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Gelimer

Felix Dahn: Gelimer - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleGelimer
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Elftes Kapitel.

Noch immer lastete die Schwüle eines afrikanischen Sommertags über dem ganzen Hain, obwohl die Sonne längst ins Meer getaucht und die hier nur kurz anhaltende Dämmerung dem Dunkel der Nacht gewichen war. Aber schon stieg leuchtend der Vollmond über die Palmenwipfel empor und ergoß sein magisches Licht über Bäume, Sträucher, Wiesen und Wasser, über die phantastisch aus dunkelstem Schwarzgrün der Gebüsche hervorleuchtenden Marmorstatuen und die Verkleidung der Gebäude aus meist auch weißem oder hellfarbigem Gesteinwerk. –

In den entlegenen Teilen des Haines herrschte allein dies sanfte silberne Licht Dianens und hier waltete tiefe keusche, ahnungsvolle Stille, nur durch den Ruf eines Nachtvogels hier und da gestört. Aber in der Nähe des Thores, in den zwei großen Hauptgebäuden, auf dem Rasen, in den Gärten um sie her wogte wilder Lärm von vielen Tausenden. Alle Instrumente, welche die Zeit kannte, schallten mißtönend, einander übertönend zusammen. Die Schreie der Lust, des Rausches oder auch der Wut, des zornigen Streites erklangen in römischer, griechischer, maurischer, zumeist aber in vandalischer Sprache. Denn vielleicht der größte und jedenfalls der lärmendste Teil der »Gäste des Haines«, wie sich die Genossen dieser Lüste nannten, war dem Stamm der Eroberer angehörig, die hier ihre ganze Genußgier und Genußkraft austobten.

Durch das Südthor schritten auf der breiten Heerstraße nach dem Cirkus zu zwei Männer in strenggermanischer Tracht. Das fiel hier auf: denn von den Vandalen fast alle – ausgenommen das Königsgeschlecht – hatten die germanische Gewandung, ja auch die nationalen Waffen entweder ganz mit den römischen vertauscht oder doch aus Bequemlichkeit, Weichlichkeit, Putzsucht das eine oder andere Stück römischer Tracht angenommen. Aber diese beiden Männer trugen nur germanische Mäntel, Sturmhauben und Waffen.

»Welch wüstes Geschrei! Welch Gedräng und Gewoge!« sprach der Älteste von ihnen, von mittelhohem Wuchs, der mit klugen, scharfen Blicken alles musterte, was um ihn her vorging. »Und am wüstesten,« erwiderte der andere, »am wildesten brüllen nicht die Römer, sondern unsre lieben Vettern –.« – »Hatt' ich nicht recht, Freund Theudigisel? Hier, unter dem Volke selbst, lernen wir mehr für unsern Zweck, erhalten bessere Auskunft in einer Nacht, als wenn wir viele Monde mit diesem buchgelehrten König Briefe wechseln.« – »Es ist unglaublich, was man hier mit Augen sieht!«

Da schlugen von rückwärts, vom Thore her, laute Rufe an ihr Ohr. Zwei Neger, nackt bis auf einen Schurz von Pfauenfedern um die Lenden, suchten, goldene Stäbe um ihre kraushaarigen Köpfe schwingend, Platz zu schaffen, offenbar als Vorläufer Bahn zu brechen einem hinter ihnen folgenden Aufzug. »Gebet Raum,« schrien sie unaufhörlich, »gebet Raum für Modigisel, den Edeling.« Aber es gelang ihnen nicht, das Gedränge zu durchbrechen, ihre Rufe lockten noch mehr Neugierige heran. So setzten denn die ihnen folgenden acht gleich wie sie oder gleichmäßig nicht gekleideten Mohren ihre wankende Last notgedrungen nieder: eine reich vergoldete, halboffene Sänfte. Sie hatte eine Rückwand, aus schmalen Purpurpolstern zusammengefügt, von gequerten Elfenbeinstäben umrahmt und gehalten: herab von den Knäufen der Elfenbeinsäulchen nickten weiße Straußenfedern und das Rosa des Flamingo. »He, guter Freund« – so wandte sich der jüngere der beiden Fremden an den Insassen der Sänfte, einen hellblonden Vandalen von etwa siebenundzwanzig Jahren in glänzend weißem, reich mit Gold und Edelsteinen besetztem Seidengewand – »geht das bei euch jede Nacht so lustig her!?« Der Gefragte war sichtlich erstaunt, daß man sich erdreiste, ihn so ohne weiteres anzureden. Er öffnete mühsam zwei schläfrige Augen und wandte sich zu seiner Begleiterin: – denn nun erst ward neben ihm sichtbar ein junges Weib, von überwältigender Schönheit, aber in fast allzuüppiger Fülle strotzend, in reichem, aber maßlos überladenem Schmuck. Ihre weiße Haut war wie von mattem gelbem Schimmer überzogen: der Ausdruck des streng regelmäßig, wie mit dem Zirkel abgemessenen, schönen, aber starren sphinxähnlichen Gesichts war, ohne jede Andeutung von Geist oder Seele, die leicht ermüdete, aber nicht gesättigte Sinnlichkeit: sie glich einem wunderbar schönen, aber sehr unheimlichen Tier. So wirkten diese Reize mehr bewältigend, betäubend, als anmutend: dazu kam, daß die wenig verhüllte junonische Gestalt mit Gold nicht geschmückt, sondern mit goldenen Ketten, Reifen, Ringen, Zierplatten behängen und belastet war.

»Oh – Ah! – Ich sage! – Astarte!« lispelte ihr Begleiter mit künstlich verhaltener Sprechweise – er hatte von einem griechisch-römischen Stutzer aus Byzanz gehört, es sei guter Ton, so leise zu sprechen, daß man nicht verstanden werde. – »Vogelscheuchen, die beiden, eh?« Und er schob, – und seufzte über die Anstrengung hierbei – den dicken Rosenkranz in die Höhe, der ihm von der Stirn über die Augen gefallen war. »So wie man Geiserich schildert und seine Graubärte! Sieh nur – ah! – der eine hat ein Wolfsfell als Mantel. – Der andere trägt – im Hain der Venus! – einen wuchtigen Speer! – Ihr solltet euch – dort – im Cirkus – für Geld sehen lassen, Ungetüme!«

Der jüngere Fremde fuhr, zorngemut, ans Schwert: »Wüßtest du, wen ... –«

Aber der Ältere winkte ihm bedeutungsvoll, zu schweigen.

»Ihr müßt freilich weit hergekommen sein,« fuhr der Vandale, durch die Fremden offenbar erheitert, fort, »daß ihr solche Fragen thut. In diesem Hain der Liebesgöttin geht es jede Nacht so her. Nur heute noch ein wenig lustiger. Der reichste Edeling hält Hochzeit heut! Und ganz Karthago hat er eingeladen.«

Da richtete sich die Üppige an seiner Seite ein wenig auf: »Was verplauderst du die Zeit mit diesen Sylvanen? Sieh, der See erglänzt bereits in rotem Licht. Die Gondelfahrt beginnt! Ich will ihn gleich sehn, den schönen Thrasarich.« Und jetzt belebten sich – bei diesem Namen – die starren Züge: die großen, nachtdunkeln, undurchdringbaren Augen schossen einen heißen, suchenden Blick in die Ferne: – dann senkten sich wieder die langen, schattenden Wimpern. Sie lehnte das Haupt zurück an die Purpurpolster: mehr als zwei Hände hoch stieg das tiefschwarze Haar vom Wirbel empor, hoch aufgetürmt, von fünf sich verjüngenden durch Silberkettchen miteinander verbundenen Goldreifen umschlossen: aber dieses prachtvolle Haar, so gewaltig es war, glich wegen der dicken Steifheit der einzelnen Haare allzusehr der Mähne eines üppigen Rosses.

»Willst du nicht,« schrie der Begleiter mit solcher Kraft der Stimme, daß sich das frühere näselnde Gewisper als ärgste Affektation erwies, »willst du nicht, Astarte, du unersättliches Unheil, noch einstweilen mit dem minder schönen Modigisel fürlieb nehmen? Später kann man's ja – ändern. Du wirst zu keck seit deiner Freilassung.« Und er stieß ihr den Ellbogen in die Seite. Es sollte wohl zärtlich sein. Aber die Karthagerin hob, kaum merklich, die Oberlippe, nur die kleinen weißen Schneidezähne wurden sichtbar. Es war bloß ein leichtes Zucken. Aber es erinnerte an die großen bösen Katzen ihrer Heimat, zumal sie dabei, wie ein leicht gereizter Tiger, die Augen mit Gewalt zusammendrückte und den prachtvollen runden Kopf vom Kinn ab leicht in die Höhe hob, wie künftige Rache schweigend gelobend. – –

Modigisel hatte es nicht bemerkt. »Ich gehorche, göttliche Herrin,« näselte er nun wieder im elegantesten Ton. »Vorwärts!« Und da die armen Schwarzen – so vollendet hatte er den modernsten Ton getroffen! – ihn wirklich gar nicht gehört, brüllte er nun wie ein Bär: »Vorwärts, ihr Hunde, sag' ich!« Und mit einer Kraft, die man dem Rosenumkränzten nicht zugetraut hätte, schlug er mit der Faust den nächsten Sklaven in den Rücken, daß er stürzte. Ohne einen Laut stand der Mann wieder auf und faßte mit den sieben andern die dicht vergoldeten Tragstangen: bald war die Sänfte im Gewühl verschwunden.

»Hast du die gesehen?« fragte der jüngere Fremde, der mit dem Wolfsfell. »Ja. Wie ein schwarzer Panther, oder wie dies Land: schön, heiß, tückisch und tödlich. – Komm, Theudigisel! Laß uns auch an den See! Da sammeln sich die meisten Vandalen. Da lernen wir sie vollends kennen! – Hier, durch den Rasen, führt ein kürzerer Fußpfad.« – »Halt, stolpre nicht, o Herr! Was liegt da, – quer über den Weg?« – »Ein Krieger – in vollen Waffen – ein Vandale.« – »Und im tiefsten Schlaf! Bei diesem Lärm!«

»Er muß sehr trunken sein!« – Der Ältere stieß den Liegenden an mit dem Schaftende des Speeres. »Wer bist du, Mann?«

»Ich? – Ich?« – Der so Aufgeschreckte stützte sich auf einen Ellbogen: – er sann unverkennbar angestrengt nach. »Ich glaube, ich bin – Gunthamund, Guntharichs Sohn.« – »Was thust du hier?« – »Du siehst es ja: ich wache. – Was lacht ihr? Ich wache, daß in dem Haine keine Feste mehr ... – Wo sind die andern? – Habt ihr nicht Wein? Mich dürstet arg.« – Und er sank zurück in den hohen, weichen Rasen.

»Das also sind die Wachen der Vandalen! – Rätst du noch immer, mein tapfrer Herzog, wie du rietest – jenseit des Meeres?« Kopfschüttelnd, schweigend folgte der andere. Sie verschwanden in dem Gewoge von Menschen, das sich nun von allen Seiten gegen den See hin drängte.

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