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Geheimnisvolle Kräfte

Victor Blüthgen: Geheimnisvolle Kräfte - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
authorViktor von Blüthgen
titleGeheimnisvolle Kräfte
publisherMitteldeutsche Verlagsgesellschaft m. b. H. Leipzig
yearo.J.
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20140508
projectid0604f384
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V

Der Maler Könneke war ein in Künstlerkreisen wohlbekanntes und wohlgelittenes Original. Sein Vater war ein geschickter Zimmermaler gewesen, der in der Periode des ersten großen Bauaufschwunges in Berlin gute Geschäfte gemacht und seinen ältesten Sohn auf die Kunstschule geschickt hatte, um sich für den nämlichen Beruf und für die Übernahme des Geschäftes vorzubereiten. Allein dem Sohne fehlte der Sinn für stetige Arbeit, und seine Professoren fanden, daß seine malerische Begabung ihn auf ein höheres Ziel hinweise.

Der Vater war nicht ohne jenen Ehrgeiz, der den Dorflehrer wünschen läßt, daß sein Sohn Pfarrer, den Heilgehilfen, daß sein Sohn Doktor, und den Aktuar, daß sein Sohn Jurist werden möchte. Könneke kam auf die Akademie und spielte mit seinem Witz, seinen grotesken Streichen, seiner göttlichen Faulheit und dem Nimbus von Genie, den er, wenn er wirklich arbeitete, in der Tat rechtfertigte, unter den jungen Akademikern eine Rolle.

Da starb sein Vater und er erbte. Dies wurde ihm verhängnisvoll. Er kaufte sich in dem im Entstehen begriffenen Lichterfelde eine der auf Spekulation gebauten Villen, in der sich ein Aufbau gut zum Atelier herrichten ließ, mit so viel Hypothekenlast, wie irgend zu erreichen war, und amüsierte sich und andere.

Er beschäftigte sich damit, die wunderlichsten Feste zu ersinnen und vorzubereiten, zu denen er seine zahlreichen Freunde einlud: wenn man heute ihn jemandem zeigte, so pflegte man gleich dahinter von dem großen Ausgrabungsfest anläßlich der Anwesenheit Schliemanns in Berlin zu erzählen, das er gegeben und wobei außer anderen höchst merkwürdigen Funden aus der Wendenzeit ein sargartiges Holzbehältnis mit einem lebendigen Wenden darin ausgegraben worden war, für welche Überraschung er einen berüchtigten Saufbruder der Gegend gegen Erlegung von drei Mark gewonnen.

Dies waren nun freilich tempi passati. Nach ein paar Jahren war er mit seinen Barmitteln fertig. Sein Bruder, der statt seiner das väterliche Geschäft übernommen, ließ sich bewegen, ihm noch eine Weile zu helfen, während welcher er zu arbeiten begann, und nicht ganz ohne Glück. Er malte mit Vorliebe Bildchen, auf denen Faune und Nymphen ihr Wesen trieben, mit guter Zeichnung und frechen modernen Farbenkontrasten: man hieß ihn den Faunen-Könneke. Glückte ein Bild, so malte er es ein halbes Dutzend mal.

Bald genug bekam man das überdrüssig.

Eines Tages heiratete er Knall und Fall sein Modell. Der Bruder – mehr noch dessen Frau – war wütend darüber und zog sich erklärtermaßen von ihm zurück.

Damit war sein Vermögensverfall besiegelt. Er gab die Villa und die Feste notgedrungen auf und endigte in dem Gärtnerhäuschen bei Westend.

Seine Leichtblütigkeit und sein Humor bekamen einen kleinen Stich ins Säuerliche; im übrigen blieben sie ihm treu.

Auch seine natürliche Faulheit.

Es haperte mit den Modellen; Laura wurde naturgemäß für diesen Beruf untauglich. Ein paar Zeichnungen, für die er seine Sprößlinge nutzbar zu machen auf den guten Einfall kam, gab einem Verleger Anlaß, ihn in dieser Richtung zu beschäftigen; andere folgten nach.

Er schloß nie ohne Vorschuß ab. Solange dieser reichte, tat er nichts. Und auch dann versuchte er erst, sich durch einen anderweiten Abschluß aus der Klemme zu helfen, und gewöhnlich nicht früher, als wenn Lauras Kredit in der Nachbarschaft erschöpft war.

Hatte er Geld in der Hand, so schwamm er obenauf wie ein Korkstöpsel.

Man mochte ihn in der Nachbarschaft gern; er amüsierte die Leute und imponierte ihnen zugleich. Frau Laura, die ihre schwierige Lage mit stiller Resignation trug, profitierte davon: sie fand reichlich Teilnahme und Unterstützung, besonders auf seiten ihrer Wirtin. So würgte sich die Familie einigermaßen erträglich durch, nur selten, daß man wirklich am Hungertuche nagte, und dann hatte es noch immer rechtzeitig eine Wendung gegeben, die vor dem Schlimmsten bewahrte.

Am Morgen nach der durch das Feuerwerk verherrlichten nächtlichen Heimkehr hatte Könneke »mal ausgeschlafen,« wie er sagte, das heißt, er war erst gegen zehn Uhr dem Bett entstiegen. Seine Nerven waren so gute, daß er es kaum gehört hatte, wie die beiden ältesten Kinder für die Schule fertig gemacht worden waren, wie Frau Laura dann die übrigen nacheinander aus dem Schlafzimmer entfernt hatte.

Jetzt saß er beim Kaffee, in einem alten verschossenen Sammetjackett, ein Fez auf dem Kopfe, und schlürfte seinen »Mokka,« den Laura nach seiner Anweisung besonders stark hatte aufbrühen müssen. Die hatte das Jüngste auf dem Schoß und mußte so mit am Tische sitzen; das Kind spielte mit seiner Knarre, die es alle Augenblicke fallen ließ und welche die Mutter mit immer gleicher Geduld wieder aufhob. Diese beiden, ebenso wie die ganze Umgebung, machten wenigstens einen sauberen Eindruck, und in Miene und Haltung der Frau prägte sich ein bescheidenes aber gesichertes Selbstgefühl aus, wie sie sichs als Malersfrau im Hinblick auf ihre Vergangenheit zu leisten berechtigt war.

»Wieviel hast du denn eigentlich gestern von dem Verleger bekommen?« fragte sie. »Wir müssen doch mal ein bißchen überlegen, wie wir Wirtschaft machen.«

Der Maler schlürfte behaglich, dann sagte er: »Keinen Größenwahn, Laura! Notiere dir gefälligst, welche Manichäer nicht mehr zu bändigen sind, mit ihnen werden wir nach Maßgabe der Verhältnisse Abrechnung halten. Im übrigen ist es an der Zeit, daß wir wieder einmal standesgemäß leben; ich werde dir den Küchenzettel für die nächsten acht Tage machen ...«

»Aber ich will diesmal wenigstens einen Notpfennig für mich haben. Was ich damit mache, brauchst du nicht zu wissen. Ich will bloß nicht wieder in so eine Lage kommen, wie gestern, daß die Kinder halb verhungern. Wenn einem mit fünf hungrigen Kindern die Verzweiflung kommt, da kriegt man zu gottlose Gedanken.«

»Unglückliche,« sagte er gewichtig, während seine Augen ein wenig unsicher blinzelten, »versündige dich nicht; die Frau von Karl Könneke braucht nicht zu verzweifeln, hast du das immer noch nicht zur Genüge erfahren? Aber gut – um deiner Schwachheit willen, die ich dir auf Veranlassung von Shakespeare zugute halte, da du doch ein Weib bist ...«

Er griff in seine Hosentasche, zog ein offenbar neues, juchtenduftiges Portemonnaie heraus und entnahm diesem, vorsichtig unter der Tischplatte einen Fünfzigerschein, den er ihr mit einer schwungvollen Bewegung überreichte.

»Du bist eine treue Seele und hast meine volle Achtung. Zum Trost will ich dir auch noch sagen: ich habe wieder einen Auftrag. Nun widersprich aber nicht, wenn ich darauf bestehe, daß wir jetzt ein paar Tage Vollmond machen. Du bist eine Künstlersgattin und Künstler haben Genußnerven. Eine Zeitlang darben und dann mal ordentlich genießen! Wie ich dir so oft schon gepredigt habe. Nur kein anständiges Mittelgut; das ist in der Kunst das Allerverwerflichste.«

»Jawohl, aber da darf man keine Kinder haben. Die fragen viel nach der Kunst. Die wollen essen; und außerdem brauchen wir bald Wintersachen, wir sind ganz abgerissen.«

»Hm,« sagte Könneke und runzelte die Stirn. »Eure Blöße muß ich decken, das versteht sich. Ich könnte dir vorschlagen: nimm eine Annonce der Goldenen Hundertzehn und wickelt euch in die zehntausend Winterpaletots darauf, aber ich sehe ein, daß hier mit schlechten Witzen nichts getan ist, also mache dir mal einen Überschlag: Hermelin und Zobel ausgeschlossen, will ich meine Familie anständig gekleidet sehen.«

Er machte sich über den Rest belegter Brötchen, die er vor sich stehen hatte.

»Was ist denn das für ein neuer Auftrag?«

»Nichts mehr von Geschäften jetzt, Laura. Die nächsten acht Tage gehören der freien Kunst. Der Baurat hatte gestern Abend recht: die Welt darf wieder eine künstlerische Tat von mir erwarten, ich werde malen. Heute früh, als du unsere Erstgeborenen auswickeltest, kam mir im Halbdusel ein Genieblitz. Ich werde ein Bild malen, betitelt: Die gelbe Stunde. Edithchen und Fritzchen im Garten, unterm Apfelbaum – angewandter Akt, ohne störende Bekleidung.«

»Gott, die Würmer werden sich auf dem zugigen Boden in den Tod erkälten.«

»Das ist ein Gemeinplatz, Angetraute. Höchstens werden sie sich einen Schnupfen holen und ich würde das in Anbetracht dessen, daß sie damit zu ihrem Lebensunterhalt beitragen helfen, nicht unbillig finden. Sie können sich aber, sobald sie frieren, in ein paar Pferdedecken wickeln.«

Sie seufzte. Könneke stand auf, nickte, Fratzen schneidend, seinem Jüngsten zu und griff zu einem Stückchen Schlackwurst, das er dem Wurm in den vor Vergnügen geöffneten Mund schob. »O, o,« sagte er dann, als es unverzüglich wieder ausgespuckt wurde, in die von der Mutter rasch vorgehaltene Hand.

»Du bist wie verdreht, Vater. Was war denn das gestern Abend für ein Unsinn mit den Geistern? Wo wir alle so müde waren!«

Könneke schoß, ohne ein Wort zu erwidern, zu einem Kleiderständer hin, an den er gestern seinen Havelock gehängt hatte, und zog zwei schmächtige Broschüren aus der Brusttasche desselben, eine mit blauem, eine mit giftig rotem Umschlag.

»Die Sache werden wir mal gründlich anfassen,« sagte er. »Wenn du, wie ich vermute, dich zum Medium eignest, so werde ich für deine Ausbildung sorgen. Du wirst das erste deutsche Materialisationsmedium werden.«

»Was ist denn das? Und was habe ich denn davon? Ich habe für solchen Unsinn keine Zeit.«

Könneke stellte sich breitbeinig vor sie hin, sperrte seine Quellaugen auf und sah sie durchbohrend an.

»Eine Goldgrube wirst du; weißt du, was sie blechen werden, wenn du eine Vorstellung gibst? Zwanzig Mark jeder.«

»Ach, das ist ja wieder einer von deinen Witzen. Und das sage ich dir: wenn ich etwa in einer Bälde auf den Jahrmärkten gezeigt werden soll, dafür danke ich, da will ich lieber Mäntel nähen.«

»Witz? Gar kein Witz. Und daß Karl Könneke nicht auf Jahrmärkten herumzieht, darüber brauche ich wohl kein Wort zu verlieren. Kaiser und Könige, die Leuchten der Wissenschaft werden kommen, um das berühmte Medium Laura Könneke und seine Geister zu sehen. Du wirst nämlich eine Art Dunst entwickeln, aus dem die Geister sich nicht nur Körper, sondern ganze Anzüge fabrizieren und auf diese Weise sichtbar werden.«

Frau Laura lachte verlegen. Dann sagte sie geärgert: »Du hältst mich aber auch für zu dumm.«

»Nein, nein. Laurachen. Ich bin zwar meiner Sache noch nicht ganz sicher; erstens, ob du überhaupt genügend medial veranlagt bist, wiewohl du mir den Eindruck machst – du hast so einen gewissen tranigen Blick und bist leicht einzuschläfern, wir werden das untersuchen; zweitens, ob diese Brüder, diese Spiritisten nicht doch schwindeln. Wir gehen auf alle Fälle zuerst einmal in die Mulacksgasse, wo die Geister nur so wimmeln sollen.«

»Ach Unsinn, das ist mir zu graulich. Geh nur lieber allein hin und laß mich bei den Kindern.«

Das Kind war unruhig, strampelte und fing an zu wimmern.

»Widersetze dich nicht, Laura. Es ist meine Pflicht, zu sorgen, daß du mit den Kindern gut auskommst, wenn mir etwas Menschliches passieren sollte. Ich kann krank werden – ich kann« (hier sah er sie mit starrem Blick an) »überfahren werden – wenn du ein Materialisationsmedium wärst, so könntest du darauf pfeifen und ich könnte wenigstens meinen Sprößlingen noch erscheinen und ihnen Erziehungsmaßregeln und gute Ratschläge nach Bedarf angedeihen lassen ...«

Hier fing das Kleine zu brüllen an, worauf Laura es mit begütigenden Mutterlauten auf den Arm nahm und sich erhob, während Könneke sich beeilte, die Tür zu gewinnen.

Er stieg die Treppe hinab, in den Garten, höchst ernsthaft. In dem Mann mischten sich Ernst und Humor auf eine so burleske Art, daß er niemals weder zu reinem Ernst noch zu reinem Humor kam, eine glückliche Anlage, um auf alle Fälle Herr der Situation zu bleiben.

Als er durch den Hof ging, die Hände in die Taschen des Sammetjacketts vergraben, begann er vor sich hinzupfeifen. Er nickte der Gärtnersfrau zu, die am Brunnen Kohlköpfe abspülte.

»Morgen, Herr Könneke,« rief sie. »Na, die Nacht haben Sie uns ja alle rebellisch gemacht.«

»Es hat Ihnen doch nicht ernstlich geschadet, Frau Schotte?« fragte er nähergehend mit heuchlerischer Besorgnis. »Ich habe ein bißchen Viktoria geschossen, hatte ein gutes Geschäft gemacht.«

»Das war aber auch Zeit. Nee, Herr Könneke, alles was recht ist, aber so müssen Sie Ihre Frau nicht sitzen lassen, nehmen Sie mir das nicht übel. Ich wollte ihr und den Kindern was zu essen geben, sie nahms aber nicht, weil Sie gleich kommen müßten. Nu muß es aber doch sehr spät geworden sein.«

»Sie haben so recht,« sagte der Maler zerknirscht. »Wissen Sie was, Frau Schotte: ich werde mir doch lieber einen Vorrat von gelben Rüben halten: dabei braucht einer wenigstens nicht zu hungern, meinen Sie nicht?«

»Ach, was, Sie sollten lieber rechtzeitig dazu tun, daß Sie das nicht nötig haben.«

»Sie sind unser guter Engel,« versicherte er mit gerührter Stimme. »Wahrhaftig, es ist mein Ernst. Erstens will ich mich bessern, zweitens möchte ich Sie umarmen –«

»Nee, das lassen Sie nur lieber,« wehrte sie rasch, ihm die nasse Hand entgegenstreckend. »Sie sind ein Eulenspiegel und bleiben einer. Aber Ihre Frau war gestern so verzweifelt, daß ich zu meinem Mann sagte: Die ist imstande und tut sich noch mal was an.«

»Ja, ihr Vertrauen zu mir muß noch wachsen. Apropos: ist Ihr Mann im Garten?«

»Jawohl.«

»Dann will ich ihm mal eine Visite abstatten.«

Er schlenderte durch den Zaun. Nahe dem Zaun saß unter Fliederbüschen, die zum Teil schon die Blätter hatten fallen lassen, eine graue Katze und äugte nach Spatzen, die sich im Flieder balgten. Er bückte sich plötzlich und hob die Katze am Schwanze hoch. Sie hing hilflos, krallte nach ihm und zeigte leise fauchend das Gebiß. Ein dicker Kater.

»Unglücklicher,« sagte er und hob drohend einen Zeigefinger, »bist du schon wieder auf dem Wege des Lasters? Wie oft habe ich dir auseinandergesetzt, daß Morden eine unmoralische Beschäftigung ist und daß du noch am Galgen endigen wirst. Ist das der Erfolg? Du wirst natürlich wieder behaupten, daß dirs bloß um sinnige Naturbetrachtung zu tun ist. Ich kenne deine schwarze Seele! Hast du mir nicht erst vor ein paar Tagen Besserung gelobt?«

»Miau,« machte die Katze und schlenkerte sich gewaltsam hin und her.

»Siehst du wohl? Nun, wir sind allzumal Sünder und der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert. Aber wir wollen uns jetzt ernstlich vornehmen, den alten Adam auszuziehen. Wollen wir?«

»Miau,« machte die Katze.

»Schön,« damit schlenkerte er das Tier seitlich auf den Rasen hinüber und schritt, ohne sich weiter um dasselbe zu bekümmern, gegen das Gewächshaus zu, wo ein älterer untersetzter Mann von gutmütigem Aussehen Blumen umtopfte.

»Morgen, Herr Schotte,« nickte er. »Sind Sie gerade einnehmend gestimmt? Ich bin, wenn ich mich recht erinnere, noch mit dem letzten Mietsquartal im Rückstande.«

»Na, wenn Sies gerade da haben ...«

»Ob!« sagte Könneke selbstgefällig. »Habe mal wieder die Kunst gemolken. Sie gibt aus, sage ich Ihnen! Sie ist bloß ein bißchen schwer dazu zu kriegen, daß sie still hält.« Und er zog sein neues Portemonnaie, zählte ab und drückte dem Gärtner das Geld gönnerhaft in die Hand.

»Sie haben wohl gestern Abend ein bißchen blau gemacht?«

»Wo denken Sie hin! Sagen Sie mal, Herr Schotte, glauben Sie an Geister?«

»Sie meinen wohl Gespenster? So was man Spuk nennt? Eigentlich nicht, Herr Könneke. Wie kommen Sie denn darauf?«

»Gibts, Herr Schotte, verlassen Sie sich darauf. Ich habe gestern die Bekanntschaft von einem gemacht, der einen Tisch bei den Beinen hob.«

»Sie waren wohl bei den Spiritisten?«

»Allerdings.«

Der Gärtner schmunzelte und sah den Maler von der Seite an, als traute er ihm nicht recht. »Na, das ist doch rechter Mumpitz?«

»Haben Sie eine Ahnung! Bis gestern abend war ich freilich auch Ihrer Meinung.«

Der Gärtner sah nachdenklich vor sich hin, prüfte dann wieder die Miene des Malers auf ihren Ernst und sagte endlich vertraulich: »Was Sympathie ist, daran glaube ich. Ich hatte mal eine Kuh, die auf einmal rote Milch gab, und fragte eine Muhme von mir, die in Charlottenburg wohnte und was von Sympathie verstand. Hast du 'nen Feind? fragte sie mich. Mir fiel gleich ein Kerl ein, der mit mir prozessiert hatte und der nichts taugte. Dann versuchs mal, meinte sie, und leg 'nen roten Wollfaden quer vor seine Tür: wenn er drüber geht und die rote Milch hört dann auf, da ist ers gewesen. Und was soll ich sagen: es hat geholfen. Es gibt zu schlechte Menschen, Herr Könneke.«

»Ganz meine Meinung.«

»Und dann Ahnungen und so was ... hören Sie mal, wenn Sie sich nicht fürchten, dann gehen Sie doch in die Potsdamerstraße, in eins von den zwei Spukhäusern.«

Der Maler war plötzlich sehr aufmerksam. »Was – zwei Spukhäuser?«

»Jawohl. Da will keiner drin wohnen. Bei dem einen ist eine Gärtnerei, die hat mein Kollege Lehmler, der wohnt im Souterrain; in dem Hause oben hält's ja keiner aus.«

»Was Sie sagen! Den Lehmler kennen Sie?«

»Sehr gut; wir haben zusammen gelernt.«

Könneke spreizte die Beine, zog seinen Froschmund zusammen, hob die Brauen und pustete aus vollen Backen. »Das ist ja ungeheuer. Wenn Sie wieder in die Stadt fahren, in die Gegend, wissen Sie, da nehmen Sie mich doch mit und stellen Sie mich dem Lehmler vor.«

»Da kommen Sie nur mit in die Markthalle am Magdeburger Platz, dort hat Lehmler auch seinen Stand. Er ist wohl nicht immer da – na, dann bringe ich Sie zu ihm.« »Abgemacht – Donner und Doria –«

In diesem Augenblick brach die volle Herbstsonne mit einer Flut orangegelben Lichtes durch eine Lücke in dem schwer ziehenden, sich auflockernden Gewölk. Der Maler sah sich um, und sein Blick haftete auf einer Gruppe nahe zusammenstehender Obstbäume, deren gelbes Laub grell aufglühte.

»Famos,« sagte er, während seine Augen sich vergrößerten. »Die gelbe Stunde, die gelbe Stunde – auf, in den Kampf, Torero ... ich werde mal wieder ein Bild malen, Herr Schotte.«

»Na, das tun Sie man.«

Und Könneke stiefelte seitwärts, vertiefte sich in den Anblick der sonnigen Landschaft, die Namen von ein paar Farben zwischen den Lippen murmelnd, und ging dann mit weiten Schritten dem Hause zu, die Treppe hinauf, an seiner Wohnung vorüber bis auf den Hausboden.

Ein altes Gewächshausfenster war da auf der Nordseite in das Dach eingelassen. Dort stand eine Staffelei: gegen die Dachlatten lehnten Blendrahmen verschiedener Größe, teils die Kehrseite, teils angefangene Malerei sehen lassend; ein offener Farbenkasten, Paletten, Lappen, Malstöcke lagen umher. Alles war total verstaubt.

Könneke ergriff, indem er dabei durch die Zähne pfiff, einen Lappen, stäubte ihn geräuschvoll aus und säuberte die Staffelei, worauf er einen leeren Blendrahmen hervorsuchte und auf die Staffelei stellte. Dann hob er ein Stück Zeichenkohle auf, spitzte es, schlug drei Kreuze über dem Rahmen und murmelte: »Dreimal unter den Tisch geklopft und dreimal ausgespuckt.«

Darauf setzte er an und zog den ersten Strich.

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