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Gelimer

Felix Dahn: Gelimer - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleGelimer
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Zehntes Kapitel.

Während die »Unterstadt« Karthago nach Norden in den Hafen, nach Westen in die Vorstadt Aklas, die »numidische«, nach Osten in die »tripolitanische Vorstadt« auslief, erstreckte sich unmittelbar von ihrem Südthor, über zwei Stunden lang und über eine Stunde breit, der wiederholt genannte »Hain der Venus« oder »der heiligen Jungfrau«: schon seit alter heidnischer Zeit der Schauplatz und Tummelplatz jener Üppigkeiten und Lüste, die sprichwörtlich waren im ganzen Römerreich: »afrikanisch« sagte man, wollte man das Maßloseste dieser Art bezeichnen.

Ursprünglich hatte die ganze Küste der Meeresbucht hier, getränkt von der Feuchte der Seewinde, dichter Wald bedeckt. Der größte Teil desselben hatte längst der sich ausbreitenden Stadt weichen müssen: jedoch ein ansehnlicher Rest war auf Befehl der Kaiser erhalten und seit Jahrhunderten umgestaltet worden in einen mit aller Kunst und aller Verschwendung der Cäsarenzeit gepflegten herrlichen Park.

Den Hauptbestand desselben bildete die von den Phönikern eingeführte Dattelpalme, die, wie der Araber sagt, als Königin der Wüste die Füße gern in feuchten Sand taucht, aber das Haupt in das Feuer der Sonne. Sie gedieh daher prächtig hier und hob in hundert Jahren des Wachstums die schlanken Säulenschäfte ihrer Stämme bis zu fünfzig Fuß Höhe; senkrecht vermochte kein Sonnenstrahl zu dringen durch das Dach der schräg geneigten Blätter jener grünen Kronen, welche im Winde wunderlieblich, wie träumerisch, säuseln und nicken, einlullend, einladend, zu schlafen, zu widerstandslosem Behagen, zu schwankendem Wiegen, in verträumten Gedanken. –

Aber sie standen in so weiten Zwischenräumen, daß Licht und Luft von seitwärts durchziehen konnten und daß auch niedrigere Bäume, – so die Zwergpalme – daß Sträucher und Blumen trefflich gediehen unter dem Schirm der hochragenden Wipfel. Neben den Palmen hatte zuerst die Menschenhand, bald aber die unvergleichlich üppige Natur hier ähnliche andere Edelbäume gepflanzt und gepflegt: die Platane mit der hellglänzenden Rinde wie die Plastische Pinie, die Cypresse wie den Lorbeer, die Olive, welche den Salzhauch des Meeres liebt, die Quitte mit den duftigen Früchten, die Granate, hier so sehr heimisch, daß die Frucht »der karthagische Apfel« hieß, während Feigen, Citrusbäume, Aprikosen, Pfirsiche, Mandeln, Kastanien, Pistazien, Terebinthen, Kytisus, Oleander und Myrten, bald als mächtige Stämme, bald als Gebüsch gleichsam das Unterholz des herrlichen Palmenhochwalds bildeten.

Und die kaum je wieder erreichte Gartenkunst der römischen Kaiserzeit hatte, mit Hilfe der Berieselung, die großartige Wasserleitungen ermöglichten, hier, hart am Saum der freilich fälschlich so genannten »Wüste«, – richtiger Steppe: denn die »Wüste« lag viel tiefer im Innern – Wunder der Schönheit geschaffen: vor allem einen üppig grünenden, dichten Rasen, der sogar in diesen heißesten Tagen des Jahres kaum versengte Strecken zeigte. Aus den zahlreichen Beeten hatte der Wind die Samen der Blumen entführt und überall glänzten nun auch aus dem Rasen hervor die Blüten in jenen prangenden, brennenden Farben, mit welchen die afrikanische Sonne zu malen liebt.

Die Blumenanlagen, die durch den ganzen Hain verbreitet waren, litten übrigens an einer gewissen Eintönigkeit: die Mannigfaltigkeit der Arten, welche heute unsere Gärten schmückt, fehlte hier: Rosen, Liliaceen, Narcissen, Veilchenarten und Anemonen kamen fast allein vor: aber diese freilich in zahlreichen Spielarten, in künstlich erzeugten Farben, oft zum Flor gebracht vor oder nach ihrer natürlichen Blütezeit. Man suchte durch ungeheure nebeneinander gehäufte Mengen der gleichen Art zu wirken. So waren die dicht wuchernden Beete der weißen und der feuerfarbenen Lilie hier oft fünfzig, hundert Schritte lang oder breit; vom warmen Winde ward ein süßer, aber allzustarker, fast betäubender Duft aus den strotzenden Kelchen getragen.

In dieser Welt von Bäumen, Büschen und Blumen hatten nun die Verschwendung der Kaiser, die früher oft hier residiert, die Statthalter und noch viel mehr die Stiftungen von reichen Bürgern Karthagos aufgeführt eine unübersehbare Fülle von Bauwerken jeder Art. Seit Jahrhunderten hatte ein schöner Patriotismus, eine gewisse Ehrenpflicht, auch oft Eitelkeit und Prahlerei und Durst nach Verewigung des Namens, reiche Bürger der Stadt veranlaßt, durch gemeinnützige Bauten, Anlagen und schmückende Denkmäler ihr Andenken lebendig zu erhalten. Dieser Lokalpatriotismus antiken Städtebürgertums war auch damals in seinen guten und rühmlichen wie in seinen kleinlichen Beweggründen noch keineswegs ausgestorben. So prangten denn hier, abgesehen von den ernsten Grabdenkmälern, welche die beiden Seiten der breiten, den Hain schnurgerade von Nord nach Süd durchschneidenden Legionenstraße, nur von geringen Zwischenräumen unterbrochen, säumten, Bauten jeder Art: ferner Bäder, Teiche, kleine Seeen mit Wasserkünsten, mit Marmorquais und zierlichen Häfen für die zierlichen Lustgondeln, Cirkusgebäude, Amphitheater, Schaubühnen, Stadien für Athletenkämpfe, Hippodrome, offene Säulenhallen, Tempel mit allen ihren oft zahlreichen und weitläufigen Nebengebäuden in reichster Fülle über den ganzen Park zerstreut.

Aphrodite, Venus war ursprünglich der Hain geweiht gewesen: dieser Göttin Statuen und die des Eros waren daher noch immer die häufigsten in dem weiten Gefilde: mancher solchen Gestalt hatte freilich der christliche Eifer den Kopf, die Brüste, die Nase, manchem Eros den Bogen zerschlagen. Viele der Heidentempel hatte man seit Constantin, mit den erforderlichen Änderungen, in christliche Oratorien und Kirchen umgeschaffen, aber keineswegs alle: und diese ehemaligen Tempel, dem heidnischen Gottesdienst entzogen, dem christlichen nicht zugewendet, waren mit ihren besonderen Gärtlein, Lauben und Grotten nun seit zwei Jahrhunderten die Stätten gar manchen Lasters, des Spieles, der Trunksucht und noch schlimmerer geworden. Die Götter waren verjagt: – die Dämonen waren eingezogen.

Unter den mehr als hundert Gebäuden des Haines ragten hervor zwei nahe dem »Südthor« der Stadt gelegene: der »alte Cirkus« und, dicht daneben, das »Amphitheater des Theodosius«.

Der »alte Cirkus« war angelegt worden in der Blütezeit Karthagos: und auf die damalige starke Bevölkerung war der ganze gewaltige Bau, war die Zahl der Sitzplätze – achtzigtausend – berechnet. Jetzt freilich standen die meisten Sitzreihen völlig leer: – gar viele römische Familien waren seit der vandalischen Eroberung ausgewandert, vertrieben, verbannt worden. Und die reiche Bronzeverzierung der Einzelplätze, der Sitzreihen und der Logen war oft zerbrochen, oft wohl auch geraubt: aber nicht von den Vandalen, die sich mit solchen Kleinigkeiten nicht abgaben: sondern von römischen Stadtbewohnern und von den nächsten Bauern, die sogar die Marmorquadern aus den Gebäuden des Haines brachen und entführten. Der granitne Unterbau – ein zweifaches Stockwerk hochgewölbter Bogen – trug die marmornen Sitzreihen, die im Innern amphitheatralisch aufstiegen. Von außen war der Cirkus umgeben von Arkaden mit zahlreichen Eingängen und Freitreppen neben den Nischen, welch letztere als Kaufläden und zumal als Tavernen, als Garküchen, Weinschenken, Obstbuden und Speisestuben dienten. Hier lungerte stets, nachts und tags, viel übles Volk: aus den größeren, die durch Vorhänge den Blicken der Vorübergehenden entzogen waren, klangen Cymbeln, Handpauken, Kastagnetten und verrieten, daß drinnen gegen ein paar Kupfermünzen Syrerinnen und Ägypterinnen ihre üppigen Tänze zur Schau boten. Südlich von dem Cirkus lag ein weiter durch Meerwasser aus dem »Stagnum« gespeister See, dessen ganzer Inhalt abgeleitet werden konnte in das unmittelbar daranstoßende Amphitheater.

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