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Gutenberg > Felix Dörmann >

Gelächter

Felix Dörmann: Gelächter - Kapitel 6
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleGelächter
publisherE. Pierson's Verlag
year1895
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180419
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Dritte Reihe.

Wie ein Schatten schwindet, gleitet,
Was der Seele teuer war.
Ob sich Größeres bereitet,
Ob zum Abgrund niederschreitet,
Was die Sehnsucht einst gebar? –

Alle Stimmen ruh'n und schweigen,
Tiefe Nacht umhüllt mein Haupt.
Ob die Loose fallen, steigen?
Lautlos zieht der Stundenreigen,
Doch die blinde Seele glaubt.

Das war ein Sprießen und Weben,
Ein Wühlen, ein Drängen, ein Schrei'n!
Das langverstoßene Leben
Zog jauchzend bei mir ein.

Und glühend glitten und quollen
Empor aus verschüttetem Schacht
Die prangenden, wundervollen,
Lichtfunkelnden Träume der Nacht.

An meiner Seele klang ein Lied vorbei
Von lebensmüder Liebesraserei,

Von einem dumpfen, thränenlosen Leid,
Von schwer erkaufter, scheuer Seligkeit;

Von Menschenherzen, noch im Tod vereint ...
Ich glaube, meine Seele hat geweint.

O laß in deinen Schoß mich flieh'n,
Mir ist so bang, so bang,
Sei du der Seele Narkotin
Und ihr Erlösungstrank.

O kühle, kühle diese Glut,
Die mir das Hirn zernagt;
Laß strömen deiner Thränen Flut,
Bis mir ein Morgen tagt.

Mir ist so bang, so schwül, so schwer,
Gib mir die Hand, die Hand;
Ich will mich halten – her, komm her!
Sie haben mich erkannt ...

Sie tilgen mir die Seele aus,
Dann stirbt mein stolzer Sang,
Dann muß ich betteln von Haus zu Haus
Und war doch ein König so lang ...

Und jeder sucht ferne dem andern
Auf einsamen Pfaden das Glück,
Nur manches Mal noch wandern
Die heißen Gedanken zurück. –

Nach jenen sonnigen Stunden,
Wo leuchtend ein Glauben erstand: –
Wir hätten das Glück gefunden
Am Wege Hand in Hand.

Ich zog durch Nacht und Elend – du bist rein.
Was kannst du mir – und was kann ich dir sein?

Ich kann nicht anders werden, als ich bin,
Vergang'nes schlepp' ich nach mit krankem Sinn,

Ich habe Stunden, wo der Dämon siegt,
Der ewig lauernd mir am Herzen liegt.

Ich weiß, du könntest mich ja nie versteh'n,
Du würdest angstvoll schaudernd von mir geh'n.

Sei fromm und glücklich, danke dem Geschick,
Das dir erspart in meine Brust den Blick,

Ich zog durch Nacht und Elend – du bist rein,
Was kannst du mir – und was kann ich dir sein.

Sie that soviel für mich, die arme Frau,
Es quält mich, wenn ich ihr in's Auge schau!

Ich weiß, ich weiß, was sie von mir erhofft,
Was sie für mich erlitten, oft und oft.

Die Träume kenn' ich, die sie treu gehegt
Und die Enttäuschung, die sie bitter trägt.

O Mutter, kannst du mich auch nicht versteh'n,
So laß mich trotzdem meine Straße geh'n.

Der Weg ist schwer, entbehrungsreich und lang
Und meine Seele zittert ahnungsbang.

Du weißt nicht, süße Mutter, was ich litt,
O gieb mir deinen Abschiedssegen mit.

O nicht den Blick voll wehen Vorwurfs – nein!
Glaub' mir, ich kann nicht, kann nicht anders sein.

Noch einmal, Mutter, eh' ich scheiden muß –
Verzeihung, Segen und den letzten Kuß.

Die herbstlich fahle Welt umloht
Ein heißes, krankes Abendrot.

Um meine Seele werben
Das Leben und der Tod ... –

Ich möchte jauchzend sterben ...!

Lautlos,
Mit geschlossenen Augen,
Dürstend die Lippen gewölbt,
Harrt meine Seele
Reglos am rauschenden Strome des Lebens.
Aus bangen Träumen
Mondlichttrunkener Sommernächte
Schauert ein Ahnen auf
Selig und scheu ...
Herüberwehen
Aus weiter Ferne
Fühlt sie den heißen Duft des Glückes ...
Lautlos betend
Harrt meine Seele
Jener Stunde,
Wo es hereinbricht
In schweren Wellen
Das große Glück,
Das alle Sehnsucht stillt.

Leise zittern ihre silberweißen Schwingen ...

Das Feuer, das in deiner Seele sprüht,
Hat deine schmalen Wangen bleichgeglüht;

Und jene Sehnsucht, ewig ungestillt,
Die rastlos, wie ein Blutstrom quillt und quillt,

Sie trübte deiner Augen hellen Schein,
Und feine dunkle Falten schnitt sie ein

Inmitten deiner Brauen dunklen Bogen,
Und deine Lippen hält sie weh verzogen;

Ich weiß, dir ist das Leben schwer und lang,
Ich weiß, du rüstest dich zum letzten Gang ...

Geh deinen Weg – ich halt' dich nicht zurück,
Für unsresgleichen ist der Tod das Glück.

Das letzte, blasse Glück der Unheilbaren,
In weichen Wellen strömt es auf uns ein;
Es ist ein Ahnen seligster Gefahren,
Kein Sonnenrot – nur scheuer Widerschein.

Ich will nicht reden und du sollst nicht fragen,
Was unsre Seelen silberweiß durchbebt,
Wir wollen's nicht durch's graue Leben tragen,
Es bleibe süß und blaß – im Traum erlebt.

Die weißen Flocken gleiten
So träumerisch und schwer ...
Warum denn weiterschreiten,
Ich weiß den Weg nicht mehr.

Die weißen Flocken gleiten,
Ein blasser Frieden winkt,
Warum denn weiterschreiten,
Wenn alles niedersinkt ...

Die weißen Flocken gleiten.

Die Regenströme rauschen,
Der Himmel ist nebelumgraut,
Ich muß den Stimmen lauschen,
Sie rufen so laut, so laut.

Sie zürnen und sie klagen,
Sie halten mir es vor,
Daß ich mein Leben ertragen,
Als ich mich selber verlor.

Kein Hauch des Lebens rötet ihr Gesicht,
Es ist so bleich und kühl wie Sternelicht.

Um ihren Leib, den hohen, üppig-schlanken,
Mit leisem Rauschen Pelz und Seide schwanken.

Ein schwüler Duft von schwerem Chypre schwimmt
Berauschend um sie her, gespenstig glimmt

Um ihrer Stirne blasses Elfenbein
Blaßrötlicher Rubine fahler Schein;

Kaum, daß ihr Händedruck die Finger streift,
Ihr müder Blick an mir vorüber schweift,

Gleichgiltig fremd, kaum daß sie mich erkennt
Und fragend, zögernd meinen Namen nennt;

Den Namen, der ihr einst im Überschwang
Des Glückes jauchzend von den Lippen sprang,

Den sie gestammelt einst zur Frühlingszeit
Mit leisen Lauten tiefster Zärtlichkeit.

Der Regen rieselt ... Im grauen Licht
Verschwimmt deine zarte Gestalt;
Mir suchen einander und finden uns nicht
Im grauen Licht –
Und wir plaudern so klug und so kalt.

In der Jugendzeit, in der Jugendzeit! –
Weißt du noch, wie uns geschah?
Die Wünsche, sie flogen so wild und so weit
In der Jugendzeit,
Und die Sterne waren so nah.

Der Frühling ist tot und der Sommer verrann,
Die Blüten verdorrten so bald,
Das große Sterben der Seele begann,
Der Sommer verrann –
Und wir plaudern – so klug und so kalt.

Ich liebe dich noch immer, schöne Frau,
Doch anders, als ich jemals nur geahnt.
Gleichgiltig ist mir jenes schlanke Wesen,
Das anmutschillernd heute mir begegnet;
O nein, ich liebe dich als Abglanz nur,
Als süßes, trügerisches Spiegelbild
Von jenem träumerischen, scheuen Kind,
Das du gewesen warst in fernen Tagen,
Eh' noch des Lebens giftig-schwüler Hauch
Versengend deine blasse Stirn gestreichelt ...

Und seltsam schauerlich durchkreuzen sich
In meiner Brust die alte Kinderliebe,
Die jählings auferstand aus tiefem Schlummer
Und sich nicht bannen läßt, und jenes fremde,
Kaltschleimige Gefühl, das meine Seele
Verhängnisvoll umspinnt an deiner Seite.
Was hat das Schicksal für uns aufgespart?
Wer von uns beiden geht zu Grund – am andern?

Jagt mich empor, und sei's mit Rutenhieben,
Empor aus dieser schläfrig-dumpfen Schwermut.
Die Nachtgedanken löst mir aus dem Schädel,
Die Nachtgedanken, die mit hartem Lachen
Den Willen lähmen und die Kraft verkrüppeln.
Gebt irgend etwas, das mich hält und treibt,
Das mich vergessen läßt, wie sinnlos traurig,
Wie tonlos grau, wie ekelhaft das Leben;
Gebt irgend etwas, das befreit und rettet
Aus diesem Wust von Sehnsucht, Wahn und Weh;
Begeist'rung gebt mir, eines Strebens Ziel,
Und eine Arbeit, eine blutigschwere ...

Mit kranken Sinnen und verwelkten Nerven
So keuchen wir die freudenöde Bahn,
Und uns'rer Qualen Stachelkränze schärfen
Verirrte Sehnsucht und vergreister Wahn.

Nach lichter Reinheit lechzen alle Seelen,
Nach einem Ende namenloser Not,
Und fieberschauernd wir die Stunden zählen
Und sterbend träumen wir – ein Morgenrot.

Wo strömt das Heil, nach dem wir alle beten,
Wann fällt der Tau, der uns're Dürre tränkt?
Wann wird der Gott in uns're Mitte treten,
Der siegreich jauchzend uns're Schritte lenkt?

Der Sturm, der mit brausenden Flügeln
Schwer athmend die Lande durchflog
Und jauchzend auf herbstlichen Hügeln
Die stöhnenden Eichen bog –

Er kam mit leiserem Grollen
Zu mir herangerauscht,
Kaum, daß er mit liebevollem
Geflatter den Mantel mir bauscht.

Mit leisen, zärtlichen Flügen
Mein Haar zurück er weht,
Und Angst auf den ehernen Zügen
Nach meinen Augen er späht:

Wann wird deine Seele gesunden
Von Menschenliebe und Leid,
Noch nicht den Weg gefunden
Zur einsamen Herrlichkeit?

Das Lied, das meine Seele sang,
Klingt leiser, immer leiser,
Die Stimme, die so süß einst klang,
Sie zittert seltsam heiser.

Ein harter, böser, falscher Ton
Er schneidet frech dazwischen,
Als wäre der Seele – die Seele entfloh'n,
Als wollte sie verwischen

Mit greller Heiterkeit
Ein böses, krankes Sehnen,
Ein dumpfes, arges Leid,
Vielleicht auch Thränen.

Was könnt' ich dir, mein Freund, von mir erzählen;
Ich bin nicht traurig, bin nicht froh bewegt.
Der müde Gleichmut der enttäuschten Seelen
Hat sich mir bleiern auf die Brust gelegt.

Man trottet fort im alten Lebensgleise,
Ein braver Karrengaul – und manchesmal
Regt sich geheimnisvoll und schamhaft leise
Begrab'ner Sehnsucht hoffnungslose Qual.

Der keimende Frühling, die Dämmerung,
Der laue, streichelnde Wind! ...
Ich wollte, ich wäre noch einmal jung,
Ein ungebändigtes Kind.

Wie wogte die Seele in Liebe und Haß
Und schwoll in glückseligem Leid,
Wie strömte der Augen befreiendes Naß
In der alten, stürmischen Zeit.

Verstoben der brausende Überschwang,
Der selige Sturm verweht,
Die friedlichen Alltagsstraßen entlang
Ein trauriger Spötter geht ...

Ich weiß nicht, was ich dir schreiben soll,
Mein Herz ist von drängender Sehnsucht so voll.

Ich möchte hinaus in blühendes Land
Und bin in Gefängnismauern gebannt.

Ich möchte jauchzen und springen und schrei'n –
Und muß ein gehorsamer Arbeiter sein.

O Freiheit, o Leben – mein Herz ist so voll
Von sehnender Trauer und brausendem Groll.

Noch kann ich höhnen und hadern,
Noch blüht mir zur Sünde der Mut,
Noch rauscht mir durch die Adern
Das rote Rebellenblut.

Noch greif' ich mit eisernen Fängen
In's rollende Zeitenrad,
Noch kann ich die Muskeln zwängen
Zur lichten, erlösenden That.

Noch bin ich der große Verderber,
Der todesfreudige Mann –
Und brause auf bäumendem Berber
Den keuchenden Knechten voran.

So süßer Anmut war dein Wesen voll,
Daß mir das Herz in heißer Sehnsucht schwoll. –

O wer's vermöcht', Vergang'nes zu vergessen,
Bleischwere Thaten, die das Herz zerpressen,

Und rote Sünden, die zum Himmel schrei'n!
Wer so wie du wär, makellos und rein!

Ach, seine Geschichte ist schnell erzählt.
Zuerst hat ihn die Liebe gequält

Und später die Sorge um's tägliche Brot.
Das Leben hat seine Seele verroht,

Er sank und sank ... Im Arbeitsfrohn
Ist ihm noch manchmal ein Seufzer entfloh'n,

Ein Laut der Klage – und dann und wann
Versickerndes Herzblut zum Liede gerann.

O süßes, tötliches Wandern
Auf bröckelnder Felsenwand!
Von einem Spalt zum andern
Tasten mit suchender Hand!

Bei jedem Schritt zu wissen:
Ein Fehltritt, ein rollender Stein –
Und rettungslos niedergerissen
Und tot – und selig sein.

Ein rauher Wind aus Norden,
Schneewolken schleichen tief,
Was bin ich müd' geworden,
Ein Kind, das sich verlief.

In einer stillen Ecken,
Fernab vom Windsgebraus,
Möcht' es sich gern verstecken
Und träumen vom Vaterhaus.

Kein Lichtschein will ihm blinken,
In Nacht verschwimmt das Land,
Da muß es niedersinken
Und weinen am Straßenrand.

In einen kristallenen Becher
Goß ich die purpurne Flut
Des Herzens, ein trunkener Zecher
Zerschlug den rotleuchtenden Becher
In taumelnder Wut.

Der Becher liegt in Scherben,
Die Menschen lächeln Hohn,
Die Seele muß verderben,
Der rote Quell ist entfloh'n.

Der Sand hat ihn verschlungen,
Die Sonne fraß ihn auf,
Und geifernde Menschenzungen
Spieen, ja spieen darauf.

Hochragende Mauern, verwittert und kahl;
Auf dorrenden Bäumen ein zitternder Strahl

Der blassen Sonne, die müd' und vergrämt
Beinahe des eigenen Lichtes sich schämt.

Die Tage sind lang und trostlos leer –
Und lang sind die Nächte und träumeschwer,

Das Leben schleicht endlos vorüber –
Die Seele wird trüber und trüber ...

(Das Mädchen spricht:)

Kehre wieder ... kehre wieder ...
Nur für eine ... eine Nacht ...
Deine stürmischen, saugenden Lippen
Will ich empfinden,
Deiner Finger
Zitterndes Tasten,
Bis der Gürtel reißt und fällt ...
Schließe mich wieder in deine Arme
Fest und fester,
Bis sich in Zittern, Jauchzen und Stöhnen
Siegreich entfaltet mit mächtigem Brausen
Dunkel hinflutende Leidenschaft ...
Löse das Haar, umfasse das Haupt mir,
Schließe der Finger pressende Reifen,
Reiße mich nieder
In Nacht und Wonnen;
Dein bin ich, dein ...
All' meine Sinne
Glühen und beten,
Zittern in durstiger Sehnsucht nach dir.
Kehre wieder, kehre wieder.

Hörst du das ferne Weinen?
Ist das nur der irrende Wind?
Viel eher will es mir scheinen,
Es ist ein irrendes Kind.

Es ist vielleicht am Ende
Die irrende Seele mein?
Sie ringt die zitternden Hände
Und möchte bei mir sein.

O Seele, du mußt verzeihen,
Ich bin ein armer Mann,
Der keine Hilfe leihen,
Der dich nicht retten kann.

Gefesselt an Händen und Füßen,
Von tausend Schergen bewacht,
Hör' ich dein schluchzendes Grüßen
In einsamer Kerkernacht.

Wer wird den Weg dir weisen?
Wer giebt dir Licht und Brot? –
Wie lang wirst du noch reisen
Durch dieses Lebens Not? –

Das Leben trat schreiend auf mich zu
Und riß mich jählings aus träumender Ruh'.

Die Stimmen, die in der Seele sangen,
Sie schwiegen erschrocken still und verklangen.

Was schüchtern empor aus der Tiefe drang,
Auf's neue lautlos zur Tiefe sank. –

Aufknospende Blüten verwehte der Wind,
Und ich ward wieder zum Menschenkind,

Das mitten unter den andern weilt
Und ihre kärglichen Freuden teilt. – –

Und immer ferner verschwimmt im Raum
Der ahnenden Kindheit himmlischer Traum.

Ich fuhr empor – an meines Lagers Rand
Hoch aufgerichtet, starr – das Leben stand.

Es war ein breites, fahles Bürgerweib
Mit widerlich geduns'nem Mutterleib.

Die Hände in den Hüften eingestemmt,
Sah sie mich an: neugierig, frech und fremd.

Ein dumpfer Haß aus ihrem Auge rann
Als heis'ren Tons zu reden sie begann:

Geduld, mein Söhnchen, ein paar Jahre noch,
Dann schleppst auch du vergnügt an meinem Joch,

Heut' blähst du dich und findest mich gemein –
Und morgen – wirst du mein Geliebter sein.

Und Not und Verzweiflung und Scham und Verlangen
Um Herrschaft über die Seele rangen.

Zum Leben erhob ich die flehenden Hände:
O mache der Qual des Kampfes ein Ende.

O gib mir endlich den Siegerpreis,
Um den ich gestritten entsagend und heiß.

Das Leben jedoch hat kühl gelächelt,
Die nackte, freche Brust sich gefächelt,

Und meinte behaglich: – »du wirst nicht siegen,
Du bist von jenen, die unterliegen« ...

»Und all meine glühenden Lichtgestalten?«
»Sie werden verblassen und werden erkalten.«

»Und das Ende, wie wird das Ende sein?«
– »Verirrt und gemein.«

Diese Unrast der Gedanken,
Die mit allen Winden jagt,
Dieses Zweifeln, dieses Schwanken,
Das nicht Wunsch, noch Hoffnung wagt!

Lebenskranke, müde Seelen,
Werdet ihr noch jemals jung?
Sah noch keiner ahnend schwelen
Lichte Morgendämmerung?

Und wenn ich frage, was mich dann und wann
Ganz lind und leise noch bewegen kann,

Was meiner Seele stillen Gleichmut stört,
Scheinbares Leben aus dem Nichts beschwört –

Erinnerung ist's – ein Duft, ein Bild, ein Klang,
Der unvermutet an die Seele drang

Und mich an jene ferne Zeit gemahnt,
In der ich alles Leben scheu geahnt,

Die Welt der Andern mir versiegelt war,
Und wo ich träumend eine Welt gebar.

Nun schloß um mich das Leben
Den bunten, lauten Ring –
O, daß mein heißes Streben
So ganz verloren ging.

In meiner Seele schweigen
Die Freude und die Qual,
Gebroch'ne Blüten neigen
Verendend sich zu Thal.

Es weht ein banges Schauern
Der Winde drüber her,
Ein zitterndes Bedauern,
Ein Klagen hoffnungsleer.

Vernichtet sind die Saaten
Und werden nie ersteh'n;
Noch träumt die Seele Thaten,
Doch keiner wird sie seh'n.

Noch einmal wogt ein voller Orgelstrom
Durch meiner Seele längst entweihten Dom ...

Heut' sollst du mich nicht küssen, geh' doch fort!
Heut' quält dein Kuß, dein Blick – quält jedes Wort.

Ich will ja wieder deinesgleichen sein
Von morgen ab, doch heut' – laß mich allein.

Noch einmal wogt ein voller Orgelstrom
Durch meiner Seele längst entweihten Dom ...

Ein Heimweh nach traumlosen Tiefen
Die schwere Seele befällt,
Nach Zeiten, wo sie noch schliefen
Die Boten der anderen Welt,

Wo sie noch nicht versenkten
In's Herz die brennende Saat,
Die sträubenden Sinne bedrängten,
Zu lieben die schreckliche That.

Seitdem sie mich erkoren,
Gefäß und Erfüllung zu sein,
Ging mir das Leben verloren –
Und Elend tauscht' ich ein.

Und wieder jenes Beben
Der Sehnsucht die Seele durchfliegt
Nach einem lebendigen Leben,
Das eng an's Herz sich schmiegt.

Und was es immer wäre,
Ein Freund, ein Weib, ein Hund –
Nur nicht diese einsame Schwere,
Ich geh' daran zu Grund.

Der Erste.

Ich hab' mir das Leben von oben betrachtet,
Ich fand es gemein – und hab' es verachtet.

Der Zweite.

Ich bin in seine Tiefen gedrungen,
Mich hat eine schauernde Ehrfurcht bezwungen.

Der Dritte.

Ich bin auf den Grund alles Lebens gekommen,
Da ward mir die Lust zum Leben benommen.

Und feinste Lust und lichtes Glück verheißt
Die Qual des Lebens, die das Herz zerreißt.

Und mögen Dornen meinen Leib zertrennen,
Ich fühle süßer nur die Sehnsucht brennen.

Und wird unendlich erst des Lebens Pein,
Wird auch des Todes Lust unendlich sein.

– – – – – – – – – – –
Leuchtender Erkenntnis Quellen
Strömen in die Brust mir ein
Und den Busen fühl' ich schwellen
Und erweitern sich zum Sein.
Alle Meere, alle Sterne,
Frühlingshauch und Wetterblitz
Nehmen von der Brust Besitz;
Schlanker Blumen scheues Sprießen
Fühlt die Seele still vertraut,
Lebensströme sieht sie fließen,
Hört des Todes Seufzerlaut. –
Unersättlich im Begreifen,
Darf sie rastlos schauen, schweifen
Durch die Welten klein und groß –
Und sie sieht die Saaten reifen
Und verwelken – zeitenlos ...

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