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Geld und Geist

Jeremias Gotthelf: Geld und Geist - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorJeremias Gotthelf
titleGeld und Geist
booktitleBilder und Sagen aus der Schweiz
firstpub1843
senderaristokles@onemail.at
created20041002
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Erster Teil

Das wahre Glück des Menschen ist eine zarte Blume, tausenderlei Ungeziefer umschwirret sie, ein unreiner Hauch tötet sie. Zum Gärtner ist ihr der Mensch gesetzt, sein Lohn ist Seligkeit, aber wie Wenige verstehen ihre Kunst, wie Viele setzen mit eigener Hand in der Blume innersten Kranz der Blume giftigsten Feind; wie Viele sehen sorglos zu, wie das Ungeziefer sich ansetzt, haben ihre Lust daran, wie dasselbe nagt und frißt, die Blume erblaßt! Wohl dem, welchem zu rechter Zeit das Auge aufgeht, welcher mit rascher Hand die Blume wahret, den Feind tötet; er wahret seines Herzens Frieden, er gewinnt seiner Seele Heil, und beide hängen zusammen wie Leib und Seele, wie Diesseits und Jenseits.

Im Bernbiet liegt mancher schöne Hof, mancher reiche Bauernort, und auf den Höfen wohnt manch würdiges Ehepaar, in ächter Gottesfurcht und tüchtiger Kinderzucht weithin berühmt, und ein Reichtum liegt da aufgespeichert in Spycher und Kammer, in Kasten und in Kisten, von welchem die luftige neumodische Welt, welche alles zu Geld macht, weil sie viel Geld braucht, keinen Begriff hat. Bei allem diesem Vorrat liegt eine Summe Geld im Hause für eigene und fremde Notfälle, die in manchem Herrenhause jahraus, jahrein nicht zu finden wäre. Diese Summe hat sehr oft keine bleibende Stätte. Wie eine Art von Hausgeist, aber keine böse, wandert es im Hause herum, ist bald hier, bald dort, bald allenthalben: bald im Keller, bald im Spycher, bald im Stübchen, bald im Schnitztrog und manchmal an allen vier Orten zu gleicher Zeit und noch an ein halb Dutzend andern. Wenn ein Stück Land feil wird, das zum Hofe sich schickt, so wird es gekauft und bar bezahlt. Vater und Großvater sind auch nie einem Menschen etwas schuldig geblieben, und was sie kauften, zahlten sie bar und zwar mit eigenem Gelde. Und wenn Verwandschaft oder in der Freundschaft und in der Gemeinde ein braver Mann in Geldverlegenheit war oder einen Schick zu machen wußte, so wanderte dieses Geld hierhin und dorthin, und zwar nicht als eine Anwendung, sondern als augenblickliche Aushülfe, auf unbestimmte Zeit, und zwar ohne Schrift und Zins, auf Treu und Glauben hin und auf die himmlische Rechnung, und zwar eben deswegen so, weil sie noch an ein jenseits glaubten, wie recht ist.

In die Kirche und auf den Markt geht in ehrbarem Halblein der Mann, und die Erste des Morgens und die Letzte des Abends schaltet die Frau im Hause, und keine Speise kömmt auf den Tisch, welche sie nicht selbst gekocht, und keine Melchter in den Schweinstrog, in die sie nicht mit blankem Arme gefahren wäre bis auf den Grund.

Wer solche adeliche Ehrbarkeit sehen möchte, der gehe nach Liebiwyl (wir meinen nicht das in der Gemeinde Köniz, wissen auch nicht, ob sie dort gefunden würde). Dort steht ein schöner Bauerhof hell an der Sonne, weithin glitzern die Fenster, und alle Jahre wird mit der Feuerspritze das Haus gewaschen. Wie neu sieht es daher aus und ist doch schon vierzig Jahre alt, und wie gut das Waschen selbst den Häusern tut, davon ist es ein täglich Exempel.

Eine bequeme Laube, schön ausgeschnitzt, sieht unterm Dach hervor; rings ums Haus läuft eine Terasse, ums Stallwerk aus kleinen, eng gefügten Steinen, ums Stubenwerk aus mächtig großen Platten. Schöne Birn- und andere Bäume stehen ums Haus, üppig grünt es ringsum; ein Hügel schirmt gegen den Bysluft, aber aus den Fenstern sieht man die Berge, die so kühn und ehrenfest Trotz bieten dem Wandel der Zeiten, dem Wandel der Menschen.

Wenn Abend ist, so sieht der Besucher neben der Türe auf einer Bank einen Mann sitzen, der ein Pfeifchen raucht und dem man es ansieht, daß er tief in den sechziger Jahren steht. Unter der Türe sieht er zuweilen eine lange Gestalt mit freundlichem Gesichte und reinlichem Wesen, welche dem Mann etwas zu sagen oder etwas zu fragen hat, das ist des Mannes Frau. Hinten im Schopf tränkt ein hübscher Junge, schlank und keck, die schönen Braunen, während ein älterer Bruder Stroh in den Stall trägt, und aus dem Garten hebt sich aus Kraut und Blumen herauf zuweilen ein lustiges Meitschigsicht und frägt die Mutter, ob es etwa kommen solle und helfen, oder schimpft über Wären im Kabis, über Katzen im Salat, über Mehltau an den Rosen und frägt den Vater, was gut sei dagegen. Diensten und Tauner kommen allgemach vom Feld heim, ein Huhn nach dem andern geht zSädel, während der Tauber seinem Täubchen noch gar emsig den Hof macht.

Ein solches Bild hätte man fast alle Abende vor Augen gehabt, wenn einer vor fünf oder sechs Jahren vor jenem Hause zu Liebiwyl stillegestanden wäre, und wenn er dann die Nachbaren oder eine alte Frau, welche etwas unterm Fürtuch gehabt, gefragt hätte, was das für Leute wären, so hätte er in Kürze ungefähr Folgendes vernommen.

Das seien bsunderbar gute und grausam reiche Leute. Als sie vor ungefähr dreißig Jahren Hochzeit gehabt hätten, da seien sie das schönste Paar gewesen, welches seit langem in einer Kirche gestanden. Mehr als hundert Wägelein hätten sie zum Hochzeit begleitet, und noch Viele seien auf den Rossen gekommen, was dazumal viel mehr der Brauch gewesen als jetzt, ja sogar das Weibervolk hätte man zuweilen auf Rossen gesehen und bsonderbar an Hochzeiten. Das Hochzeit habe drei Tage gedauert, und an Essen und Trinken sei nichts gespart worden, man hätte landauf, landab davon geredet. Aber dann hätte es auch Hochzeitgeschenke gegeben, daß es ihnen selbst darob übel gegruset hätte. Zwei Tage lang hätten sie mit Abnehmen nicht fertig werden können und noch Leute zur Hülfe anstellen müssen; aber ein berühmterer Bauernort sei auch noch nie gewesen das Land auf, das Land ab.

Einen solchen Hof, von den schönsten einen und ganz bezahlt und manchtausend Pfund Gülten dazu, das finde man nicht allenthalben. Sie hätten es aber nicht für sich alleine, die wüßten noch, daß die Reichen Verwalter Gottes seien und von dem erhaltenen Pfund Rechnung stellen mußten. Wenn jemand sie zu Gevatter bitte, so sei es nie Nein, und die meinten nicht, seit das Holz so teuer sei, hätten arme Leute keines mehr nötig. Die Diensten hätten ihre Sache wie nicht bald an einem andern Ort; da meinte man noch nicht, es müsse alles an einem Tage gearbeitet sein und dazu sei es schade um ein jegliches Tröpflein gute Milch, welches ihnen vor die Augen komme.

Kurzum das seien rechte Leute, und einen Frieden hätten sie unter sich, wie man sonst selten antreffe; da sei das Jahr aus, das Jahr ein lauter Liebe und Güte, es hätte noch niemand gehört, daß eins dem Andern ein böses Wort gegeben. Wenn es unter der Sonne Leute gebe, welche es hätten, wie sie wollten, und nichts zu wünschen, so seien es die; öppe glücklichere Leute werde man nicht antreffen.

So urteilten die Leute und hatten dem Anschein nach vollkommen recht, und doch war auch hier wahr, daß jedermann seine Bürde schwer finde und daß den meisten Lebensbürden die Eigenschaft anwohne, daß sie immer schwerer werden, je länger man als Bürde und ununterbrochen sie trage, daß ihre Last zu einer Unerträglichkeit sich zu steigern vermöge, in welcher jedes andere Gefühl, jedes Glück und jede Freude untergeht. Allerdings hatten sie sehr lange, was man so sagt, recht glücklich mit einander gelebt; doch war es auch wahr geblieben, daß an allen Orten etwas sei, aber dieses Etwas blieb nur vorübergehend, ward nicht zur andauernden Empfindung und kam nie vor die Leute.

Es ist kurios, wie das, was die Menschen im Allgemeinen so oft gegen einander aufregt, so gerne trennend ebenfalls zwischen Eheleute kömmt; ich meine das zeitliche Gut. Nur wo ein Instrument rein gestimmt ist, klingt es bei kundiger Berührung rein wider, wo aber das Instrument unrein geworden, antwortet es mißtönend auch der kundigsten Hand, auch bei der leisesten Berührung. Es scheint, das Verhältnis zweier Eheleute, wo Beide ein Interesse haben, Beiden das Gut gemeinsam gehört, Beide jeglichen Schaden gemeinsam fühlen, sollte dem Zwiespalt vorbeugen, aber eben das ist, was ich meine: Friede und Zwiespalt liegen nicht in den Verhältnissen, sondern in den Herzen. Man wird mir etwas zugeben, man wird sagen: ja, wo alles Vermögen vom Manne kommt, wo er alleine alles verdient und das Weib nichts mitgebracht hat, da geschieht so etwas gerne, oder wo vom Weib alles kömmt und von dessen Sache der Mann lebt, ebenfalls; da wird das rechte Maß selten gefunden, und das Eine meint, es möge alles erleiden, und das Andere, man sollte es bei jedem Kreuzer zeigen, wem es gehöre und wem man es verdanke. Oder, wird man sagen, wo ein Mann haushälterisch ist und das Weib vertunlich, wo der Mann alles zu Ehren ziehen möchte und das Weib von nichts den Wert kennt und alles an die Kleider hängen möchte, oder wo der Mann gutmeinend ist, das Weib aber den Geizteufel im Leibe hat, wo der Mann will, was Recht und Brauch ist, das Weib aber Kaffeebohnen zählt und niemand was gönnt, da muß es Streit geben, da kann es nicht anders sein.

Allerdings, so ists. Aber es gibt nicht bloß Streit, sondern noch Schlimmeres als Streit, andauernden Zwiespalt, und zwar nicht bloß wegen Lastern, sondern noch weit mehr wegen Eigentümlichkeiten, und zwar auch da, wo man in der Hauptsache durchaus einig ist.

Unsere Eheleute waren Beide von Haus aus reich, Keines hatte dem Andern etwas vorzuhalten. Er hatte den Hof geerbt mit wenig Schulden, sie ungefähr vierzig, oder fünfzigtausend Pfund eingebracht. Beide waren haushälterisch, gaben wenig Geld für Unnützes aus, zogen alles bestmöglichst zu Ehren, gingen wenig von Haus, waren dabei guten Herzens, dienstbar, hülfreich und wohltätig. Nach altländlicher Sitte hatten sie auch das Geld gemein, die Frau ging über das Schublädli so gut wie der Mann, und vom Auf, schreiben der täglichen Ausgaben und Einnahmen war keine Rede. Zu diesem Schublädli hatten sie nur einen Schlüssel, und wenn eins denselben von dem Andern forderte, so fragte nie eins das Andere, für was es Geld nehmen wolle.

Christen, der Mann, hatte eine behagliche Natur; wenn er an der Arbeit war, so tat es ihm selten einer zuvor an Fleiß und Geschick, aber Mühe kostete es ihn, an die Arbeit zu gehen.

Er schob nicht ungern von einem Tag zum andern auf, und was sich ihm heute nicht schicken wollte, schickte sich ihm selten schon morgen. Es mochte Wetter sein, wie es wollte, so fing er nie eine der großen Sommerarbeiten im Lauf einer Woche an. Wenn alles um ihn her zappelte, so sagte er ganz kaltblütig, wenn das Wetter gut bleibe, so wolle er am nächsten Montag auch anfangen, aber so in der Mitte der Woche möge er nicht; der Vater hätte es auch nie getan, und das sei ein Mann gewesen, es wäre gut, es würde noch viele solche geben. Wenn es aber am nächsten Montag nicht schön Wetter war, so wartete er ruhig noch eine Woche ab. Er hätte noch nie gesehen, daß man im schlechten Wetter gutes Heu mache, und wenn es genug geregnet hätte, so werde es auch wieder gut Wetter werden. So kam es dann allerdings, daß er gewöhnlich zuletzt fertig ward mit einer Arbeit und zu vielem keine Zeit fand. Er meinte aber, wenn man schon seine Leute nicht eis Tags töte, so zürnten sie einem deswegen nicht, und wenn das Vieh auch nicht sei was Menschen, so solle man doch auch Verstand gegen dasselbe haben, wofür hätte man ihn sonst. Es sei Mancher, er gönne keine Ruhe weder Menschen noch Vieh, aber er sehe nicht, daß die gar weit kämen; was sie erzappelten, könnten sie dem Doktor geben oder dem Schinder. Die Tiere, welche er hatte, waren ihm alle lieb, und wenn er eins fortgeben sollte, so wars, als wollte man einen Plätz von seinem Herzen damit. Er löste daher aus seinem Stall nicht viel, und mit den höchsten Preisen machte man ihm nichts feil, wenn es ihm eben ins Herz gewachsen war.

Daneben, wenn er jemand etwas fahren, mit einem Pferd einen Dienst leisten sollte, so sagte er niemand ab, war dienstfertig in alle Wege, nur Geld schenkte er nicht gerne. Es hielt ihn überhaupt hart, es auszugeben. Man wüßte nicht, wie hart es ginge, bis man es hätte, sagte er, und wenn man es einmal fort hätte, so hätte es eine Nase, bis man wieder dazu käme.

Anders war darin Änneli, seine Frau. Die war ein rasches Mädchen gewesen und hatte sich dreimal umgedreht, während eine Andere einmal. Kuraschiert ging sie an alles hin, und an den Fingern blieb ihr nichts kleben. Sie war in ihrer Jugend viel gerühmt worden von wegen ihrer Gleitigkeit; so ging es ihr bis ins Alter nach, daß sie gerne voran war in allem. Es gehe in einem zu, sagte sie, und wie viel Zeit man gewinne das Jahr hindurch, wenn man alles rasch angriffe, wüßte man nicht, man könnte es mit fast ds Halb weniger Leuten machen. Z'gyzen begehre sie nicht, Gott solle sie davor behüten; aber wenn man Kinder hätte, so müsse man immer daran denken, daß sich einst das Gut verteile, und wenn man es mit dem ganzen Gut bösdings machen könnte, wie sollten es dann die Kinder machen mit dem halben oder einem Viertel? Dann kämen ihr auch immer die vielen armen Leute in den Sinn, denen man helfen sollte, für die hatte man nie zu viel. Und allerdings war Änneli bsunderbar gut und konnte niemandem etwas absagen; die Kleider gab sie fast vom Leibe, äsiges Zeug, was man wollte, ja selbst Geld schlüpfte ihr durch die Finger, wenn sie gerade im Sack hatte. Zu allen Tageszeiten sah man arme Leute, besonders Weiber mit Säcklein, kommen und gehen. Böse Leute redeten ihr nach, einesteils sei sie gerne eine berühmte Frau und besser als andere Weiber, andernteils höre sie gerne, was in andern Häusern sich zutrage, und das arme Weib kriege am meisten, welches am meisten Böses von den Nachbarsweibern zu berichten wüßte. So redeten die andern Weiber. Es war aber vielleicht nur Neid, weil sie nicht so gerne und aus gutem Herzen gaben wie Änneli, daß sie ihr so etwas andichteten.

So waren also Christen und Änneli in der Hauptsache einig und gleich gesinnt. Beide wollten ihr Gut verwalten, daß sie es einst vor Gott verantworten könnten, wollten gut sein und doch an die Kinder denken, aber jedes hatte dabei seine eigentümliche Weise; Christen wollte zusammenhalten, was er einmal hatte, Änneli wollte sich um so rascher rühren und aus allem den rechten Nutzen ziehen, damit sie dem Dürftigen um so treuer helfen könnte in seiner Not.

So war die Art eines jeden, aber das Eine störte das Andere in seiner Art viel weniger, als man hätte glauben sollen. Es schien allerdings manchmal dem Christen, als ob seine Frau zu gut wäre und jedem Klapperweib Glauben gebe, und als würde das, was sie auf diese Weise unnütz ausgebe, ein artig Sümmchen ausmachen. Allein da er nicht meinte, er müsse alles gleich sagen, was ihm in Sinn kam, so hatte er Zeit zu vergleichenden Betrachtungen. So dachte er, ein jeder Mensch hätte etwas an sich, und er wolle doch lieber, Seine sei zu gut als zu bös, und daneben sei sie doch sparsam, für die Hoffart brauche sie nichts; mit dem Haushalten möge sie nicht bald eine, und wenn es Ernst gelte, schaffe sie für Zwei und brauche nicht eine Jungfrau hinten und vornen. So möge es schon etwas erleiden, und er könnte leicht eine haben, welche viel mehr brauchte und dazu nicht verrichtete, was sein Änneli.

Änneli kam es allerdings manchmal bis in die Fingerspitzen, wenn ein Metzger für eine Kuh bot, daß es ihr schien, sie dürfte das Geld kaum nehmen, und die Kuh gab wenig Milch, nicht einmal gute und nur kurze Zeit. Die Kuh war nichts als schön, und Christen konnte doch nicht von ihr lassen, nahm das Geld nicht, behielt sie im Stalle, wo sie nichts nutzte, als einer bessern den Platz zu verschlagen und daß hie und da jemand sagte: Das sei die schönste Kuh in manchem Dorfe weit herum, man könne weit laufen, ehe man eine solche antreffe. Und manchmal kam es ihr vor, als sollte sie aus der Haut fahren, wenn die Sonne so warm am Himmel stand, das Korn so reif auf dem Felde, der Montag war aber noch nicht da, und Christen saß behaglich ums Haus herum oder ging erst ans Bändermachen, welche in andern Häusern längst fertig waren. Und wenn dann endlich der Montag kam und mit ihm alle die vielen Leute, welche Christen nötig glaubte, für welche alle Änneli kochen mußte, und eine Wolke stand in einer Ecke am Himmel, und von wegen der Wolke stand Christen mit allen seinen Leuten vom Morgenessen bis zum Mittagessen ums Haus herum, werweisend, ob sie einhauen wollten oder nicht, und sie kamen am Mittag alle wieder zum Essen, und kein Halm war noch abgehauen, so wollte es Änneli fast über den Magen kommen, und es legte sich wie ein Stein über ihr Herz.

Und dann dachte sie, es müsse jeder Mensch seine Fehler haben und jeder seine Bürde, und wenn Christen nicht so wäre, so hätte sie auch gar nichts und müßte fürchten, daß etwas viel Ärgeres käme. Darum wollte sie sich auch nicht beklagen; andere Weiber hätten es ja viel schlimmer, und während der Mann alles vertäte, sollten sie nichts brauchen. Und was hätte sie davon, wenn ihr Christen in alle Spitzen gestochen wäre und in allem der Erste, und er wäre dann wüst gegen sie und gegen Andere, gönnte niemand etwas und dächte nur ans Raxen und hätte kein Herz als nur fürs Geld und das Fürschlagen? Sie wollte doch mit hundert Andern nicht tauschen, und wenn Christen auch nicht der Erste hinterm Korn sei, so sei er auch nicht der Erste hinterm Wirtshaustische, und wenn er auch oft der Letzte im Heuet sei, so sei er doch nie der Letzte, der von einem Markt heimkomme oder sonst von einer Lustbarkeit, und wenn man so eins ins Andere rechne, so wüßte sie nur zu rühmen, und Sünde wäre es, zu klagen, und Keinen wüßte sie, an welchen sie ihren Christen tauschen möchte.

Wo das Gemüt der Menschen noch auf diese Weise rechnet, da weist es sich nicht nur zurecht, sondern es ist auf dem Wege zur Zufriedenheit mit seinem Schicksale, ist rechter Dankbarkeit gegen Gott fähig, nimmt dem Mißgeschick seinen Stachel, den Fehlern der Mitmenschen ihre Säure. Nur da, wo der Gesichtskreis sich verengert, so daß man das Gute nicht mehr sieht, sondern nur das Böse, wo das Gefühl sich schärft für das Unbeliebige und in gleichem Maße der Sinn abnimmt für das Dankenswerte, nur da ist das Unglück fertig und der Abgrund öffnet sich, aus welchem als grauenvolles Gespenst die Zwietracht steigt. Wie der östreichische Soldat auf die Haselbank, ist der arme Mensch mit seinen eigenen Gedanken fast wie mit seinen Haaren gefesselt an das, was ihn drückt, beschwert, kann nicht mehr loskommen, stöhnt, klöhnt, zappelt, zanket, webert, wimmert, aber alles umsonst, er ist angeschmiedet mit Fesseln, gegen welche keine Feile hilft. Menschen können ihm nicht helfen, und Gott will es nicht, denn wer sich hinstreckt auf diese Bank, der hat auch von Gott gelassen.

Christen und Änneli waren also allerdings glücklich und auf dem Wege zu noch größerem Glück, weil sie sich und ihr Geschick wogen mit der Wage der Dankbarkeit, welche der Mensch Gott schuldig ist.

Nun geschah es freilich auch, daß dem Einen oder dem Andern ein empfindlich Wort entfuhr, aber so verblümt, daß es unter vielredenden Stadtleuten nicht einmal beachtet worden wäre. Daß Christen zum Beispiel sagte, wenn Änneli es anbot, ein Schnäfeli Fleisch ihm ins Hinterstübli zu stellen: »He, es ist mer gleich, wenn du noch hast.« Das fühlte Änneli schon als Trumpf, weil sie das Bewußtsein hatte, daß sie allerdings aus Erbarmen manches weggegeben, was Christen auch genommen und vielleicht vermißt hatte. Wenn aber Christen so drehte und an nichts hin wollte und seine vielen Leute im Taglohn, aber nicht an der Arbeit hatte, so gramselte es Änneli wohl in den Gliedern und es entfuhr ihm die Frage: Wenn sie nichts zu tun wüßten, so wollte es sie an den Kabis z'bschütten reisen. Christen empfand das übel, weil er wohl wußte, daß sie viel genug zu tun hätten, wenn er nur daran hin könnte, und daß seiner Frau so viele Leute, welche nichts täten und doch Lohn und Essen wollten, katzenangst machen müßten.

Solche Worte kamen freilich selten, aber hier und da entrannen sie doch. Es wurde darüber nicht geeifert und gezankt, wie es zuweilen unter hochgebildeten Leuten der Fall ist, daß vor aller Welt um einen halben Birnenstiel Mann und Frau sich zanken, bis die Frau in Krämpfe fällt oder gar in Ohnmacht. Das, welches den Trumpf erhalten, schwieg, wenn es ihn schon tief fühlte und er ihm weh tat. Doch wie tief er auch ging, lang haftete er nicht, er eiterte nicht. Hauptsächlich waren es zwei Gründe, welche es verhüteten, daß solche eingegangene Trümpfe nicht böses Blut machten.

Ännelis Mutter wohnte bei ihnen. Das war eine gar verständige Frau und hatte den Tochtermann sehr lieb. Sie war früher bei einem andern Tochtermann gewesen, welcher sie roh und wüst behandelt hatte. Sie hätte alles dargeben sollen und nichts brauchen, alles annehmen und zu nichts was sagen. Hier hatte sie es, wie sie es wollte. Christen zog sie zu Rat, als wenn sie seine eigene Mutter wäre, hielt sie um ein Geringes, und wenn im Haus etwas Gutes zu essen oder zu trinken war, so ruhte er nicht, bis die Mutter auch davon hatte, wenn sie es auch nicht begehrte. Und wenn es ihr irgendwo fehlte, so ging er ihr selbst zum Doktor und hielt diesem an, er solle recht anwenden, es möge kosten was es wolle; wenn ihm das Mutterli abgehen sollte, er wüßte nicht, wie es ferner machen. So sah die Mutter deutlich, sie sei ihm nicht im Weg und er möge ihr Leben und alles Gute so lange gönnen als Gott, und das ist wahrhaftig nicht an allen Orten der Fall. Wenn nun das Mutterli sah, daß ein Wort eingeschlagen hatte, Änneli bös war, vielleicht gar weinte und ihr klagte, so was hätte sie nicht verdient und sie halte es nicht mehr aus und sie wolle lieber sterben als länger so dabei sein, so goß Mutterli nicht Öl ins Feuer, sondern sagte: »Du gutes Kind, du weißt gar nicht, was Leiden ist, und weil du großes Leiden nicht kennst, darum nimmst du ein klein Wörtchen so schwer auf. Aber Änneli, Änneli, versündige dich nicht; es macht mir immer Angst, wenn ich junge Weiber wegen so kleinen Dingen so nötlich tun sehe, der liebe Gott suche sie mit schwerem Unglück heim, damit man es erfahre, warum er einem das Weinen gegeben und wann er das Klagen erlaubt. Wenn du gehabt hattest was ich, dann würdest du für solche Kleinigkeit Gott danken und darin ein Zeichen sehen, daß er dich recht lieb hat. Denk doch, wie ich es gehabt habe!« Und sie erzählte Änneli eine Geschichte aus ihrem Leben, von ihrem Manne oder ihrem Tochtermanne und wie sie sich da habe fassen müssen, wenn Unglück und Elend nicht noch größer hätten werden sollen. Freilich tönte das anfangs manchmal nicht gut bei Änneli, und sie sagte: »Ich bin darum nicht Euch, und was habe ich davon, wenn Ihr noch böser gehabt habt als ich, darum habe ich noch lange nicht gut.« So sprach Änneli wohl, aber der Mutter Rede wirkte doch, es setzte sich ihr Zorn, und ihre Liebe richtete sich wieder auf. Wenn sie dann ganz wieder zufrieden war, so warf sie ihrer Mutter scherzweise wohl vor, man sollte eigentlich meinen, Christen wäre ihr Kind, denn sie hätte diesen lieber als sie, und er möge machen und sagen, was er wolle, so sei alles recht. Sie glaube einmal, wenn Christen ihr die Nase abbeißen wollte, sie zündete ihm dazu.

Aber die Mutter redete auch Änneli z'best. Wenn sie dem Christen einmal ein Wort ins Herz gejagt hatte und die Mutter sah, daß es drin saß wie ein Splitter im Fleische, trappete sie Christen nach, bis sie ihn in einer heimlichen Ecke hatte, und bat ihn, er solle es nicht übel nehmen; er wisse wohl, Änneli sei ängstlicher Natur, und sie hätte ihr das nie abgewöhnen können, gäb was sie probiert hätte. Aber es bös meinen, das tue sie nie, und wenn er nur zufrieden wäre, sie wisse, sie wäre es sicher auch gerne. Christen war nicht so, daß wenn jemand sich unterzog, er dann um so wüster tat, er wurde auch nicht um so aufbegehrischer, je demütiger einer sich darstellte; die Art hatte er nicht, zu einem Ratsherrn hätte er nicht getaugt. Er sei nicht böse, sagte er dann der Schwiegermutter, aber es daure ihn, daß Änneli meine, sie müsse für ihn sinnen. Alles auf einmal machen könne man nicht, und so unbesinnt dreinfahren wie ein Muni in einen Krieshaufen, das möge er nicht. Er hätte nie gesehen, daß viel dabei herauskomme. Aber er wisse wohl, ein jeder hätte seine Art und daß Änneli es gut meine. Darum wenn ihm schon zuweilen etwas eingehe, so trage er es ihr nicht nach, man müsse mit einander Geduld haben, es hätte ein jeder seine Fehler, und wofür sei man sonst in der Welt?

So mittelte, als guter Hausgeist, die Schwiegermutter die meisten Streitigkeiten, oder, um es besser zu sagen, ebnete die kleinen Spalten, welche sie zwischen den Herzen sah. Hier und da war wohl eine Spalte, welche sie nicht sah oder welche sie nicht ebnen konnte, ehe die Sonne unterging; die ebnete und schloß dann ein anderer Geist.

Es war eine alte schöne Haussitte, welche durch Jahrhunderte eine unendliche Kraft übte und alles, was Streitbares in den Herzen sich ansetzte, alsobald zerstörte und tilgte, welche wie ein guter Geist den Frieden erhielt, bei welchem Gottes Segen ist und welcher den Kindern Häuser baut: wer zuletzt zu Bette kam, Mann oder Weib, betete dem Andern hörbar das Vaterunser, und schwer mußte der Schlaf sein, wenn das Erste nicht erwachte und nachbetete mit Andacht und aus Herzensgrund. Wenn dann die Bitte kam: »Vergib mir meine Schulden, wie ich vergebe meinen Schuldnern«, und es war Streit oder vielmehr Spaltung zwischen Mann und Weib, so klang sie wie eine Stimme Gottes in den Herzen, und die Worte zitterten im Munde. Und wenn dann die andere noch kam: »Und führe mich nicht in Versuchung, sondern erlöse mich von allem Bösen«, so versenkte und tilgte schamrot vor Gott Jegliches, was es dem Andern nachgetragen, und es schlossen sich die Herzen auf, und jedes nahm seine Schuld auf sich, und jedes bat dem Andern ab, und jedes bekannte sein Glück und seine Liebe und wie nur im Frieden ihm wohl sei, aber wie der böse Geist an ihns komme, er wisse nicht wie, ihm schwarz mache vor den Augen des Geistes und ihns treibe in die Trübnis des Zornes und der Unzufriedenheit. Wie dann, wenn das Gebet komme, es ihm wäre, als komme eine höhere Macht hinter den bösen Geist im Herzen, setze mit scharfer Geißel ihm zu, daß er, wie er sich auch winde, dahinfahren müsse, und dann sei ihm, als erwache es aus einer Betäubung, als gehe eine Tür ihm auf, als sehe es aus wilder Nacht in einen schönen sonnigen Garten, so daß ihm sei, als müßte es den ersten Eltern so gewesen sein, als sie aus der Wildnis noch den letzten Blick ins verlassene Paradies getan. Dann treibe es ihns mit aller Gewalt diesem Garten zu, in aller Angst, es möchte ihm gehen wie den ersten Eltern, die immer weiter davon wegkamen, und Ruhe habe es nicht, bis es wieder drinnen sei, und dieser sonnige Garten sei der Friede und das trauliche Verhältnis, und wenn es die ganze Welt gewinnen könnte, an diesen Garten des Friedens tauschte es sie nicht. So blühte ihnen neu ihr Glück wieder auf, und in freudiger Demut bekannte jedes seine Fehler, bat ab seine Schuld, versprach, recht rittermäßig zu kriegen gegen diesen bösen Feind, der unabtreiblich immer wieder komme. In süßem Frieden schliefen sie ein, und wenn dann ein junger Tag auf blühte am Himmel, so erwachten sie mit neugestärkten Herzen Es war ihnen, als hätten sie sich neu gefunden wie in den ersten Tagen ihrer Ehe; sie sehnten sich nach einander, in geheimem Verständnis suchten sich ihre Augen, und Christen trappete unvermerkt dem Änneli nach und Änneli trat alle Augenblicke unter die Türe, zu sehen, wo doch Christen sei.

So verstrichen Jahre, und die gute Mutter starb. Es war ein harter Schlag für die Leute im Hause, ein guter Geist schied mit ihr, sie mißten sie alle und lang. Christen sagte oft, eine solche Schwiegermutter gebe es nicht mehr auf der Welt, er glaube es nicht, und kein Tag verging, daß er nicht sagte: »D'Muetter het allbets gseit – -«

Der andere gute Hausgeist aber, der starb nicht, sondern blieb bei ihnen und einigte ihre Herzen immerfort und half ihnen auch tragen, was das Leben sonst noch Schweres ihnen brachte. Denn es gibt in jeglichem Leben harte Schläge, wie es in jeglichem Sommer Gewitter gibt, und je schöner der Sommer ist, um so mächtiger donnern die einzelnen Gewitter über die Erde.

Gott hatte sie mit Kindern gesegnet, ihre innigste Freude hatten sie an ihren. Da kam die Hand des Herrn über sie, und hinter einander nahm er ihnen die schönsten und liebsten, und es war ihnen, als sollte keines mehr übrig bleiben, als sollten sie alleine bleiben in der Welt. Es kam ihnen schwer an, sich zu fassen, und lange, lange ging es, bis sie recht aufrichtig sagen konnten: »Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gelobt!« Sie versuchten es oft, aber sie schämten sich und schwiegen, denn sie fühlten, daß das Herz ganz anders redete, und sie wußten wohl, was Gott von solcher Zwietracht zwischen Mund und Herzen halte. Aber sie trugen mit einander, und wenn sie des Abends mit einander beteten und eins fing an: »Unser Vater«, so stockte wohl die Stimme, und das Weinen kam, und das Andere weinte mit, und lange konnte Keines wieder beten. Und doch ließen sie nicht nach, bis es eins vermochte, und wenn auch jede Bitte neues Weinen brachte und hinter jeglicher die verlornen Kinder standen und das Reich und der Wille und das Brot, kurz alles, alles an sie mahnte und bei den Schulden die Angst kam, ob sie nicht etwas an ihnen versäumt, an ihnen sich versündigt hätten. Konnten sie aber alles begwältigen, konnten sie sich durchringen, wie Wanderer durch Klippen und Schlünde, bis zu dem Ende, konnten sie mit einander beten: »Denn dein ist das Reich, dein die Kraft, dein die Herrlichkeit« – dann kam Ruhe über sie, die Wellen der Schmerzen sänftigten sich. Sie konnten sich denken die Kinder in der Herrlichkeit des Vaters, bei der Großmutter, konnten sich denken die Zeit, wo auch sie durch die Kraft des Vaters auferweckt bei ihnen sein würden in des Vaters Reich in alle Ewigkeit. Dann konnten sie mit einander reden von den gestorbenen Kindern und wie sie so gut und lieb gewesen und was sie alles gesagt und wie es gewesen wäre, als hätten sie ihren Tod geahnt. Von den toten kamen sie auf die lebendigen, redeten von ihren Freuden und Hoffnungen und wie sie den gestorbenen glichen und jeden Tag ihnen ähnlicher würden und wie es ihnen wäre, als hätten die Kinder sie viel lieber und mühten sich nach Kräften, die Lücke auszufüllen. Allmählig wuchsen die lebendigen an die Stelle der toten, wurden gleichsam die Blumen, welche der Toten Gräber deckten, den Augen der Eltern verbargen.

Drei Kinder, wie gesagt, waren ihnen übrig geblieben, zwei Buben und ein Mädchen. Der Jüngste war der Mutter Liebling, das Mädchen des Vaters Herzkäfer, der Älteste allen lieb. Die Kinder hatten überhaupt der Eltern Art und wuchsen in der Sitte des Hauses auf in adelicher Ehrbarkeit. Mit gar vielem Lernen brauchten sie den Kopf sich nicht zu zerbrechen, aber fest in der Bibel wurden sie; das sei die Hauptsache, meinen Vater und Mutter, die hätte sie ohne große Künste im Rechnen und Schreiben hieher gebracht.

Allerdings waren auch Beide in beiden Dingen keine Hexenmeister, und wenn Christen seinen Namen schreiben sollte, so nahm er einen Anlauf, als wenn er über einen zwölf Schuh breiten Graben springen sollte, und wenn Änneli mit dem Ankenträger uneins war in ihren Rechnungen, so wurde sie plötzlich einig mit ihm, sobald er die Kreide nahm, und was er aufmachte, war ihr recht, sie wußte wohl warum.

Etwas anders war es mit dem Arbeiten. Änneli musterte sie dazu und meinte, sie lernten es nie zu früh und etwas Nützliches machen sei besser als etwas Ungattliches, und etwas müsse gehen bei Kindern. Christen aber meinte, so früh trage Arbeiten nichts ab, es erleide nur den Kindern, und wenn sie später sollten, so möchten sie nicht; wenn ihnen einmal der Verstand komme, so griffen sie von selbst an. Einmal er habe es so gehabt, und es werde niemand sagen, daß er nicht arbeiten könne und möge. Diese Verschiedenheit gab auch hie und da einen Anlaß, daß sie einander vergeben und vergessen konnten. Denn wenn Änneli musterte, so entrann Christen wohl zuweilen ein: »He, ich wollte sie nicht zwängen; wenn sie möchten, sie täten es schon.« Und wenn Christen mit Wohlgefallen dem Nichtstun der Kinder zusah, so sagte wohl zuweilen Änneli: Es dünke ihr, es sollte doch dem Einen oder dem Andern in Sinn kommen, etwas Wichtigeres zu machen. Aber alles dieses tilgte der gute Hausgeist wieder aus, tilgte alle Abende die Säure, die sich zuweilen in den alternden Herzen ansetzen mochte.

Etwas ging auf die Kinder über, denn Kinder sind eine weiße Wand; so weiß die Hände sind, welche über sie fahren, zuletzt werden doch die Spuren derselben sichtbar. Christen, der Älteste, der sich niemand besonders anschloß, war ein stilles Gemüt, ihn ließ man am meisten gewähren; er sagte wenig, aber empfand viel, lebte mehr in einem innern Leben als im äußern und schien daher untätig und gleichgültig. Annelise war ein liebliches Mädchen, aber es konnte tagelang von einer Arbeit sprechen, ehe es daran ging; war es einmal daran, dann konnte es die beste Jungfrau beschämen, es geschah aber selten. Die armen Leute hatten es nicht gerne, sie hielten es für hochmütig und wüst, wenn es aber darum zu tun war, einer armen Frau etwas zu bringen oder ihr zu wachen, so war Annelise immer parat; auch die jungen Bursche hielten es für hochmütig, weil es nicht anlässig war wie Andere, hielten es für hoffärtig, weil ihm alles wohl stand und es immer zweg war, als käme es aus einem Druckli. Resli, der Jüngste, war ein schöner Bursche, rasch, tätig, gwirbig wie die Mutter; wie sie, wurde auch er etwas ängstlich in der Arbeit, und während sein Vater einmal handelte in seinem Stall, hatte er mit Täubchen, Kaninchen, Schafen siebenmal schon gewechselt. In allen war etwas Schweigsames, Keines redete viel, aber wenn sie redeten, so wollten sie in jedes Wort viel legen. Und allerdings war jedes Wort, das eins zum Andern fallen ließ, gerade wie ein Lichtstrahl, der hundertfältig splittern kann. Nur der Älteste konnte viel reden, wenn irgend ein Schlüssel, zum Beispiel ein gutes Glas Wein, ihm den Mund auftat; dann zeigte er, daß vieles in ihm war, an das man nicht dachte.

Je mehr Eigentümlichkeiten in einen Haushalt treten, desto bewegter wird das Leben, wenn auch nicht von außen sichtbar, so doch im Innern fühlbar. Wie lieb man einander auch hat, etwas stößt doch auseinander, etwas hat jedes an sich, das am Andern mehr oder weniger empfindlich sich reibt. Ein jedes hat sein eigentümliches Gebiet, welches es wahren zu müssen glaubt vor jeglichem Eingriff, ein jedes macht seine bestimmten Ansprüche, welche sich scheinbar zufällig und bewußtlos ausbilden und deren Nichtbeachtung, auch wenn es mit keinem Wort, keinem Blick verraten wird, tief kränkt. Bei solchen Ansprüchen, je bewußt, loser sie entstanden sind, um so mehr meint man, ihre Gewährung verstehe sich von selbst.

So hatte jedes dieser Kinder wie sein eigentümliches Wesen, so auch seine eigenen Ansprüche, sowohl an die Eltern als an die Geschwister, und ihre Nichtbeachtung trieb einen Splitter in sein Herz, und je schweigsamer man nach der Haussitte über solche Dinge war, um so leichter hatten solche Splitter geeitert.

So zum Beispiel war Christen kränklicher Art, zu entzündlichen Krankheiten geneigt, die zuweilen Folgen hinterließen, welche einer Auszehrung glichen. Christen forderte nun Rücksichten für diese Schwäche, in der Arbeit, in der Speise, in der Pflege, in der Benutzung des Arztes usw. Man tat alles Mögliche, aber da sein Aussehen die Krankheiten nicht immer verriet, da er meinte, was er innerlich empfand, sollte man ihm auch äußerlich ansehen, so konnte es nicht fehlen, daß er sich zuweilen vernachlässigt glaubte, meinte, man achte sich seiner nicht und wäre froh, wenn er weg wäre.

Annelisi machte Ansprüche an die Welt, war ein lustig Ding, und wer weiß, ob nicht im Hintergrund ihrer Seele der Wunsch schlummerte, nicht schön Annelisi zu bleiben, sondern auch eine Bäuerin, wie die Mutter eine war, zu werden. Sie war daher gerne in aller Ehrbarkeit bei dieser, bei jener Lustbarkeit, und natürlich nicht gerne wie ein Aschenbrödel, sondern so aufgestrübelt und aufgedonnert wie jede Andere. Nun aber waren die Brüder nicht immer bereit zu ihrem Begleit, und alleine mochte sie nicht gehen, und der Vater wollte nicht immer Geld zu allem geben, was Annelisi nötig glaubte, und die Mutter war gewöhnlich auf des Vaters Seite und sagte, sie sei auch nicht Hudilump gewesen und hätte nirgends hintenab nehmen müssen, aber solches hätte sie nie gehabt, ja nicht einmal davon gehört. Sie hätte ihrer Mutter mit so was kommen sollen, jawolle! So was tat dann Annelisi weh, und sie meinte manchmal, sie sollte nur der Brüder wegen da sein und an ihr sei niemand etwas gelegen. Nur z'arbeiten sei sie gut genug, wenn sie aber auch etwas wolle, da sei niemand daheim.

Resli, der natürlich wohl wußte, daß er einmal den Hof erben werde, der hätte gerne mehr gehandelt mit der Arbeit, mehr gehandelt, mehr benutzt, und es schien ihm oft, als wenn niemand an ihn dächte, ja als ob alle so viel brauchten und so wenig täten als möglich, nur damit ihm nichts überbleibe. Er war gar nicht geizig, aber er war ängstlich, und in dieser stillen Ängstlichkeit, welche er nicht einmal zeigen durfte, kam er Vielen hochmütig vor, und Andere hielten ihn für geizig, weil er sehr oft zu Hause war, um zu der Sache zu sehen, während Andere herumhürscheten unnützerweise und Geld brauchten.

Weder Vater noch Mutter kannten dieses innere Wesen; man lauscht es sich selten ab, darum denkt man auch nicht daran, daß es in Andern sei; aber die Mutter hatte von früher Jugend an die Kinder mit ihrem versöhnenden Hausgeist bekannt gemacht, hatte sie das Unser Vater so recht gelehrt, daß sie es nicht gedankenlos beteten, daß es ihnen auch war erst wie ein tiefer See, in den sie allen Groll versenkten, und dann wie eine hohe Leiter, auf welcher sie ins Land des Friedens, in den Himmel stiegen. Besonders bei den Brüdern, welche bei einander schliefen und meist zusammen beteten, hatte dieses die Frucht, daß sehr selten die Sonne des Morgens den Schatten noch sah, der bei ihrem Untergang das Herz des Einen oder des Andern verdunkelt hatte. Bei Annelisi hielt es etwas härter, weil keine bestimmte Gelegenheit ihr gegeben war, ihr Herz des Grolles zu entleeren; wenn das Gebet sie allerdings versöhnlich gestimmt hatte, so konnte sie ihre Gesinnung nicht ausdrücken, nicht Frieden schließen, nicht durch ein Bekenntnis sich entlasten. Gewöhnlich kam dann die Gutmütigkeit der Brüder zu Hülfe, die, wenn sie einmal etwas abgeschlagen hatten, hintendrein reuig wurden und eine Zeitlang um so gefälliger waren, oder die Schwäche des Vaters, der gar gerne seinem lieben Meitschi hintendrein etwas kramete, welches noch mehr kostete, als was Annelisi gern gehabt, aber nicht bekommen hatte.

So lebte die Familie berühmt und im Wohlsein, bis ein Schlag, äußerlich nicht von großer Bedeutung, ihr ganzes Glück zu zertrümmern drohte.

Christen mußte nicht nur sächlich die Gemeindelasten tragen helfen, sondern auch persönlich, das heißt er mußte Vogt werden, öffentliche Verwaltungen übernehmen, sich auch in Behörden wählen lassen. Dieses ist an sich selbst eine Last, es ist aber auch bedeutende persönliche Verantwortlichkeit dabei, und seltsamerweise ist an manchem Orte diese persönliche Verantwortlichkeit unbezahlter Gemeindsbeamteten sehr groß, während den wohlbezahlten Regierungsbeamteten gar keine auferlegt ist. Wo das System herrscht, jeder Korporation dem Individuum gegenüber unrecht zu geben, aus dem übel verstandenen Grundsatz persönlicher Freiheit, und jeden Halunken zu begünstigen gegenüber dem rechtlichen Manne, aus übel verstandener Humanität, da wird diese Verantwortlichkeit zu einer förmlichen Gefahr zu einem Schwerte, das an einem Pferdehaar über des Gemeindebeamteten Haupte hängt.

Christen, bei seiner Unkenntnis aller Gesetze, bei seiner Unfähigkeit, selbst zu schreiben, wurde dies sehr beschwerlich und kostbar. Aus eigenem Sacke mußte er nicht nur fremde Hülfe bezahlen, sondern hing auch ganz von fremdem Rate ab und mußte diesem folgen, wie ein Blinder dem Hündchen, welches ihn leitet. Die eigentliche Gefahr jedoch fühlte er weniger als Änneli, wie dann Weiber immer mehr Ängstlichkeit besitzen vor dem Kommenden aus der dunkeln Zukunft als Männer. Alle diese Geschäfte, welche Christen von seinem Geschäfte und von seiner Arbeit weg, zogen, waren Änneli überhaupt zuwider, jedoch ließ sie dieses den Mann nicht entgelten, wie Weiber oft tun, die dem Manne noch mehr verbittern, wessen er sich nur gezwungen unterziehen muß. Insbesondere aber war ihr der verdächtig, welcher dem Mann am meisten mit seinem Rat beistand, sie warnte ihn oft vor demselbigen. Es komme ihr immer vor, sagte sie, als sei er falsch an ihnen; er sei viel zu schmeichlerisch und rühmerisch und dazu immer nötig; so einer mache oft für zehn Batzen, was ein Anderer nicht für tausend Pfund. Aber Christen konnte ihn nicht entbehren, guter Rat ist immer teuer und in mancher Gemeinde auch um Geld fast nicht zu haben; Änneli wußte selbst niemand, der bessern geben konnte, und damit er nicht etwa aus Not sie verrate, spendierte sie demselben, so viel sie konnte, und wenn er kam, so mußte er allemal im Hinterstübli, wo ihm etwas zwegstand, welches er daheim nicht hatte. Es gibt aber Leute, welche, je mehr man ihnen gibt, nicht nur um so ungenügsamer werden, sondern auch in den Wahn geraten, als sei man völlig in ihrer Gewalt und als könnten sie einen ungemerkt und ungestraft mißbrauchen, wie sie nur wollten. Sind sie einmal auf diesen Punkt geraten, so treiben sie gerne ein doppelt Spiel, lassen sich von uns bezahlen und von Andern bestechen, um uns zu foppen und zu betrugen. Sie rechnen, wenn man aus zwei Händen zu nehmen wisse, so gebe es akkurat doppelt so viel als nur aus einer. Es gibt mehr Leute, welche von solchem Schmaus leben, als man glaubt.

Christen war Vormund, hatte fremdes Vermögen hinter sich, ob Geld oder Schriften, weiß ich nicht, kann beides gewesen sein, denn daß die Titel immer da seien, wo sie dem Gesetz nach liegen sollten, ist nicht gesagt; wo ein Regierungsbeamteter und ein Gemeindsbeamteter, ein Gemeindschreiber zum Beispiel, unter einer Decke liegen und unter einem Hütlein spielen, da können noch heutzutage ganze Vermögen verschwinden, und wo ist das Verantwortlichkeitsgesetz gegen den Regierungsbeamteten? Über die unschuldigen Gemeindräte oder die noch unschuldigern Gemeinden geht es aus. Später muß es die Gemeinde ersetzen; kleine Diebe hängt man vielleicht, große aber läßt man laufen.

Christen dachte nun von ferne nicht ans Betrugen, aber er sollte beschummelt werden.

Es waren Leute, welche Geld nötig hatten. Christens Ratgeber wurde ins Interesse gezogen, und dieser bewog den guten Mann, das Geld aus den Händen zu geben oder anzuwenden, die Titel zu versilbern oder abzutreten. Er sagte Christen, der Gemeinde sei es ganz recht, er habe mit ihr geredet, und sie habe ihn autorisiert, er solle es also nur unbesorgt machen, ihm könne es auf keinen Fall etwas tun. Wenn ihm die Sache einmal aus den Händen sei, so sei er aus aller Verantwortlichkeit, brauche sie nicht zu hüten, und er wolle alles schon so schreiben, daß er zu allen Zeiten, es möge gehen, was da wolle, drus und dänne sei. Dem Christen leuchtete das ein, und er hatte durchaus kein Arg. Änneli aber traute nicht und sagte: Sie könne nicht helfen, aber sie traue der Sache nur halb, es treffe fünftausend Pfund an, und mit dem sei nicht zu spaßen; sie hülfe noch zu einem rechten Mann zu Rat zu gehen, man sei nie z'vorsichtig.

Aber Christen redete ohnehin nicht mehr, als er mußte, und von Geschäften so ungern als möglich, weil er nicht gerne verriet, daß er gar nichts kannte, denn er schämte sich seiner Unwissenheit doch, wenn er schon seine Kinder nicht begehrte geschickter zu machen. Zudem wußte er nicht, wem er trauen sollte, wenn er sich auf seinen Ratgeber nicht verlassen konnte. Wenn der ein Schelm an ihm sei, so glaube er denn gewiß, es sei kein braver Mensch mehr in der Welt, und was es ihm dann nütze, Mühe zu haben und herumzulaufen, wo man ohnehin alle Hände voll zu tun hatte; so redete er. Christen war allerdings auch mißtrauisch, aber eben deswegen suchte er nicht neue Vertraute, sondern hielt am Glauben fest, wenn der alte Ratgeber treulos sei, so sei keine Treue mehr auf Erden; den habe er doch probiert auf alle Wege, es dünke ihn, er sollte es mögen halten. Da Änneli das Wüstest alles nicht machen wollte, so ging richtig die Sache vor sich, und alles schien gut, denn lange Zeit sagte kein Mensch, daß es nicht gut sei.

Nach mehreren Jahren erst fing die Sache an sich zu rühren; allerlei unter der Hand wurde geredet, und aus der Gemeindratstube heraus schlich, man wußte nicht wie, das Gerücht, Christen hätte sich gröblich verfehlt mit Vogtsgeld, es werde ihm an die Beine gehen um viel tausend Pfund. Änneli, die zwar selten von Haus kam, aber doch alles vernahm, nicht nur was ging, nicht nur was geredet wurde, sondern noch ds Halbe mehr, vernahm also bald: Es heiße, es ginge Christen grusam an die Beine, und wenn er nicht so reich wäre, so möchte es ihn lüpfen. Änneli erschrak gewaltig, obgleich sie wußte, daß es so übel nicht gehen konnte, und Christen mußte auf der Stelle zu seinem Faktotum und ernstlich fragen, was an der Sache und ob da etwas zu fürchten sei, von wegen, er möchte lieber zu der Sache tun, ehe es zu spät sei. Der nun lachte ihn aus, daß er doch auf solches Weiberdamp hören möge, es wäre gut, wenn alles so sicher wäre wie das. Da sei er ihm gut dafür, daß es ihm keinen Liar kosten werde, und wenn noch jemand etwas sage, so solle er sie zu ihm schicken, er wolle sie dann brichten. Nein, da möchte er doch dann nicht so jemand hineinsprengen, dafür sei er noch lange zu gut. Er hätte schon manchmal können, wann er gewollt, aber o Jere, wenn er schon ein arm Mannli sei, so hätte er doch noch ein Gewissen und wohl noch ein besseres als mancher Reiche. Da solle er nur nicht mehr Kummer haben und ruhig schlafen; was er gemacht habe, sei gut gemacht, und wie gesagt, er wolle ihm gut sein für jeglichen Kreuzer, den er deretwegen sollte zu Schaden kommen.

Christen ging getröstet heim, tröstete sein Änneli, und einige Zeit lang blieb alles wieder still. Aber die Sache tauchte wieder auf und zwar ernster als früher, und neue Angst kam über die Eheleute. Nun ruhte Änneli nicht, bis Christen zu einem rechten Manne ging. Der wollte lange mit der Sprache nicht heraus, sagte, er verstehe sich nicht darauf, hätte Die Schriften nicht gesehen, und fragte endlich Christen, er werde eine schriftliche Bevollmächtigung von der Gemeinde erhalten haben zu seinem Verfahren? »He nein«, sagte Christen, »man hat mir gesagt, das sei nicht nötig, es werde alles eingeschrieben in den Gemeindbüchern, da könne man alles finden, und die Sache doppelt zu machen, trage nichts ab.« »He nun« sagte der Mann, »wenn die Sache im Gemeindsbuch eingeschrieben ist, so kann es dir allweg nichts tun.« Nun war Christen wieder getröstet, denn daß es eingeschrieben sei, zweifelte er gar nicht. Aber Änneli traute nicht so recht; er solle doch gehen und nachsehen, ob es denn wirklich drin sei, sagte sie. Brummend ging Christen und brachte Die Antwort heim, der Gemeindschreiber hätte gesagt, er hätte jetzt nicht Zeit nachzuschlagen, das gebe mehr zu tun, als so eine Frau glaube; aber er könne darauf zählen, daß alles, was erkannt worden sei, darin geschrieben stehe, er wisse wohl, was er schreiben solle oder nicht. Nun schien Die Sache wieder abgetan, und Christen sagte: Die Leute könnten seinethalben stürmen, was sie wollten, wenn einer das Gemeindebuch im Rücken habe, so könne einem niemand etwas tun, und sollte es der Teufel selber sein.

Da schlich sich einer, welcher gerne insgeheim den Leuten die Haare zusammenband, aber dabei nie genannt sein wollte, an Änneli und vertraute ihm: Das sei gewiß nicht im Gemeindbuch, und es sei eine abgekartete Sache gewesen, Christen hineinzusprengen, und der Gemeindschreiber suche die Sache geheim zu halten und zu verdrehen so lange als möglich. Aber einmal müsse Christen doch zahlen, das sei fertig. Und es wäre besser, er wüßte das so bald als möglich, vielleicht daß er noch etwas aus dem Feuer ziehen könnte, wenn er zu rechter Zeit daran hingehe. Das waren alles lauter Donnerschläge für das arme Änneli, und um so härter trafen sie, weil sie nicht begriff, wie man da helfen könnte, als daß Christen vor den Gemeindrat gehe und ihm alle Schand sage und vor allem aus dem Gemeindschreiber, daß er ein Schelm sei und ein verlogener Kerli, und daß er von allem nichts wolle; sie könnten seinethalben sehen, was sie machen. Das würde wenig helfen, sagte da neue Ratgeber, aber Christen solle einen Auszug aus dem Gemeindbuch fordern, und wenn man ihn nicht freiwillig geben wolle, so solle er ihn richterlich fordern lassen, da werde sichs schon finden, was im Gemeindbuch stehe und nicht stehe.

So ging es auch, und nach vielen Umtrieben kam endlich Christen zu da Erklärung, daß vom ganzen Handel im Gemeindbuch kein einzig Wort stehe; von der Sache sei wohl geredet worden, aber Erkanntnis sei keine gegangen, man werde gedacht haben, es sei am besten, wenn man das dem Vogt überlasse, was er mache, sei ihnen recht. Somit war es entschieden, daß Christen fünftausend Pfund zahlen mußte; erholen konnte er sich nirgends, und der, welcher ihn hineingesprengt, hatte die schönsten Ausreden und schob die Schuld auf Andere.

Ich weiß nicht, soll ich sagen: dieser Verlust traf die Familie wie ein Donnerschlag, der ihr Glück zerschmetterte, oder: dieser Verlust ward zum giftigen Wurme, der ihren Frieden nach und nach zerstörte. Es wäre nicht das Eine, nicht das Andere ganz richtig, denn es traf sie wohl der Schlag heftig, gewaltig, aber nach dem Schlage war der Wurm da und lebte giftig fort.

Fünftausend Pfund sind nichts für einen Kaufmann, er sieht derhalben nicht nebeume, wie der Bernerbauer sagt. Fünftausend Pfund ließen sich bei ihrem Vermögen leicht verschmerzen, setzten sie nicht einmal in augenblickliche Verlegenheit, wenn sie einige Zinsschriften wagten; ja wenn sie nur das vorrätige Geld zusammenmachten, den Spycher zur Hälfte leerten, so war alles abgemacht. Aber beim Landmann geht es nicht zu wie beim Kaufmann. Bei dem Letztern ist lauter Spiel: heute wird er getrümpft, morgen trümpft er wieder; eines Tages kann er Zehntausend verlieren, morgen Zwanzigtausend gewinnen, und bei jedem Verlust ist eben dieser Wechsel der Trost. Ganz anders ist es bei dem Landmann; da geht die Sache langsam aber stetig, kleine Verluste gleichen sich durch kleine Gewinnste aus, Fehljahre durch gute Jahre, und bei Fleiß und Sorgsamkeit und ohne großes Unglück geht es langsam vorwärts. Und kommen große Unglücksfälle, geht ihm all sein Vieh in Boden, brennt sein Haus ab mit all seinen Vorräten, schlägt es ihn auf Jahre zurück: er schickt sich darein mit bewunderungswürdiger Ergebung; was sollte er dagegen machen, das kam aus des Herrn Hand, über diese Verluste spotten die Menschen nicht, und Kinder und Kindeskinder tragen sie ihm nicht nach.

Verliert er aber Summen auf außerordentlichem Wege, durch Ungeschick oder der Menschen Bosheit, dann weicht der Friede so gerne von ihm und es kömmt, was man hierzulande Hintersinnen nennt. Der kommende Tag ersetzt sie nicht, vielleicht ersetzt er sie in seinem ganzen Leben nicht, und was werden Kinder und Kindeskinder von ihm sagen!

Christen und Änneli hatten wohl etwas vorgespart, allein es ging genug zu, es harzete. Er wußte seine Sachen nicht recht geltend zu machen und brauchte zu allem viel Zeit und viele Leute, und Änneli war eine gute Frau, und gar vieles schwand ihr unter den Händen fort, sie wußte nicht wie. Fünftausend Pfund mußten ihnen, wenn es auf das Ersetzen ankam, eine unermeßliche Summe scheinen, Die Frucht ihrer ganzen Lebenszeit.

Zu diesem kam noch ein Anderes: die Kinder waren erwachsen, vor ihnen ließ der Verlust sich nicht verheimlichen; was sagten die dazu, wie mußten die ihn aufnehmen? Kinder auf dem Lande teilen die Arbeit der Eltern, sehen die Früchte davon, kennen die Schulden und Gülten, sind weit enger ins Verständnis gezogen, geben daher um so eher ihre Willensmeinung. Alle waren heiratsfähig. Schadet ihnen dieser Verlust nicht am Heiraten, der Lärm davon noch mehr als die Sache selbst? Denn alles wird vergrößert, auch entsteht gar gern der Glaube, wo solche Verluste hervorbrechen, da seien noch viele zu gewärtigen; eine Sache, namentlich ein Unglück, kommt nie alleine. Und wenn sie wirklich heiraten wollten, woher die Ehesteuer nehmen? Wenn man jetzt noch Ehesteuren geben sollte, so mußte man sich ganz entblößen, mußte vielleicht gar Geld leihen, weil man nicht alles abkünden konnte, oder mußte alle Titel versilbern, mußte in seinen alten Tagen schmalbarten oder die Jungen mit leeren Händen gehen heißen. Arme Tage schwebten Tag und Nacht vor Ännelis Augen.

Das mußte große Bitterkeit ansetzen in des Ehepaars Gemütern, denn mit dem Gelde war ihnen ja auch ein großer Teil ihres Lebens verloren. Wir fühlen alle, das Leben ist eine große Gabe, und mit dieser Gabe sollen wir vieles, vieles gewinnen, mit dieser zeitlichen Gabe sollen wir das ewige Leben erwerben. Aber nun meinen gar Viele, mit dieser zeitlichen Gabe hatten sie nur zeitliches Geld zu gewinnen, ja gar Viele, die vom ewigen Leben als dem höchsten Ziele sprechen, scheinen darunter doch nur zeitliches Gut zu verstehen oder höchstens eine zeitliche Frau mit zeitlichem Gute. Und nach dem zusammengeraxeten Gute schätzen sie ihres Lebens Wert, wie der Maulwurf nach der Höhe des aufgeworfenen Hügels seine Kraft. Wenn aber aller Gewinn verloren geht, dann hintersinnet man sich, das heißt, man kann nichts mehr anders denken, als wie es gegangen ist und nicht hätte gehen sollen; denn man hat ja eigentlich alles verloren, nicht bloß das Geld, das verloren geht, sondern das Leben, welches man an das Geld gesetzt.

Christen und Änneli waren kreuzbrave Leute, von den brävsten, die man sehen will zu Stadt und Land, aber den Wert des Menschen schätzten sie doch nach seinem Besitztum und den Wert eines Lebens nach dem gemachten Fürschlag; so und so viel hat er geerbt, dann und dann hat er zu husen angefangen, und jetzt, denket doch, hinterläßt er

Sie wußten es halt nicht besser, waren, wenn sie auch in der Schule nicht viel rechnen gelernt, doch in dieser Rechnungsweise von Jugend auf geübt, und wenn Christen es auch nie sagte, so dachte er es doch vielleicht manchmal, wenn er im Wirtshaus auf einem Stuhl absaß: »Hier setzen sich hunderttausend Bernpfund nieder.« Nehmt ihm das nicht übel, denn noch ganz andere Leute wissen nicht, daß wenn man auch die ganze Welt gewönne und litte Schaden an seiner Seele, man das Leben nicht nur verloren, sondern einen großen Schaden davongetragen.

Sie gingen herum manchen Tag, als ob sie vor den Kopf geschlagen wären, und konnten nichts anderes denken als: Fünftausend Pfund, fünftausend Pfund! Weniger als Die Eltern waren die Kinder angegriffen, sie hatten ein langes Leben vor sich, welches ihnen reiche Hoffnung bot zum Ersatze des Verlustes. Am meisten schien es Annelisi zu fühlen, als ob sie glaubte, zunächst müßte sie den Verlust entgelten an ihrer Aussteuer oder derselbe möchte vielleicht diesen oder jenen, den sie im Auge hatte, abschrecken. Jedoch geschah nicht, was an so manchem Orte begegnet wäre, die Kinder machten den Eltern keine Vorwürfe, ja gebrauchten manches aufmunternde Wort. Aber wo die Eltern die Gemüter der Kinder ausschließlich aufs Geld richten und alle andern Rücksichten den Augen der Kinder fernehalten, da müssen sie es erfahren, wie das Schwert sich gegen seinen eigenen Herrn kehrt; wenn sie etwas Ungeschicktes machen, haben sie zu tragen den Zorn und die Vorwürfe der Kinder, und wenn sie alt werden, derselben Unverstand und Ungeduld, die alle Tage mit Gott hadert über der Eltern langes Leben. Hier herrschte noch Liebe und herrschte die alte Sitte, daß die Kinder die Eltern ehrten, auf daß sie lange leben möchten in dem Lande, welches ihnen Gott gegeben.

Wie es dem ergeht, dessen Haus verbrannt ist mit an dem, was es barg, so ging es auch Christen und Änneli. Zuerst füllt der Verlust die Seele, eine Art Betäubung herrscht, dann dämmern Gedanken durch die Betäubung, wie Lichtstrahlen durch den Nebel, es leuchtet die Notwendigkeit ein, etwas vorzukehren, den Schaden zu ersetzen, es flackert das Sinnen auf, wer den Verlust verschuldet.

Christen hatte kein Haus aufzubauen, aber er begann nachzudenken, wie die fünftausend Pfund zu ersetzen wären. Und allemal, wenn eine Frau zum Hause schlich, loderte ihm der Gedanke auf: Die trägt wieder etwas fort, welches Geld gelten würde, und was will ich hausen und sparen, während auf der andern Seite fortgegeben wird alles, was nicht angenagelt ist? Der gute Christen hatte es auch wie viele andere Leute; was er nötig glaubte, das wollte er bei Andern anfangen, und hätte doch wissen sollen, daß wenn der Bauer mir seinen Leuten mähen will er vorausmäht und nicht hintendrein.

Änneli kam es wieder in den Sinn, daß sie gewarnet habe, das Geld herauszugeben, daß sie Christen angeraten, noch jemand anderes zu Rate zu ziehen, daß sie den trügerischen Freund nie hätte leiden mögen, sondern vielfach ihren Verdacht geäußert. Sie begann daran zu sinnen, ob wohl die Zeit gekommen wäre, daß mit wenigern Leuten mehr gearbeitet würde. Und wenn sie durch den Stall ging und zwei oder drei Kühe sah wie Flühe, aber fast ohne Milch, so konnte sie sich nicht enthalten, zu rechnen, wie manche Dublone da zu machen wäre, wenn man sich zu rangieren wüßte. Das alles ging im Inwendigen vor, fast wie des Blitzes Schein fuhr es vorüber; böse Worte gab man sich nicht, treulich beteten sie mit einander, und friedlich, wenn auch oft mit schweren Seufzern, schliefen sie ein.

Aber ein alt Sprüchwort sagt: Der Teufel ist ein Schelm, und wenn er auch umhergeht wie ein brüllender Löwe, so schleicht er noch viel mehr herum in Gestalt von flüchtigen Gedanken, luftigen Nebeln gleich, und diese Gedanken streifen zuerst nur über eine Seele, dann schlagen sie sich allmählig nieder darin, haften, setzen sich fest. Dann steigen sie herauf in unsere Blicke, in unsere Gebärden, brechen endlich als Worte zum Munde heraus, und während wir glauben, wir reden aus dem göttlichsten Recht, ists der Teufel, der grimmig und lustig uns zum Munde aus flattert und dem Nächsten mit Klauen und Hörnern zu Leibe geht, bis auch aus dessen Munde ein Teufel fährt und eine Schlacht zwischen Beiden sich erhebt auf Kosten der Armen, in deren Seelen der Teufel sich hinabgelassen und aus deren Mund er wieder herausgefahren ist.

Eines Tages wars, als ob einer wäre, der ersinnete, was sie böse machen könnte, und alles dieses herbeiführte und ihnen antäte. Es gibt solche Tage, wo eins hinter dem Andern kömmt wie eine Schneegans hinter der andern, wo das Ärgerliche nicht aufhören kann, bis die Galle überläuft und es Wetter gibt zwischen den Menschen.

Als man in den Stall kam, war ein Pferd über die Halfter getreten und hatte sich übel verletzt, so daß man dasselbe des Morgens nicht brauchen konnte; im Kuhstall fehlte auch etwas, und als man Flachssamen brauchen wollte, hatte die Mutter den letzten einer armen Frau gegeben, welcher Umschläge verordnet waren. In den Ställen vertrappeten die Leute ihre Zeit, so daß auf dem Felde nichts geschah, und während Andere schönes Emd einmachten, blieb das Ihre schön dem Regen zweg. Abends kam ein Berner Metzger, der Kühe suchte und von ihrem Stalle gar nicht fort wollte. Er meinte, es müßte erzwungen sein, zwei oder wenigstens eine feil zu machen, und bot Geld, daß man es fast nicht hätte nehmen dürfen. Es war eine Zeit, wo fette Kühe fast nicht zu erhalten waren, und die Metzger die größte Not hatten, denn obs Kühe gebe oder keine, darnach fragen die Stadtleute gar nicht, aber Fleisch wollen sie haben, und zwar je besser, desto lieber, ihretwegen kanns der Metzger von Zaunstecken schneiden oder aus Kabisstorzen.

Aber Christen tubakete ganz gelassen an seiner Pfeife und sagte dem Metzger: »Du hasts schon manchmal gehört, ich gebe sie nicht. Um was so ein Berner Metzgerli sie vermag zu kaufen, um das vermag ich sie auch zu behalten.« Alle Einreden des Metzgers, daß andere Kühe für ihn weit nützlicher wären, daß er an drei Kühen wenigstens sechzig Kronen zwischenaus machen würde, gingen in den Wind. Änneli hörte dem Märten mit ungeduldigem Herzen zu, ging oft aus und ein und konnte sich nicht enthalten, zu dem Metzger zu sagen: Es dünke sie, er wäre nicht der Uwatligist, und wenn sie mit einem handeln wollte, so wäre er nicht der Letzte.

Das war ein Stich, der bei Christen Fleisch faßte, aber er sagte nichts darauf, sondern nur zum Metzger: »Du hast gehört, was ich will, und jetzt wollte ich mich nicht länger säumen, wenn ich dich wäre. Wenn du heute noch etwas anderes finden willst, so hast du deine Zeit zu brauchen.«

Bald darauf kam eine arme alte Frau, welche einen kranken Sohn hatte; derselbe erhielt sie sonst, jetzt war die Not groß. Derselbe fing an sich zu erholen, und der Doktor hatte Wein verordnet. Aber wo nehmen und nicht stehlen? In solchen Fällen war Änneli die Zuflucht, und umsonst nahm man sie selten zu ihr. Als die arme Mutter kam und mit dem Fürtuch die Augen wischte, noch ehe sie anfing, und dann vieles vom Sohn erzählte, wie er so gut gegen sie sei und wie er krank geworden und wie sie in der Not seien und sie wäger heute noch nichts Warmes gegessen, und jetzt sollte sie Wein kaufen und hätte keinen Kreuzer im Hause und wüßte keinen aufzubringen. Wenn doch Änneli ihr dr tusig Gottswille nur einige Batzen leihen wollte oder, wenn es möglich wäre, nur eine halbe Krone, so wäre ihr geholfen, und sie wollte dafür spinnen, bis sie selber sagen müßte, es sei genug. Aber wenn ihr der Sohn sterben sollte, sie wüßte nicht, was sie anfinge, unter Tausenden gebe es keinen Solchen.

Änneli war in großer Verlegenheit. Wein hatten sie diesen Augenblick keinen Tropfen im Hause, wie sonst manchmal der Fall war, und Geld hatte sie auch nicht mehr im Sack als sechs Kreuzer. Sie ließ sich sonst nie so auskommen, daß sie nicht einige Batzen oder Franken in irgend einem Sacke hatte. Aber sie hatte letzthin zu Gevatter stehen müssen, hatte seit der Sichelten, wo es den Ankenhäfen übel ergangen war, keinen Anken mehr verkauft, sparte ebenfalls Augsteneier auf, hatte kein Geld gemacht, und das Schlüsseli hatte eben Christen im Sack. So konnte sie die Frau doch nicht gehen lassen; wenn der Sohn sterben sollte, so hätte sie ja keine ruhige Stunde mehr im Leben und das letzte Stündlein wäre ihr auch nicht ruhig, und doch war es ihr grausam zuwider, dem Christen das Schlüsseli zu fordern. Sie stellte der Frau vorläufig etwas Warmes zweg und suchte dann den Resli, sie wußte, daß der Geld genug hatte, allein der war zum Viehdoktor gegangen und hatte den Schlüssel zum Schaft im Sack; der andere Sohn war im Stall, hatte aber kein Geld im Sack, sondern alles in Reslis Schaft. Annelise aber hatte den Schlüssel verloren zu seinem Gassettli, worin es sein Geld hatte; es war, wie wenn alles verhexet wäre. Da nahm endlich Änneli das Herz in beide Hände, ging hinaus und sagte: »Gib mir doch geschwind das Schlüsseli!« Christen ward ganz rot im Gesicht, suchte es langsam, gab es endlich mit den Worten: »He, ich wollte doch machen, daß morgen auch noch wäre.«

So etwas hatte Änneli noch nicht gehört, es stellte ihr das Blut, einen Blick tat sie auf Christen, den der auch noch nie gesehen, aber sagen konnte sie kein Wort, sie ging mit ihrem Schlüsseli wie stumm ins Haus, und als sie der alten Frau die halbe Krone herzählte, zitterten ihr die Hände so, daß die in den höchsten Ausdrücken dankende Frau plötzlich fragte: »Aber mein Gott, was fehlt dir, wird es dir gschmuecht?« »O nein«, sagte Änneli, »es ist nichts anders, das gibt es mir, wenn ich lange kein Blut ausgelassen. Es ist allbets bald vorbei.« Und Änneli faßte sich zusammen, denn kein fremdes Ohr hatte je eine Klage gehört und kein Auge Tränen gesehen in ihrem Auge, außer bei natürlichen Anlässen; was unter ihnen vorging, sollte keine Posaune auf den Straßen verkünden. Aber es kostete dieses Zusammenfassen schwere Mühe, und kürzer als sonst fertigte sie die Frau ab; sie konnte es fast nicht aushaken, bis sie ihr den Rücken sah. Die gute Frau konnte fast nicht aufhören zu danken, aber nicht nur aus Dankbarkeit, sondern es stach sie auch der Gwunder, was Änneli wohl in diese Bewegung versetzt hatte, und solange sie im Hause war, hatte sie Hoffnung, es zu erfahren. Als sie es endlich verlassen mußte, stellte sie sich draußen bei Christen und hätte noch gerne ein neues Gespräch angefangen, aber der gab ihr keine Antwort. Gewiß haben die mit einander etwas gehabt, dachte sie, und ob dem Sinnen, was es gewesen sein möchte, vergaß sie fast die halbe Krone, mit welcher sie nun ihren Sohn laben konnte.

Wie die Frau zur vordern Türe aus ging, schoß Änneli zur hintern hinaus, machte sich etwas bei den Schweinställen zu schaffen, und da sie dort noch nicht ruhig war vor Knechten und Mägden, so schlich sie nach dem Bohnenplätz, der schon gar manchmal als schöner grüner Umhang gedient hat für Dinge, die nicht für jedermanns Augen sind.

Dort ließ sie endlich ihren Tränen freien Lauf, und es dünkte sie, wenn nur das Herz auch gleich käme den Tränen nach, so wäre doch dann ihr Leid zu End. Sie konnte nicht mehr stehen, sie mußte niedersitzen in den Bohnen, der Boden wankte unter ihr, schwarz ward es um Augen und Seele, als ob man ein großes Leichentuch um beide geschlagen hätte.

Also so ging es ihr jetzt, jetzt sollte sie das Unglück alleine entgelten, sollte den armen Leuten abbrechen, sollte es sie entgelten lassen, wessen sie sich doch so gar nichts vermochten! Das dünkte sie eine große Sünde, daß man ob der Armut wieder ersparen wolle, was menschliche Bosheit und eigene Schwachheit gefehlt; hatten sie doch selbst oft darüber sich aufgehalten, daß es zunächst immer die Armen entgelten müssen, wenn ein Reicher einen Verlust erleidet, indem man zuerst immer den Armen abschränzt, ehe man sich selbst etwas Entbehrliches abbricht, und jetzt sollte es bei ihnen auch gerade so zugehen? Und was trug das ab?

Eine Kleinigkeit, während man da, wo man das Zehnfache erübrigen konnte, alles im gleichen Trappe gehen ließ und sich keinen Zollbreit ändern konnte. Dublonen ließ man fahren, und wegen einer halben Krone mußte sie Worte hören, daß sie meinte, man haue ihr Leib und Seele abeinander. Sie sehe jetzt, daß keine Liebe zu ihr mehr da sei, daß sie der Sündenbock sei, der alles ausessen sollte, was Andere eingebrochet. Hatte sie nicht gewarnt, gemahnt? Aber man achtete sich ihrer nicht, glaubte ihr nichts, und jetzt sollte sie es alleine entgelten. Wenn noch ein Funke von Liebe zu ihr da wäre, so wäre man nicht so gegen sie. Und ging dann etwa die Sache alleine aus Christens Gut, hatte sie nicht auch eingekehrt, daß es wohl ein Almosen ertragen möchte! Ja, wenn sie eine bräuchige Frau wäre oder eine hoffärtige oder eine, die gerne im Sessel säße, so wäre es noch eins, aber ringsum sei Keine, die mehr eingebracht und mehr schaffete, und da möchte sie doch wissen, ob es ihr nicht auch etwas für ihre Freude ziehen möchte, und armen Leuten zu helfen sei einmal ihre Freude, und sie möchte wissen, ob das nicht besser wäre als Hoffart und Märitlaufen; Und je mehr sie weinte, um so völler ward dem armen Änneli das Herz, daß es sie dünkte, es müsse zerspringen und es wolle die Seele oben zum Kopfe hinaus. Schwere, zornige Wolken wälzten sich über ihr Gemüt: Fortlaufen, Scheiden, Klagen, Aufbegehren, Auspacken, Wüsttun, eins nach dem Andern kam, und eins nach dem Andern ging, vor dem Einen schämte sie sich der Leute wegen, das Andere wollte sie nicht um der Kinder willen; aber wie das Feuer das Wasser verzehrt und das Nasse trocknet, so verzehrte der Zorn das Leid und trocknete die Tränen, und als sie merkte, daß man sie suche ums Haus herum, da war es in ihrem Gemüte, wie es oft nach einem Gewitter am Himmel ist; es regnet nicht, es donnert nicht, aber es scheint auch die Sonne nicht, trüb und trotzig sieht es am Himmel aus, und was werden will, weiß kein Mensch. Wie sie merkte, daß die Suchenden sich entfernt und niemand mehr hinter dem Hause sei, verließ sie ihren Kupwinkel und erschien im Hause, wie ein kluges Weib es so wohl versteht, daß es mitten unter den Leuten ist und Keiner sagen kann, wann und woher es gekommen.

Die Kinder fühlten wohl, daß etwas nicht gut sei, aber keines frug nach der Ursache und jedes ging so bald wie möglich der Ruhe zu.

Christen rauchte wie üblich seine Pfeife vor dem Hause, und wo er einmal saß, da stand er nicht gerne auf, und wie gerne er auch im Bette gewesen wäre, so war es ihm doch so zuwider, daran hinzugehen, daß er bis nach Mitternacht sitzen konnte, ehe er zum Entschlusse kam. So saß er auch diesmal lange und alleine draußen, und vielleicht nicht bloß aus Gewohnheit, sondern wahrscheinlich war es ihm auch, wie es jedem Menschen ist, wenn er sich einem Menschen nähern soll, von dem er weiß, daß er beleidigt ist, aber nicht weiß, ist er streitbereit oder friedfertig, während man selbst den Mut noch nicht gefaßt hat, offen und ehrlich den Frieden zu begehren.

Endlich suchte er doch das Beet. Er war der Letzte, er betete sein Unser Vater, aber alleine, Änneli betete nicht mit. Als er fertig war, wartete er eine Weile; Änneli blieb stumm, er wußte nicht, schlief sie oder wachte sie; das erste Wort konnte er nicht reden, die Frage »Schläfst?« harte er zehnmal im Halse, aber dort blieb sie, er legte sich schweigend nieder. Es war das erstemal, daß sie sich nicht gegenseitig bsegneten mit dem frommen Wunsche: »Gute Nacht gebe dir Gott.«

Änneli harte nicht geschlafen, aber auch sie wollte nicht zuerst reden. Christen wars, der gegen sie so gröblich gefehlt, an ihm war das erste Wort, und auf dieses erste Wort wartete sie; aber ob sie mit ihm Friede machen wollte oder nicht, das wußte sie nicht, aber sagen wollte sie ihm, was ihr fast das Herz zerreißen und was sie nicht ertragen konnte, wenn es so gehen sollte.

Als Christen betete: »Vergib mir meine Schulden, wie ich auch vergebe meinen Schuldnern«, da dachte sie, ob er wohl an die Schuld denke, welche er heute gegen sie gemacht. Als er gebetet, erwartete sie seine Rede; als er aber schwieg, als er sich zum Schlafen legte, ohne Wunsch und ohne Segen, da sagte sie zu sich selbst: So, ist das so gemeint; jetzt ists fertig! Kann der seine Sünden nicht mehr bekennen, so bin ich ein armer Tropf; aber so ganz unterntun lasse ich mich nicht. Änneli dachte wunderbarerweise gar nicht daran, daß es heiße von Sünden vergeben, sondern hatte nur Bekennen im Kopf und daß dieses Bekennen Christen zukäme, und weil er es nicht tat, so sah sie darin eine neue Schuld, eine Schuld, die sie gar nicht verzeihen konnte, und als Wunsch und Segen noch ausblieben, da war es ihr, als sei zwischen ihr und Christen ein weiter und tiefer Graben, über den keines Menschen Fuß kommen könne, zu keinen Zeiten mehr. Manchmal war es ihr, als müßte sie reden, als sei alles gefehlt, wenn sie einmal in Groll und Ärgernis niedergegangen und die Sonne darüber aufsteigen ließen; aber solche Regungen wurden immer wieder unterdrückt durch den trotzigen Mut, daß sie einmal zeigen müsse, sie nehme nicht alles an, wolle nicht alles ausbaden, was Andere angerichtet, lasse nicht mit sich umgehen, als ob sie ein Waschlumpen wäre oder als wäre sie mit leeren Händen gekommen.

Selbe Nacht kam kein Schlaf in ihre Augen, aber auch keine Reue in ihr Herz. Als kaum der Morgen graute, stund sie auf, nur um Christen nicht etwa »Guten Tag gebe dir Gott« wünschen oder ihm auf seinen Wunsch danken zu müssen. Und das war wiederum der erste Tag, den sie ohne Wunsch und Segen begannen. Trübselig und wortlos verstrich er, und als der Abend kam, da legte zuerst Christen sich nieder. Ihn verlangte nach der Stimme seiner Frau, die er den ganzen Tag über nicht gehört, und es war ihm unwohl dabei geworden, denn sie war ihm lieb und er hatte die Rechnung gemacht, daß wenn sie schon gegen die Armen viel zu gut sei und mit ihnen viel unnütz verbrauche und das Lumpengesindel ziehe wie Zucker die Fliegen, so sei sie doch sonst sparsam und arbeitsam und er könnte leicht eine haben, mit welcher er viel böser zweg wäre, und es hätte jeder Mensch etwas an sich, das zu scheuen wäre, aber der eine minder, der andere mehr. Er wollte diesmal reden; ds Tublen trage nichts ab, und bald dreißig Jahre seien sie im Frieden bei einander gewesen, für den Rest wollten sie keinen neuen Brauch anfangen. Änneli kam, betete, aber betete leise für sich alleine. Wenn Christen ihr nicht »Gute Nacht« wünschen möchte, so wüßte sie nicht, warum sie für ihn beten solle, so dachte sie. Und Christen wartete sehnlich auf das Beten, wollte nachbeten; als aber kein lautes Wort kam, als Änneli ohne Wunsch sich zum Schlafen legte, da wußte er fast nicht, wie ihm war. Daß er gestern ohne Segen sich gelegt, dachte er nicht, nur an das, was Änneli jetzt tat. So, ist das so gemeint, sagte er zu sich selbst, so kann ich auch anders sein, warte du nur! So von einem Fraueli lasse ich mich noch nicht kujonieren, dafür bin ich nicht auf der Welt, und für was wäre ich der Mann, als für zu sagen, wie es gehen solle, und wenn du tublen willst, so tuble meinethalb so lange du willst, einmal ich frage dich nicht, was du habest.

So stieg das Feuer auch in Christen auf, und wie es bei langsamen Naturen der Fall ist, um lange zu bleiben. Änneli aber hatte erwartet, Christen werde fragen, warum sie nicht bete, dann wolle sie ihm so recht auspacken. Als nun Christen nicht fragte, nichts sagte, da dachte sie bei sich selbst: He nun so dann, wenn du es so haben willst, so habe es, aber daß du so ein Wüster wärest und daß du mich so wenig lieb hättest, das hätte ich nicht geglaubt, und nicht viel fehlte, es wäre ein heftiges Weinen über sie gekommen, so voll ward ihr auf einmal das Herz. Aber Zorn ward Meister und trieb, was im Herzen war, als heiße Dämpfe in den Kopf hinauf.

So begannen Beide erbittert die Nacht, standen am folgenden Morgen wortlos auf, und eine traurige Zeit begann für das Haus.

Sobald ein Groll im Herzen bleibt und sich setzet, wird dieses Herz selbstsüchtig. Sein Gesichts- oder vielmehr Gefühlskreis verengert sich. Wie die Spinne nur die Fliegen zu erfassen vermag, welche in den Bereich ihres Netzes kamen, so vermag der Groll nur die Dinge zu empfinden, welche ihn berühren; alles andere ist für ihn gar nicht in der Welt, er sieht es nicht, er riecht es nicht, und naht es sich fühlbar, so stößt er es zornig zurück. Wo in einem Herzen die Harmonie zerstört wird und ein Gefühl die Oberhand gewinnt, da trittet Beschränktheit ein, und wie Archimedes, in seine Berechnungen vertieft, die Einnahme seiner Vaterstadt nicht gewahrte, so fasset ein so recht innig Grollender es kaum, wenn sein eigen Haus brennt, und ein hart Leidender es kaum, wenn tausend Andere in seiner Nähe wimmern und webern würden.

Redet mit einem Liebenden von Brand und Wassernot, die Tausende unglücklich gemacht, um so mehr freut er sich seines Glückes, wenn euch nämlich hört. Redet einem Mißvergnügten von einer glücklichen Ernte, welche der Not von Tausenden ein Ende gemacht, er verflucht den Segen Gottes, weil er Andere zufrieden gemacht. Redet einem Zornigen von der Sanftmut unseres Herrn, so gibt er euch eine Ohrfeige, wenn er nämlich fasset, was ihr redet. Laßt einen Regenten eitel sein, so benutzt er den Staat ungefähr wie eine Dame ihr Schmuckkästchen; die Folgen sieht er nicht, wie nahe sie auch liegen, und zwischen monarchischen und republikanischen Regenten ist hierin kein anderer Unterschied als zwischen einem Tropf und dem andern Tropf.

Laßt eine Leidenschaft überhaupt im Herzen eines Menschen sich ansetzen, so wird sie euch gleich einem losgebundenen Element, das alles verzehrt, was in sein Bereich kömmt, und erst in sich zusammensinkt, wenn alles verzehrt ist, wenn es keine Nahrung mehr findet. Laßt Eheleute dauernd grollen, so nimmt nicht nur das ganze Haus diese Färbung an, wird unheimlich, sondern alle Interessen gehen in diesem Grolle auf, alle Gefühle verlieren mehr und mehr ihre Kraft, und wie die Gedanken an diesem Grolle unausgesetzt nagen, so verlieren sie ihre Schärfe für alles andere, ja es ist fast, als ob sie auch die Augen schwächte, daß sie das Notwendigste nicht mehr sehen, für das Liebste keinen Sinn mehr haben. Diese Zustande wachsen so allmählich, man weiß nicht wie, denn wie gesagt, der Teufel geht nicht immer umher wie ein brüllender Löwe, sondern sehr oft auch als ein schleichender, und die Hölle hat viel Ähnlichkeit mit einem Ofen, sie wird nicht auf einmal glühend, sondern zuerst nur lieblich warm.

So ging es auch dem armen Ehepaar. Wohlverwahrt trugen sie ihren Groll in ihren Herzen, ließen ihn anfangs nicht unter die Leute, blieben bei ihren angeerbten Sitten, und anständig ging es zu wie vorhin. Aber expreß verkaufte nun Christen seine Kühe nicht, expreß hielt er nicht weniger Leute, förderte die Arbeit nicht rascher, sondern alles eher das Gegenteil, und Änneli, weil sie dieses sah, so ward sie nur um so freigebiger und hieß manche Frau vor Christens Ohren bald wieder kommen. So trotzte eins dem Andern, während Keines die fünftausend Pfund vergaß und jedes meinte, sie sollten wieder erhuset werden; aber jedes meinte, auf anderem Wege, und je weniger das Husen vorwärts wollte auf diese Weise, um so mehr wuchs die innere Mißstimmung.

Diese wurde zuerst fühlbar den Kindern. An allen ihren Angelegenheiten nahmen die Eltern immer weniger teil, achteten sich derselben kaum, die Kinder konnten gehen und kommen, weder Vater noch Mutter fragten: woher, wohin? Schlechten Kindern ist das recht, guten Kindern aber hat es etwas unbeschreiblich Unheimliches.

Wenn Annelisi sonst heimkam von irgend einer Lustbarkeit, so hörte die Mutter gerne erzählen, wie es zugegangen, wer zugegen gewesen, und lockte wohl durch Fragen hervor, was Annelisi gerne sagte. Dann ließ sie Worte fallen über diesen Burschen und jenen Burschen, daß die Tochter wohl merken konnte, wer als Schwiegersohn willkommen wäre und wer nicht. Solche Gespräche waren auch die beste Gelegenheit, über Nebenbuhlerinnen sich zu beschweren und der Mutter zu sagen: »Nein aber, Mutter, einen neuen Kittel muß ich notwendig haben. Es sind Meitschi dagewesen, wo sie daheim mit den Zinsen noch genug zu tun haben, aber einen so schlechten Kittel, wie ich einen habe, hat keins angehabt. Und Göllerketteli habe ich nur die, welche ich erhalten, als mir der Herr erlaubt hat, und die sind so leicht und altmodisch, es trüge leicht eine hoffärtige Magd sie nicht.« In solchem Zusammenhang hatte die Mutter wider neue Anschaffungen am wenigsten, und wenn die Mutter einmal Ja gesagt hatte, so sagte der Vater seinem Annelisi nie Nein. Das ward auf einmal anders.

Es gab allemal saure Augen, wenn es irgendwohin wollte. Kam es heim und wollte mit einem Bericht des Erlebten wieder gut Wetter machen, so schwieg die Mutter oder sagte, sie möge des Gstürms nicht, und ehemals seien die Mädchen daheim geblieben und hätten den Eltern etwas abgenommen, statt in der Welt jeder Lustbarkeit nachzufahren wie die Vögel dem Hirs. Und wenn es etwas vom Anschaffen sagte, eine Kappe gerne gehabt hätte oder ein Gloschli, so seufzte die Mutter und schwieg oder sagte: Wenn es einmal fehle, so komme gerne alles zusammen und helfe einander, um einen zu Boden zu machen, und sie hätte geglaubt, es hätte mehr Verstand als so. Wenn es dann weinte, weil es der Mutter nichts mehr treffen könnte, und der Vater fragte ihns zufällig: »Was plärest aber?« und es antwortete, es mache es niemand mehr recht und Freude sollte es keine mehr haben, es erleide ihm, so dabei zu sein, und zuletzt nehme es den Ersten den Besten, nur um fortzukommen, so antwortete ihm der Vater: »He nun so denn, so nimm, und komme dann, mir brav Ehesteuer zu fordern, es geht in einem zu. Es ist besser, man mache gleich hintereinander fertig, so weiß man doch auch, woran man ist.«

Das tat dann Annelisi grusam weh. Es war ein gutes Kind und liebte seine Eltern, aber daß es das Unglück allein entgelten und nur für andere Menschen auf der Welt sein sollte, das meinte es doch auch nicht. Wie der Bauernsohn gerne ein Bauer wird, warum sollte die Bauerntochter nicht auch gerne eine Bäuerin werden? Es ist nicht nur wegen dem Manne selbst, der doch auch allerdings nicht zu verachten ist, sondern wegen dem unabhängigen Regiment, das eine rechte Bäuerin führt, und der Achtung, in der sie steht; denn eine rechte Bäuerin, deren es im Kanton Bern viele gibt und welche die Sonnseite des Bauernlebens sind, ist die Mittlerin des Hauses zwischen Gott und Menschen, ist die sichtbare Vorsehung in allen leiblichen Dingen. Und jetzt sollte Annelisi keine werden, weil der Vater fünftausend Pfund verloren und eine Ehesteuer ihm zu hart ankam! Das tat ihr weh.

Der älteste Sohn war empfindlicher Natur, und hatte er schon vorhin hie und da geglaubt, man hätte nicht genug Rücksichten für ihn, so geschah das jetzt noch viel öfters und nicht immer mit Unrecht. Früher sah der Mutter Auge jede Veränderung in jedem Gesichte, und wo sie eine bemerkte, da traf sie Vorsorge. »Christeli, ich habe dir heute Trank angerichtet, du gehst nicht aufs Feld«, so sagte sie, und im halben Tag rief sie ihn ins Stübli, wo sie ihm etwas Meisterlosiges zweg hatte, damit er nicht an der harten Speise der Arbeitenden sich noch mehr verderben müßte. Und wollte es nicht bald bessern, so sagte sie: »Man wird zum Doktor müssen«, und manchmal sagte sie sogar: »Es wäre gut, er käme selbst, er könnte dann selbst sehen, wo es dir fehlt; so mit dem Brichten breicht man es nicht allemale recht.« Nun ging diese Aufmerksamkeit verloren; die Mutter frug ihn viel seltener, ob ihm etwas fehle, und wenn er es manchmal zu merken gab mit Nichtessen oder Berzen, so war sie imstande zu sagen: »Du mußt nicht so nötlich tun, es wird schon bessern; je mehr man sich achtet, um so mehr tut einem weh.« Und wenn er liegen mußte und meinte, er sei recht übel zweg, und vom Doktor redete, so war der Vater imstande zu sagen: Man könne nicht das ganze Jahr durch einen für ihn auf der Straße haben; des Dokterns hätte er doch bald satt, er hätte jetzt sein Geld für andere Sachen zu brauchen, aber je nötiger er es hätte, um so mehr begehrten die Andern zu brauchen.

Solche Reden gingen Christen tief ins Herz. Es dünkte ihn, nicht länger als er noch leben werde, sollten sie es ihm gönnen; aber es gehe ihnen noch zu lange und sie möchten nicht warten, bis er weg wäre. Es kam ihn manchmal an, wenn er nur heute sterben könnte, damit sie sich so recht ein Gewissen machen müßten. Es würde sie doch wohl z'plären tun, wenn sie mit ihm zChilchen müßten und denken, sie hätten besser zu ihm sehen können, er lebte noch, wenn sie das Geld für den Doktor nicht gereut hätte. Und wiederum kam ihn das Weiben an, damit er jemand hätte, der zu ihm sehen würde und für ihn tun, was er mangelte. Dann strich er umher, besuchte Orte, deren er sich eigentlich hätte schämen sollen, ließ Geld aufgehen in den Wirtshäusern, daß männiglich meinte, er werde bald verkünden lassen; aber plötzlich verleidete es ihm wieder, er sah kein Mädchen mehr an, rührte keinen Wein mehr an, wollte wiederum sterben.

Weitaus am meisten litt darunter der jüngste Sohn, Resli. Die Mutter hatte ihm früher oft gesagt: »Resli, je früher du mir ein Söhnisweib bringst, um so lieber ist es mir, aber drei Sachen achte dich wohl: nimm eins, das sich wäscht, aber nicht nur oberhalb des Göllers, sondern auch unterhalb, eins, das alles anrühren darf und die Saumelchtern nicht scheut, und eins, dem man nicht zweimal die Zeit wünschen muß, ehe es einmal danket. Ich bin froh, an die Ruhe zu stellen, und wenn du mir so eine bringst, so soll sie nicht über mich zu klagen haben.«

Freilich sagte Resli: »Mutter, es pressiert mir nicht.« Aber er redete doch gerne mit der Mutter über die Meitscheni und hörte, was sie für einen Trumpf hatte für dieses oder jenes und was sie von dessen Familie wußte bis zur Großmutter hinauf. Denn Resli hielt gar viel auf dem guten Namen und wollte nur eine Frau »von braver Familie nache«. Er wollte nicht, daß man den Kindern die Eltern vorhalten könne und hielt ebenso viel auf ehrlichem Gut, und eine mit ungerechtem Gut hätte er nicht mögen, und wenn sie einen ganzen Kässpycher voll Dublonen gehabt hätte und dazu es Myneli, wie wenn man es aparti tangglet hätte.

So ein junger Kerli weiß aber, wenn die Mutter es ihm nicht sagt, nicht, was in einer Familie vorgegangen und was ihr anhanget; er sieht bloß, wie das Meitschi tut, und sehr oft sieht er auch dieses Tun durch eine Brille. Und wenn er auch einsieht, wie dumm es tut, so meint er noch sehr oft, aus einem Meitschi, das dumm tut, gehe es eine Frau, die gescheit tue – aber ohä! Es ist daher einer glücklich, wenn er eine Mutter hat, mit welcher er vernünftig über die Meitscheni reden kann und die nicht meint, das Himmelreich bestehe in einem Geldsack und wenn ihr Sohn schon eine dumme Frau kriege, so mache es nichts, weil er gescheit für Zwei sei.

Mehrere Jahre hatte Resli bereits in der Welt gelebt und hatte schon an viele Mädchen gedacht, hatte schon manchmal gwerweiset: Will ich dies oder will ich jenes, das wäre reicher, das wäre schöner, das wäre lustiger und jenes e Werchadere vom Tüfel, aber noch keines hatte er angetroffen, bei dem er in sich selber dachte: Das will ich und kein anderes, und wenn ich das nicht haben kann, so will ich gar keins, und wer weiß, vielleicht hänge ich mich noch.

Da war einmal ein schöner Sonntag, und es dünkte Resli, er möchte auch einmal baden. Er machte sich zweg, steckte eine schöne Rose auf den Hut, legte das schönste Halstuch um und sagte, man solle abends zum Essen und Füttern nicht auf ihn warten, man wisse nie, was es gebe, und säume sich manchmal ungsinnet.

Gleich nach dem Mittagessen ging er alleine, denn sein Bruder hatte gerade seine kranke Laune, und einen Knecht so gleichsam als Sicherheitswache mit sich nehmen, wie es oft geschieht, der dann mit des Meisters Sohn ißt und trinkt, sich aber auch für ihn schlägt und prügeln läßt, das mochte er nicht.

Es war ein heißer Tag, der Staub lag handhoch auf der Straße, und als Resli aus dem Bade kam, dünkte es ihn, er sei ein ganz neuer Mensch, er hätte Flügel und könnte fliegen über Berg und Tal. Zwei lustige Geiger riefen zum Tanze, und rasch hörte er die genagelten Schuhe den gygampfenden Boden stampfen. In langsamer Ruhe stieg er die Treppe auf, trat unter die Türe, sah im öden Saal ein halbes Dutzend Paare dampfen und stampfen und ein Dutzend Mädchen an den Wänden stehen, welche auch gerne gezeigt hätten, wie sie ihre Kittel schwingen könnten und wie sie das Stampfen erleiden möchten, auch wenn es auf ihren eigenen Füßen (Füßchen kann man nicht wohl sagen) stattfinden sollte.

Resli gehörte nicht zu den weichen Herzen, die sich aller verlassenen Mädchen erbarmen, die meinen, wenn ein Mädchen tanzen möchte oder sonst etwas, so hätte sie der Herrgott apart dazu geschaffen, des Mädchens Wunsch zu erfüllen. Zudem ist es bei uns zulande nicht so mit einem Tanze abgetan, so daß wenn der Geiger den letzten Strich tut, man das Mädchen flädern lassen kann, unbekümmert, in welche Ecke oder an welche Wand es gerät, wie es unter den heutigen Zierbengeln Mode wird. Reicht ein Bursche einem Mädchen zum Tanz die Hand, so steigen in demselben gleich ein Fuder Hoffnungen auf. Zuvorderst steht eine Halbe Wein, welche der Tänzer kommen läßt, hintendrein kommt Essen, ein schönes Schnäfeli Bratis, dann eine schöne Heimfahrt und endlich ein lustiger Hochzeittag. Das steigt alles auf, sobald ein Mädchen eine Hand zum Tanzen kriegt, und so eine Hand ist gleichsam der Schlüssel zu einem Schranke, der voll Herrlichkeit ist und der einem aufgeht, sobald man mit dem Schlüssel recht umgeht. Wenn aber nach ein oder zwei Tänzen sonder Komplimente ein Bursche seine Tänzerin fahren läßt, so versinken auf einmal alle diese Hoffnungen, und aschgrau wird es dem Mädchen im Herzen, wie es uns allen würde, wenn wir das Morgenrot gesehen hätten und nach dem Morgenrot käme keine Sonne, sondern wiederum die Nacht.

So täuschte nun Resli nicht gerne, und für etwas mehr als höchstens einen Tanz war ihm keines der Mädchen anständig. Er forderte daher einen Schoppen für sich alleine und setzte sich an den Schenktisch, unbekümmert um die ärgerlichen Augen, die wie Fliegen und Wespen seine Ruhe gern gestört hätten. Aber Resli trank kaltblütig seinen Schoppen und dachte: Wenn nichts Besseres kömmt, so trink ich aus und gehe.

Und wie der Böse kommen soll, wenn man an ihn denkt, so kömmt in guten Stunden uns auch der Engel vor die Augen, an den gerade unsere Seele dachte.

Wie Resli aufsah, sah er ein Mädchen am Eingange stehen von ganz anderem Schlage als die Mädchen drinnen an der Wand. Es war nicht reich gekleidet, nicht so handgreiflich schön, wie man es auf dem Lande liebt, aber auf den ersten Blick sah man, daß da etwas Rechtes sei und aus einem berühmten Hause; der Glanz der Züchtigkeit und Reinlichkeit, in welchem das Mädchen so gleichsam gebadet war, gab ihm fast etwas Stolzes, daß keiner der Bursche, die da waren, sich an ihns wagte. Resli fühlte sich auch etwas und glaubte nicht, daß für ihn leicht eine zu vornehm sei, und wenn ihm auch das Mädchen fremd war, so dachte er doch, Fragen werde nicht z'töten gehen. Darum stand er auf und frug das Mädchen, ob sie einen mit einander haben wollten? Und das Mädchen sagte, es sei ihm recht.

Mehrere Tänze tanzten sie im weiten Saale, so gleichsam der König und die Königin unterm gemeinen Volk, und sie hatten je länger je größern Gefallen an einander; das ging zusammen so rund und sittig, so rasch und richtig, daß es jedes von ihnen dünkte, so wohl hätte das Tanzen ihm noch nie gefallen und noch mit Keinem hätte es so fortkommen können wie pfiffen. Nach einigen Tänzen sagte er, er möchte eine Halbe zahlen, wenn es kommen wollte. Das Meitschi sagte zuerst, es sei nicht nötig, es sei nicht durstig; indessen wehrte es sich doch nicht halb so wie manches Stüdi, das, wenn es von weitem Wein riecht, schon die Finger zu schlecken anfängt bis an den Ellbogen, sich aber doch, wenn jemand es zum Wein fuhren will, erst reißen läßt, bis ihm irgend ein Bein im Leibe kracht.

Man sah dem Mädchen an, daß Resli ihm wohl gefiel, und eben weil es hier fremd war und es wohl sah, daß Resli es auch nicht kannte, so ließ es sich um so unbeachteter gehen und verschanzte sich nicht hinter die übliche zähe, einsilbige Sprödigkeit. Als sie am Wein saßen und die Stubenmagd fragte, ob sie noch etwas zu essen bringen solle, da befahl Resli gleich vom Besten, was sie hätten. Aber da redete das Mädchen auf und sagte, ein Glas Wein zu trinken sei ihm recht gewesen, aber essen möge es nicht, sein Vater werde bald kommen und es abholen, sie hätten weit heim.

Resli gebärdete sich aber auch als einer, der wußte, wer er war, und sagte der Stubenmagd, sie hätte gehört, was er befohlen, und dem Meitschi sagte er, es soll sich doch nicht eigelich machen, auf ein paar Batzen mehr oder weniger komme es ihm nicht an, und wenn der Vater käme, so sei immer jemand, der esse, was gekochet sei. Wenn es ihm aber recht sei, so wollten sie noch ein paar mit einander haben, bis das Essen komme; er hätte noch kein Meitschi angetroffen, mit dem sich ihm das Tanzen besser geschickt. Das Meitschi sagte nicht ab, und nun tanzten sie wieder, daß man ihnen die Herzenslust von weitem ansah und Die Kunde bis in die Küche drang, es tanzten Zwei oben ganz bsunderbar, man hätte noch nie so was gesehen, und ein Kuchimutz nach dem andern streckte mit zurückgehaltenem Kuchischurz seine schwarz angeloffene Nase neben dem Türpfosten durch in den Saal.

Noch zwei Tänze tanzten sie, nachdem das Stubenmeitli das Essen auf den Tisch gestellt und ihnen immer gewunken, von wegen weil es kalte. Aber es war Resli, als könne er das Meitschi nicht aus dem Arm lassen, und wenn er es lasse so entschwinde es ihm und er sehe es nie wieder. Endlich führte er es doch zum Tische, und das Meitschi ließ sich führen; freilich sagte es, es sei unverschämt und es wolle seinen Teil bezahlen, es täte es nicht anders. Es sei nicht da hinaufgekommen, um zu schmarotzen, aber der Vater hätte eine Verrichtung gehabt und es unten Langeweile, darum habe es dem Tanz zusehen wollen, damit die Zeit fürgehe. Daß es selbst hätte tanzen können, sei ihm viel zu gut gegangen, und darum wolle es ihn jetzt nicht noch in Kösten bringen. Vom Geiger wolle es nichts sagen, aber an der Ürti zahle es seinen Teil; wenn er das Geld nicht zu scheuen brauche, so sei es denn nicht, daß andere Leute nicht auch welches hätten und es brauchen dürften.

Es nahm Resli wunder, wer das Meitschi sei, und das Meitschi, wer Resli sei, und sie schlugen Beide auf den Stauden herum; aber ein jedes wollte erst hören, wer das Andere sei und ob die Bekanntschaft zulässig sei, ehe es herausrücke aus seinem Inkognito. So gelang Keinem sein Vorhaben. Es dünkte Resli wunderlich, daß das Meitschi nicht war wie andere Meitschi. Er hatte nach der Verrichtung des Vaters gefragt und hatte vernommen, er suche Holz um etwas zu bauen. Er hatte gefragt, ob das Haus ihnen zu klein sei. Jetzt hätte das Mädchen Gelegenheit gehabt, aufzuzählen, wieviel Jucharten Land sie hätten und wieviel Garben sie machten und wieviel Klafter Heu sie alle Jahre dem Küher gäben. Aber von diesem allem vernahm er nichts, sondern bloß, daß das Haus ihnen gar unkommod sei und der Stall sehr bös. Es wollte ihm nichts rühmen, wie er es auch darauf anlegte, nicht einmal wieviel Schweine sie hätten, vernahm er. Darum vernahm das Mädchen auch nichts. Er rühmte sonst gerne ihre schönen Rosse, wie manches sie hätten und wieviel sie für jedes hätten lösen können, aber jetzt hätte er es bei Leib und Leben nicht sagen können, wie oft das Meitschi ihm auch Gelegenheit dazu gab. Es kam ihm vor, als ob das Rühmen ihn in den Augen des Meitschis heruntersetzen würde und daß der am meisten sich rühme, der den Ruhm am meisten nötig hätte.

Während sie so mit einander worteten und Keines sich verraten wollte, kam das Stubenmeitli mit der Nachricht, der Vater sei unten und lasse befehlen, daß es alsobald hinunterkomme. »Sage ihm, ich komme gleich«, sagte das Meitschi, stund aber nicht auf, machte mit Resli Gesundheit, wortete wieder, und bald wars, als ob des Vaters Bescheid vergessen wäre.

Da kam das Stubenmeitli noch einmal und sagte: Der Vater lasse befehlen, daß seine Tochter auf der Stelle kommen solle, sonst fahre er alleine, man könne die Rosse nicht einen ganzen halben Tag an den Bäumen stehen lassen. »Laß du ihn fahren«, sagte Resli, »ich begleite dich dann heim, wenn du nichts darwider hast.« Da ward das Mädchen rot und sagte: »Nein, das will ich jetzt nicht, aber dankeigist, und behüte dich Gott«, und somit gab es Resli die Hand. Resli nahm sie und wollte noch etwas sagen, und das Meitschi wartete darauf. Aber das rechte Wort kam Resli nicht. Da stürzte die Magd hinein und rief: »Gschwind, gschwind, dr Alt ist scho ufghocket!« »Adie wohl«, rief das Mädchen und riß sich los. »Wart doch, los doch«, rief Resli, aber das Mädchen war schon auf der Treppe und frug auf derselben im Fluge das Stubenmeitli: »Was ist das für e Bursch?« »Ich weiß es nicht«, sagte dasselbe, »ich kenne ihn nicht, er ist noch nie dagewesen.« Da ging stille das Mädchen aufs Wägeli, stille hörte es die Vorwürfe des Vaters, stille fuhr es mit ihm dahin; es war ihm, als fahre derselbe mit ihm ins weite, öde Meer, wo keine Freude, keine Lust mehr sei, nichts als Herzeleid und lange, lange Zeit, bis man sterben könne.

Resli war ganz verdutzt gestanden, und als er zum Fenster trat, um nach Wägeli und Vater zu sehen, ob er sie vielleicht kenne, sah er nur noch die hinter ihnen aufwirbelnde Staubwolke. Da tat es ihm im Herzen weh, und er konnte nicht aufhören, in den Staub zu sehen, hoffend, der Wind möchte kommen und den Staub verjagen, noch einmal könne er das Meitschi sehen; und lange war Staub und Wägeli verschwunden, und immer noch sah Resli ins Weite, und immer wirser tat es ihm im Herzen. Es dünkte ihn da, wie wenn ein Mühlstein darauf läge, und der Staub biß ihn in den Augen wie noch nie. Tausend Pfund reuten mich nicht, dachte er, wenn ich wüßte, wer die wären.

Als er dieses dachte, merkte er hinter sich das Stubenmeitli. »Mach mir die Ürti«, sagte er rasch, als ob er fürchtete, dasselbe lese an seinem Rücken die Gedanken in seinem Herzen. »He, es ist fünfundzwanzig Batzen«, sagte dasselbe. Während es das dargelegte Geld nachzählte, dünkte es Resli, er möchte doch noch etwas wagen, und sagte: »Was sind das für Leute gewesen?« » Das ist der Dorngrütbauer, er wohnt da in den Dörfern unten, exakt in welcher Gemeinde, weiß ich nicht, aber es soll ein gar grusam Reicher sein. Du hast dich aber überzählt, es sind zwei Batzen zu viel, fünfundzwanzig Batzen habe ich gesagt und nicht siebenundzwanzig.« »So behalte sie«, sagte Resli, »ich begehre sie nicht wieder.« »Du bist ein seltsamer Bursch«, sagte das Stubenmeitli, »die Meisten wollen mir zu wenig geben, und du gibst mir zu viel. Aber ich will es nehmen, ich mangle es übler als du, und du sollest Dank haben z'tausend Malen. Aber weißt du, was ich noch lieber möchte als die zwei Batzen?« »Nein«, sagte Resli. »Einen mit dir haben möchte ich, du kannst es bsunderbar wohl. Willst?« »He, meinetwegen, öppe einen«, sagte Resli. »He nu so de, Gyger, so mach denn fry e lustige, aber gschwind! Sonst, wenn die Wirtin merkt, daß ich tanze, so kommt sie und nimmt mich bei den Züpfen; sie ist heute aber gar eine böse, und ich will lieber, sie komme nicht dazu.« Nun ging sTanzen los, und das Meitschi ward selig, tat Sprünge wie ein junges Böcklein, vergaß aber doch nicht, trotz seines Glückes in einer Pause zu fragen: »Woher kömmst du?«

Da dünkte es Resli erst, wenn seine erste Tänzerin nicht wisse, woher er komme, so brauche es die gegenwärtige auch nicht zu wissen, aber bald besann er sich eines Bessern und gab seinen Stammsitz an; denn wäre es nicht möglich, daß man hier ebenfalls nach ihm fragen würde?

»So, bist du der«, sagte das Stubenmeitli; »ich habe viel von Liebiwyl gehört, bin aber noch nie dort gewesen. Des Dorngrüter Bauern Tochter hat gefragt, woher du kämest, aber was man nicht weiß, kann man nicht sagen«. (Man frägt im Emmental meist »Woher bist« statt »Wer bist«, da nach alt-adelicher Sitte die Menschen bekannter sind unter den Namen ihrer Höfe als denen ihres Geschlechts). »Soll ich dir noch eine Halbe holen, Du wirst doch nicht schon fort wollen, du kämest ja Tags heim!« »Nein, ich mag nicht mehr trinken«, sagte Resli. »So mußt du noch einen mit mir haben«, sagte das Stubenmeitschi, und nach dem einen wollte es noch einen und noch einen, gäb was Resli sagen mochte, und wer weiß, wie manchen Resli noch hätte haben müssen, wenn nicht die Wirtin unter der Türe erschienen wäre, um das arme, in seine Privatgeschäfte vertiefte Meitschi zu suchen. »So, bist du da, du Donnstigs Bubennarr, was du bist, wohl, dir will ich!« rief sie mit klebriger Stimme in den weiten Saal durch Geigen und Stampfen mitten hindurch, daß das arme Mädchen zusammenfuhr wie von einem großen Dorn gestochen, sich umsah und mit einem Satz zur Stube aus fuhr, als wenn es schrittlings auf dem Bysluft führe.

»Bist du noch da, du Donnstigs Tanzgöhl?« fuhr die Wirtin fort und richtete ihre Kanone auf den armen Resli. »Es dünkt mich, du solltest genug haben, und das andere Mal lasse mir meine Meitli in Ruhe oder bring eine mit, wenn du tanzen willst, für solche Schmöckeni habe ich meine Meitleni nicht. Oder wenn du es zwingen willst, zu tanzen, so frag mich, ob ich Zeit habe. Ists denn wahr, daß du es so wohl könnest? Seh, laß mal probieren; Gyger, mach fry e styfe!« Und sonder weitere Umstände mußte Resli mit der dicken Wirtin, welche dampfte wie eine siedende Fleischsuppe, die über einem anderthalbzentnerigen Mocken strudelt, an den Tanz. Er begann zu glauben, er sei verhexet, und ihm war, wenn er nur da weg wäre; wenn nach der Wirtin noch die Köchin käme, dann das Badmeitli, nach dem Badmeitli die Hühnermutter, nach der Hühnermutter das Kindermeitschi und nach dem Kindermeitschi die Wirtstöchtern noch alle, so ginge es bis am Morgen, und was wurden die Leute sagen, wenn er erst mitten im Morgen heimkäme!

Da erschien zum Glück unter der Türe der Wirt und fluchte: Es nehme ihn doch wunder, warum heute alles da oben sein wolle; aber wenn das nicht aufhöre, so wolle er ihm schon ein Ende machen und jage die Geiger fort. Es dünke ihn, für so eine Alte sollte sie witziger sein, und wenn eine drei Männer gehabt und vierzehn Kinder, so sollte ihr das Tanzen erleidet sein. Aber er habe schon manchmal gehört, für die Narrochtige sei kein Kraut gut als einmal der Tod. Sie solle sich abemachen, es seien Leute unten, die wollten etwas essen, und zwar auf der Stelle. »He, die werden wohl warten«, sagte die Wirtin, »wir haben auch warten müssen, bis sie gekommen sind.« »Hast dus gehört«, sagte der Wirt, »oder soll ich dir zünden?« »Du bist ein Grobian«, sagte Die Wirtin, »hast du es gehört, ich lasse mir nicht von dir befehlen und tanze, mit wem ich will und so lang ich will. Komm, Bürschli, wir wollen noch einen haben«, und somit drehte sie sich und wollte Resli wieder fassen, aber es war kein Resli mehr da; sie streckte die Arme in die Luft und stand da, ungefähr wie Loths Weib gestanden sein mag. Es erscholl ein donnernd Gelächter, der Wirt sagte: »Gäll, der hat es dir gereiset!« »Wo ist der junge Löhl?« fragte die Wirtin, sah rund in der Stube herum, aber Resli war nirgends zu sehen. »Hat ihn der Schwarze genommen?« Und abermal lachten alle, und der Wirt sagte: »Such nur!« Die Wirtin wurde endlich verblüfft und sagte: »He nu so de! Wenn es hat sein müssen, so ist es mir allweg lieber, er habe ihn alleine genommen als mich damit. Es nimmt mich nur wunder«, sagte sie zu ihrem Manne, »warum er dich nicht mitgenommen hat, es wäre ihm in einem zu gegangen, und er hat schon Manchen genommen, der am kleinen Finger besser gewesen ist als du am ganzen Leib mit Haut und Haar.«

Während unter solchen zärtlichen Gesprächen das Ehepaar an seine Arbeit ging, hatte Resli, der zum offenen Fenster aus auf die Laube und von da ins Freie gekommen war, schon einen Plätz Weg gemacht. Bald schiens ihm, er gehe auf Rädern, bald wieder kniestief in der Erde, bald tanzte er mit dem Mädchen, bald dachte er, er hätte es zum letzten Male gesehen.

Er machte Plan um Plan, wie er zu ihm gelangen wolle, bald nachts als Kiltbub, bald unter dem Vorwand, Kühe oder Rosse zu kaufen oder Heu oder Stroh; so ein Baurensohn hat gar manchen Schlüssel zu andern Baurenhäusern, wenn es ihm ernst ist, hineinzukommen. Aber nichts gefiel Resli recht; er ersann immer etwas Neues, und das gefiel ihm dann wieder nicht, und er war daheim, er wußte nicht wie.

Die Andern hatten schon gegessen, aber die Mutter hatte ihm sein Essen an die Wärme gestellt. Sonst war sie neben ihn gesessen und hatte ihn gefragt, wo er aus gewesen, und dann hatte ein Wort das andere gegeben, bis Beide wußten, was sie wollten. Jetzt aber stellte sie ihm sein Essen dar, fragte nicht: »Ist es noch warm?«, sagte nicht: »Du bist früh heim«, sagte ihm kein Wort, ging aus und ein, als wäre er nicht da. So konnte er keine Frage anbringen, und das tat ihm weh. Manchen Tag strich er um die Mutter herum, aber wenn er etwas vom Sonntag anfangen wollte, so verschloß ein mürrisch-grollend Wort ihm den Mund.

Endlich glaubte er einen günstigen Augenblick erhascht zu haben, er war mit der Mutter alleine im Spycher und faßte ihr Korn für die Schweine. »Mutter, kennst du den Dorngrüter Bauer?« »Warum fragst du nach dem?« »He, ich habe ihn letzten Sonntag gesehen.« »Wie hast du gewußt, daß es der Dorngrüter Bauer war?« »Oh, ich habe gefragt.« »Was hat dich das wunder genommen?« »Ho, nienerum. Aber ich habe mit der Tochter einen Tanz getanzt oder zwei.« »Jä so«, sagte die Mutter, »während man daheim für euch sorget und huset und kummert, fahrt ihr herum und lauft jedem Schlärpli nach.« »Es dünkt mich doch, Mutter, du solltest nicht über mich zu klagen haben, ich mache ja, was ich kann.« »Ja« sagte die Mutter, »und läufst an den Orten herum, wo es lustig geht. Es dünkt mich, das sollte dir vergehen, wenn du sinnetest, wie wir dran sind, und der Mut zum Tanzen und Karisieren sollte dir vergehen. Aber so hat man es mit den Kindern, wenn man sie am nötigsten hätte, so sieht ein jedes für sich und frägt Vater und Mutter nicht mehr nach.« Darauf konnte Resli keine Antwort mehr geben, das Herz tat ihm zu weh. Die Mutter sollte doch wissen, dachte er, wie lieb er sie hätte und daß er diese Vorwürfe nicht verdiene. Wenn es einem Bauernsohn nicht mehr ziehe, einmal im Jahr zu baden und einige Tänze zu tanzen, so wäre es doch bös, und darneben sei er doch der Erste und Letzte bei der Arbeit, und wenn es gerechnet sein müßte, so gehörte ihm ein schöner Lohn heraus. Und öppe für wüst zu tun oder Schlägereien sei ja noch kein Kreuzer für ihn bezahlt worden.

Solches dachte Resli, aber es erbitterte ihn nicht. Es war ihm immer, als müßte er der Mutter und noch einer Andern zeigen, daß er besser sei, als man von ihm denke, als werde man hier oder dort nach ihm fragen, und dann solle jeder sagen müssen, einen brävern Burschen und einen, der alles besser angreife, gebe es nicht, so weit der Himmel blau sei. Und wenn ihm die Galle aufsteigen wollte und ihn antreiben zum Wüsttun, so wars ihm, als hebe das Meitschi hinter einem Hag den Finger auf und sage: »Bhüet mih Gott vor einem Selligen.« Dann nahm er sich zusammen und tat wieder, wie er dachte, daß ein Meitschi, welches gerne einen guten Mann hätte, es am liebsten sehen würde.

Aber wie viele Pläne er auch machte, auf das Dorngrüt zu gehen, er führte keinen aus. Es munterte ihn niemand auf, und so wie es bei ihnen immer mehr ging, hatte er nicht das Herz, eine junge Frau in das Wesen hineinzuführen.

Als künftiger Besitzer des Hofes, um der Mutter zu gefallen und ein gutes Lob zu erhalten ringsum, hatte er geglaubt, er dürfte wohl dem Vater sich näher zur Hand stellen, dürfte ihn fragen: »Wollen wir nicht an dieses oder jenes hin? Vater, bleib du daheim, wir wollen die Sache schon machen, daß es dir recht ist.« Auch fragte er: »Vater, darf ich nicht mit dir zMärit, soll ich den Kleb mitnehmen oder den Tschägg, sie sind fett und geben wenig Milch, es wäre Geld zu verdienen, und ich sollte das Handeln auch lernen?« Dann sah und hörte der Vater einige Zeit zu, und es dünkte ihn, er sollte selbst Freude haben am Eifer seines Sohnes, und er sagte wohl einige Male zu sich selbst: Das gibt einmal ein rechter Bauer.

Hätte die Erfahrung des Vaters den Eifer des Sohnes unterstützt, die fünftausend Pfund wären nicht nur bald ersetzt, sondern ihr Verlust wäre durch die erzeugte Aufregung ein eigentlicher Vorteil geworden. Aber bald kamen Eifersucht und Mißtrauen über den Vater. Er meinte, Resli sei von der Mutter aufgestiftet und sollte jetzt den Hof führen nach ihrem Sinn, mit Hasten und Jagen und Grämpeln, wie es Vater und Großvater nie getan. Er wollte den Sohn nicht über den Kopf sich wachsen lassen, die Leute sollten ihm nicht sagen, sein Sohn sei ein ganzer Kerli, und seit er regiere, gehe alles besser. Es sei eins ein schlechter Sohn, wenn er den Pflug nicht im gleichen Loche fahre wo der Vater. Einmal er hätte sich geschämt, regieren zu wollen, solange der Vater gelebt, und als derselbe gestorben, habe er gebauert, wie er es vom Vater gelernt, und es wäre auch gegangen. Aber die Welt werde immer schlechter, und die Kinder verachteten ihre Eltern, und ein jeder Bube wolle gescheiter sein als Vater und Großvater. Aber solange er lebe, gebe er den Löffel nicht aus der Hand und auch das Hefti nicht, und man solle erfahren, wer Meister sei.

Von dieser Zeit an ging es dem armen Resli bös, und er brauchte nur ein Wort zu einer Sache zu sagen, so ging es übel, und von allem, was er sagte, tat der Vater gerade das Gegenteil, und wenn er ihm eine Unerfahrenheit oder Unbesonnenheit aufrupfen konnte, so sparte er es nicht und nahm sich damit nicht einmal vor den Diensten in acht. Wo er nur konnte, gab er ihm zu verstehen, daß er eigentlich nur noch ein Bub sei und nichts verstünde und noch manchen Bissen Brot essen müßte, bis er nur wüßte, was eigentlich ein Bauer sei.

Resli verlor allen Mut, als sein Eifer ihm so übel genommen ward. War er dann laß und mutlos, so hieß es, da sehe man, was mit ihm sei; wenn er die Sache mit dem Maul machen könnte, so wäre es wohl gut, aber wo es müsse ausgehalten sein, da sei er nicht daheim.

Doch dies hätte er auch noch ertragen, er wußte gar wohl, daß man mit der Eltern Gebrechen Geduld haben solle, wenn nur diese Vorwürfe im Stillen unter vier Augen geschehen wären. Aber die Art im Hause hatte sich ganz geändert, und das war es, was ihn am übelsten plagte und manchmal fast z'weinen tat. Früher war man so besonnen mit der Rede, hütete sich, daß kein böses Wort fiel oder wenigstens nie vor fremden Ohren; denn wenn Mann und Weib sich böse Worte geben, was sollen Kinder und Diensten daran für ein Exempel nehmen? Und muß man sich darüber wundern, wenn sie ebenfalls böse Mäuler kriegen? Darum auch war das Haus so berühmt weit und breit; denn wo Keiner dem Andern ein böses Wort sagt, da geht es im Frieden, und wo es im Frieden geht, da können böse Leute ihr Maul nicht hineinhängen, und das ist eine rare Sache.

Nun war es anders geworden.

Christen und seine Frau gaben sich manches böse Wort und hielten sich unverblümt ihre Fehler vor. Christen hielt seiner Frau ihre Wohltätigkeit vor und wie diese und jene Frau eine ganz andere sei, so und so viel Eier- und Milchgeld hätte sie in einem Jahr ihrem Mann gegeben. Aber da stünden nicht immer Zwei vor der Tür und warteten, bis drei Andere, die drinnen wären, herauskämen, um dann auch hineinzugehen. Mit einer solchen Frau sei es auch eine Freude zu hausen, da hätte man ungsinnet immer mehr; er aber möge einnehmen, so viel er wolle, so sei in Gottes Namen immer kein Geld da, es sei, wie wenn der Luft darhinter wäre. Die Frau blieb nichts schuldig und sagte, fünftausend Pfund hätte sie doch nicht verliederlichet, und sie könnte manchem armen Menschen wohltun, ehe sie nur den Zins davon gebraucht hätte, und zwischen Spitzbuben und armen Leuten sei doch noch ein Unterschied, und es heiße in der heiligen Schrift nirgends, daß die einen Gottslohn davon hätten, welche Spitzbuben mästeten. Sie könne nichts dafür, daß es nicht mehr Milchgeld gebe, sie kaufe und verkaufe die Kühe nicht und müsse die Milch nehmen, welche man ihr bringe. Und wenn man zu rechter Zeit jede Arbeit verrichten würde, man erhielte auch mehr und besseres Futter. Sie wüßte Männer, welche ds Halb mehr auf dem Hofe machen würden.

Wenn sie dann auf ähnliche Weise mit einander gewortet hatten, so konnte sich vielleicht Christen nicht enthalten, vor Knechten und Taunern zu sagen: Es erleide ihm, dabei zu sein, und wenn seine Frau nicht bald aufhöre, ihm die fünftausend Pfund vorzuhalten, so müsse etwas anders gehen. Änneli aber weinte in der Küche vor den Mägden und sagte: Es sei gut, daß ihre Mutter das nicht erlebt hätte; sie hätte es nicht ausgestanden, und wenn sie es jetzt schon könnte, wie es ihr gehe, sie kehrte sich noch im Grabe um. Daß man so mit ihr umgehe, hätte sie nicht verdient, und was sie gebe, gebe sie eigentlich aus ihrer Sache, und es dünke sie, das sollte niemand viel angehen. Aber sie wollte, sie wäre tot, Christen könnte dann eine von denen nehmen, welche so viel Eier- und Milchgeld machten. Vielleicht machten die es wieder gut, und Christen würde noch manchmal an sein Änni sinnen, welches jetzt in keinen Schuh mehr gut und nichts recht sei, es möge in Gottes Namen machen, was es wolle.

Die Worte, welche in die Ohren der Diensten fallen, Die finden nicht unfruchtbares Erdreich, die gehen auf, manchmal tausendfältig, und wenn sie aufgegangen sind, so stehen sie nicht still wie Korn oder Weizen, sondern wandern von Haus zu Haus und samen sich wiederum ab in die Ohren neugieriger Weiber, die, wie gegenwärtig die Stadttore, Tag und Nacht offen stehen. Es ist aber mit Dienstenohren noch eine wunderliche Sache. In gewisser Beziehung würde man ihnen das größte Unrecht antun, wenn man sagte, das wären auch Ohren, die nicht hörten. Denn diese Ohren hören zuweilen auf hundert Schritte, sogar durch verschlossene Türen und solide Wände, und von dem, was sie so hören, vergessen sie nichts; dann gibts wiederum andere Sachen, welche nicht zu diesen Ohren ein wollen. Es gibt Dinge, man kann sie ihnen hundertmal des Tages sagen, am folgenden Morgen wissen sie nichts mehr davon und sagen sie auch nie wieder. Kuriose Ohren sind Dienstenohren!

Aber nicht nur Diensten redeten, auch Annelisi klagte zuweilen einer Freundin ihr Leid, wie es nicht mehr auszuhalten seie daheim, und es wäre ihr zuletzt recht, den ersten Besten zu heiraten, wenn sie nur daheim wegkäme. Aber sie solle es bei Leib und Sterben niemand sagen. Die Freundin sagte: »Was denkst du doch, und wenn man vier Rosse ansetzte, kein Sterbenswörtchen brächte man aus meinem Munde.« Und kaum war sie heim, so sagte sie: »Mutter, dort drüben gehts strub zu, ds Annelisi hat es mir selbst geklagt, für viel Geld möchte ich nicht im Hause sein. Ja, auf my armi, wenn mich jetzt einer von den Buben schon wollte, sie könnten mir küderlen.« Der Versuch wäre jedoch nicht ratsam gewesen.

Christeli konnte sich ebenfalls nicht enthalten, wenn er getrunken hatte, anzügliche Worte fallen zu lassen, und wenn er seine melancholische Laune hatte und sich vernachlässigt glaubte, dann war sein Herz noch offener. Ja auch die Bettler, welche Guttaten empfingen aus Ännelis Händen, schnappten Worte auf und vergaßen fast zu danken für die erhaltene Gabe, aus Eifer und Hast, das aufgeschnappte Wort weiterzutragen.

Man findet oft auf wüsten Inseln Gewächse blühen aus fernen Zonen, und es können die Menschen es nicht fassen, wie die Gewächse auf die einsame Insel gekommen, bis irgend ein Gelehrter sich ihrer erbarmet und mit gelehrtem Gesichte ihnen erzählt, wie Blumenstaub fliege in der Luft herum und dieser Blumenstaub sich hänge an eines Vogels Flügel oder Beine. Nun geschehe es oft, daß diese Vögel durch mächtige Winde verschlagen würden weithin über den unermeßlichen Ozean. Dann würden sie müde, und wo sie festen Boden erblickten, ruhten sie. Nun falle der Blumenstaub ihnen von den Füßen, keime, sprosse, und nach wenig Jahren sei auf der wüsten Insel ein blühend Leben. Dem fliegenden Blumenstaube gleichen alle Worte; sie sind Geister der Lüfte, fliegen im Winde, hängen in Menschenohren sich, lassen sich tragen, wohin ihre Fuße gehen, lassen sich absetzen, wo sie stehen und sitzen, keimen und wuchern, und wer sie hergetragen, vergißt man. Wer später ihren Wuchs sieht, wundert sich, errät das Geheimnis nicht, weiß nicht, wie lange solche Geschichten wachsen und fort und fort wachsen weit, weit von dem Leben weg, in welchem sie sich zugetragen haben sollen; er weiß nicht, wie leicht lange Geschichten sprossen können aus einem geflügelten Wort, das in eines Bettlers Ohr sich hängt.

So wurde jetzt viel geredet allenthalben von der unglücklichen Familie, denn gar zu oft flogen solche gefährliche Luftgeister, die so gerne hängen bleiben, ums Haus herum. Und je weniger man vorher Ursache gehabt hatte, über sie zu reden, um so mehr redete man jetzt und entschädigte sich gleichsam für das frühere Schweigen, so wie die, welche zu fasten belieben, sich auch durch desto mächtigeres Essen entschädigen, wenn die Fasten zu Ende gegangen.

Mehr oder weniger mochten es ihnen alle gönnen. Da sehe man jetzt, sagten die Leute, die hätten immer besser sein wollen als Andere, und wegen fünftausend Pfund täten sie so nötlich. Wenn sie ein solches Vermögen hätten wie jene, sie wollten nicht nebenume luegen, aber da sehe man jetzt, daß sie das Geld noch lieber hätten als andere Leute und daß sie nur die guten Leute machten, wo sie es mit ein paar Birenschnitzen und öppe einer Handvoll Mehl zwegbringen könnten. Nein, die hätte man so weit und breit gerühmt und bsunderbar viel auf ihnen gehalten, aber wegen fünftausend Pfund schämten sie sich doch, so wüst zu tun.

Die Weiber absonderlich konnten ihre Freude nicht verbergen. Wegen Christen sei es ihnen leid, sagten sie; mit dem könnte jede vernünftige Frau nachkommen, und Manche wäre froh, der Ihrige wäre nur halb so gut wie Christen. Wenn man mit ihm zu reden komme, so sei es nicht, daß er die Sache nicht verstehe, so ausbündisch könne nicht Mancher über alles Bescheid gehen wie er. Aber Änni, der Gränne, möchten sie es gönnen, der geschehe es vom Tüfel recht. Die habe gemeint, sie habe die Weisheit mit Kaffeechachelene trunke, habe alle Weiber verachtet, mit keinem Gemeinschaft haben, weit und breit die Beste sein wollen, habe die armen Leute auf begehrisch gemacht, daß man ihnen nicht genug habe geben können. Ja sie seien imstande gewesen, ihnen das Brot wieder zu Füßen zu werfen und zu sagen: Sie sollen es dem Hund geben, wenn er es möge, sie wüßten einen Ort, wo man für arme Leute Brot hätte, das sie essen könnten. Die hätte gemeint, sie hätte kein Fleckli nirgends und es solle kein Mensch etwas über sie sagen und der liebe Gott könnte seine Beine nicht stille halten im Himmel vor Freude, daß einmal so eine in den Himmel käme, und jetzt könne man sehen, wie die eigentlich seien, wo besser sein wollen wie alle Andern. Sie hätten schon lange gesagt, wenn der nicht etwas auf die Nase werde, so wüsse man nicht, ob man noch an eine Gerechtigkeit glauben solle oder nicht. Aber wohl, jetzt sei es gekommen; an der Hälfte hätten sie mehr als ds Halbe zviel, und es könnte sie jetzt bald noch dauern. Aber wunder nähme sie es, ob Änni jetzt Die Milch hinuntergelassen und ob es jetzt mit Leuten wie sie sich abgeben möchte. Aber jetzt möchten sie auch nicht. Seien sie ehemals nicht gut genug gewesen, so wußten sie jetzt auch nicht, warum so eine jetzt ihnen gut genug sein sollte.

So räsonierten die Weiber; die Männer machten es etwas kürzer, und Änneli fand vor ihnen mehr Gnade als Christen. Da müßte man doch blind sein, wenn man nicht wüßte, wer den Wagen in den Hag gefahren und jetzt nichts mit ihm anzufangen wüßte. Es sei bei einem so großen Hofe nichts verderblicher, als wenn man immer um eine Arbeit hintendrein sei. Das sei gerade, wie wenn man an einem Morgen nicht auf möge und am Abend nie nieder könne. Drüben aber gehe es so, und daran sei Christen schuld. In der Haushaltung, welche Änneli regiere, da habe alles seine Zeit, und man habe nie gehört, daß die Diensten nicht zu rechter Zeit essen könnten. Und was Änneli unter seinen Händen habe, das suche es zu guter Losung zu bringen, während Christen nichts aus den Händen lassen könne und im Handel ein rechter Fösel sei, jeder Schulbub möge ihn. Sie wollten mit Änneli wohl nachkommen, es sei eine manierliche Frau, und wenn eine einen solchen Mann hätte, so nehme es sie nicht wunder, wenn sie zuweilen auch ein Wort dazu sagen wolle. Es wäre wohl gut und käme Manchem wohl, es würde keine schlimmeren Weiber geben als Änneli.

Dann sagten wohl die Weiber: Es gebe keine wüstern Hüng als das Mannenvolk; es brauche eine nur wüst zu tun, so gefiele sie allen wohl. Es gelüstete sie, den Männern es zu zeigen, wie einem sei bei so einem Änni; es nehme sie wunder, ob sie nicht bald aus einem andern Loche pfiffen. Aber es sei ein wüst Volk, und alles sei ihnen recht, außer was ihre eigene Frau täte; die könnte es ihnen in Gottes Namen nicht breichen, sie möge es anfangen wie sie wolle.

Dieses Gerede tat aber niemand mehr weh als Resli. Alles andere hätte er im Stillen ertragen wollen, wenn nur das nicht gewesen wäre. Ihm war es immer im Gemüte, als würde des Dorngrüter Bauern Tochter noch nach ihm fragen, als müßte sie vernehmen, wo er daheim sei. Und wenn sie jetzt fragte, was vernahm sie? War nicht der alte, berühmte Name dahin? Mußte es nicht heißen: Da gehe es nicht mehr gut. Lauter Streit und Zank sei im Hause, und wenn nicht Reichtum dagewesen wäre, so ginge es nicht mehr lange. Jetzt möchte es noch ein Weilchen halten, aber immer könne das nicht so gehen. Es müßte eine da zweimal luegen, ehe sie hineintrappe, sonst nehme sie einen Schuh voll heraus. Aber öppe ein rechtes Meitschi, das noch nicht zu äußerst am Hag sei, werde sich wohl hüten. Er wußte wohl, daß ein Name, welcher durch mehrere Geschlechter während einem ganzen Jahrhundert erworben worden war, in wenig Jahren ganz dahin gehe, und wer mußte es büßen als gerade er, der auf dem Hofe blieb! Es kam ihm immer mehr vor, wenn schon zehntausend, ja zwanzigtausend Pfund verloren gegangen und nur der Friede geblieben wäre, so wäre er glücklich und wollte kein Wörtlein klagen. Es schien ihm, als würde ein Verlust alleine das Meitschi nicht abschrecken; in ein Haus aber, wo nur Streit und Zank sei, da hinein wurde es um alles in der Welt nicht gehen; das, meinte er, habe er ihm wohl angesehen. Je länger je weniger durfte er daran denken, sich im Dorngrüt zu zeigen. Jena Sonntag war ihm ein schöner Traum, der ihm aber oft das Wasser aus dem Herzen herauf in die Augen trieb. Er trug lange sein Leid alleine und meinte immer, die Mutter müsse in einer guten Stunde ihm dasselbe ansehen und darum fragen; dann wolle er es ihr in der Liebe sagen, alles, was er auf dem Herzen hätte. Vielleicht könne sie es einsehen, wie es ihren Kindern auf diese Weise viel zu übel gehe. Aber die Mutter fühlte nur ihr Leid, hatte keine Augen mehr für Anderer Leid, und die gute Stunde kam ihr nicht.

Endlich vermochte Resli sein ganzes Leid nicht mehr in sein Herz zu fassen, er klagte dasselbe seinem Bruder. Dieser hatte ihn als einen Günstling betrachtet, und da er ihn im gleichen Spital krank fand, wallte auch das gleiche Mitleid, welches er mit sich selbsten hatte, für den Bruder in ihm auf, und Beide wurden rätig, daß es je länger je schlimmer gehe und daß man da zu helfen suchen müsse, wie man könne und möge. Man müsse den Eltern, wenn sie zu kifeln anfingen, abbrechen, meinten sie, und ihnen sagen, das trage nichts ab, als daß sie verbrüllet würden. Wenn man es ihnen in der Manier sage, so würden sie es wohl annehmen und merken, daß sie unrecht hätten, bsunderbar wenn man dem, welches eigentlich die Urhab sei, zeige, daß es unrecht hätte und sich doch um Gottes und der Kinder willen besänftigen solle. Das fanden sie für das Beste, und als Christen noch an Reslis Liebe teilnahm und sagte, es müsse nicht zu machen sein oder Resli müsse des Dorngrütbauern Tochter haben, er wolle in den nächsten Tagen um das Dorngrüt herumstreichen, und wenn er das Nötige vernommen, ins Haus selbst zu kommen suchen, um zu sehen und zu hören, wie es um das Meitschi stehe: da war Resli wieder voll guten Muts und meinte, sövli bös seien doch die Eltern nicht, und wenn sie sehen, wie es ihnen daran gelegen sei, so würden sie sicher schon sich Gewalt antun, sie hätten allweg noch ein Herz für ihre Kinder.

Dem Annelisi sagten sie nichts davon. Sie betrachteten es halb wie ein Kind und halb wie einen Hintersäß, welcher vor Zeiten in Gemeindssachen auch nichts zu reden harre. Bauernsöhne haben es fast wie die Katzen, welchen man es nachredet, daß sie sich mehr an die Häuser als an die Leute schlossen und hingen, während die Mädchen es haben wie die Täubchen, welche alle Tage ins Weite fliegen und ob fremden Tauben ihr Häuschen vergessend ihnen gerne folgen. Die Söhne sind die Aristokraten, die Mädchen die Radikalen; die Erstern meinen, es gehöre ihnen alles von Rechts wegen, die Letztern flüchten sich je eher je lieber in fremdes Land, um unter fremdem Schutz desto sicherer und mächtiger gegen die brüderlichen Aristokraten aufzubegehren und aus ihren Klauen zu reißen so viel wie möglich.

Die Brüder hatten Annelisi recht lieb, aber weil es zuweilen etwas gäuggelhaft tat, so trieben sie oft ihr Gespött mit ihm und sahen es so gleichsam über die Achseln an. Annelisi, welches sich wohl bewußt war, daß es nicht auf den Kopf gefallen sei und so gute Gedanken hätte als irgend ein Meitschi, nahm das übel und vergalt den Brüdern ihr vornehm Wesen durch manche Spottrede, manche Neckerei und verrätschte sie wohl zuweilen bei Vater und Mutter; kurzweg gesprochen, es tat recht radikal gegen sie, wessen sie sich aber wenig achteten, sondern nur noch vornehmer gegen Annelisi wurden.

Wie gut Christen und Resli es auch meinten, gut kam es ihnen nicht. Die Eltern verstunden sie nicht; es ging ihnen, wie wenn Unkundige in einer Wunde herumfahren oder in eine Beule stechen, welche noch nicht zeitig ist. Sobald sie in das Gekifel der Eltern reden wollten, so wurden sie an die alte Haussitte gemahnt, seit wann es der Brauch sei, daß Kinder hineinwelscheten, wenn Eltern mit einander redeten. Die guten Eltern dachten nicht daran, daß wenn man Die Stützen wegnehme, das ganze Haus umfalle, und daß wenn sie selbst das erste Bedingnis, vor den Kindern nicht zu worten, verletzten, die Kinder auch um den alten Respekt kämen, und daß wenn Eltern vor den Kindern sündigen, die Liebe die Kinder treibe, die Eltern zurückzuweisen, so gut als sie auch die Eltern treibt. Der Witzigere wehrt ab, wenn nun die Kinder die Witzigern werden, sollen sie nicht auch abwehren?

So verstunden es aber die Eltern nicht, sahen nicht, daß sie nicht mehr die Alten waren, sondern krank geworden, die Kinder aber die alte Lebenskraft seien, welche sie wieder zur alten Gesundheit bringen mochte. Wenn nun die Kinder zum Schweigen gewiesen wurden, so wollten sie sich entschuldigen und sagten: »Aber Vater, es dünkt mich doch, es sei nicht der wert, so bös zu werden«, oder: Die Mutter habe recht; wenn man es so machen würde, wie die Mutter sagte, es käme besser, oder: »Der Vater hat doch auch etwas recht; man kann in Gottes Namen nicht immer machen, was man will, man muß sich zuweilen auch nach den Umständen richten« Das ging dann noch tiefer; was Entschuldigung sein sollte, nahm das Eine als Billigung, das Andere als Mißbilligung. So etwas während dem Streit ist Öl ins Feuer, und zugleich kam dasjenige, welches mißbilligt sich glaubte, in den Wahn, die Kinder hielten es mit dem Andern, glaubte sich unterdrückt, wurde nur hässiger und böser, der Streit ward häufiger, giftiger, lauter. Resli, in seinem Tätigkeitstrieb vom Vater zurückgewiesen, der Mutter Wohltätigkeitssinn, des Hauses Ehre, notwendig achtend und auch innerlich ihn teilend, entschuldigte sich öfters damit: Es dünke ihn doch, man sollte zuweilen auch darauf achten, was die Mutter sagte. Das machte den Vater immer böser über Resli, und laut klagte er über ihn, daß er nicht warten möge, bis er den Löffel aus der Hand gegeben; er stecke hinter der Mutter und weise sie auf, und wenn er nicht wäre es ginge alles besser. Er merke wohl, was abgekartet sei und daß er den Hof abtreten sollte, aber das tue er nicht, solange er ein Glied rühren könne. Annelisi, Reslis natürlicher Gegenpart und nicht in die Absicht der Brüder eingeweiht, nahm des Vaters Partei und sobald Resli den Mund auftat, mischte sich auch Annelisi ein, oft noch ehe es wußte, wovon die Rede war. Wenn die Mutter es schweigen hieß, so begehrte der Vater um so lauter mit Resli auf, und wenn später Resli mit Annelisi alleine war, so drohte er ihm, wenn es noch einmal den Mund auftue, so nehme er es bei den Züpfen und führe es zur Stube aus. Er wolle ihm zeigen, was es sich in alles zu mischen hätte, und es sollte sich schämen ins blutige Herz hinein, ein Wort gegen die Mutter zu sagen. »Tue es nur«, antwortete ihm dann Annelisi, »wenn du darfst und du meinst, du hättest alleine das Recht zu reden! Aber das Haus ist noch nicht deins, und solange ich in der Kräze sein muß, will ich das Recht haben, zu reden, was ich will, hörst du, so gut als du. Und es nimmt mich wunder, ob du dich nicht noch mehr schämen solltest, so auf dem Vater zu sein, du solltest doch wohl sehen, was er zu leiden hat von der Wunderlichkeit der Mutter.« »Was, Wunderlichkeit der Mutter«, schrie Resli, »es nimmt mich wunder, wer wunderlicher sei, der Vater oder die Mutter!« So gings, und oft war es nahe dabei, daß Die Beiden sich in die Haare gefahren wären, wenn der ältere Bruder nicht gemittelt hätte.

So ward, was zum Frieden dienen sollte, ein neues Reizmittel zum Streit, wie es ja auch bei großen Bränden geschieht, daß Feuerspritzen, welche man zur Rettung eines Hauses in eine Gasse gestellt, das Feuer leiten vom brennen, den Hause ins Nachbarhaus, weil, durch die Hitze angesteckt, sie selbst in Brand geraten. Statt daß da Eltern Streit aufgehört hätte, riß Streit unter den Geschwistern ein, und ein Streit nahm Nahrung aus dem andern Streit. So ward das Leben immer trübseliger, und es erleidete Änneli oft so dabei, daß es zu Gott betete, er möchte es doch sterben lassen, und Christen ging es nicht besser.

Einmal, es war am Sonntag vor Pfingsten, am ersten heiligen Sonntag, dünkte es Christen, er möchte noch Kuchen zum zMorgenessen. Sie hatten am Samstag gebacken und nach üblicher Sitte Kuchen gemacht für das ganze Hausgesinde über den Tisch weg. Dies geschah gewöhnlich in so reichlichem Maße, daß immer übrig blieb und manchmal später den Rest niemand essen mochte. Diesmal kam Christen die Lust an, es war, als ob der Teufel ihn stüpfe, wie man zu sagen pflegt, oder ob er zwei Bettlerweiber vom Hause weggehen sah, ich weiß es nicht. Denn die sind auch früh auf, und je länger je weniger soll man den Bettlern Faulheit vorwerfen, hoschen und doppeln sie einem ja manchmal schon vor fünf Uhr an der Türe.

Genug, Christen wollte zu seinem Kaffee Kuchen haben, und Änneli sagte: »Kuchen ist keiner mehr, aber ich will dir lings Brot holen.« »He, das wäre kurios, wenn kein Kuchen mehr da wäre«, sagte Christen, »es ist ja gestern noch so viel übrig geblieben. Gehe du, Annelisi, du wirst wohl noch finden.« »Du hast gehört«, sagte Änneli, »es ist keiner mehr, und du brauchst das Meitschi nicht zu schicken, wenn ich es dir sage.« »Aber wo ist denn der Kuchen hingekommen?« fragte Christen. »Er ist einmal nicht mehr da«, sagte Änneli. »So, geht das nun so«, brach Christen los, »fressen einem Die Bettler den Kuchen vor dem Maul weg? Brot ist nicht mehr gut genug für sie. Es wird bald dahin kommen, daß wir nicht einmal Brot mehr haben, wenn die Bettler uns den Hof gefressen. Aber so geht es, wo die Frau den Bettlern die Sache besser gönnt als dem Mann und den Kindern.« »Ich weiß gar nicht, warum du heute Kuchen willst«, sagte die Frau, »das ist nur um zu zanken, es ist manchmal übrig geblieben und du hast keinen begehrt, so daß er zuschanden gegangen wäre, wenn ich ihn nicht weggegeben hätte. Wenn ich dir anbot, hast du gesagt, du liebest alten Kuchen nicht.« »Selb ist nicht«, sagte Christen, »aber du begehrst mich auf Die Gasse zu bringen oder ins Grab, du – «. »Vater, Vater« sagte Resli, »denket, es ist heute heiliger Sonntag, und was werden die Leute sagen, wenn sie hören, daß wir wieder Streit haben.« »Aber was braucht die Mutter den Kuchen fortzugeben«, sagte Annelisi, »sie hätte doch wohl denken können, der Vater nehme noch.« »Und was hast du dareinzureden«, sagte Resli, »die Mutter hat gewußt, was sie zu machen hat, ehe du dagewesen bist.« »Ich habe so gut das Recht, dareinzureden, als du«, sagte Annelisi, »und lasse mir von einem Solchen, wie du einer bist, nicht befehlen.« »Wie bin ich denn einer?« fragte Resli. »He, einer, daß wenn man mit den Schuhen an ihn gekommen wäre, man sie wegwürfe aus Grusen, man sei vergiftet.« »Wart, du Täsche!« rief Resli und wollte hinter das Meitschi her. Das floh hinter den Vater und brüllte jämmerlich, der Vater donnerte auch. Da tat die Mutter, welche hinausgegangen war, als Resli vom heiligen Sonntag redete, die Türe auf, welche aus der Küche in die Stube führte, und sagte: »Eh Resli, denkst du jetzt auch nicht an den Sonntag und schämst dich nicht vor den Chilerleuten, sprichst Andern zu und kannst dich selbst nicht halten?« Das schlug Resli wie mit einem Zaunstecken. Er sagte: »Vater, zürne nicht, mit dir wollte ich nicht streiten, und wenn ds Meitschi sagen darf, was es will, so ists mir auch recht, wenn du es erleiden magst«, und ging zur Tür hinaus.

Es war eine gestörte Haushaltung an selbem Morgen. Sobald der Streit anging, hatten die Diensten sich fortgemacht, und als Resli hinausging, machten sich auch die Andern fort, eines hier aus, das Andere dort aus, fast wie eine Bande, die ob böser Tat gestört worden, und Keines kehrte in die Stube zurück, das zMorgen blieb auf dem Tische fast bis zMittag. Niemand ließ sich herbei, es wegzuräumen. Änneli wollten Reslis Worte, was die Leute sagen würden, nicht aus dem Kopf. Was werden sie erst sagen, wenn heute an einem heiligen Sonntag niemand in die Predigt geht? Da erst werden sie uns verhandeln und allerlei lügen, warum wir nicht gegangen. Jemand muß doch gehen. Aber Änneli fand niemand, den es senden konnte; es mußte, wenn ihr Haus repräsentiert sein sollte in der Kirche, Hand an sich selbsten legen, das heißt sich des Hauses, in welches es wollte, würdig kleiden. In ungestörter Einsamkeit vollbrachte es sein Werk, und es kam ihm wohl, daß es zu demselben nicht fremde Hände brauchte; aber die Mutter hatte es von Jugend auf gelehrt, daß der Mensch sich selbst müsse helfen können in allem, was täglich ihm zur Hand käme. Dafür hätte Gott einem die Hände wachsen lassen, über die man einsten auch Rechnung ablegen müsse wie für jedes andere erhaltene Pfund.

Änneli pressierte nicht, es begehrte nicht der Menge sich anzuschließen, welcher oft das, was vor und nach der Predige auf dem Kilchweg geredet wird, wichtiger ist als die Predigt selbst; sein Gemüt drängte es nicht zur Mitteilung, und für Anderer Angelegenheiten hatte es keinen Platz, es war voll eigenen Leids.

Eine halbe Stunde weit hatte Änneli zur Kirche, und niemand war auf ihrem Wege, denn heute eilte alles, um noch Platz zu finden. Gar seltsam war ihr zumute, so einsam und schauerlich, als ob sie pilgern sollte weit, weit weg und wüßte kein Ziel, wüßte keine Heimat mehr, und alle seien vorausgezogen und niemand wartete ihr, alleine müßte sie pilgern, weit und immer weiter. Noch tönten die Glocken, die ihr sagten, wo die Andern seien, aber sie verhallten bald, und stille wards. Sie hörte nichts als ihre eigenen Tritte, nicht einmal ein Hund bellte im Tale; so stille mußte es im Grabe sein. Und wenn sie nun alleine wäre in der Welt, fände keinen Menschen mehr im Dorfe, keinen in der Kirche, keinen mehr in der ganzen Welt, und alle wären fortgezogen durch das unsichtbare Tor, zu welchem der Herr einzig den Schlüssel hat! Da schwollen von der Kirche her feierliche Klänge und mächtige Töne rauschten auf, und Änneli faltete die Hände, es war ihr, als wäre ihr wieder Mut ins Herz gekommen, und doch bebte sie in ihrer Seele, es war ihr, als höre sie aus den Tönen heraus eine Stimme als wie eines Richters Stimme, die sie riefe vor Gericht.

Angefüllt war die Kirche, kein Platz schien mehr für Änneli da, sie stund im Türwinkel. Sieh, wenn es dir so ginge, wenn du sterben würdest, dachte sie, und kämest unter des Himmels Türe, und kein Platz wäre mehr da für dich, und du müßtest stehen, müßtest wieder gehen, weil kein Platz für dich da wäre, weil du zu spät gekommen, alle vorangelassen im Wahne, du kämest noch früh genug. Und wieder nun wuchs ihr Angst ums Herz, denn es gibt Augenblicke, wo unser Herz angstvoll ist und alles auf sich bezieht, wo die Angst um die Seele zuvorderst ist und alle Augenblicke die Augen voll Wasser sind. Da winkte ihr eine Taunersfrau, welcher sie auch manche Guttat unters Fürtuch gegeben; aber Änneli merkte es nicht, bis im nächsten Stuhl eine ihr einen Mupf gab und deutete. Da sah sie, wie die arme Frau ihr ängstlich winkte, den Andern deutete, daß sie noch näher zusammenrücken sollten, und ihr dann ein Plätzchen frei machte im Stuhle. So machte die arme Frau der reichen Platz in der Kirche, und diese trat demütig näher und nahm jetzt auch eine Wohltat an. Wer weiß, dachte Änneli, wenn ich so spät komme und voll Sündenschuld in den Himmel, wer weiß, ob mir dann nicht vielleicht auch eine arme Frau weichet, um ein Plätzchen für mich bittet, das ihre mit mir teilt, für Weniges, das ich getan, mir so Vieles gibt. Dann erfahre ichs, wie reich vergolten wird das Wenige, was man auf Erden an Nebenmenschen getan. Und als sie neben die arme Frau niedersaß, war es ihr fast, als sitze sie neben ihren Engel und hätte jetzt einen sichern Platz gewonnen, und niemand werde sie aus demselben stoßen, und ihr sei jetzt wohlgegangen in alle Ewigkeit.

Als der Gesang verklungen war, begann der Pfarrer zu beten, und die Gemeinde stand auf. Es schmerzte Änneli, vom erhaltenen Platze aufzustehen, wo ihr so wohl geworden, als sei sie zur himmlischen Ruhe gekommen. Sie dachte, wie es wohl einem sein müßte, der den Himmel erlangt und wieder daraus weg müßte, in die Hölle vielleicht, wo Heulen und Zähneklappen ist ewiglich. Da zuckte es in ihrem Herzen, als ob feurige Pfeile durch dasselbe fuhren, und vor ihr standen die vergangenen Tage, und nach ihnen kamen die gegenwärtigen, und über den ersten stand Freude und Glück, und die letztern waren in Weh und Schmerz gehüllt, und sie fühlte in ihrem Herzen, wie es einem sein muß, der aus dem Himmel in die Hölle muß. War sie ja auch in schaurigem Jammertale und sah ihrem Elende kein Ende, und von hier weg, wo ihr so wohl geworden, mußte sie in kurzer Stunde wieder heim in Qual und Zank, in des Unfriedens graulicht Gebäude. Mußte alleine dort wieder einziehen, von all den Hunderten kam niemand mit, keine arme Frau, welche ihr ein still, friedsam Plätzchen bereitete; dort warteten ihrer wieder die alte Not, das Elend, das nicht aus mißratenen Ernten kommt und mit den schlechten Jahren zu Ende geht, sondern das andere, das aus übelberatenen Seelen stammt und dauert so lange als der üble Rat in den Seelen, oft so lange als die Seele selbst, ewiglich. Ach, müßte sie doch nimmer heim, könnte sie ihr müdes Herz doch legen an ein ruhig Plätzchen, wo es schlafen konnte, bis ihr Plätzchen im Himmel bereitet sei.

Da tönte in diese Gedanken hinein des Pfarrers Stimme, welcher den Text verlas, der also lautete: »Aber ich sage euch: Ich werde von nun an nicht mehr vom Gewächs dieses Weinstockes trinken, bis an den Tag, da ich es neu trinken werde mit euch in meines Vaters Reich.«

Es war ihr, als hätte der Pfarrer in ihr Herz gesehen und die Worte gerade auf sie gerichtet, als eine schöne Verheißung, daß ihr Wunsch bald sollte erfüllet und sie befreit werden aus ihrem Elend und an ein ruhig Plätzchen kommen. Sie freute sich des Sterbens, und doch kam eine unbeschreibliche Wehmut über sie. Sie dachte anfangs wohl: Mir ginge es so wohl und niemand übel, wenn ich darausstellen könnte. Vielleicht, wenn ich einmal fort wäre, merkten sie, was ich gewesen und daß ich nicht mehr da bin, und sie sinneten vielleicht noch manchmal an mich, wenn an das nicht gesinnet wird und für jenes nicht gesorget. Sie würden vielleicht denken: Es ist notti übel gegangen, daß uns die Mutter gestorben ist. Würde aber wohl auch jemand weinen, wenn ich stürbe, wenn sie mich zu Grabe trügen und wenn die Erde polterte auf meinen Totenbaum? Müßte wohl Christen das Nastuch nehmen vor das Gesicht? Und Resli, was würde der sagen, würde er fühlen, wie übel es ihm ginge, Ach, hätte ich vor drei Jahren sterben können, da weiß ich, was sie getan hätten; da wäre es Christen gewesen, als hätte man ihm das Herz aus dem Leibe genommen, als müßte er diesem Herzen nach ins Grab. Und wenn ich jetzt sterbe, steht vielleicht niemand an meinem Bette, und wenn sie mich tot finden, so ists ihnen, als sei ihnen ein Berg vom Herzen gefallen und der Stein des Anstoßes verschwunden. Ach Gott, wenn meine Mutter wüßte, wie es mir ergeht und daß ich ein solches Ende nehmen würde; das hätte ich keinem Menschen geglaubt, und habe ich gemeint, wenn ich einmal sterbe, so müsse es heißen: Wir haben noch nie eine Leiche gesehen, wo es so übel gegangen ist, alli sufer hei pläret, man hat es fry wyt ghört, das mueß afe e Frau gsi sy!

Heiße, heiße Tränen siedeten in Ännelis Herzen und sprudelten in reichen Strömen über ihre Wangen. Sterben als ein Stein des Anstoßes, als ein Berg auf aller Herzen, als eine Türe vor dem Glück, das war schrecklich, und hatte sie ja immer das Gegenteil gewollt. Von wehmütigem Schmerz überwältigt, konnte sie fast des lauten Weinens sich nicht enthalten, und der Schmerz verzehrte ihr alle ihre Gedanken, und in die Finsternis ihrer Seele hinein tönte wieder des Pfarrers Stimme.

Sein letztes Mahl hätte Jesus mit seinen Jüngern gehalten; er hätte gewußt, wann es das letzte wäre, hätte einen unvergänglichen Segen gestiftet an selbigem, hätte dieses Mahl uns hinterlassen als ein unverwelkliches Erbe. Wann sein letztes Mahl jeder hielte mit den Seinigen, wisse Keiner, Keiner wisse seinen letzten Tag. Es wäre wohl gut, wenn jeder jedes Mahl als sein letztes betrachtete, das er mit den Seinigen hielte, und so weit aus den Augen sollte dieser Gedanke nicht liegen, denn wie mancher Hausvater sei am Abend als Leiche auf seinem Bette gelegen, der des Mittags mit den Seinen am Tische gesessen, wie manche Hausmutter hätte mit dem Tode gerungen, während das Mahl, das sie eigenhändig kochte, noch über dem Feuer stund ungegessen, und wie mancher Jüngling sei nicht über Nacht tut heimgebracht worden, der des Abends üppiglich gelebt an seiner Eltern Tisch! Da wäre wohl gut, wenn jedes jedesmal gedächte, daß es sein letztes sein könnte, da würde es anders sich gebärden, würde gerne ein schönes Wort, eine freundliche Rede hinterlassen zu seinem Andenken, daß es nach langen Jahren noch heiße: »Ich kann es nicht vergessen, als es das letztemal mit uns gegessen, wo kein Mensch ans Sterben dachte, da hat es noch gesagt –. Ich habe seither manchmal gedacht, ob er etwas vom Sterben gefühlt. Aber es ist seither oft mein Trost gewesen, daß wenn er schon ungesinnet gestorben ist, er doch so gute Gedanken gehabt hat.«

»Aber wenn einer über Tisch schlechte Reden geführt, den Geber alles Guten geärgert, während er seine Gabe genoß, denket, wie muß es den Hinterlassenen sein, wenn diese Reden ihnen einfallen, wie muß es dem Sterbenden sein im Augenblicke des Todes, wo die Gedanken mit unbeschreiblicher Schnelle vor der Seele wechseln, als ob sie das ganze Leben aufrollen wollten vor selbiger, wenn er an seine Worte gedenket am letzten Mahle und was für ein Andenken er den Seinen hinterläßt und was für ein Zeugnis über den Zustand seiner Seele!«

»Oder wenn man gar in Streit und Zank die Gaben Gottes genossen, in Streit und Zank auseinandergegangen ist, mit Groll im Herzen, mit bösen Gedanken in der Seele vielleicht, mit bösen Wünschen auf der Zunge, und Gott rufet einen ab, er kann nicht Friede machen, nicht abbitten, nicht zurücknehmen, er stirbt unversöhnt, was meint ihr, muß der Tod nicht wie ein zweischneidend Schwert in seine Seele fahren, und wie muß es den Seinen sein, und muß es ihnen nicht allemal, wenn sie zu Tische sitzen, in Sinn kommen, wie einer aus ihrer Mitte im Unfrieden dahingefahren! Wohin?«

»So sollte wohl jegliches Mahl in jedem Hause genossen werden als das letzte, genossen werden, wie Die Kinder Israel das letzte Mahl genossen im Diensthause des Ägypterlandes, zur Reise in die Wüste bereit, so der Christ bereit zur Reise ins wüste Tal des Todes, welches zwischen unserem jetzigen Lande und unserem gelobten Land gelegen ist.« Aber der Geschäfte des Tages, des gemeinen Lebens Aufregung hindere dies, halte meist den Geist nieder, daß er nicht aufzuschauen vermöge in die Gebiete des höheren Lebens. »Aber eben darum sollte man ja nicht versäumen, wenigstens das Mahl, welches die Erneuerung ist des Mahles, welches der Herr als sein letztes genossen, auch als ein Abschiedsmahl von dieser Welt zu betrachten. Nicht nur als einen Abschied von der Sünde, sondern auch als einen Abschied von allen, welche uns angehören, sollte man es betrachten, denken, man müsse nach genommenem Mahle scheiden von all den Seinen. Hat man für sie gesorget? Seine Schuldigkeit an ihnen getan? Welchen Namen, welches Andenken läßt man ihnen? Scheidet man im Frieden? Folgen ihre Tränen uns nach? Bleiben ihre Herzen bei uns? Das sind Fragen, die sich stellen sollen vor unsere Seelen. Denket euch, zum letzten Male tränket ihr hienieden mit den Eurigen vom Gewächse des Weinstockes, diesen Abend, wenn die Sonne scheidet, schlage auch eure Abschiedsstunde, und stellet nun jene Fragen vor eure Seele! Was waret ihr den Euren? Was hinterlasset ihr ihnen? Wie trennen die Herzen sich, wenn heute abend der Abschied kömmt? Ich weiß es, dieses fährt wie eine feurige Flamme in manches Herz, und manche Quelle innern Leids bricht auf, und manchen dunklen Schatten werfen die Gewissen über die Seelen. Denn den Unfrieden kann man nicht leugnen, der Groll liegt auf den Gesichtern, der gestrige, der heutige Tag können noch nicht vergessen sein, und was wir sind, steht vor unserem Angesichte. Darum eilet und machet Friede, machet gut, holt das Versäumte nach! Den heutigen Abend werden wahrscheinlich die Meisten erleben, wenn nicht das Gewölbe dieser Kirche einbricht, die Brücke dort nicht unter euch zusammenbricht, aber das nächste Abendmahl, wer wird dieses erleben? Drei Monate liegen zwischen diesem Mahle und dem nächsten Mahle; drei Monate sind eine lange Zeit, vergesset nicht, wie Mancher vor einem Jahre im Laufe dieser Monate ins Grab sank! Zählet draußen die Gräber; wenn ihr sie gezählet, so vergesset die Zahl nicht, traget sie heim und gedenket, daß Der, welcher vor einem Jahre so Viele ins Grab legte, der Gleiche geblieben und in diesem Jahre ebenso Viele oder viermal so Viele zu diesen legen kann, sobald Er will! Warum sollte euch diesmal die Reihe nicht treffen? Hat einer unter euch einen Sicherheitsschein? Junge sinds und Alte, Starke und Schwache, welche des Herrn Arm geschlagen, welche die Ihrigen dorthin gelegt. Fühlt ihr nicht, wie die Vergänglichkeit durch eure Glieder schleicht, wie das Pochen eurer Herzen mir recht gibt? Säumet nicht, holt nach, macht gut! Warum zögert eure Seele, den heiligen Entschluß zu fassen? Ja, ich bin nicht schuld, sagen die Einen, der Andere hat zuerst gefehlt. Ja, sagt ein Anderer, ich weiß nicht, ob er Friede machen will. Die Dritten: und wenn ich heute Friede machte, so wäre es morgen im Alten; und noch Hunderte solcher Sprüche schleichen aus dem Hintergrunde der Seele hervor; es sind die alten Leichentücher, welche ihr schon hundertmal gebraucht, in welchen ihr jeden guten Entschluß zu begraben pflegt. Hat Jesus auch Entschuldigungen gemacht im Garten Gethsemane? Machte er Vorbehalte, als er sprach: Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun? Machte er Ausnahmen, als er sein Opfer am Kreuz vollbrachte? Er hatte keine Ausreden, machte aber auch keine Vorbehalte, als er befahl, daß man siebenmal siebenzigmal in einem Tage vergeben, den Balken aus dem eigenen Auge ziehen solle. Darum gehorcht, versöhnt euch mit den Menschen, dann erst könnt ihr euch versöhnen mit Gott; vergebt euren Schuldnern, dann erst werden eure Schulden euch vergeben, rechnet nicht mit den Brüdern, wenn ihr nicht wollt, daß der Herr rechne mit euch! Zögert nicht, zaudert nicht; wie ein Dieb in der Nacht kommt der Herr. Glaubt es doch! Der Bruder hat euch auch eine Rechnung zu stellen, sieht ebenso viel Fehler an euch als ihr an ihm. Diese Rechnungen aber gleicht man mit Rechnen nicht aus, da hilft nur Vergeben und Vergessen. Darum du, der du zum Altar treten willst und weißt, daß dein Bruder zürnet, so laß den Altar und versöhne deinen Bruder, dann erst komme wieder! Im Himmel ist ewiger Friede; wer im Himmel ein Plätzchen will, darf nicht Streit auf Erden lassen, nicht Streit im Herzen tragen. Darum reiniget euch, damit wenn der Herr kommt, ihr fröhlichen Abschied nehmen, auf Erden ein freundlich Andenken hinterlassen, im Himmel den ewigen Frieden finden könnet!«

So sprach der Pfarrer, und die Worte tönten in Ännelis Seele wider fast wie Gottes Worte. Sie trafen Punkt für Punkt ihre eigenen Zustände und Gedanken, als wenn ein allwissendes Auge sie in ihrer Seele gelesen hätte, sie begegneten jedem Stocken, jeder Ausflucht; Schlag auf Schlag erschütterte ihre Seele, sie ward wie betäubt, und als der Pfarrer schwieg, da schien es ihr, sie stünde an eines tiefen, fürchterlichen Abgrundes Rand, und eine Stimme hoch über ihr sage: Frau, Frau, deine Zeit ist um, rette deine Seele!

Sie ging nicht zum heiligen Mahle, mit Andern verließ sie nach der Predigt die Kirche unwillkürlich, von einer inneren Gewalt getrieben, obgleich sie eigentlich angezogen war, um zum Tische des Herrn zu gehen. Aber eben es war nur der Leib, welcher die rechte Kleidung trug, und da weigerte sich die Seele und forderte auch das Kleid der Reinigung. Betäubt, fast wie jemand, der aus großer Todesnot gerettet worden, aber noch nicht weiß, wie es gegangen und wo er ist, ging sie nach Hause.

Wie lange sie heimgegangen und was in ihrer Seele auf- und niedergegangen, das wußte sie ebenfalls nicht. Aber sie harten ihrer geharret, Resli stand auf der Bsetzi, und seiner Stimme, als er frug: »Mutter, kömmst du endlich und wo bleibst so lange?« hörte man es an, daß er Angst um sie gehabt. Das Essen war längst zweg, Annelisi hatte gekocht und schoß puckt in der Küche herum. Es war die Verlegenheit des bösen Gewissens, das gerne sich entlastet hätte, aber nicht recht weiß wie. Denn als die Mutter fragte, ob alles zweg sei zum Essen, antwortete Annelisi ganz freundlich und mit viel mehr Worten, als nötig gewesen wäre. Noch fehlte der Vater; er sei zum Waldacker hinaufgegangen, hieß es.

Dort oben am Waldessaum saß Christen, und während der Himmel so heiter über ihm war, die ganze Erde lachte, war es ihm so trüb im Gemüte. So kann es nicht mehr länger bleiben, sagte er zu sich selbst; kein Essen ist mehr gut, Die Kinder reden in alles, die Diensten ästimieren einen nicht mehr; eins zieht hier aus, das Andere dort aus, und zuletzt geht alles über mich aus, und mit dem Rücken kann ich ansehen, was ich vom Vater geerbt. Nein, so kann es beim Schieß nicht mehr gehen. Aber was machen? ZBoden stellen, daß man einmal weiß, wer Meister ist, und wenn es sein muß, sie zuweilen in die Finger nehmen, das wär ds Best, wenn die Kinder nicht wären. Aber man muß sich vor den Kindern schämen, und dann liefen sie fort und der Lärm würde nur größer. Die verfluchten Bettelweiber mit der Geisel wegjagen, und wenn eine ins Haus schleichen würde, sie an den Züpfen hinausführen, so gutete doch wenigstens das verfluchte Verschleipfen. Aber was hätte ich davon, als verbrüllet zu werden im ganzen Land, und wenn eine Frau verschleipfe will, so ist ihr der Tütschel nicht listig genug. Scheide wäre ds Kürzest, und dann könnte ein jedes mit seinem Gelde machen und husen, wie es wollte. Aber wie ginge es dann mit dem Weibergut? Wenn ich das herausgeben müßte, es täte mir notti weh. Und dazu hätte ich eigentlich gar nichts wider Änni; wenn es nur weniger narrochtig tät mit dem Bettelvolk und nicht meinte, es mußte jeder Täsche aufwarten mit dem Hemd ab dem Leibe, und weniger regieren wollte und mir die fünftausend Pfund nicht immer vorhielte, so hätte ich gar nichts wider ihns, im Gegenteil, es wäre mir fast noch so lieb wie ehemals. Denn daneben wäre es ein Gutes in alle Spiel, hätte Sorg zu allem, und es sei kein Zeichen im Kalender, über welches es nicht Bericht geben könnte. Öppe so Laster, wie die meisten Weiber damit behaftet seien, wüßte er notti an Änneli keines. Aber die fünftausend Pfund lasse er sich nicht vorhalten; er sei nicht für seine Freude Vogt gewesen, vermöge sich dessen nichts, und wenn sie einem Menschen weh täten, so täten sie ihm weh, und bsunderbar weil er sehe, daß auf diesem Wege man nicht mehr dazu käme, sondern noch um das, was man hätte. Aber zuletzt wäre ihm an den fünftausend Pfund nicht mehr alles gelegen. Wenn sie nur den vorigen Zustand wieder hätten und Änneli würde wie ehemals, so könnten seinethalb die fünftausend Pfund sein, wo sie wollten. Er könnte dem Bub den Hof abtreten und in die Hinterstube gehen, aber er schäme sich auch, schon abzugeben und mit minderem Vermögen, als er ererbt; das würde die Leute lächern, und zudem daure ihn der Bub. Wenn sie mit dem ganzen Vermögen nicht fahren möchten, wie sollte es denn der Bub machen können, wenn er den Geschwistern herausgeben und dazu ihnen noch einen großen Schleiß ausrichten müßte? Und er wüßte auch nicht, wie Änneli das ausstünde. Man habe schon manches Beispiel, daß eine Mutter, wenn man ihr die Haushaltung abgenommen und sie zu nichts mehr etwas hätte sagen sollen, verhürschet worden seie im Kopf, und bsunderbar sei es denen begegnet, die gewohnt gewesen seien, viel auszuteilen, und die nun auf einmal nichts mehr zu geben hätten. Er glaube nicht, daß Änneli das ausstünde, wenn man ihm auf einmal alles abnehmen würde, und daran möchte er doch nicht schuld sein, es sei daneben doch noch ein Gutes gewesen. Nun habe man Beispiele, daß man mit ihnen umginge gerade wie mit Vieh. Nit, solange er lebte, wollte er schon dafür sorgen, daß es nicht geschehen würde, aber man wisse nicht, wer zuerst davon müsse. Er wüßte eine Frau, die auch verhürschet worden sei, weil man ihr alles eingeschlossen und sie zu keiner Sache mehr etwas hätte sagen sollen und nichts mehr geben, und die man jetzt, seit ihr Mann gestorben, behandle wie ein Unvernünftiges, sie einsam und abgesondert einschließe und niemand zu ihr lasse. Und doch sei es nicht, daß die Leute es nicht vermöchten. Er möchte an solchem nicht schuld sein, solches müsse einst abgebüßt werden an beiden Orten, hienache und dortnache, und was die Kinder nicht alles ausessen, das warte noch den Kindeskindern. Und selb möge er nicht. Resli täte es jetzt freilich nicht, aber man wisse nicht, was er für eine Frau erhalte, und was eine Frau aus einem Menschen zu machen vermöge, das wisse man auch nicht. Man habe Beispiele, daß aus den freinsten Burschen halbe Tüfle worden seien vor Gyt und Unverstand, wenn sie Weiber darnach erhalten hätten. Ja, wenn es Wyb z'ungutem geratet, so hat es siebe Manne use und dr Tüfel könnt byn ihm ga Lehrbueb sy. Aber was er anfangen wolle, das wüßte er wahrhaftig nicht, aber so stehe er es nicht mehr aus.

Bis hieher dachte Christen, nun versank er in tiefes, bewußtloses Sinnen; einzelne Glockenklänge, mit denen leise Winde über den Wald her spielten, weckten ihn. Es war das Zeichen, daß der Gottesdienst zu Ende sei, und eine Mahnung, wieder zu kommen am Nachmittage, damit der Same, welcher mit fleißiger Hand ausgestreut worden sei, mit Ernst und Nachdruck eingeeggt werden könne in den seltsamen Boden des Gemütes, wo der bessere Same so gerne sich verflüchtigt oder sonst nicht zum Leben kömmt. Ich sollte heim, dachte Christen, wenn ich zur rechten Zeit beim Essen sein will, aber ich weiß nicht, ich mag nicht, es ist mir allemal, wenn ich dem Haus zu komme, wie wenn jemand vor dem Hause wäre und mit einem Stecken mir wehrte oder als ob etwas Böses, Grüslichs gehen sollte, daß ich fast nicht dranhin dürfte. Ehemals ist das doch nicht so gewesen, es ist mir gegangen fast wie einem Schiff, wo der Fluß immer stärker unter ihm dahinschießt. So habe ich immer stärker laufen müssen und manchmal fast springen, je näher ich meinem Hause kam. Da war es schön. Und wiederum sann Christen, bis ihm laut der Wunsch entrann: »Ach, wenn es nur wieder so wäre!« Aber es wieder so zu machen, wußte er nicht, kein Rat kam.

Trübselig machte er sich nach Hause, und sein Trübsal war bald mehr bitter und bald mehr wehmütig und bald mehr trotzig und bald mehr melancholisch, je nachdem die Wolke gefärbt war, welche über seine Seele strich. Aber die Färbungen dieser verschiedenen Wolken sah man auf seinem Gesichte nicht, das war ungefähr wie ein Holzstich, der die nämliche Färbung behält, man mag ihn betrachten, von welcher Seite man will, und wenn die Sonne scheinet oder wenn es regnet. Es ist kommod und unkommod, ein solch Gesicht, aber Staatsmänner und Spitzbuben würden oft viel Geld darum geben. Freilich gibt es auch Staatsmänner, welche es bereits haben, das sind dann aber sogenannte. Spitzbuben gibt es aber sehr selten sogenannte, die unterscheiden sich von den Staatsmännern eben dadurch, daß sie meist wirkliche sind.

Dieses Gesicht brachte er heim, und mit diesem Gesicht setzte er sich oben an den Tisch, und es war erbärmlich anzusehen, wie schnell und schweigend gegessen ward, fast als ob jedes in einem Wespenneste säße; aber es meinte jedes, aus Christens Gesicht würde Blitz und Donner brechen bei dem geringsten Anlaß, wenn etwa ein Bettler hoschete oder ein Handwerksmann Geld wollte. Jedes merkte, daß es hinter dem Gesichte grollte und gärte; aber daß es naher dem Weinen als dem Donner war, eben das sah man nicht. Freilich donnert man zuweilen auch aus lauter Verlegenheit, weil man nicht mehr recht weiß, wie man weint. Es machte also ein jedes, daß es wegkam so bald möglich, auch Änneli nahm nur eine Gablete oder zwei und suchte die Küche wieder. Das beelendete Christen aber immer mehr, er wußte auch nicht, daß Änneli nicht seinetwegen so schnell abseitsging, sondern weil ihr immer das Weinen zuvorderst war und ihr Herz überhaupt so voll, daß sie meinte, es müßte zerspringen. Er glaubte, sie sei noch böse und kupe, und eben das sei das Unglück, daß sie nie vergessen könne und wochenlang die Sache wiederkaue, so daß wenn er zufrieden sein möchte und längst alles vergessen, Änneli das Alte immer wieder aufwärme, und das sei doch ehedem ganz anders gewesen, und das sei noch ärger, als wenn man am Sonntag Schnitz und ein Mus koche und beides die ganze Woche durch wärme; so sei nicht dabei zu sein, und das Leben erleide ihm.

So bald möglich machte er sich auch vom Tische fort und stund lange draußen auf der Bsetzi und wußte nicht was machen. Er wäre lieber daheim geblieben, aber daheim fürchtete er Streit, mochte mit Änneli heute nicht alleine sein, er wollte heute nicht mehr streiten, und doch war es ihm zuwider, wegzugehen. Endlich ging er und war schon ein langes Stück gegangen, ehe es ihm einfiel, wie und wo er seinen Nachmittag zubringen könnte. Änneli hatte ihm aus dem Küchenfenster zugesehen und gedacht: Bleibt er wohl oder geht er wieder? Wenn er doch daheimbleiben würde, wir wären alleine diesen Nachmittag, da wollte ich das Herz in beide Hände nehmen und es ihm leeren und mich unterziehen und um Verzeihung bitten und ihm anhalten, daß er nicht mehr so sei; es sei mir nicht nur wegen mir und von wegen den Leuten, sondern bsunderbar wegen den Kindern. Aber ums Bleiben durfte sie ihn nicht bitten, was würde er denken, dachte sie. Aber als er ging, als er nicht umkehrte, sie ihn nicht mehr sah, da schoß ihr das Wasser in die Augen wie vom Berge der Bach, wenn eine Wolke gebrochen ist. Sie mußte abseits.

An schönen Sonntagen und besonders wo keine kleinen Kinder sind, ist es oft einsam des Nachmittags um einen Bauernhof. Man kann zweimal ums Haus herumgehen, man merkt nichts Lebendiges als vielleicht ein Schwein, das sich kündet, wenn man dem Trog zu nahe kömmt, oder ein Pferd, welches durch den leeren Bahren wiehert. Zuweilen sieht man beim dritten Mal einen Hans oder einen Peter, der im Schatten eines Baumes wohl schläft, das Gesicht nach unten gekehrt, die Beine aber vom Knie weg gen Himmel gestreckt. Sehr oft aber sucht man umsonst unter den Bäumen nach solchen Himmelszeigern, man muß am Hause hoschen, muß drei-, viermal hoschen, stark, aber geduldig; dann kömmt endlich beim siebenten oder achten Mal eine ingrimmige Stimme aus der hintern Stüblistüre: »Doppelt neuer?« Es ist die Stimme der Bäuerin, welche sich vor dem Fliegenheer ins Hinterstübli geflüchtet hat, erst lesen wollte in einem geistlichen Buche, aber unwiderstehlich gelockt worden war hinter den dicken Umhang ums breite Bett, wo in der ungewohnten Stille bald ein seliges Schläfchen sie umfing, bis der unwillkommene Doppler sie weckte. Nachdem sie denselben abgefertigt, sieht sie ihm ein Weilchen nach, geht zum Brunnen, weckt sich durch einige Züge des schönen, Bläschen werfenden Wassers und macht dann die Runde ums Haus und in der Hofstatt, bis es Zeit wird, das Nachtessen zu rüsten, oder es sie gelüstet, privatim ein Kaffee zu machen.

Fast ebenso hätte es der Besucher auf jenem Hofe selben Sonntag getroffen, alle waren ausgeflogen bis an Änneli, das gaumete. Anfangs war sie, nachdem sie hinter der letzten Jungfrau, welche ausflog, die Türe geschlossen hatte, auch ins Hinterstübli gegangen, hatte den Kopf aufs Bett gelegt, aber nicht Schlafens wegen, sondern weil er so schwer von Trübsal und Jammer war. Es war ihr, als hätte sie eine innere Gewißheit, daß sie bald sterben müßte, und im Streit scheiden wollte sie nicht, kein Plätzchen im Himmel finden wollte sie nicht, wo keine arme Frau ihr eines machen konnte, auch beim besten Willen nicht, wenn sie nicht versöhnt zur Himmelstüre gekommen. Wie sollte sie es anfangen, Frieden zu machen? Christen schien alle Tage verstockter und unversöhnlicher, und nicht das mindeste Wörtlein nahm er von ihr an. So sann und weinte sie trostlos lange, bis ein Doppeln an der Haustüre sie störte. Änneli zögerte; eine Bäuerin erscheint nicht gerne mit verweinten Augen unter der Haustüre, es wäre ihr recht gewesen, wenn der Klopfende weitergegangen wäre. Als derselbe aber nicht absetzte, so erlaubte es dem Änneli ihr gutes Herz nicht, zu tun, als wäre gar niemand daheim, wie es wohl oft geschieht. Ich muß doch gehen, wenn es etwa ein Unglück wäre oder jemand für einen Kranken etwas wollte, ich müßte mir noch auf meine Letze ein Gewissen machen, und selb will ich doch nicht, dachte sie bei sich selbst. Sie setzte die Kappe wieder auf, strich Die Haare zurecht, wischte mit der feuchten Hand die roten Augen aus und öffnete. Da stund draußen der Polizeier und begehrte eine Unterschrift.

Eigentlich war es eine flotte Dampete, welche er im Sinne trug, in deren Hintergrunde ihm ein tüchtiges Glas Schnaps glänzte nebst dem dazugehörigen Stück Brot wie ein Licht in dunkler Nacht. Denn so ein Polizeier ist oft neben seinem Amte auch zugleich eine alte Frau, die sich mit Neuigkeiten Herumtragen abgibt, mit dem Unterschiede jedoch, daß er für seine Mühe lieber Schnaps nimmt als Kaffee, während eine eigentliche alte Frau den Kaffee mehr liebt. Änneli hörte ihn sonst nicht ungerne, und es geschah selten, daß der Polizeier den Mund nicht noch lange bald schleckete, bald abwischte, wenn er vom Hause wegging. Diesmal war Änneli nicht aufgelegt zum Dampen, öffnete nur den obern Teil der Türe und diesen nur halb, sagte: »Christen ist nicht daheim, du mußt ein andermal kommen.« Die üblichen Fragen: »Wo ist er hin? Kommt er bald heim? Wenn ich wüßte, daß er bald käme, ich wollte warten«, fertigte Änneli kurz ab, und als der Polizeier vom Wetter anfing und sagte, es sei schön und er traue, es wolle einen Rung so bleiben, es wäre gut, da sagte Änneli: »Es wär gut, aber ds Beste ist, wenn man es nimmt, wie es kömmt.« »Du hast recht«, sagte der Polizeier, »aber wenn mans könnte, du gute Frau du.« »He, man sollte es lernen«, sagte Änneli und machte die Öffnung in der Türe immer kleiner, so daß der Polizeier es endlich merkte, daß er unwert sei und gehen könne. »He, so will ich ein Haus weiter«, sagte er endlich traurig und sann, ehe er Adie sagte, noch lange nach, wo er wohl Zeit zu einer Dampeten und ein Glas Schnaps dazu finden könnte. Kaum war er dort abgesessen, so sagte er, was es wohl bei ds Bure in Liebewyl wieder gegeben habe; wenn es denen dort gut gehe, so verstehe er sich nicht mehr darauf. Die Bäuerin hätte ganz verplärete Augen gehabt, und als er nach dem Manne gefragt, da hätte es ihn gedünkt, sie möge es kaum hervor, bringen, sie wüßte nicht, wo er sei und wann er heimkomme. Und er wolle doch gefragt haben, wo eine rechte Frau sei, die nicht wüßte, wo der Mann sei!

Änneli aber hatte die Türe zugemacht, das Bett im Hinterstübli zurechtgerüttelt, ging zur hintern Türe aus, zog sie hinter sich zu, machte die Runde ums Haus, besichtigte die Ställe, in welchen sie lange nicht gewesen war, machte ihren Schweinen einen Besuch, und sie begrüßten sie freundlich mit Grunzen und Schnürfeln und erhielten zum Dank dafür einen Armvoll grünes Gras in den Trog. Von dort trappete Änneli in die Hofstatt hinaus, trappete von Baum zu Baum, freute sich des Segens, der so reichlich die Bäume schmückte, dachte bei jeder Sorte, für was sie wohl gut wäre, und wie ein Feldherr die Truppen zur Schlacht, so ordnete Änneli die sämtliche Masse nach ihrem Wert und Dienst, zum Behalten, zum Verkauf, zu Schnitzen und zu Bätzi, zu Most und zu Branntwein, kam unvermerkt zum Flachs, der dicht und schlank emporwuchs, dem Hanf nachstrebte, der hochmütig auf ihn herabsah. So kam Änneli immer weiter, von einem zum Andern, und alles war üppig und schön, und als sie am Rain hinterm Hause das Ganze übersah, da hüpfte ihr das Herz fast vor Freude, denn so schön hatte sie noch nie alles gesehen, und einen schönern Hof gebe es doch nicht, dachte sie. Aber da kam schon wieder der Jammer, gerade wie in nassen Jahren nach jedem Sonnenblick ein nur um so ärgeres Regenwetter kömmt. Das alles ist unser, und wie gut Händel könnten wir nicht haben, und jetzt, wie haben wirs! Übler zweg sind wir als die ärmsten Kacheler und Häftlimacher, und nicht wegen der Armut, wir hätten Sachen genug für uns und öppe auch für unsere Kinder, aber da inwendig ists nicht gut, da hat bös Wetter alles verherget.

Änneli setzte sich nieder, sah über das reiche Land hinweg, sah, wie alles im reichsten Segen prangte, vom Tale weg bis hinauf zu den Gipfeln der Vorberge, sah, so weit das Auge reichte, den Himmel rundum sich senken den Spitzen der Berge zu, sah ihn umranden den Kreis, welchen ihr Auge ermaß, sah, wie da eins ward der Himmel und die Erde, und von dieser Einigung kam der reiche Segen, kam der Sonne Licht, kam der Regen, kam der geheimnisreiche Tau, kam die wunderbare Kraft, welche Leben schafft im Schoße der Erde. Es ward dem Änneli ganz eigen ums Herz, als sie diese Einigung zwischen Himmel und Erde erkannte und wie eben deswegen alles so schön und herrlich sei und so wunderbar anzuschauen, weil Friede sei zwischen Himmel und Erde, der Himmel seine Fülle spende, die Erde den Himmel preise. Und sie dachte, ob denn eigentlich der Himmel nicht alles umranden sollte, nicht bloß die Erde, sondern auch der Menschen Leben, so daß wenn die Jahre ihn drängen an der Erde äußersten Rand, vor ihm der Himmel offen liege. Darum auch alle seine Verhältnisse ein jegliches zum Berge wird, auf den der Himmel sich senket und aus dem er in den Himmel steigen kann. Ja, jeder Tag des Lebens, ein kleines Leben für sich, sollte der nicht im Himmel beginnen, und wenn wir einen heißen Tag lang gewandert sind, der Abend kömmt und der Schlaf über die müden Augen, sollten wir da nicht Herberge halten, wo der Himmel die Erde berührt und die Engelein auf- und niedersteigen und Wache halten über den schlafenden Pilgrim, der im Herrn entschlafen ist, damit wenn die Sonne wieder kömmt, er wohlbewahret im Herrn erwache, gekräftigt in himmlischer Ruhe zu irdischer Geschäftigkeit? Und hatten wir es nicht ehedem so? frug Änneli sich. Wenn die Nacht kam, am Ende des Tages die Ruhe winkte, hoben wir da unsere Seelen nicht hinauf und suchten in Gott und mit Gott Friede und Ruhe und ließen dahinten der Erde Elend und versenkten ins Meer des Vergessens böse Gedanken und jegliches Nachtragen? Da ward uns wohl, und jeden Morgen nahmen wir den Segen Gottes mit in den Tag hinein, und jeden Abend legten wir ab, was die Erde Unreines an uns gebracht. Jetzt aber legen wir nichts mehr ab, legen uns schlafen mitten in Not und Elend, in Groll und Gram hinein, und böse Geister kommen in der Nacht und nähren in wilden Träumen Gram und Groll. Und am Morgen scheint keine helle Sonne einem ins Gemüt hinein, keinen Segen Gottes nehmen wir in den jungen Tag hinein, sondern das alte Elend, die alte Not, welche über Nacht noch gewachsen sind und wachsen von Tag zu Tag, so daß sie jeden Tag unser ganzes Leben umranden, unser Auge keinen Himmel mehr sieht, wie in trüben Regen-, in schwarzen Gewittertagen auch nur dunkle Wolken auf den Bergen liegen und kein Himmel zu sehen ist.

Da ging Änneli so recht klar zum erstenmal ihre Schuld auf, wie sie zu beten aufgehört hatte und wie von diesem Augenblicke an Groll und Gram gewurzelt seien in ihren Gemütern, und was sonst jeden Abend vorüberging, ein Bleibendes geworden. Wohl hatte sie auch für sich gebetet, aber das Gebet war nicht hinübergeklungen in Christens Seele, hatte nicht mehr geebnet alle Anstöße, ja es hatte sich immer weniger erhoben zu Gott, hatte die Seele im Dunkel ihres Jammers gelassen, und immer mehr waren es nur Worte gewesen, die, wie Steine im Flußbette rollen, ihr über die Zunge gerollt waren. Das Licht von oben läuterte ihre Seele nicht mehr, aber die Erde trübte sie jeden Tag mehr.

So ging ihr auf ihre Schuld, und ihres Elendes Anfang suchte sie nicht mehr im Verlust der fünftausend Pfund, welche mehr dem Manne als ihr zur Last fielen, sondern im Zerreißen des geistigen Bandes, welches so lange ihre Seelen in Treue und Liebe zusammengehalten hatte, und dieses Zerreißen war ihre Schuld. Diese Erkenntnis, die fast wie ein Blitz durch ihre Seele fuhr, erschütterte Änneli tief. Das hatte sie nicht gesehen, nicht begriffen, und lag es ihr doch so vor den Füßen! Und diese Schuld hätte sie beinahe mit sich ins andere Leben genommen, mit sich genommen die Seufzer ihrer Kinder, denen sie ihr Leben vergiftet und vielleicht auch ihre Herzen. Jetzt erkannte sie, wie man den Splitter sieht in des Nächsten Auge, den Balken im eigenen Auge aber nicht. Ach, wenn sie Gott mit dem Gerichte gerichtet hätte, mit welchem sie oft ihren Mann gerichtet!

Eine unendliche Demut kam über sie, sie sah, wie tief unten sie war, keine Strafe schien ihr groß genug, und sie bat die Strafe nicht ab, sondern sie fühlte einen innigen Wunsch, gestraft zu werden, eine Freudigkeit, jede Strafe zu ertragen; es dünkte ihr, erst dann würde es ihr wieder wohlen, wenn Gott sie so recht züchtigte, dann erst wüßte sie, daß Gottes Augen, von denen sie so lange nichts gemerkt, wieder auf ihr ruhten, seine Hand wieder offen wäre über ihr. Sie fühlte aber auch, daß sie gut machen müsse, was sie gefehlt, bekennen müsse ihre Schuld, es ward ihr so recht von ganzer Seele klar, daß nur dem, der seine Sünden von Herzen bekenne, könne vergeben werden, und nicht nur so obenhin einmal und in Bausch und Bogen bekennen, in der Hoffnung plötzlicher Vergebung und Auswischens, sondern sie bekennen in der Liebe, die sich nicht verbittern läßt, die alle Tage die Schuld bekennet, ohne Versöhnung zu erhalten, die im Bekenntnisse verharret, auch wenn der Bruder das Bekenntnis mißbraucht, sein eigen Unrecht nicht erkennt, sondern alle Tage häuft. Sie wußte, daß an ihr nun alles lag, daß sie der Angel war, um den des Hauses Schicksal sich drehte, daß sie die Hand ans Werk legen müsse sonder Zagen und Zaudern, denn kömmt nicht der Herr wie ein Dieb in der Nacht und fordert von seinem Knechte Rechnung über seinen Haushalt? Sie wußte, sie mußte vor allem aus das zerrissene Band wieder anknüpfen; das war ihr großes, ihr heiliges Werk.

Man liest so oft von Helden, die Übermenschliches vollbrachten, von Märtyrern, welche Übermenschliches ertrugen; die Schwächern beben, die Kühnern glühen, wünschen die Tage wieder herauf, wo solchen Ruhm die Kraft erwarb, verwünschen unsere Tage, die so geschliffen einherrollen, einer dem andern gleich, dem Menschen nichts zu bieten scheinen als den Kampf mit der Langenweile in diesen geschliffenen Zeiten und bei den durch sie geschliffenen Menschen. Es ist eine Eigenheit des Menschen, daß er die Größe und das Mächtige nur nach Pfunden, Zahlen, Längen und Breiten zu messen weiß, daß er fürs Geistige keinen andern Maßstab hat als der Zeitungsschreiber für seine Schlachten, deren Größe er nach der Zahl der Toten berechnet und nach der Menge der getanen Kanonenschüsse.

Nun aber gibt es Helden und Martyrer immerfort, und die Gelegenheiten dazu kommen jeden Tag. Wo göttliche Kraft im Menschen ist, da sprudelt sie hervor, und wo ist auf Erden die Quelle, welche nicht ihr Bett gefunden? Die ächte Kraft weiß im Kleinen groß zu sein, der öde Hochmut nur harret immer auf die Gelegenheit, groß zu werden, und harret immer umsonst, und wenn eine Gelegenheit zu Großem käme, so würde er nicht groß werden, sondern gar jämmerlich klein, so wie ein eitler Mensch, der in allen Ängsten nach einem Titel ringt, sei es ein geistlicher oder ein weltlicher, erst recht erbärmlich wird, wenn er denselben erhaschet hat. Ächte Heldenherrlichkeit, großen Märtyrersinn findet und sieht man heute wie immer, man muß ihn nur zu erkennen wissen im Leben und nicht bloß, wenn er geschrieben angepriesen wird, man muß ihn nur zu suchen wissen in jedem Lebensverhältnis und nicht meinen, er blühe nur auf Schlachtfeldern oder Blutgerüsten.

Diese Demut aber, die aus der Liebe stammet, Die alles erträgt, alles erduldet, sich nicht verbittern läßt, die da, wo Gott sie stellet, ausharret bis ans Ende, sei es zum Leben, sei es zum Tode, ausharret in dem Bewußtsein, daß über dem Menschen des Herrn Wille walte und dieser Wille ertragen werden müsse zur eigenen Sühnung und Anderer Heil, im Größten wie im Kleinsten: diese Demut ist der Sinn, der die Helden zeugte, aus dem die Martyrer hervortraten, der noch jetzt Helden und Martyrer zeuget.

Diese Demut kam über Änneli und dazu eine rechte Freudigkeit, alles auszustehen, was Gott nur für gut finde, und nicht nachzulassen, bis alles wieder sei wie ehedem, wo die Mutter noch lebte. Und jetzt erst war es ihr, als durfte sie so recht wieder an die Mutter denken, und es fiel ihr auf, wie sie sie von Tag zu Tag mehr vergessen und in der letzten Zeit gar nicht an sie gedacht habe. Jetzt hob sie ihre Augen zu ihr auf, und ein Friede kam ihr ins Gemüte und eine fröhliche Zuversicht, wie sie sie lange nicht gefühlt. Das kömmt von der Mutter, dachte sie, sie freut sich auch deiner und will dich aussteuern zu deinem heiligen Werke, wie sie dich während ihres Lebens auch so manchmal aussteuerte mit gutem Rat und lebendiger Vermahnung.

Als Änneli so auf dem Berge gerungen und gesieget hatte und sie die Augen aufhob, da schien ihr alles noch viel schöner als sonst, und der Himmel schien ihr nicht nur Die Erde zu umranden, sondern sich auf dieselbe gesenket, mit ihr verwoben zu haben, Himmel und Erde eins zu sein. Änneli wußte es nicht bis jetzt, daß wenn der Himmel sich hinuntergelassen hat über unser Gemüt, wenn er inwendig in uns ist, unser Fuß jeden Ort, den er betritt, zum Himmel heiliget.

Gekräftigt, wie neu geboren, stieg sie zum Hause hinab. Freundlich bewillkommen sie Tauben und Hühner, folgen ihren Schritten bis zur Küchentüre, harren dort, bis sie ihnen Futter bringt und fröhlich zusieht, wie sie lustig und friedlich darum sich zanken. Da kömmt auch der Hund hervor, wedelt durch Tauben und Hühner, ohne sie zu stören, und legt sein Haupt in Ännelis Schoß und läßt sich nicht stören wenn die Katze, welche bereits auf demselben Platz genommen, ihn mit der Tatze trifft, denn sie hatte die Krallen eingezogen und neckte sich gerne mit dem alten Kameraden. An dieser Einigkeit und Traulichkeit hatte Änneli große Freude, und sie streichelte abwechselnd bald Hund und Katze, aber sie ging ihr auch zu Herzen und trieb ihr das Wasser wiederum in die Augen. Wenn Hund und Katze sogar wegen alter Bekanntschaft einig und im Frieden mit einander leben, wie können dann Mann und Frau, die Gott für einander geschaffen hat, sich plagen und quälen und immer größere Feinde werden, je länger sie bei einander sind!

So sah sie dem Spiele zu, bis, wie abends zum Walde die Vögel wiederkehren und zum Schlage die Tauben, ein Bewohner ihres Hauses nach dem andern heimkam, ein jeglicher auf seine Weise. Die, welche noch ein Tagwerk hatten, eilig und schlitzend, andere, welche nur noch essen und dann schlafen wollten, behaglich und langsam. Die Jungfrauen kamen eilig dahergeschossen, rupften aber doch aus dem Zaun allerlei Blümchen und Blättchen ab und ergriffen diese Gelegenheit, um verstohlen zurückzusehen, ob Keiner ihnen folge von weitem, in welchem Falle sie wohl noch gezögert hätten, ein Strumpfband gebunden oder sonst etwas, bis sie vernommen, ob derselbe ihnen vielleicht noch etwas zu sagen hätte. Resli kam wehmütig vom Walde her, Christen lustiger von Seite des Dorfes, Annelisi zur hinteren Türe herein, man wußte nicht woher.

Noch war Christen nicht da, mit Angst schaute Änneli nach ihm aus. Endlich kam er langsam, zögernd und fast wie ein Schiff dem Hafen zu, dem vom Lande her der Wind entgegenweht. Es klopfte doch Änneli das Herz, als sie ihn so kommen sah mit dem sauren Gesicht und dem zögernden Schritt, denn was ihm im Herzen sich regte, das wußte sie nicht. Es wollte ihr der Mut und die Zuversicht fliehen, und sie mußte ins Haus hinein und konnte kein freundlich Wort zum Willkommen ihm sagen, wie sie gewillet war. Das tat Christen weh, als er Änneli bei seinem Kommen ins Haus gehen sah. Kann sie mir dann nicht einmal mehr freundlich guten Abend sagen und selbst an einem heiligen Sonntag das Dubeln nicht lassen, dachte er, und fast wäre er umgekehrt. Nun machte er aber ein desto saurer Gesicht und mochte fast nicht einmal dem Annelisi guten Abend sagen, das an ihn heranschlich wie in heimlichem Verständnis oder als wenn es ihm etwas anzuvertrauen hätte. Da aber der Vater tat, als merkte er sie nicht, gab sie dem Hund, der an ihr sich streichen wollte, einen Stoß und ging in den Garten zu ihren Blumen. Unterdessen hatte Änneli den Kaffee gemacht, die Erdäpfelröste dazu, alles stand auf dem Tische bis an die Kaffeekanne, die stand auf dem Tritte des Kunstofens, und langsam drehten die Leute zum Essen sich herbei.

Änneli nahm sich zusammen, festigte ihre gläubige Demut wieder, tat freundlicher als sonst und hatte für jeden ein gutes Wort. Was sie lange nicht getan, tat sie wieder, sie schenkte selbst den Kaffee ein und Christen zuerst; dann kam sie mit der Milch, und weil sie wußte, wie Christen die Milchhaut liebe, nahm sie ihr Messer und schob die meiste ihm in sein Kacheli. Und als Christen sagte: »Hör ume, ih ha gnueg«, sagte sie: »He nimm ume, es ist für die Angere o no da.« Das verwunderte Christen sehr, er dachte, so wäre es wieder dabei zu sein, und er wurde gesprächig und berichtete recht kurzweilige Sachen, wie man es lange nicht gehört hatte, daß sich die Meisten verwunderten und meinten, Christen sei im Wirtshaus gewesen und hätte einen Schoppen mehr als sonst getrunken. Aber Christen hatte den ganzen Tag keinen Wein gesehen, aber als Änneli ihm wieder die Milchhaut in sein Kacheli schob, da heimelete es ihn, es ward ihm wieder, als wäre er daheim, und das wirkte mehr, als drei oder vier Schoppen vermocht hätten.

So böse über sie, dachte Änneli, mußte Christen doch nicht sein, und ihr Vertrauen ward fest, und als die Haushaltung gemacht war, setzte sie sich zu den Andern draußen vor die Küchentüre, nahm freundlich teil an allen Gesprächen; ein freundlich Wort gab das andere freundliche Wort, man wußte nicht wie, und hoch am Himmel stand der Mond, als eins nach dem Andern seine stille Kammer suchte.

Änneli ging zuletzt ins Haus, schloß die Türe, sah wie üblich nach, ob das Feuer ausgelöscht sei und alles am rechten Orte. Zweimal machte sie die Runde, denn es klopfte ihr wieder das Herz, und ihrem Stübchen nahte sie sich, wie der Laie sich naht dem Heiligtume im Tempel, welches sonst nur des Priesters Fuß betritt. Schweigend rüstete sie sich zur Ruhe, schweigend suchte sie ihr Plätzlein. Da saß sie lange und wollte wieder beten wie ehedem, aber enger und enger ward es ihr um die Brust. Die Worte wollten den Durchgang nicht finden, und wenn auch die Lippen sich bewegten, zur Bewegung wollte der Laut nicht kommen; es war, als wenn eine unsichtbare Macht unwiderstehlich ihr im Wege stünde, sie zurückdrängen wollte ins Geleise der letzten Gewohnheit. Sie fühlte sich niedergezogen in Die Kissen, und alles in ihr rief ihr zu: Heute geht es ja nicht, fasse dich, stärke dich, warte bis morgen, morgen gelingt es dir besser, morgen ist bessere Zeit! Aber dann tönten ihr wieder Die Worte des Pfarrers zu, daß die Hausmutter sterben könne, während das Essen, das sie aufs Feuer getan, noch koche, daß im Himmel ein ewiger Friede sei, und wer im Himmel ein Plätzchen finden wolle, nicht Streit auf Erden lassen, nicht Streit im Herzen tragen dürfe. Und von neuem rang sie nach einem lauten Wort, und in hellen Tropfen stand der Schweiß auf ihrer Stirne. Da wandte ihre Seele sich mit einem unaussprechlichen Seufzer zu Gott empor: Vater, hast du mich verlassen? Da wars, als versinke ein finsteres Unwesen, das drohend vor ihrer Seele gestanden, als sprängen Ketten, die um ihre Brust geschlungen; frei ward das Wort in ihrem Munde, und langsam und bebend, aber inbrünstig und deutlich begann sie zu beten: »Unser Vater« usw.

Beim ersten Ton aus Ännelis Munde fuhr Christen zweg, als hätte der Klang der Feuerglocke sein Ohr getroffen, dann saß er auf, dann rangen sich auch Töne aus seiner Brust, er betete mit, und als Änneli die Bitte betete: »Vater, vergib mir meine Schulden, wie auch ich meinen Schuldnern vergebe«, und nun das Weinen über sie kam und sie erschütterte über und über und ihre Stimme nur ein Schluchzen wird, da weinte er mit, und weinend betete er das Gebet zu Ende. Und es ward ihnen, als wenn das Gebet die Sonne wäre, und schwarzer Nebel hätte sie umlagert, daß eins das Gesicht des Andern nicht mehr hätte sehen können. Nun aber kam die Sonne über den Nebel, und ihre Strahlen brachen, spalteten ihn, er zerriß, und als ob Gottes eigene Hand vom Himmel herunterreiche, hob er sich höher und höher, hob sich in immer lichtern Wölkchen zum Himmel auf, verlor sich ganz und gar im Himmel, und licht und klar war es um sie, kein Schatten war mehr da und die Herzen lagen offen vor einander. Das heilige Schweigen brach zuerst Änneli, sich anklagend und um Verzeihung bittend, aber Christen antwortete: »Du hast nichts zu bitten, ich bin an allem schuld, hätte ich dir gehorcht, so wäre alles nicht begegnet.« Wunderbar war es jedem, wie das Herz des Andern so weich war und so voll Liebe und so ganz anders gesinnet, als man es gedacht, und daß es nur ein Wörtlein gebraucht zur Einigung. Und Keines hatte daran gedacht und jedes das Herz des Andern ganz anders geglaubt, darum an jeder Verständigung verzweifelt; nur die Demut Ännelis, welche sich allem unterziehen wollte um ihrer erkannten Schuld willen, konnte durch die bergende Hülle brechen. Eben deswegen hat uns Gott der Zukunft Schoß verdunkelt, den Vorhang gezogen vor die Herzen der Menschen, daß wir lernen in ächtem Heldensinn und hingebendem Vertrauen das Rechte tun, ohne nach dem Gelingen zu fragen, ohne die Anstrengung mit dem Kampf zu messen. Da wird dann oft, was den Kleingläubigen zurückgeschreckt hätte als unerhörtes Wagnis, dem Gläubigen plötzlich so leicht, daß er fast erschrecken, es ansehen möchte als eine Täuschung, aus welcher er bald um so elender erwachen werde, daß er es erkennen muß als eine Gnade Gottes, die über dem Gläubigen so mächtig geworden. So war es auch ihnen; lange trauten sie ihren Ohren kaum, konnten ihr wiedergefundenes Glück nicht fassen, fürchteten bei jedem Wort, es möchte in eine wunde Spalte des Herzens fallen und aus dem Abgrunde der Streit wieder sein struppicht Haupt erheben. Sie wählten mit der rührenden Sorgfalt, mit welcher eine zärtliche Mutter ihres Lieblings eiternde Wunde verbindet, die Worte aus, und in neuer Redweise erkannten sie die Macht ihrer Liebe. Und als sie endlich sicher waren, daß keine Täuschung da sei, daß Keines dem Andern nachrechne, sondern vergeben habe von Herzensgrund, daß jedes in Demut seine Schwäche erkannt und lechze und dürste nach dem alten Glück, dem alten Frieden, daß jedes ihn nicht nur vom Andern erwarte, sondern mit ganzer Seele und allen Kräften dazu beitragen wolle, da kam ein Glück über sie, das sie nicht gekannt; es war fast dem zu vergleichen, welches der empfindet, dem geträumt hat, er sei in der Hölle, der den Teufel gesehen, das Feuer empfunden hat und der nun im Himmel erwachet und Gott schauet von Angesicht zu Angesicht. Es war die Freude der Engel über den Verlorengegangenen und Wiedergefundenen, es war die Freude des Vaters, als der verlorne Sohn wieder in seinen Armen war. Ihr ganzes inneres Leben, was sie gedacht, was sie empfunden, seit ihre Herzen sich verschlossen, strömte auf ihre Lippen, und eines staunte über das Andere, und manchmal noch weinte Änneli und sagte: »Oh, wenn ich das gewußt hätte, es wäre nicht so lange gegangen, aber warum verlor ich den Glauben, warum das Vertrauen! Ach, jetzt weiß ich es, daß wenn man Glauben und Vertrauen zu Gott verliert, man gottlos wird, und wenn man Glauben und Vertrauen zu den Menschen verliert, so wird man lieblos, und wer gottlos und lieblos ist, um den ist es finstere Nacht, und wenn er schon noch nicht in der Hölle ist, so ist doch die Hölle in ihm.« Aber Ännelis Klagen stillte Christen mit seinen Klagen, daß es ihm gerade so gegangen, und sie konnten sich nicht sattsam wundern, wie sie einander so mißverstanden, wie sie als Haß auslegten, wo die Liebe sich regte, als Bosheit, was innerer Schmerz war. Es war, als ob eines spanisch gewesen wäre und das Andere böhmisch, und hätten doch Beide gemeint, sie redeten die gleiche Sprache, und hätten darum jeden Laut und jedes Zeichen falsch und verkehrt gedeutet. Sie wurden nicht satt, solche Mißverständnisse aufzusuchen, und bei jeder Lösung wuchs das Vertrauen des Einen zum Andern und das Staunen über ihre eigene Verblendung. Dann wuchs Änneli ihre Schuld immer wieder ins Gemüt, daß sie es eigentlich gewesen sei, welche die Schlüssel ihrer Herzen umgedreht und abgezogen, so daß sie verschlossen geblieben von selbiger Zeit an. Hätte sie das nicht getan, so wäre die ganze unglückliche Zeit nicht gewesen, sie wären in Gott immer einig geworden; denn eben was die Erde trenne den Tag über, das solle des Abends in Gott sich wieder suchen und finden, so habe die selige Mutter immer gesagt.

Dann tröstete Christen, daß er auch nicht gewesen, wie er gesollt; was er gefehlt, hätten Andere entgelten sollen, er fühle das wohl, und wenn er die Herzen verschlossen, so hätte sie sie wiederum aufgetan und mehr als gut gemacht. Und wenn das nicht alles so gekommen, so hätte er nie gewußt, um wie viel mehr der Friede wert sei als fünftausend Pfund und wie das Geld nicht alles sei, ja wie es nichts sei; denn wo der Friede fehle, da sei der Reichste ja viel unglücklicher als der Ärmste, der den Frieden hätte. Er hätte es manchmal recht mit Zorn gesehen, wie seinen Taunern und Knechten viel wöhler gewesen sei als ihm und wie sie viel fröhlicher hätten essen mögen als er. Jetzt hätte er es so lebendig an sich selbst erfahren, was Jesus damit sagen wolle: Und was hülfe es euch, so ihr die ganze Welt gewönnet, und ihr littet Schaden an eurer Seele? Oder was kann der Mensch geben zum Werte seiner Seele? Das hätte er alles niemand geglaubt, wenn er es nicht selbst erfahren. Geld, Geld, reich, reich, hätte ihm früher immer in den Ohren geklungen, und wem er von einem unbekannten Menschen reden gehört, so hätte er gefragt: »Het er öppis?« Jetzt solle fürder Friede, Friede, fromm, fromm in seinen Ohren sein, und wenn er nach dem Werte eines Menschen frage, so wolle er auch anders seine Frage stellen.

Aber auf ihr Glück senkte sich erst die Krone, als sie ihrer Kinder gedachten. Sie wußten es, wie ihr Unglück auch auf die Andern übergegangen, denn wenn alle Glieder eines Leibes es empfinden, wenn ein Glied krank wird, so empfinden es noch viel mehr alle Glieder eines Hauses, wenn eine Krankheit in einer Seele ausbricht, und in dem Grade mehr, je bedeutungsvoller die kranke Seele im Getriebe des Hauses ist. Sie sahen wohl, wie Die kindliche Harmlosigkeit und der jugendliche Frohsinn verwelkten, als ob der elterliche Streit zum Mehltau an ihren kindlichen Seelen würde. Sie sahen erst jetzt recht ein, wie der Streit ihre Herzen zusammengezogen, daß sie keinen Platz mehr darin für ihre Kinder hatten, sondern nur noch für ihre Angst ums Geld und ihren Streit darum. Sie hatten sich nicht nur um ihr Schicksal nicht bekümmert, an dem sonst so gerne die Eltern bauen mit emsigen Händen, sondern es war ihnen wohl selbst manchmal ein Gefühl aufgestiegen, als ob die, welche sonst ihre größte Freude gewesen, ihnen im Wege wären, fast eine Last.

Jetzt waren ihre Herzen wieder weit geworden, der Kinder Glück war wieder ihr eigenes, und freudig schlug ihr Herz, wenn sie dachten, wie dieselben sich freuen würden, wenn sie den Streit verschwunden, die alte Einigkeit und die alte elterliche Liebe auf einmal wieder sehen würden, als ob sie für einen Augenblick freiwillig sich versteckt hätten, nur um freudig zu überraschen, wie oft Eltern pflegen, wenn sie mit Kindern sich necken in fröhlichem Spiele. Ihren Kindern bauten sie Häuser in ernster elterlicher Liebe, bis endlich Christen fragte: »Aber sage mir, Änneli, wie brachtest du es dahin, daß dir das Herz wieder aufging und du das Beten wieder anfangen konntest? Ich habe auch daran gedacht, mit dir mit Manier zu reden, aber erstlich wäre ich böse geworden und du wahrscheinlich auch, denn ich war gesinnet, nur du hättest die Fehler; aber ich konnte nicht, wenn ich auch wollte, man hätte mir das Maul nicht mit einem Knebel aufgebrochen.«

Nun erzählte Änneli, wie es ihr ergangen, wie der Geist es ihr gesagt, daß sie bald sterben werde, wie ihr geworden sei, sie sei der letzte Mensch auf Erden und müsse eiligst den Andern nach, und dann wieder, man trage sie zu Grabe, es weine niemand hinter ihr und sie finde keinen Platz im Himmel wie keinen in der Kirche, wo ihr endlich eine arme Frau Platz gemacht. Wie daraufhin der Pfarrer gesagt, man solle immer meinen, was man genieße, sei das letzte Mahl, und absonderlich vom Abendmahl solle man es glauben. Und darum solle man Friede halten und Friede machen, denn mit Streit komme man nicht in den Himmel, und Keiner solle glauben, daß die Schuld nicht an ihm sei und der Andere aneknien müsse, sondern das Gegenteil. Da sei es ihr geworden, sie wisse nicht wie, aber daß wieder Friede werden müsse, sei fest in ihr gestanden; um ihr Plätzchen im Himmel wolle sie nicht kommen, und das Sterben komme ihr bald. Aber lange hätte sie nicht gewußt, wie sie anfangen solle, bis ihr spät am Nachmittag es aufgegangen sei, daß sie da anfangen müsse, wo der Zwiespalt so recht angefangen, und daß sie eigentlich schuld an allem sei. Nun hätte sie gewußt, was sie zu tun hätte, aber angst sei ihr doch dabei geworden, denn sie hätte nicht gedacht, daß Christens Herz zum Frieden so zweg wäre, sie hätte geglaubt, lange, lange alleine beten zu müssen, bis sie sein Herz wieder aufgesprengt; darum hätte sie vor Angst und Bangen fast nicht anfangen können, allein einmal angefangen, hätte sie auch nicht mehr abgesetzt, »denn sterben ohne Friede, das will ich nicht. Als du aber alsobald aufgesessen und mitgebetet hast, da war es mir, als wärest du mir viele, viele Tage lang verschüttet unter der Erde gelegen, umsonst hätte ich dich gesucht, nach dir gegraben. Da säßest du auf einmal gesund und wohlbewahrt, von Engeln emporgetragen, an meiner Seite und ich hätte dich wieder und verlöre dich nimmer bis ich sterbe. Jetzt weiß ich es, daß wenn ihr mich zu Grabe traget, ihr wieder weinen werdet, und wenn dumpf auf meinen Totenbaum die Erde tönt, so wirst du den Lumpen vors Gesicht nehmen und denken: Änneli war doch gut, und wenn ich noch einmal weiben könnte, ich nähmte keine Andere, und es ist mir und Andern übel gegangen.«

Da sagte Christen: »Red nicht so, von Sterben mag ich nichts hören. Aber das will ich dir sagen, du hättest sterben mögen, wenn es gewesen wäre, geweint hätte ich immer denn eine brave Frau warst du allweg, und lieb warst du mir auch immer, und wenn du hättest sterben sollen, so hätte ich alles, alles vergessen und nur daran gesinnet, wie lieb du mich hattest und wie du immer für alles gesinnet hast zu rechter Zeit und alles verstanden wie keine Andere. Aber von Sterben red nur nicht, erst jetzt wollen wir wieder recht zu leben anfangen mit neuem Mut und in rechter Eintracht, und was dich freut, das soll auch meine Freude sein.«

»Höre, Christen«, sagte Änneli, »du bist immer ein Guter gewesen und jetzt z'vollem gut, aber eins mochte ich noch. Du redests mir nicht aus, daß ich bald sterben werde; es ist mir so wohl und so wunderlich, daß ich wohl weiß, daß dies den Tod bedeutet. Aber wir wollen darüber nicht streiten, sondern es Gott überlassen, der wird alles wohl machen. Aber eines möchte ich noch, das müßt ihr mir versprechen. Am nächsten Sonntag, an der heiligen Pfingsten, da wollen wir noch alle das heilige Abendmahl zusammen nehmen, so zum Zeichen, daß alles recht gründlich vergeben und vergessen sei, so wie als wenn es das letzte Mahl in diesem Leben wäre und der Abschied gleich darnach käme, so wie die Israeliten, zur Reise bereit und alles abgetan, was man nicht mitnehmen soll, so an Leib und Seele bereit, auf den Ruf des Herrn vor seinem Angesichte zu erscheinen. So möchte ich mit euch allen noch einmal an des Herrn Tisch; dann erst, dünkt mich, werde ich den zeitlichen und den ewigen Frieden gewiß haben; dann erst, wenn wir ein solches inniges Versöhnungsfest werden gefeiert haben, weiß ich, daß nichts mehr zwischen unsere Seelen kömmt. Noch kömmt immer wieder ein Bangen über mich, als ob der Feind noch da sei, der so lange zwischen unsern Seelen stand; aber wenn das geschieht, dann ist alles gut, dann werd ich erst mit recht frohem Herzen sagen: Jetzt, Herr, jetzt laß deine Magd im Frieden fahren.«

»Los, lieb Änneli«, sagte Christen, »vom Sterben rede mir nichts mehr, davon mag und will ich nichts hören; ich wußte nicht, warum du gerade jetzt sterben solltest, wo wir mit einander im Frieden leben könnten. Das düechte mich, ich muß es sagen, vom lieben Gott nicht recht. Aber mit allen Freuden will ich am Sonntag mit dir das Nachtmahl nehmen, und die Kinder werden es auch gerne tun und eine bsunderbare Freude daran haben, wenn der alte Tschup aus ist. Und es ist mir auch noch wegen den Leuten. Es ist so manches von uns unter sie gekommen, wie ich wohl gemerkt habe; sie können dann auch von uns reden, wenn sie wollen, wenigstens sehen können sie, daß es nicht so übel mit uns steht, wenn wir zusammen vor des Herrn Tisch gehen dürfen. Es ist kurios, auf die Religion verstehe ich mich freilich nicht recht und zur Kirche gegangen bin ich nicht viel, es wollte sich mir so oft nicht schicken, und unserein hat gar so viel zu sinnen, ds Geistliche kann man nicht immer im Kopf haben, aber ich muß bekennen: allemal, wenn ich in die Kirche kam oder zum Nachtmahl, nahm ich mir vor, mehr zu gehen. Es wohlete mir allemal, es war mir fast der Seele nach, wie es mir ist, wenn ich zur Selteni einmal badete. Es düechte mich allemal, ich hätte mehr Mut und es habe mir wieder gluteret vor den Augen und ich könnte alles ruhiger nehmen. Es het mih mengist düecht, so wie wir ehemals alles, was wir öppe mit einander gehabt haben, im Beten haben liegen lassen, so sollte man im Sonntag alles liegen lassen, was die Welt einem die Woche über angehängt hat, und wie man am Sonntag ein sauberes Hemd anzieht, so sollte man auch die Seele säubern und reinigen, es würde manchen Unflat weniger geben auf der Welt. Aber wenn üsereim schon zuweilen etwas zSinn chunt, so ist man dann z'hilässig, darnach z'lebe, wenn es schon gut wäre. Aber es muß anders kommen, und am Sonntag komme ich gerne; Gott und Menschen können dann sehen, ob wir einander lieb haben oder nicht.«

Die Freude des wiedergewonnenen Glückes hielt den Schlaf ferne von ihrem Lager; es dämmerte draußen, die Sonne stieg herauf, ihre freundlichen Strahlen kamen als liebliche Boten und döppeleten an die Augen der Menschen, daß sie schauen sollten des Herrn Herrlichkeit und schaffen ihre Werke, während der Herr dazu ihnen leuchte.

Wonnereich und glücklich ging das alte Ehepaar in den jungen Tag hinein. Alles Übel war versenkte, und ein neues Leben blühte im Herzen, oder es war vielmehr das alte Leben, das neu aufgetaucht war unter dem Übel hervor, mit dem es bedecket und das jetzt abgeschüttelt war, und über das jetzt neunundneunzigmal mehr Freude war als ehedem, weil es verloren gewesen und wieder gefunden worden. Sie verkündeten ihre Freude nicht laut, gaben ihr keine besondern Worte, das Hauswesen ging seinen gewohnten Gang, aber ein seliger Friede leuchtete auf ihren Gesichtern, und es war recht rührend zu sehen, wie die alternden Leute sich nachträppeleten wie zwei junge narrochtige Eheleute am Tage nach der Hochzeit, wo jedes immer zu meinen scheint, das Andere könnte ihm noch darauslaufen. Alle Augenblicke hatte Christen in der Küche seine Pfeife anzuzünden und kaum war er daraus, so trappelete Änneli ihm schon nach und hatte ihn etwas zu fragen oder ihm etwas zu berichten. Schon das fiel den Kindern auf, aber sie frugen nicht. Als Resli mittags den Rossen kurzes Futter gab, kam der Vater zu ihm in den Stall, redete mit ihm über den Viehstand, frug, was er meine, ob nicht etwas zu ändern wäre, es wäre da vielleicht ein ordentliches Zwischenaus zu machen, und wenn er meine, so konnte er an den ersten Monatdienstag nach Bern; dort mache man es immer am besten, und er müsse sich auch nach und nach ans Handeln gewöhnen, er müsse das doch einmal machen, und je früher man anfange, um so eher lerne man es und um so weniger müsse man Lehrgeld zahlen. Resli stund fast auf den Kopf und folgte dem Vater freundlich durch die Ställe, und was er meinte, fand der Vater gut.

Fast ebenso ging es Annelisi mit der Mutter, die mit einander Kabis setzten. Die Mutter begann von Annelisis Garderobe, musterte sie mit ihr durch, sagte von Hemden, welche sie ihr wolle machen lassen, sobald man die Näherin herbeibringen könne, fand, ihr Sonntagstschöpli sei abgetragen und es mangle ein neues. Sie könne es machen, wie sie wolle, entweder schon am Abend zum Krämer und sehen, ob er etwas Anständiges hätte, oder warten, bis an einem Ort ein Märit sei, wo man bessere Auswahl hätte.

Diese Reden der Mutter machten Annelisi fast wunderlich; sie wußte nicht, war es ihr recht im Kopf oder nicht, und ihr Gewissen begann sich zu regen und zu fragen, ob das der Lohn sei für ihre gestrige Aufführung. Sie traute der Sache nur halb, wußte nicht, war es Ernst oder war das nur ein Anfang und hängte die Mutter noch etwas anderes dran; sie gab daher nur halbeinläßlichen Bescheid und wartete immer, was noch käme. Da aber nichts nachkam als ein freundlich Wort dem andern und keine Vorwürfe und keine anderweitigen Vorschlage, da verwunderte sich auch Annelisi und dachte: Wenn es doch immer so wäre, aber es werde sich bald ändern.

Aber es änderte nicht, nichts als freundliche Worte hörte man, neuer Trieb schien ins ganze Hauswesen zu kommen, lustig und munter schnurrte sein ganzes Räderwerk. Es war wie an warmen Märztagen, wenn warm die Sonnenstrahlen über die Erde strömen, das schlafende Leben wecken, es lustig zu surren anfängt über den Boden weg. Die Erde hat ihren Schoß geöffnet, Leben ohne Maß entströmet ihr, es beginnt sich zu färben die fahle Pflanzenwelt, und erkräftigt hebt hier und da ein welkes Pflänzchen sein grün gewordenes Haupt; dem Menschen aber wird die Brust weit, munterer regen sich seine Kräfte, drängen ihn zu tätigerem Leben, das Herz öffnet sich zu Lob und Preis seines Schöpfers.

Es ist Friede und Liebe eines elterlichen Paares die Haussonne; verbirgt sie sich, so steht das Haus im Winter, von Frost umgürtet, von Sturm, Schnee, Regen gehudelt, und trübsinnig, nutzlos, stöckisch sind alle seine Bewohner; scheint sie, so taut alles unwillkürlich auf, der Sturm schweigt, der Regen hört auf, ein fröhliches Treiben beginnt, und wie die Lerchen am liebsten in den blauen Himmel hinein ihre Lieder schmettern, ertönen heitere Lieder ums Haus, und jeglicher bewegt sich, als ob ihm Flügel zu wachsen begönnen. Annelisi tanzte ihrem Tschöplituch nach und ängstigte den Schneider, Resli suchte Gespräche mit dem Vater und strich in stiller Freude um die Mutter herum, und mit fröhlichem Herzen, aber mit dem Kopfe in der Hand, als ob grausames Weh ihn plagte, saß Christen, der junge, hinter einer Teekanne, welche ihm die Mutter ungeheißen schon zweimal gefüllt, und ungefragt hatte der Vater ihm schon den Doktor anerboten. So verging die Woche ohne ein einziges Wölkchen, denn alle Abend ward der Friede inniger und gefestigter, und als der Samstag kam, hatte Änneli kein Bangen mehr, sie wußte, daß er bleibend sei und nicht wie eine Morgenwolke, die bald vergeht.

So kam der Samstag und mit ihm sein früher Feierabend, der hier, wie in vielen andern Häusern, pünktlich gehalten ward. Es ist nämlich noch Sitte, daß am Samstag nach sechs Uhr oder nach dem Feierabendgeläute nicht mehr gearbeitet wird; man macht lieber am Sonntag morgens fertig, was Samstags vor sechs Uhr nicht beseitigt werden konnte. Obs ein Überrest des jüdischen Sabbats ist oder eine freie Zeit sein soll zur stillen Vorbereitung auf den kommenden Sonntag, wissen die Leute selbst nicht recht, und die Einen legen es so aus, die Andern anders. Besonders willkommen ist sie dem jungen Volk, besonders den Dienstboten. Diese benutzen sie selten genug zur stillen Einkehr in sich selbst, sondern fahren ihren Verrichtungen nach, zu denen sie in der Woche keine Zeit hatten, zu Schneider und Schuhmacher, zum Krämer, suchen nebenbei gut Schick. Die Bursche rotten sich zusammen, die Mädchen flattern hin und her wie Mücken ums Licht oder wie Kinder, die neckisch vor jemand laufen und in einem fort schreien: »Nimm mich, wenn du kannst, nimm mich doch!«

Es war abgegessen worden, das Vieh besorgt, die Mägde waren ausgeflattert, die Knechte weggestopfet, auf dem Banklein vor dem Hause saß der Vater mit Resli. Christen stund auf der Bsetzi, wußte nicht was machen, und Annelisi trug Meyenstöcke hin und her. Da kam die Mutter heraus und frug: »Hast du es ihnen gesagt?« »Nein«, sagte der Vater, »aber du kannst es ihnen ja selbst am besten sagen.« »He«, sagte die Mutter, »das kann ich wohl. Es wäre mein Wunsch, daß wir morgen alle zum Nachtmahl gingen mit einander. Ihr wißt wohl, es war lange etwas Ungutes unter uns. Wir meinten es Beide gut, ich und der Vater, aber wir haben uns nicht mehr recht verstanden. Es war uns nicht von wegen uns, sondern von wegen euch, denn für wen husen die Eltern als für die Kinder? Daran war ich den Mehrteil schuld, und grusam habe ich da gefehlt. Das habe ich nun eingesehen und dem Vater es gesagt, und er hat mir verzogen.« »Aber Mutter«, sagte der Vater, »ich habe gefehlt so gut als du, ich habe so gut als du nicht gewußt, was das Glück ausmacht, und während wir meinten, wir seien unglücklich geworden, hatten wir sGlück noch ganz unversehrt gehabt und trieben es dann selbst vor lauter Ängstlichkeit von uns weg, und ich noch mehr als du. Wenn ich mich etwas besser nachegla hätte, so wären die fünftausend Pfund bald verschmerzt gewesen.« »O Ätti, wir wollen jetzt nicht worten, ich weiß es im Herzen wohl, wie ich gefehlt und wie ich mich vor lauter Ängstlichkeit nicht nur am Vater, sondern auch an euch versündiget habe, denn ihr mußtet auch darunter leiden, und während ich, wie ich meinte, um euer Glück jammerte, machte ich euch unglücklich. Aber jetzt weiß ich, daß Glück und Geld ganz verschiedene Dinge sind, und ihr habt es auch, so Gott will, für euer Lebenlang erfahren. Gott hat uns das zeigen wollen, darum wollen wir nicht klagen; aber eines möchte ich noch, daß ihr mir nämlich alle so von Herzensgrund verzeihen möchtet vor Gott selbsten, damit wir so recht den Frieden besiegelt hätten, damit wenn ich von euch muß, ich weiß, ihr seid mit mir zufrieden und traget mir nichts nach, vor den Menschen nicht und vor Gott nicht.« »Aber Mutter«, sagte Resli, »was sinnest auch, dir tragen wir ja nichts nach und auch dem Vater nicht. Es hat uns schon lange gedrückt, daß ihr so nötlich tut wegen dem Geld, und wir haben es wohl gewußt, daß es unsertwegen ist; das hat uns bsunderbar plaget, aber wir konnten nichts daran machen. Wir haben es schon die ganze Woche gemerkt, daß etwas gegangen ist, und es dünkte uns, es gehe ein Schatten ab der Sonne, und es war ein ganz anderes Dabeisein, es hat uns allen geschienen, wir seien auf Federn. Ja, von Herzen gern wollen wir morgen zum Nachtmahl kommen, aber nicht von wegen dem Verziehen, sondern um dem lieben Gott zu danken, daß alles so gegangen, und nicht von wegen dem Sterben, du sollst erst jetzt sehen, Mutter, wie lieb wir dich haben. Es ist gut, wenn es alle Leute wieder sehen, daß wir nichts wider einander haben, sondern uns Gott und Menschen zusammen zeigen dürfen.«

»Ja«, sagte Annelisi, »ich habe gegen dich gefehlt, Mutter, und es ist mir leid; aber wenn wir morgen zum Nachtmahl gehen wollen, so muß ich geschwind noch ins Dorf hinter den Schneider her, der hat wieder versprochen und wird nicht halten, und wenn ich mein neues Tschöpli nicht bekomme, so kann ich nicht mitkommen, denn im alten darf ich mich nicht mehr zeigen.« »Du bist immer das gleiche Annelisi«, sagte der Vater, »und hast nur deine Narretei im Kopf, sonst wurdest du jetzt nicht an dein Tschöpli sinne, sondern daran, was es heißt, wenn Vater und Mutter und Brüder und Schwester mit einander zum Nachtmahl gehen wollen, zu einem Versöhnungsbunde, damit sie auch mit Gott versöhnet bleiben. Denk daran, wenn du deinen Sinn immer an der Hoffart hast, so wirst du unglücklich und machst unglücklich, wer um dich ist. Jetzt weiß ich, was es heißt: Wo euer Schatz ist, da ist auch euer Herz, und wenn der Schatz verloren wird, so geht das Herz im Jammer unter. Darum müssen wir nach einem Schatze trachten, der nicht verloren geht, um deswillen wir nicht Gott und Menschen hassen müssen. Nein, Annelisi, heute gehst du nicht deinem Tschöpli nach, sondern lässest Tschöpli Tschöpli sein und bleibest bei uns, und wenn du scholl einmal ein Kapitel lesen wurdest, so wurde es dir nichts schaden. Auf mich mußt du nicht sehen, ich habe mehr zu tun und zu denken als du, und dann brauche ich nicht immer zu lesen, wenn ich an etwas Gutes sinnen will, ich kann noch gar manchen Spruch, den du nicht kannst; öppis Guets z'lehre ist man zu vornehm, und es soll manchen neumodischen Lehrer geben, der sich der Bibel schämt und der übers Fragebuch nume zäpflet. Ich habe scholl manchmal gedacht, wie es endlich kommen müsse und daß man sich nicht verwundern dürfe, wenn die Kinder nur an Tschöpleni denken wenn man vom Nachtmahl redet.« »O Ätti, zürnt nicht, ich habe das so gesagt und nichts weiters gesinnet, aber ich bleibe ja gern daheim, und es ist nicht, daß ich nur an Tschöpleni sinnen muß. Wenn morgen der liebe Gott in mein Herz sieht, so wird er auch sehen, daß ich an Vater und Mutter sinnen kann und daran, wie ich sein müsse, daß sie mich doch lieb haben könnten auch so recht. Gell, Müetterli, du glaubst es?« sagte Annelisi, legte ihren Ellbogen auf deren Achsel und streichelte ihr die Backen, wie kleine Kinder es so gerne zu tun pflegen. Es sei notti ein Gutes, sagte die Mutter, wenn man schon zuweilen nicht wisse, woran man mit ihr sei, und meinen sollte, sie hätte lauter Flausen im Kopf; aber wenn sie sterben sollte, so werde Annelisi nicht die Letzte sein in der Haushaltung und zeigen, daß sie noch etwas anderes wisse als Flausen machen und hoffärtig sein.

So saß die Familie in ernsten und lieben Gesprächen ungestört zusammen bis in den tiefen Abend hinein. Vieles wurde verhandelt, aber die Hauptsache drehte sich immer um Ännelis Glaube, daß sie bald sterben werde und daß sie morgen das letzte Mahl mit ihren Kindern hielte. Weichmütig, aber heiter hielt sie diesen Gedanken fest, wie sehr die Andern ihn ihr auch ausredeten. Sie redete viel von Ahnungen und von Exempeln aus ihrer Familie, daß den Kindern die Herzen immer weicher wurden, bis endlich der Vater sagte: Er hülfe, sie wollten hinein und ein Kapitel lesen, da wisse man doch, daß es wahr sei, und könne sich trösten damit; bei solchen Sachen aber wisse man nicht, was daran sei, und sie machten einem nur traurig und unnötig z'förchten Er wolle hoffen, der liebe Gott werde sie noch lange im Frieden bei einander lassen; hätte er ihrem Streit zugesehen, so werde er jetzt auch seine Freude an ihrer Liebe haben wollen. Sie erbauten sich an Gottes Wort, und in feierlicher Stimmung, fast wie am Abend vor dem ersten Abendmahl, suchten sie die Ruhe.

Feierlich steigt ein heiliger Sonntag übers Land herauf; da hört man keine Kutschen, Chaisen rollen. Niemand kommt es in Sinn, Gott und seinem Gewissen entrinnen zu wollen; da weiß man noch, was der städtische Pöbel, zusammengesetzt aus Herrn V. und Herrn X., nicht mehr weiß, daß wenn man auch Flügel der Morgenröte nähme und flöge ans Ende des Meeres, der auch da sei, der den Wurm im Staube sieht und jeglichen Schlingel, sei er zu Fuß oder zu Wagen; da weiß man noch, daß man nicht Ärgernis geben soll, und schämt sich des städtischen Pöbels, der gerade an den heiligen Tagen rings auf dem Lande Zeugnis ablegt, wie nahe er trotz seiner guttuchenen Kutte dem Vieh verwandt sei und wie er, ohne seiner Ehre Abbruch zu tun, jedem Schweine »Götti« sagen kann.

Feierlich steigt der Tag herauf und stille ists, das Säuseln des Herrn hört man in den Zweigen der Bäume, die Seufzer der Gewissen rauschen in den Seelen, das Beten der Herzen tritt flüsternd auf die Lippen. So war es auch in unserm Hause, und in jedem Herzen war noch das Weh über den unwürdigen, unheiligen Streit vom letzten Sonntag, der die eiternde Beule zur Reife gebracht und aufgebrochen. Um so weicher war eines jeden Stimmung, um so inniger war ihr Sinnen an den heiligen Tag, um so inbrünstiger eines jeden übliche Gebete, um so freundlicher und weicher ihr Begegnen. Ihre Gefühle taten sich nicht durch besondere Gebärden kund, sie traten kaum ins Auge; aber im Tone der Stimme gaben sie sich zu erkennen, im Zuvortun bei allen Geschäften, in der Teilnahme, mit welcher jedes Wort aufgenommen wurde, im Zueinanderstehen, ohne daß man sich eben etwas zu sagen hatte. Selbst Annelisi war innig bewegt und dachte nicht ans neue Tschöpli, als es das alte anzog, war früh fertig, sorgte der Mutter für einen schönen Rosmarinstengel und wollte den Brüdern auch welche geben, aber diese sagten, sie begehrten heute keine. Alle warteten der Mutter vor der Türe, die noch die Jungfrauen zu brichten hatte über ihre Pflichten und wie sie zu allem zu sehen hätten, damit das Essen nicht verdorben, das Haus nicht verwahrloset würde. Sie ließ zwar hinaussagen, man solle ihr doch recht nicht warten, aber ohne Mutter wäre Keines vom Hause gegangen, und Keines ward ungeduldig, und Keines rief ins Haus hinein: »Mutter, kömmst nicht bald!« Als sie kam, sich entschuldigend, sagte Christen: »Wir hätten dir noch lange gewartet, säumtest du dich ja um unseretwillen; es hatte jedes von uns nur für sich selbst zu sorgen, du aber für alle«. So war keine Ungeduld in keinem Herzen, und eines Sinnes, ohne viele Worte, in stiller Andacht zogen sie dem Hause des Herrn zu.

Es ist doch schön, wenn so eine ganze Familie eines Glaubens, eines Sinnes zum Hause des Herrn zieht, Keines vornehmer im Geiste als das Andere, jedes gläubig wie das Andere, vom gleichen Gott sein Heil erwartend, den gleichen Weg vor Augen, nach dem gleichen Himmel trachtend. Es ist doch schön, wenn Eltern mit ihren erwachsenen Kindern zur Kirche ziehen können, wo sie dieselben taufen ließen, und nicht nur sagen können: Siehe, Herr, hier sind die, die du mir gegeben hast, und Keines ist verloren gegangen, sondern noch danken können, daß der Herr durch die Kinder die Eltern geheiliget und die Kinder Stützen geworden seien, nicht nur für den Leib in den alten Tagen, sondern auch für den Geist auf dem Wege der Heiligung. Wenn so eine ganze Familie zum Mahle des Herrn geht als wie zum letzten Mahle und doch im gläubigen Vertrauen, daß der Herr nicht scheiden werde, was sich hier gefunden, daß wenn schon der Tod als wie ein Schatten vor das Eine oder das Andere sich stellt, dieser Schatten über Kurzem wieder schwinden werde im Lichte des ewigen Lebens, es ist doch schön. Es wehet in einer solchen Familie eine Kraft des Vertrauens, des Glaubens, der Liebe, welche die Welt nicht gibt, welche die Welt nicht kennt.

Bald waren sie nicht mehr alleine; hieher kamen Leute und dorther, freundliche Grüße wechselten, die Einen hemmten ihren Schritt, die Andern beschleunigten ihn, ein jedes richtete seinen Schritt nach der Andern Schritt, weil es nicht alleine wallen wollte auf dem Wege zur Kirche, sondern in Gemeinschaft mit den Andern. Warum aber nur auf dem Kirchwege seinen Schritt modeln nach der Andern Schritt, warum nicht auch auf dem Lebenswege? Nur eine kleine Anstrengung, nur ein klein weniger Eigensinn, nur einiger Tage leichte Übung, und einmütig und gleichen Schrittes, eine Gemeinschaft der Heiligen, würde durchs Leben wallen, was auf ewig auseinandergeht, weil das Eine seinen Schritt noch kürzt, während das Andere den seinigen verlängert.

Die Leute sahen mit Verwundern die Fünfe so einträchtig zusammen gehen, drückten aber die Verwunderung nicht einmal mit den Augen aus, geschweige daß jemand nach der Veranlassung des nach der bekannten Spaltung um so auffallenderen gemeinsamen Kirchganges gefragt hätte. Jeder machte seine Mutmaßungen und behielt sich vor, dieselben daheim beim Mittagessen vorzubringen, und fast in allen Häusern war dies das Tischgespräch. Vermutungen aller Art wurden laut, und allerdings war die Bewegung Ännelis am vorigen Sonntag in der Kirche nicht unbemerkt geblieben, aber das Rechte erriet doch so recht niemand, von wegen wenn man etwas begreifen will, so muß man den Sinn, aus welchem es hervorgegangen, selbst in seiner Brust tragen. Das wissen aber die wenigsten Leute, darum so viele Mißverständnisse, darum werweisen die Meisten so dummes Zeug, wenn sie von einer guten, uneigennützigen Tat hören; sie tragen halt den Sinn dazu nicht in ihrer Brust. Hingegen weiß so Mancher, daß er selbst für die schlechtesten, eigennützigsten Absichten die schönsten Gründe hat. Mancher vermag zum Beispiel Amt, Stellung, Staat auf die schändlichste Weise zu mißbrauchen zur Sättigung seiner Lust oder seines Geldsäckels, während er von lauter System, Gemeinwohl und Volksinteresse überfließt.

Die Leute strömten immer zahlreicher, je näher man der Kirche kam, denn an Pfingsten, wenn die Sonne schön warm scheinet, wagt so manches alte Mütterli, das durch Kalte und Kot nicht mehr kam, noch so gerne einen Kirchgang und labet seine Seele, die auch gerne da oben wäre an des Herrn Mahl; es weiß nicht, was der Herr im nächsten Winter mit ihm vorhat, es sucht, wo es kann, den Herrn, damit wenn der Tod kommt, der Herr es finde.

Wenn sie schon früh waren, so fanden sie doch mit Mühe Platz in der Kirche. Wer es vermag, sollte immer frühe gehen, wer hintendrein hastet, kömmt sehr selten mehr in die rechte Stimmung, so wenig als der Pfarrer, der weltliche Geschäfte abmachen muß, ehe er ans heilige Werk gehen kann. Es ist gar eigen, unser Gemüt, und stille und feierlich muß es um dasselbe sein, wenn es stille und feierlich in ihm werden soll, so wie auch die Winde aufhören müssen zu wehen, wenn die Wellen sich legen, das Meer sich ebnen soll.

Wenn man da so sitzt im stillen, weiten Raume, vielleicht ein schönes Lied von der Orgel tönt oder ein schönes Wort aus der Bibel kömmt, und Die Glocken rufen die draußen herein, da, wie die Augen im Dunkel des Kellers allmählig aufgehen und zu schauen vermögen, so geht es unsrer Seele: sie öffnet sich Eindrücken, für welche sie sonst verschlossen war, und wenn der Prediger kommt und als geistiger Säemann frommen Samen streut, so fällt dieser Same in offene Seelen, wo er sonst nur Ohren gefunden hätte, und Ohren, die nicht hörten.

So wurden ihre Seelen noch weiter, empfänglicher ihr Herz, gespannt harrten sie auf die Textesworte des Pfarrers, welche an bewegte Seelen kommen wie eigene Losworte oder vielmehr wie Worte aus des Herrn eigenem Munde und vom Geiste, der alles weiß, auch die Bewegung jeglicher Seele, dem Pfarrer in den Mund gelegt für diese oder jene Seele. Und darum haben solche Textesworte für bewegte Seelen eine ganz eigene Kraft, und nach Jahren, wenn die Predigt längst vergessen ist, hört man noch solche Worte anführen, durch welche die Seele niedergeschlagen worden oder aufgerichtet.

Da schlug der Pfarrer das heilige Buch auf und las die Worte: »Was fehlt mir noch?« Diese Worte fielen nicht zündend in ihre Seelen, sondern fast kamen sie ihnen allerdings vor wie eine Frucht vom heiligen Baume, aber eine fremdartige, mit welcher sie nichts zu machen wußten; betroffen wiederholten und betrachteten sie dieselben, aber die Beziehung auf sich fanden sie nicht.

Da begann der Pfarrer zu reden von seiner letzten Predigt und wie er ermahnt, daß man jedes Abendmahl genießen möchte als ein Abschiedsmahl, versöhnt mit allen Menschen. Aber nicht bloß an die, welche man lasse, hätte man zu denken, sondern auch an das, was vor einem liege, an die, zu denen man wolle; nicht nur Abschied habe man zu nehmen, sondern auch zur Reise sich zu rüsten, und da müsse jedem die Frage von selbst kommen: Bin ich fertig, oder was fehlt mir noch? Habe ich, was zum Himmelreiche hilft, oder was mangelt mir? Da sei es, wo man so leicht sich täusche, und man täusche sich allemal, wenn man das Ziel ergriffen zu haben meine. Es seien aber deren so Viele, die mit aller Zuversicht den Himmel erwarteten und vollkommen mit sich zufrieden seien, sich innerlich gerne zum Beispiel Anderer aufstellten, mit aller Behaglichkeit auf Andere herabsähen und selbst ihre Fehler zu beschönigen wüßten, als wären es Tugenden, und sie selbst Gott als solche anrechneten, fast wie zuweilen ein Mensch den andern zu betrügen suche mit einem gemeinen Steine, den er für einen kostbaren Edelstein ausgebe.

Wenn man so im Allgemeinen und von weitem an den Tod dächte, so meine man nur zu gerne, man wäre fertig und es sei leicht zu sterben; aber wenn er plötzlich vor einem stünde, so käme es einem anders, und was man leicht geglaubt, das käme einem schwer vor, und was man nicht gesehen, für das gingen einem die Augen auf. Sie sollten nur an den reichen Jüngling denken, wie der guten Muts zu Jesus gekommen, willens, das ewige Leben zu gewinnen, und das Gewinnen leicht glaubend, weil er schon so vieles getan und die Gebote gehalten von Jugend auf Was fehlt mir noch? habe auch der gefragt. Geh, verkaufe, was du hast, und gib es den Armen, sagte Jesus. Darauf war der Jüngling nicht vorbereitet, er ging betrübt hinweg; er, der gemeint, er hätte alles getan, was er schuldig gewesen, dem fehlte noch alles zum Himmelreich. Dem fehlte der christliche Sinn, der gehorsam ist bis zum Tode am Kreuz, ihm fehlte die Liebe, die Gott über alles hält, den Nächsten als sich selbst; der war zu allem bereit, aber nur zu dem, woran er gewöhnt war, und nicht zu dem, was der Herr von ihm forderte; er war getreu, bis der Herr seine Treue erproben wollte; ihm fehlte der Geist, der in alle Wahrheit leitet und den Menschen bewahret in jedem Verhältnis, in jeder Anforderung ein Kind Gottes bleiben läßt, wie er die Apostel das Rechte reden ließ vor jeglichem Richter.

»Nun leben Tausende dem reichen Jünglinge gleich, wissen nicht, daß die Hauptsache ihnen fehlt. Sie leben in stiller Rechtlichkeit, im Geleise, in welchem Vater und Mutter gegangen, geben keinen Anstoß und finden keinen Anstoß im Leben, aber ihnen unbemerkt leben sie doch für etwas, und dieses Etwas ist ein Zeitliches, es ist ihr Gut, und ihnen unbemerkt leben sie für dieses Gut, in einer immer festeren Angewöhnung, auf besondere Weise, und dies Gewohnheit wird ihr Meister und regiert sie, sie merken es nicht. Tritt nun etwas Besonders in ihr Leben, fordert Gott ein Opfer von ihnen, streckt er seine Hand nach ihrem Gelde aus, rüttelt er an ihren Gewohnheiten, machen sie Verluste oder tun ihre Ausübungen, welche gegen kein Gebot stoßen, Andern weh, verbittern sie ihnen das Leben, dann, dann zeigt es sich, was ihnen fehlt und an was sie ihr Leben gesetzet und wie ihr Leben ihr Meister geworden und nicht sie ihres Lebens Meister, denn der Geist ists, der ihnen fehlt. Ob der Angst ums Geld vergessen sie Gott, haben weder Vertrauen auf ihn noch ein Ergeben in seinen Willen; sie werden betrübet, gehen hinweg vom Heile, dem reichen Jüngling gleich, werden erbittert im Gemüte über die Menschen, vermögen ihrer Gewohnheit keinen Zwang anzutun; Friede und Eintracht werden gebrochen, weil sie nur gebaut gewesen auf die äußeren Verhältnisse, auf des Lebens gewohnten Gang und nicht auf den lebendigen Geist, der zu jeder Stunde zu jedem Opfer bereit ist, bereit ist, das Auge auszureißen, die Hand abzuhauen, von denen Ärgernis kommen.« Sie sollten doch nur nachdenken, wie oft ihr Friede auf diese Weise gestört würde, wie oft ihr eigenes Gemüt Zeugnis rede, daß Gott ihnen nicht über alles sei, wie sie zu schwach seien für das kleinste Opfer, der geringsten Anforderung erliegen und betrübet werden. Ja, sie sollten nachdenken, wie viele Menschen und Haushaltungen auf diese Weise äußerlich und innerlich zugrunde gegangen seien, eben weil sie nie erkannt, was ihnen fehle. Heute sei der Pfingsttag, und solange er wiederkehre, sei gültig die Verheißung, daß Gott seinen Geist geben wolle denen, die darum bitten. So sollten sie erkennen, daß dieser Geist die höchste Gabe sei, welche Gott uns Menschen werden lasse, sollten an sein Gewinnen das Leben setzen.

»Dies ist der Geist, der in Christo die Welt überwunden hat, in jedem sie überwindet, der in Christo ist; er ist köstlicher als Silber und Gold; die Welt nimmt ihn nicht, der Tod raubt ihn nicht, er bewahrte das Glück in jedem Verhältnis, den Frieden in jedem Hause, das Genügen in jedem Herzen; es ist der, der uns den Vorgeschmack der Seligkeit gibt und der Schlüssel zum Himmelreich ist.«

»Dieser Geist wars, der dem reichen Jüngling fehlte, der noch so Vielen fehlt, und ohne diesen ists dem Menschen schwerer, ins Himmelreich zu kommen, als es einem Kamel wird, durch ein Nadelöhr zu gehen, und schwer besonders ists dem Reichen, weil er sein Genügen in seinen Besitztum setzet und es vergißt, daß weit über dem Gelde etwas anderes ist, in dem einzig das Genügen wohnet, das fest bleibet im Leben und im Sterben, in gesunden und kranken Tagen, in jeglichem Wechsel dieser Welt; und wenn ihm dann sein Geld Jammer bringt oder kein Genügen mehr gibt, dann geht es ihm wie dem Menschen, der ins Wasser fällt und nicht schwimmen kann, in zappelnder Angst beschleunigt er seinen Untergang. Die Besonnenheit hat er nicht, die Hand zu sehen, die rettend sich ihm bietet; er fasset sie nicht, er stößt sie von sich, er gehet unter.«

So redete der Pfarrer im Allgemeinen, führte aber das Allgemeine im Besondern näher durch und belegte alles mit dem Leben. Da ward den Gliedern der Familie der Text lebendig; der Stein ward zum Diamant, der die hellsten Strahlen durch ihre Seele warf, alle Falten erleuchtete. Es war ihnen, als sehe der Pfarrer in ihrem Herzen eine eigene Schrift und lese ihnen die ab, und diese Schrift erzähle alles, was sie erlebt und wie es in ihren Seelen gewesen, wie ein Irrtum sie an den Rand des Abgrundes geführt, und lese nun auch ab, was in solchem Zustande helfen könne und was ihnen wirklich geholfen.

Wunderbar wurden sie gerührt und erhoben, als sie im Wechsel ihrer Seelen, in den Regungen, die sie füllten, das Wehen des Geistes erkannten, der ihnen so lange gefehlt, als sie deutlich dessen sich bewußt wurden, daß Pfingsten geworden sei in ihrem Herzen, daß sie ein Gut erlangt, welches über alle Güter ist, dessen Mangel die ganze Welt nicht ersetzt, daß der Herr sie in die Finsternis geführet, damit in der Angst der Nacht ihre Seelen den Morgen suchten, ihre Augen nach dem Aufgang sich richteten, bis die Sonne kam. In Staunen, in frommer Bewegung versunken hörten sie, wie von der Kanzel herab abgelesen ward vor der ganzen Gemeinde ihrer Herzen Geschichte und Zustände; es war, als stünde dort oben ein wunderbarer Zauberspiegel, in welchem zu sehen wäre das Innere der Herzen, welches sonst den Augen der Menschen verborgen ist.

Und daß der Pfarrer so deutlich auf sie rede, ihr Geheimstes vor der ganzen Gemeinde erzähle und erläutere, sie zum Gegenstand der allgemeinen Betrachtung mache, das zürnten sie nicht; es war ihnen, als müsse es so sein, als seien gerade solche Erlebnisse Gemeingut und sollten nicht unter den Scheffel gestellt werden, sondern auf einen Leuchter, damit die Herzen der Nächsten auch gewonnen würden. Es kam manchmal sie an, daß sie fast des Wortes sich nicht enthalten konnten zur Bestätigung oder Erläuterung dessen, was der Pfarrer sagte. Wenn er ihre Namen genannt hätte, sie hätten es nicht gezürnt, denn, meinten sie, müsse doch jedes Kind, welches in der Kirche sei, wissen, wen es angehe; nur sonderbar dünkte es sie, daß nicht aller Augen auf sie gerichtet seien, die Entferntern nicht aufstünden, nach ihnen zu sehen, daß alle machten, als merkten sie nicht, wen der Pfarrer meine.

Als der Pfarrer schloß, fühlten sie, daß, was in ihnen war, gefestigt worden; sie hatten in ihrem Acker einen Schatz gefunden, aber erst jetzt kannten sie ihn recht und wußten, wie er zu bewahren sei, mehr denn alles auf Erden. Und als der Pfarrer einlud, zum Tische des Herrn zu kommen, wer von Herzen sein Jünger zu sein begehre, da klang dieser Ruf ihnen ganz anders als sonst, nicht mehr so wie eine allgemeine Einladung, sondern es ging sie besonders an, und es dünkte sie, sie müßten Bescheid darauf geben. Und als sie zum Mahle gingen, gingen sie nicht wie sonst als Solche, welche das Recht hätten dazu und es nicht veralten lassen wollten, sondern als ob sie hingezogen würden wie durch einen Magnet, durch eine unsichtbare Macht, wie der Dürstende zur Wasserquelle, das verloren gewesene Kind zum Vater, der wieder auftaucht in seinem Gesichtskreise. Das Einzelne, Besondere war vergessen, untergegangen in dem großen Gefühle, Gemeinschaft zu haben mit dem Vater und dem Sohne durch den Geist, der lebendig in ihnen wohne, und als Siegel dieser Gemeinschaft empfingen sie des Mahles äußere Zeichen, und sie empfanden es in unaussprechlicher Innigkeit, daß weder Welt noch Tod, weder Teufel noch Hölle sie mehr von Gott zu scheiden vermöchten.

Ernst, aber in getroster Freudigkeit verließen sie das Haus des Herrn; sie waren erbauet worden.

Der Strom der Leute umwogte sie, und seltsam kam es ihnen vor, daß sie mit ihnen unbefangen heimgingen, wie sie mit ihnen gekommen waren. Niemand gedachte mit einem Worte, daß sie der Gegenstand der Predigt gewesen. Erstaunt hörten sie, wie der Eine sagte: Der Pfarrer predige alle andere Sonntage über den Geiz, man merke wohl, daß er selbst nicht viel habe. Aber er müsse sagen, es mache ihm Langeweile, alle andere Sonntage das Gleiche zu hören. Ein Anderer sagte: Er hätte es wohl gemerkt, der Pfarrer hätte auf ihn gestichelt, das hätte er wohl können bleiben lassen; es dünke ihn, an einem heiligen Sonntag schicke sich das nicht, er könnte die Leute wohl ruhig lassen. Da sei der Pfarrer letzthin gekommen und habe da Steuer gebettelt, er wisse nicht mehr für was, und er habe ihm nichts gegeben; man habe sein Geld nicht nur für andere Leute, und er habe es dem Pfarrer gesagt, er wolle erst für sich sorgen und sehen, daß er genug habe. Und jetzt gehe der und halte eine ganze Predigt auf ihn, für einen Pfarrer dünke es ihn nicht schön. Aber dem wolle er es eintreiben, die ersten sechs Wochen sehe ihn der nicht mehr in der Kirche. Noch hatte der Eine dieses zu rügen, ein Anderer etwas anderes; jeder hatte eine andere Predigt gehört als der Andere, nur darin waren die Meisten einig, daß die, welche sie gehört, ihnen nicht gefallen. Er könnte es, wenn er wollte, sagten sie; vor acht Tagen habe er eine Predigt gehabt, Leib und Seele hätte noch lange geschlottert, aber er möge es ihnen gar selten gönnen; das sei aber nicht dest bräver, wenn einer es könnte und nicht wollte.

Nur wenige Leute nahmen keinen Teil an diesen Urteilen, gingen in stillem Ernst ihre Wege; denen hatte der Pfarrer auch etwas Inwendiges getroffen, und dem dachten sie nach und redeten nicht in das Allgemeine; zum Disputieren war das Herz ihnen zu voll, und mit ihrem eigenen Innern beweisen, wie recht der Pfarrer gehabt, das mochten sie nicht. Es ist mit dem Inwendigen eine eigene Sache, man verhüllet es ärger als seinen Leib, und die Hülle wird oft so dick, daß kein Auge mehr hindurchdringt, nicht einmal das eigene, und die Zuversicht auf diese Hülle wird so groß, daß man nicht einmal denkt, ein Auge könnte durchdringen, und Gottes Auge nimmt man in dieser Meinung nicht aus.

Dieses Verhüllen hat aber auch seinen Grund in der Angst, nicht verstanden zu werden, in der Angst, daß die, denen man das inwendige Leben erschließt, Spott und Mutwillen mit demselben treiben möchten, weil sie es nicht würdigten, nicht begriffen, wie Kinder mit den kostbarsten Edelsteinen nicht anders umgehen als mit gemeinen Steinen und gemeine Leute desto lauter und höhnischer über das Edle spotten, je höher es über ihrer Gesinnung steht.

Darum auch fiel es weder dem Christen noch dem Änneli noch ihren Kindern ein, den Leuten die Predigt auszulegen, wie sie dieselbe verstanden, und sie mit ihrem äußerlich und innerlich Erlebten zu belegen. Sie wurden fast froh, daß den Andern ihre Augen oder Ohren gehalten gewesen und das, was sie so klar glaubten, ihnen dunkel und verborgen geblieben, und sagten nur hie und da, wenn sie nicht anders konnten, ein Wort ins Reden der Leute: Ihnen hätte die Predigt gefallen, es dünkte sie, es könne ein jeder seinen Teil davon nehmen, und wenn man dem Pfarrer nach täte, so käme es nicht bös.

Aber als der stille Nachmittag heraufkam, die Diensten ihre Wege gegangen waren, schön sonntäglich feierlich es ums Haus ward, der Baumgarten, fast einem heiligen Haine vergleichbar, mit leisem Säuseln die Bewohner des Hauses in seinen kühlen Schatten lockte; als sie ohne Abrede, aber von gleichem Zuge getrieben eins nach dem Andern kamen, das Eine noch vor diesem Baume stund, das Andere Raupen abstreifte im Vorübergehen, endlich alle sich zusammenfanden unter einem mächtigen Apfelbaume und sich lagerten ins kühle Gras, da redeten sie von dem, was in ihrem Inwendigen vorgegangen. Allen war es mit der Predigt gleich gegangen, allen war sie ein Spiegel gewesen, in welchem sie mehr oder weniger klar ihre innern Zustände gesehen, und eben deswegen sahen sie so klar und deutlich, daß der Pfarrer durchaus recht hatte und das Eine, das not tue, eben der Geist des Herrn sei, und daß sie eben deswegen so unglücklich gewesen, weil statt des Geistes das Geld Hebel, Mittelpunkt, Ziel ihres Lebens gewesen, und daß es nur der Geist des Herrn gewesen sei, der die wilden Wellen in ihren Herzen und in ihrem Hauswesen gestillet.

Wunderbar aber schien es allen, wie der Pfarrer gepredigt, als rede er aus ihren Herzen heraus und kleide es nur in Worte, was er in denselben gesehen, und mache ihnen nur deutlich und hell, was sie selbst gefühlt, geahnet, aber ohne ihm recht Worte geben zu können. Sie wußten, er kannte sie wenig, von ihnen hatte in Jahresfrist niemand mit ihm geredet, von ihrem Inwendigen konnte niemand anders ihm Bericht gegeben haben, kannten sie es selbsten doch kaum. Die Vorgänge der letzten Woche kannte ebenfalls niemand. Sie wußten es nicht anders zu erklären als eine Fügung Gottes, der auch noch heutzutage durch den Mund seiner Knechte redet, die Geister lenket, die Herzen zu treffen weiß. Denn wer ists, der dem Prediger den Text zur Hand gibt, der dem Text Leben gibt in des Pfarrers Geiste, daß er aufblüht und zur Predigt wird und gerade zu dieser und zu keiner andern? Der, ohne dessen Willen kein Haar aus unserem Haupte fällt und kein Sperling vom Dache, sollte der nicht auch Macht in den Geistern haben? Und der, der sich verkündigen läßt durch die Nacht mit ihrer Sprache, durch den Tag mit seiner Rede, durch jede Blume, die auf dem Felde blüht, sollte der sich nicht auch durch eine Predigt verkünden lassen können, und zwar gerade so, wie er es will? So meinten es die Leute und fanden großen Trost darin, daß Gott sie angesehen und den Geist des Pfarrers also gelenket.

Es war aber nicht nur der Text zur Predigt aufgegangen in des Pfarrers Geiste, sondern seine Predigt war auch auf, gegangen in ihrem Geiste, war Leben geworden, das heißt hatte mit ihrem Leben sich verwoben, und dieses Leben trat in bald schrofferen, bald mildern Übergängen, gerade wie es der Zufall oder das wunderbare Gedankenspiel in ihrer Seele mitbrachte, in scheinbar rein weltlichen Gesprächen zutage, welche dem Fremden vielleicht gemütlich geschienen, denen er aber keine Spur eines höhern Lebens, eines heiligen Geistes, eines höhern Aufschwunges geahnet hätte. Aber es strömte der Geist des Herrn durch Feld und Wald, durch Nessel und Nelke, er strömt durch alle unsere Lebensverhältnisse, durch alle Worte, womit wir sie bezeichnen, wenn der Geist des Herrn in uns ist. Nur unsere Jungens meinen, er sei an bestimmte Worte gebunden, wie die Seele eines Frosches in den Leib des Frosches.

Die Freude, daß die Finsternis vergangen, der Morgen wieder angebrochen, brachte sie auf den vor ihnen liegenden Tag und seine Gestaltung, und diese Gestaltung war nicht bloß ein Nebel hoch oben im Gebiete der Lüfte, den man mit des Mundes Hauch von einem Munde zum andern Munde treibt, wie man auch oft Bysluft und Wetterluft ihr Spiel treiben sieht mit den Nebeln, sondern diese Gestaltung stellte mitten im Leben ab, und sie drückten sich aus darüber mit ganz natürlichen, allgemein verständlichen Worten; was aber für ein Geist in denselben lag, das fühlten die, welche gleichen Geistes waren, sehr wohl.

Er werde alt, sagte der Vater, er fühle wohl, er möge nicht mehr allem nach, und so könnte öppe vieles besser gehen, als es gehe, aber ändern könne er es nicht wohl mehr. Die Jungen möchte er nicht versäumen, darum sei besser, er stelle daraus und lasse die Kinder machen. Wenn sie öppe einander verstehen wollten, so wüßte er nicht, warum es nicht gehen sollte.

Es sei ihr auch recht, sagte die Mutter, sie wolle sich wohl gerne darein schicken. Sie und der Vater wollten in die Hinterstube oder könnten eine Wohnung machen lassen auf das Ofenhaus , die würde so viel nicht kosten, und wenn man etwas raten könne oder helfen, so sei man immer noch da, und die Jungen seien noch manchmal froh über einen. Aber anständig wäre es, wenn Resli heiraten würde, Sonst sehe sie nicht ein, wie das zu machen wäre. Annelisi werde nicht immer dableiben wollen, und wenn Christen heiratete und seine Frau die Haushaltung machen müßte, und Resli nähmte einst den Hof zur Hand, so täte es Christens Frau weh und es ginge nicht gut.

Resli unterbrach die Mutter und sagte: Von dem wolle er nichts hören, und er wolle sie nicht vertreiben. Dem Vater helfen, wie er könne und möge, das wolle er gerne, und es sei seine Schuldigkeit; aber das Heft solle er nicht aus der Hand geben. Vom Heiraten möge er auch nichts hören, er werde kaum heiraten, und heiraten, nur um die Mutter aus der Küche zu vertreiben, das möge er gar nicht, sie sei ihm zu lieb dazu, und sie habe die Sache dreißig Jahre gut gemacht, es sei die Frage, ob je eine ihr die Schuhriemen auftäte.

»He«, sagte Christen, »jemand wird heiraten müssen, ich meine, ich oder du, vom Anneliese will ich nicht reden, das ist keine Frag. Ich aber will nicht heiraten, so ein kränklicher Mensch, wie ich bin, soll nicht ein Haus aufrichten, und ich könnte leicht eine erhalten, sie brächte mich das erste halb Jahr unter den Boden. Nein, ich will bei dir bleiben, wir sind öppe immer Brüder gewesen und werden es auch bleiben. Du mußt heiraten, und daß du etwas im Spiel habest, das hast du mir ja einmal selbst gesagt, und längst hätte ich es aufs Tapet gebracht, wenn ich es nicht ab unserm Elend vergessen hätte. Du aber hast es nicht, denn seither hast du ja keinen Fuß zum Tanz gehoben und keinen Tritt des Nachts zum Haus aus getan.«

Resli wurde rot und wollte sich verteidigen, da fragte die Mutter: »Hör, was ist das mit ds Dorngrüter Bauren Tochter? Du hast mich einmal nach ihr gefragt und so wunderlich dabei getan. Ich habe dich damals abgeschnauzt, es ist mir seither manchmal leid gewesen, und ich hätte wieder davon angefangen, aber bald schickte es mir sich nicht, bald dachte ich, du sagst mir jetzt doch nichts mehr, und so schwieg ich. Ist dir die öppe im Sinn?«

»Oh, aparti nicht«, sagte Resli.

»Hör, sage es fry recht geradeheraus. Wenn es etwas ist, so kann man dir helfen. Es hat schon Mancher so geschwiegen und hat die Sache so in sich selbst verdrückt und ist hintendrein reuig gewesen«, antwortete die Mutter.

»He nun«, sagte Resli, »so will ich es geradeheraus sagen: das Meitschi hat mir gefallen wie noch keines, ich glaube nicht, daß es eins gäbe, das ihm die Schuhriemen auftäte, und ich habe gleich gedacht, das oder keins. Und es ist mir noch so, aber ich sehe wohl, daß es nichts daraus gibt.«

»Warum?« fragte Christen, »hast gefragt?«

»He nein«, sagte Resli, »aber ich weiß es sonst.«

»Wie kannst du so etwas wissen, wenn du nicht gefragt hast; das geht oft ganz anders, als man denkt. Oder ist das Meitschi verheiratet?« fragte der Vater.

»Selb weiß ich nicht«, sagte Resli, »und vom Meitschi wollte ich nicht reden, es schien mir, als wäre ich ihm nicht ganz unanständig, freilich irrt man sich leicht. Aber es ist noch etwas anders.«

»So sage doch, was ists?« sagte der Vater. »Ists öppis z'schüchen a de Lüte?«

»He, wie man will«, sagte Resli. »Der Vater ist sehr reich und grusam geizig, und wie ich gehört, ist ihm für seine Kinder nicht gleich einer reich genug, und wenn es auch einer ist, so will er dann noch ehetagen auf alle Füli, daß es keine Art hat. Er hätte schon zwei Töchtern so gebraucht und ehetagen lassen, daß seine Tochtermänner daheim alleine erben und ihre andern Geschwister mit leeren Händen gehen können. Das will ich nun nicht, ich will mich an meinen Geschwistern nicht versündigen, daß ich denken muß, Kinder und Kindeskinder müßten es entgelten, und wo man unter solchen Gedingen zusammenkommt, da sieht man wohl, was Trumpf ist, und was e sellige Trumpf kann, das haben wir erfahren. Ich begehre nicht mehr als meine Sache, dem Christen und dem Annelisi gehören ihre Teile so gut als mir, wenn es einmal zum Erben kömmt, was, so Gott will, noch lange nicht geschehen wird.«

»Los Bruder«, sagte Annelisi, »wenn es nur das ist, so achte dich meiner nicht. Christen hat nur Späße gehabt, und es ist dann noch lange nichts Richtiges, und wenn ich dich damit kann glücklich machen, so bleibe ich ledig. Es wäre ja so Mancher ihr Glück gewesen, wenn sie nicht geheiratet. Wie wohl es mir ist bei Vater und Mutter, das weiß ich, wie es mir aber so mit einem Manne gehen würde, das ist ein Ungewisses.«

»Wie wir es zusammen haben«, sagte Christen, »weißt du, und wenn dir das Meitschi anständig ist, so mach, was du kannst, und was wir dir dazu helfen können, darauf zähle, und wenn dir der Vater den Hof abtreten will kaufsweise um ein Billiges, ich für mich hätte nichts darwider.«

»Von dem will ich nichts hören«, sagte Resli, »Vater und Mutter sollen ihre Sache behalten. Daß sie wegen einem Kinde sich die Hände binden sollten, das tue ich nicht. Wegen einem Meitschi lasse ich Vater und Mutter noch lange nicht auf die Seite stellen, wir sind jetzt so schön bei einander, wir wollen nicht alsobald Unguts hineinmachen.«

» Mir tätest du einen großen Gefallen, wenn es sich machen ließe«, sagte die Mutter; »wenn ich sterben sollte, und das werde ich bald, es wäre mir ein großer Trost, wenn ich deine Frau gesehen hätte.«

»Mutter, schweig vom Sterben, du darfst uns nicht sterben, und von einer Frau schweiget mir.«

»Und ich schweige nicht«, sagte Christen. »Es ist doch dann noch nicht gesagt, daß es immer gleich gehen müsse, und probieren schadet nichts. Es kömmt nur darauf an, ob dich das Meitschi will oder nicht; wenn man das vernehmen könnte, so müßte die Sache bald richtig sein. Hast du seither nichts von ihm vernommen?«

Nein, sagte Resli, er hätte nicht gewußt, was das Nachfragen abtrage, wo es besser wäre, er vergesse die ganze Sache, je eher je lieber.

»Da hast du unrecht getan«, sagte Christen, »und ich will für dich vernehmen, was nötig ist; es ist mir auch daran gelegen, daß du eine rechte Frau erhaltest, und wenn die Mutter so Freude hat an einer Sohnsfrau, so muß sie noch vor Ostern eine haben, oder ich will nicht Christen heißen. Vater, gib mir einige Neutaler in Sack, die meinigen sind neue use, und ich will um etwas aus, um Rosse, Kühe Schafe, sei es was es wolle, und somit habe ich Gelegenheit, auf das Dorngrüt zu kommen, unbekannt, vielleicht mit dem Meitschi z'reden, und vernehme allweg, was für Werch an der Kunkel ist und wie die Sache öppe anzukehren wäre.«

»Mache, was du willst«, sagte Resli, »und ich danke dir für dein Anerbieten, aber ich will dich nicht geheißen haben und an nichts schuld sein. Ihr seid alle nur viel zu gut gegen mich, aber ich will es auch Keinem vergessen.«

»Das hätte ich vor acht Tagen noch nicht hoffen dürfen, daß es so kommen könnte«, sagte die Mutter, »und wenn es mir jemand gesagt hätte, so hätte ich es ihm nicht geglaubt. Aber bei Gott sind alle Dinge möglich, und wie er das Unglück einbrechen läßt wie einen Dieb in der Nacht, warum sollte er nicht auch das Glück heraufführen wie die Sonne aus ihrer Kammer, wenn die Herzen dafür reif geworden sind?«

»Horch, was ists?« rief Resli und sprang vom Boden auf. Langsame Glockenschläge hallten einzeln durch die Luft, alle sprangen auf. »Es stürmt, wo brennts?« frugen alle. Rauch war nirgends zu sehen, aber nur im Halbkreise lag frei der Horizont vor ihnen. Sie eilten dem Hause zu; in zwei Minuten sah man Resli, den Feuerhaken auf der Achsel, den Eimer darangehängt, in raschem Laufe dem Kirchturme zueilen, wo immer ängstlicher die Glocke um Hülfe wimmerte, und verschwunden war das schöne Bild der innigen Familie, verschlungen vom Wirbel der Welt.

Aber sei auch das Bild verschwunden, ist nur der Geist geblieben; der lebendige Geist sprüht neue Bilder immer wieder auf, schöne Kinder, Zeugen seines Lebens.

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