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Gelimer

Felix Dahn: Gelimer - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleGelimer
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Erstes Buch.

Vor dem Krieg

Erstes Kapitel

An Cornelius Cethegus Cäsarius ein Freund.

»Lieber an dich denn an alle anderen Menschen schicke ich diese Aufzeichnungen. Warum? Vor allem, weil ich nicht weiß, wo du weilest, die Sendung also recht wahrscheinlich verloren geht. Und das wäre wohl das Beste! Zumal für diejenigen, welchen dann erspart bliebe, diese Blätter zu lesen! Aber auch für mich ist es gut, wenn diese Zeilen irgendwo anders liegen – oder irgendwo anders verloren werden – als hier. Denn fallen sie hier, zu Byzanz, in gewisse kleine, zierliche, sehr beflissen gepflegte Hände, so winken diese Hände vielleicht anmutvoll, mir den Kopf abzuschlagen; oder sonst etwas Wertvolles, woran ich seit der Geburt gewöhnt bin.

Schicke ich aber diese Wahrheiten von hier in das Abendland, so werden sie nicht so leicht erhascht von jenen gefährlichen Fingerlein, die alles, was in der Hauptstadt verheimlicht wird, finden, wenn sie ernstlich suchen.

Ob du in deinem Haus, am Fuß des Kapitols, ob bei der Regentin zu Ravenna weilst, – ich weiß es nicht: aber ich sende dies nach Rom: denn nach Rom fliegen meine Gedanken, suchen sie Cethegus. – Du spottest: weshalb ich schreibe, was zu schreiben so gefährlich ist? Weil ich muß! Ich preise – furchtgezwungen – laut mit dem Munde so viele Menschen und Dinge, die ich im Herzen tadle, daß ich die Wahrheit wenigstens schriftlich und leise bekennen muß. Nun könnte ich es ja ärgerlich niederschreiben, lesen, mich nochmal ärgern und dann die Blätter in das Meer werfen, – meinst du. Aber sieh' – und das ist der andere Grund dieser Sendung – eitel bin ich auch.

Der gescheiteste Mann, den ich kenne, soll lesen, soll loben, was ich schreibe, soll wissen, daß ich nicht so thöricht war, alles rühmenswert zu finden, was ich rühme. Später aber kann ich die Aufzeichnungen – wenn sie nicht verloren – vielleicht noch brauchen, wann ich einmal die wahre Geschichte schreiben werde der merkwürdigen Dinge, die ich erlebt habe und – demnächst – erleben werde. Bewahre sie also auf, diese Blätter, falls sie an dich gelangen: es sind nicht so fast Briefe: es ist etwas wie ein Tagebuch, was ich dir da sende.

Antwort erwarte ich nicht von dir. Cethegus bedarf meiner nicht – dermalen: – wie sollte mir Cethegus schreiben –: dermalen? Vielleicht aber erfahre ich dein Urteil bald aus deinem Munde. Du staunst?

Freilich haben wir uns nicht mehr gesehen seit den gemeinsamen Studien zu Athen. Aber vielleicht such' ich Dich bald auf in Deinem Italien. Denn es will mich bedünken: er ist nur das Vorspiel zu dem Kampfe mit euren Zwingherren, den Ostgoten, dieser jetzt – heute! – beschlossene Krieg mit den Vandalen.

Da hab' ich es hingeschrieben, das schicksalschwere Wort, das große Geheimnis, um welches erst so wenige wissen.

Es ist doch ein eigen Ding, in scharfen Buchstaben verzeichnet vor sich zu sehen ein furchtbar Geschick, blut- und thränenreich, das noch kein anderer ahnt: dann fühlt sich der Staatsmann wohl dem Gotte nah, welcher den Blitz rüstet, der demnächst herabsausen wird auf fröhliche Menschen.

Jämmerlicher, schwacher, sterblicher Gott! Wirst du treffen? Wird nicht der Strahl abprallen und auf dich zurückfahren? Der Halbgott Justinian und die Vollgöttin Theodora haben diesen Blitz gezückt: der Adler Belisarius wird ihn tragen: wir brechen auf nach Afrika: Krieg mit den Vandalen!

Nun weißt du zwar viel, o Cethegus. Aber du weißt doch wohl nicht alles: wenigstens nicht alles von den Vandalen. Lerne es also von mir. Ich weiß es. Denn ich werde dafür bezahlt: ich habe in den letzten Monaten den beiden Göttern – und dem Adler – Vorträge halten müssen über diese blondhaarigen Thoren. Wem aber der Himmel Vorträge auferlegt, dem giebt er auch den für dieselbigen erforderlichen Verstand. Blick' auf die Professoren zu Athen: seit Justinian ihnen die Hörsäle geschlossen –, wer hält sie noch für weise?

Also vernimm: die Vandalen sind Vettern eurer lieben Herren, der Ostgoten. Vor hundert Jahren etwa kamen sie – zusammen, Männer, Weiber, Kinder, ungefähr fünfzigtausend Köpfe – aus Hispanien nach Afrika. Ein fürchterlicher König führte sie: Geiserich hieß er und war des Hunnen Attila würdiger Genoß. Er schlug die Römer in schweren Feldschlachten, nahm Karthago, plünderte Rom. Er ward nie besiegt. Die Krone vererbt in seinem Geschlecht, den Asdingen, die als von den Heidengöttern der Germanen entsprossen gelten: stets der Älteste des ganzen Mannesstammes besteigt den Thron.

Aber Geiserichs Nachkommen haben nur sein Scepter geerbt, nicht seine Größe. Die Katholiken in ihrem Reich – die Vandalen sind Ketzer, Arianer – haben sie auf das grausamste verfolgt: das war noch dümmer als es ungerecht war. So ungerecht war es gerade nicht: sie wandten nur wider die Katholiken, die Römer, in ihrem Reiche genau dieselben Gesetze an, welche die Kaiser im Römerreiche vorher wider die Arianer erlassen hatten und anwandten. Aber dumm war es, sehr. Was können uns im Römerreiche die wenigen Arianer schaden? Aber die vielen Katholiken im Vandalenreich, die könnten dieses Reich umwerfen, wenn sie sich nur rührten. Freilich: von selbst rühren sie sich nicht. Aber wir kommen, um sie aufzurühren.

Werden wir siegen? Viel spricht dafür. König Hilderich hat lang in Byzanz gelebt und soll hier heimlich zu dem katholischen Glauben übergetreten sein: er ist Justinians Freund: dieser Urenkel Geiserichs verabscheut den Krieg. Er hat gegen sein eigenes Reich den schwersten Schlag geführt, indem er dessen beste Stütze, die Freundschaft mit den Ostgoten in Italien, in tödliche Feindschaft verwandelte. Der weise König Theoderich zu Ravenna hatte mit dem vorletzten Vandalenkönig, Thrasamund, Hilderichs Vorgänger, Freundschaft und Schwägerschaft geschlossen, ihm seine schöne geistvolle Schwester Amalafrida vermählt und dieser als Mitgift außer vielen Schätzen das Vorgebirge Lilybäum auf Sicilien, für das Vandalenreich sehr wichtig, Karthago gerade gegenüber, geschenkt: dazu aber als dauernde Waffenhilfe wider die Mauren – und wohl auch gegen uns! – eine Gefolgschaft von tausend erlesenen gotischen Kriegern, von denen jeder wieder je fünf tapfere Leute zur Begleitung hatte. Kaum war Hilderich König, als die Witwe Amalafrida des Hochverrats wider ihn bezichtigt und mit dem Tode bedroht ward.

Wenn diesen Hochverrat nicht Justinianus und Theodora ersonnen haben, kenn' ich meine angebeteten Herrscher schlecht: ich sah das Lächeln, mit welchem sie die Nachricht aus Karthago aufnahmen: es war der Triumph des Vogelstellers, der sein Schlaggarn über dem gefangenen Vögelein zusammenklappen läßt!

Es gelang Amalafridas Goten, sie aus der Haft zu befreien und ihre Flucht zu begleiten: sie wollte bei befreundeten Mauren Schutz suchen: aber auf der Flucht wurden sie von des Königs beiden Neffen mit Übermacht eingeholt und angegriffen: die treuen Goten fochten und fielen, alle sechstausend beinahe, Mann für Mann, die Fürstin ward gefangen und im Kerker ermordet. Seither grimmer Haß zwischen beiden Völkern: die Goten nahmen Lilybäum zurück und werfen von da aus Blicke der Rachsucht auf Karthago. Das ist König Hilderichs einzige Regierungsthat! – Seitdem hat er vollends erkannt, daß es für sein Volk das allerbeste ist, sich uns zu unterwerfen. Aber er ist fast ein Greis und sein Vetter – leider der allein berechtigte Thronfolger – ist unser schlimmster Feind.

Er heißt Gelimer.

Nie darf er König zu Karthago werden! Er gilt als Hort und Held, ja als die Seele der Volkskraft der Vandalen. Er zuerst hat wieder die Eingebornen geschlagen, die Mauren, jene Söhne der Wüste, die den schwachen Nachfolgern Geiserichs sich stets überlegen erwiesen hatten!

Allein dieser Gelimer ... – es ist mir nicht möglich, aus den widerstreitenden Berichten ein Bild von ihm zu gewinnen. Oder könnte wirklich ein Germane solche Widersprüche in Geist und Wesen tragen? Sind ja doch alle nur Kinder, wenn auch siebentehalb Schuh hoch aufgeschossene: Riesen – mit Knabenseelen. Einen einzigen Inhalt haben sie – fast alle – nur, sonder Zwiespalt oder Gegensatz: Raufen und Saufen. Dieser Gelimer aber – nun, wir werden sehen.

Auch über das ganze Volk der Vandalen sind scharf widersprechende Würdigungen im Umlauf hier.

Nach den einen sind sie furchtbare Gegner im Kampfe – wie alle Germanen – und wie Geiserichs Vandalen ohne Zweifel gewesen sind. Nach anderen Berichten aber sind sie im Laufe von drei Menschenaltern unter der heißen Sonne Afrikas und zumal im Zusammenleben mit unseren dortigen Provinzialen – wie du weißt dem liederlichsten und kernfaulsten Gesindel, das je den Römernamen geschändet hat, – verweichlicht, selber angefault, entartet. Held Belisar natürlich verachtet diesen Feind: wie jeden andern, den er kennt und – nicht kennt.

Mir haben die Götter den geheimen Briefwechsel übertragen, der das Gelingen vorbereiten soll.

Ich erwarte nun wichtige Nachrichten: von vielen Häuptlingen der Mauren – von dem vandalischen Statthalter auf Sardinien – von euren ostgotischen Grafen auf Sicilien – von dem reichsten, einflußgewaltigsten Senator in Tripolis: ja sogar von einem der höchsten Geistlichen – es ist schwer zu glauben! – der ketzerischen Kirche selbst. Letzteres wäre ein Meisterstück.– Freilich ist er nicht Vandale, sondern Römer! – Gleichwohl! Ein arianischer Priester mit uns im Bunde! Ich traue es doch beinahe unsern Herrschern zu! Du weißt, wie scharf ich ihr Walten im Innern unseres Reiches verwerfe, – aber wo es höchste »Staatskunst« gilt, das heißt: Verräter zu gewinnen in dem vertrautesten Rat anderer Herrscher und so die Listigsten zu überlisten, – da beug' ich bewundernd meine Knie vor diesen beiden Göttern der Arglist. Wenn nur – –.

Ein Brief Belisars ruft mich in das goldne Haus: »Schlimme Nachrichten aus Afrika! Der Krieg ist wieder höchst zweifelhaft. Die scheinbaren Verräter dort drüben haben nicht die Vandalen, sondern Justinian verraten. Das kommt von solchen falschen Listen. Hilf, rate! Belisarius.«

Wie? Ich glaube doch, die geheimen Briefe aus Karthago kämen – durch den verkleideten Boten – nur an mich? Und erst durch mich an den Kaiser? So befahl er ausdrücklich: ich hab's selbst gelesen. Und doch noch geheimere, – von denen ich nur zufällig, hinterdrein, erfahre? – Das ist dein Gewebe, o Dämonodora!«

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