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Gelimer

Felix Dahn: Gelimer - Kapitel 26
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typefiction
authorFelix Dahn
titleGelimer
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Zweites Buch.

Im Kriege.

Erstes Kapitel.

An Cornelius Cethegus Caesarius Prokopius von Caesarea.

»Es hat keinen Sinn mehr und keinen Grund, meinen Namen zu verschweigen. Man würde den Vogel doch erkennen: – am Gesang. Und jetzt bin ich schon fast gewiß, daß diese Blätter in Byzanz nicht ergriffen werden: denn bald schwimmen wir auf den blauen Wogen.

Also dennoch: Krieg mit den Vandalen! Die Kaiserin hat ihn durchgesetzt. Sie behandelte den Gemahl, seit er zauderte, sehr kühl, eigentlich recht schnöde. Das wirkt immer. Welcher Beweggrund sie zu diesem Kriege drängte und drängt, – die Hölle weiß es gewiß, der Himmel ungenau und ich gar nicht.

Vielleicht soll der Ketzer Blut ihr wieder einige Schock Sünden abspülen. Oder sie hofft auf die Schätze, die in dem Kapitole zu Karthago, aus allen Ländern von Geiserichs Raubschiffen zusammengeplündert, gehäuft liegen: auch der Tempelschatz von Jerusalem ist darunter. Kurz, sie wollte den Krieg und wir haben ihn.

Ein frommer Bischof aus einer asiatischen Grenzstadt – Agathos heißt der Mann – kam nach Byzanz. Die Kaiserin beschied ihn zu geheimer Unterredung: ich weiß es von Antonina, Belisars Gemahlin, die allein noch zugegen war. Theodora zeigte ihm einen Brief, den er dem Perserkönig geschrieben. Der Bischof fiel vor Schreck zu Boden. Sie stieß ihn an mit der schmalen Spitze ihres goldnen Schühleins. »Steh auf, o Agathos, Mann Gottes,« sagte sie, »und träume heute Nacht, was ich dir jetzt sagen werde. Und erzählst du diesen Traum nicht morgen vor Mittag dem Kaiser, so gebe ich ihm morgen nach Mittag diesen Brief und vor morgen Abend, o Heiligster, bist du enthauptet.«

Der Bischof ging und träumte wie befohlen, wahrscheinlich ohne zu schlafen. Und noch vor dem Frühbad des andern Tages meldete er sich bei Justinian und erzählte ihm in äußerster Aufregung, – sie war nicht geheuchelt! – Christus sei ihm diese Nacht im Traum erschienen und habe ihm befohlen: »Geh hin, o Agathos, zum Kaiser und schilt ihn, daß er kleinmütig den Plan aufgegeben, mich zu rächen an diesen Ketzern. Sag ihm: so spricht Christus der Herr: zeuch aus, Justiniane, und fürchte dich nicht. Denn ich, der Herr, werde dir beistehen in der Schlacht und werde beugen Afrika und seine Schätze unter deine Herrschaft.«

Da war Justinian nicht mehr zu halten. Der Krieg ward beschlossen. Der widersprechende Präfectus Prätorio liegt, abgesetzt, im Kerker. Belisar ist zum Feldherrn ernannt. Von den Kanzeln aller Basiliken in Byzantion verkünden die Priester den Traum des frommen Bischofs. Die Soldaten werden zu Hunderten in die Kirchen befehligt, wo ihnen Mut eingepredigt wird. Hofbeamte rufen den Traum auf den Straßen aus, im Hafen, auf den Schiffen. Auf Befehl der Kaiserin hat Megas, ihr schönster Hof- und Leibdichter, den Traum in griechische und lateinische Verse gebracht. Sie sind überraschend schlecht, – schlechter als selbst unser Megas sie gewöhnlich liefert: aber man merkt sie leicht: und so brüllen denn Tag und Nacht Soldaten und Matrosen in den Gassen und in den Weinschänken, wie die Kinder, die im Finstern singen, um sich Mut zu machen – denn eigentlich ist es unsern Helden noch immer nicht recht wohl bei der heiligen Wasserfahrt nach Karthago! – so singen wir unablässig:

Christus kam zum frommen Bischof! Christus mahnte Justinian:
»Räche Christus, Justinianus, an den schnöden Arianern,
Christus selbst schlägt die Vandalen, unterwirft dir Afrika!«

Das Gedicht hat zwei Vorzüge: erstens, daß man es beliebig oft wiederholen kann. Zweitens, daß es ganz gleich ist, mit welchem Vers man anfängt. – Die Kaiserin sagt, – und sie muß es wissen, – der heilige Geist selbst habe es Megas eingegeben. In diesem Fall haben den heiligen Geist im dritten Fuß des dritten Verses die Trochäen – ganz wie oft einen sehr unheiligen Hofdichter – im Stich gelassen.

Wir sind Tag und Nacht an der Arbeit. In den Straßen von Byzanz wiehern die kleinen, zottigen Gäule der Hunnen; darunter sind sechshundert treffliche Bogenschützen zu Pferde, Aigan und Bleda, Ellak und Bala, hunnische Häuptlinge, führen sie an. Dazu sechshundert Heruler, die Fara führt, ein Königssohn dieses Volks: Germanen sind's, im Solde Justinians: denn nur »Demant schneidet den Demant,« sagt Narses; »immer Germanen gegen Germanen,« 's ist unser altes Lieblingsspiel.

Aber auch von anderen Barbaren, die wir unsere »Verbündeten« nennen – das heißt wir »schenken« ihnen Geld oder Getreide und sie zahlen dafür im Blut ihrer Söhne – durchziehen starke Haufen unsere Straßen: Isaurier, Armenier und andere unter Führern eignen Stammes von den Völkern unseres Reiches stellt die besten Krieger Thrakien und Illyrikum. Und im Hafen schaukeln die Schiffe, ungeduldig im Ostwind an ihren Ankern zerrend, die Schnäbel kampfverlangend nach Westen gerichtet.

Allmählich wird das Heer eingeschifft: 11 000 Mann zu Fuß, 5000 Reiter, auf fünfhundert Kielen mit 20 000 Matrosen. Darunter als beste Kampfschiffe 102 raschsegelnde Dromonen, bemannt mit 2000 Ruderern aus Byzanz: die andern Matrosen sind Ägypter, Ionier, Kiliker. Das Ganze ist ein gar schöner, kriegerischer Anblick, den ich lieber schaue, als beschreibe; das Herrlichste daran aber ist Belisarius der Held, umgeben von seinen Leibwächtern, den Schildenern und Lanzenträgern, kampferprobten Männern, erlesen aus allen Völkern der Erde.

 

Schon liegt der Seeweg halb hinter uns. Ich schreibe dir dies im Hafen von Syrakus.

Bis jetzt ging alles mit wunderbarem Glück von statten: ja die Göttin Tyche, die ihr Lateiner Fortuna nennt, bläst in unsre Segel. Zu Ende des Junius war die Einschiffung beendet. Da ward das Feldherrnschiff, das Belisar tragen sollte, an das Ufer vor den Kaiserpalast entboten. Erzbischof Epiphanius von Byzanz erschien an Bord, einen Arianer, den er soeben umgetauft auf das katholische Bekenntnis, brachte er als letzten Mann an Bord: dann segnete er das Feldherrnschiff und Belisar und uns alle, auch die heidnischen Hunnen, stieg wieder in sein Boot und hinaus rauschte, unter den Jubelrufen von vielen Tausenden, das Feldherrnschiff voran, die ganze Flotte. Gar fromme Leute sind wir alle, welche die Kaiserin und der so gelehrig träumende Bischof und Justinianus entsenden, die Ketzer auszutilgen. »Es ist ein heil'ger Krieg – für Christus kämpfen wir.« So oft haben wir's gesagt, daß wir's jetzt selber glauben!

Über Perinthus – Heraklea nennt man's jetzt – ging die Fahrt nach Abydos. Da haben berauschte Hunnen Streit angefangen unter einander und zwei einen dritten erschlagen. Sofort ließ Belisar auf dem Hügel oberhalb der Stadt beide aufhängen. Die Hunnen, zumal die Gesippen der Gehängten, lärmten: auf Totschlag stehe nach Hunnenrecht durchaus nicht der Tod: – ich vermute, das Hunnenrecht läßt die Erben des Ermordeten mit den Mördern auf deren Kosten saufen, bis alle auf der Erde liegen. Und wann sie erwachen, küssen sie sich und alles ist vergessen: denn die Hunnen sind ärgere Trinker als die Germanen: und das sagt viel! – Und nur zum Kampf für den Kaiser verpflichte sie ihr Soldvertrag, aber nicht nach Römerrecht dürfe der Kaiser sie richten. Belisar versammelte die Hunnen unter dem Galgen, an dem die beiden baumelten, umstellte sie mit seinen Getreuesten und brüllte sie an wie ein Löwe. Ich glaube nicht, daß sie sein Latein, – das heißt eigentlich das meine: denn ich habe ihm die Rede einstudiert – verstanden, aber er wies gar oft auf die beiden am Galgen da oben: das verstanden sie. Und – nun folgen sie wie die Lämmlein.

Weiter ging die Fahrt über Sigeum, Tänarum, Metone. Dort starben uns gar viele Leute: denn der Proviantmeister zu Byzanz hatte das Soldatenbrot, statt es zweimal zu backen, in den öffentlichen Bädern (wie appetitlich! aber freilich: gratis!) als rohen Teig ins Wasser senken, dann von Wasser ganz gesättigt, rasch auf glühenden Platten äußerlich bräunen lassen. So wog es viel schwerer – nach dem Gewicht wird er aber vom Kaiser bezahlt! – und er gewann bei jedem Pfund gar viele Lote. Jetzt aber löste es sich mit sanfter Lieblichkeit auf in stinkenden Brei: fünfhundert Mann sind uns daran gestorben. Der Kaiser ward benachrichtigt: aber Theodora sprach für den armen Proviantmeister, das Zehnfache seines Gewinnes soll er ihr für ihre christliche Fürbitte haben zahlen müssen – und der Mann erhielt nur eine Vermahnung: so hörten wir nämlich später. Von Metone ging es über Zakynthos auf Sicilien zu, wo wir nach sechzehn Tagen auf einer alten, jetzt nicht mehr benutzten Reede – Kaukana heißt der Ort – gegenüber dem Ätna vor Anker gingen.

Aber – aber! Jetzt kamen dem Helden Belisarius nachträglich die schweren Gedanken! Er ist ja so kampfbegierig, daß er blindlings drauf losfährt, zeigt man ihm irgendwo einen Feind. Allein nun wachsen die Sorgen. Keiner der vielen Späher, die von Byzanz aus, schon lange vor unserer Abfahrt, nach Karthago waren geschickt worden, ist zurückgekehrt: weder nach Byzanz noch an die ihnen angegebenen Stationen unserer Fahrt. So wußte nun der Feldherr von den Vandalen soviel, wie von den Leuten auf dem Monde.

Was es für Menschen sind, wie ihre Kriegsführung, wie er ihnen beikommen solle, – keine Ahnung! Dazu tritt, daß die Soldaten in ihre alte Furcht vor der Flotte Geiserichs zurückgefallen sind – und keine Kaiserin an Bord, die wieder jemand träumen lassen könnte! Die Hinketrochäen des Leibdichters werden nur selten mehr gesungen: – das Singen ist ihnen verleidet: stimmt einer das Lied an, halbverdrossen, so hauen ihn gleich zwei andre. Nur die Hunnen und die Heruler – zur Schande der Romäer sei's gesagt! – enthalten sich des lauten Jammerns: sie schweigen finster. Jedoch unsere Krieger – die Römer! – scheuen sich nicht, offen zu rufen: auf dem Lande würden sie wacker fechten – das seien sie gewöhnt: – aber greife der Feind auf offner See an, würden sie die Matrosen zwingen, eiligst mit Segel und Ruder davonzufahren: auf schwankem Schiffe fechten mit Germanen und Wellen und Wind zugleich, das könnten sie nicht, stehe auch nicht in ihren Dienstverträgen. Belisarius aber quälte am meisten die Ungewißheit über die Pläne der Feinde. Wo steckt sie denn, diese allgefürchtete Flotte? Daß man gar nichts von ihr sieht und hört, das wird unheimlich. Liegt sie hinter einer der nahen Inseln im Versteck? Oder hält sie, auf uns lauernd, Wache an der Küste von Afrika? Wo? Und wo sollen wir landen?

Ich meinte gestern, das hätte er sich etwas früher überlegen müssen! Er aber brummte in seinen Bart und bat mich, seine Fehler nach Kräften gut zu machen. Ich solle nach Syrakus gehen und dort unter dem Vorwand, von euren ostgotischen Grafen daselbst Vorräte einzukaufen, über diese Vandalen erkunden alles, was er nicht weiß und doch wissen muß. Seit gestern bin ich nun hier in Syrakus und frage alle Leute nach den Vandalen. Und alle Leute lachen mich aus und sagen, ›ja, wenn das Belisar nicht weiß, wie sollen wir es wissen? Wir führen ja nicht Krieg mit ihnen.‹ – Mir scheint, sie haben Recht: diese Unverschämten.«

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