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Gelimer

Felix Dahn: Gelimer - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleGelimer
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Drittes Kapitel

Viele Tagemärsche weit westlich von der Straße, auf welcher die Byzantiner gegen Karthago zogen, und ein gut Stück südlich vom Gebirg Aurasius, diesem äußersten Grenzstreif des vandalischen Gebietes in Afrika, schon innerhalb der großen, wirklichen Sandwüste, die sich in ungemessener Weite nach Süden, in das unerforschte Innenland des heißen Erdteils dehnt, lag eine kleine Oase. Ein Brunnen trinkbaren Wassers, – im Kreise um denselben einige Dattelpalmen, – in deren Schatten ein steppengleicher Rasen von salzdurchsättigten Halmen, den genügsamen Kamelen ein erwünschtes Futter: – das war alles. Der Boden ringsum flach: nur hier und da, vom Winde zusammengeweht, Wellen des gelben, lockeren, heißen Sandes – außer der Oase – wie Falten der Erdrinde. Nirgends Strauch, Busch oder Hügel: so weit der Blick im hellsten Licht des Tages schweifte, – nirgend fand er, woran er haften mochte, bis er, ermüdet innehaltend, sich senkte, in die nächste Nähe zurückkehrte.

Aber nun war es Nacht.

Und wunderbar, unvergleichlich großartig war jetzt diese schweigende Einsamkeit, wann über den ganzen Himmel hin, den unabsehlich weit gewölbten, die Sterne in unzählbarer Menge und mit einer Lichthelle funkelten, die sie nur den Söhnen der Wüste zeigen. Wohl begreiflich, daß diesen Mauren das Göttliche von jeher in Gestalt der Gestirne erschienen war: sie beteten in ihnen die lichten, wohlthätigen Gewalten an, im Gegensatz zu Wüstenglut und Wüstensturm: aus der Sterne Wandel, Stellung und Leuchten forschten sie der Götter Willen und die eigne Zukunft.

Um den Brunnen her waren aus Häuten der Wüstenziege die niedern Zelte nomadischer Mauren aufgeschlagen; nur etwa ein halb Dutzend, denn die Horde war nicht vollzählig beisammen; die treuen Kamele, sorglich angepflöckt an den Füßen mittels der Zeltstricke und mit Decken umhüllt zum Schutz gegen den Stich der »Nachtmücke«, der Kamelfliege, lagen im tiefen Sand niedergestreckt, weit vorgereckt die langen Hälse. In der Mitte des kleinen Lagers waren die edeln Renner, die »Kampfhengste« und die »Milchstuten«, zusammengestellt in einen von Seilen und eingerammten Lanzen eingehegten Kreis. Auf der runden Krone einer der Zelthütten ragte ein langer Speerschaft, von dessen Spitze ein Löwenfell herabhing: denn dies war das Zelt des Häuptlings.

Der Nachtwind, der erfrischend von Nordosten, von der fernen See her, wehte, spielte in der Mähne des toten Wüstenkönigs, hob bald die Haut der mächtigen Pranke, bald das Büschelende des Schweifes in die Höhe. Phantastische Schatten fielen dann auf den hellen Sandboden: der Mond stand nicht am Himmel: aber die Sterne leuchteten so klar.

Tiefe, feierliche Stille ringsum. Alles Leben, auch der Tiere, schien im Schlaf begraben. Nur von den vier mächtigen Feuern her, welche, die nächtlichen Raubtiere von den Herden zu scheuchen, in allen Himmelsrichtungen, einen Pfeilschuß von den Zelten, loderten, tönten in langen Zwischenräumen die einsilbigen Anrufe der Hüter, die sich dadurch selbst wach erhielten und die Genossen zur Wachsamkeit ermahnten. –

Lange, lange Zeit währte diese feierliche Stille.

Endlich wieherten ein paar Hengste, eine Waffe klirrte von draußen, von den Feuern her, und ebendaher drang nun ein leicht geschwungener, kaum vernehmbarer Schritt gegen die Mitte der Zelte hin, – gegen das »Löwenzelt«. Plötzlich stockte der Schritt: ein schlanker, jugendlicher Mann beugte sich vor dem Eingang des Zeltes zur Erde: »Wie? Vor dem Zelte liegst du, Großvater?« fragte der Jüngling erstaunt. »Schliefst du?«

»Ich wachte,« antwortete es leise. »Ich hätte es wirklich gewagt, dich zu wecken. Am Himmel steht ein schicksalvoll Gebild. Ich sah es auftauchen, da ich die Feuerwacht hielt gegen Osten. Eben abgelöst, eile ich zu dir. Die Götter mahnen da von oben her! Aber der Jüngling versteht ihre Zeichen nicht. Du jedoch, weiser Ahnherr! Schau dort, nach rechts, – rechts von der letzten Palme. – Siehst du es nicht?« – »Ich sah es längst. Ich erwartete das Zeichen seit vielen Nächten, ja – seit Jahren.« Ehrfurcht und leises Grauen ergriffen den Jüngling, »Seit Jahren! – Du wußtest, was am Himmel geschehen werde? – Du bist sehr weise, o Kabaon.« – »Nicht ich! Mein Großvater hat es meinem Vater überliefert. Und dieser mir. Vor hundert und etlichen Jahren war es. Da kamen sie von Mitternacht über das Meer, die weißwangigen Fremden, in vielen Schiffen, geführt von jenem König der Schrecken, – mit dessen Namen heute noch unsere Frauen trotzige Kinder schweigen.« »Geiserich!« sprach der Jüngling leise vor sich hin: Haß und Grauen bebten in dem Tone. »Damals kam, von gleichem Ausgange wie jene Schiffe, ein schrecklich Sternbild am Himmel aufgestiegen: blutigrot, einer vielhundertsträngigen, flammenden Geißel vergleichbar, drohend geschwungen über unser Land und Volk. »Und mein Großvater, nachdem er den fürchterlichen Kriegskönig gesehen im Hafen von Isocium, sprach zu meinem Vater und zu unsrem Stamme: »Entpflöckt die Kamele! Zäumt die edeln Renner und fort! Gen Süden! In den glühenden Schos der rettenden Mutter! Dieser König der Schlachten und sein kampfjauchzendes Volk: – sie sind es, was der Schreckensstern verkündet. Verloren sind viele, viele Jahre und Jahrzehnte lang alle, die sich wider sie stemmen: die Heere von Rom, die Schiffe von Byzanz werden von diesen Riesen aus Mitternachtland hinweggefegt werden, wie die Wolken, die dem Schreckensstern trotzen wollen.« Und so geschah's: die Söhne unseres Stammes, obgleich sie lieber die langen Pfeile gegen die blonden Riesen geschnellt hätten, folgten dem Rate des Alten und wir entkamen in die rettende Wüste. Bonifacius – so hieß der Römer Feldherr – erlag. Der Ahnherr hatte es vorher gesagt in dem weissagenden Spruch: »G wird B vernichten. Aber,« fügte er bei: »einst, nach mehr als hundert Sonnenjahren, steigt ein Sternbild von Osten auf und dann wird B G vernichten. Andere Stämme unsres Volkes, die den Eindringlingen wehren wollten, an der Seite der Kaisertruppen, wurden, wie diese selbst, hingemäht von Geiserich, dem Sohne der Nacht. Und wann sie heulend, die Totenklage weckend, zu unsern Gezelten kamen und uns aufriefen zum Rachekrieg, da wies sie der Großvater und später der Vater ab und sprach: »Noch nicht! Noch sind sie nicht bezwingbar. Geschlechter der Menschen mehr als zwei oder drei werden dahingehen und niemand wird bestehen vor den Mitternachtsriesen, nicht die Romäer zur See und nicht wir Söhne der Wüste. Aber sie werden nicht dauern im Lande der Sonne, die Kinder des Nordens! Schon gar manche vor ihnen, die kamen in unser Mutterland, uns zu bezwingen, uns zu beherrschen, gewaltigere Krieger als wir, haben wohl uns bezwungen, aber nicht diese Erde, diese Sonne, diese Wüsten. Sand und Sonne und süße Trägheit haben den Fremdlingen die Kraft ihrer Arme, die Schärfe ihres Willens gelöst. So wird es auch diesen ergehen, den hochgewachsenen, blauäugigen Riesen. Ihre Kraft wird hinwegschmelzen von ihren dickfleischigen Leibern, und aus ihren Seelen die Kampflust. Und dann, – dann werden wir ihnen wieder abringen das Erbe der Väter.« So war es verkündet, so ist es geschehen.

Jahrzehntelang konnten unsere Pfeilschützen, unsere Speerschwinger, nicht bestehen vor den grimmen Feinden: aber dann sank ihre Kraft und oft haben wir sie zurückgejagt, drangen sie ein in die heilige Wüste. »Wann einst ein gleicher Stern,« verkündete mein Ahnherr, »wiederkehrt, dann ist die Zeit der Fremdlinge verstrichen. Achtet darauf, von wannen wieder ein Geißelstern kommen wird: – denn von dannen kommt der Feind, der die Gelbhaarigen niederwehen wird.« Von Osten kam heute der Stern: – von Osten kommt der Sieger über Geiserichs Volk!

Wohl haben wir Kunde, daß der Kaiser die Vandalen mit Krieg überzieht, daß sein Heer gelandet ist im fernen Osten! Aber es stimmt nicht – das andere Zeichen! Wohl heißt G: – Gelimer – der blonde König. Aber J, Justinian, heißt ja der Kaiser der Romäer. Sprich, hast du vielleicht vernommen, wie sich der Römer Feldherr nennt?«

»Belisar.«

Da sprang der Greis auf. »Und B wird G, Belisar wird Gelimer vernichten! Sieh, wie blutrot der Geißelstern herniederglüht! Das bedeutet Schlachtenblut. Wir aber, Sohn meines Sohnes, wir wollen nicht die Hand dazwischenlegen, wann des Romäers Speer und des Vandalen Schwert widereinander gezückt sind. Leicht mag bis an den Aurasberg der Kampf sich hinziehn: wir weichen tiefer in die Wüste. Laß die Fremdlinge wüten widereinander und sich einer den andern verderben. Auch der Adler der Romäer wird nicht dauernd hier horsten. Auch ihnen, wie diesen Hochgewachsenen, wird der Stern des Unheils aufsteigen. Die Eindringlinge kommen – und vergehen: Wir, die Söhne des Landes, wir dauern. Gleich dem Sand unserer Wüste wandern wir vor dem Winde: aber wir vergehen nicht. Und wir kehren immer wieder. Das Land der Sonne bleibt den Sonnensöhnen. Und wie der Sand der Wüste die stolzen Steinbauten der Fremdlinge zudeckt und verschüttet, so verschütten wir, immer und immer wiederkehrend, das fremde Leben, das in unser Land sich drängt, darin es nie gedeihen kann. Wir weichen: – aber wir kehren wieder. –«

»Jedoch über zehntausend Männer unseres Volkes hat der bleiche König geworben zum Krieg. Was sollen diese thun?« – »Zurückgeben das Werbegeld! Verlassen der Vandalen götterverlassenes Heer! Zu allen Stämmen laß morgen meine Boten jagen mit diesem Befehl, wo ich befehlen, mit diesem Rate, wo ich raten kann.« – »Dein Rat ist Befehl, soweit der Sand der Wüste wandert. Allein mich schmerzt es um den Mann mit den traurigen Augen! Manchem der Unsrigen hat er wohlgethan, manchem unsrer Stämme ist er Gastfreund geworden, hat ihnen Gastrecht gewährt: was sollen diese dem Gastfreund erweisen?«

»Gastfreundschaft bis in den Tod! Nicht seine Schlachten schlagen, nicht seine Beute teilen wollen. Doch, kommt er zu ihnen, Schutz und Zuflucht zu suchen: – die letzte Dattel mit ihm teilen, den letzten Tropfen Bluts zu seinem Schutz vergießen. Auf, schlag an das Becken! – Wir brechen auf! noch eh die Sonne wacht. Entpflöcket die Kamele!« –

Der Greis stand hurtig auf.

Der Jüngling führte mit dem geschwungenen Krummsäbel einen Streich auf den bauchigen Kupferkessel, der an der Zeltthüre hing. Wie ein Haufe von aufgestörten Ameisen schwirrten die braunen Männer, Weiber, Kinder durcheinander. –

Als die Sonne über den Horizont emporstieg, war die Oase leer, öde, totenstill.

Im fernen Süden wirbelte eine Wolke von Staub und Sand, die der Nordwind immer tiefer landeinwärts zu treiben schien.

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