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Gelächter

Felix Dörmann: Gelächter - Kapitel 4
Quellenangabe
authorFelix Dörmann
titleGelächter
publisherE. Pierson's Verlag
year1895
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180419
projectid78d7158a
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Erste Reihe.

Ein Gewinde weißer Blüten,
Florverhüllt,
Möge jene Stätte hüten,
Wo dein Schicksal sich erfüllt.
Was ich Herbes auch empfunden,
Was die Liebe mir verdarb,
Ist gelind hinabgeschwunden,
Als die junge Blüte starb.
Wilde Flammen sacht verlohten,
Schmerz und Groll erstickt die Zeit,
Dem Gedächtnis einer lieben Toten
Ist mein Buch geweiht.

Und als ich heute mit dir so ging,
Ein thörichtes Träumen die Seele befing.

Die Last meines Lebens war von mir genommen,
Und ich war endlich zur Ruhe gekommen.

Wir waren beide so seltsam weich,
Im Herzen erblühte ein Himmelreich.

Und lind und langsam verlosch das Brennen,
Das wir mit Sehnsucht bisweilen benennen.

Doch als wir dann von einander schieden,
Da war's auch zu Ende mit Freude und Frieden.

Da ist das entsetzliche Leben gekommen,
Hat wieder Besitz von mir genommen.

Da hieß es von Neuem kämpfen und streiten
Und Thaten vollenden, die Ekel bereiten.

Und spät, recht spät durchbrach die grauen Wände,
Die regenschweren, licht ein Sonnenschein
Und küßte das erglühende Gelände
Und saugte lächelnd Thränenschauer ein.

Ich möchte alle Edelsteine sammeln
Und alle Rosen, die der Frühling trieb,
Und kann doch nichts, als immer wieder stammeln
Das eine arme Wort – ich hab' dich lieb.

Weißt du noch? Dort auf sonniger Halde?
Frühling! Und Veilchen! Und Sonnenschein
Mutter verloren wir drunten im Walde,
Ich und du – ganz plötzlich allein. –

Ach, wir brauchten uns nicht erst zu fragen,
Beide haben wir's lang' schon gewußt:
Nur ein Blick – und jauchzend lagen
Wir einander Brust an Brust.

Du sollst die Arme um den Hals mir schlagen,
Und auf die Lippen küß' mich fest, recht fest,
Und laß den Bergweg dann hinauf dich tragen;
Dort in dem Felsen wölbt sich eng ein Nest;
Die grünen Zweige gleiten dicht darüber,
Die ganze Welt geht achtlos d'ran vorbei,
Dort lös ich dir das dumme, böse Mieder,
Daß meinen Küssen keine Schranke sei.
Ich hab' dich lieb, du süße, tolle Kleine,
So lieb, daß ich beinah' mich schämen muß –
Verstehst du mich, mein Wildfang? Was ich meine?
Du lächelst Spitzbub! Gib mir einen Kuß!

Was bist du heut' so finster und verschlossen?
Was ist dir denn durch's kleine Herz geschossen?

Hat dich ein unbedachtes Wort gekränkt?
Hab' ich zu wenig Küsse dir geschenkt?

Du bist doch sonst ein lebensfrohes Blut;
Ich bitt' dich, kleine Frau, sei wieder gut!

Wohl – zu der wilden Herrlichkeit
Der dunkelbraunen Augen,
Mag das verschwieg'ne, bange Leid
Der schwarzen Rose taugen.
O flicht in's Haar die Rose sacht,
Und küß' mich fest und lang –
Dann zittert aus der weiten Nacht
Ein jauchzender Gesang.

In jenen Tagen, wo ich qualbeladen,
Ein müder Pilger, nach Erlösung schrie,
Da warst du mir die Mutter aller Gnaden,
Das Brot des Lebens warst du mir – Marie

Du wahrtest mich vor allzufrühem Ende;
Wenn ich zum Leben mich emporgerafft,
Dank ich's dem Streicheln deiner süßen Hände
Und deiner Küsse lebensheißer Kraft. –

Geh' nicht von mir, laß deine Liebe dauern,
Ich bin noch lange, lange nicht gesund –
Und lautlos, aber siegessicher lauern
Des Abgrunds Kinder auf der Seele Grund.

Um deine nackten Schultern laß mich breiten
Den Mantel meiner wilden Zärtlichkeiten.

Das Blut meines Herzens, mein zuckendes Leben,
Mein Letztes will ich dir, mein Bestes geben.

Aufschluchzen soll der Engel Schar vor Neid
Ob unsrer trunkenen Glückseligkeit.

Aus ihrer Brust mit schweren Flügelschlägen
Aufrauschen soll die Sehnsucht nach dem Segen,

Nach jenem Glück, das leuchtend in uns brennt,
Der Sohn des Himmels nur aus Träumen kennt,

Nach dem er sich verblutet und verzehrt,
Das ihm kein Gott, das ihm der Mensch nur lehrt.

Blaßgrüne Sterne glimmen,
Nachtvögel huschen sacht;
Dein Antlitz will verschwimmen
Im blauen Dunkel der Nacht.

Nur deine Augen starren
Gespenstig, riesengroß –
Dir sind zwei traurige Narren
Und werden die Liebe nicht los.

Mattgelbe Flore deine Nacktheit hüten –
Ein blasses Kerzenlicht im letzten Raum
Und früh erschlossene Kastanienblüten
Achtlos verstreut an uns'res Lagers Saum.

Wie rosenrotes, zartes Erz erschimmert
Dein junger Leib – wie süß ist seine Last!
Und wie dein großes Auge feucht erflimmert!
Und wie du drängst – o jugendliche Hast!

Wie deine Brüste auf und nieder wiegen ...
Noch säumt der Sturm, der in den Nerven wühlt.
Ach, es ist süß, so regungslos zu liegen,
Von deiner Küsse lauer Flut bespült.

Und langsam hinter Dickicht und Tann'
Das letzte blasse Licht verrann.

Ein schwarzer Spiegel ... das Wasser stand,
Wir schritten ganz langsam am Uferrand.

Die wilden Enten schrieen im Rohr;
Aus deinem Blick sich die Freude verlor.

Die Worte klangen so tonlos und leer,
Als ob die Liebe gestorben wär'.

Dein Blick ist fremd und kalt dein Kuß –
Es ist an der Zeit, daß ich scheiden muß;
Das Feuer ist ausgegangen!

Lüg' mich nicht an, und sag' nicht »Nein« –
Mir weht ja die Kälte in's Herz hinein;
Wie tot deine Worte klangen. – – –

Es wird schon geh'n! Ein wenig schwer
Ist nur der Anfang! Die Welt ist so leer,
Man weiß nicht recht, was beginnen.

Die Liebe half über vieles hinweg –
Man fand im Leben sogar einen Zweck,
Jetzt heißt es, was Neues ersinnen.

Und hastig schied ich aus der Freunde Kreis;
Die Augen wurden mir so seltsam heiß ...

Durch öde Straßen zog der müde Schritt,
Gedanken zogen ruh'los, ruh'los mit.

Von meiner Stirn der freche Gleichmut schwand;
Die Seele flog nach ihrer Sehnsucht Land.

O, wer noch einmal vor dem dunklen Ende
Den Weg zu dir und deiner Liebe fände!

Ich habe dich geliebt so heiß und schwer,
So liebt man einmal nur – und dann nie mehr.

Verloschene Lampen und Kerzen,
Lautlos starrende Nacht. –
Ich kann nicht schlafen, im Herzen
Ist stachelnde Sehnsucht erwacht.

Ich will zu dir mich schleichen,
Erbrechen dein einsames Haus;
Und ginge mein Weg über Leichen –
Ich hole dich doch heraus.

Noch einmal dich erringen!
Und geh'n wir auch beide zu Grund' –
Ich muß dich niederzwingen
Und küssen den zuckenden Mund.

Nur wenig Tage noch, dann ist's ein Jahr,
Daß ich geküßt ihr goldigbraunes Haar

Und ihrer Wangen lieblich blasses Rot,
Und ihre Lippen, die sie willig bot.

Auf tiefen Thälern lag der Abendschein,
Auf freier Höhe ruhten wir allein.

Ein Windhauch kam vorbei mit scheuem Flug,
Der süße Zukunftsträume mit sich trug.

Kaum, daß ein Wort von unsern Lippen rann;
Nur heiße Küsse sprachen dann und wann ...

Bin zur Kirche hingegangen,
Aufzurichten meinen Mut.
Und mein Herz hat voll Verlangen
Und in kindlichscheuem Bangen
Am Altar geruht.

Weihrauchdämpfe bläulich quollen
Um den hocherhob'nen Gral,
Und die Kirchenchöre schwollen,
Weinend in geheimnisvollen
Lauten um des Gottes Qual.

Wie ein Tier, das oft geschlagen,
Scheu und ängstlich, kroch heran
Jene Sehnsucht ihm zu klagen,
Was er doch nicht mit mir tragen,
Nicht einmal begreifen kann.

Ich hab einen Zettel gefunden,
Mit blasser Tinte darauf:
Erinnerung am Gmunden.
Die alte Zeit zog auf ...

Ein Windhauch hat gefächelt
So mild mein müdes Haupt –
Das Glück hat mir gelächelt,
Weil ich an's Glück geglaubt.

Die grauen Wolken jagen,
Die Felder sind öd' und verschneit,
Ich hab' meine Trauer getragen
Hinaus in die Einsamkeit.

Ich darf es ja keinem sagen,
Daß mir das Herz zerbricht,
Den Wolken nur darf ich es klagen,
Die Wolken verraten mich nicht.

O Glück, das ich besessen,
Das rauh der Sturm vertrieb!
Ich kann dich nicht vergessen,
Ich hab' dich viel zu lieb.

Das Wort wird spät gezimmert,
Ist kalt und fremd ... ein Sarg
für Leben – das geflimmert
Sekunden wild und stark ...

Dein teures Antlitz sieht auf mich hernieder,
Die dunklen Augen grüßen groß und bang,
Als wüßtest du, daß mir das Herz zersprang;
Und meine Lippen stammeln Lieder ... Lieder.

Vergessen ... Vergessen
Ist gar so schwer ...
Wenn nur diese thörichte
Sehnsucht nicht wär' ...

Du warst ein süßes,
Liebreizendes Kind,
Doch andere tausendmal süßer sind ...
Erst gestern hat mein Blick gestreift
Ein üppiges Kind, so schwer gereift.
Sie sah mir so lange,
So fragend nach,
Aus ihren Augen
Ein Leuchten brach ...

Ich will hinaus,
Will suchen geh'n,
Sie soll mir helfen –
Ich will sie seh'n ...
Sie soll mich küssen –
Das Mädchen ist jung –
Sie tötet vielleicht
Erinnerung ...
Besudeln soll sie
Mein thörichtes Leid,
Mit Füßen treten
Die alte Zeit.

Was will denn das jauchzende
Sommerglück; –
Was strömt es immer wieder
Heiß durch alle Glieder
Zur Seele zurück ...

Ich trag' es nicht weiter,
Ich muß wieder heiter
Und fröhlich sein,
Muß das Lied überschrei'n.
Das Lied, das mir die Seele singt
Und das so süß und so schmerzlich klingt,
Das Lied meiner kleinen Braut. –
O Seele, grausame Seele,
Du singst das Lied so laut ...
So laut ...

Erfüllt ist meiner Seele tiefstes Fleh'n,
Ich habe dich ein letztesmal geseh'n.

Ein Schleier sinkt auf meines Lebens Leid,
Die Lippe lächelt – es ist Schlafenszeit.

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