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Gelimer

Felix Dahn: Gelimer - Kapitel 34
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typefiction
authorFelix Dahn
titleGelimer
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Neuntes Kapitel

An Cethegus Prokopius.

»Dies schreibe ich – wirklich und wahrhaftig! – noch sind es nicht drei Monate, daß wir Byzanz verließen – in Karthago, auf dem Kapitol, in dem Königshause der Asdingen, in Geiserichs des Schrecklichen Waffenhalle. Ich bezweifle es manchmal selbst: aber es ist so! Am Tage nach dem Gefecht bei Decimum traf das Fußvolk, aus dem Lager nachrückend, bei uns ein und das ganze Heer zog auf Karthago, das wir am Abend erreichten. – Wir wählten einen Lagerplatz vor der Stadt, obwohl kein Mensch uns den Einzug wehrte. Ja, die Karthager hatten all' ihre Thore geöffnet, hatten überall auf den Straßen und Plätzen Fackeln und Laternen angezündet. Die ganze Nacht leuchteten die Freudenfeuer aus der Stadt in unser Lager heraus, während die wenigen Vandalen, die nicht geflohen, in den katholischen Kirchen Asyl suchten.

Aber Belisar verbot auf das strengste, in der Nacht die Stadt zu betreten: er fürchtete Hinterhalt, Kriegslist. Er wollte gar nicht glauben, daß ihm so ohne weiteres die Hauptstadt Geiserichs in die Hände gefallen sei. Am folgenden Tage bogen, von günstigem Südost getragen, unsere Schiffe um das Vorgebirg Merkurs. Sobald die Karthager unsere Flagge erkannten, sprengten sie die eisernen Sperrketten ihres Außenhafens, Mandracium, und winkten unsern Seeleuten zu, sie möchten doch einfahren. Jedoch die Befehlshaber zögerten, Belisars Weisung gedenk: sie gingen vielmehr in der Bucht Stagnum vor Anker, fünftausend Schritte von der Stadt, weiteren Befehl erwartend.

Aber damit die guten Bürger von Karthago doch gleich am ersten Tage schon ihre Befreier kennen lernten, fuhr ein Schiffshauptmann Kalonymos mit einigen Matrosen doch – gegen das Verbot Belisars und des Quästors! – in Mandracium ein, landete und plünderte sogleich alle Kaufleute, – Karthager wie Gäste – die dort am Hafen ihre Häuser und Warenlager haben. Er nahm ihnen alles Geld, viele Waren und auch die schönen Leuchter und Laternen, die sie aus Freude über unser Kommen angezündet hatten.

Wir hatten gehofft – Belisar gab Auftrag, eifrig danach zu trachten, – den gefangen gehaltenen König Hilderich und dessen Bruder zu befreien. Aber diese Hoffnung, scheint es, bleibt unerfüllt. In der Königsburg, hoch oben auf dem Kapitol, liegt der finstere Kerker, in welchem der Anmaßer jene Asdingen gefangen hielt, wie er denn alle seine Feinde gern hier einsperrte: – seinen Vorgängern ersetzte der Scharfrichter den Kerkermeister. Auch viele Kaufleute uns unserm Reich hielt er hier gefangen, weil er besorgte – und mein Hegelochos zeigte, mit welch' gutem Grund: reich beschenkt hat ihn der Feldherr heut' nach Syrakus entlassen – sie möchten, ließ er sie frei davonsegeln, uns allerlei wertvolle Kunde zutragen. Als nun der Kerkermeister, ein Römer, unsern Sieg bei Decimum erfuhr und unsere Schiffe um das Vorgebirge biegen sah, befreite er alle diese Gefangenen. Auch den König und Euages wollte er herausführen. Allein ihr Gelaß war leer. Man weiß nicht, was aus ihnen geworden.

Um Mittag gab Belisar den Schiffsmannschaften den Befehl, zu landen, allen Truppen, die Waffen zu putzen und sich selbst aufs beste zu schmücken, und nun zog das ganze Heer in voller Schlachtordnung – denn immer noch besorgten wir einen Hinterhalt der Vandalen – durch den »Hain der Kaiserin Theodora« – so haben ihn die dankbaren Karthager jetzt neu getauft, hör' ich – dann durch das südliche, das byzacenische Thor, endlich durch die untere Stadt. Belisar und die obersten Befehlshaber stiegen mit erlesenen Scharen auf das Kapitol und feierlich nahm unser Feldherr Platz auf dem purpur- und goldprangenden Throne Geiserichs. Und das Mittagmahl ließ Belisar auftragen in der Speisehalle, wo Gelimer die Edelinge der Vandalen zu bewirten gepflegt. »Delphika« heißt der Saal, weil seinen Hauptschmuck ein kunstvoller Dreifuß bildet. Hier bewirtete nun Belisar die Ersten seines Heeres: am Tage vorher war für Gelimer das Mahl hier gerüstet gewesen. Wir aber schmausten nun die für sein Siegesfest bereiteten Speisen: sie mundeten trefflich, von diesem Gedanken gewürzt. Und die Diener Gelimers trugen die Schüsseln auf, schenkten die Schalen duftenden Grassikers voll, bedienten uns in allem. Da sah man wieder einmal, wie die Göttin Tyche ihre Freude daran hat, mit dem Wechselgeschick der Menschen ihr überraschend Spiel zu treiben!

Du, o Cethegus – ich weiß es wohl – denkst anders über die letzten Gründe alles Geschehens; die starre Notwendigkeit eines Gesetzes siehst du sich verwirklichen in den Handlungen der Menschen wie in Gewitter und Sonnenschein. Das mag großartig sein, heldenhaft, aber es ist furchtbar. Ich bin ein kleiner Geist und das Gegenteil eines Helden: ich halte das nicht aus! Skeptisch schwanke ich hin und her. Bald seh' ich nur den blinden Zufall launisch walten, der sich erfreut, wechselnd zu heben und zu stürzen. Bald mein' ich doch, ein unerforschlicher Gott lenkt alles, aus den Wolken niederlangend, zu geheimnisvollen Zielen hin. Ich hab' es aufgegeben, das ganze Philosophieren, und freue mich des bunten Geschehens, nicht ohne Spott und Hohn über die Thorheiten der andern Menschen, aber auch nicht minder über die des Prokopius!

Und ganz will ich es mit dem Christengott doch auch nicht verderben. Man weiß nicht, ob nicht am Ende doch des Menschen Sohn wiederkehren wird in den Wolken des Himmels. Für diesen Fall möcht' ich doch lieber zu den Schafen als zu den Böcken geordnet werden.

Das Volk, die befreiten Römer, die Katholiken in ihrer Freude über ihre Befreiung sehen überall Zeichen und Wunder! Sie betrachten unsere Hunnen wie Engel des Herrn. Werden sie schon noch kennen lernen, diese Engel, zumal wenn sie hübsche Weiber oder Töchter haben; oder auch nur volle Geldtruhen. – Das Heitere aber ist, daß unsere Soldaten: – mit Achtung vor des Kaisers Majestät zu sagen: meist (mit Ausnahme von Belisars Leibwächtern) ein arges Lumpengesindel aus allen Provinzen des Reiches und aus allen Barbarenvölkern der Nachbarschaft, zu stehlen, zu rauben, zu morden nicht minder als zu fechten stets bereit, – daß wir selber infolge des grenzenlosen Glückes, das uns begleitet in dieser ganzen Unternehmung, anfangen, uns für die auserkornen Lieblinge des Herrn, für sein heilig Rüstzeug zu halten: Beutel- und Gurgelschneider, die wir sind! So glaubt das ganze Heer, Heiden wie Christen, jene Quelle ward durch ein Wunder Gottes nur für uns aus dem Wüstensand gesogen. So glaubt das Heer wie die Karthager an ein Laternenwunder bei dem folgenden seltsamen Zufall.

Der höchste Heilige der Karthager ist Sankt Cyprian, der mehr als ein halb Dutzend Basiliken und Kapellen zählt, in denen allen seine Feste, »die großen Cyprianen,« prunkvoll gefeiert werden. Die Vandalen haben aber fast alle Kirchen den Katholiken entrissen und dem arianischen Kultus geweiht. So auch die große Basilika Sankt Cyprians unten am Hafen, indem sie die katholischen Priester schnöde daraus vertrieben. Um den Verlust dieser Kathedrale trugen nun die Rechtgläubigen am meisten Kummer. Sie erzählen, wiederholt sei Sankt Cyprian frommen Seelen im Traum erschienen, habe sie getröstet und ihnen verkündet, einst werde er sich rächen an den Vandalen für die ihm zugefügte Kränkung. (Ich finde das nun ziemlich unheilig von dem großen Heiligen: uns armen Sündern auf Erden predigt man alle Tage, wir sollen unseren Feinden hübsch vergeben: und der zornmütige Heilige dadroben darf sein rachsüchtig Mütchen kühlen und bleibt dabei doch der hochheilige Cyprian!) Die Frommen, in ihrer Rachewut durch ihren besten Heiligen angenehm bestärkt und gerechtfertigt, warteten nun schon lange ganz neugierig und mit Schmerzen darauf, welchen Streich Sankt Cyprian den Ketzern spielen werde. In diesen Tagen endlich ward es offenbar. Die Feier der »großen Cyprianen« stand gerade jetzt bevor: sie fiel auf den dem Gefecht von Decimum folgenden Tag. Die arianischen Priester hatten an dem Tage des Treffens selbst, an dem Vorabend des Feiertages, die ganze Kirche auf das herrlichste geschmückt und hatten zumal Tausende von kleinen Ampeln aufgestellt, nachts eine prachtvolle Erleuchtung als Siegesfeier zu veranstalten. Denn sie zweifelten nicht an dem Siege der Ihrigen. Auf des Archidiakonus Verus schriftlichen Befehl – er hat den König in das Feld begleitet – wurden auch alle sonst geheim gehaltenen, nur Verus bekannten Kirchengeräte und Kirchenschätze jeder Art aus den verborgenen Thesauri hervorgeholt und auf die sieben Altäre der Basilika verteilt. Nie hätte man diese ungeahnten Schätze in den geheimen Gewölben der Kirche gefunden, hätte nicht Verus die Anweisungen und die Schlüssel gesandt. Nun aber gewannen wir, nicht die Vandalen, den Tag von Decimum. Auf diese Nachricht flohen die arianischen Priester kopfüber aus der Stadt. Die Katholiken strömten in die Basilika, entdeckten die geheimen Schätze der Ketzer und zündeten nun die irrgläubigen Lampen zur Feier des Sieges der Rechtgläubigen an. »Das ist die Rache des heiligen Cyprian.« »Das ist das Lampenwunder.« So brüllen sie durch die Straßen und puffen und knuffen jeden Zweifler so lang, bis er es glaubt und mit schreit: »Jawohl, das ist die Rache und das Lampenwunder des heiligen Cyprian!« –

Nun hab' ich gar nichts gegen ein gelegentliches Wunder. Im Gegenteil. Es freut mich, wenn manchmal etwas begegnet, was die alles erklärenden Philosophen, die mich solange gequält haben, nicht erklären können. Aber dann muß es ein rechtes, ein faustdickes Wunder sein. Wenn ein Wunder sich nicht ganz unsinnig unvernünftig anlassen kann, dann soll es lieber gar kein Wunder werden. Es lohnt nicht! Und dieses Mirakel geht mir viel zu natürlich her. Belisar verwies mir meinen ungläubigen Spott. Ich erwiderte aber, Sankt Cyprian scheint mir der Schutzpatron der Lampenanzünder: ich gehöre nicht zu der Genossenschaft.


Die schönste Beute von Decimum hat Fara der Heruler gemacht. Er erhielt zwar von dem Edeling einen derben Lanzenstoß durch den ehernen Schild in den Arm. Aber der Schild hatte doch seine Schuldigkeit gethan: die Spitze drang nicht mehr allzutief in das Fleisch. Und als er in die nächste Villa trat, – er wollte gerade die Thüre sprengen – da ward sie aufgethan und entgegen schritt ihm, reich geschmückt, ein wunderschönes Weib, brennend rote Blumen in dem schwarzen Haar. Sonst – außer den Blumen – hatte sie sich nicht mit allzuviel Gewandung beschwert.

Einen Kranz von Lorbeern und Granaten hielt sie ihm entgegen. »Auf wen hast du gewartet?« fragte der Heruler erstaunt. »Auf den Sieger,« antwortete das schöne Weib. Ein ziemlich orakelhafter Bescheid! – Diese Sphinx – sie sieht, schon einmal sagt' ich's, ganz aus wie eine solche! – hätte gewiß ihren Kranz und sich selber ebenso den siegreichen Vandalen gegeben. Was gehen auch schließlich die Karthagerin Vandalen und Byzantiner an? Sie ist des Stärkeren, des Siegers Beute: – vielleicht zu dessen Verderben! – Aber ich meine, die Sphinx hat jetzt ihren Ödipus gefunden. Wenn von dem seltsamen Liebespaar Einer untergehen muß: – schwerlich ist es mein Freund Fara. Er führte mich zu ihr: – er hält was auf mich, weil ich lesen und schreiben kann. – Er hatte mich ihr sichtlich sehr gerühmt. Ohne Erfolg! Sie musterte mich von oben bis unten und von unten bis oben: – keine zeitraubende Arbeit: ich bin nicht sehr lang! – und mit verächtlichem Schürzen der schönen, üppigen Lippen trat sie weit hinweg von mir. Ich will nicht behaupten, daß ich schön bin, während freilich Fara nach Belisar der stattlichste Mann von uns allen sechsunddreißigtausend ist. Allein ich fand es doch kränkend, daß sie mein sterblich Teil sofort davon abschreckte, mein unsterbliches auch nur kennen lernen zu wollen. Ich bin gereizt gegen sie. Ich wünsche ihr nichts Böses. Aber es würde mich weder höchlich wundern noch tief betrüben, nähme es mit ihr ein übles Ende.«

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