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Gelimer

Felix Dahn: Gelimer - Kapitel 23
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typefiction
authorFelix Dahn
titleGelimer
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Zweiundzwanzigstes Kapitel.

»Vor drei Jahren war's. Wir waren wieder einmal ausgerückt gegen die Mauren, diesmal nach Südwesten gegen die Stämme, welche am Fuß des Auras ihre Zelte aufzuschlagen pflegen. Wir durchzogen die Prokonsularis, dann Numidien und drängten von Tipasa aus die Feinde aus dem Flachland die steilen Berge hinauf. Dort, auf unzugänglichen Felsen, suchten sie Zuflucht. Wir lagerten in der Ebene und hielten sie eingeschlossen, bis der Mangel sie zur Ergebung zwingen würde. Tage, Wochen vergingen. Mir währte es zu lang. Ich suchte häufig, das langgestreckte Gebirg umreitend, nach einer Seite, wo die Felsen, minder steil abstürzend, den Aufstieg, die Erstürmung etwa möglich machten.

Auf einem dieser einsamen Ritte – ich bedurfte keiner Begleitung, denn die Feinde wagten sich nicht in das Thal herab – war ich weit, sehr weit von unserm Lager abgekommen. Einen vielzackigen Vorsprung des Gebirgs umreitend, hatte ich zuletzt die Richtung verloren in der ungeheuren, unterscheidungslosen Wüste. »Diese Seite des Berges hatte ich noch nie geprüft, sie schien mir leichter zu ersteigen: um den Rückweg bangte ich nicht, obwohl ich Meile nach Meile zurücklegte auf dem keuchenden Tier: die Hufspuren in dem Wüstensande mußten mich ja zurückleiten. Schon fielen die Strahlen der glühenden Sonne mehr seitlich ein. Brauner Dunst ballte sich um die sinkende Scheibe. Nur noch um den nächsten Felsenvorsprung wollte ich einen prüfenden Blick werfen. Ich lenkte das Pferd dicht an dessen Gestein, bog herum: – da drang ein furchtbarer Schall betäubend an mein Ohr: – ein markdurchzitterndes Gebrüll. Entsetzt bäumte sich mein Roß: ich sah einen gewaltigen Löwen, ein Untier an Größe, zum Sprunge geduckt, wenige Schritte vor mir. Ich schleuderte mit aller Kraft den Speer. Aber im selben Augenblick überschlug sich, hochsteigend, sinnlos vor Entsetzen, mein Pferd nach rückwärts – und begrub mich unter seinem Gewicht. Ein stechender Schmerz im Schenkel war das letzte, was ich empfand. Dann vergingen mir die Sinne.« Er hielt inne, von der Erinnerung stark bewegt.

Mit atemloser Spannung blickte die junge Frau zu ihm auf mit halb geöffneten Lippen. »Ein Löwe?« stammelte sie. »Sie meiden sonst die Wüste.« »Gewiß,« antwortete ihr Gibamund. »Aber gerade in den Bergen, hart an der Wüste Saum, da lieben sie zu streifen. Ich weiß,« fuhr er fort, »mit gebrochenem Schenkel wardst du nach Karthago zurückgetragen. Viele, viele Wochen zog sich die Heilung hin. – Aber ich wußte nicht ... –« »Als ich die Besinnung wieder fand, war die Sonne im Versinken. Es war glühend heiß: alles: die Luft, der trockene Sand, auf dem mein Hinterhaupt ruhte – der Helm war mir im Sturz entfallen – das schwere Pferd, das auf meinem heftig schmerzenden rechten Schenkel regungslos lag: es hatte das Genick gebrochen, es war tot. Ich wollte mich unter der wuchtenden Last hervorziehen – unmöglich. Ich konnte den gebrochenen Fuß nicht rühren. Nur den Oberleib versuchte ich, indem ich den rechten Arm und die Hand auf den Sand stemmte, über des Rosses Leib zu erheben. Es gelang, da erblickte ich, – ich schaute gerade vor mich hin – den Löwen! Wenige Schritte vor mir lag er, regungslos, auf dem Bauch ausgestreckt: meines Speeres Schaft ragte aus seiner Brust neben seiner rechten Vorderpranke mir entgegen. Er war tot: so frohlockte mein Herz! – Aber ach: nein! Ein leises grimmiges Knurren kam nun, da ich mich geregt hatte, aus dem halb geöffneten Rachen. Er sträubte die Mähne, er wollte sich erheben, – doch er konnte nicht! Er blieb liegen wo er lag. – Er krallte die Klauen tiefer in den Sand, sichtlich, um sich gegen mich zu schieben, und auf mich, scharf auf meine Augen, waren die funkelnden Augen des Untiers gerichtet! Und ich? Ich konnte nicht einen Zoll breit zurückweichen! Da befiel mich – nicht leugne ich es – Furcht, elende, feige, gliederschüttelnde Furcht! Ich ließ mich zurückfallen auf den Sand: ich konnte den furchtbaren Anblick nicht ertragen. Durch mein Gehirn schoß der Gedanke: »wehe, was wird dein Los?« Ich schrie in Verzweiflung, in Todesangst laut, so laut ich konnte: »Hilfe, Hilfe.« Aber ich bereute es schrecklich! Meine Stimme mußte die Wut des schwerverwundeten Tieres gereizt haben: mir antwortete ein so furchtbares Gebrüll, daß mir vor Grauen und Angst der Atem stockte. Als es wieder still ward, schoß das Blut tobend durch meine Adern. Was drohte mir? Welch' Ende stand mir bevor? Alles Schreien blieb sicher ungehört von den Unsrigen: – viele, viele Meilen nie betretenen Wüstensandes trennten mich von unsern äußersten Wachen; von den Feinden auf dem Berge hatte ich während des ganzen Rittes nicht eine Spur gesehen: wie gern hätte ich mich in ihre Hände gegeben als Gefangenen! Aber hier verschmachten – unter der sengenden Sonne – auf dem feuerheißen Sande – verschmachten – langsam – schon jetzt quälte mich der Durst mit furchtbarem Schmerz! – Oh und ich hatte gehört, daß tagelang dieses qualvolle Ende des Verlechzens sich hinziehen mag in der einsamen Wüste!

Da sah ich empor zu dem erbarmungslosen, bleigrauen Himmel und fragte flüsternd – ich fürchtete, ich gesteh' es, die Stimme des Löwen wieder zu wecken: – Gott, gerechter Gott, warum? Was hab' ich verschuldet, um solches leiden zu müssen?

Da durchzuckte mich aber die schreckliche Antwort des heiligen Buches: ›Ich suche heim der Väter Missethat an ihren Kindern bis in das dritte und vierte Glied.‹ Du büßest, stöhnte ich nun, deiner Ahnen Schuld! Der Fluch der Verbrannten verbrennt dich hier. Du bist verdammt auf Erden und in der Hölle. Ist es schon die Hölle, was mich so brennend umschließt, was mich verbrennt in den Augen, im Schlund, in der Brust, ach in der Seele? Und horch! schrecklicher, lauter noch – mich dünkte: näher – scholl des Ungetümes Gebrüll, ohrenzersprengend: – und wieder schwanden mir die Sinne.

So lag ich die ganze Nacht, aus der Ohnmacht wohl in den Traum hinüber geschlummert. Im Halbschlaf sah ich nochmal alles, was geschehen war. – Ah, lächelte ich, das ist ja nur ein Traum! Kann ja nur Traum sein! – Dergleichen gehört der Wirklichkeit nicht an. Du liegst in deinem Zelte, da, neben dir dein Schwert: – erwachend griff ich danach – oh schrecklich! Ich griff in den Sand der Wüste! Es war kein Traum!

Hell war es bereits wieder: und heiß – ach! furchtbar heiß brannte schon wieder die mitleidlose Sonne auf mein ungeschütztes Antlitz. Nun kam mir der Gedanke: mein Schwert! Eine Waffe! Denn die gleiche Qual, die gleiche Todesangst noch Stunden lang ertragen? Nein! Gott vergebe mir die schwere Sünde, ich mach' ein Ende! Verdammt bin ich doch schon zur Hölle! Ich griff nach meinem Wehrgehäng: – die leere Scheide hing daran! Die Klinge war bei dem Sturze herausgefahren. Ich suchte mit den Augen umher, ich sah die traute Waffe liegen, ganz nah: – nie hatte ich sie geliebt wie in diesem Augenblick! – links von mir, ich wollte sie ergreifen, an mich reißen: – vergebens! So sehr ich den Arm ausstreckte, so sehr ich die Finger spannte, – nur einen halben Schuh vielleicht – aber doch unerreichbar! – zu weit lag die treue Klinge! Da erinnerte mich ein leises Winseln des Löwen: mit Anstrengung – meine Kräfte schwanden rasch – hob ich mich wieder so hoch, daß ich ihn erblicken konnte. –

Wehe! Ist das ein Spiegelbild des beginnenden Irrsinns? – Denn die Gedanken jagten durch mein Gehirn wie fliehende Wolken vor dem Sturm. Nein! Es ist wahr! Das Tier ist näher gerückt! Viel näher als gestern! Es ist nicht Täuschung! Ich kann es deutlich bestimmen: gestern, wenn er die Pranke noch so weit vorstreckte, konnte er nicht erreichen den großen, schwarzen Stein, der, von dem Felshang abgebröckelt, vor meinem Pferde lag: und jetzt, jetzt lag der Stein fast an des Löwen Hinterbug! Er hatte sich im Laufe dieser Stunden, wohl vom steigenden Hunger gespornt, vorwärts geschoben beinah um seines Leibes ganze Länge. Nur noch anderthalb, zwei Schritte lag er von mir. Wenn er noch weiter vorwärts kam, – wenn er mich erreichte? Wehrlos, hilflos mußte ich mich zerfleischen lassen bei lebendem Leibe! Da schoß heißer Schreck durch mein Herz! Ich betete, ich betete in Todesangst zu Gott! Ich rang mit Gott im Gebet: ›Nein, nein, mein Gott! Du darfst mich nicht verlassen. Du mußt mich retten, Gott der Gnade.‹ Und nun fiel mir plötzlich der Glaube ein, der unser ganzes Volk durchdringt: von den Schutzgeistern, die Gott in Gestalt hilfreicher Menschen uns bestellt hat. Ihr erinnert euch? – Die Folgegeister!«

»Jawohl,« sprach Gibamund. »Und durch brünstiges Gebet kann man Gott in höchster Gefahr zwingen, uns den Schutzgeist zu zeigen, zur Rettung zu senden.« »Auch mein Ahn,« ergänzte Hilde, »glaubte fest daran. Er sagte, unsere Vorfahren hatten die Folgegeister sich als Frauen gedacht, die unsichtbar dem erkornen Helden überallhin schützend folgten. Aber seit der Christenglaube eindrang ... –« – – »Sind diese dämonischen Frauen von uns gewichen,« fuhr Gelimer sich bekreuzend fort, »und Gott der Herr hat uns Männer bestellt, welche in seinem Auftrag unsre Helfer, Berater, Retter und Schutzgeister auf Erden sind. ›Sende mir, Gott,‹ rief ich in qualvollster Inbrunst, ›sende mir in dieser Stunde höchster Not den Mann, den du mir auf Erden zum Schutzgeist bestellt hast. Laß ihn mich retten! Und solang ich atme, will ich ihm vertrauen, wie dir selbst, will ich in ihm deine Wundermacht verehren.‹

Und als ich dies brünstige Gebet vollendet, siehe, da ward mir plötzlich leichter. Zwar Schwäche, große, ohnmachtgleiche Schwäche überkam mich: aber gerade diese Schwäche hatte etwas unendlich Süßes, unaussprechlich Seliges, Erlösendes. Und nun sah ich plötzlich, im Fieberwahn, verlockende Bilder der Rettung: der furchtbare Durst, der mich peinigte, malte mir einen Quell herrlichen Wassers, das aus dem Felsen dicht neben mir sprudelte. – Und schon kamen auch die Retter! Nicht Zazo, nicht Gibamund: – ich wußte ja, daß sie gegen andere Mauren, weit, weit westlich von meinem Lager, ausgezogen waren! – Nein! Ein andrer war es, dessen Züge ich aber nicht deutlich sah. – Er sprengte heran auf wieherndem Roß, er tötete den Löwen, er zog die immer schwerer drückende Last meines toten Pferdes von meinem Leibe! – Nun hörte ich nur noch ein Sausen, ein Klingen im Ohre, welches sagte: dein Retter ist da! ›dein Schutzgeist‹. – Da, auf einmal, verstummte das Sausen im Ohr und wirklich und wahrhaftig! Das war kein Fiebertraum! Ich hörte von meinem Rücken, – von unserem Lager her – das Wiehern eines Rosses! – Ich wandte mit letzter Kraft den Kopf zurück und ich sah, wenige Schritte hinter mir, einen Mann, der, soeben vom Pferde gesprungen, in zaudernder, wie überlegender, zweifelnder Haltung, die Hand am Schwertgriff geballt, mich und den Löwen betrachtete. Er zögerte.«

»Er zögerte?« rief Hilde. »Er besann sich? Ein vandalischer Krieger?« – »Es war kein Vandale.« – »Ein Maure? Ein Feind?« – »Verus war's, der Priester. – ›Mein Schutzgeist,‹ rief ich, ›mein Retter! Gott hat dich gesendet. Mein ganzes Leben, nimm es hin!‹ Da vergingen mir abermals die Sinne. Verus erzählte mir später, er habe sich – vorsichtig – dem Löwen genähert, und als er gesehen, wie tief die Waffe ihn getroffen, habe er den Speer rasch aus der Wunde gerissen: ein mächtiger Strahl Blutes sei nachgeschossen und das Untier verendet. Dann zog er mich unter dem toten Roß hervor, hob mich – mit Mühe – auf sein Pferd, band mich fest an dessen Hals und führte mich langsam zurück. Die Meinen hatten mich nur auf den Pfaden gesucht, auf welchen sie mich früher ausreiten gesehen. Bloß Verus, der unsern Heerzug begleitete, hatte an jenem Morgen bemerkt, daß ich außerhalb des Lagers den Weg nach Osten eingeschlagen. Und als ich nun vermißt ward, suchte er mich, bis er mich fand.«

»Allein?« – »Ganz allein.« »Wie seltsam,« sprach Hilde. »Wie leicht konnte er, allein, seines Zweckes verfehlen!« – »Ihn hatte Gott erleuchtet und gesendet.« – »Und davon hast du, – hat er nie andern erzählt?« Ernst schüttelte Gelimer das edle Haupt: »Die Wunder Gottes plaudert man nicht aus! Ich bat ihn von Herzen um Verzeihung, daß ich ihm früher fast mißtraut. Großherzig vergab er mir: ›Ich fühlte es wohl,‹ sprach er. ›Es that weh. Nun mach' es dadurch gut, daß du mir voll vertraust. Denn wahrlich, ich sage, dir: du hast recht. Gott hat mich wirklich dir gesendet: ich bin dein Schicksal, ich bin das Werkzeug in Gottes Hand, das dein Leben überwacht und leitet zu gottverhängtem Ziel. Ich sah dich – wie in einem Traumgesicht, obwohl ich wachte, – hilflos in der Wüste liegen und eine innere Stimme trieb mich an und mahnte: Such ihn auf. Du sollst sein Schicksal werden! Und ich konnte nicht ruhen und rasten, bis ich dich gefunden.‹

Euch hab' ich es nun vertraut, auf daß ihr mir nicht mehr wehe thut mit euren Zweifeln. – Nein, Hilde, schüttle nicht das Haupt! – Keinen Einwand: – ich dulde keinen. Wie erbittert mich dein Zweifel! Hat er mich denn nicht schon zum zweitenmal gerettet? Wollt ihr, kleingläubig, ein drittes Zeichen Gottes? Ich möchte euch nicht zürnen müssen. Darum verlaß ich euch. – Es ist spät geworden. – Glaubet, vertraut und – schweiget!« Er schritt hoheitvoll hinaus.

Hilde sah ihm lange, sinnend, nach. Dann zuckte sie die Achseln. »Zufall!« sagte sie. »Und Aberglaube! Wie kann der Wahn solch hohen Geist verstricken?« – »Gerade solche Geister bedroht solche Gefahr. Ich lobe mir meinen schlichteren Verstand.« »Und die gesunde Seele!« schloß Hilde, mit freudiger Bewegung aus ihrem Sinnen auffahrend und beide Arme schlingend um den geliebten Gemahl.

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