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Geist der Kochkunst

Karl Friedrich von Rumohr: Geist der Kochkunst - Kapitel 39
Quellenangabe
typetractate
authorKarl Friedrich von Rumohr
titleGeist der Kochkunst
publisherInsel Verlag
yearo.J.
firstpub1822
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150621
projectidbdba1b0a
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Drittes Kapitel
Von den Bewegungen und Zuständen des Gemütes, die man vermeiden soll, in sich selbst oder in anderen während des Essens anzuregen oder zu unterhalten

Es gibt Gemütsbewegungen, welche ein übermäßiges Austreten der Galle veranlassen; andere, welche die Nerven reizen und schädliche Zusammenziehungen in den Werkzeugen der Verdauung bewirken; es gibt endlich auch Gemütszustände, welche die Tätigkeit eben dieser Organe lähmen.

Folgende Gemütsbewegungen bringen die voranbezeichnete Wirkung hervor:

Erstlich: das Auffahren. Hierzu wird man gereizt, wenn etwas vorgebracht wird, welches unsere Person, unsere Freunde oder gar unsere Meinungen auf eine unerwartete Weise beleidigt. Wer sich auf die Menschen versteht, wird nicht leicht ohne eine Absicht die Persönlichkeit verletzen; absichtlichen Beleidigungen aber sollte man vorzüglich während der Mahlzeit gänzlich entsagen. Personen, die wenig Weltkenntnis und Bequemlichkeit des Umganges haben, verfallen aber gar leicht in absichtslose Beleidigungen. Der Verständige, der sie übersieht, soll es daher mit ihnen nicht so genau nehmen und sich bemeistern, damit er nicht selbst das Opfer eines nutzlosen Auffahrens werde. Auf der andern Seite ist es leicht, Personen, die etwas dumm sind und den Scharfsinn nicht besitzen, jede Schattierung eines Ausdruckes richtig aufzufassen, auch ohne alle Absicht zu beleidigen. Verständige Kommensalen messen daher ihre Ausdrücke viel strenger ab, wenn sie mit dummen Leuten reden, und hüten sich besonders vor der Ironie, die den Einfältigen meist ganz unverständlich bleibt. Wenn lauter dumme Menschen miteinander speisen, so ist es noch ein Glück, wenn sie auch recht phlegmatischen Temperamentes sind. Wo das Gegenteil stattfindet, wird es nützlich sein, ihnen eine lärmende Tafelmusik zu machen, die ich in allen übrigen Fällen als schädlich und störend verwerfe.

Die Beleidigungen, welche an Freunden verübt werden, pflegen die Menschen meist viel gleichgültiger aufzunehmen als solche, die ihre Person betreffen. Allein man kann hieraus keine Regel abziehen, weil auch in der Freundschaft eine so mannigfaltige Abstufung stattfindet. Es genüge die Bemerkung, daß man besonders sowohl völlig neue als völlig alte oder erprobte Freunde schonen müsse; denn solche, die weder recht neu noch recht abgelegen sind, pflegen uns gleichgültiger zu sein.

Die Beleidigung der Meinungen ist aber eine gar zarte Sache, der man so viel, als immer möglich ist, aus dem Wege gehen muß. Denn es haben die Menschen von ihren Meinungen die allergrößte Meinung; sie halten sie so wert, als ihre eigenen Kinder; ja sie lieben sie nur um so mehr, als sie sich unfähiger fühlen, andere oder neue hervorzubringen.

Unter den Meinungen besteht jedoch dieser Unterschied, daß einige im Laufe des Lebens allmählich in die Seele sich eingeknorpelt haben, während andere in hellen Augenblicken wie Blitze in die Seele gedrungen sind. Den ersten darf man nun und nimmer nicht zu nahe treten; die anderen aber lassen sich noch allenfalls durch Witz und andere leichte Geistesgeschütze wieder herausblitzen und donnern, eben wie sie hineingekommen sind.

Zweitens: der Zorn. Zu diesem wird man durch solche Gespräche gereizt, welche das Auffahren verlängern und unmerklich bis zu einer dauernden Stimmung steigern. Der Zorn also ist nichts anderes als ein verlängertes Auffahren und hat mit diesem denselben Beweggrund. Wenn man daher das Auffahren vermeidet, so geht man auch dem Zorn aus dem Wege. Doch ist es noch Zeit, den Zorn abzuwenden, nachdem das Auffahren stattgefunden hat. Denn gleich wie man bisweilen einer Feuersbrunst vorbeugt, indem man ein Haus niederreißt, so kann man auch das Auffahren bald durch Ruhe und Nachgiebigkeit, bald durch passende Entschuldigungen besänftigen. Alsdann tritt der fürchterliche Zorn nicht weiter ein.

Drittens: der Ärger. Dieser Zustand ist ein unterdrückter Zorn und entspringt wiederum aus denselben Beweggründen als die schon genannten. Es kommt hier nur dieses hinzu, daß der Zornige entweder aus Übermaß des Reizes oder aus Furcht und Scheu seinen Affekt nicht mehr herauslassen kann. Wie die tückische Hyäne das fürchterlichste Raubtier, so ist auch dieser Affekt bei Mahlzeiten der allerungedeihlichste.

Zusammenziehungen des Magens werden durch nachfolgende Gemütszustände bewirkt:

Erstlich: durch die Peinlichkeit. Diese entsteht zunächst aus solchen Gesprächen, in denen kein Teil seine Meinung recht heraussagt. In diesen schädlichen Zustand pflegen zu verfallen: Eheleute, Tisch- und andere Freunde, die gegeneinander ein Mißtrauen, eine Fremdigkeit, eine Verstimmung gefaßt haben, welche zum Ausbruche noch nicht reif ist. In diesem Falle wird man wohltun, einige Zeit vor dem Mahle sich rücksichtslos auszusprechen, und wenn die Mißverständnisse gar nicht zu beseitigen sind, lieber nicht miteinander zu speisen. Ferner entsteht die Peinlichkeit auch wohl daraus, daß man gegen die Kommensalen keine Blöße zeigen will, wie bei Tischgesellschaften sich ereignen kann, deren einzelne Glieder nicht alle gleichmäßig geistreich, gelehrt oder anderweitig ausgebildet sind. Niemand mache daher bei einer Mahlzeit überlegene Kenntnisse und Verdienste geltend und zitiere gar in Sprachen, welche nicht alle Kommensalen hinreichend verstehen. Ich möchte sogar widerraten, seinen Tischfreunden den etwaigen Unterschied des Ranges und Standes auf eine unentschiedene oder halbe Weise fühlbar zu machen, weil auch hieraus, bei übrigens obwaltender Gleichheit der Geistesbildung, ein gewisser Grad von Peinlichkeit entstehen kann. Die gefährlichste Höhe erreicht die Peinlichkeit, wenn Gespräche eingeleitet werden, in denen ein Teil dem andern weder geradezu beipflichten, noch offen widersprechen kann. In dieser Lage kann man z. B. diplomatische Personen versetzen, welche wenigstens bei Kannegießereien gar selten ihre Meinung gerade heraussagen dürfen. Es ist in diesem besonderen Falle ein großes Glück, wenn solche Personen in den schönen Wissenschaften geübt, auch sonst mit einem heiteren, geselligen Witze begabt sind; denn es wird alsdann sowohl ihnen selbst, als anderen sehr leicht werden, schuldlos ergötzliche Gespräche anzuknüpfen und weiter fortzuführen.

Zweitens: durch die Beschämung. Diese wird in einem Tischfreunde hervorgebracht, indem körperliche oder geistige Übelstände und Schwächen, Fehler oder gar Laster, welche zufällig nicht in geselligem Ansehen stehen, an ihm hervorgezogen werden. Anspielungen auf ärgerliche Vorgänge, von denen man im Laufe des Lebens selten ganz rein bleibt, sind gar etwas Schlimmes. Denn wir schämen uns vor den Menschen einer bestimmten Handlung willen ungleich mehr als deshalb, weil uns die Fähigkeit oder Gewohnheit, sie zu begehen, angemutet wird. Leute, die sich sehr viel einbilden oder wenigstens sich über andere sehr viel herausnehmen, dürfen während der Mahlzeit durchaus nicht zu dem Bewußtsein ihrer Leerheit und Nichtigkeit gebracht werden. Wenn es durchaus notwendig ist, so muß man zu den Bußpredigten die Morgenstunden wählen, was sie notwendigerweise sehr beschämen wird, wenn sie anders noch nicht gänzlich verhärtet sind. – Sehr alberne Menschen können auch dadurch beschämt werden, daß man sie eine Überlegenheit des Ranges oder des Reichtums fühlen läßt.

Es ist menschlich, anderen Beschämungen zu ersparen; empfehlenswert, bei Tische gegen alle Scham sich zu verhärten.

Drittens: durch die Unruhe. Diese wird hervorgebracht durch schwankende, abspringende Gspräche; durch ungefähres Durcheinanderreden; durch Gespräche über Dinge, von denen keiner etwas Rechtes versteht; endlich, indem man Leute, die keine Logik besitzen, über einen Gegenstand disputieren hört, sollten sie gleich von demselben einige Kenntnis haben.

Bei einiger Aufmerksamkeit auf sich selbst und bei etwas Gewalt über seine Eitelkeit und Eigenliebe läßt jegliche Veranlassung zur Unruhe während der Tafel sich gar leicht vermeiden.

Viertens: durch die Anstrengung. Diese wird durch Gedanken veranlaßt, die sich nicht anders als mühsam aussprechen und begreifen lassen. Gespräche, die in das Metaphysische oder Mathematische einschlagen, sollten von guten Tafeln auf immer verbannt werden. Freilich haben die Griechen darin ganz anders gedacht; uns aber, die wir nur Deutsche sind, wird es herzlich schwer, selbst über Gegenstände des häuslichen und öffentlichen Lebens uns deutlich und im Zusammenhang auszudrücken.

Gemütszustände, welche die Organe der Verdauung lähmen, sind die nachfolgenden:

Zuerst: die Schläfrigkeit. Diese gefährliche Stimmung wird teils durch eigene Gedankenlosigkeit herbeigeführt, teils und vornehmlich, indem ein und der andere Tischfreund das Gespräch an sich reißt, um unbedeutende Gedanken in einem schleppenden Tone vorzutragen.

Zweitens: die Betäubung; sie ist die Folge eines zu lauten Geräusches oder sinnlosen Durcheinanderredens, heftigen Lachens und ähnlicher Ausschweifungen. Auch die Tafelmusik pflegt zu betäuben und ist daher verwerflich. Schon Shakespeare wirft den Deutschen vor, bei Tische überlaut zu sein. Dieser Vorwurf trifft gegenwärtig mehr die Gastzimmer der deutschen Wirtshäuser oder die bürgerlichen Gelage mancher Landstriche, als das Allgemeine der Nation.

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