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Gelimer

Felix Dahn: Gelimer - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleGelimer
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Zwanzigstes Kapitel.

»Ich kenne die Stimme,« sagte Gelimer besorgt, sich gegen den Eingang wendend. »Ja, es ist unser Knabe,« rief Gibamund. »Er scheint sehr zornig.« Und schon stürmte herein Ammata, der junge, einen beträchtlich größeren Knaben in reichgeschmückter Tunika, der sich vergeblich sträubte, am kurzen schwarzen Haar und an der Halsöffnung des Gewandes mit beiden Fäusten hereinzerrend durch den nur von einem Vorhang verhüllten Eingang; die dunklen Augen, die scharfgeschnittenen Züge, der runde, kurze Kopf bezeugten römischen Ursprung seines Gegners. »Was giebt es, Ammata? Was habt ihr, Publius Pudentius?«

»Nein, nein! Ich lasse dich nicht los,« rief Ammata. »Du sollst es vor dem König wiederholen! Und der König soll dich Lügen strafen! Höre nur, Bruder. Wir spielten in der Vorhalle. Wir maßen uns im Ringkampf! Ich warf ihn. Grollend stand er auf und knirschte: ›Das gilt nicht! Dir hat der Teufel, der Dämon eures Hauses geholfen.‹ ›Wer?‹ fragte ich. ›Nun, jener Geiserich, der Sohn des Orkus. Von Heidengöttern rühmt ihr euch zu stammen, ihr Asdingen: diese aber sind, so lehrte uns der Diakon, – Dämonen. Daher sein Glück, seine Siege.‹ – Ich lachte. Aber er fuhr fort: ›Er hat es ja selbst gesagt. Als Geiserich einst auf seinem Raubschiff den Hafen von Karthago verließ, und der Steuermann fragte, wohin er den Bug richten solle, sprach der böse Tyrann: laß uns von Wind und Welle treiben: – zu den Völkern, denen Gott zürnt!‹ – Ist das wahr, Bruder?«

»Ja, es ist wahr!« fiel der junge Römer ein. »Und wahr ist auch, daß Geiserich so grausam war gegen Wehrlose, gegen Gefangene, wie ein Dämon! Aus Wut über einen gescheiterten Sturm auf Taenarus landete er auf Zakynthus, schleppte fünfhundert freie, edle Männer und Frauen gefangen fort, ließ auf hoher See sie – alle fünfhundert – von den Füßen aufwärts in kleine Stücke hacken und diese Stücke in das Meer werfen.« »Bruder, das ist doch nicht wahr?« schrie Ammata, das flatternde Haar aus dem erhitzten Antlitz streichend. »Wie? Du schweigst? Du wendest dich ab! – Du kannst nicht –« »Nein, er kann nicht nein sagen,« rief Pudentius trotzig »Siehst du, wie er erbleicht? Ein Dämon war Geiserich! Der Hölle seid ihr alle entstammt. Furchtbare Frevel der Grausamkeit hat er, haben seine Nachfolger an uns Römern verübt, an uns Katholiken! Aber wartet nur! – Es bleibt nicht unvergolten! So wahr ein Gott im Himmel lebt! Auf euch vererbte dieser Sündenfluch. Wie heißt es in der Schrift? ›Ich strafe die Sünden der Väter bis ins dritte und vierte Glied!‹«

Da stieß der König ein dumpfes Stöhnen aus. Er wankte, sank auf den Ruhesitz und verhüllte ächzend sein Haupt in den Falten seines Purpurmantels. Erschrocken starrte Ammata auf ihn. Hilde schob Ammata und den jungen Römer rasch zur Seite und winkte ihnen hinweg. »Geht!« flüsterte sie. »Versöhnt euch: – ihr müßt euch vertragen. Was gehen euch Knaben diese Dinge an? Versöhnt euch, sag' ich.« – Gutmütig streckte Ammata die Rechte hin; zögernd, unwillig schlug der Römer ein.

»Sieh doch,« sagte Ammata, sich bückend, »welcher Zufall!« Und er hob das Stück braunroter Schnur vom Estrich auf, an welchem das kleine Wachssiegel hing. »Jawohl,« fiel Pudentius überrascht ein, »dasselbe Siegel, das uns Verus nicht schenken wollte für unsere Sammlung von Siegeln und von Abdrücken.«

»Es ist gar eigen: – ein Skorpion, von Flammen umgeben.« – »Vorige Woche, als ich den Brief, – geöffnet, Siegel und Schnüre daneben, – auf seinem Tische liegen sah, wie bat ich ihn darum!« – »Mich schlug er auf die Finger, als ich danach griff.« – »Ich dachte wunder, wie wertvoll es sei.« – »Und heute finden wir's, weggeworfen, auf der Erde.« – »Er hätte es uns doch schenken können, nachdem der Brief schon damals geöffnet war.« – »Aber der und ein freundliches Gedenken! Er sieht immer aus, als käme er gerade aus der Unterwelt.« – »Komm, laß uns gehen.« – Damit verließen die Knaben die Halle: sie schienen versöhnt. Aber auf wie lange? Ihr Geflüster hatte niemand beachtet.

Gibamund beugte sich über den Bruder: »Gelimer,« rief er schmerzlich, »erhebe dich! Raffe dich auf. Wie kann das Wort eines Kindes ... –«

»O, es ist wahr. Allzuwahr! Es ist die Qual meines Lebens! Es ist der bohrende Wurm in meinem Gehirn. Schon die Kinder erkennen es, sprechen es aus! – Gott, der furchtbare Herr der Rache, er rächt die Sünden unserer Väter an uns allen! An unserm Volk – zumal an Geiserichs Geschlecht. Wir sind verflucht – um unsrer Ahnen Schuld. Und auch aus der Tiefe des Meeres werden am jüngsten Tage die Ankläger aufsteigen wider uns. Wann des Menschen Sohn wiederkehren wird in den Wolken des Himmels, wann der Ruf ergehen wird: Erde, thue deine Höhen auf, und du, mächtige Tiefe der Wasser, gieb deine Toten heraus: – dann werden auch jene Zerstückelten wider uns zeugen.«

»Nein doch, dreimal nein!« rief Gibamund. »Verus, stehe doch nicht so stumm, so eisig da, mit verschränkten Armen. Du siehst, wie dein Freund, dein Beichtkind leidet. Du, sein Seelsorger – hilf ihm! Benimm ihm seinen Wahn! Sag ihm: Gott ist ein Gott der Gnade. Und jeder Mensch büßt nur für eigne Schuld.«

Allein finster sprach der Priester: »Ich kann dem König nicht Unrecht geben. Du, Jüngling, redest wie ein Jüngling, wie ein Laie, wie ein Germane, fast wie ein Heide. Der König, der gereifte Mann, hat die geistliche Weisheit der Kirchenväter und die weltliche der Philosophen sich angeeignet. Und er ist ein frommer Christ. Gott ist ein furchtbarer Rächer der Sünde. Gelimer hat recht und du hast unrecht.«

»Dann lob ich mir die Thorheit meiner Jugend!« rief Gibamund. »Und meines Heidentums!« fiel Hilde ein. »Sie machen mich froh!« – »Den König macht seine – macht deine heilige Weisheit elend.« – »Sie wäre im stande, ihn zu lähmen!« – »Hätte er nicht so überaus gewaltige Kraft von den vielgeschmähten Ahnen geerbt.«

»Und dazu ihrer Sünden Fluch,« sprach Gelimer zu sich selbst.

»Zu erwägen wäre,« sprach Verus langsam, »ob man zu den andern Gefangenen nicht auch diesen Publius Pudentius, des Rebellen Pudentius Sohn, den er bei seiner raschen Flucht nicht mitnehmen konnte, in den Kerker werfen sollte.« »Das Kind? Weshalb?« fragte Hilde vorwurfsvoll. »Mit kluger Vorsicht haben von jeher euere Könige,« fuhr Verus ruhig fort, »die Knaben vornehmer Römer in ihren Hofdienst, in den Palast gezogen: – scheinbar zur Ehrung ihrer Väter: in Wahrheit als Geiseln für deren Treue.« »Soll etwa Gelimer, der gütige, die Schuld des Vaters strafen an dem unschuldigen Sohn, wie dein furchtbarer Gott?« schalt Gibamund. »Nie würd' ich das thun,« sprach Gelimer. »Das eben wußte der Verräter,« erwiderte Verus. »Er zählt auf deine Milde: deshalb empört er sich, obgleich du seinen Sohn in Händen hast.« – »Laßt sie alle, diese Knaben, frei zu ihren Familien gehen.« – »Das geht nicht an! Sie sind erwachsen genug und sie haben von unsern Rüstungen – und von unsern Schwächen! – genug gesehen und gehört, uns schwer zu schaden, plaudern sie davon zu unsern Feinden. In der Stadt, in dem Palast müssen sie bleiben. – Ich verlasse euch nun: die Arbeit ruft.« – »Noch eins, mein Verus. Es schmerzt mich, daß ich nicht vermochte, Zazo vor seiner Abfahrt ein Ja abzunötigen, um das ich schon lange mit ihm ringe.« »Welches meinst du?« fragte Hilde. »Ich errate,« fiel Gibamund ein. »Es betrifft die Gefangenen unten im Burgkerker. Als, gegen des ganzen Volkes und zumal auch gegen Zazos Andringen, Gelimer das Leben Hilderichs und des Euages schirmte und die vom Volksding gefällte Todesstrafe in Gefangenschaft verwandelte, da mußte er Zazo versprechen, wenigstens ohne dessen Zustimmung die Gefangenen niemals freizugeben.« – »Ich wollte sie nun entlassen. Aber Zazo hat mein Wort und er war nicht zu erweichen.« »Er hat recht: – sehr ausnahmsweise,« sprach Verus »Wie? Du, der Priester, widerrätst dies Erbarmen und Verzeihen?« staunte Hilde. »Ich bin auch Kanzler dieses Reichs. Allzugefährlich würde der ehemalige König in der Freiheit. Römer, Katholiken – er soll ja geheim diesen Glauben bekennen – könnten ihm zufallen und am Hofe des Kaisers wäre der ›rechtmäßige König der Vandalen‹ eine erwünschte Waffe wider den ›Tyrannen‹ Gelimer. Die Gefangnen bleiben am besten, wo sie sind. Ihr Leben ist ihnen ja gesichert,« – »Sie haben wiederholt Gehör verlangt: – sie wollen sich rechtfertigen. Diese Gesuche ... –«

»Wurden stets gewährt. Ich selbst habe sie vernommen!« – »Was hat sich dabei ergeben?« – »Nichts, was ich nicht schon wußte. – Hast du denn nicht selbst die verborgne Brünne unter Hilderichs Gewand gespürt, ihm selbst den Dolch entwunden?« – »Ja, leider! – Doch mißtrau' ich mir so leicht. Der Ehrgeiz, die Gier nach dieser Krone – eine meiner schwersten Sünden! – ließ mich gar gern an Hilderichs Schuld glauben. – Und nun hat abermals der gefangene König, seine Unschuld beteuernd, sich berufend auf einen ihm an jenem Tage zugekommenen Warnungsbrief, der alles erkläre, alles beweise; er verlangt, man solle nochmals über ihn richten. Du hast doch der Gefangenen Wunsch erfüllt und nach jenem Brief an dem von ihnen angegebenen Ort gesucht?« »Gewiß,« sagte Verus ruhig und seine leblosen Züge wurden noch starrer, noch strenger beherrscht. »Jener Brief ist eine Erfindung. Da Hilderich wiederholt behauptete, er habe denselben in einem Geheimfach der ›Goldenen Truhe Geiserichs‹ geborgen – du kennst den Schrein, Gibamund? – habe ich selbst – ich, eigenhändig und allein – den ganzen Schrein durchsucht. Auch die angegebenen geheimen Fächer fand und öffnete ich: – nichts der Art habe ich gefunden. Ja, auf des Gefangnen unablässig Flehen habe ich sogar die Truhe in seinen Kerker tragen und von ihm selbst – vor Zeugen – durchsuchen lassen. Auch er fand nichts.« »Und niemand konnte – vorher – den Brief herausgenommen haben?« fragte Gelimer. »Nur du und ich haben ja die Schlüssel zu dem Schrein, der die wichtigsten Urkunden birgt. Ich muß euch aber jetzt verlassen,« erwiderte der Priester. »Ich habe noch viele Briefe zu schreiben diese Nacht. Gehabt euch wohl.« –

»Dank, mein Verus. Der Engel des Herrn wache über mir im Himmel so treu, wie du auf Erden für mich wachst und sorgst.«

Einen Moment schloß der Priester die Augen, dann nickte er, leise lächelnd, und sprach: »Das ist auch mein Gebet.« Geräuschlos glitt er über die Schwelle.

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