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Gelimer

Felix Dahn: Gelimer - Kapitel 31
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typefiction
authorFelix Dahn
titleGelimer
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Sechstes Kapitel.

An Cethegus Prokopius.

»Wirklich: wir leben noch! Und übernachten in Decimum! Aber wenig, sehr wenig fehlte daran und wir übernachteten alle miteinander bei den Haien auf dem Grunde des Meeres. Noch niemals, sagt Belisar, war ihm die Vernichtung so nahe. Die furchtbarste Gefahr hat dieser geheimnisdunkle König über uns gebracht durch seinen ausgezeichneten Angriffsplan. Und als derselbe schon gelungen war, da hat nur er, der König selber, seinen Sieg vereitelt und uns gerettet aus dem sichersten Verderben.

Ich stelle kurz zusammen über die letzten Ereignisse, was wir selbst wahrgenommen, was durch die Bewohner von Decimum, was durch die gefangenen Vandalen erfahren haben. –

Der König hatte, – unbemerkt von uns, – unseren Marsch seit unserer Landung begleitet. Den Ort, wo er uns plötzlich überfiel, hatte er weise lang voraus gewählt: Belisar sagt, nicht sein großer Nebenbuhler Narses hätte es meisterhafter anlegen können. Sowie wir aus dem letzten Lager vor Decimum aufbrachen, versagte uns, wie bemerkt, die Sicherung unserer rechten Flanke durch die Flotte: traf uns ein übermächtiger Stoß von Westen – hier warf er uns nicht, wie auf dem ganzen bisherigen Weg, auf unsere hilfreichen Schiffe, – er warf uns von der hart an der Küste auf den steilen Strandhügeln hinziehenden Straße jäh ins Meer. Vor Decimum, einem kleinen offenen Ort, verengt sich die Straße sehr. Das heißt: hohe Berge, über deren losen, von der Wüste her aufgewehten Sand nicht Mensch, nicht Roß schreiten kann, ohne fußtief zu versinken, treten von Südwesten an die schmale Straße heran: hier sollten wir von allen drei Seiten zugleich angegriffen und in das Meer zu unserer Rechten, im Osten, geworfen werden.

Ein Bruder des Königs, Gibamund, sollte mit zweitausend Mann von Westen her auf unsere linke Flanke sich stürzen, ein Edeling von Norden, von Decimum, her, mit stärkeren Kräften unsere Stirnseite angreifen: der König mit der Hauptmacht wollte uns von Süden her in den Rücken fallen.

Belisar hatte unsere Zugordnung für diesen gefährlichen Teil des Weges vorsichtig festgestellt: zweiundeinehalbe römische Meile voraus schickte er Fara mit seinen tapferen Herulern und mit dreihundert erlesenen Leibwächtern. Sie sollten die »Engstraße« zuerst allein durchziehen und sofort jede Gefahr rasch rückwärts melden an die Hauptmacht, die Belisar führte: auf unsere linke Flanke aber wurden die Hunnenreiter entsendet und fünftausend Mann des trefflichen thrakischen Fußvolks unter ihrem Führer Althias, jeden von dorther drohenden Angriff zunächst aufzuhalten und Belisar zu berichten, um Überraschung der Hauptmacht während des Marsches zu verhüten.

Da geschah es nun zu unserem großen Glücke, daß der Angriff von Norden, von Decimum her, viel zu früh erfolgte.

Gefangene sagen aus, ein jüngerer Bruder des Königs, fast noch ein Knabe, habe gegen Gelimers Befehl am Kampfe teilnehmend, mit wenigen Reitern sich aus Decimum hervor auf die Unsrigen geworfen, sowie er ihrer nur ansichtig ward. Da habe der Edeling ihn heraushauen wollen – um jeden Preis – und habe nun mit der geringen Macht, die er bei sich hatte, – ebenfalls um vier Stunden zu früh angegriffen, nur Boten nach rückwärts, nach Karthago, entsendend, die seine noch weit entfernte Hauptmacht eilig heranholen sollten.

Der Jüngling und der Edeling leisteten der Übermacht verzweifelten Widerstand. Zwölf der tapfersten Leibwächter Belisars, wetterfeste Männer des Vorderkampfes, wurden von ihnen erschlagen. Endlich fielen beide. Und nun, des Führers verwaist, warfen die vandalischen Reiter die Rosse herum und, in sinnloser Flucht entschart, rannten und ritten sie alles über den Haufen, was in ihrem Rücken, von Karthago her, zu ihrer Verstärkung heranzog – freilich verzettelt in kleinen Haufen von dreißig, vierzig Mann. – Nach jagte mit den raschen Herulern Fara in grimmiger Verfolgung, alles, was er erreichte, niedersäbelnd, über achttausend Schritte weit, bis vor die Thore von Karthago. Die Vandalen, die tapfer gefochten, so lang sie des Asdingen und des Edelings Beispiel im Vorderkampf vor Augen gesehn, warfen jetzt die Waffen weg und ließen sich schlachten: viele Tausend Tote fanden wir später auf der Straße und auf den Feldern zur Linken.

Nachdem dieser erste Anlauf der Vandalen schon lange zum Verderben der Angreifer ausgeschlagen war, traf, ohne Nachricht hiervon, Gibamund, genau sich an die ihm bestimmte Zeit haltend, mit seiner Schar fünftausend Schritte westlich von Decimum bei dem »Salzfeld« – dem Wüstenanfang sonder Baum und Strauch – auf der Hunnen und Thraker erdrückende Übermacht: ohne jede Hilfe von Karthago und Decimum her, scheiterte sein Stoß völlig: fast alle seine Leute fielen: den Führer sah man stürzen: niemand weiß, ob lebend oder tot.

Einstweilen rückten wir, ganz unkundig des Geschehenen, mit der Hauptmacht auf der Straße nach Decimum heran. Da Belisar etwa viertausend Schritt vor diesem Ort einen günstigen Lagerplatz fand, machte er Halt. – Daß der Feind in der Nähe sein müsse, ahnte er: das Verschwinden der beiden Hunnen in der Nacht hatte ihn stutzig gemacht. Er schlug ein wohl befestigt Lager und sprach zu dem versammelten Heer: »der Feind muß nahe sein. Greift er hier an, wo uns die Flotte fehlt, so liegt unsere Rettung nur im Sieg: sind wir geschlagen, nimmt uns keine Burg, keine feste Stadt auf: das Meer, das da unten brandet, verschlingt uns. Das verschanzte Lager ist unser einziger Schutz und in unserer Faust das vielerprobte Schwert. Kämpfet wacker, denn es gilt das Leben wie den Ruhm.«

Nun ließ er das gesamte Fußvolk mit allem Gepäck und Gerät im Lager als letzten Rückhalt und führte die ganze Reiterei heraus gegen Decimum. Denn er wollte nicht sofort alles aufs Spiel setzen, sondern erst durch ein plänkelnd Reitergefecht Stärke und Plan der Barbaren erkunden. Er schickte die Hilfsreiterei voraus und folgte mit den übrigen Geschwadern und seinen berittenen Leibwächtern. Wie die Hilfsreiterei Decimum erreichte, stieß sie auf die hier gefallenen Byzantiner und Vandalen: ein paar Einwohner, die sich in den Häusern versteckt gehalten – die meisten waren nach Karthago entflohen, als sie merkten, daß ihr Flecken zum Kampfplatz ausersehen – berichteten ihnen, was hier geschehen.

Freiwillig stellte sich hier den Unsrigen ein wunderbar schönes Weib, – sieht aus wie die Sphinx von Memphis! – die Besitzerin der größten Villa zu Decimum. Sie war es, die uns den Tod des Edelings erzählte, den sie mit angesehen. Er fiel vor ihrem Haus unter ihren Augen.

Die Führer berieten nun, unschlüssig, ob sie vorrücken, halten oder zu Belisar zurückkehren sollten. Zuletzt zog sich die ganze Hilfsreiterei etwa zweitausend Schritt westlich von Decimum, um hier von den hohen Sandhügeln aus nach allen Seiten freiere Ausschau zu gewinnen. Siehe, da stieg von Süd-Süd-West aus – also von ihrem und von Belisars Rücken und linker Flanke her – eine mächtige Staubwolke empor und bald blitzten daraus hervor die Waffen und Feldzeichen einer ungeheuren Reiterschar. Sofort schicken sie zu Belisar: er möge herbeifliegen: der Feind sei da.

Inzwischen kamen die Barbaren näher, geführt von Gelimer. Sie zogen auf einer Straße zwischen Belisars Hauptmacht im Osten und den Hunnen und Thrakern, unserem linken Flügel, welche Gibamund geschlagen und weit nach Westen hin verfolgt hatten. Aber die hohen Hügel neben jener Straße hemmten Gelimers Blick, so daß er das Schlachtfeld Gibamunds nicht übersehen konnte. Byzantiner und Vandalen trachteten nun, sobald sie einander ansichtig geworden, wetteifernd den höchstragenden, die ganze Gegend beherrschenden jener Hügel noch vor dem Gegner zu erreichen und die Krone zu besetzen. Die Barbaren waren zuerst oben und von dem Hügel herab stürzte sich nun König Gelimer mit solcher Gewalt auf die Unsern, die Hilfsreiterei, daß diese, von Schrecken ergriffen, in wilder Auflösung zurückflohen in der Richtung nach Osten, nach Decimum.

Etwa neunhundert Schritt westlich vor Decimum stießen die Flüchtlinge auf ihren starken Rückhalt, auf eine Schar von achthundert berittenen Schildträgern, geführt von Belisars Leibwächter Velox. Der Feldherr und wir alle, die wir mit Schrecken die Flucht unserer Hilfsreiter gesehen, trösteten uns der Hoffnung, Velox werde die Geworfenen aufnehmen, zum Stehen bringen und mit ihnen dem Feind entgegenrücken. Aber o Schmach und Entsetzen! Die Wucht der heranbrausenden Vandalen war so gewaltig, daß die Geworfenen und die Schildträger miteinander den Anprall gar nicht abwarteten, sondern die ganze Menge, untereinander gemischt, ergriff die Flucht und jagte entschart zurück, auf Belisar zu.

Der Feldherr sagte, er habe in diesem Augenblick sich und uns alle für verloren erachtet: »Gelimer,« sprach er am Abend bei dem Nachtmahl, »hatte den Sieg in Händen. Warum er ihn – freiwillig! – wieder fahren ließ – ist unerklärlich. Hätte er die Fliehenden verfolgt, er hätte mich und meine ganze Schar über den Haufen und in das Meer gerannt: – so groß war der Schreck der Unserigen und die Kraft des vandalischen Ansturms: dann waren auch Lager und Fußvolk unrettbar verloren. Oder, hätte er sich auch nur von Decimum nach Karthago zurückgewendet – ohne Widerstand hätte er Fara und dessen Leute vernichtet, die, keines Angriffs vom Rücken her gewärtig, einzeln oder paarweise, entlang der Straße und in dem Gefild zerstreut, die Erschlagenen plünderten. Und im Besitz von Karthago hätte er unsere dort in der Nähe verankerten – unbemannten! – Schiffe leicht genommen und uns jede Hoffnung auf Sieg oder Rückzug abgeschnitten.

Aber König Gelimer that keines von beiden!

Plötzliche Lähmung befiel seine soeben noch alles vor sich niederwerfende Stoßkraft.

Gefangene erzählten uns, wie er den Hügel herabsprengte, all den Seinigen weit voran seinen Falben spornend, erblickte er in dem engen Paß bei dem Südeingang von Decimum, zuerst von allen auf dem Wege liegen die Leiche seines jungen Bruders. Da, mit gellendem Weheschrei sprang er vom Roß, warf sich über den Leib des Knaben und hemmte so die Verfolgung der Seinigen, deren vorderste Rosse, von den Reitern mit Mühe zurückgerissen, auf daß sie den König nicht mit ihren Hufen zerstampften, sich bäumten, stiegen, nach rückwärts überschlugen, die nächst Folgenden in Verwirrung, die ganze Verfolgung aber zum Stehen brachten. Der König hob den von Blut und Sandstaub bedeckten, vielfach zerfetzten Leichnam – denn die Flucht unserer Reiter war über ihn hingerast – in seine Arme, brach aufs neue in Wehklagen aus, hob ihn auf sein Roß und befahl, selbst mit Hand anlegend, ihn, abseit der Straße, mit königlichen Ehren zu bestatten. Wohl währte das Ganze nicht eine Viertelstunde. Aber diese Viertelstunde entriß den Barbaren den schon gewonnenen Sieg.

Denn einstweilen sprengte Belisar unseren Flüchtlingen entgegen, donnerte ihnen mit seiner rollenden Löwenstimme sein allbezwingend ›Halt‹ entgegen: zeigte ihnen, den Helm abhebend, sein zornflammend Antlitz, das die Seinen mehr fürchten als aller Barbaren Speere, brachte die Tiefbeschämten zum Stehen, ordnete sie – unter furchtbarem Schelten! – so gut es in der Eile gehen wollte und, nachdem er über die Stellung der Barbaren und ihre Stärke alles erfahren, was er wissen mußte, führte er uns zum Angriff auf Gelimer und die Vandalen.

Sie hielten ihn nicht aus. Die plötzliche rätselhafte Lähmung ihres Vordringens hatte sie verwirrt, bestürzt, entmutigt: auch war ihre beste Kraft bei jenem Gewaltritt erschöpft worden. Furchtbar, auch uns belästigend, brannte die Sonne Afrikas herab. Auf den ersten Anlauf durchbrachen wir ihre Reihen. Sie wandten sich und flohen Den König, der sie hemmen wollte, riß ihr Gewühl mit fort: aber nicht nach Karthago, auch nicht nach Byzacene, nach Südwesten, von wannen sie gekommen waren, sondern nach Nordnordwest, auf der Straße, die nach Numidien, nach der Ebene von Bulla führt, nahm ihre Flucht die Richtung: – ob nach Befehl des Königs oder ohne, gegen solchen, wissen wir noch nicht.

Wir richteten unter den Fliehenden ein großes Blutbad an: erst die Nacht machte der Verfolgung ein Ende. Als, bei voller Dunkelheit, die Fackeln angezündet wurden und die Wachtfeuer, trafen von Norden Fara und die Heruler, von Westen Althias mit Hunnen und den Thrakern wieder bei uns ein und wir übernachteten sämtlich in Decimum, feiernd drei Siege Eines Tages: über den Edeling, über Gibamund und über den König.«

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