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Gelimer

Felix Dahn: Gelimer - Kapitel 10
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typefiction
authorFelix Dahn
titleGelimer
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Neuntes Kapitel

Einstweilen betrieb König Gelimer mit aller Kraft die Vorbereitungen zu dem drohenden Kampfe. Viel, allzuviel fand er dafür zu thun. Der König, sich die Oberleitung vorbehaltend und überall eingreifend, wo es not that, hatte Zazo die Fürsorge für die Herstellung der Flotte, Gibamund die des Heeres überwiesen.

Am Abend eines schwülen Augusttages nahm er ihre zusammenfassenden Berichte entgegen. Die drei Brüder waren versammelt in dem großen Thron- und Waffensaal des Königshauses, in welches Gelimer nun übergesiedelt war; die offenen Fensterbogen gewahrten prachtvollen Ausblick über die Häfen hinweg nach der See: der Nordwind führte einen erfrischenden Hauch her von der Salzflut.

Dieser Teil der alten Hochburg war von den Vandalenkönigen neu gestaltet, umgebaut worden nach den Bedürfnissen des Lebens an einem germanischen Königshof. Die griechische Rundsäule war hier, in Nachahmung des germanischen Holzbaues der heimischen Halle, ersetzt durch gewaltige viereckige Pfeiler von braunem und rotem Marmor, wie ihn Afrika in reichster Auswahl darbot, das Dach war getäfelt mit buntbemaltem oder gebeiztem Holzwerk; und an Stein wie Holz war, außer der Hausmarke der Asdingen, dem von einem Pfeil gequerten Runen-A, noch manch andere Rune, aber auch mancher kurze Spruch in den gotischen Buchstaben Ulfilas angebracht an den Gesimsen. Kostbare seidene Vorhänge von Purpurfarbe wallten an den offenen Fensterbogen; die Wände zeigten Platten geschliffenen Marmors in buntester Abwechslung der oft grellen Farben: denn der barbarische Geschmack liebte das Bunte; der Estrich war aus kunstreichen Mosaiken zusammengesetzt: aber roh und wenig passend: Geiserich hatte ganz einfach die farbenreichsten Muster, die er aus den Palästen des geplünderten Rom neben Statuen und Reliefs in ganzen Schiffsladungen davongeschleppt, ohne viel Auswahl hier aneinander fügen lassen.

Der Seeseite entgegengesetzt erhob sich auf fünf Stufen ein stolzer Aufbau: der Thronsitz Geiserichs. Die Stufen waren sehr breit: sie waren bestimmt, die riesige Gefolgschaft des Königs, die Palatinen und Gardinge, die Tausend- und Hundertführer aufzunehmen, abgestuft je nach ihrem Rang und nach der Gunst des Herrschers. – Wann sie alle, in ihrer reichen phantastisch aus Germanischem und Römischem gemischten Tracht und Waffenrüstung, hier dicht um den König geschart und gedrängt gestanden, umflattert von den vandalischen Fahnen von scharlachroter Seide, und wann von dem hohen Purpurthron, aus dessen zeltgleichem Baldachin ein frei an einer Schnur schwebender goldener Drache herabhing, – wann von diesem Thronsitz, zu dessen Füßen als symbolischer Tribut besiegter Maurenfürsten schuhhoch Löwen- und Tigerfelle gehäuft lagen, der gewaltige Seekönig sich erhoben hatte, die von seinem Freund Attila geschenkte, siebensträngige Geißel mit zornigen Drohworten um das mächtige Haupt schwingend, – da hatte gar manchem Gesandten der Kaiser die vorbereitete hochfahrende Rede versagt.

Den reichsten Schmuck des in seinem gewaltigen Prunk Augen verwirrenden Raumes bildeten aber die ungezählten Waffen jeder Art und jedes Volkes: – germanische, römische, maurische zumeist, aber auch aller andern Inseln und Küsten, welche die Raubschiffe des Seekönigs hatten heimsuchen können – bedeckten allüberall Pfeiler und Wände; ja die Schilde und Brünnen waren sogar wagerecht über die ganze Saaldecke verbreitet. Und ein seltsames, blendendes Licht strömte jetzt all' dies Erz, Silber und Gold von den Seiten und von vorn funkelnd von sich aus, als vom Nordwesten die schrägen Strahlen der sinkenden Sonne hereindrangen in den Waffensaal.

Ein breiter Tisch von weißem Marmor war ganz bedeckt mit Pergament- und mit Papyrusrollen, die Listen der Tausendschaften und Hundertschaften, Zeichnungen von Schiffen, auch Karten des Vandalenreichs, Seekarten der Bucht von Gades und des tyrrhenischen Meeres enthielten.

»Du hast in diesen Wochen, da ich fern im Westen weilte, die Vandalen von dort hierher zu ziehen, mehr als das Mögliche geleistet, Zazo,« sprach der König, eine Wachstafel niederlegend, auf welcher er Zahlen zusammengestellt hatte. »Zwar lange, lange nicht die Zahl und die Stärke der Schiffe erreichen wir, die weiland ›den vandalischen Schrecken‹ an alle Gestade trugen. Aber zur Verteidigung der eigenen Küste, zur Abwehr einer Landung werden diese hundertfünfzig Segel genügen, falls auf der Flotte und noch mehr: hinter ihr, auf dem Strand ein ausreichendes Fußvolk steht.«

»Nein, seufze nicht, mein Gibamund,« fiel Zazo ein, »Der Bruder weiß es: nicht du trägst die Schuld, daß das Heer nicht ist – nicht leistet, was –«

»Ah,« rief Gibamund zornig, »es ist umsonst! Wie sehr ich mich mühe: sie wollen nicht! Sie wollen trinken und baden und schmausen und reiten und Cirkusspiele schaun, in jenem verfluchten Hain der Venus allem fröhnen, was Mannesmark verzehren mag.« »Von gestern an,« sprach der König, »ist aber dieser Greuel zu Ende.« »Viel kannst du, o Gelimer,« meinte Zazo kopfschüttelnd – »Unglaubliches hast du geschafft, seit du diese schwere Krone trägst: – aber den Venushain reinigen... –« »Nicht reinigen: sperren!« erwiderte der König streng. »Seit gestern ist er geschlossen.« »Ich muß wieder klagen, anklagen gar viele,« fuhr Gibamund fort, »zumal die Edelinge. Sie weigern sich, zu Fuß zu fechten, die Übungen des Fußvolks mitzumachen. Du weißt – bitter fehlt es uns an Fußvolk! – Sie berufen sich auf Privilegien, die ihnen schwache Könige verliehen. Sie sagen: sie brauchen gar nicht selbst in den Heerbann des Fußvolks zu treten. Hilderich hat jedem Vandalen verstattet, sich loszukaufen, wenn er zwei geworbene maurische oder andere Söldner stellt.« – »Ich habe diese Privilegien aufgehoben.« »Ja, wohl! Und Heller Aufruhr tobte, Blut floß während deiner Abwesenheit um deswillen in den Straßen von Karthago,« zürnte Zazo. »Aber das Schlimmste ist: sie können gar nicht mehr zu Fuß kämpfen, diese verweichlichten Edelinge und die reicheren Gemeinfreien. Sie können, sagen sie, – und leider ist es wahr! – die schweren Helme, Brünnen, Schilde, Speere nicht mehr tragen, die wuchtigen Wurflanzen nicht mehr schleudern, welche ich aus Geiserichs Rüsthäusern wieder hervorholte.«

»Sie sind ja verpflichtet,« warf Zazo ein, »sich selbst zu bewaffnen. Warum also –?« – »Weil die meisten die alten Siegeswaffen verkauft, vertauscht haben gegen Schmuck oder Wein oder Leckerbissen oder Sklavinnen. Oder gegen Waffen, welche Zier- und Spielzeug sind. Mit diesem Tand laß ich keinen mehr in die Zehnschaft treten. Und bis sie selbst sich genügend rüsten, könnte Sieg und Reich verloren sein. – Aber es ist wahr: Geiserichs Waffen können sie nicht mehr tragen. Sie fallen um nach kurzer Zeit. Sie fluchen, daß wir sie jetzt, – in diesen heißesten Monaten gerade ...« – »Sollen wir vielleicht den Feinden bekannt geben, die Vandalen fechten nur im Winter,« lachte Zazo.

»Deshalb, um die Lücken unseres Fußvolks zu füllen, habe ich ja schon viele tausend maurische Söldner geworben,« sprach der König sorgenschwer. »Freilich ein übler Ersatz für die Stätte germanischer Kraft, diese Söhne der Wüste, leichtbeweglich, wirbelnd, wechselnd, gleich dem Sand ihrer Heimat. Doch hab' ich zwanzig Häuptlinge gewonnen mit etwa zehntausend Mann.« »Ist auch Kabaon darunter, der Greis von ungezählten Jahren?« fragte Gibamund. »Nein. Er zögert mit der Antwort.« »Schade! Er ist der Mächtigste von allen! Und weit über seinen Stamm hinaus gilt sein prophetisches Ansehen,« meinte Zazo.

»Nun, wir werden bessere Helfer haben als die maurischen Räuber!« tröstete Gibamund. »Die tapfern Westgoten drüben im nahen Hispanien!« – »Hast du schon Antwort von ihrem König?« – »Ja und nein! König Theudis ist ein kluges, vorsichtiges Haupt. Ich stellte ihm eindringlich vor, – ich selbst schrieb den Brief, überließ ihn nicht Verus! – wie nicht uns Vandalen allein Byzanz bedrohe, wie leicht von Ceute aus die Kaiserlichen die schmale Meerenge überschreiten könnten, wären wir erst bezwungen. Ich bot ihm ein Waffenbündnis an. Er antwortete ausweichend: er müsse sich erst überzeugen von dem, was wir leisten könnten im Kriege.« »Wie will er das angeben?« eiferte Zazo. »Er will wohl abwarten, wie der Krieg verläuft? Haben wir gesiegt oder sind wir vernichtet, brauchen wir ihn nicht mehr!« – »Ich schrieb nochmal – dringender: – seine Antwort muß bald eintreffen.« »Aber die Ostgoten?« forschte Gibamund eifrig. »Wie antworten sie?« – »Gar nicht!« »Das ist schlimm!« meinte Gibamund. – »Ich schrieb der Regentin: ich verwies darauf, daß ich unschuldig war an Hilderichs frevelhafter That. Ich warnte vor Justinian, der sie nicht minder als uns bedrohe, ich erinnerte an die nahe Verwandtschaft unserer Völker ... –« »Du hast doch nicht zu Bitten dich herabgelassen?« fragte Zazo unwillig. »Mitnichten! Ich erbat nichts. Ich verlangte nur, – als unser gutes Recht – daß die Ostgoten wenigstens unsere Feinde nicht unterstützen möchten. Noch habe ich keine Antwort. – Jedoch schlimmer als der Mangel von Verbündeten, – das Verderblichste ist: in unsrem eignen Volk die maßlose, thörichte Unterschätzung der Feinde,« schloß der König.

»Jawohl! Sie sagen: was brauchen wir uns zu mühen mit Übungen und Rüstungen? Die Griechlein wagen gar nicht, uns anzugreifen! Und kommen sie wirklich, wohlan: so werden die Enkel Geiserichs die Enkel des Basiliskos ebenso vernichten wie Geiserich den Basiliskos.«

»Wir sind aber nicht mehr die Vandalen Geiserichs!« klagte Gelimer. »Geiserich brachte mit sich ein Heer von Helden, tapfer, geübt in zwanzigjährigen Kämpfen mit andern Germanen und mit den Römern in den Bergen Hispaniens, einfach, schlicht, streng in Sitten. Er schloß die Häuser der römischen Lüste in Karthago, er zwang alle lockern Mädchen zu heiraten oder in das Kloster zu gehen. –«

»Wie das aber den Ehemännern und den andern Nonnen bekam, – das wird nicht gesagt,« lachte Zazo.

»Und jetzt! Heute sind unsre Jünglinge so verdorben wie die liederlichsten Römer. Zu der Grausamkeit der Väter« – seufzte der König tief auf, »trat die Wollust der Söhne, die Völlerei, die Trunksucht, die schlaffe weiche Trägheit. – Wie kann solch ein Volk bestehen? Es muß untergehn.«

»Aber wir Asdingen,« sprach Gibamund, hoch sich aufrichtend, und seine Augen leuchteten: ein edler Schimmer verklärte sein schönes Antlitz, »wir sind unbefleckt von solchem Schmutz.« – »Was hätten wir – du und wir beiden, verschuldet,« pflichtete Zazo bei, »daß wir untergehen müßten?« Wieder seufzte der König schwer, seine Stirn umwölkte sich, er schlug die Augen nieder –: »Wir? Tragen wir nicht den Fluch, den – ? Aber still! Nichts davon! Nichts zu euch! Es ist der letzte Strohhalm meiner Hoffnung, daß ich, der König, wenigstens ohne jede Schuld diese Krone trage. Müßte ich mich hierbei anklagen, dann wehe mir! – Ah, wessen ist diese kalte Hand? Du, Verus? – Du hast mich erschreckt.« »Das schleicht herein – unhörbar, wie die Schlange,« brummte Zazo in den Bart, Der Priester – er hatte auch als Kanzler das geistliche Gewand beibehalten – war unvermerkt von allen eingetreten: wie lange schon, niemand wußte es. Sein Auge war fest auf Gelimer gerichtet. Mit leiser Bewegung zog er die Hand zurück, die er auf des Königs nackten Arm gelegt hatte. »Ja, mein Gebieter, erhalte dir diese Angst des Gewissens! Hüte deine Seele vor Schuld: – ich kenne dich: – sie würde dich erdrücken.« »Du sollst uns nicht,« eiferte Zazo, »den Bruder noch mehr verdüstern.« »Er und Schuld!« rief Gibamund und schlang den Arm um des Königs Nacken.

»Nur allzu gewissenhaft ist er, zu grüblerisch!« fuhr Zazo fort. »Wahrlich auch du, Gelimer, bist nicht mehr wie die Vandalen Geiserichs! Auch du bist angesteckt: nicht von den römischen Lastern, aber von der römischen oder griechischen oder christlichen Grübelei! Wie heißt sie doch höflicher: Gnosis, Theosophie oder Mystik? Ich weiß es nicht, kann mir auch gar nichts drunter denken! Wie froh bin ich, daß unser Vater nicht auch mich den Priestern und den Philosophen zur Erziehung überwiesen hat! Ach, er merkte früh, daß auf Zazos harten Schädel nur der Helm paßt, nicht das Schreibrohr hinter sein Ohr. Aber du freilich! – Mir ward immer zu Mut, als träte ich in einen Kerker, besuchte ich dich in deinem düstern, hochummauerten Kloster, in der Wüsteneinsamkeit. Viele, viele Jahre hast du dort unter den Büchern verträumt, – verloren.«

»Nicht verloren!« entgegnete Gibamund. »Hat er doch dabei Zeit gefunden, der erste Held seines Volkes zu werden. Auf ihm ruht der Vandalen Hoffnung.«

»Auf der Asdingen ganzem Haus: wir sind nicht entartet,« schloß der König. »Aber kann Ein Geschlecht – und sei's das herrschende – das Sinken eines ganzen Volkes hemmen, ein tiefgesunkenes heben?« »Schwerlich,« sprach kopfschüttelnd der Priester. »Denn wer will von sich sagen, daß er rein von Schuld? Und,« fügte er langsam hinzu, das Auge plötzlich aufschlagend und es voll auf Gelimer richtend, »die Sünden der Väter ... –« »Halt ein,« rief der König wie tief gepeinigt, aufstöhnend. »Nicht diesen Gedanken jetzt, – da ich handeln, schaffen, wirken soll. Er lähmt mich.« Und er drückte die Hand an Stirn und Brauen. »Auch in der Gegenwart,« fuhr Verus fort, »ist die Sünde allzugroß im Volk. Sie schreit laut um Rache gen Himmel! Eben jetzt – ich mußte, einen Sterbenden zu trösten ... –«

»Er vergißt,« sprach Gelimer, zu den Brüdern gewendet, »auch als Kanzler des Reiches die Pflichten des Priesters nicht!« – »Bis nah an das Südthor. – Da drang abermals aus jenem Hain aller Sünden der Lärm, der infernalische Jubel wiehernder Lüste furchtbar an mein Ohr. Jene unzüchtigen Lieder ... –« »Wie?« rief der König zornig und schlug mit der Faust auf den Marmortisch. »Sie wagen es? Hab' ich nicht befohlen, vor meiner Abreise nach Hippo, daß alle diese Spiele und Feste aufhören sollten schon tags darauf? Hab' ich nicht den gestrigen Tag als letzte Frist gesetzt, bis zu dem der Hain geräumt und alle seine Lusthäuser gesperrt sein müßten? Ich habe drei Hundertschaften Lanzenträger hingeschickt, zu wachen, daß mein Gebot geschehe: was thun sie?« – »Sofern sie nicht mehr mit tanzen, mit trinken, – schlafen sie, müde der Lust, voll des Weins, den sie, wie alle, dort genossen. Ich sah ein Häuflein unter dem Thorbogen liegen und schlafen.«

»Ich will sie schrecklich wecken,« rief der König. »Soll uns denn wirklich die Sünde verschlingen?« »Jener Hain, – er ist unheilbar,« meinte Zazo.

»Was das Schwert nicht heilt, das heilt das Feuer,« drohte der König. »Ich will unter sie fahren wie Gottes Zorn! Auf, folgt mir, meine Brüder!« Und er stürmte hinaus. »Laß rasch ein paar hundert Reiter aufsitzen, Gibamund,« mahnte Zazo, indem er mit diesem über die Schwelle eilte. »Die Hausreiterei, unter Markomer, dem Vielgetreuen! Denn die Vandalen folgen nicht mehr dem Königswort, blitzt nicht dabei das Königsschwert.« – Langsamen Schrittes, mit leisem Kopfnicken vor sich hinflüsternd, folgte den drei Asdingen der Archidiakon.

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