsere Helden schlafen im besten Hause – dem des Villicus – im oberen Stockwerk: gewiß waren sie vorher lang unter dem Erdgeschoß, d.h. im Keller gewesen. Wachen stellen sie nicht aus. Natürlich nicht! Sie sind ja die Befreier der Bauern. Daß sie diesen Bauern soeben allen Wein ausgetrunken, den sämtliche Amphoren des Dorfes bargen, ihre Rinder geschlachtet, ihre Weiber umarmt haben, – das thut nichts zur Sache. Dafür sind's Bauern.

Bald schnarchen alle; Diogenes schnarcht ihnen vor. Es wird Nacht. Die Bauern haben flugs die Vandalen – aus nächster Nähe – herbeigeschafft: die umstellen das Haus. Aber der heilige Cyprian ist stärker als der stärkste Rauschschlaf. Er läßt unten ein Schwert auf einen Erzschild fallen, er erweckt – das ist nun ein Wunder, an das ich glaube: denn ein Sterblicher bringt das nicht fertig – er erweckt dadurch einen der Schläfer. Im Schutze der Nacht gelingt es den meisten, zu entweichen; auch Diogenes kam zurück: mit drei Wunden in Hals und Gesicht, ohne den kleinen Finger der Schwerthand und ohne irgend eine brauchbare Nachricht.


Die Göttin Tyche bläst schlecht. Die Vandalenflotte ist noch immer nicht eingelaufen in Karthago und in ihr Verderben.


Der Tyrann scheint sein Heer aus der Betäubung emporgerafft zu haben. Unsere Vorposten, Reiter, die wir rings um die Stadt ausgesendet, schicken Nachricht: »ungeheure Staubwolken steigen auf von Südwesten her. Nur ein heranziehend Heer kann darin stecken,« meinen sie.


Kein Zazo. Hat er, trotz des Auffangens jenes Briefes, Wind erhalten und einen andern Landungsport gewählt? – Ohne Zweifel steckten in jenem Staubgewölk die Vandalen. Unsere Heruler haben ein paar Bauern gefangen: – soweit sind wir schon erkannt in dem nahezu befreiten Afrika, daß die Bauern gefangen werden müssen von ihren Befreiern, falls wir ihrer ansichtig werden sollen! Sie suchen Zuflucht vor der Freiheit bei den Barbaren! – Die Gefangenen sagen aus, der König selbst sei im Anzug gegen uns. Er hat einen vandalischen Edeling, der eines Colonen Weib geraubt, aufhängen lassen an des Colonen hoher Hausthür. Und dieses Edelings Schildträger, der dem Colonen zwei Gänse geraubt, daneben, an der niedrigen Stallthür. Sonderbar, nicht wahr? Aber es gefällt den Bauern. »Ausgleichende Gerechtigkeit« nennt das Aristoteles. Und dieser wunderbare Vandalenheld soll ja Philosophie nicht minder als Speerewerfen studiert haben.

Belisar hat dringend in Byzanz gemahnt um den lang fälligen Sold für die Hunnen. Diese werden schwierig. Sechs Monate sind es nun, seit wir Byzanz verlassen: – es ist Dezember! – Stürme toben aus der Wüste über Karthago weg in die graufarbige See, die längst ihr schönes Blau verloren. Die Hunnen drohen, den Dienst einzustellen. Sie entschuldigen ihre Plündereien damit, daß die Bürger von Karthago und die Bauern weder ihnen noch dem Kaiser kreditieren wollen (woran sie nicht Unrecht thun!). Mit dem Sold, der in Byzanz liegt, sagen sie, können wir nicht bezahlen. Heute kam nun ein Schiff aus Byzanz. Es brachte keinen Solidus an Geld. Wohl aber dreißig Finanzbeamte und den Befehl, die ersten Steuern aus der eroberten Provinz einzusenden.


Hängt König Gelimer, hängen wir auch! Aber wir hängen – Römer, nicht Vandalen. Der Groll gegen uns beschränkt sich nicht mehr auf die Bauern. Unter unsern Augen, in Karthago gärt es. Die kleinen Leute, die Handwerker und die geringeren Kaufleute zumal, die nicht so schwer wie die reichen Senatoren der Druck der Barbaren traf, werden aufsässig. Eine Verschwörung ward entdeckt. Gelimers Heer steht nicht ferne dem westlichen, dem numidischen Thor. Seine Reiter streifen nachts bis an die Wälle der Vorstadt Atlas. Man wollte die Vandalen nachts in die noch immer nicht ganz geschlossenen Mauern der unteren Stadt hereinholen. Belisar ließ zwei dieses Einverständnisses überführte karthagische Bürger, Laurus und Victor, hängen auf dem Hügel vor dem numidischen Thor. Belisar liebt Hügel für seine Galgen. Weithin sieht man dann des Feldherrn Rechtspflege im Winde schwanken. Aber Belisar wagt nicht, bei solcher Stimmung der Karthager die Stadt zu entblößen und das Heer hinauszuführen. Erst müssen wenigstens die Mauern geschlossen sein. Die Bürger müssen jetzt auch nachts Fronarbeit an den Wällen leisten; das mißhagt ihnen sehr.


Kein Zazo! – Und die Hunnen sind der offenen Meuterei nahe. Sie erklären, nicht fechten zu wollen in der nächsten Schlacht. Sie hätten noch immer keinen Sold. Und man habe sie überhaupt gegen den Dienstvertrag über das Meer hierher gelockt. Und sie fürchten, nach Besiegung der Vandalen als Besatzung hier gelassen, nie mehr nach Hause geführt zu werden. Belisar hat sich schon nach einem – geräumigeren – Hügel umgesehen. Aber es fand sich keiner, der groß genug wäre. Es sind zu viele! Und wir andern sind – im ganzen – zu wenig. Und sie zählen zu unsern besten Truppen. So hat der Feldherr ihre Führer – der Hängebefehl für diese war gestern schon geschrieben! – lieber heute alle zu seiner Tafel geladen: – das ist die höchste Freude für sie und Ehre: weniger für uns Stammgäste Belisars! – Er hat sie gelobt und ihnen zugetrunken. Bald waren alle berauscht und ganz zufrieden.


Sie haben ausgeschlafen: und nun sind sie wieder unzufriedener als zuvor. Und noch durstiger. Wein ist in Fülle da. Aber – seit drei Stunden – kein Wasser mehr. Die Vandalen haben uns die prachtvolle Wasserleitung vor dem numidischen Thore durchschnitten. Die Hunnen können das Wasser entbehren – leicht! – aber nicht wir, die Rosse, die Kamele und die Karthager. Der König zwingt also die Feldschlacht, die Entscheidung herbei. Die Stadt durch Einschließung bezwingen kann er nicht, da wir die See beherrschen. Erstürmen kann er sie auch nicht mehr, seitdem – endlich! – nach Belisars Plan, die Befestigung vollendet steht. Er will, er sucht den Kampf im Freien. Der Kamm muß ihm – oder seinem »betäubten Heer« – wieder gewaltig geschwollen sein seit jenem wehmütigen Brief.

Belisar bleibt keine Wahl: morgen früh führt er uns hinaus, dem Feind entgegen. – Er besorgt, die Hunnen führen Arges im Schild. Er hat Fara beauftragt, sie mit seinen Stammgenossen scharf im Auge zu behalten. Schwankt die Schlacht, so schwanken die Hunnen mit. Und wir sehen dann vorn ein Gefecht von Byzantinern und Vandalen und im Rücken ein Gefecht von Herulern und Hunnen. Das kann hübsch werden! – Aber gerade diese Spannung, dieser Reiz der Gefahr hat mich in Belisars Dienst, in sein Lager gezogen. Lieber einen Vandalenpfeil im Kopf, als die Philosophie, an der ich mich krank studiert hatte. – Morgen!«

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