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Gelimer

Felix Dahn: Gelimer - Kapitel 27
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typefiction
authorFelix Dahn
titleGelimer
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Zweites Kapitel.

»Triumph, o Cethegus! Des Belisarius altes Glück schwebt ob den Wimpeln unsrer Maste! Die Götter selbst verblenden die Vandalen! Sie nehmen ihnen den Verstand: – so müssen sie wohl ihr Verderben wollen. Hermes bahnt uns die Pfade, räumt uns Gefahr und Hemmnis aus dem Wege.

Die Flotte der Vandalen, das Schreckbild unsrer Tapfern, schwimmt harmlos von Karthago hinweg nach Norden, wahrend wir mit allen Segeln – der Ostwind bläht sie lustig – von Sicilien auf blauer Flut, von Delphinen umspült, nach Westen, nach Karthago fliegen. Wir durchschneiden wie im Festzug die freundlich geträufelten Wellen! Kein Feind, kein Späher weit und breit, der uns hemmte oder der unser Nahen warnend vorverkündete den Bedrohten, denen wir, wie, aus heitrem Himmel stürzend, ein Meteor, auf den Nacken schmettern werden.

Und daß dies alles zu des Feldherrn Kenntnis kam, daß er diese Kenntnis sofort verwerten kann: – das ist des Prokopius Verdienst. Oder ehrlicher gesagt: des blinden Zufalls, jener launischen Göttin Tyche, welche mir – freilich bin ich kein Philosoph! – vielmehr als die Nemesis die Geschicke der Völker zu leiten scheint.

Ich schrieb zuletzt, daß ich ziemlich ratlos, nicht ohne einige Verlachung durch die Spötter, in den Straßen von Syrakus umherlief und alle Leute fragte, ob sie keinen Vandalen gesehen hätten? Eben hatte wieder einer, diesmal war es ein gotischer Seegraf, mit Lachen die Achseln gezuckt: Totila heißt er und ist ebenso schön als übermütig. »Sucht euch eure Feinde selber,« rief er. »Viel lieber führ' ich mit den Vandalen, euch aufsuchen und untertauchen,« meinte er. Und noch dachte ich darüber nach, wie richtig dieser junge Barbar den Vorteil seines Volkes und die Thorheit seiner Regentin erkannt hatte, als ich, unwillig über den Goten und über mich selber und am meisten über Belisar, um eine Straßenecke bog und fast mit der Nase rannte wider einen Entgegenkommenden. Wirklich: Hegelochos war es, mein Schulkamerad von Cäsarea her, der sich – das wußte ich – irgendwo auf Sicilien als Kaufherr, als Kornspekulant, niedergelassen hatte: ich wußte aber nicht, in welcher Stadt.

»Was suchst du hier?« fragte er nach den ersten Worten der Begrüßung. »Ich? – Ich suche nur eine Kleinigkeit,« erwiderte ich verdrießlich, denn ich sah schon im Geiste sein spöttisches Lachen. – »Ich suche überall anderthalb bis zweihundert vandalische Kriegsschiffe. Weißt du etwa, wo sie geblieben?« »Jawohl, das weiß ich,« antwortete er, ohne zu lachen. »Die liegen im Hafen von Karalis auf Sardinien.« »Allwissender Weizenhändler,« rief ich, starr vor Staunen, »wo hast du das erfahren?« »In Karthago,« sagte er ruhig, »das ich erst vor drei Tagen verlassen habe.« Nun aber ging es an ein Fragen! Und so oft ich auf den klugen, verständigen Mann wie auf einen Schwamm drückte, so oft floß der Strom der für uns wichtigsten Nachrichten heraus.

Also! Wir haben für unsre Flotte nichts, gar nichts von der vandalischen zu fürchten. Die Barbaren haben noch keine Ahnung, daß wir im vollen Anzug sind gegen sie. Der Kern ihrer Kriegsmacht ist auf den gefürchteten Galeeren nach Sardinien verschickt. Gelimer hegt weder für Karthago noch für irgend eine Stadt an der Küste Besorgnis. In Hermione weilt er, in der Provinz Byzacene, vier Tagreisen von der See. Was mag er da treiben, an dem Saum der Wüste? So können wir, sicher vor jeder Gefährdung, hinübersegeln und, wohin Wind und Welle und unser Wille uns führen, landen in Afrika.

Während dieses Gespräches und indem ich ihn unablässig ausforschte, hatte ich den Arm um des Freundes Nacken geschlungen: ich warf die Frage hin, ob er nicht mit mir in den Hafen Arethufa kommen und sich mein Schiff ansehen wolle, das dort vor Anker lag? Es sei ein Schnellsegler neuer Bauart. Der Kaufherr sagte zu: sowie ich ihn aber glücklich an Bord hatte, riß ich das Schwert heraus, durchhieb das Tau, das uns an den Erzring des Hafendammes band, und befahl meinem Schiffsvolk, schleunig davonzufahren nach Kaukana.

Hegelochos erschrak und schalt und drohte. Ich aber besänftigte ihn: »Verzeihe diese Entführung, Freund: es ist ganz unerläßlich, daß Belisarius selbst, nicht bloß sein Rechtsrat, mit dir spricht, daß er selbst dich ausfragt. Denn er weiß doch allein, worauf alles ankommt. Und die Verantwortung, etwas Wichtiges nicht gefragt oder eine Antwort falsch verstanden zu haben, – die übernehme ich nicht. Dich hat ein Gott, der den Vandalen zürnt, mir gesendet: wehe mir, macht ich mir's nicht zu Nutzen. Du mußt dem Feldherrn alles sagen, was du erkundet hast, du mußt unsere Schiffe nach Afrika begleiten, ja führen. Und diese Eine unfreiwillige Fahrt nach Karthago wird dir reicheren Gewinn abwerfen aus dem Königshorte der Vandalen, als wenn du viele hundertmal mit Weizen hin- und hergesegelt wärst. Und den Lohn, der dein im Himmel wartet für deine Mitwirkung an der Vernichtung der Ketzer, – den will ich dir dabei noch gar nicht verrechnen.« Er schmunzelte, er beruhigte sich, er lachte.

Aber noch viel freudiger schmunzelte Belisarius der Held, als er den Mann »frisch aus Karthago« vor sich sah und ihn ausfragen konnte so recht nach Herzenslust. Wie lobte er mich – für den Zufall dieser Begegnung! Mit Tubaschall ward der Befehl zur Abfahrt gegeben. Wie fliegen die Segel in die Höhe! Wie rauschen unsere Schiffe stolz dahin! Weh dir, Vandalia, und hochgetürmte Burg des Geiserich!

 

Weiter ging die rasche Fahrt über die Inseln Gaulos und Melita, die das adriatische Meer vom tyrrhenischen scheiden. Bei Melita sprang der Wind, wie von Belisar bestellt, noch frischer ein, als starker Ost-Süd-Ost, der uns am Tage darauf schon bei Kaput-Vada an die Küste Afrikas trieb, fünf Tagemärsche von Karthago. Das heißt: für einen raschen Wandersmann ohne Gepäck: wir werden wohl viel längere Zeit brauchen. Belisar ließ die Segel streichen, die Anker fallen und berief alle Heerführer auf sein Feldherrnschiff, Kriegsrat zu halten. Denn nun gilt es, zu entscheiden, ob wir die Truppen ausschiffen und zu Lande gegen Karthago führen, oder ob wir sie auf der Flotte behalten und jene Hauptstadt von der See her erobern sollen. Die Ansichten widerstreiten sich sehr.

 

Es ist entschieden: wir ziehen zu Land auf Karthago. Wohl machte Archelaos, der Quästor, geltend, man habe keinen Hafen für die Schiffe ohne Bemannung, keine Festung für die Bemannung ohne Schiffe. Jeder Sturm könne sie ins offene Meer zerstreuen oder an die Klippen des Gestades werfen. Auch den Wassermangel auf der Küstenstrecke hob er hervor und den Mangel an Nahrungsmitteln: »Daß nur ja dann – das bitte ich mir aus! – von mir als Quästor keiner was zu essen verlangt!« rief er ganz erbittert. »Ein Quästor, der nur das Amt hat, aber kein Brot, kann euch mit seinem Amt nicht sättigen.« Er riet, zur See nach Karthago zu eilen, den Hafen Stagnum dort, der die ganze Flotte aufnehmen könne und zur Zeit völlig unverteidigt sei, zu besetzen und von da, von dem Schiffslager aus, auf die Stadt loszubrechen, die man beim ersten Anlauf nehmen könne, wenn wirklich der König und sein Heer vier Tagemärsche weit von der Küste im Binnenlande weile. Aber Belisar sprach: »Gott hat unseren heißesten Wunsch erfüllt: er hat uns Afrika erreichen lassen, ohne – bisher – auf die feindliche Flotte zu stoßen. Sollen wir nun gleichwohl auf See bleiben und vielleicht doch jenen Schiffen noch begegnen, vor welchen unsere Leute einfach zu fliehen drohen? Was die Sturmgefahr betrifft, – besser die Schiffe gehen leer zu Grunde als gefüllt mit uns. Jetzt haben wir noch den Vorteil, die ungerüsteten Feinde zu überraschen: jede Zögerung verstattet ihnen, sich zu rüsten. Hier können wir landen ohne Gefecht: anderwärts und später müssen wir vielleicht schon die Landung erkämpfen gegen den Wind und gegen den Feind. Daher sag' ich: hier landen wir! Wall und Graben um das Lager ersetzt uns die fehlende Festung. Um die Verpflegung bangt nur nicht! Schlagen wir die Feinde, so erbeuten wir auch ihre Vorräte.« So Belisar. Ich fand – wie meist – seine Gründe sehr schwach, aber seinen Mut sehr stark. Die Wahrheit ist: er wählt stets den nächsten Weg in den Kampf.

Der Kriegsrat war aus. Belisars Wille geschah.

Wir brachten die Pferde, die Waffen, das Gepäck, die Kriegsmaschinen auf das Land. Gegen vierzehntausend Krieger und neunzehntausend Matrosen fingen an zu schaufeln, zu graben, Pfähle einzurammen in den heißen, trockenen Sand: nur tausend Mann bezogen die Posten und tausend Matrosen blieben auf den Schiffen: der Feldherr that den ersten, aber, ununterbrochen fortarbeitend, auch den letzten Spatenstich: sein Schweiß tränkte reichlich die afrikanische Erde: – und, angespornt von solchem Beispiel, wetteiferten alle so wacker, daß, noch bevor die Nacht einbrach, Graben und Wall und sogar die Umpfählung vollendet war um das ganze Lager. Nur je fünf Pfeilschützen verbleiben die Nacht über auf jedem Schiff.

Soweit wäre alles gut. Auch Speisevorräte bergen noch unsere weitbauchigen Schiffe, dank der ostgotischen Wirtlichkeit auf Sicilien. Denn alles, was ein Heer irgend braucht für Mann und Roß, überließen uns diese Tölpel – der unbequeme Totila, der uns nicht wohl will, ward gleich abberufen, – auf der gelehrten Regentin Befehl fast geschenkt und auf unsere erstaunte Frage erwiderten sie – auf des gelehrten Cassiodorius Weisung: »ihr bezahlt uns, indem ihr uns an den Vandalen rächt.« Nun, Justinian wird ihnen schon lohnen! Ob nicht der gelehrte Mann die Fabel kennt, wie der Mensch durch Hilfe des Rosses den diesem verhaßten Hirsch erjagte und erlegte? Für diesen Einen Ritt hatte das freie Tier ihn auf seinen Rücken genommen: – nie wieder ward es den Reiter los! Aber – das Wasser geht zu Ende. Das mitgeführte ist knapp, schlecht, faulig. – Und ohne Wasser für Menschen und Tiere viele Tage lang unter afrikanischer Sonne marschieren? Wie wird das enden?

 

Jetzt glaub' ich es wirklich bald selbst, daß wir Gottes auserlesene Lieblinge sind: wir, Justinians des Wahrhaftigen und Theodoras der Keuschherzigen Krieger! Oder haben umgekehrt Volk und König der Vandalen so schweren Zorn des Himmels auf sich geladen, daß unablässig Wunder geschehen gegen diese Barbaren und zu unseren Gunsten?

Gestern Abend waren wir alle, vom Feldherrn bis zum Kamel, in schwerer Sorge um Wasser. Heute früh bringt mir der Sklave Agnellus – er ist ein Landsmann von dir, o Cethegus, eines Fischers aus Stabiä Sohn! – in das Zelt ganze Amphoren köstlichsten Quellwassers. Nicht nur zum Trunk, zum Bade reichlich langend! Mit den letzten Spatenstichen haben unsere Heruler am Ostrand des Lagers eine mächtig hervorsprudelnde Quelle eröffnet: unerhört in der Provinz Byzacene. Zwischen Meer und ›Wüste‹! So nennen nämlich die Leute hier alles Land südwestlich der großen Straße, auf der wir ziehen: freilich ganz mit Unrecht: es ist zum Teil sehr fruchtbar: doch es ist alter Wüstengrund und geht oft unmerklich in die wahre Wüste über. Jedenfalls sprudelte uns dieser Quell aus ringsum trocknem Sandboden! Und so reich ist der Wasserstrahl, daß Menschen und Tiere trinken, kochen und baden können und das schlechte Wasser aus den Schiffsschläuchen fortgegossen und durch das trefflichste ersetzt werden mag! Ich eilte zu Belisarius und wünschte ihm Glück. Nicht nur um des wirklichen Nutzens dieses Fundes willen, – auch zu der Weissagung des Sieges, die darin liegt. »Dir sprudelt Wasser aus der Wüste, mein Feldherr!« rief ich. »Das bedeutet mühelosen Sieg: du bist des Himmels Liebling und seiner Wunder.« – Er schmunzelte. Man hört so was immer gern.


Er gab mir Auftrag, einen Lagerbefehl aufzusetzen, der bei dem Aufbruch jeder Schar verlesen werden soll.

Ein paar Dutzend unserer lieben Hunnen sind nämlich in das Land getrabt und haben die gerade reifen Früchte auf den Feldern geplündert: – sie kamen darüber in Wortwechsel mit den römischen Colonen. – Da die Hunnen leider ihr Latein nur mit Ledergeißeln sprechen und mit Lanzenwürfen, gab es bei der Unterredung ein paar Tote. Natürlich nur auf Seite der bösen Bauern, welche die Hunnengäule sich nicht satt fressen lassen wollten an ihrem besten Korn. Unsere lieben Hunnen schnitten den von dem Vandalenjoche glücklich Befreiten die Köpfe ab, hingen sie an die Sattelknöpfe und brachten sie dem Feldherrn zum Nachtisch mit. Belisarius schäumte. – Er schäumt oft! Und wenn Belisarius blitzt, muß meist Prokopius donnern.

So auch jetzt. Ich schrieb also einen Lagerbefehl, daß wir ja vielmehr ganz im Gegenteil die Erretter, Befreier und Beglücker der Provinzialen seien und daher weder ihre besten Getreidefelder für unsere Pferdestreu ansehen, noch auch mit ihren Köpfen Fangball spielen dürften. »In diesem Fall,« schrieb ich, sehr überzeugend, – »ist dergleichen nicht bloß frevelhaft, – nein! es ist sogar dumm. Denn nur deshalb durfte unser Häuflein wagen, zu landen, weil wir voraussetzen, daß die Provinzialen den Vandalen feind, uns aber hilfreich sein werden.« Ich faßte unsere Helden aber noch viel eindringlicher: nicht an der Ehre, nicht am Gewissen: – am Magen! »Ihr verhungert, o Fürtreffliche,« schrieb ich, »bringen uns die Bauern nichts zu essen. Schlagt ihr sie tot, so verkaufen euch die Toten gar nichts mehr und die noch Lebenden fast noch weniger. Ihr treibt den Vandalen die Provinzialen als Bundesgenossen zu: vom lieben Gott und seiner Meinung über euch – sie ist ohnehin getrübt! – gar nicht zu reden! Also: schont die Leute: wenigstens vorläufig! – Sonst merken sie zu früh, daß die Hunnen Belisars schlimmer sind als die Vandalen Gelimers. Wann einmal des Kaisers Finanzbeamte im Lande walten, dann, liebe Enkel Attilas, braucht ihr euch ja keinen Zwang mehr anzuthun: dann haben die ›Befreiten‹ ihre ›Freiheit‹ doch schon würdigen gelernt. Und so arg wie Justinians Steuereinheber könnt ihr's doch nicht treiben, teure Hunnen und Räuber.« So ungefähr, nur mit schöneren Worten zugedeckt, lautete der Lagerbefehl. Wir rücken vor. Von den Barbaren keine Spur. Wo stecken sie? Wo träumt er, dieser König der Vandalen? Wacht er nicht bald auf, so erwacht er ohne Reich!


Wir rücken immer vor. Glück über Glück.

Einen Tagemarsch von unserm Landungsplatz bei Kaput-Vada nach Westen, auf der Straße nach Karthago liegt, nah dem Meere, die Stadt Syllektum.

Die alte Umwallung war freilich seit Geiserichs Tagen niedergerissen: aber die Einwohner hatten, die Einfälle der Mauren abzuwehren, doch fast die ganze Stadt wieder in eine Art von Verteidigungsstand gesetzt. Belisar schickte Borais, einen seiner Leibwächter, mit einigen Schildenern voraus, einen Handstreich auf die Stadt zu wagen. Er gelang vollkommen. Die Leute schlichen sich, nachdem es finstere Nacht geworden, an die Zugänge – Thore waren sie nicht zu nennen, nur Straßeneingänge, fanden sie aber verrammelt und bewacht. Sie verbrachten die Nacht in aller Stille in den alten Festungsgräben: denn es konnten doch Vandalen in der Stadt sein. Am Morgen kamen die Bauern der Umgegend angefahren auf Leiterwagen: es war Markttag. Die Unseren bedrohten die Erschrockenen mit dem Tode, falls sie muckten, und zwangen die Fuhrleute, die Krieger unter den Decken der Wagen zu verbergen. Die Wächter von Syllektum räumten ihre Thorsperren hinweg, die sehnlichst erwarteten Wagen einzulassen. Da sprangen die Unsrigen herab, bemächtigten sich ohne Schwertstreich der Stadt – kein Vandale war darin – besetzten die Curia, das Forum, riefen den katholischen Bischof und die edelsten Spießbürger von Syllektum – diese sind überraschend dumme Menschen! – auf das Forum und erklärten ihnen, nun seien sie frei! Und glücklich: denn sie seien nun Unterthanen Justinians! Zugleich erbaten sie sich aber mit geschwungenen Schwertern ein Frühstück. Die Senatoren von Syllektum überreichten Borais die Schlüssel ihrer Stadt: leider fehlten die dazu gehörigen Thore: diese hatten Vandalen oder Mauren längst verbrannt. Der Bischof bewirtete sie in der Vorhalle der Basilika. Borais sagte, der Wein war sehr gut. Am Schluß segnete der Bischof Borais und forderte ihn auf, den reinen, richtigen Glauben recht geschwind herzustellen. Dieser, ein Hunne, ist leider Heide: er verstand daher nur mangelhaft, was von ihm erwartet wurde. Aber er wiederholte mir mehrmals, der Wein war sehr gut. So haben wir denn schon eine Stadt Afrikas gerettet. Am Abend zogen wir alle durch. – Belisar schärfte strengste Manneszucht ein. Leider gingen dabei recht viele Häuser in Flammen auf.


Hinter Syllektum kam uns wieder ein wichtiger Glücksfang. Der oberste Beamte der ganzen königlich vandalischen Post, ein Römer, war schon vor mehreren Tagen mit allen Pferden, vielen Wagen und vielen Sklaven vom König aus Karthago entsendet worden, nach allen Richtungen des Reiches seine Befehle zu tragen. Er hatte aus dem Wege nach Osten von unserer Landung gehört – und mit allem, was er noch bei sich hatte, uns aufgesucht! Alle Briefschaften, alle geheimen Aufträge des Vandalen sind in Belisars Händen! Ein ganzer Korbwagen voll, – den ich durchlesen muß.

Es ist wirklich, wie wenn ein Engel des Herrn uns unsichtbar in das Schreibgemach und in den Beratungssaal des Asdingen geführt hätte. Verus, der Archidiakon der Arianer, hat die meisten Schreiben diktiert. In diesem Priester haben wir uns aber doch gründlich getäuscht: Theodora hielt ihn für ihr Werkzeug. Und er ist Gelimers Kanzler geworden! Seltsam, daß man diese Geheimnisse einem Römer anvertraut: – und nicht Einen Vandalen zur Bedeckung, zur Überwachung mitgab. Sollte auch Verus noch nicht gewußt haben, wie nahe wir schon waren, als er diese Briefe schutzlos uns geradezu entgegensandte?

Freilich, was für uns zu wissen das Wichtigste wäre, nämlich wo der König und das Heer jetzt stehen, das geht nicht aus den – wochenalten – Briefen hervor. Doch lernen wir daraus endlich, was ihn bewogen hatte, so weit von Karthago und der Küste, am Saum der ›Wüste‹ und in der ›Wüste‹ selbst, zu verweilen. Er hat mit sehr vielen maurischen Stämmen Soldverträge geschlossen und von ihnen viele tausend Mann Fußvolk zugesagt erhalten: – fast so viel als unser ganzes Heer! In Numidien, in der Ebene von Bulla, sammeln sich diese maurischen Hilfsscharen. Das ist weit, weit westlich von Karthago, nahe dem Saum der Wüste. Sollte der Vandale seine Hauptstadt und alles Land so tief hinein ohne Schwertschlag preisgeben und uns erst dort, bei Bulla, erwarten?

Belisar schickt jetzt – welches Spiel des Zufalls! – durch die vandalische Reichspost Justinians Kriegserklärung an Gelimer und nach allen Richtungen die Aufforderung an die vandalischen Edelinge, Heerführer und Beamten, von Gelimer abzufallen: die Aufforderung ist gut! (Ich habe sie selbst verfaßt!): »Nicht mit den Vandalen führ' ich Krieg und nicht breche ich den mit Geiserich geschlossenen ewigen Frieden. Nur euren Tyrannen wollen wir stürzen, der das Recht gebrochen und euren rechtmäßigen König in Fesseln gelegt hat. Helfet uns also! Schüttelt ab das Joch so frevler Tyrannei, auf daß ihr die Freiheit genießet und die Wohlfahrt, die wir euch bringen: des rufen wir Gott zum Zeugen an.«

(Nachtrag: nach Beendigung des Krieges eingefügt: »Sonderbar! Das ist doch gewiß schön! Und nicht einen einzigen Vandalen hat während des ganzen Feldzugs dieser Lockruf auf unsere Seite gewonnen. Schlaff sind sie geworden, diese Germanen. Aber nicht Ein Verräter war unter ihnen! –«)

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