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Gelächter

Felix Dörmann: Gelächter - Kapitel 7
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleGelächter
publisherE. Pierson's Verlag
year1895
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180419
projectid78d7158a
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Vierte Reihe.

In der heiligen Nacht.

Die Lichter funkeln durch die heilige Nacht ...
Aus tiefem Schlaf mein altes Herz erwacht.
Lebendig wird ein süßer Kindertraum,
O heilige Nacht, o grüner Tannenbaum!
Uralte Lieder durch die Seele klingen,
Ein frommes Sehnen hebt die scheuen Schwingen,
Mein Herz wird weich, die Thränen rieseln sacht,
Die Lichter funkeln durch die heil'ge Nacht!

Ein Hauch der Jugend durch die Seele weht!
Wie war doch jenes kleine Hausgebet?
Du lieber Gott, der du im Himmel bist
Und deiner treuen Seelen nie vergißt ...
Wie ging es weiter? Ach, ich weiß nicht mehr,
Daß ich gebetet ist schon lange her.
Noch einmal, eh' die Sonne untergeht,
Ein Hauch der Jugend durch die Seele weht.

O Jugendglauben, heißer Kindermut!
Wie stürmisch sie doch rann, die rote Flut!
Wie tollten in das Leben wir hinein,
Wie sind wir heute kalt und klug und klein.
O, daß die Flammen, die so licht geloht,
Verloschen sind in dieses Lebens Not.
Verblichen Traum an Traum im Boden ruht,
O Jugendglauben, heißer Kindermut.

O daß der Sorgen grauer Aschenregen
Erbarmungslos erstickt den jungen Segen,
O heil'ge Nacht, was hast du mich erweckt,
Aus meines Lebens Einerlei geschreckt?
Vergessen war mein letztes Glück gewesen,
Was zwangst du mich, in meiner Brust zu lesen,
Mein ganzes Dasein prüfend abzuwägen!
O dieser Sorgen grauer Aschenregen!

Ein altes Lied, das ernste Lied vom Leben,
Wer nicht erschlagen wird, muß sich ergeben.
Ich weiß, was ich an Licht und Kraft empfing,
Ich weiß auch, was an mir verloren ging.
Die Glocken jauchzen Menschenheil und Glück –
Wie traurig klingt die Antwort doch zurück.
Millionen können keine andre geben
Als diese eine: Mich betrog das Leben.

Die Glocken jauchzen und die Lichter funkeln,
Wir aber pilgern hoffnungslos im Dunkeln;
Aus Kinderseelen Jubellieder steigen –
Wie lange noch – und diese Lieder schweigen.
Ist erst zum Leben unser Herz erwacht,
Versinkt für immer uns die heil'ge Nacht.
Für Kinderseelen tausend Lichter funkeln,
Wir aber pilgern ohne Trost im Dunkeln.

Danse Serpentine.

Gedämpfte Geigen singen,
Die Flöten jauchzen darein,
Hernieder auf Aetherschwingen
Senkt sich ein Scharlachschein.

Die Farbe wechselt und schwindet,
Jetzt ist es schmachtendes Blau,
Es gleitet herab und umwindet
Lustzitternd die herrlichste Frau.

Die Glieder wogen und wiegen
Von farbigen Floren umhüllt,
Wie schimmernde Schlangen sich biegen,
Von trunkener Sehnsucht erfüllt.

Und wilder weinen die Geigen,
Erzittert der Flöten Gesang,
Die Glieder sich dehnen und neigen
In mystischem Lebensdrang.

Jetzt ist es träumendes Schreiten –
Jetzt flattert ein Schmetterling,
Der sich im taumelnden Gleiten
In einem Lichtstrom verfing.

Zum tanzenden Sterngebilde
Verschwimmt sie, zum sprühenden Rad
Die Wirbelnde, Trunkene, Wilde,
Geküßt von der feurigen Saat,

Die ewig in wechselnden Wellen
Auf sie herniederrinnt,
Mit jauchzenden Farbenquellen
Die bebenden Glieder umspinnt.

Und jetzt umhüllt sie das Dunkel,
Ein letztes gespenstiges Licht,
Wie fahler Fäulnis Gefunkel
Die schwarzroten Lippen umflicht.

Noch einmal ein fieberndes Brennen
Der Augen – in lohender Pracht
Zwei Blitze das Dunkel zertrennen,
Und dann verschlingt sie die Nacht.

Du bist die Lust und das Leben,
Die sündenselige Gier,
Der Rausch und die Sehnsucht schweben
Als dienende Geister mit dir.

Das Mädchen und die Lilien.

Letzte müde Abenddämmerung, jäh verlöschendes Licht.
Farben und Formen lösen sich in einem schweren, kalten Blau.

Feierlich und zierlich wiegen und schwanken drei dunkelgelbe Osterlilien in einem hohen, grünen Röhrenglas.

Wie der schüchterne Hauch eines Windes streift sie die Erinnerung – sie zittern.

Gestern, flüstert die erste, schmückten wir ein dunkles, wirres, halbentbundenes Haar, durften uns niederneigen, langsam und verstohlen, und den düstern Bogen zweier Brauen leise küssen – und die leicht gebräunten Lider, die zwei nebelgraue, traurige Augen schützend umschlossen.

Der Mund aber konnte lachen; wie zwei rote Schlangen tanzten die Lippen auf und nieder.

Und die Lilien neigten die nickenden Häupter gegeneinander und erzählten, wie schön es gestern gewesen sei ...

»Wir haben uns mit einem jungen Mädchen im Tanze gewiegt!«

»Wir haben ihr verliebte schwer duftige Worte in's Ohr geflüstert!«

»Wir haben unsre Seele in ihr Haar veratmet – wir müssen sterben und verfallen – aber wir waren glücklich!«

Scheu und selig verriet die zweite Lilie: Ich bin den weichen Flaum ihres Nackens entlang geglitten und habe ihn geküßt, tief unten, wo er mit leichter Biegung im kühlen Silberlila ihres Kleides verschwand.

Die dritte Lilie aber war sehr traurig und sagte ganz leise: Ich kann Euch am meisten von ihr verraten: heimliche Zwiesprache hielt ich mit dem hastig kreisenden Strom ihres Blutes; ich hörte den hilflosen Sehnsuchtsschrei ihrer suchenden Seele; aus öden trostlosen Feldern klang er an mein Ohr, aus grauen, drückenden Einsamkeiten.

Sie hat die Straße verloren, die zum Glück führt: sie sehnt sich nach dem Leben.

Und ich weiß, das Leben wird kommen, wenn sie ruft; mit schamlosem, frech vertraulichem Lächeln wird es an sie herantreten, mit täppischen, groben Händen wird es in das feine Silbergespinnst ihrer Seele greifen – und wird es zerstören.

Und sie sehnt sich nach dem Leben. – – – –

Pax.

Eisengraue, schründige Felsenwände schließen sich zu einem tiefen Kessel zusammen; darüber hin ein Himmel von einem schwülen, lauernden Weißlichgrau, das sich auf die Nerven legt, so schwer, so lastend wie Duft von Tuberosen.

Fernher über die matten, glanzlosen Felsenmauern starren die Alpen, eine dunkle Gipfelreihe, von veilchenviolettem Dunste leicht umwoben.

Feierliches Schweigen rings.

Kein rauschendes Laub, kein jauchzender Vogelsang.

Kaum, daß ein Windhauch in die Tiefen niederstreicht und leise, leise an den düstergrünen Wipfeln der Cypressen rührt und streichelt, oder wilde, weiße Rosen schüchtern schaukelt – wie wenn sein süßes Spiel ihm Frevel schiene.

Bleiche, bröckelnde Marmorgestalten ragen aus wirren Büschen von Immergrün und Epheu empor und halbverfallene Säulen; dort aber, wo die granitenen Wände tief hinein in den steinigen Boden schießen, reiht sich Totenkammer an Totenkammer.

Ungefüg und plump, mit schmetternden Hammerschlägen in trotzig starrendes Gestein hineingetrieben die eine, zierlich gemeißelt, marmorumkleidet, mit üppigen Corinthersäulen die andere. –

Und auch am Boden, den die breiten, großen Fliesen glätten und verkleiden, reiht sich Gruft an Gruft. –

Entfärbte Blumen, braungedörrte Palmenwedel sind darüber hingestreut als todeswelke Zeichen der Liebe, und dazwischen wuchert Gras empor – spärlich – arm. –

In Fugen und Nischen und ausgetretenen Bodenfliesen sammelt sich das Regenwasser; vergilbte und verkrümmelte Rosenblätter wiegen sich darauf und dürre Reiser. –

An Grüften und Kapellen vorüber schreitet ein Mönch und entzündet Kerze um Kerze. –

Groß und ruhig brennen die bleichen Flammen, kein Windhauch, der sie beugte – die Luft ist still.

Feierliches Schweigen rings!

Lautlos süße Seligkeit des Todes – Frieden.

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