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Geheimnisvolle Kräfte

Victor Blüthgen: Geheimnisvolle Kräfte - Kapitel 7
Quellenangabe
typefiction
authorViktor von Blüthgen
titleGeheimnisvolle Kräfte
publisherMitteldeutsche Verlagsgesellschaft m. b. H. Leipzig
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectid0604f384
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VI

Die Gräfin Bensheim bewohnte zusammen mit der Baronin Meiringen eine höchst feudale Beletage in der Tiergartenstraße. Es gab da vier weibliche Dienstboten, einen Diener, außerdem einen Kutscher und Equipage.

Der ganze Apparat kam auf Rechnung der Gräfin, die, kinderlos, über enorme Einkünfte verfügte. Sie hatte nicht viel Not mit der Verwaltung ihres Vermögens, das in Gütern und Bergwerken angelegt war: ihr verstorbener Gatte, der die rührende Hilflosigkeit seiner Frau hinlänglich ausgeprobt hatte, war so vorsichtig gewesen, ihr zuverlässige Kuratoren zu stellen, die ihr die Erträge des Nachlasses wie ihres eigenen Vermögensanteils zu Verfügung bei der Deutschen Bank deponierten: dort war ihre Unterschrift für jede Summe gut.

Sie würde sich schwerlich aus so großem Fuße eingerichtet haben, wäre sie allein geblieben; aus dem einfachen Grunde, weil sie, wenn sie in einem Haushalt wie der angedeutete hätte ohne Beihilfe disponieren sollen, die unglücklichste Frau von der Welt gewesen wäre, so naiv, umständlich, unentschlossen und grenzenlos verwöhnt wie sie durch ihren Gatten war.

Dafür war die Baronin da, eine frühere Gutsnachbarin, deren lebenslustiger, mehr als wünschenswert mit noblen Passionen ausgestatteter Gatte sie in wenig günstiger Lage zurückgelassen hatte, abgerechnet, daß zwei Söhne, die in der Armee dienten, noch fortdauernd an ihrer Kasse zehrten.

Die Gräfin, der sie durch ihre Klugheit und durch ihre praktisch zugreifende Art imponierte, hatte eine schwärmerische Zuneigung für sie und schätzte sich glücklich, nach dem Ableben des Grafen auf den Einfall gekommen zu sein, sie zu gemeinsamem Haushalt an sich zu fesseln. Der Baronin wiederum konnte nichts Angenehmeres kommen, als das Anerbieten der Gräfin. Sie hatte nach dem Verkauf ihres Gutes, das sich nach ihres Mannes Tode als unhaltbar erwies, in einem Berliner Pensionat gelebt, eine Existenz, die weder ihrem Tätigkeitsbedürfnis noch den Ansprüchen an Komfort entsprach, die sie zu stellen sich gewöhnt hatte.

So war sie es denn gewesen, die den Plan für die gemeinsame Lebensführung in der Reichshauptstadt entworfen und der Gräfin mühelos suggeriert hatte – die gemietet, gekauft, engagiert hatte; und sie blieb die einzige Instanz im Haushalt, die für Dispositionen irgend welcher Art in Betracht kam. Die Gräfin stand wie ein großes Kind neben ihr und bewunderte sie, erschreckt, wenn der Zufall einmal eine Entscheidung an sie verwies, und rasch auf die lebenssichere Gefährtin ablenkend.

Die Anforderungen der Herren Söhne an die Mutter bereiteten dieser von nun ab keine Sorgen mehr.

Die beiden Damen verkehrten bei Hofe; auch dies hatte die Baronin, die früher Hofdame gewesen war, vermittelt. Dagegen waren die intimen Beziehungen zu der alten Fürstin von der Gräfin ausgegangen, deren Gatte durch verwandtschaftliche Bande mit der Fürstin verknüpft gewesen. Durch mehr als zehn Jahre war alles in guter Ordnung nach den Wünschen aller Beteiligten verlaufen. Dagegen hatte der letzte Sommer die beruhigte Wage ins Schwanken gebracht.

In Wiesbaden, wo die Gräfin Kur gemacht, hatte sich ihnen ein älterer Kavalier angeschlossen, ein Baron Güldenstubbe, Rittmeister a. D. Er trug das Eiserne Kreuz erster Klasse und eine Schnur voll kleiner Ordensmodelle anderer Art, hatte, wie er gelegentlich andeutete, die großen Kriege mitgemacht; kaum daß er, mit halbem Widerstreben, etwas ausführlicher über die Wagetat Auskunft gab, der er das Eiserne Kreuz verdankte: ein Todesritt, der eine feindliche Batterie zum Schweigen gebracht. Er sprach so wenig wie möglich von sich, seinen Verhältnissen, seiner Vergangenheit. Daß er Ulan gewesen, daß ein Bruder von ihm in Ostpreußen begütert, daß er bald nach den Kriegen zur Gendarmerie übergegangen, aber sich wegen asthmatischer Beschwerden – Folgen der Feldzugsstrapazen – habe verabschieden lassen, all das holte die Baronin aus ihm heraus.

Wovon er lebe, konnte sie ihn nicht gut fragen, aber durch Vermittelung ihrer Söhne erfuhr sie, daß die Angaben des Barons im allgemeiner, stimmten, zugleich, daß er ein flotter Offizier gewesen und daß Geldangelegenheiten mehr als sein Asthma an dem Abschied beteiligt gewesen, den er im übrigen mit allen Ehren erhalten; über sein weiteres Leben fehle jede Kontrolle.

Die Baronin hatte alle Ursache, sich mit der Auskunftnahme über den Rittmeister zu Beeilen, denn so diskret die Huldigungen waren, die er der sicherlich mehrere Jahre älteren Gräfin widmete: daß er sich tatsächlich um deren Gunst bemühte und daß er damit nicht ohne Eindruck auf die weiche, sentimentale Seele der Freundin blieb, konnte ihrem hellen Blick nicht entgehen.

Sie zweifelte keinen Augenblick, daß er über die äußeren Verhältnisse der Gräfin orientiert war.

Ihre angenehme Existenz war plötzlich nicht mehr und nicht weniger als ein Kartenhaus. Daß die Gräfin aus eigenem Entschlusse dem Rittmeister entgegenkam, war nicht zu fürchten; sie war und blieb ein Spielball äußeren Einflusses. Es konnte sich nur darum handeln, ob sie Macht über die Freundin behielt, oder ob es dem Rittmeister gelang, der Stärkere zu werden. Die kluge Frau schwankte, ob sie den Kampf mit ihm aufnehmen, oder seine Verbündete werden und sich auf diesem Wege eine günstige Position für ihre Zukunft sichern sollte.

Sie wählte vorläufig das erstere und hielt sich das zweite in Reserve.

Unglücklicherweise war die Persönlichkeit des Rittmeisters dazu angetan, ihr den Kampf möglichst zu erschweren.

Baron Güldenstubbe war ein Mann, den man gern ansah: eine mittelgroße, kräftige Figur mit vornehm geschnittenem Gesicht, martialischem Schnurrbart, leidlich vollem Haar – beides gefärbt – das Haar bis in den Nacken sauber gescheitelt, und er trug sich stets tadellos elegant. Im Austreten beherrscht, zwanglos sich in den besten Formen bewegend, ruhig und verbindlich, war er zugleich ein ausgiebiger und angenehmer Plauderer. Wenn er überzeugen, zu irgend etwas überreden wollte, entwickelte er die Kunst eines gewiegten Diplomaten, nie aufdringlich, immer das Ziel im Auge.

Er hatte eigentümliche Augen, grau, mit kleinen Pupillen und stechendem Blick. Schlangenaugen – sagte sich die Baronin. »er behandelt die Gräfin wie eine Schlange: er speichelt sie mit Aufmerksamkeiten und Artigkeiten ein, ehe er sie verschlingt.«

Dabei hatte sie selber über Vernachlässigung keineswegs zu klagen; aber es fehlte seinem Benehmen ihr gegenüber ein gewisser Beigeschmack, den er in seinen Verkehr mit der Gräfin mischte und welcher den Beteiligten keinen Zweifel ließ, wen von beiden er auszeichne.

Auf das erste entzückte: »Ist er nicht reizend?« der Gräfin hatte sie gesagt: »Vorsicht, Luise – er hat keine guten Augen, und wenn ein älterer Herr an zwei ältere Damen Anschluß sucht, so hat man ein Recht, zu fragen: wie kommt er dazu? und wer ist er denn?«

Und die Gräfin hatte mit seelenvollen Augen den Kopf von einer Seite auf die andere gelegt: »Aber Babette, wie kannst du nur so sein! So ein älterer Herr kann sich doch auch einsam fühlen.«

Es ist ja kaum möglich, dieser guten Seele Mißtrauen einzuflößen. Und obendrein ergeben weder die Nachforschungen nach ihm noch sein Benehmen zwingend Anlaß zu Mißtrauen.

Sie waren von Wiesbaden noch nach Scheveningen gegangen, wo sie die alte Fürstin wußten, mit der sie korrespondierten, und der Rittmeister war ihnen nicht gefolgt. Aber die Gräfin hatte ihn so mädchenhaft verschämt und mit so butterweicher Stimme eingeladen, sie in Berlin zu besuchen ...

Und wenn die Baronin wirklich ein wenig Hoffnung geschöpft: er war da! Eines Tages lag seine Karte auf dem Silberteller, den der Diener hereintrug, und er kam hinterher, so reserviert höflich und verbindlich wie immer und so rotverwirrt von der Gräfin empfangen ...

Vor vierzehn Tagen. – Und jeden dritten Tag.

Die Fürstin hatte schon von Wiesbaden her Andeutungen erhalten, wie die Sachen standen, ohne darauf zu reagieren. In Scheveningen hatte sie einmal die Baronin drum befragt und diese ihrem Herzen Luft gemacht. Leider ohne die gewünschte Wirkung.

»Wenn der Mann sans repoche ist und die Bensheim noch einmal ihr Herz entdeckt hat, warum nicht? Ich begreife, daß es Ihnen nicht gerade angenehm ist, Baronin, die äußeren Verhältnisse zu wechseln, aber das kann doch nicht in Betracht kommen. Wie wir die gute Bensheim kennen, sorgt sie dafür, daß Sie den Wechsel nicht zu hart empfinden. Reden wir nicht darüber und warten wir ab, wie sich diese Beziehung weiter entwickelt.«

Jetzt auf einmal, eben da sie im Begriff war, sich mit dem Unabweislichen abzufinden, schien es, daß der Baronin von anderer Seite her ganz unerwartet Hilfe kam.

Der Tee gestern hatte bei der Gräfin bedeutsame Eindrücke hinterlassen: der Bericht des Adjutanten über den Abend bei Wellmer ging ihr im Kopf herum.

Schon auf der Heimfahrt war von nichts anderem die Rede gewesen. »Was sagst du bloß zu diesen Dingen, Babette? Denke doch, wenn uns wirklich die Geister unserer Verstorbenen so nahe wären!«

Die Baronin hatte schon den Oberpfarrer Müller und seine Abwehr gegen diesen Aberglauben wieder auf der Zunge gehabt – da war ihr zur rechten Zeit ein glücklicher Einfall gekommen.

Dieser Aberglaube ist vielleicht eine sehr gute Sache, um heiratslustigen Rittmeistern den Weg zu verbauen.

»Was soll man dazu sagen? Wir beide werden die Frage nicht entscheiden können. Aber ich muß eingestehen, daß mich das, was Herr von Schöning erzählte, stutzig macht. Wenn ein so kluger Mensch, wie der Prinz, es angezeigt findet, sich mit dieser Sache zu beschäftigen, tut man gut, abzuwarten, was dabei herauskommt.«

»Aber ich meine ... sagtest du nicht, der Oberpfarrer Müller glaubt, die Geister seien nur Dämonen?«

»Ja – ob er darin recht hat ... es schien mir nicht, daß er sich ernstlich um diese Frage bekümmert hatte. Er sprach wohl nur seine vorgefaßte Meinung als Geistlicher aus. Man hat doch im Leben schon so manchmal gehört, daß Abgeschiedene Zeichen ihrer Nähe von sich gegeben haben sollen.«

Den ganzen Abend über, den die beiden Damen mit Lektüre zubrachten, stöberte man nebenbei diese und jene solche Erinnerung auf. Und die Gräfin machte lange Pausen, wo sie tiefsinnig saß und vor sich hinstarrte, den Kopf herüber und hinüber legte und mit den Augen eine Art wehmütiger Gymnastik trieb.

Einmal sagte sie: »Ist dir's auch so gegangen, wie mir, Babette: wenn ich nach dem Tode meines Edgars in der Kapelle war, so hatte ich immer das Gefühl, als ob er unsichtbar lebendig wäre und bei mir stände. Ich hörte ihn förmlich sprechen und sprach auch zu ihm, und wenn ich fortging, war mir's, als begleite er mich bis zur Kirchhofstür, dort erst sagte er mir adieu. Er war wie eine Nebelgestalt, die ich natürlich nur mit dem Geist wahrnahm.«

»Ja, ähnlich ist mir's auch gegangen. Manchmal, wenn ich recht lebhaft an meinen Mann denke, ist mir's jetzt noch so, als ob er bei mir wäre. Aber nur, wenn ich allein bin.«

»Ach – siehst du!« rief die Gräfin wie triumphierend; und dann beobachtete die Baronin verstohlen, wie die Freundin allmählich wieder in sich versank. Und dann fuhr die plötzlich wieder auf.

»Es heiraten doch so viele Witwen und Witwer zum zweitenmal, und manche noch öfter. Das kann doch kein Unrecht sein; meinst du nicht?«

»Der Oberpfarrer Müller meinte einmal, darüber könnte man anderer Ansicht sein. Eigentlich sei es doch eine Konzession an die menschliche Schwachheit; denn am Altar habe man sich Treue bis in den Tod gelobt, auch bis in den eigenen, und die rechte Liebe schaffe aus zwei Menschen einen, da sei für ein drittes kein Platz.«

Die Gräfin saß mit einer stummen Pause, dann stieß sie einen Seufzer aus. »Ich möchte wohl wissen, wie mein Edgar darüber dächte ...«

In der Nacht war die Baronin mit einem Schreck aufgewacht: die Gräfin stand mit verstörter Miene da, eine Kerze in der Hand, im Schlafrock, das Haar aufgewickelt um das Gesicht, daß es wie von einem Zahnrad eingerahmt erschien.

»Babette, ich bitte dich, komme doch so lange zu mir, bis ich wieder eingeschlafen bin.«

»Was ist dir denn?«

»Ich fürchte mich so. Mir war beim Zubettgehen immer, als ob Edgar bei mir wäre,« versicherte sie kläglich. »Ich habe mich fest eingewickelt und bin ja dann auch eingeschlafen. Nun habe ich aber auch von ihm geträumt: er kam zur Tür herein, in Stulpstiefeln und Reithose, wie er früher aufs Feld ritt, nickte mir zu, hüstelte dreimal stark – du weißt, das war seine Angewohnheit – und setzte sich auf den Bettrand, nickte wieder und sagte: Na, Luise?«

»Weiter nichts?«

»Nein, weiter nichts. Aber dann legte er mir die Hand aufs Gesicht, daß ich dachte, ich müßte ersticken. In der Nacht wachte ich auf.«

»Du wirst unglücklich gelegen haben; aber ich will gern mit hinüber kommen, wenn du dich ängstigst ...«

Die Nachwehen dieser üblen Nacht plagten die Gräfin von frühe ab. Aber sie hatte sich am Nachmittag doch fertig gemacht, um zur Fürstin zu fahren, und die Baronin hatte das Anspannen befohlen.

Diese saß jetzt, für die Fahrt gerüstet, am Fenster. Der Himmel dämmerte bereits stark; das schon ziemlich gelichtete Goldlaub der Tiergartenbäume gegenüber war nur im Laternenschein noch erkennbar, auf der Straße huschten die Lichter der Droschken und Equipagen wie Glühkäfer vorbei.

Eine dieser Equipagen, mit Kutscher und Diener auf dem Bock und einer Dame im Fond, lenkte herüber und hielt vor dem Hause. Der Diener sprang herab, öffnete den Schlag und verschwand, der Ausgestiegenen voraus, in der Gegend der Haustür.

»Luise!« rief die Baronin und wandte sich in das von der Glühlichtkrone erhellte Zimmer, »wenn ich nicht irre, so hält die Equipage der Fürstin vorm Hause und Prinzeß Marie kommt.«

»O Gott,« wehklagte die Gräfin im Nebenzimmer, wo sie mit ihrer Jungfer beschäftigt war, »ich fürchte, das bedeutet nichts Gutes, Babette! Empfang die Durchlaucht, ich bin gleich fertig.«

Es war in der Tat Prinzeß Marie, und die kleine Prinzeß sah so anmutig wie möglich aus in der perlgrauen Toilette mit Goldknöpfchen und dem breiten, perlgrauen Hut, auf dem sich die Straußenfeder krauste. »Großmama mußte heute auf ihren Whist verzichten, ihr Herbstschnupfen ist im Anzuge und sie liegt zu Bett. Sie wissen ja: zwei Tage ist sie dann tot für die Welt und zwei weitere Tage braucht sie bis zu ihrer Auferstehung. Großmama wird sagen lassen, wann sie wieder frisch ist.«

»Durchlaucht bemühen sich selbst – wie liebenswürdig!«

Die Baronin ließ den Wagen abbestellen und geleitete die Prinzeß ins Zimmer, wo diese Mühe hatte, die erschreckte Gräfin zu beruhigen. Da saßen sie nun alle drei, die Hüte auf den Köpfen, die Prinzeß hatte »nur einen Augenblick Zeit,« hatte »noch eine Besorgung zu machen.«

»Unsere Gräfin ist auch gar nicht recht wohl heute,« bemerkte die Baronin. »Sie hat eine recht schlechte Nacht gehabt.«

»O – dann treffe ich's ja besser mit der Absage, als ich gedacht. Was fehlt Ihnen denn? Das wird Großmama ja trösten.«

Die Gräfin machte nur ihre bekannte wehleidige Geste, während die Baronin hinwarf: »Das Gesprächsthema gestern hat sie aufgeregt.«

»Die Geister?« Die Prinzeß sagte das ganz unbefangen, nur der Blick unter den halb gesenkten Lidern hervor verriet mit einem Blitz dabei den Schalk.

»Allerdings,« hauchte die Gräfin mit gespitztem Munde. »Wenn man Witwe ist und einen Mann betrauert, Durchlaucht ... ich habe ein so weiches Gemüt und meine Phantasie ist so erregbar.«

»Hm – und ich meine, Sie deuteten gestern etwas an, als ob Sie die Absicht hätten, sich wieder zu verheiraten ...«

»Um Gottes willen, nein, Durchlaucht, Absicht nicht, das wäre zu viel gesagt. Höchstens eine Möglichkeit. In meinen Jahren ist das doch ein sehr schwerer Entschluß.

»Ach so – das kann ich mir denken,« sagte die Prinzeß unschuldig. »Aber was hat der selige Graf damit zu tun? Der kann doch unmöglich etwas dagegen einzuwenden haben.«

»Durchlaucht meinen?« rief die Gräfin sichtlich erleichtert. »Sie glauben nicht, wie mich die Vorstellung davon quält.«

»Die Möglichkeit ist doch wohl nicht so ohne weiteres von der Hand zu weisen. Vorausgesetzt, daß die Geister unserer Verstorbenen uns wirklich so nahe stehen, wie man es nach dem, was Herr von Schöning erzählte, annehmen müßte,« fügte die Baronin hart hinzu.

»Ach –« dehnte Prinzeß Marie. »Aber das Heiraten ist doch für das Jenseits ein überwundener Standpunkt? es heißt ja: da gibt's kein Freien und Sichfreienlassen. Danach ist doch das Heiraten eine ganz irdische Sache, der ein Geist gar keinen Wert mehr beilegt.«

»Wie überzeugend Sie das auseinandersetzen, Durchlaucht! Sie können mir nachfühlen, wie mich das beruhigt. Ist das nicht geistreich, Babette?«

Die Baronin wand sich. »Ich weiß nicht – geistreich bemerkt, gewiß; aber ich kann mir doch recht gut denken, daß ein Geist seine Gründe haben kann – Gefühlsgründe oder andere – um eine zweite Heirat des hinterlassenen Teils zu mißbilligen. Wenn ein Mann als Geist noch unsichtbar mit seiner überlebenden Frau verbunden bleibt, wird's ihm wohl nicht gleichgültig sein, wenn die einen anderen liebt.«

»War denn Ihr Gatte ein Othello?« fragte die Prinzeß die Gräfin.

»Ach nein, er war eigentlich ein so guter Mann.«

Prinzeß Marie erhob sich. »Ich muß leider fort. Wenn Onkel Georg erst intimere Verbindung mit der Geisterwelt gewonnen haben wird, eröffnet sich vielleicht die Aussicht, bei Ihrem Gatten anzufragen oder ihn persönlich zu bemühen. Herr von Schöning hat für Onkel ein paar Bücher besorgt; er hat zwar erst flüchtig hineingesehen, aber nach dem, was er davon erzählt, dürfen wir zuversichtlich hoffen. Es ist garnicht so schwer, mit den Geistern anzuknüpfen, wie ich selber schon mit Lida Meerheimb ausprobiert habe –«

»O bitte, wie denn?«

»Mit Händeauflegen auf ein Tischchen, so wie es Herr von Schöning gestern schilderte.«

»Und da sprach ein Geist mit Ihnen?«

»Ja. Er nannte sich Bählamm und war fünfhundert Jahr tot. Er hatte keinen Vater, nur eine Mutter, die als Hexe verbrannt worden ist, und er selber hat als Spitzbube am Galgen geendigt. Das nächste Mal will er Schiller und Goethe und Napoleon mitbringen.«

»Ach, wie interessant!« rief die Gräfin mit einem Tonfall, der klang, als ob sie weinte, und legte die Hände zusammen. Die Baronin hingegen warf der kleinen Prinzeß einen mißtrauischen Blick zu, lächelte sauersüß und meinte:

»Aber Luise, Durchlaucht scherzt ja doch nur.«

»Scherzen? Ich bitte, nein ...«

Es hatte draußen geschellt, der Diener meldete: »Herr Baron von Güldenstubbe.«

»Ach, der Herr Rittmeister – Durchlaucht erlauben ... wir lassen bitten ...«

»Ich will nicht länger stören –«

»Vielleicht gönnen Durchlaucht dem Herrn den Vorzug ...«

Die Prinzeß ging nicht. Ein Blick auf das gerötete Gesicht der Gräfin und ein gewisses verlegenes Wiegen mit den Armen ließ sie ahnen.

Der Rittmeister trat gebückt durch die Portiere, im tadellos modernen Gesellschaftsanzug mit einer Gemessenheit in der Bewegung, die mit nichts andeutete, daß er hier als Hausfreund betrachtet wurde.

»Allergnädigste Frau ...« Er küßte der Gräfin die Hand, der Baronin auch. – Die Gräfin stellte ihn der Prinzeß vor, die etwas hochmütig das Köpfchen neigte und dabei geschickt mit einem langen verstohlenen Blick seine ganze Erscheinung einsog.

»Wir haben den Herrn Baron in Wiesbaden kennen gelernt –«

»Und ich habe das Glück, diese Bekanntschaft in Berlin fortsetzen zu dürfen, Durchlaucht ... Mein Weg führte mich soeben vorüber; ich wagte kaum zu hoffen, gnädigste Gräfin, wollte es aber doch auf die erleuchtete Etage hin versuchen – me voilà

»Bitte noch einen Augenblick Platz zu nehmen ... Sie erinnern sich, Herr Baron, ich erzählte Ihnen von Durchlaucht Prinzeß Marie ...«

»Sie sind Berliner, Herr Baron?« fragte die Prinzeß, sich noch einmal setzend. Dabei zuckte es verräterisch um ihren Mund.

»Ich hoffe es zu bleiben, Durchlaucht,« sagte er mit höflicher Neigung und seine Augen mit dem seltsam starren, harten Blick begegneten den ihrigen.

»Ach ja – es gibt Berlin und noch etwas! Und doch kann man sich in diesem großen Berlin einsam fühlen, wie zum Beispiel die liebe Frau Gräfin hier. Wenn Sie Zeit haben – Sie sind doch nicht mehr aktiv?«

»Durchlaucht mutmaßen ganz richtig.«

»Dann tun Sie wirklich ein gutes Werk, wenn Sie sich ihrer etwas annehmen. Sie sind doch auch der Meinung, daß ein verstorbener Mann im Jenseits sich nicht darüber alteriert, wenn seine Frau wieder heiratet?«

»Pardon – ich bin mit dem Jenseits nicht genügend vertraut – aber –«

»Denken Sie nur, Baron,« fiel die Gräfin geräuschvoll ein, der die Prinzeß doch anfing unheimlich zu werden, »wir sind ja im Begriff, unter die Spiritisten zu gehen! Was sagen Sie dazu? Seine Hoheit der Prinz Georg hat den Anfang damit gemacht.«

»Ja, er ist sozusagen der Leithammel,« sagte Prinzeß Marie ernsthaft.

Um die Lippen des Rittmeisters flog ein Lächeln, und er zog die Achseln hoch. »Ich muß bekennen, daß ich bisher versäumt habe, mich in dieser Sache genauer zu informieren – habe mich wohl mal gelegentlich mit Hypnotisieren beschäftigt – Gedankenlesen und dergleichen Scherze ...«

»Ach, nicht möglich!« rief die Gräfin. »Können Sie das wirklich? Meine Gedanken lesen?« schloß sie schüchtern.

»Pardon, so ist das nicht gemeint –«

Prinzeß Marie erhob sich plötzlich. »Mein Wagen wartet schon zu lange. Leben Sie wohl, teuerste Gräfin – liebe Frau Baronin ... Herr Rittmeister ...«

Eine schwache Verneigung, und fort war sie.

Draußen stand der Lakai und öffnete die Türen – den Wagenschlag: die Pferde zogen an.

Zehn Minuten darauf flog sie aufgeregt, in lachendem Übermut bei Meerheimbs in das Zimmer der Komteß Lida und rief, beide Arme ausbreitend: »Svengali – Svengali! Ich habe Svengali gesehen und gesprochen ...«

»Du bist nicht klug, Marie, was heißt das?« sagte die, unwillkürlich mitlachend.

»Den Liebhaber der Gräfin ... der Bensheim ... Sie ist ja verloren, sie heiratet ihn: höre doch bloß an ...«

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