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Gelimer

Felix Dahn: Gelimer - Kapitel 25
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typefiction
authorFelix Dahn
titleGelimer
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Vierundzwanzigstes Kapitel.

Ihrem Gemahl, der nun alsbald eintrat, flog Hilde bis an die Schwelle entgegen: innig, heiß umarmten sich die jungen Gatten. »Du bist allein?« fragte Gibamund, sich umsehend. »Ich meinte, deine kleine Antilope am Fenster gesehen zu haben.« Hilde wies schweigend auf den Vorhang des Nebengemaches; ihr Gatte nickte. – »Du wirst gleich Besuch erhalten,« sprach er mit erhöhter Stimme. »Thrasarich verlangt, dich zu sprechen. Er hat dir allerlei Wichtiges zu sagen.« – »Er ist willkommen.« – »Die Fahne ist fertig?« – »Jawohl!« – Sie ergriff den Schaft und hob mit starkem Arm das schwere Banner kraftvoll in die Höhe: das scharlachrote Tuch, über fünf Fuß lang und zweieinhalb Fuß breit, flutete in langen, schweren Falten auf die beiden schlanken Gestalten herab und um ihre Schultern her: es war ein schöner, feierlicher Anblick.

Gibamund nahm ihr nun den Schaft ab: »Ich pflanze die Fahne auf die höchste Turmzinne, daß sie weithin den Feinden blutigen Willkomm zuwehe. O du höchstes Kleinod, Hort des Ruhmes der Vandalen, Geiserichs sieghaftes Banner: nie sollst du in Feindeshände fallen, so lang ich atme, ich schwör's!« rief er begeistert. »Bei des geliebten Weibes Haupt, auf das du niederflutest!« »Das wird dein Auge, wird auch das meine niemals schauen, ich schwör's wie du,« sprach Hilde tief ernst: – und ein leiser Schauer durchrieselte sie, als nun ein Windstoß das rote Tuch fest um ihre Schultern, um ihren Busen schmiegte. – Gibamund küßte die weiße Stirn und die schönen Augen, die leuchtend zu ihm aufsahen, und eilte mit dem Banner hinaus. Auf der Schwelle traf er mit Thrasarich zusammen. Hilde ließ sich wieder an dem Fenster nieder: »Gegrüßt, Thrasarich!« sprach sie laut, da wallte der Vorhang des Nebengemachs. – »Das lob' ich! In vollen Waffen! Das steht dir besser an als – anderes. Ich höre, du hast den Befehl über viele Tausendschaften erhalten: – du sollst, bis er wiederkehrt, Zazos Stelle vertreten. Was bringst du mir?« Diese freundliche, unbefangene Ansprache beruhigte sichtlich den Riesen, der mit sehr rotem Kopf eingetreten war. Er ließ einen suchenden Blick über das ganze Gemach gleiten, um vielleicht eine Spur ... – ein Gewandstück: – aber er fand nicht, was er suchte. Seine ganze Seele brannte danach, so rasch als möglich von Eugenia reden, nach Eugenia fragen, deren Stimmung erforschen zu dürfen. Aber er scheute sich so sehr! Er wußte nicht, ob die Braut der Freundin seine schwere, schwere Schuld mitgeteilt habe? Er fürchtete es. War es doch das Wahrscheinlichste, daß die Fürstin die von ihr Geborgene nach dem Grund ihres Entsetzens gefragt hatte: – und weshalb sollte diese schweigen? Weshalb ihn schonen? Hatte er Schonung verdient? Hatte nicht die Entrüstete ihn mit bestem Recht verworfen für immer? Alle diese Fragen, die er sich die ganze Zeit schon vorgelegt, drängten sich jetzt zusammen durch sein armes Gehirn. Er schämte sich so bitterlich! Lieber wäre er allein gegen Belisarius' ganzes Heer ausgezogen, als daß er jetzt dieser edeln Frau Rede stehen sollte. Und doch hatte er sich so tapfer noch was ganz andres, Schwereres vorgenommen! Da er nicht antwortete, sondern nur gewaltig schnaufte, wiederholte Hilde die Frage: »Was bringst du mir, Thrasarich?«

Antworten mußte er: – das sah er ein. Er antwortete also: aber Hilde erschrak fast, als er laut hervorstieß: »Ein Pferd.« »Ein Pferd?« fragte die Fürstin gedehnt. »Was soll ich damit thun?« Thrasarich war sehr froh, reden zu können – viel reden zu können! – und Dinge, soweit ab von Eugenia! Daher antwortete er jetzt ganz geschwind und leicht: »Drauf reiten.« »Ja,« lachte Hilde, »das glaub' ich wohl! Aber wem gehört das Pferd?« – »Dir! – Ich schenke es dir. Gibamund hat es erlaubt. Er befiehlt, daß du es annimmst von mir. Hörst du? Er befiehlt es.« – »Gut, gut. Ich habe mich ja noch gar nicht geweigert! Ich danke dir also recht schön! Was ist es für ein Pferd?« – »Das beste der Erde.« Die Antworten kamen jetzt pfeilgeschwind. – »Das soll der Rappe des Kabaon sein, sagten Gibamund und mein Schwager.« – »Ist es auch.« – »Der gehört ja Modigisel.« – »Nicht mehr.« – »Warum?« – »O! aus vielen Gründen! Erstens gehört er jetzt dir. Drittens ist das Tier neulich nachts Modigisel entwischt, entführt worden. Zweitens ist Modigisel tot. Und viertens gehört der Rappe mir.«

Diese Antworten waren fast gar zu schnell gekommen! Hilde sah ihn an, ohne zu verstehen: »Modigisel tot? Unglaublich!« – »Aber sehr wahr. Und im Grunde – außer für ihn – kein zu arges Unglück! Nämlich neulich nachts verhalf ich einem jungen gefangenen Mauren zur Flucht. Daß dieser sich dabei des Rappens bedienen würde, konnte ich nicht vorher wissen. Nachher aber freute es mich sehr – sehr lebhaft. Heute früh bringt ein Maure – aber nicht der Entflohene! – den Rappen in meinen Hof. Der von mir Gerettete war Sersaon, Kabaons Urenkel. Kabaon schickt mir zum Dank den herrlichen Hengst.« – »Aber mußtest du ihn nicht Modigisel zurückstellen?« – »Vielleicht! Keinesfalls – nun und nimmer! – hätt' ich das Tier behalten: lieber den Teufel im Stalle haben, lieber auf dem Höllenroß reiten!« – »Warum?« – »Warum? Warum? – Du fragst: warum?« jubelte Thrasarich. »Du weißt es also nicht, warum?«

»Wenn ich es wüßte, würde ich nicht fragen,« sagte Hilde sehr ruhig.

Aber sie erschrak über die Wirkung dieses Wortes: der baumlange Mann warf sich plötzlich vor ihr auf das Kniee und drückte ihr die Hände, daß sie hätte aufschreien mögen. »Das ist herrlich, das ist göttlich!« rief er dabei. – Sogleich aber sprang er wieder auf: »Ach so!« sagte er ganz traurig. »Es ist noch ärger so! Nun muß ich es ihr sagen. Vergieb mir! Nein, ich bin nicht ganz von Sinnen. Warte nur. – Es kommt schon! – Ich befehle also, das Tier sofort Modigisel zu bringen. Alsbald kommt der Sklave zurück: Modigisel sei tot.« – »Also wirklich? Vorgestern in voller Gesundheit! Wie ist das möglich?« »Nämlich Astarte. – Du weißt nichts von solchen Geschöpfen! – Seine Freigelassene und Freundin: – sie wohnte in seinem Nebenhause. Es ist sehr merkwürdig. Die Sklaven erzählen, Modigisel und Astarte hatten nach – nach der Rückkehr aus dem Hain der – ›heiligen Jungfrau‹« – brachte er mit niedergeschlagenen Augen schwer hervor – »einen lebhaften Streit. Das heißt, sie schrie nicht: – man hörte sie ja fast nie sprechen! – Allein sie forderte zum tausendstenmal ihre völlige Freilassung: – Modigisel hatte sich manche Patronatsrechte vorbehalten. Er sagte nein: er schrie, er tobte: – er soll sie geschlagen haben. Aber gestern waren sie wieder ausgesöhnt. Astarte und die Gundinge speisen bei ihm. Nach dem Mahle lustwandeln sie im Garten. Astarte bricht – vor aller Augen – von einem Pfirsichbaum vier Früchte. Drei davon verzehren sie und die beiden Gundinge, den vierten Modigisel. Und nachdem er ihn verzehrt, fällt er tot zu Astartens Füßen nieder.« – »Entsetzlich! Gift?« – »Wer darf das sagen? Der Pfirsich wuchs am selben Baume wie die andern. Die Gundinge bezeugen es: die lügen nicht. Und die Karthagerin: – sie ist undurchdringlich ruhig: auch hierbei.« – »Du – du sahest – sprachest sie?« Der Gewaltige errötete: »Sie kam in mein Haus – sogleich – von der Leiche weg. Ich aber – nun – sie ging sehr bald wieder! Sie eilte, von der Villa zu Decimum Besitz zu nehmen, die Modigisel ihr längst vermacht hat.« – »Welch ein Weib!« – »Gar kein Weib: ein Ungetüm. Aber ein sehr schönes. – Der Rappe blieb so in meiner Hand. Ich aber – ich behalte das Tier nicht! Und da dachte ich, daß du von allen Frauen unseres Volks die herrlichste, ich meine: die beste Reiterin bist. Und dachte, daß jetzt der Krieg bald ausbricht. Und daß du doch nicht abzuhalten sein wirst, Gibamund ins Feld zu folgen, – wie ich dich zu kennen glaube ... –« »Da kennst du mich recht!« lachte Hilde mit blitzenden Augen. »Und da bat ich Gibamund – und so ist nun der Rappe dein! – Siehst du? Da wird er gerade in den Hof geführt.« – »Ein herrlich Tier fürwahr! Ich danke dir.« »Das wäre also das mit dem Rappen.« Er sagte es sehr betrübt: – denn nun wußte er wieder nicht, was reden. Hilde kam ihm zu Hilfe. »Und dein Bruder?« forschte sie. – »Ist leider verschwunden! Überall ließ ich nach ihm suchen – in seinen, in meinen Villen. Keine Spur! Auch die Leiche der schönen Jonierin, die in jener Nacht – starb, ward nicht mehr gefunden. Keine Spur von ihm in Stadt und Land! Es wäre nur etwa möglich, daß er Karthago zu Schiff verlassen. Es gingen soviel Schiffe in diesen Tagen aus dem Hafen; auch« – und jetzt ward er plötzlich bleich – »auch nach – Sicilien.« »Ja,« sagte Hilde gleichgültig und sah dabei zum Fenster hinaus. – »Der Rappe ist herrlich.« »Aha, sie bricht ab,« dachte Thrasarich. »Es ist so.« – »Auch nach Syrakus,« fuhr er fort, »gingen mehrere«: – scharf suchte er ihr Auge. Sie beugte sich hinaus. »Nur eines, soviel ich weiß,« sagte sie leichthin. »Also ist es wahr!« rief er plötzlich ganz verzweifelt. »Sie ist fort! Sie ist zu ihrem Vater nach Syrakus! Sie hat mich verworfen! Für immerdar! O Eugenia! Eugenia!« Und in wildem Schmerz preßte er den starken Arm an die Fensterwand und drückte sein Angesicht darauf.

So sah er nicht, wie die Vorhänge des Seitengemachs heftig hin- und herflogen.

»O Fürstin«, rief er, sich aufraffend, »es ist ja nur gerecht. Ich darf dich nicht tadeln, – loben muß ich dich, daß du sie mir in jener wilden Nacht aus den Armen gerissen. Und auch sie kann ich nicht anklagen, stößt sie mich von sich. Nein, wolle mich nicht trösten! Ich weiß es ja, ich bin ihrer nicht wert. Es ist meine Schuld! – Aber doch nicht meine ganz allein. Die Frauen, das heißt die Mädchen unsres Volks, sind auch mit schuld daran! Du staunst? Wohlan, Hilde, hast du eine einzige Vandalin dir als Freundin an das Herz gezogen? Eugenia, die Griechin, des geringen Mannes Kind, steht dir viel näher als unserer Edelinge Frauen und Töchter. Ich will nicht sagen – ferne sei's von mir! – die Vandalinnen sind so – kernfaul und entartet wie ach! die meisten von uns Männern. Gewiß nicht! Aber unter diesem Himmel, in drei Menschenaltern, sind auch sie – gesunken. Gold, Putz, Tand, Üppigkeit und nochmal Gold füllen ihre Seelen. Nach Reichtum gieren sie, nach maßlosem Genuß – wie die Römerinnen fast. Ihre Seelen sind schlaff geworden: Hilde's Begeisterung teilt, versteht keine.«

»Ja, sie sind eitel und flach und schal,« klagte die Fürstin. – »Ist's da ein Wunder, daß wir Jünglinge die Ehe mit diesen sehr anspruchsvollen Puppen nicht suchen? Weil ich reich bin, haben Väter und noch beängstigender, aufdringlicher Mütter und selbst – nun, ich will's nicht sagen! Kurz: viele Dutzend Vandalinnen hätt' ich schon zu Frauen, hätt' ich ja gesagt! – Aber ich sagte: nein. Keine liebte ich! Nur dieses Kind, dieses kleine Griechenmädchen hat's mir angethan. Ich liebe sie so heiß, so vom ganzen Grund der Seele! Und auch so treu! So für das ganze Leben!« –

Hildes Blick flog von ihrem erhöhten Sitz über ihn hinweg nach den zitternden Vorhängen.

»Und nun – jetzt – lieb' ich sie mehr denn je, die Perle, die ich verloren. Sie hat – so schont sie mich Unwürdigen, so ehrt sie die Liebe, die sie einst mir geschenkt! – Sie hat dir nicht einmal gesagt, was ich an ihr verschuldet, was ich gefrevelt. Aber« – hier richtete er sich auf und sein männlich schönes, kraftvolles Antlitz verklärte jetzt edelste Empfindung – »ich habe mir's auferlegt als Buße, falls sie dir's verschwiegen, dir's selbst zu gestehen! Schreib ihr das: vielleicht denkt sie dann minder hart von mir. – Es ist mir allerschwerste Strafe, dir's zu sagen: denn, o Fürstin Hilde, hoch wie eine Göttin, ja wie die Schutzgöttin unsres Volkes verehre ich dich: – es ist mir wie der Tod, daß du mich nun verachten wirst. Aber du sollst es wissen! Ich habe – so sagen sie, ich weiß es nicht mehr, aber es wird wohl sein – ich habe – um Eugenia – ich that's im Rausch – nach einem Ocean von Wein, – aber ich hab's eben doch gethan! Und nicht wert bin ich, sie je wieder zu schauen! – Ich habe ... –«

»Nicht du, der Wein, Geliebter, hat's gethan,« rief da eine jubelnde Stimme und an seine breite Brust schmiegte sich, leidenschaftlich und doch so verschämt, eine schlanke Gestalt. Und sie streckte, ihn mit der Rechten heiß umarmend, die Fingerlein der Linken vor seinen Mund, ihm das Reden zu wehren.

»Eugenia,« rief der Riese und er errötete über und über. »Du hast gehört? Du kannst verzeihn? Du liebst mich noch.«

»Bis in den Tod! Bis in das Grab! Nein, bis über den Tod hinaus! Ich dränge zu dir in das Grab, verlör' ich dich! Bei dir! Im Leben und im Tod! Denn ich liebe dich.«

»Und das ist ewig,« sagte Hilde, streifte leicht über des jungen Weibes Haar und schwebte hinaus, die Glücklichen allein lassend mit ihrem Glück.

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